Rezension: Manuel Stetter, Die Predigt als Praxis der Veränderung. Ein Beitrag zur Grundlegung der Homiletik

Anmerkung der Redaktion: Mit dieser Rezension wechselt die Verantwortlichkeit im Ressort „Klassiker und Rezensionen“ von Tobias Jammerthal zu Martin Böger. Tobias Jammerthal sei an dieser Stelle herzlich für die sehr erfolgreiche Arbeit gedankt. Wir freuen uns, dass der „Staffelstab“ für dieses Ressort in Tübingen bleibt und danken Martin Böger, dass er weitermacht. Er liefert selbst die erste Rezension.

Manuel Stetter, Die Predigt als Praxis der Veränderung. Ein Beitrag zur Grundlegung der Homiletik, (APTLH 92), Göttingen/Bristol 2018.

Rezensiert für www.nthk.de von Martin Böger

Predigen verändert die Welt.“ (S. 1) Den Weg, diese einfache und gleichzeitig gehaltvolle Überzeugung wissenschaftstheoretisch näher in den Blick zu nehmen, unternimmt Manuel Stetter in seiner Studie: Die Predigt als Praxis der Veränderung.

Stetter macht es sich zur Aufgabe, eine begründungstheoretische Lücke zu schließen und sich aus wissenschaftlicher Sicht genau jenem Phänomen und jener allgemein anerkannten Erfahrung und Zielsetzung des Predigens zu nähern, die die Hörendenden existentiell ansprechen und verändern will.

Nach einem einführenden Abschnitt, der sich der transformativen Dimension der Predigt anhand ihrer religiösen Beziehungen vergewissert, nähert sich Stetter dem sehr ausführlichen und überaus reichhaltigen materiellen Teil seiner Studie. In diesem beschreibt er detailliert und fachkundig philosophische Entwürfe des Selbst, seiner Selbstdeutung und kritischen Entwicklung. Ziel ist es dabei, die Homiletik in ein fruchtbares Gespräch mit diesen „lebensweltlich situierten Praktiken“ des Transformativen zu verwickeln.

Der materielle Teil gliedert sich in vier Abschnitte, die jeweils einen spezifischen philosophischen-wissenschaftlichen Fachdiskurs beschreiben und deren Erkenntnisse für eine Homiletik mit dem Anspruch der Transformation ausloten.

Im ersten Abschnitt untersucht Stetter kritiktheoretische Perspektiven, die transformative Dimensionen für die Selbstdeutung bereithalten. Zusammengefasst beschreibt Stetter die kritische Praxis als eine Spiegelungskunst, die einerseits ein Bild der bereits realisierten Existenz zu zeichnen vermag und andererseits Räume für Hoffnungen und Zukünftiges eröffnen kann. Daher kann es zur Gretchenfrage werden, ob die Kritik entweder vom Bestehenden (status quo) oder vom Erhofften (status novus) her formuliert wird.

Im zweiten Abschnitt bedenkt Stetter ästhetische Perspektiven, die sich der Predigt als Erfahrunsgraum der Schwelle (Liminalität) annähern. Auf deren Grenze kann der Einzelne die Erfahrungen seines Alltages gesteigert entdecken, beschreiben und reflektieren. Die Predigt, und mit ihr der Gottesdienst, werden so zu einer Kunst der Schwellenerfahrung, die dazu anhebt, die Ästhetik des Alltäglichen in einem experimentellen Charakter auf Zeit zu transformieren und transzendieren.

Im dritten Abschnitt widmet sich Stetter rhetorischen Perspektiven, die darauf abzielen, die transformative Dimension einer zwischenmenschlichen Kommunikation eines Überzeugens anstatt eines Überreden zu deuten und darin das besondere transformative Element einer sprachlichen Kommunikation stark zu machen.

