#digitaleKirche

Ein Kommentar

von Michael Greder

Unter dem Hashtag #digitaleKirche hat sich ausgehend von einem kleinen Artikel Hannes Leitleins in einer Ausgabe der Christ&Welt eine Diskussion um die Zukunft der Kirche entwickelt. Ich finde das großartig. Bisher habe ich mich aus dieser Debatte herausgehalten und mich auf den Zaun gesetzt, um zu beobachten, wie sich die Angelegenheit formiert. Obwohl schon einiges geschrieben wurde und der Hashtag weiterhin fleißig auf Twitter Beiträge kennzeichnet, lässt er mich etwas ratlos zurück.

Der Blogger Sascha Lobo meinte einmal, dass die produktive Kraft von Twitterdebatten darin bestehe, auf Grund der gebotenen Kürze den Kern selbiger unnachgiebig freizulegen. Diese These kann ich von meinem Zaunpfahl aus in Bezug auf #digitaleKirche kaum bestätigen. Aus diesem Grund möchte ich einen sicherlich völlig unvollständigen Vorschlag machen, die Terminologie der Debatte zu ordnen und damit hoffentlich den Blick zu schärfen. Mir geht es dabei nicht in allen Punkten um eine Zustimmung zu dem Dargestellten. Für mich ist die Diskussion noch völlig offen und ich habe selbst noch keine starke Meinung dazu.

Bisher erkenne ich fünf Bereiche in denen #digitaleKirche eine Rolle spielt: Die persuasive Kommunikation (Mission), die Kommunikation als Selbszweck (allgemeines Priestertum), die damit verbundene Repräsentanz des Christentums in der Öffentlichkeit (Relevanz), die theologische Bearbeitung des digitalen Wandels und die Verwaltung. Auf die ersten beiden Dimensionen möchte ich im Folgenden eingehen und vorher noch auf zwei grundsätzliche Gemeinsamkeiten der Debattenbeiträge eingehen

Zwei Gemeinsamkeiten

Die oberflächliche Gemeinsamkeit der Debattenbeiträge besteht in der banalen Feststellung, dass digitale Kirche (noch) irgendetwas mit Bildschirmen zu tun hat. Nicht mehr und nicht weniger. Dieser Umstand führt dazu, dass sehr unterschiedliche Anliegen unter dem Schlagwort verhandelt werden. Die Reichweite erstreckt sich von Twitterandachten über Spendenverwaltungssoftware bis hin zu dienstrechtlichen Fragen wie z.B. nach einer Onlinepflicht für Pfarrerinnen. Für eine grobe Einsortierung taugt diese Beobachtung. Geht es ins Detail, kann sie aber für Verwirrung sorgen. Im schlimmsten Fall wird #digitaleKirche dann zu einem Gefälligkeitsbegriff, der coole und super angesagte Flyer, Plakate und Broschüren schmücken darf, weil er glattgeschliffen genug ist, dass sich niemand mehr an seinem kritischen Potenzial stoßen kann.

Darüber hinaus verbirgt sich hinter dem Hashtag die These, dass der gegenwärtige Zustand der Kirche mindestens suboptimal ist: Immer mehr Menschen treten aus, oder schlimmer noch: sie sterben, ohne dass genug junge Menschen nachkommen. Dadurch verliert die Kirche an Relevanz. Nicht nur im politischen Geschehen, sondern auch im Alltag. Wer glaubt, muss sich erklären. Die Rechtfertigung allein aus Gnaden wird zu einer Dauerrechtfertigung vor der Familie, Freunden, Bekannten und nicht selten auch vor Fremden, sofern man sich als Christ zu erkennen gibt. Das nervt. Christen schweigen vermehrt in der Öffentlichkeit über Glaubensfragen. Religion gehört mehr und mehr zum Peinlichkeits- und Schamrepertoire der Privatsphäre. Die verfasste Kirche tut dabei nicht nur zu wenig, sondern sogar das Falsche. Denn das Gegenteil von gut ist gut gemeint.

#digitaleMission

Damit landen wir auch schon bei der ersten Dimension mit der ich #digitaleKirche differenzieren will:

Ein zentrales Anliegen besteht in der digitalen Mission. Die #digitaleMission unterteilt sich wiederum in eine innere und eine äußere Mission.

