Vom Predigen. Widersprüche zu #abkanzeln

von Niklas Schleicher

 

Wir haben vor zehn Jahren erfolgreich die Idole getötet
Und jetzt hängen wir im Zuckerbergwerk, labern nur Blödsinn
Und ich weiß ihr wollt ’ne Hymne und ’ne provokante Botschaft
Doch ich stolper‘ zwischen Prediger und kollektiver Ohnmacht
Scheiß auf Jugendrebellion, ich hab‘ die Faxen dick
(Disko Degenhardt: „Der Druck bleibt“)

 

cara

Heute predige ich darüber, dass man es nicht verhindern kann, Fehler zu machen, aber dass man bei allem versuchen kann, Mensch zu bleiben, denn das ist immer gut. (@PastoraCara)

Ich bin nicht der richtige für den Widerspruch zum Artikel von Hanna Jacobs (https://www.zeit.de/2018/44/religioese-reden-predigt-abschaffung-sermon-kanzel). Ich habe weder Erfahrungen im Vikariat oder im Pfarramt, noch bin ich Praktischer Theologe, der sich berufsmäßig mit der Geschichte und der Praxis protestantischer Predigt beschäftigt. Meine gehaltenen Predigten lassen sich bequem an zwei Händen abzählen. Und ja, auch ich rege mich mehr über Predigten (oder Predigtideen) auf, als dass ich diese gut finde. Also: Ich bin nicht der richtige für den Widerspruch. Es wird widersprochen und widersprochen werden: @FrauAuge hat in einem Tweet-Thread differenziert darauf hingewiesen, dass man mehr Freiräume für gute Predigten braucht. Der Blog „Homilia“ hat geantwortet und die richtigen Anliegen aufgenommen. Und die niedersächsische Landessuperintendentin Petra Bahr wird diese Woche bei „Christ und Welt“ respondieren. Alles berufenere Menschen, die sich gewählter ausdrücken und differenzierter argumentieren.

Ich sollte nicht widersprechen: Selbst hier bei NThK gibt es bessere: Claudia Kühner-Graßmann ist praktische Theologin und kann sehr differenziert die Praxis religiöser Rede reflektieren. Tobias Jammerthal ist Vikar und verfügt außerdem über breites geschichtliches Wissen. Die stilistische Schärfe von Tobias Graßmann erreiche ich kaum. Und lustiger wäre der Widerspruch sicherlich, wenn ihn Julian Scharpf verfassen würde.

buiting

Heute Nacht geträumt: Priester steigt von der Kanzel und fragt anstelle einer Predigt: “ Mal ehrlich: Wie geht’s euch, Leute?“ Und dann wird erzählt. Und zugehört. Und geweint. Und umarmt. Und die Kirchentür ist geöffnet dabei. Himmelweit. Ist mein Traum irgendwo Wirklichkeit? (@HannaBuiting)

Andere müssten widersprechen. Und warum überhaupt: Folgt Hanna Jacobs nicht ganz präzise einem Trend? Hat sie in ihrer Deskription recht? Ich meine, man muss nur auf den Powertweet einer anderen Hanna, Hanna Buiting, schauen: Runter von der Kanzel und zuhören, dass ist doch das, was die Menschen brauchen. Und dann: Trage ich hier wieder persönliche Aversionen ein? Bin ich nur neidisch, dass ich nicht in der „Christ und Welt“ schreiben kann, sondern nur ab und zu mal in einem kleinen Blog meine kleinen Dummheiten in die Welt schreibe?

Nein, andere sollten widersprechen: Die Exegeten und Exegetinnen vielleicht. Sie sollten bemerken, dass die biblischen Bücher zu einem guten Teil von Reden berichten oder sogar in stilisierter Redeform abgefasst sind. Dass Jesus vor allem auch als Lehrer wirkte, als einer der sprach, ja, der auch monologisierte. Und Paulus. Und auch die Propheten. Und Mose. Sie sollten darauf hinweisen, dass die christliche Religion und ihre Wurzel, das Judentum ganz eminent auf gesprochene und verschriftlichte Rede angewiesen war. Ja: Schon im Ursprung war das Christentum eine Religion des Wortes, und das gilt auch ohne das man auf den Johannesprolog aufmerksam machen müsste.

elektropastor

@hannagelb Werde am Reformationstag die Gemeinde über Gal 5 diskutieren lassen. 30-45 Minuten, mit alkfreien Cocktails. Kurzes Minifazit am Ende mit den Ergebnissen der Leute. Leserbrief zum dk-Artikel: Ohne Predigt kein Gottesdienst. Finde den Fehler. #abkanzeln (@elektropastor)

Es sollten andere widersprechen. Die Kirchengeschichtler und Kirchengeschichtlerinnen bestimmt. Mit Luther zum Beispiel. Denn freilich: Reformation war ein Medienereignis. Der Buchdruck und die Bibelübersetzung waren wichtig. Aber durch welche Schriften wurde Luthers Lehre verbreitet? Was war das, was wirkte? Es waren: Predigten. Entweder gehaltene oder eben: Gedruckte. Aber es waren Predigten. Klar, Luther ist vorbei. Aber danach Schleiermacher und seine Reden. Oder im Kirchenkampf. Oder. Oder.

knuuut

Jede Predigt muss bis 2021 auf einen Bierdeckel passen. #abkanzeln (@knuuut)

Oder möglicherweise die Dogmatiker oder Dogmatikerinnen: Sie sollten darauf hinweisen, was in der Schrift zur Rechtfertigungslehre der EKD (https://www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/2014_rechtfertigung_und_freiheit.pdf) nochmal deutlich hervorgehoben wurde: Es sind eben nicht nur vier reformatorische Exklusivpartikel (gratia, fide, christus, scriptura), sondern fünf. Solo verbo: Das zugesprochene, ja, eben auch das verkündigte Wort ist es, so Gott und sein Geist will, das den Sünder in die Gnade ruft. Vielleicht müsste der Dogmatiker oder die Dogmatikerin auch sagen, dass hier bei Hanna Jacobs der Rahmen des lutherischen Bekenntnisses, wenn nicht verlassen, so doch wenigstens herausgefordert ist. Aber gut, möglicherweise ist das auch altertümlicher Blödsinn und heute muss es anders gedacht werden.

Aber vielleicht widersprechen auch die praktischen Theologen und Theologinnen und machen deutlich, dass die Predigt eben auch ein unverzichtbarer Teil der Kommunikation des Evangeliums ist. Ich weiß nicht, vielleicht irre ich mich, aber die Homiletik als Teildisziplin ist eine, die einen relativ hohem Innovationsgrad hat. Sei es szenisches Predigen oder die Semiotik. Vieles Neue findet den Einlass in die Praktische Theologie und damit auch in die Theologie als Ganzes über den Trichter der Homiletik.

gayk

Statt einer Predigt gab es heute eine Frage: Was gibt dir Kraft? #abkanzeln (@julegayk)

Nun ja, das sind alles fachwissenschaftliche Debatten. Dann sollten vielleicht die Pfarrer und Pfarrerinnen widersprechen. Sie müssten sagen, dass Sie sich der Abständigkeit vieler Predigttexte durchaus bewusst sind, ja daran auch oft fast verzweifeln, aber Sonntag für Sonntag, Predigt für Predigt ihr Bestes geben, um das, was diese Texte auch in der (Post/Spät/Wasauchimmer-)Moderne dem Hörer oder der Hörerin bedeuten kann, auszulegen.

Es geht im Artikel ja aber um die Menschen, vielleicht müssten diese, die Menschen, die Sonntag für Sonntag im Gottesdienst sitzen, widersprechen. Sie müssten sagen: Woher, im Namen des Allmächtigen, weißt du denn, was meine Fragen sind? Glaubst du, nur weil du deine Probleme kennst, kennst du auch meine? Oder Sie müssten sagen: Nur weil du die Predigt, ja selbst deine Predigt nicht gut findest, weißt du noch gar nicht, was Sie in diesem Moment für mich bedeutet. Sei es, weil es für mich eine Tradition ist. Sei es, weil mich diese Auslegung trifft. Sei es, weil mich nur ein Satz berührt.

marthori

Mir spricht das aus dem Herzen, weil ich mich längst von der Predigt verabschiedet habe. Ich gehe kaum noch in Gottesdienste – vor allem wegen der Predigt. Ich ertrage sie einfach nicht mehr. (@marthori)

Oder sie müssten sagen: Klar, wenn ein Pfarrer von der Kanzel steigt und fragt, wie es geht, ist schön. Aber kann es sein, dass dann eh nur die gleichen reden? Oder dass ich vielleicht in diesem Moment nichts zu sagen haben, nicht reden will oder reden kann, sondern einfach nur hören will. Vielleicht Zuspruch, Aufmunterung oder auch Ermahnung brauche?

Vielleicht müssten Sie widersprechen und sagen: Klar, es ist die konkrete Person, um den es im Protestantismus geht, aber die konkrete Person ist eben nicht nur eine Pfarrerin in einem neuen Gemeindeprojekt in einer deutschen Großstadt, sondern auch der Rentner, die Küsterin, der Konfirmand oder ich. Und vielleicht, ja vielleicht, geht es eben auch manchmal um mich und nicht nur um Pioniere und Wanderer und Raumschiffpiloten.

jacobs

Für meinen Glauben brauche ich regelmäßig Predigten. [Umfrage] #abkanzeln (@hannagelb)

Irgendwie so, aber viel besser und differenzierter müssten es die klugen Menschen sagen. Sie werden, wenn sie es tun,  es differenziert und in Aufnahme der wichtigen und klugen Punkte sagen, die Hanna Jacobs anspricht. Ich nicht. Ich würde sagen: Wer die Abschaffung der Predigt fordert und denkt, dass er so eine protestantische Position vertritt, hat nicht Recht. Ich würde auch sagen: Wer so begründet wie im Artikel, stellt nur das eigene in den Fokus der Überlegungen und vergisst, dass es in der Kirche um mehr als nur mich und meine Richtigkeiten geht. Er sagt ein bisschen sehr viel „Ich“, auch wenn er denkt, dass es ihm immer um das „Du“ geht. Möglicherweise müssten wir nochmal darüber nachdenken, was das eigentlich heißt und von mir fordert, dieses „Kirche“. Aber das ist vielleicht eine andere Geschichte.

Vom Glauben, Lieben, Hoffen der Generation Y

Rezension zu: Stephanie Schwenkenbecher/Hannes Leitlein: Generation Y. Wie wir glauben, lieben, hoffen, Neukirchen-Vluyn 2017.

