Über religiöse Menschen. An die vermeintlich Gebildeten unter ihren Spöttern

 

Ein Kommentar von Claudia Kühner-Graßmann

 

Als christlich-religiöser Mensch hat man es zur Zeit wahrlich nicht leicht: vom alljährlichen Angriff an Karfreitag, ausgelöst durch das sog. Tanzverbot, über das Urteil des EuGH zum kirchlichen Arbeitsrecht bis zur bayerischen Kreuzaffäre. Neben viel berechtigter Kritik und richtig gestellten Fragen nach dem Verhältnis von Kirche und Staat kommt es dabei immer auch zu einer Abrechnung mit der Religion, vornehmlich mit der christlichen (konfessionsindifferent). In maßloser Überheblichkeit wird die intellektuelle Unterlegenheit von Religion und damit ineins die eigene Überlegenheit herausgekehrt. Man selbst habe ja keine Vorurteile – im Gegensatz zu den Religionen; wie blöd müsse man sein, um einen Menschen zu betrauern, der vor 2000 Jahren gekreuzigt wurde und der behauptet, Gottes Sohn zu sein; wie uncool sei man bitte, wenn man in diese Kirche geht.

Ich nehme diese Polemik vor allem aus eher gebildeten Kreisen wahr, so wird etwa auch die Wissenschaftlichkeit der eigenen areligiösen Position besonders hervorgehoben. Wenn gegen Kirche, Religion und immer wieder auch Geistliche gewettert wird, scheint es um Stellvertreterkämpfe zu gehen, denn das, was die Damen und Herren beschreiben, hat mit meiner Wahrnehmung religiöser Menschen wenig zu tun. Gut, ich bin ja auch mittendrin und sogar Theologin! Deutlich wird, dass es oft in irgendeiner Form mehr oder weniger schlimme, vielleicht eher lächerliche Erfahrungen mit Kirche und religiösen Verwandten gegeben hat. Das tut mir Leid, aber die Verallgemeinerung und das Projizieren eigener Erfahrungen auf alle lebende Christinnen und Christen zeugt nicht gerade von differenziertem Reflexionsvermögen – was ja gerade in Anspruch genommen wird. Zudem gibt es immer diffuse Ausnahmen, weil der ein oder die andere Religiöse dann doch eigentlich ganz ok ist. Ich könnte so weiter machen, aber mein Punkt dürfte deutlich geworden sein.

Ich nehme zudem wahr, dass das, was die Kritiker an unterstufiger Religiosität der Gegenseite unterstellen, nicht über die Ebene eines „Kinderglaubens“ hinausgekommen ist. Hierbei kann und vermutlich muss man Versagen beim kirchlichen Katechumenat, v.a. in seiner Form als Religions- und Konfirmandenunterricht konstatieren. Aber, und darauf kommt es mir wiederum an, das hat halt mit dem, was in vielen Gottesdiensten (jaja, es gibt auch da andere!) verbreitet wird und was viele Erwachsene glauben, doch überraschend wenig zu tun. Glaube wird irgendwie auch erwachsen.

Es zeugt also nicht gerade von Intellekt, wenn auf dieser undifferenzierten Grundlage eine ganze Gruppe von Menschen angegangen wird. Es ist mühselig, auf dieser Grundlage das Gespräch zu suchen und zu führen. Man bleibt halt doch in einer Verteidigungshaltung gefangen. Aber warum? Gerade wir Theologinnen und Theologen brauchen uns eigentlich nicht zu verstecken!  Unser Studium ist so breit angelegt, dass wir – nicht ohne Stolz – von uns behaupten können, Generalisten zu sein. Wir lernen zudem eine wichtige Sache: die Reflexion auf unsere eigenen Voraussetzungen. Im besten Fall sind wir dazu fähig, über unseren Glauben einigermaßen allgemeinverständlich Auskunft geben zu können. Pfarrerinnen und Pfarrer sollten diesen katechetischen Aspekt auch in ihren Predigten bedenken, um der Gemeinde Hilfe zur eigenen Sprachfähigkeit zu geben.

