Rezension zu: Erik Flügge, „Nicht heulen, sondern handeln“

Erik Flügge: Nicht heulen, sondern handeln. Thesen für einen mutigen Protestantismus der Zukunft, Kösel-Verlag, München 2019, 90 Seiten, 12,00 Euro.

Diese Rezension erschien zuerst im Materialdienst der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, Berlin: MdEZW 83/2 (2020), S. 154–158.

Mit seinem ersten Buch erklomm er die Spiegel-Bestseller-Liste („Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt“, 2016), bald folgte eine zweite, ebenfalls viel gelesene Kirchenreformschrift („Eine Kirche für viele statt heiligem Rest“, 2018, gemeinsam mit David Holte). Im letzten Jahr hat sich der Politikberater und freie Autor Erik Flügge dann ausdrücklich die evangelische Kirche vorgenommen, mit einem schmissigen Plädoyer für einen protestantischen Neuaufbruch. Er findet damit erneut gehörige Resonanz.

Man wird von einem Text dieser Gattung und Kürze keine sorgfältigen Analysen und abgewogenen Urteile erwarten. Hier wird nicht differenziert argumentiert, sondern provokativ zugespitzt. Dabei werden subjektive Beobachtungen, Empfindungen und Ideen im Schwung der Rede zu Behauptungen mit Anspruch auf allgemeine Gültigkeit. Aber der Duktus apodiktischer Selbstgewissheit ist nicht so sehr Ausdruck von Selbstgefälligkeit als Mittel rhetorischer Verschärfung. Flügge weiß, dass seine Rede Leserinnen und Leser in Teilen „wütend machen“ (15) wird, und er will sie wütend machen.

Dagegen ist wenig einzuwenden. Entscheidend ist, ob es sich um eine produktive Provokation handelt. Warum sollte man sich nicht einmal von den Eindrücken und Einfällen eines jüngeren Zeitgenossen herausfordern lassen, wenn es der Zukunft des Protestantismus dient? Dass Flügge selbst ein „liberaler Katholik“ ist, den ein Faible für das Protestantische zum Schreiben treibt, tut hierin nichts zur Sache. Was also hat er zu sagen, nach Abzug aller dem rhetorischen Effekt geschuldeten Einseitigkeiten, Pauschalisierungen und Überspitzungen?

Der Basissatz seines Thesenbuches lautet, nicht ganz überraschend: Es steht schlecht um den Protestantismus. Diejenige christliche Konfession, die die moderne Welt geprägt hat wie keine andere, ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. In den Kirchen herrscht gähnende Leere. Das Alter der wenigen Gottesdienstbesucher ist so hoch wie die atmosphärische Tristesse tief. So versinken die Kirchenleute „in ständiger Trauer über den langsamen Niedergang“ (16). In archivarischer Traditionsfixierung versäumen sie es, endlich nach vorne zu schauen und das Alte „zugunsten des schöpferisch Neuen“ (20) entschieden hinter sich zu lassen. „Wie erhebend wäre jener Moment, in dem sich ein Protestant loslöste von der Vergangenheit und eine Wand einschlüge. Die Wand einer Kirche, damit die Welt von draußen hineinbricht. Damit das geschäftige Treiben auf unseren Einkaufsstraßen in die Kirche hineinbrandet. Damit die Flut der Nachrichten rund um die Welt das Innerste des Kirchenraums durchflutet.“ (20)

Flügges Grunddiagnose ist eine rhetorisch dramatisierte Reformulierung des kirchensoziologischen common sense. Sie ist nicht falsch. Aber dann seine Lösungsparole: die Wand der Kirche einschlagen, damit die Welt hineinbricht, hineinbrandet, hineinflutet. Das Bild scheint direkt dem Programm eines politischen Nachtgebets von 1974 entnommen und gehört zu den abgegriffensten Reformmetaphern der letzten Jahrzehnte.

Es folgen Konkretisierungen. Dabei wird man bald mit einer radikalen These konfrontiert. Flügge ruft den protestantischen Leserinnen und Lesern zu: „Ihre Gottesdienste sind tot. Sie werden nicht mehr lebendig.“ (30) Seiner Ansicht nach lässt sich dem evangelischen Gottesdienst auch nicht durch irgendwelche Umformatierungen neues Leben einhauchen. Warum nicht? Weil die Kanzelrede obsolet geworden ist. „Warum sollte man einer protestantischen Predigt […] lauschen? – Man erfährt ja nichts Neues, sondern nur mittellauwarm Aufgewärmtes.“ (26f)

Nun ist die Klage über irrelevante Predigten ihrerseits so alt wie die protestantische Predigt selbst. Aber die Begründung der Irrelevanzbehauptung lässt aufhorchen. Gottesdienst und Predigt, so Flügge, sind just durch den Siegeszug des Protestantismus selbst obsolet geworden. Denn kraft der reformatorischen Idee vom Priestertum aller Gläubigen wurden die Menschen zu einer Gottesbeziehung befreit, die keiner priesterlichen Vermittlung mehr bedarf ­– Protestanten können auch im stillen Kämmerlein und in der freien Natur gottinnig sein. Und sie wurden befreit zu einer Mündigkeit, die keine pastorale Belehrung von der Kanzel mehr braucht ­– der protestantische Mensch kann selbst in der Bibel lesen und kann sich seinen eigenen Reim auf Gott und die Welt machen.