Von Sabrina Hoppe

Als „Selbstvergewisserung“ (S.16) bezeichnen Schwenkenbecher und Leitlein ihr Buch zum Glauben der sogenannten Generation Y. Als Vergewisserung, dass diejenigen Menschen der Generation Y, die im Sommer 2017 ihren christlichen Glauben leben, nicht allein sind: „Ja, wir gehen auf das Ende der Volkskirche zu, auf schrumpfende Gemeinden und ein Christentum, das in die Versenkung oder ins Fundamentalistische wandert. Aber: Wir gehen nicht auf das Ende des Christentums, nicht auf das Ende des Glaubens und schon gar nicht auf das Ende von Liebe und Hoffnung zu. Das ist es, was wir hören, wenn wir mit den Christen in unserer Generation sprechen.“

Eine Selbstvergewisserung muss nicht unbedingt zur Nabelschau werden – auf diesem schmalen Grat balanciert das hier vorgestellte Buch meines Erachtens erfolgreich und gibt damit einen Einblick in die eben genannten Diastasen der gegenwärtigen Kirchlichkeit und Frömmigkeit in Deutschland für die Generation Y. In neun Porträts junger Menschen zwischen 25 und 35 geht es darum, wie diese Frauen und Männer ihren eigenen Glauben beschreiben und vor allem, wie er in ihrem Alltag Gestalt gewinnt. Die Perspektive der Interviewer bleibt dabei angenehm zurückhaltend und deskriptiv, die leichte und humorvolle Beschreibung der Interview-Settings gibt den Gesprächen Lebendigkeit und Farbe. Neben die Porträts tritt die Vorstellung von neun sogenannten Netzwerken, Orten neuer Kirchlichkeit: Projektgemeinden, landeskirchliche Innovationskirchen, fresh X – Leuchttürme. Während das Buch zu Beginn angesichts der Präsentation einer breit gestreuten Umfrage zu religiösen Stichworten den Blick ins Weite sucht, spitzt es sich am Ende zu, wird persönlicher, direktiver und gewinnt seine eigene Stoßrichtung: Mit fünf Themen, die laut der Wahrnehmung der Autoren die eigene Generation herausfordern und – das ist die implizite Forderung dahinter – denen sich ebenfalls die Amtskirchen nicht entziehen sollten: Der Vielklang des Glaubens, die Frage nach Partizipation, die unhintergehbare Pluralität der Lebensformen und ihre Verantwortbarkeit vor den eigenen Moralvorstellungen, die Ambivalenz der Erwartungen junger Gläubiger an ihre Kirche – in diesen Komplexen finden sich nach den Autoren die Kernfragen der Generation Y, was ihren Glauben und seine Lebbarkeit betrifft.

Ich habe das Buch gerne gelesen – und mich trotzdem nicht darin wiedererkannt. Obwohl ich doch mittendrin in der Generation Y bin. Ich bin in diesem Fall also nicht nur Rezensentin, sondern auch mögliches Forschungsobjekt und wechsele deswegen jetzt kurz die Perspektive, wie es das Genre einer gebloggten Rezension ja erlaubt: Aber nein, ich erkenne mich nicht wieder. Ich komme aus der oberbayerischen evangelischen Diaspora, ich kannte bis zum ersten Semester des Theologiestudiums nicht den frömmigkeitsgeleiteten Unterschied zwischen Landeskirche und Freikirche. Und auch von den beiden „Großen“, Patin und Pate der Generation Y, Christina Brudereck und Fulbert Steffensky, kannte ich dann nur Steffensky – und zwar als Ehemann der Theologin Dorothee Sölle.

Bei der Lektüre des Buches wurde mir ein ums andere Mal klar, wie groß die Lücke zwischen den jungen Menschen ist, die in der Evangelischen Jugend einer Ortsgemeinde aufwachsen, mit ihr erwachsen werden, und denen, die ihre Sprache, ihre Lieder und Gebete gewissermaßen „auf der Suche“ entdecken: die ausprobieren, was passt, Ideen entwickeln und dabei zu den Jesus-Freaks, ins Berlin-Projekt oder sonst wohin stolpern – ihr Ziel mitunter auch gezielt ansteuern. Das Gefühl des Anders-Seins, das „gift of not fitting in“, wie ich es von den Akteuren der freshX-Bewegung in diesem Jahr erstmals gehört habe – es ist mir fremd. Es war einfach nie mein Motor, es hat mich auch nie beunruhigt. Vielmehr fühlte ich mich in meiner örtlichen Kirchengemeinde aufgenommen, am richtigen Ort – unter so vielen Menschen, die ganz anders waren als ich: älter, bürgerlicher, gebildeter, erfahrener, auch spießiger. Beunruhigt hat mich vielmehr, dass ich das Glaubensbekenntnis nicht mitsprechen konnte, weil ich seine Floskeln und Hülsen nicht verstanden habe.

Was die Generation Y in diesem Buch von sich erzählt, klingt zwar frommer, als ich es selbst auf meinem Weg in den Pfarrdienst geworden bin. Und gleichzeitig bleibt die Beschreibung ihrer Glaubensinhalte für mich schemenhaft und manchmal inhaltsleer: Eine „anfassbare Beziehung zu Gott“ (S.73), wie sie Jonte beschreibt – was ist das? Eine ähnliche Frage stellen sich auch Leitlein und Schwenkenbecher, wenn sie sich darüber wundern, welch geringe Rolle Jesus in den Selbstaussagen der Porträtierten spielt: „Aber Jesus? (…) In unseren Erzählungen vom Glauben spielt er kaum eine Rolle – meist mussten wir unsere Porträtierten erst danach fragen, damit sie von ihm erzählten. Er bleibt seltsam blass und in Titel wie Retter oder Erlöser verhaftet, manchmal wird er immerhin als Vorbild genannt. (…) – ausgerechnet er bleibt eine Nebenfigur unserer Glaubenserzählung! Schock!“

Die „Blässe“ in der Schilderung solch gewichtiger Glaubenssaussagen verwundert nur auf den ersten Blick. Bei der Lektüre des Buches wird mehr und mehr deutlich, dass die Befragten sich auf die Methodik des Projekts in der Weise einlassen, wie auch der Titel des Buches formuliert „Wie wir glauben, lieben, hoffen.“ Ein Schwerpunkt der Fragestellungen der Autorin und des Autors liegt nicht auf den Inhalten, sondern auf den erfahrungsbasierten Glaubenswegen der Porträtierten. Sie fragen nach Orten und Beziehungen, nach Netzwerken und Schlüsselerlebnissen – die Antworten ergeben ein farbenfrohes Panorama, eine Frömmigkeitslandschaft der Generation Y. Was dabei nicht zur Sprache kommt, ist das Ausbuchstabieren und Selberformulieren, die Aneignung tradierter religiöser Formeln: Was sage ich, wenn ich gefragt werde, wie das Licht der Auferstehung meine innere Not und Dunkelheit erhellt – und warum mir das Halt gibt? Wie ich von Christus als Erlöser sprechen kann – und warum ich mich nicht selbst erlösen kann? In den zitierten Liedtexten klingt das an – aber es fehlt die Übersetzung in eine Sprache, die auch abseits der Poesie und der blumigen Gefühlsausdrücke trägt und verständlich ist.

Eine ähnliche Verlorenheit im Beschreiben und Ausdifferenzieren sehe ich bezüglich dessen, was Schwenkenbecher/Leitlein unter der Überschrift „Vorsicht mit der Moral“ thematisieren. Sie stellen fest: „Unsere Porträtierten maßten sich alle in diesen Fragen kein letztes Urteil an und wollten vor allem nicht riskieren, Menschen nicht respektvoll genug entgegenzutreten.“ Auch hier zeigt sich m.E. eine gewisse Blickverengung, was die Beschreibung des Verhältnisses von Glauben und Moral anbelangt: Ist es wirklich noch die Denkweise von jungen Christinnen und Christen heute, dass sie ihre Moralvorstellungen aus biblischen Geschichten und paulinischen oder alttestamentarischen Aussagen zur Gleichstellung von Frau und Mann oder zur Homosexualität herleiten? Und stimmt der folgende Satz tatsächlich? „Wenn wir von unseren Beziehungsbiografien erzählen, dann fallen wir womöglich am allerschnellsten als Christen auf.“  Bleibt die Darstellung der Autoren hier nicht vielleicht den konservativ-ängstlichen moralischen Normen einer frommen Filterblase verhaftet, die sich darin von den Beziehungsgeschichten des Rests der Leute am Kneipentisch unterscheiden? Auch hier muss ich feststellen: Ich erkenne mich nicht wieder.

Um es gleich hinterherzuschieben – die Qualität eines Buches ist natürlich nicht daran zu messen, ob sich eine Rezensentin darin wiedererkennt. So soll am Ende dieser Rezension ein Dank und ein Lob stehen für das, was das Buch in meinen Augen leistet: Es holt zwischen zwei Buchdeckel, was derzeit in Kolumnen wie denen von Hanna Jacobs und Alina Oehler und in all den fresh X Leuchtturmprojekten, auf Blogs und bei twitter diskutiert wird – einen Ausschnitt der Themen, die junge Gläubige heute in Deutschland bewegen, Beispiele wie sie ihr religiöses Zuhause beschreiben und wie sie es einrichten. Danke für dieses Buch!

 

Gottesdienst für die ganze Gemeinde oder: Kinder willkommen?

von Claudia Kühner-Graßmann

Prolog: Dieser Beitrag entstand aufgrund von Wut und Enttäuschung. Wut und Enttäuschung darüber, dass unser dreijähriger Sohn quasi aus dem Gottesdienst geworfen wurde. Es handelte sich um einen großen Festgottesdienst zum Reformationsjubiläum. Unser Kind geht gerne in die Kirche, liebt Orgelmusik und ist als Pfarrerskind sehr vertraut mit dem Setting. Er ist aber auch ein Kind, das alles besprechen muss und viele Fragen hat. So will er alles über den Gottesdienst wissen und singt fleißig mit (eigene Melodie und Text, versteht sich). Als er bei der Predigt etwas aufgedreht wurde, suchte mein Mann mit ihm die Spielecke auf. Dort spielte er und plapperte dabei mit anderen Kindern. Sie diskutierten über die richtige Anordnung von Puzzleteilen und schauten sich gemeinsam Wimmelbücher an. Die Konsequenz: einige Gottesdienstbesucher beschwerten sich bei meinem Mann und hielten ihn an, das Kind bitte ruhig zu stellen. In der Spielecke. Ja, unser Sohn war nicht das einzige Kind, mein Mann aber das einzige Elternteil. Der Küster blieb zwar freundlich, machte aber durch sein Verhalten deutlich, dass das Kind eine Störung sei.