Ich, und das ist meine persönliche Meinung, halte viele Spielarten des Atheismus und Humanismus für deutlich unterstufiger, weil diese Reflexion über die eigenen Voraussetzungen und Grundlagen ausbleibt. Die eigenen Ansichten werden als so evident betrachtet, dass Kritik und Prüfung ausbleiben können (das ist übrigens auch ein Grund, warum ich den Laizismus für einen Trugschluss halte: wir alle leben im Horizont solcher Voraussetzungen, die auch thematisiert werden müssen). Häufig sind dazu Ersatz-Glaubenshandlungen zu beobachten, wenn etwa das Schicksal oder Murphy’s Law für das Wetter, das kaputte Auto o.ä. verantwortlich gemacht werden – immer ironisch gemeint, versteht sich…

Liebe Spötter: mir ist es im Grunde egal, ob ihr glaubt oder nicht glaubt. Wirklich. Aus meiner christlichen Sicht mag das bedauerlich sein, aber ich weiß ja auch, dass der Geist weht wie und wo er will. Aber unterlasst doch bitte diese unterstufige Kritik an allen religiösen Menschen. Ihr fühlt euch intellektuell überlegen? Dann zeigt das doch bitte auch. Reflektiert Eure Motive und Eure eigenen weltanschaulichen Grundlagen.

Liebe Theologinnen und Theologen, liebe Christinnen und Christen: bitte seid nicht immer so apologetisch. Versucht nicht immer zu zeigen, dass Ihr cooler und klüger seid als „die“ Kirche, da springt Ihr doch nur auf diesen Zug auf (abgesehen davon, dass ihr ebenfalls „die“ Kirche seid). Konzentrieren wir uns doch darauf, unseren Glauben reflektiert darzustellen und uns selbstbewusst des Evangeliums nicht zu schämen!

Denn, ich zitiere einen Tweet von @hrmnn01:

 

Wandern ohne Stecken und Stab?

Notwendige Anmerkungen zu „Und wie wir wandern im finstern Digital“

von Niklas Schleicher

Ich sitze gerade vor meinem Laptop, und tippe diesen Text. Auf dem zweiten Bildschirm läuft nebenher eine gestreamte Serie. Ich schreibe hier eine Antwort auf einen Text von Hannes Leitlein, der online bei zeit.de (http://www.zeit.de/2017/13/digitalisierung-medien-martin-luther-kirchen-reformation-netz) erschienen ist. Erfahren habe ich von diesem Text per Twitter und mich dann kurz per Telegram mit einem Freund ausgetauscht, ob wir auf nthk.de darauf reagieren sollen. Also auf dem Blog, den ich mitbetreibe. Lange Rede, kurzer Sinn: Auch ich bin mir dem bewusst, dass die digitale Welt bestimmend für unsere Diskurse ist, dass das Internet ein Raum für Kommunikation mit bisher ungekannten Möglichkeiten ist.

Von daher müsste ich Leitlein für diesen Text, der sich wie ein flammendes Plädoyer liest, dass die EKD sich endlich positiv mit der Digitalisierung auseinandersetzt, danken. Ja, möchte man sagen, ja, recht hat er. Der Kommentar von Margot Käßmann bezüglich Facebook und Seelsorge ist wirklich ziemlich peinlich. Und Äußerungen von technologiekritischen Theologen wie z.B. Werner Thiede sind oft auch nicht auf der Höhe der Zeit. Und er trifft auch weitere Punkte, die durchaus richtig sind, die für eine Kirche, die auch in der Gegenwart relevant bleiben will, zu bedenken sind.

Aber, um es etwas pathetisch mit Karl Barth zu formulieren: Nein! So kann das mit der Digitalisierung in der Gesellschaft, aber dann eben auch in Theologie und Kirche nun auch wieder nicht sein.