Der Erfolg des Protestantismus also hat Gottesdienst und Predigt überflüssig gemacht. Darum spricht Flügge seinen Leserinnen und Lesern tröstend zu, „dass das Ende des Gottesdienstes Sie nicht erschrecken muss, sondern erfreuen könnte“ (34). Es ist dementsprechend endlich die „Möglichkeit eines Protestantismus ohne Gottesdienst“ (31) mutig ins Auge zu fassen und wohlgemut zu bejahen, um sich der beschriebenen Dauerfrustration zu entledigen. Freilich rechnet der Thesenautor mit heftigem Widerstand gegen diese Option. Denn seiner Erfahrung nach wird die Überzeugung vom Gottesdienst als „Mittelpunkt einer Kirche“ (31) von der protestantischen Funktionselite als unantastbares Dogma ins Feld geführt, auch wenn sie durch das Fernbleiben von 97% der Kirchenmitglieder Sonntag für Sonntag als Zeichen einer binnenkirchlichen „Verweigerung der Realität“ (31) entlarvt wird.

Die „Realität“ auf seiner Seite zu wissen, ist immer gut. Und tatsächlich ist die Wirklichkeit der Zahlen ja kein schwaches Argument. Der Gedanke, das Ausbleiben der allermeisten sei ein Beweis für die Verzichtbarkeit des Gottesdienstes, ist nachvollziehbar. Man sollte ihn auch nicht reflexhaft mit der Berufung auf Artikel VII des Augsburger Bekenntnisses erledigen. Aber sicher genügen die Überzahl der Fernbleibenden und die Ideen Gottunmittelbarkeit und Mündigkeit nicht als Argumente für die Abschaffung. In welchem Verhältnis steht der beträchtliche kirchliche Ressourcenaufwand zu der Erbauung, die der Gottesdienst nicht wenigen Menschen immer noch zu bieten scheint? Welchen Beitrag leisten dazu neben der Predigt die Musik, das gemeinsames Singen und Beten? In welchem Verhältnis steht der Wert des Gottesdienstes für die Anwesenden zu der Relevanz für die Abwesenden, welche Religionssoziologen mit dem Begriff der „stellvertretenden Religion“ (Grace Davie) geltend machen? Lässt sich überhaupt eine Religionsgemeinschaft ohne ein symbolisches Zentrum in einem institutionalisierten Ritus denken? Eine Erwägung dieser komplexen Fragen darf man in dem Provokationsbuch nicht suchen. Aber sie wird von ihm immerhin – provoziert.

Auch im Weiteren überdeckt der Hang zur Radikalität fast die bedenkenswerten Impulse. Denn Flügges Vision eines Protestantismus ohne Gottesdienst ist zwar überspitzt, aber nicht in jeder Hinsicht abwegig. Sie nimmt die alte kulturprotestantische Idee einer Religiosität im Gewand der Kunstandacht auf. „Haben Sie schon einmal auf einem Kirchenkonzert in einer protestantischen Kirche nur die Gesichter beobachtet? Eine stille Zufriedenheit in jedem Menschen, der da ist. Viele Augen geschlossen und ganz konzentriert auf den Moment. Es sind diese Augenblicke, für die ich diese Konfession liebe.“ (37) Wie andere vor und neben ihm macht Flügge darauf aufmerksam, dass es in der Moderne auch eine christliche Religiosität oder „Spiritualität“ jenseits kirchlicher Formen gibt, die als ernstzunehmende Gestalt von Christentum zu würdigen und von der Kirche zu fördern ist. Da der Sinn für die ästhetischen Spielarten des Religiösen durchaus nicht überall anzutreffen ist, kann man diesen neuerlichen Hinweis umstandslos begrüßen. Gleichwohl sind auch hier Rückfragen angebracht: Ist das Besucherpotential bei Kirchenkonzerten wirklich so viel größer als bei Gottesdiensten? Sind nicht die bürgerlichen Bildungsvoraussetzungen eher noch höher als niedriger? Wie oft passiert es außerdem im Konzert, dass sich die kontemplative Innerlichkeit gar nicht einstellen will, weil einem die Tonkunst äußerlich bleibt?