Das Ergebnis: wir verließen während des Abendmahls den Gottesdienst. Mit einem weinenden Kind, das gerne in der Kirche geblieben wäre. Noch während des Aufbruchs wurde mein Mann von mehreren Gottesdienstbesuchern mit Beschwerden und Erziehungsratschlägen konfrontiert.

Anlässlich dieses Erlebnisses, das uns sehr ärgerte, möchte ich ein paar Überlegungen zum Gottesdienst, seinem Sinn und (gerechtfertigten) Erwartungen an ihn anstellen, die in der Frage nach Kindern im Gottesdienst münden sollen.

1. Gottesdienst als Wort-Antwort-Geschehen der ganzen Gemeinde

Da es sich bei dem Gottesdienst, der Anlass zu diesen Überlegungen gibt, um einen Gottesdienst zum Reformationsjubiläum handelte, bietet es sich an, einen Blick auf denjenigen zu werfen, der in diesem Zusammenhang am meisten gefeiert wurde: Martin Luther.

Luthers sog. Torgauer Formel beschreibt den Gottesdienst als Wort-Antwort-Geschehen zwischen Gott und Gemeinde.1 Dabei betont er, dass der Gottesdienst eine „ordentliche, allgemeine, öffentliche Versammlung sei, weil man nicht für jeden einen besonderen Ort bestellen kann und auch nicht in heimliche Winkel gehen soll, auf daß man sich dort verstecke.“2 Es handelt sich also um eine öffentliche Versammlung der ganzen Gemeinde. Natürlich ist die Antwort der Gemeinde für Luther keine chaotische Rede aller. Vor Augen steht ihm eine geordnete Veranstaltung, bei der ein ordentlich Berufener predigt und die Gemeinde gemeinsam in geordneter Weise einstimmt mit Gebet und Gesang. Als öffentliche Versammlung aller Glaubenden gibt es, das sei zuerst festzuhalten, keine Voraussetzungen für die Teilnahme außer dem Glauben (und wer möchte diesen schon seinem Nächsten absprechen?).

Wie sieht es dann mit der Ordnung dieses Gottesdienstes aus, der Liturgie? Diese wird häufig ehrfurchtsvoll behandelt und Störungen im Geschehen als besonders frevelhaft wahrgenommen. Luther ist hier pragmatisch: an den äußeren Ordnungen sei nichts gelegen. Sie sollen lediglich dem Nächsten und einem pädagogischen Zweck dienen, etwa auch um des „jungen Volks willen“.3 Die Liturgie ist also nichts Göttliches. Vielmehr dienen die Ordnungen der Versammlung der Glaubenden. Nimmt man dazu Luthers dialogisches Gottesdienstverständnis, dann handelt es sich nicht um ein rein rezipierendes Geschehen. Nein, die Gemeinde soll aktiv dabei sein – in Gebet und Gesang. Alles geordnet, aber aus praktisch-pragmatischen und pädagogischen Gründen.

Mit Luther kann also etwas von dem ehrfürchtigen Ernst genommen werden, der für einige Gottesdienstbesucher korrektes Gottesdienstverhalten charakterisiert. Hinzu kommt eine immer noch existierende besondere Ehrfurcht vor der Pfarrperson. Bleibt man auch hier bei Luther, so fällt der qualitative Unterschied von Pfarrern und Laien weg – Priestertum aller Getauften eben. Natürlich existiert ein Unterschied, der aber als funktionaler zu beschreiben ist, da die Pfarrerin als Theologin quasi Profi und durch ihr Amt in besonderer Weise verantwortlich ist.

Entspannt sich der Umgang mit Liturgie und Pfarrern dahingehend, dass ihre Rolle pragmatisch und funktional verstanden wird sie verstanden werden, können wir Protestanten eine Sache ernst nehmen: Gottesdienst feiern. Und zwar feiern als zum Gotteslob versammelte Gemeinde aller Gläubigen. Dafür gibt es keine menschlich überprüfbare Eintrittskarte und kein Mindestalter. Natürlich unterliegt diese Versammlung einigen Regeln, die das gemeinsame Gotteslob ordnen. Dazu gehört auch der Respekt vor der Pfarrerin, der etwa verbietet, während der Predigt ständig dazwischenzurufen. So gilt es, die Waage zwischen Respektlosigkeit und überernster Ehrfurcht zu wahren. Es geht um Gottes Wort (und Sakrament) und nicht um die richtige Gebetshaltung oder besonders konformes Verhalten, denn dafür gibt es kein Fleißbildchen! Wäre dem so, handelte es sich letztlich nicht um Gottesdienst, sondern um Werkgerechtigkeit. Diese ist aber mit der reformatorischen Erkenntnis der Rechtfertigung allein aus Gnaden obsolet.

2. Erwartungen an den Gottesdienst

Es scheint so zu sein – von empirischen Untersuchungen gestützt4 –, dass bei all den unterschiedlichen Erwartungen an den Gottesdienst diejenige hervorsticht, dass er etwas „Anderes“ zu sein habe. Ein bisschen weg vom Alltag, aber diesen aufnehmend und in diesen hinein scheinend. Was das konkret heißt, divergiert wiederum stark. Es zeigt sich, dass man mit einer Vielzahl von Erwartungen konfrontiert wird, die nicht alle erfüllt werden können. Dabei wird aber vor allem eines deutlich: Man wird es nie Allen Recht machen können! Jeder Gottesdiensteilnehmer geht wiederum einen Kompromiss ein, denn nicht jedes spirituelle Bedürfnis wird gestillt. Jeder nimmt aber auch etwas anderes mit: ein bestimmtes Lied, die Predigt, eine besondere Gebetsformulierung, den Hall der Kirche…

Bei gar nicht so wenigen Gottesdienstteilnehmern scheint eine gewisse Furcht davor zu bestehen, etwas falsch zu machen, etwa an der falschen Stelle aufzustehen. Gemeindegottesdienste sind meistens gut eingespielte Veranstaltungen der Kerngemeinde – so jedenfalls der Eindruck. Genau diese Furcht davor, etwas falsch zu machen, vielleicht gar etwas zu verpassen, was für das Seelenheil wichtig sein könnte, auf der einen Seite und die gut eingespielte Kenner auf der anderen, die nicht selten als Wächter des rechten Gottesdienstverhaltens auftreten – dieses Zusammenspiel der Rollen lässt die Szenerie häufig steif und streng wirken, gerade für Außenstehende und weniger versierte Gottesdienstbesucher.

Wie kann dem entgegnet werden? Ich möchte hier keine konkreten praktischen Ratschläge ausbreiten, sondern vielmehr dazu anhalten, den Gottesdienst zu entmythologisieren und als Gemeinde der Gläubigen zu feiern. Die Verantwortung liegt hierbei beim Pfarrer, bei der Pfarrerin, anderen Hauptamtlichen und beim leitenden Kreis der Gemeinde. Willkommenskultur statt Kirchenzucht gilt es zu proklamieren. Konkreter gehört dazu auch, zu hohen Erwartungen etwa an den Geräuschpegel entgegen zu wirken. Leiterinnen und Leiter einer Gemeinde müssen dafür einstehen, dass Gottesdienste eine Veranstaltung für alle ohne Eintrittskarte sind! Selbstverständlich sind sie auch dafür verantwortlich, die Ordnung einzuhalten. Von deren Sinn und Status war bereits die Rede. Aber es spricht nichts dagegen, zwischendurch die Toilette aufzusuchen, dem Nachbarn einen Gedanken mitzuteilen oder ein Kind zu stillen. Es darf nicht vergessen werden, dass gerade durch die Öffentlichkeit des Gottesdienstes und seine zentrale Stellung, die ihm doch im Gemeindeleben zukommen sollte, die Gemeinde sich hier durch ihre engsten Glieder, der sog. Kerngemeinde, und ihrer Mitarbeiter präsentiert. Der Eindruck, den ein Gottesdienst hinterlässt, so meine These, wird nicht nur durch Predigt und Gestaltung durch den Pfarrer oder die Pfarrerin geprägt. Auch die Gestaltung des Raumes und nicht zuletzt die Haltung der Gemeinde gegenüber dem Gottesdienst spielen ebenfalls wichtige Rollen. Dieses Setting als Ganzes ist so einzurichten, dass man sich willkommen und nicht als Störer fühlt.5

Gottesdienst ist Raum für Besinnung, aber in erster Linie gemeinsames Gotteslob der Gemeinde unter Leitung einer Pfarrerin (oder einer anderen berufenen Person). Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Überhöhte Erwartungen müssen nicht bedient werden. Das bedeutet nun aber nicht, dass Gottesdienste unprofessionell und nett-verkruscht sein sollen. Nein! Man darf vom theologischen Profi ruhig eine gut vorbereitete Performance verlangen und einklagen. Aber das Setting selbst ist kein Göttliches. Der Geist weht, wo er will, und kommt nicht nur dann, wenn alle besonders ehrfurchtsvoll erschaudern.

Noch eine kleine ekkelsiologische Bemerkung: der einzelnen Gemeinde muss bewusst sein, dass sie als Teil der gesamtem Kirche agiert. D.h. auch, dass schlechte Erfahrungen zumeist auf die Kirche als ganze projiziert werden. Die einzelne Gemeinde ist immer mehr als ihre konkret versammelte Gestalt. Das wird im Gottesdienst ja gerade deutlich. Zwar feiert eine Gemeinde gemeinsam Gottesdienst, aber es geht nicht darum, sich selbst zu feiern. Gottesdienst ist eine öffentliche Veranstaltung der Gemeinde, die diese zugleich im Sinne der Gemeinde aller Gläubigen transzendiert.

3. Kinder im Gottesdienst – Qual oder Freude?

Eine Veranstaltung, die dem gilt, der die Kinder eigens zu sich ruft und der ihre Fähigkeit zu voraussetzungsloser Liebe zum Vorbild des Glaubens macht, kann ja eigentlich nicht anders gedacht werden, als einladend für Kinder. Einfach gesagt, aber schwierig umzusetzen. Denn Gottesdienst mit Kindern bedeutet vor allem für Eltern Stress. Selbstverständlich existiert ein Druck, das Kind „ruhig“ zu halten. Was das bedeutet und wie das geht, wissen vor allem ältere Gottesdienstbesucher ganz genau. Natürlich kann ein gewisser Grad an Anpassung verlangt werden, etwa sollte kreischendes Fangenspielen im Kirchenschiff während der Predigt unterbunden werden. Aber darum geht es nicht. Das dürfte den Meisten klar sein. Es geht vielmehr darum, Kinder nicht nur zu dulden, sondern als Teil der Gemeinde wahrzunehmen. Und als solche gehören sie selbstverständlich zu den Teilnehmern des Gottesdienstes. Neben den vielen Forderungen nach mehr zielgruppenorientierten Angeboten sollte daher an der Zielvorstellung des Sonntagsgottesdienstes als Mitte der Gemeinde zumindest als Idee festgehalten werden6 (Überlegungen zur angemessenen Gestaltung stehen auf einem anderen Blatt).