Der Gedankengang Leitleins ist, soweit ich das richtig interpretiere, folgender: Die digitale Revolution ist analog zu sehen zum Buchdruck und stellt einen tiefgreifenden Wandel unseres Kommunikationsverhaltens dar. Luther hat damals den Buchdruck für seine Reformation nutzen können und wurde erst durch diesen bekannt. Die evangelische Kirche, die sich in seiner Nachfolge sieht, sollte deshalb auch die Digitalisierung würdigen und mit ihr gehen, zumal die Kommunikation im Internet eine Form darstellt, die Ureigenes des Protestantismus zur Geltung bringt. Sie ist nämlich eine Form von Kommunikation, die das Dialogische, das Gespräch miteinander in den Fokus stellt. So entspricht sie dem Priestertum aller1. Von daher lösen sich im Digitalen dann auch Dinge wie geistiges Eigentum und so weiter auf und „Vielfalt, Beziehungen, Netzwerke, Interaktionen und Solidaritäten“ stehen im Vordergrund2. Kritisiert wird dann auch die Art der Internetkommunikation, wie sie z.B. der Ratsvorsitzende Bedford-Strohm betreibt, da diese noch ganz im Analogen verhaftet bleibt, in dem Sinne, dass Bedford-Strohm zwar viel auf Facebook postet, aber auf Kommentare nicht antwortet3. Die digitale Welt jedenfalls ist etwas, das theologisch gedeutet werden will, über das und mit dem die Kirche gesprächsfähig werden muss. Es gibt freilich schwierige Seiten, z.B. Datenschutz und Barrieren des Zugangs4, aber im Großen und Ganzen eröffnet das Internet eine große Chance für den Menschen. Diese besteht nicht zuletzt darin, die institutionellen Schranken der verfassten Kirche durch eine fluide christliche Community zu ersetzen.

Soweit in aller Kürze das Narrativ, dass ich aus verschiedenen Gründen nicht teile. Ich will nur drei Punkte nennen, an denen zumindest weiterzudenken wäre.

Zum ersten muss man sich nochmal die Interpretation des Priestertums aller Gläubigen näher anschauen, das hier (nicht ganz zu Unrecht) als Kernstück der Reformation bezeichnet wird und das sich anscheinend in der digitalen Welt erst vollends verwirklichen soll. Nun meint das Priestertum aller Gläubigen zunächst folgendes: Es gibt für die Würdigkeit des Christen in Bezug auf sein Gottesverhältnis keinen Unterschied zwischen Priestern, Bischöfen und Mönchen und den Laien. Jeder getaufte Christ hat direkten Zugang zu Gott, kann sich Gott im Gebet nähern und braucht keine Vermittlung durch Geweihte, Priester oder Heilige5. Aber: Für die öffentliche Verkündigung des Evangeliums, also dafür, dass Leute auch die Christusbotschaft hören können, die bei Menschen den Glauben wecken kann, bestimmt die Kirche Ämter. Diese Ämter beinhalten keinen Unterschied in der Würdigkeit, sondern beschreiben Funktionen. Die Amtsträger verkünden das Evangelium öffentlich. Dies sieht Luther übrigens schon recht früh, als Lektüre sei hier z.B. die Adelschrift empfohlen. Aus dem Priestertum aller Gläubigen zu schließen, dass im Internet jeder Christ gleichermaßen zur öffentlichen Verkündigung berufen ist, wäre genauso falsch, wie zu folgern, dass es im Priestertum aller Gläubigen um die Beziehung der Menschen zueinander geht. Dass Leitlein in dieser ganzen Passage zur Reformation ohne irgendeine Idee zum Gottesbezug auskommt, ist wenigstens als sportlich zu bezeichnen.

Zum zweiten wird hier etwas übersehen, dass meine Generation immer wieder gerne übersieht. Das Leben im Digitalen ist für viele selbstverständlich geworden, macht aber auch einigen Menschen Angst und überfordert andere. Die Kirche besteht eben nicht nur aus den jungen 15-40 jährigen, die fordern, dass endlich wieder alles neu werden soll. Einen großen Teil der wirklich Treuen machen eben diejenigen aus, für die das Abrufen einer Mail oder ein Skypekontakt mit dem Enkel schon das Höchste der Gefühle ist. Es ist irritierend, dass diese Menschen in Leitleins Vision von Kirche gar keine Rolle mehr spielen und offensichtlich längst abgeschrieben sind. Hinzu kommt: Nicht nur Menschen dieser Generation bevorzugen eben im Sonntagsgottesdienst eine Predigt, die von der Kanzel vorgetragen wird, und kein digitales Happening in der Twitter-Sphäre. Die digitale Avantgarde überschätzt notorisch ihr eigenes zahlenmäßiges Gewicht, Stichwort: Filterbubble. Gerade die Gottesdienste an Lebensübergängen werden noch immer gerne in Anspruch genommen. Hier ist nun aber die Ritualkompetenz und Verkündigungserfahrung von Spezialisten gefragt. Denn bei aller Liebe: Meine Hochzeit hätte ich nicht gerne im freien Gespräch mit der Gemeinde im Internet gestaltet. Da gehört die gelehrte und emphatische Auslegung des Trauspruches genauso dazu wie der Segen und der Ringetausch vor der im Analogen versammelten Gemeinde. Noch deutlicher wird das Ganze bei Beerdigungen. Bei aller Möglichkeit von Online-Kondolenz-Büchern ist doch hier das analoge Ritual m.M.n. kaum zu ersetzen6.