Nach dem Gottesdienst widmet sich der Autor zwei weiteren Identitätsmerkmalen des Protestantismus: dem Rekurs auf die Bibel und auf den Reformator. Wieder legt er den Finger in offene Wunden und fordert damit legitimerweise zur Auseinandersetzung heraus. Seit Antike und Reformation hat sich der Abstand zwischen den biblischen Texten und der Welt der Gegenwart massiv vergrößert. Auch das ist keine neue Einsicht, aber Flügge bringt ein daraus resultierendes Grundproblem gut auf den Punkt. Der konstitutive Schriftbezug macht die protestantische Frömmigkeit umwegig und daher schwergängig: „Weil sich der erklärende Text“, der den Abstand zu überbrücken hat, „immer mehr in die Länge ziehen muss.“ (47) Dazu kommt die distanzierende Wirkung des historischen Bewusstseins, das sich von der Bibel nicht fernhalten lässt. Um ihrem „Relevanzverlust“ (48) entgegenzutreten, fordert Flügge: „Schreiben Sie die Bibel endlich fort.“ (48) Weil dem Protestantismus aber die Aktualisierung im katholischen Modus lehramtlicher Auslegung nicht zu Gebote steht, kann er nur auf die Fortschreibung durch einen neuen Propheten oder eine neue Prophetin hoffen. Sonst droht ihm die Vergreisung.

Luther war einst ein solcher Prophet. Aber: „Luther ist tot.“ (51) Seine Aktualisierung der Schrift hat sich überlebt, weil der geistige Abstand der Gegenwart auch zur Reformationszeit immer größer wird. „Mit jedem Tag, der vergeht, verliert Luther an Aktualität. Egal, wie sehr man die Aktualität Luthers auch als Kirche immer neu beschwört.“ (52) Natürlich ist das wieder provokativ formuliert. Ob sich aber Theologie und Kirche zu oft damit begnügen, lutherische Schlüsselgedanken zu reformulieren und zu erklären, wird man immerhin fragen dürfen. Auch hier trifft es zu: Der dominierende Reformationsbezug macht die protestantische Frömmigkeit schwergängig, weil er immer längere Erläuterungen erfordert.

Sollte sich aber ausgerechnet die Hoffnung auf eine neue Prophetin als Ausweg aus der Vergreisungsgefahr und aus der „Ecken- und Kantenlosigkeit“ (66) der modernen Synoden- und Funktionärskirche empfehlen? Könnte ein solcher Prophet die „innere Ausgebranntheit der gesamten Kirche“ (26) und den von Flügge dafür maßgeblich verantwortlich gemachten Zweifel an der leiblichen Auferstehung überwinden? Und kommt wirklich die vorgeschlagene Direktwahl von Reformimpulsgebern „auf Zeit“ durch alle protestantischen Christen weltweit als ein Mittel zur Prophetenfindung infrage? Flügge ahnt selbst, dass er mit diesen Vorschlägen ins Abwegige gerät. Aber man kann aus ihnen den Appell an die „frei denkenden Menschen“ (74) in Theologie und Kirche ableiten, ohne traditionalistisches Korsett (wohl aber mit Traditionsbewusstsein) nach gegenwartsplausiblen Gestalten von Christentum zu suchen. Dass sie sich dann auch breitenwirksam durchsetzen, steht nicht in der Macht institutioneller Organisation.

Blickt man auf die Lektüre zurück, bleibt das Gesamtbild zwiespältig. Flügges Pathos radikaler Infragestellung ist anstrengend, und es wirkt in seiner Überspanntheit zugleich sehr medienmarktförmig. Aber obgleich die Lösungen zu kurz greifen, enthält das Büchlein doch einige produktive Denkanstöße. Es ist ihm daher trotz allem zu wünschen, dass es noch einige Leserinnen und Leser findet. Bald wird es wieder vergessen sein. Eine Provokation, die Reformen oder gar Reformationen hervorrufen will, braucht mehr Substanz.

Martin Fritz

Vom Predigen. Widersprüche zu #abkanzeln

von Niklas Schleicher

 

Wir haben vor zehn Jahren erfolgreich die Idole getötet
Und jetzt hängen wir im Zuckerbergwerk, labern nur Blödsinn
Und ich weiß ihr wollt ’ne Hymne und ’ne provokante Botschaft
Doch ich stolper‘ zwischen Prediger und kollektiver Ohnmacht
Scheiß auf Jugendrebellion, ich hab‘ die Faxen dick
(Disko Degenhardt: „Der Druck bleibt“)

 

cara

Heute predige ich darüber, dass man es nicht verhindern kann, Fehler zu machen, aber dass man bei allem versuchen kann, Mensch zu bleiben, denn das ist immer gut. (@PastoraCara)

Ich bin nicht der richtige für den Widerspruch zum Artikel von Hanna Jacobs (https://www.zeit.de/2018/44/religioese-reden-predigt-abschaffung-sermon-kanzel). Ich habe weder Erfahrungen im Vikariat oder im Pfarramt, noch bin ich Praktischer Theologe, der sich berufsmäßig mit der Geschichte und der Praxis protestantischer Predigt beschäftigt. Meine gehaltenen Predigten lassen sich bequem an zwei Händen abzählen. Und ja, auch ich rege mich mehr über Predigten (oder Predigtideen) auf, als dass ich diese gut finde. Also: Ich bin nicht der richtige für den Widerspruch. Es wird widersprochen und widersprochen werden: @FrauAuge hat in einem Tweet-Thread differenziert darauf hingewiesen, dass man mehr Freiräume für gute Predigten braucht. Der Blog „Homilia“ hat geantwortet und die richtigen Anliegen aufgenommen. Und die niedersächsische Landessuperintendentin Petra Bahr wird diese Woche bei „Christ und Welt“ respondieren. Alles berufenere Menschen, die sich gewählter ausdrücken und differenzierter argumentieren.