Meiner Meinung nach entbindet dies aber auf der anderen Seite nicht vom Angebot des Kindergottesdienstes. Schon allein aus pädagogischen Gründen ist es sinnvoll, kindgerechte Formen von Liturgie und Verkündigung zu finden. Aber diese sollen letztlich einen Mehrwert für die Kinder haben und eben nicht die Kinder aus dem Gottesdienst fernhalten, damit etwa Eltern einmal ihre Ruhe haben (was für mich als Mutter natürlich verlockend ist) oder andere Gottesdienstbesucher nicht gestört werden. Lässt sich ein regelmäßiger Kindergottesdienst nicht realisieren, dann ist eine Spielecke eine Möglichkeit, wie es sie in vielen Kirchen gibt. Das ist durchaus sinnvoll, denn für viele Kinder ist es eine Zumutung, so lange zu sitzen. Allerdings kann deren Zweck lediglich sein, Kinder zu beschäftigen und damit ihre Laune zu heben.Wie und wo dies gestaltet wird, muss im Einzelfall beraten werden. Aber der Grundton sollte in jedem Fall ein einladender und nicht ein ausladender sein.

Von dieser einladenden Haltung wird die Kirche als Ganze hoffentlich lange zehren. Denn wie soll sich jemand für die Kirche begeistern, wenn er oder sie in der Kindheit erfahren hat, dort nicht willkommen zu sein? Besteht dieses diffuse Gefühl, nicht willkommen sein, dann helfen der beste Konfirmandenunterricht und andere Eingliederungsmaßnahmen nicht. Verantwortlich dafür ist dabei die konkrete Ortsgemeinde.

Ich plädiere dafür, Kinder nicht nur als Störenfriede oder notwendiges Übel wahrzunehmen, sondern auch von ihnen zu lernen. Von ihrer Unbedarftheit in Glaubenssachen. Vom unverkrampften Verhalten im Gottesdienst. Von der Begeisterungsfähigkeit für viele Dinge. Andersherum sollte man sich dessen gewiss sein, dass wir Erwachsene zugleich Vorbilder für diese Kinder sind. Sie schauen sich von uns ab, wie man sich im Gottesdienst verhält. Wie man mit Mitmenschen umgeht. Und wollen wir wirklich motzende, moralisch überhebliche Erwachsene heranziehen (sofern sie dann überhaupt noch in die Kirche kommen und nicht vertrieben werden)? Der Umgang mit Kindern im Gottesdienst ist viel mehr als ein Empfindlichkeitsproblem. An ihm entscheidet sich – natürlich nicht nur, aber zu entscheidenden Teilen – die Zukunft der Kirche. Für diese Zukunft sind wir Gott sei Dank nicht allein verantwortlich, aber wir als erwachsene Gottesdiensteilnehmer tragen dazu bei, ob die jungen Gläubigen sich wohl oder fremd in der Kirche fühlen. Lasst die Kinder dazukommen! Gottesdienst kann Auszeit vom Alltag bedeuten – aber nicht Auszeit vom Leben. Und Gottesdienst als Feier der Gemeinde muss lebendig sein, soll er nicht zu werkgerechtem Lippenbekenntnis, bildungsbürgerlicher Kulturpflege oder einer rein formalen Angelegenheit verkommen.

Epilog: Wir sind immer noch sauer. Vor allem angesichts der Tatsache, dass die Gemeinde ein solch kinderfeindliches Verhalten an den Tag legte. Der Sohn bekam im Anschluss an das frustrierende Erlebnis ein Eis. Die Eiswaffel teilte er freiwillig mit seiner kleinen Schwester – vorbildlich! Wir werden ihn aber weiterhin in den Gottesdienst mitnehmen, wenn kein Kindergottesdienst stattfindet oder ein besonderes Fest gefeiert wird, an dem wir als Familie teilnehmen wollen. Und wird werden uns weiterhin genervte Blicke und übergriffige Kommentare anhören müssen. Das wird sich leider wohl nicht ändern. Aber es wäre erträglicher, wenn wir wüssten, dass die Gemeinde, ihre Leitung und ihre Mitarbeiter hinter uns stünden, Kinder im Gottesdienst ausdrücklich begrüßten und sie nicht als Störenfriede wahrnehmen würden.

Wir werden trotzdem bei jedem Gottesdienstbesuch gestresst sein und das Kind dazu anhalten, zumindest zu flüstern. Wir werden ihm aber auch weiterhin geduldig seine Fragen beantworten. Seine Fragen nach Formulierungen in Gebeten, Liedern und Bibeltexten. Seine Fragen nach der Kleidung des Pfarrers. Seinen Fragen nach anderen Gottesdienstbesuchern. Und hoffen, dass seine Begeisterung für Jesus und biblische Geschichten anhält und nicht durch solch negative Ereignisse getrübt wird.

 

 


1 Vgl. Luther, Martin: Kirchweihpredigt zur Einweihung der Schloskirche in Torgau (1544), in: Michael Meyer-Blanck, Liturgie und Liturgik. Der evangelische Gottesdienst aus Quellentexten erklärt, Göttingen 22009, S. 32-35.

2 A.a.O., S. 33.

3 Luther, Martin: Deutsche Messe und Ordnung des Gottesdienstes (1526), in: Meyer-Blanck 2009, S. 45-60: 46.

4 Vgl. Pohl-Patalong, Uta: „Eine Stunde etwas Anderes“. Empirische Einsichten und konzeptionelle Überlegungen zum evangelischen Gottesdienst, in: PTh 101 (2012), S. 214-230 und Dies.: Gottesdienst erleben. Empirische Einsichten zum evangelischen Gottesdienst, Stuttgart 2011.

5 Dass ein Willkommenskultur-Defizit besteht, wird in einigen Diskussionen, vor allem in sozialen Netzwerken, deutlich. Die Gründe hierfür werden an unterschiedlicher Stelle gesucht und reichen von fehlerhafter Zielgruppenorientierung bis zu ungenießbarem Filterkaffee und zu kleinen Tassen.

6 Vgl. dazu Pohl-Patalong, Eine Stunde etwas Anderes, S. 230.

Might also be ethics, honey!

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(Noch eine Anmerkung zu “It’s the theology, stupid!”)

Gastbeitrag von Christian Stritzelberger, Tübingen

 

Vorweg: Die offene Diskussion über Theologie und Kirche ist großartig! Denn wenn wir als evangelische Kirche einen Vorwurf nicht loswerden, dann den der Beliebigkeit oder Belanglosigkeit. Was kann die Theologie belanglos machen? Und wie kann bei Pfarrerinnen und Pfarrern der Eindruck entstehen, sie hätten theologisch nichts gelernt, was ihnen weiterhilft? Zu dieser Debatte hier eine, hoffentlich weiterführende, Ergänzung.

 

„Sprachfähigkeit“ ist so etwas wie ein Grundwert des Protestantismus. Die Kirche soll zum Leben, zur Wirklichkeit etwas zu sagen haben. Dafür werden Pfarrerinnen theologisch ausgebildet. Aber welche Wirklichkeit ist das eigentlich, in der sie sich auskennen sollen?

Die für die heutige Theologie immer noch unverzichtbare „dialektische“ Theologie, auch z. B. die einst zum Grundinventar gezählte Seelsorgetheorie nach Thurneysen verbindet man (zu Recht oder zu Unrecht) mit dem Anspruch, eine „wirklichere“ Wirklichkeit zu durchschauen, die uns dann auch die alltägliche Wirklichkeit überhaupt erst verständlich macht.

Diese harte Alternative von „Wirklichkeit Gottes“ und dem, was „der kleine Mann“ für sich als Wirklichkeit erlebt, hatte natürlich gerade in Deutschland ihre historische Berechtigung. Wenn jeder im Land im Stechschritt in die falsche Richtung marschiert, muss man notfalls eben auf dem Wasser gehen, um nicht mitgeschleift zu werden. Diese Sicht ist aber für die evangelische Theologie auch gefährlich, wenn sie zur Grundhaltung wird. Schnell wird dann die „normale“ Wirklichkeit ignoriert, weil nur die „theologische“ wirklich zählt. So wird die beste Christologie, die klarste Trinitätslehre zum Herrschaftswissen: Würde ich das nur verstehen, dann könnte ich auch den Leuten in meiner Gemeinde helfen. Und so geht man dann nach dem Studium frustriert in eine Wirklichkeit, zu der man nichts zu sagen hat.

Wem ist aber überhaupt geholfen, wenn man die Probleme ihres Lebens als Unterthema der Christologie erklärt? Sicher Einigen, wenn das wirklich die Frage war. Ist es aber nicht immer. Und dann ist es mit einer Wirklichkeitsverschiebung nicht getan, denn das Problem liegt dann in dieser Wirklichkeit, in der wir nun einmal alle leben. Will man dazu etwas sagen, dann braucht es auch andere Mittel. Ein zentrales nennt man „Ethik“.

Wir stecken alle, als Theologinnen und als Christen überhaupt, schon im Leben. Und das besteht nicht nur aus Meditationen darüber, was das alles bedeutet. Das besteht auch aus Entscheidungen, ob man das eine oder das andere tut. Ob man eine Flüchtlingsfamilie aufnehmen muss, ob man Kinderkrankenpfleger werden darf, wenn auf der Station auch Abtreibungen geschehen, ob man Kinder haben sollte, und so weiter. Das Auftragen von Bibelstellenextrakten auf solche ethischen Entzündungen lindert kaum. Vor allem, weil man nicht einfach so schon weiß, wo eigentlich die Stelle ist, die man behandeln müsste; was Symptom und was Auslöser ist.

Menschliche Wünsche, Absichten und die damit verwobenen Glaubensvorstellungen schaffen die Wirklichkeit, die sich jeden Tag ereignet. Um Krankheiten in dieser Wirklichkeit mit dem richtigen Mittel verarzten zu können, braucht man oft erst einmal eine gute Anatomie des Handelns – sprich: „Ethik“. Anders gesagt: Man muss in der Lage sein, zu entwirren, was einen Menschen umtreibt. Und ob das eine Entscheidung bräuchte, oder einen „Zuspruch des Evangeliums“. Wer aber nur verkündigen kann, degradiert alle anderen leicht zu permanenten Zuhörern – als hätten sie kein Leben zu führen.