Im vierten Abschnitt, der als eine Art übergeordnete Bezugs- und Rahmenkategorie anzusehen ist, beschäftigt sich Stetter mit dem aktuellen gesellschaftlichen Rahmen des Religiösen, innerhalb dessen die Predigt ihre transformative Dimension zu entfalten hat. Es geht um die Einsicht in die Pluralität des Religiösen und dem damit einhergehenden Pluralismus der Lebens- und Sinndeutungen, inmitten deren sich das Predigtgeschehen zu verstehen und zu positionieren hat.

Stetter benennt das Predigtgeschehen als eine Reflexionspraxis und fasst summarisch den letztendlich angestrebten Reflexionsertrag seiner Studie darin zusammen, die Predigt unter dem Konzept einer Aneignungspraxis zu verstehen. Denn der Begriff der Aneignung schaffe es, (1.) die Balance zwischen Absicht auf Wirkung und Absicht auf Autonomie im Predigtgeschehen zu fassen; (2.) erhelle der Begriff nicht nur den Vorgang der Rezeption, sondern auch der Produktion einer Predigt; (3.) bedenke der Begriff der Aneignung die der Predigt strukturell innewohnenden Dialektik des Rekurses auf und die Überschreitung von individuellen Selbstentwürfen und schaffe es (4.) im Predigtgeschehen die Überschreitungs- und Rekursionskunst für eine Selbstverständigung und-erschließung des Hörers deutbar zu machen.

Wo sich der Rezensent manchmal etwas in der Komplexität und Dichte der Reflexionen im materialen Teil der Studie zu verlieren droht, zeigt sich eine kleine dornige Herausforderung der Studie: Dem Leser wird keine leicht verdauliche Kost vorgesetzt, sondern eine komplexe und diffizile, deren Verständnis sich erst durch eine eingehendere Auseinandersetzung einstellt. Hilfreich ist es hier, sich an die resümierenden Abschnitte zu halten ein, die den Blick wieder auf das Ganze und das Wesentliche der Grundfragestellung richten.

Stetter schließt mit seiner versierten und beeindruckend detailreichen Studie eine Lücke der homiletischen Reflexion. Ausgehend vom Verständnis der Predigt als einer religiösen Reflexionspraxis zur Selbstverständigung, wird diese spezifische Erwartung an die Predigt aus schwammigen und diffusen Begrifflichkeiten in das wissenschaftlich-systematisierende und herausfordernde Licht von Ästhetik, Rhetorik und Kritiktheorie geführt. In dieser Auseinandersetzung zeigt sich die theologische Homiletik auf Augenhöhe, die den Diskurs und die selbstbewusste Positionierung mit angrenzenden Fachgebieten nicht zu scheuen braucht. Die Predigt ist neben ihrer biblisch-religiösen Dimension eben gerade auf jene kritischen und philosophisch angereicherten Reflexionen angewiesen, um im Vollzug ihr ganzes transformatives Potential entfalten zu können.

 

Martin Böger ist Pfarrer und Repetent am Ev Stift in Tübingen. Für NThK verantwortet er das Ressort „Klassiker und Rezensionen“.

It’s the theology, stupid!

Ein Kommentar von Tobias Graßmann (@luthvind)

Der Kirchentag 2017 ist vorbei und er hat mich irgendwie nicht genug interessiert, um dafür mein Seminar abzusagen und meine Familie einzupacken. Kann sein, dass ich da was verpasst habe.

Das bedeutet allerdings nicht, dass ich gar nichts mitbekommen hätte. Denn so ein Kirchentag sorgt ja auch für Debattenstoff. Debatten sind erst einmal gut. Wenn ich meiner Twitter-Timeline trauen darf, drehten die sich dieses Mal vor allem um den richtigen Umgang mit der AFD. Aber irgendwie ging es auch um Früchtetee und Tassengrößen, was dann mit der großen Frage zu tun haben soll, wieso zu Kirche die falschen Leute kommen und die richtigen entsprechend wegbleiben. Wobei das mit falsch und richtig natürlich niemand so deutlich ausspricht. Muss man auch nicht, ist ja Allen klar.