Ich sollte nicht widersprechen: Selbst hier bei NThK gibt es bessere: Claudia Kühner-Graßmann ist praktische Theologin und kann sehr differenziert die Praxis religiöser Rede reflektieren. Tobias Jammerthal ist Vikar und verfügt außerdem über breites geschichtliches Wissen. Die stilistische Schärfe von Tobias Graßmann erreiche ich kaum. Und lustiger wäre der Widerspruch sicherlich, wenn ihn Julian Scharpf verfassen würde.

buiting

Heute Nacht geträumt: Priester steigt von der Kanzel und fragt anstelle einer Predigt: “ Mal ehrlich: Wie geht’s euch, Leute?“ Und dann wird erzählt. Und zugehört. Und geweint. Und umarmt. Und die Kirchentür ist geöffnet dabei. Himmelweit. Ist mein Traum irgendwo Wirklichkeit? (@HannaBuiting)

Andere müssten widersprechen. Und warum überhaupt: Folgt Hanna Jacobs nicht ganz präzise einem Trend? Hat sie in ihrer Deskription recht? Ich meine, man muss nur auf den Powertweet einer anderen Hanna, Hanna Buiting, schauen: Runter von der Kanzel und zuhören, dass ist doch das, was die Menschen brauchen. Und dann: Trage ich hier wieder persönliche Aversionen ein? Bin ich nur neidisch, dass ich nicht in der „Christ und Welt“ schreiben kann, sondern nur ab und zu mal in einem kleinen Blog meine kleinen Dummheiten in die Welt schreibe?

Nein, andere sollten widersprechen: Die Exegeten und Exegetinnen vielleicht. Sie sollten bemerken, dass die biblischen Bücher zu einem guten Teil von Reden berichten oder sogar in stilisierter Redeform abgefasst sind. Dass Jesus vor allem auch als Lehrer wirkte, als einer der sprach, ja, der auch monologisierte. Und Paulus. Und auch die Propheten. Und Mose. Sie sollten darauf hinweisen, dass die christliche Religion und ihre Wurzel, das Judentum ganz eminent auf gesprochene und verschriftlichte Rede angewiesen war. Ja: Schon im Ursprung war das Christentum eine Religion des Wortes, und das gilt auch ohne das man auf den Johannesprolog aufmerksam machen müsste.

elektropastor

@hannagelb Werde am Reformationstag die Gemeinde über Gal 5 diskutieren lassen. 30-45 Minuten, mit alkfreien Cocktails. Kurzes Minifazit am Ende mit den Ergebnissen der Leute. Leserbrief zum dk-Artikel: Ohne Predigt kein Gottesdienst. Finde den Fehler. #abkanzeln (@elektropastor)

Es sollten andere widersprechen. Die Kirchengeschichtler und Kirchengeschichtlerinnen bestimmt. Mit Luther zum Beispiel. Denn freilich: Reformation war ein Medienereignis. Der Buchdruck und die Bibelübersetzung waren wichtig. Aber durch welche Schriften wurde Luthers Lehre verbreitet? Was war das, was wirkte? Es waren: Predigten. Entweder gehaltene oder eben: Gedruckte. Aber es waren Predigten. Klar, Luther ist vorbei. Aber danach Schleiermacher und seine Reden. Oder im Kirchenkampf. Oder. Oder.

knuuut

Jede Predigt muss bis 2021 auf einen Bierdeckel passen. #abkanzeln (@knuuut)

Oder möglicherweise die Dogmatiker oder Dogmatikerinnen: Sie sollten darauf hinweisen, was in der Schrift zur Rechtfertigungslehre der EKD (https://www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/2014_rechtfertigung_und_freiheit.pdf) nochmal deutlich hervorgehoben wurde: Es sind eben nicht nur vier reformatorische Exklusivpartikel (gratia, fide, christus, scriptura), sondern fünf. Solo verbo: Das zugesprochene, ja, eben auch das verkündigte Wort ist es, so Gott und sein Geist will, das den Sünder in die Gnade ruft. Vielleicht müsste der Dogmatiker oder die Dogmatikerin auch sagen, dass hier bei Hanna Jacobs der Rahmen des lutherischen Bekenntnisses, wenn nicht verlassen, so doch wenigstens herausgefordert ist. Aber gut, möglicherweise ist das auch altertümlicher Blödsinn und heute muss es anders gedacht werden.