Für ihre theologische Arbeit müssen Pfarrerinnen sich also (auch!) gut und bequem in der Ethik auskennen, so die These. Das ist nicht mit einer Reclam-Lektüre von Mills „Utilitarismus“ fürs Examen erledigt. Was man mit der Ethik lernt ist nämlich nicht bloß Theorie, oder eine Sammlung von fertigen Inhalten, sondern vor allem eine geübte Fertigkeit, technische Kompetenz. Es ist die Kunst, nachzuvollziehen und handhabbar zu machen, was im Leben verworren daherkommt. Schon deshalb geht Ethik also nicht mit dem Gestus der wirklicheren Wirklichkeit, sondern nur gut lutherisch mit dem Wissen, Gott und die Welt am Ende nicht verstehen zu können – und trotzdem ernsthaft drin zu stecken. Ohne Herrschaftswissen oder Sonderoffenbarungen darüber, was nun gerade richtig ist.

Das ist nicht fakultativ. Ethik gibt keine „Extrapunkte“ für den Wahlbereich. Im Gegenteil: Wer das nicht kann, riskiert, an völlig falschen Stellen mit dem Evangelium um sich zu werfen. Wenn da der Eindruck entsteht, Theologie sei irgendwie bedeutungslos, muss sich keiner wundern. Im falschen Licht scheint die schönste Dogmatik fahl, und schlechte Ethik lässt dümmstenfalls das Evangelium gleich mit schlecht aussehen. Besser also, wenn es da aufscheinen kann, wo es wirklich strahlt. Das kann durchaus in ethischen Diskussionen passieren – muss es aber nicht.

Kurz gesagt hat man als Berufstheologe ein echtes theologisches Defizit, wenn man nur Evangelium „kann“, aber keine Ethik. Das ist eine Herausforderung für die Universitäten, aber auch für die Studierenden. Das heißt nämlich für die Studienplanung, über der Begeisterung für raffinierte Dogmatik nicht die echte Auseinandersetzung mit der „gutbürgerlichen“ Ethik zu vergessen. Beide, das letztlich unbegreifliche Evangelium und die im Leben unvermeidbare Verantwortung, machen evangelische Theologie aus. Gut also, wenn man mit ihr lernt, zu beiden etwas zu sagen zu haben.

 

Christian Strizelberger ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Systematische Theologie II/Ethik (Prof. Dr. Elisabeth Gräb-Schmidt) in Tübingen.

Study of Theology Revisited

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Randnotizen zu „It’s the theology, stupid

von Niklas Schleicher (@megadakka)

Tobias Graßmann hat auf nthk.de neulich einen Kommentar zu einer Debatte verfasst, woran es der Kirche eigentlich krankt. Der Artikel stieß und stößt auf viel Zustimmung, und an seiner Analyse ist nicht nur nichts verkehrt, sondern es ist ihr zuzustimmen: Theologie ist das, was Menschen (auch) erwarten, wenn sie Gottesdienste unserer Kirchen besuchen. Theologie als Arbeit an Lebens- und Glaubensproblemen ist es, was gerade auch die reformatorische Tradition auszeichnen sollte. Und es ist richtig: Ein Problem der Kirche ist es, dass es im Gottesdienst (aber nicht nur dort) an Theologie fehlt. Auch wenn mehr Theologie nicht alle Probleme auf einmal löst, ist es doch ein Schritt in die richtige Richtung. Die Forderung nach mehr Theologie steht im Raum und weist auf ein Problem hin: Anscheinend mangelt es an solcher. Hier ist der Punkt, an dem im Folgenden nochmal kurz anzusetzen ist.

Denn freilich: Oftmals ist es der Zwang des Berufs und eine gewisse Prioritätensetzung, die es Pfarrern und Pfarrerinnen schwermacht, Theologie zu treiben und ‚drin im Fach‘ zu bleiben. Dies ist ein entscheidender Punkt, lässt aber wohl doch nur darauf schließen, dass im Studium und in der Phase des Vikariats nicht deutlich genug wurde, dass der Beruf auch und ganz entscheidend von Theologie lebt. Dies ist natürlich auch deshalb eine interessante Diagnose, weil es der Evangelischen Kirche an vielen mangelt, aber sicher nicht an Ausbildungsorten, die Theologie und theologische Wissenschaft groß schreiben. Ohne Zweifel ist die deutschsprachige akademische Theologie immer noch sehr gut ausgestattet und sollte alles bereitstellen, um zukünftige Pfarrer und Pfarrerinnen theologisch so zuzurüsten, dass diese aus ihrer Ausbildung für ihre zukünftige Praxis profitieren können.

Nun ist es doch aber so, dass genau von dieser theologischen Ausbildung, die alle Pfarrerinnen und Pfarrer erfahren, bei vielen wenig hängen bleibt. Meines Erachtens liegt das an mindestens drei unterschiedlichen Gruppen, die mit der theologischen Ausbildung zu tun haben. Möglicherweise kann man, wenn man gewillt ist, an diesen Stellschrauben drehen, um die Analyse von Tobias Graßmann mit ein paar praktischen Forderungen zu ergänzen.

Zunächst zu den Studierenden. Es ist faktisch so, dass viele Menschen, die das Studium der Theologie beginnen, dies mit dem Ziel tun, später Pfarrer oder Pfarrerin zu werden. Anders formuliert: Der Berufswunsch steht zuerst und das Studium ist der Weg, diesen Wunsch zu erfüllen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber: Im Studium muss irgendwann der Punkt kommen, an dem man ein eigenes Interesse an theologischen Fragen und Themen entwickelt. Es muss zum eigenen Anliegen werden, zu verstehen, wieso man denn jetzt dieses Fach studieren muss. Man muss selbst Schwerpunkte setzen und sich vertiefen, denn nur so kann man eigenes theologisches Denken lernen. Freilich, der Einwand, der unter gegenwärtigen Bedingungen naheliegt, beginnt mit „B“ und endet mit „olonga“. Zugegebenermaßen ist die Modularisierung der Theologie nicht und ich wage zu behaupten auch sonst keinem geisteswissenschaftlichen Studium angemessen, aber genauso wenig kann sie eine Ausrede sein, eigenes theologisches Denken zu vermeiden. In jedem Seminar, in jeder Vorlesung, egal wie gut oder wie schlecht der Dozierende ist, geht es um theologische Fragen, um das Nachdenken darüber, wie einzelne Inhalte des christlichen Glaubens gedacht werden und wurden. Es ist das Mindeste und nicht zu viel verlangt, von Studierenden zu fordern, diese Gedanken nachzuvollziehen, sich dazu eigene Gedanken zu machen und sich auf das gemeinsame Denken einzulassen. Das fordert hier noch keine große Textlektüre, ist aber der Eingangspunkt zur eigenen theologischen Existenz. Denn auch wenn es nützlich und wichtig ist, über das Seminar hinaus theologische Literatur zu lesen, ist das nicht das Entscheidende. Das Entscheidende ist schlicht und ergreifend: Den eigenen Kopf einzuschalten.

Nun schreibe ich diesen Text quasi von der anderen Seite des Seminarraums und arbeite an der theologischen Ausbildung als Dozierender mit. Auch wir Dozierenden tragen entscheidend dazu bei, dass zukünftige Pfarrer und Pfarrerinnen Theologen sind und bleiben. Zwei Punkte sind hier anzudeuten, die miteinander zusammenhängen und an denen es durchaus mangelt. Erstens: Wir müssen deutlich machen können, wieso unser theologisches Fach, das Seminar oder die Übung, die wir gerade geben, von Bedeutung für die theologische Existenz und damit für den Beruf des zukünftigen Pfarrers ist. Es mag nämlich freilich für die Seminararbeit oder für das Examen reichen, wenn ich z.B. nach der Lektüre von Ritschls „Unterricht“ nachzeichnen kann, was denn nun seine Reich-Gottes-Vorstellungen für den Kulturprotestantismus des 19. Jhd. bedeutet und wo sich seine Lehre von der „klassischen“ Eschatologie unterscheidet. Für die eigene theologische Existenz bringt es aber überhaupt nichts, wenn man keine Idee davon bekommt, wie sich das zum christlichen Glauben verhält und inwieweit uns Ritschl hilft, mit „Glaubens- und Lebensfragen“ umzugehen. Für mich ganz konkret im Seminar bedeutet das, genau diese Art des Nachdenkens zu fördern. Denn freilich: Der erste Schritt ist das Verstehen des Textes, der zweite ist seine Interpretation, der dritte aber muss darin bestehen, wenigstens in Ansätzen darüber nachzudenken, inwieweit dieses Konzept hier und heute für meine Theologie, also mein reflektiertes Reden über Gott hilft. Und, auch wenn ich hier aus der Warte des Systematikers spreche, würde ich diese Forderung unumwunden auch an die anderen Fächer erheben.

Dies führt zu dem zweiten Punkt: Wir brauchen wenigstens eine Idee, was die Sache der Theologie ist. Man kann es nicht oft genug sagen: Die Differenzierung in unterschiedliche Fächer und Fachkulturen ist für die Professionalisierung der Theologie ein Segen. Aber gerade für den Beruf des Pfarrers oder der Pfarrerin, also für den Beruf eines „Allgemein-Theologen“, ist es notwendig, eine Idee zu haben, wie sich die unterschiedlichen Fächer gegenseitig beeinflussen. Es bedeutet eben für mein Reden vom Reich Gottes in der Dogmatik etwas, wenn meine Beschäftigung mit dem Neuen Testament ergibt, dass die Reich-Gottes-Predigt Jesu von der Naherwartung geprägt war usw. Das ist keine einfache Aufgabe, aber für eine ordentliche theologische Grundausbildung halte ich es für unumgänglich, dass wir uns wieder Gedanken um dasjenige Teilfach machen, dass den Zusammenhang der theologischen Fächer untersucht: Wir brauchen eine Wiedergewinnung der theologischen Enzyklopädie.