Man kann diese Fragen immer wieder einmal stellen. Aber man wird in der Diskussion kaum weiterkommen, wenn man das zentrale Problem unserer Kirche ausklammert. Dazu ein kleines Gedankenspiel:

Gehen wir davon aus, ein Mensch „verirrt“ sich in eine evangelische Kirche. Er, nein besser: sie hat auf einer grässlich unübersichtlichen Homepage tatsächlich den Termin eines Gottesdienstes gefunden, hat sich Sonntagmorgen aus dem Bett gequält, sich von der mürrischen Mesnerin ebenso wenig abschrecken lassen wie von dem Kirchenvorsteher, der in seinem missionarischen Eifer dem neuen Gesicht gleich ein wenig übergriffig zu Leibe rückt. Nun sitzt sie da im Gottesdienst und weiß nicht so recht, was sie sich davon eigentlich erwartet.

Wir auch nicht. Aber egal, was sie sich erwartet – was erlebt diese Person in unserer (ok, etwas klischeehaft gezeichneten) Gemeinde? Lieder, bei denen die Gemeinde eher zaghaft mitsingt, eine beliebig zusammengestückelte Liturgie und dann endlich die Predigt. Deren Plot lässt sich in etwa so zusammenfassen: „Wer den Nächsten lieben will, muss erst einmal sich selbst lieben. Gott liebt uns so, wie wir sind. Wenn man das ganz fest glaubt, dann wird alles gut.“ Dazu noch irgendwelche privaten Erlebnisse des Pfarrers, die man im Telefongespräch mit der besten Freundin wohl kaum berichtenswert fände. Irgendwie haben sie es trotzdem in die Predigt geschafft, wahrscheinlich für den Lebensweltbezug.

Falls sich diese Person davon angesprochen fühlt, kommt sie nächste Woche wieder. Und hört mehr oder weniger das Gleiche. Und wieder. Und wieder. Wie lange tut man sich das als vernünftiger Mensch eigentlich an? Weshalb war sie nochmal genau gekommen?

Und hier sind wir an dem Punkt, weshalb die Suche nach fresh expressions of church eben zu kurz greift. Es geht bei der Krise unserer Kirche nicht oder zumindest nicht nur um den Ausdruck, der frisch und modern werden muss. Es geht nur am Rande um Gottesdiensformen, um Milieuverengung, um Kekse und Früchtetee.

Zu oft servieren wir den Menschen in unseren Gemeinden ein theologisches Sparmenü. Wir köcheln es zusammen in den Geschmacksvariationen „Großvater erzählt“, „Frauen in der Mitte des Lebens“ oder „Kindermutmachgottesdienst“. Wenn wir unserer Menükarte jetzt noch ein paar neue Gerichte dieser Art hinzufügen, zugeschnitten etwa auf die „urbanen Twentysomethings“ oder so, dann sprechen wir vielleicht eine Handvoll neuer Leute an. Ein paar Müde und Beladene werden schon kommen; solche, denen die Botschaft erst einmal egal ist, weil sie einfach Anschluss und Trost suchen. Tolle, wertvolle Menschen, gewiss – aber was ist mit den Anderen?

Das schwarze theologische Loch, das viele Predigten so austauschbar und banal macht, lässt sich nicht mit Beamerunterstützung, neuen Songs, professionellen Homepages, stylischen Plakaten, schicken pastoralen Outfits und abgefahrenen Veranstaltungstformaten stopfen. Auch nicht durch tätige Nächstenliebe oder diese „ganz besondere Gemeinschaft“, die immer bloße Behauptung war. Und schon gar nicht durch billiges Moralisieren, das sich politisch gibt, aber genau das Gegenteil bedeutet. Denn wenn wir uns versichern, dass wir irgendwie Aalle gegen Krieg, Klimakatastrophe und Kinderarbeit sind, ist damit für die politische Orientierung mündiger Christenmenschen halt wenig gewonnen. Oder?