Und drittens: Wenn wir die digitale Welt theologisch deuten wollen, dann bitte ordentlich. Dann muss man notwendigerweise die Unterscheidung zwischen Schöpfung und Fall machen und darauf hinweisen, dass auch die Person, die digital unterwegs ist, immer simul iustus et peccator bleibt. Die digitale Welt bleibt genauso wie die analoge zwiespältig, es wird dort gute Dinge geben, aber es gibt dort auch schlechte. Mit Bonhoeffer gesprochen: Auch die neue, digitale Welt bleibt im Vorletzten, die digitale Welt der neuen Kirche bleibt immer noch die sichtbare Kirche und wird nicht plötzlich als Ganzes zu derjenigen, die die Dogmatik als unsichtbare Kirche, mithin als Reich Gottes bezeichnet. Es wird also auch in der digitalen Kirche Strukturen geben müssen, die ein gewisses Maß an Ordnung und Verlässlichkeit sichern. Man muss das dann nicht Hierarchie oder Lehramt nennen. Aber es wäre naiv zu glauben, dass in der digitalen Welt nicht viele Probleme analoger Kirche wiederkehren, meinetwegen in gewandelter Form.

Nochmal zurück zu Luther: Freilich nutzte er die neuen Medien, den Buchdruck für die Verbreitung seiner Reformation. Aber er hatte auch andere Äußerlichkeiten auf seiner Seite: Die politischen Verhältnisse im Reich und gewisse aufstrebende Schichten. Und trotz dieser Äußerlichkeiten brauchte es eben dennoch so jemanden wie Luther (oder Zwingli oder Bucer) der die treibenden Ideen hatte. Auch im Internet entstehen Ideen nicht qua Offenbarung ins Nichts. Und welche Kirche genau „Luther verdient“ hat, entscheidet zum Glück kein Redakteur der Zeit.

Die Digitalisierung ist von Seiten der Kirche als Faktum anzunehmen, kreativ mitzugestalten und keinesfalls kulturpessimistisch zu verteufeln. Aber ob wir die Digitalisierung für die Möglichkeit feiern wollen, die verfasste Kirche mit ihren spezialisierten Ämtern abzuräumen und durch eine Cloud fluider Cybersekten zu ersetzen?

Mit Luthers Bibelübersetzung gesprochen: Das sei ferne!

1Das bei Leitlein nicht vom Priestertum aller Gläubigen bzw. aller Getaufen die Rede ist, könnte ein Flüchtigkeitsfehler sein. Bestimmt meint er „aller Gläubigen“. Oder?

2Hier bin ich persönlich recht angefressen. Freilich kann jemand die Abschaffung geistigen Eigentums als Gewinn bezeichnen, der Geld für seinen Journalismus bekommt. Wissenschaftliche Theologen, die sich mit ihren Veröffentlichungen und entsprechend auch mit ihrer geistigen Arbeit später eventuell auf Stellen bewerben also solche Leute wie ich, sollte ich einmal nicht den Weg ins Pfarramt einschlagen , sind schon ein bisschen drauf angewiesen, dass mit den von ihnen produzierten Texten nicht einfach als beliebiges Allgemeingut umgegangen wird. Oder aber: Wenn wir schon den Kommunismus fordern, dann bitte richtig!

3Nun muss man allerdings auch zugestehen: Wer sich mal die Kommentare unter manchen Posts von Bedford-Strohm angeschaut hat, kommt vielleicht zu dem Ergebnis dass darauf sachlich zu antworten mehr gute Nerven erfordert, als ein Mensch haben kann.

4Das Barrieren übrigens nicht nur Sehbehinderungen betrifft, sondern auch die Tatsache, dass viele Leute sich Internet bzw. die notwendigen Endgeräte immer noch nicht leisten können, nun, dass kann man schon mal übersehen.

5Kann aber, um diese einfache Gegenüberstellung etwas einzuordnen, auch nicht mehr auf die Fürsprache von Heiligen vor Gott bauen. Jede Person ist vor Gott unvertretbar.