Neben der Studierendenschaft und der Dozierendenseite ist eine dritte Partei in die theologische Ausbildung der Pfarrer und Pfarrerinnen involviert: Die Landeskirchen. Hier möchte ich gar nicht groß argumentieren, sondern das Ganze etwas offener formulieren. Ich gewinne den Eindruck, dass die Kirchen zwar irgendwie das erste Examen wollen und auch Zeit in die Prüfungen investieren, danach aber die theologische Weiterbildung (und auch Forschung) rein in der Hand und vor allem in der Freizeit der Pfarrerinnen und Pfarrer liegen sehen. Vielleicht muss man hieran auch weiterdenken, dass Theologie und theologische Weiterbildung nicht der Privatspaß der Pfarrer und Pfarrerinnen ist (Spaß macht es hoffentlich auch!), sondern für den Beruf jedenfalls, wenn das stimmt, was Tobias Graßmann schreibt von eminenter Bedeutung zu sein scheint. Man muss hier gar nicht unbedingt große neue Programme schaffen, die gibt es mit Studienseminaren wie das der VELKD in Pullach oder anderen bereits. Sondern man muss Pfarrer und Pfarrerinnen ermutigen, es ihnen ermöglichen, aber auch fordern, dass sie in ihr Berufsleben Theologie integrieren.

Wenn die drei angesprochenen Gruppen kooperativ und ernsthaft an der Sache arbeiten, dann gelingt es vielleicht, dass der Beruf des Pfarrers, der Pfarrerin wieder zu einem sogenannten theologischen Beruf wird. Hinsichtlich der Herausforderungen, vor die die Kirche gestellt ist, wäre das zu begrüßen.

nachgehakt! — Praktische Theologie und Ethik

Neue Rubrik: nachgehakt! – Hinführung

Was macht eigentlich…? Im Raum der Kirche wie im Bereich der Theologie eine Frage, die sich immer wieder stellt – sowohl innerhalb als auch durch diese beiden Sphären hindurch. Bei der Ausdifferenzierung der verschiedenen Sphären ist es schwer, den Überblick zu behalten. Aber auch mangelnde Austauschforen tragen dazu bei, dass viel „nebeneinanderher“ gearbeitet wird.

Unsere neue Rubrik nachgehakt! möchte sich diesem Problem stellen und zu einer Vernetzung, zu vermehrter Transparenz und zum Austausch kirchlicher und theologischer Arbeitsfelder beitragen.

Ziel ist es, verschiedene, auf den ersten Blick vielleicht nicht immer gleich zusammenpassende Personen aus verschiedenen Bereichen in ein Gespräch zu bringen, das aus einer Frage und einer Reaktion darauf (und gerne natürlich auch aus mehr) besteht. Um zu zeigen, wie nachgehakt! funktionieren könnte, beginnen wir selbst mit der Frage einer Praktischen Theologin an einen Ethiker.

Wir wünschen viel Freude bei der Lektüre und hoffen, dass die Rubrik nicht nur auf Interesse stößt, sondern auch Vernetzungen anregt. Gerne nehmen wir auch Vorschläge für Paarungen entgegen!

Claudia Kühner-Graßmann und Niklas Schleicher

Die Praktische Theologin fragt den Ethiker

Lieber Niklas,

unsere Disziplinen leben ja – nicht nur wegen diverser persönlicher Verbindungen – in guter Nachbarschaft.1 Zwar sind die Differenzen nicht zu übersehen, etwa bezüglich der Themen oder Adressaten. Dennoch bezieht auch Ihr Ethiker Euch in gewisser Weise auf die „Praxis“. Die Praxis, auf die wir Praktische Theologen uns beziehen, kann in gewisser Weise eingegrenzt werden als kirchliche Praxis, die etwa durch CA VII theologisch näher qualifiziert wird. Sehr grob gesagt, geht es um die Reflexion kirchlicher Vollzüge – vornehmlich für Pfarrerinnen und Pfarrer bzw. Theologinnen und Theologen im weiteren Sinne –, wobei der Charakter der Reflexion, die die Praktische Theologie ist, durchaus strittig und unterschiedlich bestimmt ist.

Wie siehst Du Euren Bezugspunkt qualifiziert? Inwieweit seid Ihr Ethiker also auch „Praktische Theologen“? Kommen wir uns gar in gewisser Weise in die „Quere“? Was bedeutet das für eine Zusammenarbeit von Praktischer Theologie und Ethik? Was erwartest Du als Ethiker dabei von der Praktischen Theologie? Was kann die Praktische Theologin von Euch Ethikern lernen? Und wo siehst Du die Grenzen unserer Nachbarschaft und die größere Nähe zur Schwester Dogmatik?

Liebe Claudia,

eigentlich könnten wir die Frage lösen, indem wir, in guter Münchner Tradition, auf die Genese des Faches Ethik schauen. Wenn man es ganz grob fasst, dann wird man festhalten müssen, dass beide Fächer ziemlich zeitgleich als eigenständige entstanden sind (vgl. dazu das historische Kapitel in Grethleins Praktischer Theologie) und zunächst eng verbunden waren. Nun wissen ja aber mittlerweile auch die Münchner, dass allein ein Verweis auf die Historie nicht hilft, um Dinge zu erklären oder zu bestimmen. Ich versuche dann einfach mal mit deinen Fragen und Hinweisen zu arbeiten.

Unseren gemeinsamen Bezugspunkt verortest du in der Praxis und differenzierst dann, dass der Bezugspunkt der praktischen Theologie vielleicht durch den Bezug auf die kirchliche Praxis besser beschrieben wird. Mir leuchtet diese Bestimmung des Bezugspunktes sehr ein, es fällt mir aber schwer, eine ähnlich präzise Bestimmung für die Ethik zu finden. Ich schlage deshalb vor, dass wir, auch um einen Vergleichspunkt zu bekommen, eine komplementäre Bezugspunkt-Bestimmung vornehmen: Man könnte es mit dem Leben des Menschen versuchen. Unsere beiden Fächer beziehen sich, vor allem auch in ihrer deskriptiv-hermeneutischen Aufgabe (vgl. dazu Körtners Aufgabenbestimmung der Ethik in seiner „Evangelischen Sozialethik“) auf das gelebte Leben von Menschen. Die praktische Theologie beschreibt dieses Leben vielleicht unter der Perspektive des Bezugs auf kirchliche Bezüge, die Ethik unter verschiedenen Kategorien der Orientierung im Vollzug. Offensichtlich ist, dass beide Fächer „mehr zu tun haben“, wenn das Leben des Einzelnen unter einer besonderen Frage steht: Ethik wird eher in Grenzfällen „aktiv“, aber auch kirchliche Praxis, selbst der Sonntagsgottesdienst durchbricht in gewisser Form den Alltag.

Unter dieser Perspektive können wir vielleicht bestimmen, wie sich Ethik und Praktische Theologie zueinander verhalten: Sie setzen dort ein, wo das Leben des Menschen unter besonderen Vorzeichen thematisiert wird.

Für die Praxis beider Fächer ergeben sich dementsprechend wichtige und vielleicht noch zu wenig erforschte und gelehrte Bezugspunkte. Ich denke hier zunächst an Bereiche der Seelsorge in Grenzfällen gerade medizinischer Natur. Man könnte zum Beispiel den ganzen Komplex der „Reproduktionsmedizin“ und damit einhergehenden Verfahren wie z.B. IVF-Maßnahmen betrachten. Die ethische Theoriebildung ist in diesen Feldern, sowohl was die hermeneutische als auch die normative Perspektive angeht, mittlerweile sehr ausdifferenziert und bietet unterschiedliche Umgänge. Die praktische Theologie hat mit diesem Bereich wahrscheinlich zunächst im Bereich der Seelsorge zu tun. Wichtig und gewinnbringend wäre es nun, wenn die Ethik von der Praktischen Theologie insofern hinterfragen lässt, als dass diese aufzeigt, welche Fragen denn eigentlich in konkreten Situationen des Lebens von Betroffenen auftritt. Gleichzeitig kann die praktische Theologie von der Ethik so profitieren, als dass diese aufzeigt, wo eventuell ethische Probleme auftreten können und wie diese modelliert sind, so dass die praktische Theologie Wege findet, unter diesen Vorzeichen, Möglichkeiten der Kommunikation zu erarbeiten.

Es ist durch das gesagte offensichtlich, dass die praktische Theologie und die Ethik wenigstens zwei Wissenschaften außerhalb der Theologie haben, auf die Sie sich in höherem Maße als die anderen Kernfächer der Theologie beziehen: Die Soziologie und die Psychologie2. Dies ist insofern auch so simpel wie evident, da diese beiden Fächer versuchen, die Struktur und die Verfassung menschlichen Lebens zu beschreiben und zu deuten (womit sie sich von der Biologie und verwandten Fächern abheben).

Die größere Nähe der Ethik zur Dogmatik besteht wahrscheinlich eher in geistesgeschichtlicher Natur, indem man sich verdeutlicht, dass Ethik und Dogmatik auf philosophischen Wurzeln ruhen und andererseits die Trennung von Lehre und Leben etwas ist, dass erst in der Neuzeit aufkommt. Prinzipiell jedoch ist die Nähe zu praktischen Theologie für die Ethik für die zukünftige Bedeutung des Faches vielleicht von größerer Bedeutung: Etwas größeres als Leben des einzelnen Menschen gibt es – jedenfalls in hermeneutischer Perspektive – nicht zu beschreiben und zu deuten.

1Vgl. die Darstellung bei Albrecht, Christian: Enzyklopädische Probleme der Praktischen Theologie (Praktische Theologie in Geschichte und Gegenwart 10), Tübingen 2011, S. 89-104.

2Freilich hat v.a. die praktische Theologie noch viele andere Bezugswissenschaften, die hier nicht aufgezählt werden können. Mir geht es vor allem, hervorzuheben, dass Soziologie und Psychologie innerhalb der theologischen Landschaft fast ausschließlich von der Ethik und der Praktischen Theologie rezipiert werden. Eine gewisse Zeit hat die Dogmatik sich noch um religionspsychologische Fragen gekümmert; dies spielt in der gegenwärtigen Landschaft m.M.n. aber keine Rolle mehr.

Liturgie als In-Doktrination

Überlegungen eines Dogmatikers zur protestantischen Liturgik.

von Tobias Graßmann

Für diesen und den folgenden Essay habe ich mir vorgenommen, Überlegungen zu Funktion und Gestalt des Gottesdienstes schriftlich zu verarbeiten, die ich im Laufe des Vikariats sowie insbesondere durch die intensive und produktive Auseinandersetzung mit der Konzeption M. Nicols1 angestellt habe. Diesem sei noch einmal ausdrücklich für die anregenden Gespräche und die fruchtbare Korrespondenz gedankt.

Dieser erste Essay handelt von dem Grundproblem, einen protestantischen Zugang zur Liturgie zu finden (1.), sowie der Funktion der Liturgie für die protestantische Frömmigkeit (2.).

Abschließend versammelt er einige grundlegende Thesen zur protestantischen Liturgik (3.).