Aber vielleicht widersprechen auch die praktischen Theologen und Theologinnen und machen deutlich, dass die Predigt eben auch ein unverzichtbarer Teil der Kommunikation des Evangeliums ist. Ich weiß nicht, vielleicht irre ich mich, aber die Homiletik als Teildisziplin ist eine, die einen relativ hohem Innovationsgrad hat. Sei es szenisches Predigen oder die Semiotik. Vieles Neue findet den Einlass in die Praktische Theologie und damit auch in die Theologie als Ganzes über den Trichter der Homiletik.

gayk

Statt einer Predigt gab es heute eine Frage: Was gibt dir Kraft? #abkanzeln (@julegayk)

Nun ja, das sind alles fachwissenschaftliche Debatten. Dann sollten vielleicht die Pfarrer und Pfarrerinnen widersprechen. Sie müssten sagen, dass Sie sich der Abständigkeit vieler Predigttexte durchaus bewusst sind, ja daran auch oft fast verzweifeln, aber Sonntag für Sonntag, Predigt für Predigt ihr Bestes geben, um das, was diese Texte auch in der (Post/Spät/Wasauchimmer-)Moderne dem Hörer oder der Hörerin bedeuten kann, auszulegen.

Es geht im Artikel ja aber um die Menschen, vielleicht müssten diese, die Menschen, die Sonntag für Sonntag im Gottesdienst sitzen, widersprechen. Sie müssten sagen: Woher, im Namen des Allmächtigen, weißt du denn, was meine Fragen sind? Glaubst du, nur weil du deine Probleme kennst, kennst du auch meine? Oder Sie müssten sagen: Nur weil du die Predigt, ja selbst deine Predigt nicht gut findest, weißt du noch gar nicht, was Sie in diesem Moment für mich bedeutet. Sei es, weil es für mich eine Tradition ist. Sei es, weil mich diese Auslegung trifft. Sei es, weil mich nur ein Satz berührt.

marthori

Mir spricht das aus dem Herzen, weil ich mich längst von der Predigt verabschiedet habe. Ich gehe kaum noch in Gottesdienste – vor allem wegen der Predigt. Ich ertrage sie einfach nicht mehr. (@marthori)

Oder sie müssten sagen: Klar, wenn ein Pfarrer von der Kanzel steigt und fragt, wie es geht, ist schön. Aber kann es sein, dass dann eh nur die gleichen reden? Oder dass ich vielleicht in diesem Moment nichts zu sagen haben, nicht reden will oder reden kann, sondern einfach nur hören will. Vielleicht Zuspruch, Aufmunterung oder auch Ermahnung brauche?

Vielleicht müssten Sie widersprechen und sagen: Klar, es ist die konkrete Person, um den es im Protestantismus geht, aber die konkrete Person ist eben nicht nur eine Pfarrerin in einem neuen Gemeindeprojekt in einer deutschen Großstadt, sondern auch der Rentner, die Küsterin, der Konfirmand oder ich. Und vielleicht, ja vielleicht, geht es eben auch manchmal um mich und nicht nur um Pioniere und Wanderer und Raumschiffpiloten.

jacobs

Für meinen Glauben brauche ich regelmäßig Predigten. [Umfrage] #abkanzeln (@hannagelb)

Irgendwie so, aber viel besser und differenzierter müssten es die klugen Menschen sagen. Sie werden, wenn sie es tun,  es differenziert und in Aufnahme der wichtigen und klugen Punkte sagen, die Hanna Jacobs anspricht. Ich nicht. Ich würde sagen: Wer die Abschaffung der Predigt fordert und denkt, dass er so eine protestantische Position vertritt, hat nicht Recht. Ich würde auch sagen: Wer so begründet wie im Artikel, stellt nur das eigene in den Fokus der Überlegungen und vergisst, dass es in der Kirche um mehr als nur mich und meine Richtigkeiten geht. Er sagt ein bisschen sehr viel „Ich“, auch wenn er denkt, dass es ihm immer um das „Du“ geht. Möglicherweise müssten wir nochmal darüber nachdenken, was das eigentlich heißt und von mir fordert, dieses „Kirche“. Aber das ist vielleicht eine andere Geschichte.

Rezension: Manuel Stetter, Die Predigt als Praxis der Veränderung. Ein Beitrag zur Grundlegung der Homiletik

Anmerkung der Redaktion: Mit dieser Rezension wechselt die Verantwortlichkeit im Ressort „Klassiker und Rezensionen“ von Tobias Jammerthal zu Martin Böger. Tobias Jammerthal sei an dieser Stelle herzlich für die sehr erfolgreiche Arbeit gedankt. Wir freuen uns, dass der „Staffelstab“ für dieses Ressort in Tübingen bleibt und danken Martin Böger, dass er weitermacht. Er liefert selbst die erste Rezension.

Manuel Stetter, Die Predigt als Praxis der Veränderung. Ein Beitrag zur Grundlegung der Homiletik, (APTLH 92), Göttingen/Bristol 2018.