6Mich hat bis jetzt noch kein online-basiertes Ritual oder noch keine Form des Online-GDs auch nur halbwegs überzeugt. Mit Blick auf die absoluten Zahlen dürfte sich die Gruppe derer, die solche Angebote regelmäßig in Anspruch nehmen, als recht begrenzt herausstellen. Und es ist kaum zu erwarten, dass sich das in näherer Zukunft kategorial ändert.

Die EKD und die Politik I: Das ist zu kurz gegriffen!

 

In den folgenden Wochen möchten wir die Frage in den Fokus stellen, ob und inwieweit die Kirche und im Besonderen die EKD politisch agieren soll. Den Auftakt dieser Diskussion ist hierbei der folgende Beitrag von Ulrich Kronenberg. Wir freuen uns über eure/ihre rege Beteiligung in den Kommentarspalten. [Niklas Schleicher für die Redaktion]

 

Das ist zu kurz gegriffen!

von Ulrich Kronenberg

Über 270000 evangelische Christen haben 2014 ihren Austritt aus der Kirche erklärt. Die Erklärung, dies rühre aus der geänderten Steuer auf Kapitalerträge, greift zu kurz. Der seit Jahrzehnten anhaltende Mitgliederschwund – bei steigendem Kirchensteueraufkommen – hat vielmehr tieferliegende theologische Gründe.

Die zunehmende Liebe der Kirche zum politisch linkslastigen Zeitgeist, der sich in Leben und Lehre niederschlägt, die ständige Einmischung in alle möglichen und unmöglichen Fragen des politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens und die krampfhafte Sucht, auf alle Fälle um jeden Preis „modern“ sein zu wollen, tragen ihre Früchte. Neben dem privaten Steuersparmodell des Kirchenaustrittes steht in viel fatalerer Weise das Schwinden der kirchlichen Substanz aus Gründen der Frustration und der geistlichen Heimatlosigkeit. Kirchenaustritt ist immer das Ende eines langwierigen Prozesses der inneren Entfremdung, den sich viele Menschen nicht leicht machen. Ein prominenter Vertreter der Menschen, der von verbohrten Ideologen aus der Kirche getrieben wurde, war der frühere Verteidigungsminister Hans Apel.

Immer weniger Gemeindeglieder wollen die Randgruppentheologie und das linkslastige Politisieren vieler kirchlicher Amtsträger, die Politik und Evangelium verwechseln und ihre Gemeinden statt mit dem Brot des Lebens mit Steinen abfüttern. Der geistliche Ausverkauf auf EKD-Ebene zeigt sich in jahrzehntelang geführten Debatten um Themen wie Umweltpolitik, Homophilie oder Gender-Ideologien. Dies sind keine kirchlichen Arbeitsfelder im Weinberg des Herrn sondern vielmehr Schrebergärten eigener Orchideenzüchterei. Darüber werden die Kernaufgaben wie Wortverkündigung, Sakramentsverwaltung und Seelsorge zu Randthemen degradiert. Der vom früheren bayerischen Kirchenpräsidenten Hermann Dietzfelbinger diagnostizierte „zweite Kirchenkampf“[1] richtet heute weit schlimmere Schäden an als die Auseinandersetzung mit den Deutschen Christen im Dritten Reich. Die Tragik besteht darin, dass er nicht einmal als solcher erkannt wird. Die Kirche blutet langsam aus, weil sie ihre Salzkraft und ihre Kampfkraft als ecclesia miltans verloren hat und immer mehr zum Kuschelverein für Ideologien, Moralvorstellungen und politische Indoktrination verkommt. Die Besinnung auf das Wesen und die Aufgabe der christlichen Kirche tut hier dringend Not: der Bremer Predigttextstreit um Pastor Olaf Latzel hat das klar gezeigt: es geht um den Anspruch des Christentums und die Einmaligkeit des auferstandenen und widerkommenden Jesus Christus, der sein Blut zur Vergebung der Sünden am Kreuz auf Golgatha vergossen hat.