1. Reformatorische Altlasten der protestantischen Liturgik

Man kann sagen, dass die Liturgik, also das Nachdenken über Liturgie, in der protestantischen Theologie keinen besonders prominenten Platz einnimmt – verglichen mit anderen Unterdisziplinen der Praktischen Theologie wie etwa der Predigtlehre (Homiletik), der Seelsorgelehre (Poimenik) oder der Religionspädagogik. Auch in der kirchlichen Praxis ist oft ein „Fremdeln“ mit der Liturgie zu beobachten. Dies hat wohl nicht zuletzt mit der Reformation selbst zu tun, aus der die protestantischen Kirchen hervorgegangen sind.

So hatte sich die Ablassdebatte, welche sich schließlich zur Reformation auswachsen sollte, ursprünglich an folgendem Problem entzündet: Wie hat man es mit einer menschlicher Frömmigkeitspraxis zu halten, die das religiöse Interesse verfolgt, sich Verdienste vor Gott zu erwerben? Indem die Reformatoren jede solche Handlung als „Werkgerechtigkeit“ strikt zurückgewiesen und die freie Gnade Gottes betont haben, die sich durch menschliches Tun weder verdienen noch verlieren lässt, wurde ein Großteil der mittelalterlichen Frömmigkeitspraxis verdächtig oder zumindest funktionslos. Zudem haben die Reformatoren die kirchliche Tradition (auch) des Gottesdienstes ihrer theologischen Kritik unterzogen und sie erneut an der Bibel gemessen. Gegenläufig wurde daraufhin in der römisch-katholischen Theologie die Bedeutung der Liturgie stärker betont und deren traditionelle Form zunehmend fixiert. Auch in ihrer Gottesdienstpraxis bewegten sich die Konfessionen also zunehmend auseinander.

Gerade in der Abgrenzung vom Katholizismus und seinem (vermeintlich) „magischen Ritualismus“ konnte es im Protestantismus schnell zu einer intellektualistischen Verengung der Frömmigkeit kommen: Frömmigkeit bedeutet für Protestanten zunächst einmal, die Rechtfertigungslehre von Gott, der den Sünder aus Gnade gerecht spricht, zu hören und zu verstehen. Die Formen praktizierter Frömmigkeit, in denen diese Lehre vermittelt und vergewissert wird, traten in den Hintergrund. Für den Gottesdienst bedeutete dies, dass die Predigt als Wortgeschehen und denkbar explizite Form der Verkündigung christlicher Lehre gegenüber der Liturgie in den Vordergrund trat.

All das heißt nicht, dass es im Protestantismus keine frommen Handlungen und keine Liturgie im Vollsinn gab. Die mittelalterlichen Traditionen des Sonntagsgottesdienst wurden weiter gepflegt. An ihre Seite traten neue Formen gelebter Frömmigkeit bzw. Andacht in der Familie und im Alltag des Einzelnen. Allerdings wurde gerade diese häuslichen Formen gelebter Frömmigkeit von der Theologie wenig thematisiert, sondern mehr oder weniger als gegeben vorausgesetzt. Die Gestaltung des Sonntagsgottesdienstes wurde zwar geregelt, doch nicht wirklich theologisch fundiert und reflektiert, so dass sich der Flickenteppich protestantischer Kirchentümer auch in der Liturgie niederschlagen musste.

Das wirkt bis heute nach: Pfarrerinnen und Pfarrer betrachten die liturgischen Stücke des Gottesdienstes häufig als Füllwerk, das sich aus gebräuchlichen und vertrauten Formeln sowie spontanen Einfällen zusammenstückeln und beliebig aktuellen Bedürfnissen anpassen lässt, statt sich bewusst theologische Gedanken über die Struktur des Gottesdienstes und die Gestaltung der Liturgie zu machen.

In Zeiten, in denen der Gottesdienstbesuch (insbesondere des sog. „traditionskontinuierlichen Gottesdienstes“ am Sonntagmorgen) nicht mehr selbstverständlich und gesellschaftlich vorgeschrieben ist, wird nun aber das Defizit protestantischer Gottesdienstlehre sichtbar. Folgende Fragen müssen Laien wie der Pfarrerschaft gegenüber beantwortet werden: Was soll Liturgie grundsätzlich leisten? Welchen Ort und welchen Stellenwert hat sie im Kontext protestantischer Frömmigkeitspraxis? An welchen Kriterien kann sich eine protestantische Liturgik orientieren?

2. Frömmigkeitskultur als Lebensraum der religiösen Lehre

Um solche Fragen beantworten zu können, wird an dieser Stelle wird ein wenig grundsätzliche Religions- bzw. Frömmigkeitstheorie notwendig.

Ich verstehe (mit einer langen Tradition protestantischer Theologie aber gegen die derzeitige theologische Mode) christliche Religion primär als Lehre. Lehre bezeichnet dabei keine Zusammenstellung von philosophischen oder theologischen Merksätzen, sondern ein zusammenhängendes Verständnis von Selbst und Welt, welches deren tiefere Wahrheit2 erhellt und aus sich heraus ein bestimmtes Verhalten fordert. Auf den biblischen Ursprung und den theologischen Inhalt dieser Lehre muss hier nicht weiter eingegangen werden. Eine Besonderheit der christlich-religiösen Lehre aber ist, dass in ihr das Verständnis von Selbst und Welt durchgängig bestimmt ist vom (christlichen) Gottesgedanken. Erst vor dem Hintergrund dieser Lehre wird auch der aktuell erfahrbare, befreiende Zuspruch des Evangeliums verständlich.

Diese Lehre muss sich als Glaube bewähren, um nicht abstrakt und beliebig zu bleiben, sondern zur Gewissheit zu werden. „Als Glaube bewähren“ soll hier bedeuten, dass sich solch eine Lehre nicht einfach durch einen Versuch verifizieren lässt wie etwa die Hypothese, dass meine Haustüre abgeschlossen ist. Sie kann sich aber als begründet erweisen wie beispielsweise das Vertrauen, das ich einmal in eine Person gesetzt habe. Wenn sich in einer Situation erweist, dass eine Person mein Vertrauen wert war, dann festigt das die Beziehung und sie hat sich als Freundschaft oder Arbeitskontakt bewährt. Die Beziehung trägt. So ist auch die christliche Lehre darauf angelegt und angewiesen, sich in Lebenszusammenhängen zu bewähren. Wenn sie das kann, dann trägt der Glaube.3

Die Lebenszusammenhänge, in denen die Lehre sich für den Einzelnen zu bewähren hat, sind: Der Alltag, die Extremsituationen menschlichen Lebens sowie die Auseinandersetzung mit anderen Lehren. In einem unabschließbaren, immer neu zu durchlaufenden Prozess der Bewährung der christlichen Lehre (als Glaube) in den unterschiedlichen Lebenszusammenhängen besteht das, was ich mit Frömmigkeit bezeichne. Dabei ist es offensichtlicherweise nicht so, dass dieser Prozess eine schon vorgegebene Lehre nachträglich „umsetzt“, sondern ihre Bewährung oder Nicht-Bewährung wirkt auch kritisch-konstruktiv auf die Lehre selbst zurück. Frömmigkeit ist nicht bloßer Ausdruck der Lehre, sondern deren Lebensraum.

Wenn sich eine Lehre durch Frömmigkeit insbesondere im Alltag bewähren soll, kann diese Frömmigkeit nicht anders gedacht werden als „alltäglich“, d.h. gewohnheitsmäßig vertraut und nach bestimmten Regeln verlaufend. Nur so kann sie auch in Extremsituationen abgerufen werden, stützend und vergewissernd wirken. Sie wird nicht jeweils neu geschaffen, sondern im Zweifel in Frage gestellt und umgebildet. Wenn eine Lehre sich im Leben als tragender Glaube erweisen soll, muss man durch sie in-doktriniert (vgl. lat. doctrina, Lehre) werden und dazu in-kulturiert (vgl. lat. cultus, Pflege) sein in eine Gemeinschaft, in der diese Lehre gepflegt wird. Deshalb spreche ich von Frömmigkeitskultur als einem System von im Alltag und für den Alltag kultivierten, verlässlichen Formen der Frömmigkeit. Diese Frömmigkeitskultur ist normalerweise nicht rein individuell und selbsterzeugt, sondern man wächst als Christin oder Christ in eine bestimmte, sozial vorhandene Frömmigkeitskultur hinein und verhält sich dann selbständig zu ihr – in Aneignung oder in Abgrenzung.

Liturgie ist nun eine besonders kultivierte Form von Frömmigkeit. Es handelt sich dabei immer um extreme symbolische (bzw. rituelle) Verdichtungen, in denen christliche Lehre und Lebenszusammenhänge ins Verhältnis zueinander gebracht werden. Diese Verdichtung kondensiert einen Ausschnitt aus der Gesamtheit christlicher Lehre in Formeln und Gesten, während sie andererseits die Lebenswirklichkeit auf exemplarische Situationen verdichtet. Beides setzt sie im Spiel zwischen Liturgin bzw. Liturg und Gemeinde in ein Verhältnis ritueller Interaktion, die sich im Horizont Gottes vollzieht. Den Zusammenhang der einzelnen Interaktionen, welche in der Liturgie nacheinander durchlaufen werden, kann man gut mit Nicol als „Weg im Geheimnis“ begreifen, wobei sich hinter dem „Geheimnis“ konkret der Gottesbezug jeder einzelnen Interaktion sowie des Gesamtgeschehens verbirgt.

Liturgie begegnet im Leben der Kirche dabei in zwei grundlegenden Formen:

Liturgie kann erstens als regelmäßiger Gottesdienst im Kirchenjahr die Bewährung und Verankerung des Glaubens im Alltag unterstützen. Dann ist ihre Grundspannung die zwischen Ordinarium und Proprium – die Tage des Alltags gleichen sich und haben ihre Routine, doch hat jeder Tag seine Besonderheit (und wenn es nur der unverwechselbare Ort im Kalender oder die bestimmte Tageszeit ist). Ordinarium bezeichnet in der Liturgie die Stücke, die verlässlich in allen Gottesdiensten einer bestimmten geregelten Gottesdienstform ihren Platz haben, während Proprium die Stücke bezeichnet, die im Laufe des Kirchenjahres und seines Festkalenders wechseln.