Rezensiert für www.nthk.de von Martin Böger

Predigen verändert die Welt.“ (S. 1) Den Weg, diese einfache und gleichzeitig gehaltvolle Überzeugung wissenschaftstheoretisch näher in den Blick zu nehmen, unternimmt Manuel Stetter in seiner Studie: Die Predigt als Praxis der Veränderung.

Stetter macht es sich zur Aufgabe, eine begründungstheoretische Lücke zu schließen und sich aus wissenschaftlicher Sicht genau jenem Phänomen und jener allgemein anerkannten Erfahrung und Zielsetzung des Predigens zu nähern, die die Hörendenden existentiell ansprechen und verändern will.

Nach einem einführenden Abschnitt, der sich der transformativen Dimension der Predigt anhand ihrer religiösen Beziehungen vergewissert, nähert sich Stetter dem sehr ausführlichen und überaus reichhaltigen materiellen Teil seiner Studie. In diesem beschreibt er detailliert und fachkundig philosophische Entwürfe des Selbst, seiner Selbstdeutung und kritischen Entwicklung. Ziel ist es dabei, die Homiletik in ein fruchtbares Gespräch mit diesen „lebensweltlich situierten Praktiken“ des Transformativen zu verwickeln.

Der materielle Teil gliedert sich in vier Abschnitte, die jeweils einen spezifischen philosophischen-wissenschaftlichen Fachdiskurs beschreiben und deren Erkenntnisse für eine Homiletik mit dem Anspruch der Transformation ausloten.

Im ersten Abschnitt untersucht Stetter kritiktheoretische Perspektiven, die transformative Dimensionen für die Selbstdeutung bereithalten. Zusammengefasst beschreibt Stetter die kritische Praxis als eine Spiegelungskunst, die einerseits ein Bild der bereits realisierten Existenz zu zeichnen vermag und andererseits Räume für Hoffnungen und Zukünftiges eröffnen kann. Daher kann es zur Gretchenfrage werden, ob die Kritik entweder vom Bestehenden (status quo) oder vom Erhofften (status novus) her formuliert wird.

Im zweiten Abschnitt bedenkt Stetter ästhetische Perspektiven, die sich der Predigt als Erfahrunsgraum der Schwelle (Liminalität) annähern. Auf deren Grenze kann der Einzelne die Erfahrungen seines Alltages gesteigert entdecken, beschreiben und reflektieren. Die Predigt, und mit ihr der Gottesdienst, werden so zu einer Kunst der Schwellenerfahrung, die dazu anhebt, die Ästhetik des Alltäglichen in einem experimentellen Charakter auf Zeit zu transformieren und transzendieren.

Im dritten Abschnitt widmet sich Stetter rhetorischen Perspektiven, die darauf abzielen, die transformative Dimension einer zwischenmenschlichen Kommunikation eines Überzeugens anstatt eines Überreden zu deuten und darin das besondere transformative Element einer sprachlichen Kommunikation stark zu machen.

Im vierten Abschnitt, der als eine Art übergeordnete Bezugs- und Rahmenkategorie anzusehen ist, beschäftigt sich Stetter mit dem aktuellen gesellschaftlichen Rahmen des Religiösen, innerhalb dessen die Predigt ihre transformative Dimension zu entfalten hat. Es geht um die Einsicht in die Pluralität des Religiösen und dem damit einhergehenden Pluralismus der Lebens- und Sinndeutungen, inmitten deren sich das Predigtgeschehen zu verstehen und zu positionieren hat.

Stetter benennt das Predigtgeschehen als eine Reflexionspraxis und fasst summarisch den letztendlich angestrebten Reflexionsertrag seiner Studie darin zusammen, die Predigt unter dem Konzept einer Aneignungspraxis zu verstehen. Denn der Begriff der Aneignung schaffe es, (1.) die Balance zwischen Absicht auf Wirkung und Absicht auf Autonomie im Predigtgeschehen zu fassen; (2.) erhelle der Begriff nicht nur den Vorgang der Rezeption, sondern auch der Produktion einer Predigt; (3.) bedenke der Begriff der Aneignung die der Predigt strukturell innewohnenden Dialektik des Rekurses auf und die Überschreitung von individuellen Selbstentwürfen und schaffe es (4.) im Predigtgeschehen die Überschreitungs- und Rekursionskunst für eine Selbstverständigung und-erschließung des Hörers deutbar zu machen.

Wo sich der Rezensent manchmal etwas in der Komplexität und Dichte der Reflexionen im materialen Teil der Studie zu verlieren droht, zeigt sich eine kleine dornige Herausforderung der Studie: Dem Leser wird keine leicht verdauliche Kost vorgesetzt, sondern eine komplexe und diffizile, deren Verständnis sich erst durch eine eingehendere Auseinandersetzung einstellt. Hilfreich ist es hier, sich an die resümierenden Abschnitte zu halten ein, die den Blick wieder auf das Ganze und das Wesentliche der Grundfragestellung richten.