Was also ist zu tun? Es wäre erst einmal einzugestehen, dass Gemeindeglieder an kirchliche Veranstaltungen Erwartungen haben. Legitime Erwartungen. Der Einwand, dass da eine theologisch anspruchsvolle Predigt ja wohl nicht dazu gehöre, überzeugt mich nicht im Geringsten. Denn Theologie meint eben nicht verkopftes Geschwafel, sondern Arbeit an Lebens- und Glaubensproblemen. Es geht um die Fragen, die in den Texten der Bibel, aber auch den theologischen Klassikern von Paulus über Augustin und Luther bis hin zu Karl Barth vibrieren – aber heute aus unseren Gottesdiensten weitgehend verbannt sind! Wem das alles zu „churchy“ ist, der oder die wird freilich auch in Film, Musik und Literatur fündig. Auch da begegnen Heil und Verderben, Schuld und Vergebung, Zorn und Versöhnung, Glück und sein Scheitern, Zweifel und neue Gewissheit – all die Eisen halt, die anzufassen wir Prediger oft zu hitzeempfindlich sind!

Wirklich, ich habe hohen Respekt vor Pfarrerinnen und Pfarrern, die sich der Herausforderung stellen, fast wöchentlich in der Predigt etwas Interessantes und Geistreiches über Gott, die Welt und den Menschen sagen zu müssen! Ich kann mir halt nicht vorstellen, wie das gehen soll mit einer Theologie, die sich auf drei Sätze eindampfen lässt. Denn die Wenigsten von uns haben ein so spannendes Leben, dass unsere privaten Erlebnisse Woche für Woche eine Predigt tragen. Und selbst dann interessiert mich Biografie auf der Kanzel eigentlich nur, wenn sie mir etwas über das Leben mit Gott erschließt. Was bitte erschließt es mir, dass Pfarrerinnen und Pfarrer Blumenzwiebeln einpflanzen, im Wald spazieren gehen oder abends mal ein gutes Buch lesen? Wobei – ich stelle mir bei solchen Banalitäten manchmal die Frage, ob das nicht als best practice aus irgendeiner Predigtmeditation stammt. In dem Fall wären es die Verfasser dieser wenig hilfreichen Hilfen, die mein Zorn trifft.

Denn es macht mich zornig! Es erfüllt mich mit Ärger, dass die Menschen mit ihren Fragen alleine gelassen werden. Etwa Fragen wie: „Wie bekomme ich meinen Glauben mit meinem naturwissenschaftlich geprägten Weltbild zusammen? Wie erkläre ich meinem muslimischen Freund, warum wir an einen dreieinigen Gott glauben? Wie gehe ich mit Texten in der Bibel um, die mir Angst machen oder mich ratlos zurücklassen?“ Und da ist noch keine große Krise dabei, noch keine Theodizee, keine der letzten Fragen, die sich an der Grenze zwischen Leben und Tod stellt.

Wer die Kirche wieder „relevant“ machen will, muss ihr die theologische Substanz zurückgeben. Und damit wir uns verstehen: Ich habe hier das Beispiel Predigt gewählt, aber das ließe sich für andere Handlungsfelder genauso durchspielen. Für die Schülerinnen und Schüler, die im Hormongewitter der Pubertät mit betulichen Geschichtchen abgespeist werden. Oder Senioren, die sich für die mittelalterliche Geschichte ihrer Kirche interessieren würden, doch geboten wird einmal mehr nur „Fröhlich durch alle Jahreszeiten“.

Theologinnen und Theologendürfen das Negative nicht länger aussparen, das Sperrige, das Dunkle und Fragwürdige, das Spannende. Gebannt hören die Leute nur zu, wenn sie merken, dass die bekannten, die einfachen, allzu rechtgläubigen und bieder moralischen Antworten nicht mehr greifen. Und wir müssen dafür eine Sprache suchen, die nicht museal und pastoral klingt, aber auch nicht zulässt, dass so große Worte wie Heil und Seligkeit, Barmherzigkeit und Gnade sich auflösen in die belanglose Nettigkeit, die in unseren Gemeinden so oft herrscht.

Das kann man dann meinetwegen auch „Fresh X“ nennen.