Mit Hilfe der klassischen richtig-verstandenen Zwei-Reiche-Lehre Luthers kann diesem Missstand begegnet werden. Die Vermischung von Weltlichem und Göttlichem führt zu einer – oft angemaßten – Allzuständigkeit von Kirchenleuten, die sich um Dinge kümmern, die sie eigentlich nichts angehen. Dies verbirgt sich hinter Tarnworten wie Wächteramt der Kirche, Paradigmenwechsel oder gar Theologie der Einmischung. Die strikte Trennung tut dringend Not: im Bereich der Friedensethik braucht der Staat keine kirchlichen Nachhilfestunden, was er zu tun oder zu lassen hat, denn das gouvernantenhafte Einmischen in fremde Zuständigkeiten ist überflüssig: eine Verteidigungsministerin braucht keinen kirchlichen Friedensbeauftragten, um ihr Amt ordentlich und verantwortungsvoll führen zu können. Die von Altbischof Huber angeprangerte kirchliche „Politikbeschimpfung“ nützt niemand. Die Besinnung auf den geistlichen Auftrag und das Reduzieren auf die Fundamente des christlichen Glaubens ist m.E. das Gebot der Stunde. Das verbissene Kämpfen auf Nebenkriegsschauplätzen aller Art schwächt die christliche Kampfkraft an der Hauptkampflinie: die geistliche Waffenrüstung (Eph 6, 10-17) ist klar vorgegeben. Folgt man diesem Verweis auf Zuständigkeiten, werden Geistliche wieder Geistliche sein dürfen anstatt immer mehr zu Verwaltungsbeamten zu mutieren. Ein klares Zeugnis erfordert eine klare Botschaft. Solange diese nicht klar ist, sind alle anderen Selbstheilungsversuche zum Scheitern verurteilt. Der berühmte Friedrich von Bodelschwingh hat in den Tagen des Kirchenkampfes seine Brüder dazu ermahnt, jede von außen kommende Kritik an der Kirche sehr ernst zu nehmen und sich selbst zu prüfen, ob die Kritik nicht zurecht erfolge: legen wir diesen Maßstab an, so muss das – in vielen Kirchenkreisen höchst unbeliebte – Wort der Buße ins Spiel kommen: das Wunderbare der Buße ist die Chance zur Umkehr und zum Neuanfang. Schonungslose Selbstkritik kann hier einen evangelischen Neustart ermöglichen aus so mancher kirchlichen Sackgasse, in die die Wohlstandstheologen mit ihrer hausbackenen Werkgerechtigkeit geführt haben. Kirche ist nicht der bunte Jahrmarkt für alle möglichen Vorstellungen und Ideen sondern die Speerspitze Gottes in der Welt, die einen klaren Auftrag hat und sich diesem in Geschichte und Gegenwart oft entzogen hat. Die Folgen dieser theologischen Fahnenflucht ist der Exodus der Menschen aus dieser Kirche mit der man sich nicht mehr identifiziert. Treffend sagt es der apokryphe Ignatiusbrief: „Seid eurem Kriegsherrn zu Gefallen, von dem ihr auch den Sold erhaltet; möge keiner von euch als Deserteur erfunden werden! Eure Taufe bleibe als Wappnung, der Glaube als Helm, die Liebe als Speer, die Geduld als Rüstung; eure Einlagen seien eure Werke, auf dass ihr einst euer Guthaben entsprechend erhaltet“.

 

Ulrich Kronenberg, aufgewachsen als Kind eines Berufssoldaten in Rengsdorf, München, Höxter, Heidelberg, Heerlen, Minden und Köln, verheiratet mit Pfrin Heike Kronenberg seit 1990, Ausbildung zum Reserveoffizier der Bundeswehr, studierte von 1986 bis 1992 Theologie. Nach dem Vikariat in Kusel  tätig im Gemeindepfarrdienst im Kirchenbezirk Zweibrücken und in der Krankenhausseelsorge, Notfallseelsorge, Militärseesorge. Promotion zur Friedensethik angestrebt. Seit 1/2016 im Kirchenbezirk Speyer im Gemeindepfarrdienst verwendet.

 

[1] „Haben diejenigen ganz unrecht, die von einer Epoche geistlicher Verwirrung und Verzweiflung reden, in deren Anfang wir uns befinden? Anders gesagt: Wenn nicht alles täuscht, so stehen wir heute in einem Glaubenskampf, einem Kirchenkampf, gegenüber dem der Kirchenkampf des Dritten Reiches ein Vorhutgefecht war. Das Unheimliche dabei ist, dass dieser heutige Kampf vielfach kaum erkannt, zu allermeist verharmlost wird und unter Tarnworten wie Pluralismus voranschreitet“