Stetter schließt mit seiner versierten und beeindruckend detailreichen Studie eine Lücke der homiletischen Reflexion. Ausgehend vom Verständnis der Predigt als einer religiösen Reflexionspraxis zur Selbstverständigung, wird diese spezifische Erwartung an die Predigt aus schwammigen und diffusen Begrifflichkeiten in das wissenschaftlich-systematisierende und herausfordernde Licht von Ästhetik, Rhetorik und Kritiktheorie geführt. In dieser Auseinandersetzung zeigt sich die theologische Homiletik auf Augenhöhe, die den Diskurs und die selbstbewusste Positionierung mit angrenzenden Fachgebieten nicht zu scheuen braucht. Die Predigt ist neben ihrer biblisch-religiösen Dimension eben gerade auf jene kritischen und philosophisch angereicherten Reflexionen angewiesen, um im Vollzug ihr ganzes transformatives Potential entfalten zu können.

 

Martin Böger ist Pfarrer und Repetent am Ev Stift in Tübingen. Für NThK verantwortet er das Ressort „Klassiker und Rezensionen“.

It’s the theology, stupid!

Ein Kommentar von Tobias Graßmann (@luthvind)

Der Kirchentag 2017 ist vorbei und er hat mich irgendwie nicht genug interessiert, um dafür mein Seminar abzusagen und meine Familie einzupacken. Kann sein, dass ich da was verpasst habe.

Das bedeutet allerdings nicht, dass ich gar nichts mitbekommen hätte. Denn so ein Kirchentag sorgt ja auch für Debattenstoff. Debatten sind erst einmal gut. Wenn ich meiner Twitter-Timeline trauen darf, drehten die sich dieses Mal vor allem um den richtigen Umgang mit der AFD. Aber irgendwie ging es auch um Früchtetee und Tassengrößen, was dann mit der großen Frage zu tun haben soll, wieso zu Kirche die falschen Leute kommen und die richtigen entsprechend wegbleiben. Wobei das mit falsch und richtig natürlich niemand so deutlich ausspricht. Muss man auch nicht, ist ja Allen klar.

Man kann diese Fragen immer wieder einmal stellen. Aber man wird in der Diskussion kaum weiterkommen, wenn man das zentrale Problem unserer Kirche ausklammert. Dazu ein kleines Gedankenspiel:

Gehen wir davon aus, ein Mensch „verirrt“ sich in eine evangelische Kirche. Er, nein besser: sie hat auf einer grässlich unübersichtlichen Homepage tatsächlich den Termin eines Gottesdienstes gefunden, hat sich Sonntagmorgen aus dem Bett gequält, sich von der mürrischen Mesnerin ebenso wenig abschrecken lassen wie von dem Kirchenvorsteher, der in seinem missionarischen Eifer dem neuen Gesicht gleich ein wenig übergriffig zu Leibe rückt. Nun sitzt sie da im Gottesdienst und weiß nicht so recht, was sie sich davon eigentlich erwartet.

Wir auch nicht. Aber egal, was sie sich erwartet – was erlebt diese Person in unserer (ok, etwas klischeehaft gezeichneten) Gemeinde? Lieder, bei denen die Gemeinde eher zaghaft mitsingt, eine beliebig zusammengestückelte Liturgie und dann endlich die Predigt. Deren Plot lässt sich in etwa so zusammenfassen: „Wer den Nächsten lieben will, muss erst einmal sich selbst lieben. Gott liebt uns so, wie wir sind. Wenn man das ganz fest glaubt, dann wird alles gut.“ Dazu noch irgendwelche privaten Erlebnisse des Pfarrers, die man im Telefongespräch mit der besten Freundin wohl kaum berichtenswert fände. Irgendwie haben sie es trotzdem in die Predigt geschafft, wahrscheinlich für den Lebensweltbezug.

Falls sich diese Person davon angesprochen fühlt, kommt sie nächste Woche wieder. Und hört mehr oder weniger das Gleiche. Und wieder. Und wieder. Wie lange tut man sich das als vernünftiger Mensch eigentlich an? Weshalb war sie nochmal genau gekommen?

Und hier sind wir an dem Punkt, weshalb die Suche nach fresh expressions of church eben zu kurz greift. Es geht bei der Krise unserer Kirche nicht oder zumindest nicht nur um den Ausdruck, der frisch und modern werden muss. Es geht nur am Rande um Gottesdiensformen, um Milieuverengung, um Kekse und Früchtetee.

Zu oft servieren wir den Menschen in unseren Gemeinden ein theologisches Sparmenü. Wir köcheln es zusammen in den Geschmacksvariationen „Großvater erzählt“, „Frauen in der Mitte des Lebens“ oder „Kindermutmachgottesdienst“. Wenn wir unserer Menükarte jetzt noch ein paar neue Gerichte dieser Art hinzufügen, zugeschnitten etwa auf die „urbanen Twentysomethings“ oder so, dann sprechen wir vielleicht eine Handvoll neuer Leute an. Ein paar Müde und Beladene werden schon kommen; solche, denen die Botschaft erst einmal egal ist, weil sie einfach Anschluss und Trost suchen. Tolle, wertvolle Menschen, gewiss – aber was ist mit den Anderen?