Liturgie kann zweitens auch als Kasualie (Taufe, Trauung, Beerdigung, neue Kasualien etc.) eine Extremsituation des menschlichen Lebens (Geburt bzw. Konversion, Eheschließung, Todesfall, …) zum Anlass haben. Dann ist ihre Grundspannung die zwischen einer allgemeinmenschlichen Extrem- oder Schwellensituation und dem jeweiligen konkreten Kasus als Einzelfall (etwa der Taufe dieses bestimmten Kindes oder dem aktuellen Trauerfall). Hier hat die verbreitete Anknüpfung an die Theorie der Passageriten (van Gennep) ihre Berechtigung, die den regulären Gottesdienst nicht angemessen erfasst (gegen Josuttis‘ Konzept einer Initiation in das Heilige).

3. Thesen zu einer protestantischen Liturgik

Aus dem bisher Gesagten lassen sich nun Thesen für eine protestantische Liturgik entwickeln:

  1. liturgy matters!

    Die protestantische Vernachlässigung der Liturgie kann aus der Geschichte verständlich gemacht werden, ist aber gerade unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht mehr angebracht. Der Gottesdienst rechtfertigt sich nicht mehr einfach durch seine Existenz. Gleiches gilt für seine konkrete Gestalt, die weit entfernt davon ist, unmittelbar einzuleuchten. Gerade die gemeinschaftlichen Formen gelebter Frömmigkeit müssen deshalb auch unter Christinnen und Christen ausdrücklich begründet werden. Man kann sie nicht einfach als gegeben voraussetzen.

  2. Liturgie muss sich theologisch begründen lassen!

    Ihre Definition könnte lauten: Protestantische Liturgie unternimmt den rituell gestützten Versuch, die symbolisch verdichtete christliche Lehre am anthropologisch in Grundsituationen verdichteten Leben der Gemeinde vor Gott zu bewähren. Aus dem Bezug zur christlichen Lehre allgemein und Gott im besonderen ergibt sich deshalb: Liturgische Fragen können nicht (allein) ästhetisch oder rein pragmatisch entschieden werden. Dabei ist die Liturgie besonders an die theologische Anthropologie angeknüpft. Sie spricht normalerweise nicht in die jeweilige aktuelle Situation (wie eine gute Predigt), sondern thematisiert im Lichte Gottes das allgemein Menschliche.4

  3. Liturgie darf schön sein!

    Ästhetische Fragen dürfen bei der Gestaltung des Gottesdienstes trotzdem eine Rolle spielen. Die christliche Vorstellung von der Schönheit Gottes und seiner Schöpfung sollte Liturginnen und Liturgen gerade dazu ermutigen, selbst die Schönheit von Sprache, Musik, Kunst etc. anzustreben und in den Dienst der christlichen Lehre zu stellen. Was in diesem Kontext unter Schönheit zu verstehen ist, ist freilich eine andere, sehr interessante Frage. Das bedeutet auch, dass gute Liturgie Arbeit ist. Aber diese Zeit ist in der Regel gut investiert.

  4. Tradition ist wichtig, aber nicht unantastbar!

    Unter protestantischen Bedingungen müssen sich im Zweifel auch geprägte Formen der Tradition und klassisch gewordene Formulierungen theologischer Sachkritik unterwerfen. Schließlich kann seit dem Bruch der Reformation die kirchliche Tradition keinen (theologischen) Eigenwert mehr beanspruchen. Eine kritische Auseinandersetzung mit traditionellen Formeln muss stattfinden, wenn ihre Bedeutung unscharf oder theologisch fragwürdig geworden ist. Manchmal kann sich dann eine Anpassung als sachgerecht herausstellen. Liturginnen und Liturgen müssen auch traditionellen Wendungen einen Sinn abgewinnen können, um sie angemessen zu sprechen und gegebenenfalls im Interesse des Propriums (s.u. unter 8.) zu variieren.

  5. Keine liturgischen Kopfgeburten!

    Frömmigkeitskultur kann nicht am theologischen Reißbrett entworfen werden, sondern sie muss gelebt werden und organisch wachsen. Deshalb hat Liturgik ihren Ausgang bei der lebendigen Gottesdienstpraxis konkreter Gemeinden zu nehmen und angemessen zu berücksichtigen. Dogmatisch oder historisch begründeten Versuchen, irgendwelche „fehlenden“ liturgischen Elemente neu zu schaffen oder den „eigentlichen“ Sinn von liturgischen Stücken wiederherzustellen, sind so enge Grenzen gesetzt.

  6. Liturgie braucht Übung!

    Liturgie muss als kultivierte Frömmigkeit nicht um jeden Preis niederschwellig und selbsterklärend sein. Im Gottesdienst muss deshalb nicht alles mühsam erklärt und moderiert werden. Liturgie darf Einübung voraussetzen – wer etwa zum ersten Mal in eine Theatergruppe geht, sollte auch nicht sofort die Hauptrolle beanspruchen. An einer Kletterwand startet man als Anfänger nicht mit der schwierigsten Route. Beim allerersten Gottesdienstbesuch in einer neuen Gemeinde ist ein Gefühl der Desorientierung durchaus zumutbar. Es wäre aber fatal, wenn sich das nach dem zweiten oder dritten Gottesdienst nicht entscheidend geändert haben sollte. Auch spricht nichts gegen eine stärkere Berücksichtigung liturgiebezogener Kompetenzen im Rahmen von Religions- und Gemeindepädagogik. Das wäre im Gegenteil sehr wünschenswert.

  7. Liturgie will grundsätzlich verstanden werden.

    Das gilt für die Bedeutung der liturgischen Stücke und ihre Stellung im Gottesdienst ebenso wie für ihre Sprache. Es ist (leider weit verbreiteter) Unsinn, den religiösen Wert der Liturgie gerade am „Mysterium“ als ihrer Unverständlichkeit für alle Uneingeweihten festzumachen. Das eigentliche Mysterium des Gottesdienstes ereignet sich, wann immer es zum Kontakt mit der Gotteswirklichkeit kommt und sich die lebenserschließende Kraft der christlichen Lehre für die Glaubenden bewährt – nicht dann, wenn Gottesdienstbesucher rätseln, was da vorne gerade eigentlich passiert!

  8. Liturgie muss verlässlich sein.

    Das gilt besonders, wenn sie von der Gemeinde aktiv mitvollzogen werden soll – und das soll sie! Es geht um eine kontinuierliche In-Doktrination, um Einübung in das Christentum und seine Lehre. Dieser religiöse Lernprozess lebt von einer vertiefenden und leicht variierenden Wiederholung, wie sie die liturgische Spannung von Proprium und Ordinarium gewährleistet. Eine Liturgie „nur aus Proprium“ kann ihre Wirkung nicht entfalten! Diese notwendige Verlässlichkeit (und nicht die Erhabenheit der Tradition als solche) ist auch der sachliche Grund, weshalb es im Zweifel meist die richtige liturgische Entscheidung ist, einer geprägten Formel den Vorzug zu geben. Das wiederum erklärt möglicherweise, weshalb theologisch eher konservative Positionen die Eigenheiten der Liturgie häufig besser erfassen als die, die aus einem starken Modernisierungsimpuls heraus argumentieren. Aber Gottesdienst darf natürlich auch keine stumpfe und mechanische Wiederholung bieten, wenn er echte Einübung und auch kritische Aneignung ermöglichen soll.

  9. Gottesdienst gehört zum Alltag.

    Die verbreitete Rede vom Gottesdienst als einer „Unterbrechung des Alltags“ ist problematisch. Für die Kasualie oder zumindest das Ereignis, das sie zum Anlass hat, gilt das zweifellos. Der reguläre Gottesdienst aber ist für Liturginnen und Besucher ein alltägliches oder genauer: allsonntägliches Angebot, selbst wenn man es nur selten bis nie in Anspruch nehmen sollte. Die Erwartung, völlig überrascht zu werden und eine außergewöhnliche Erfahrung zu machen, ist hier fehl am Platz. Wenn Bekehrungen und radikale Neuausrichtungen des Lebens stattfinden, dann ja selten im agendarischen Sonntagsgottesdienst …

  10. Gottesdienst ist Gotteszeit im Alltag.

    Gleichwohl kann der Gottesdienst Kontrapunkt (M. Nicol) des Alltags innerhalb des Alltags sein – als eine solche Möglichkeit „aufzutanken“ wird er von vielen Gottesdienstbesuchern sehr geschätzt. Gerade durch die Liturgie und ihren hohen Grad an symbolischer Verdichtung bringt er den Alltag sozusagen „auf den Punkt“ – indem er uns mit ihm vor das Angesicht Gottes stellt.

Diese Thesen umreißen nicht von ungefähr ein Spannungsfeld, in dem immer wieder die richtige Mitte zwischen Tradition und Innovation, zwischen Theologie und Ästhetik, zwischen Verlässlichkeit und Abwechslung zu suchen ist. Auch deshalb gilt grundsätzlich immer:

  1. Liturgie bleibt ein Wagnis!

    Liturgie muss nicht nur von Liturginnen und Liturgen, sondern von der ganzen versammelten Gemeinde gewagt werden. Die symbolische Verdichtung von Lebenswirklichkeit und christlicher Lehre kann gelingen oder auch nicht. Dass beides in Kontakt kommt und sich so die Lehre als Glaube am Leben bewährt, liegt allein in Gottes Macht.

    Das entbindet Pfarrerinnen und Pfarrer nicht von ihrer Verantwortung für die liturgische Gestalt des Gottesdienstes. Weder die Flucht in geprägte, traditionelle Formeln, noch die Flucht in die Authentizität der eigenen Alltagssprache kann gänzlich von dem Wagnis befreien, genau die Worte zu finden, die hier und heute Gott und den Menschen angemessen sind.

1 Martin Nicol: Weg im Geheimnis. Plädoyer für den Evangelischen Gottesdienst, 3., erweiterte Auflage, Göttingen 2011. Siehe dazu auch meinen Blogartikel zur Begegnung mit Nicol.

2 Man könnte genauso vom „Wesen“ oder von „Sinn“ sprechen. Für den Begriff der Wahrheit spricht meines Erachtens seine begriffliche Anschlussfähigkeit an andere theologische Problemkomplexe, etwa in der Hermeneutik oder der Gotteslehre, sowie sein anti-relativistischer Beiklang (im Unterschied zu dem oft subjektiv verengten Sinn).

3 Hier steht, für den theologischen Kenner, die Unterscheidung von fides quae und fides qua im Hintergrund, wobei ich den Glauben als fides qua immer voraussetze, diesen aber explizit an die Bewährung der fides quae im Leben des Glaubenden rückverweise. Deshalb soll nicht bestritten werden, dass die fides qua logisch wie theologisch primär ist und allein durch den Heiligen Geist gewirkt wird. Die tiefer reichende Frage nach dem Ursprung des Glaubens ist hier nicht zu diskutieren.

4 Gerade diesen Gedanken habe ich von Nicol übernommen.