Das schwarze theologische Loch, das viele Predigten so austauschbar und banal macht, lässt sich nicht mit Beamerunterstützung, neuen Songs, professionellen Homepages, stylischen Plakaten, schicken pastoralen Outfits und abgefahrenen Veranstaltungstformaten stopfen. Auch nicht durch tätige Nächstenliebe oder diese „ganz besondere Gemeinschaft“, die immer bloße Behauptung war. Und schon gar nicht durch billiges Moralisieren, das sich politisch gibt, aber genau das Gegenteil bedeutet. Denn wenn wir uns versichern, dass wir irgendwie Aalle gegen Krieg, Klimakatastrophe und Kinderarbeit sind, ist damit für die politische Orientierung mündiger Christenmenschen halt wenig gewonnen. Oder?

Was also ist zu tun? Es wäre erst einmal einzugestehen, dass Gemeindeglieder an kirchliche Veranstaltungen Erwartungen haben. Legitime Erwartungen. Der Einwand, dass da eine theologisch anspruchsvolle Predigt ja wohl nicht dazu gehöre, überzeugt mich nicht im Geringsten. Denn Theologie meint eben nicht verkopftes Geschwafel, sondern Arbeit an Lebens- und Glaubensproblemen. Es geht um die Fragen, die in den Texten der Bibel, aber auch den theologischen Klassikern von Paulus über Augustin und Luther bis hin zu Karl Barth vibrieren – aber heute aus unseren Gottesdiensten weitgehend verbannt sind! Wem das alles zu „churchy“ ist, der oder die wird freilich auch in Film, Musik und Literatur fündig. Auch da begegnen Heil und Verderben, Schuld und Vergebung, Zorn und Versöhnung, Glück und sein Scheitern, Zweifel und neue Gewissheit – all die Eisen halt, die anzufassen wir Prediger oft zu hitzeempfindlich sind!

Wirklich, ich habe hohen Respekt vor Pfarrerinnen und Pfarrern, die sich der Herausforderung stellen, fast wöchentlich in der Predigt etwas Interessantes und Geistreiches über Gott, die Welt und den Menschen sagen zu müssen! Ich kann mir halt nicht vorstellen, wie das gehen soll mit einer Theologie, die sich auf drei Sätze eindampfen lässt. Denn die Wenigsten von uns haben ein so spannendes Leben, dass unsere privaten Erlebnisse Woche für Woche eine Predigt tragen. Und selbst dann interessiert mich Biografie auf der Kanzel eigentlich nur, wenn sie mir etwas über das Leben mit Gott erschließt. Was bitte erschließt es mir, dass Pfarrerinnen und Pfarrer Blumenzwiebeln einpflanzen, im Wald spazieren gehen oder abends mal ein gutes Buch lesen? Wobei – ich stelle mir bei solchen Banalitäten manchmal die Frage, ob das nicht als best practice aus irgendeiner Predigtmeditation stammt. In dem Fall wären es die Verfasser dieser wenig hilfreichen Hilfen, die mein Zorn trifft.

Denn es macht mich zornig! Es erfüllt mich mit Ärger, dass die Menschen mit ihren Fragen alleine gelassen werden. Etwa Fragen wie: „Wie bekomme ich meinen Glauben mit meinem naturwissenschaftlich geprägten Weltbild zusammen? Wie erkläre ich meinem muslimischen Freund, warum wir an einen dreieinigen Gott glauben? Wie gehe ich mit Texten in der Bibel um, die mir Angst machen oder mich ratlos zurücklassen?“ Und da ist noch keine große Krise dabei, noch keine Theodizee, keine der letzten Fragen, die sich an der Grenze zwischen Leben und Tod stellt.

Wer die Kirche wieder „relevant“ machen will, muss ihr die theologische Substanz zurückgeben. Und damit wir uns verstehen: Ich habe hier das Beispiel Predigt gewählt, aber das ließe sich für andere Handlungsfelder genauso durchspielen. Für die Schülerinnen und Schüler, die im Hormongewitter der Pubertät mit betulichen Geschichtchen abgespeist werden. Oder Senioren, die sich für die mittelalterliche Geschichte ihrer Kirche interessieren würden, doch geboten wird einmal mehr nur „Fröhlich durch alle Jahreszeiten“.

Theologinnen und Theologendürfen das Negative nicht länger aussparen, das Sperrige, das Dunkle und Fragwürdige, das Spannende. Gebannt hören die Leute nur zu, wenn sie merken, dass die bekannten, die einfachen, allzu rechtgläubigen und bieder moralischen Antworten nicht mehr greifen. Und wir müssen dafür eine Sprache suchen, die nicht museal und pastoral klingt, aber auch nicht zulässt, dass so große Worte wie Heil und Seligkeit, Barmherzigkeit und Gnade sich auflösen in die belanglose Nettigkeit, die in unseren Gemeinden so oft herrscht.

Das kann man dann meinetwegen auch „Fresh X“ nennen.