Im Inneren geht es um das, was man inzwischen klassischerweise als Mitgliederbindung oder institutionstheoretisch als Pflege des „staying in“ bezeichnen könnte. Vor allem junge Menschen, die irgendwie im entferntesten noch etwas mit der Kirche am Hut haben, sollen erreicht werden. Sie sollen sich einerseits wohlbehalten fühlen und müssen dafür andererseits mit den Kommunikationsmitteln ihrer Generation angesprochen werden.

Bei der äußeren Mission geht es darum, Menschen zu erreichen, die mit der Kirche und vielleicht auch mit Glaube und Religion in ihrem persönlichen Alltag nichts mehr zu tun haben.

In beiden Bereichen fungiert Kommunikation als Mittel zum Zweck. Die Sprache der Mission verfolgt das Ziel, Menschen von der eigenen Haltung zu überzeugen und aus Sicht der verfassten Kirche auch an sich zu binden. Sie ist hochgradig persuasiv. Das wird in unseren Gefilden oft geleugnetIch möchte das an dieser Stelle nicht bewerten, aber komme nicht umhin anzufügen, dass man sich dies bewusstmachen sollte.

#PriestertumallerProsumenten[1]

Eine zweite Dimension spricht die theologische Auseinandersetzung direkter an. Sie handelt von der Kommunikation als Selbstzweck: Das allgemeine Priestertum. Leitlein hat diesen Aspekt als protestantischen Leitgedanken im Umgang mit den neuen Medien der Debatte eingeschrieben. Die Formel lautet Buchdruck+Reformation+Internet=Erneuerung. #digitaleKirche zeigt sich hierbei als eine typisch protestantische Bewegung: „Ad fontes“ lautet das Mantra und die Granden der Kirche werden an dem Fundament gepackt, dessen Bewahrung sie eigentlich versprechen.

Das allgemeine Priestertum als ultimativer Grund für Forderungen und zum Teil auch Grausamkeiten aller Art, hat in der Reformation schon für Irritation gesorgt. Nun möchte ich keinesfalls unterstellen, dass eine Gruppe von Digitalistinnen und Digitalisiten mit gezücktem Smartphone in der Hand und Daumen im Anschlag gen Münster zieht, um der sittlichen Verwirklichung des Reich Gottes in einem letzten großen Shitstorm nachzuhelfen. Ich möchte auf die einseitige Verwendung des allgemeinen Priestertums aufmerksam machen. In erster Linie handelt das allgemeine Priestertum nicht von der Kommunikation der Gläubigen untereinander und auch nur vermittelt von kirchlichen Organisationsformen, sondern von der persönlichen Beziehung zu Gott. Die Funktion des Priesters als Mittler zwischen Gott und der Welt kann von jeder und jedem selbst ausgelebt werden. Das betrifft neben der persönlichen Gottesbeziehung auch die theologische Urteilsbildung.

Im #PriestertumallerProsumenten mag man nun, wie Leitlein, das technische Potenzial einer absoluten weltlichen Verwirklichung des darin liegenden Gleichheitsanspruchs erblicken.

Das Anliegen in der digitalen Kirche die Verwirklichung eines urprotestantischen Versprechens zu erkennen, hat einiges für sich. So fordert auch Philipp Greifenstein in einem Blogpost von der Kirche: „Sie muss die Passwörter für die Kirchenaccounts demokratisieren.“ Damit würden Machtstrukturen gebrochen. Ein so gelebtes #PriestertumallerProsumenten ermögliche „[o]ffene Diskussionen“ und „freie Teilhabe“.

Die bloße Behauptung von absoluter Gleichheit und damit verbundener freier Teilhabe entspricht aber keinesfalls ihrer praktischen Verwirklichung. Der Ruf nach absoluter Gleichheit und Freiheit sorgte in der Geschichte schon häufig genug dafür, dass die Vorredner am Ende wieder gleicher waren als die Allgemeinheit. Denn die Behauptung besserer Gleichheit verdeckt neu entstehende Strukturen.

Im modernen Kampf um Anerkennung und der Aufmerksamkeitsökonomie kuratierter Identitäten ist es nicht nur Zufall, wer in der neuen Kommunikationslandschaft Gehör findet und wer nicht.

(By the way: Wie Leitlein, Wikipedia als Paradebeispiel für die Gleichheit der Kommunikation im Internet heranzuziehen halte ich für sehr sportlich.)

#digitaleKirche verliert ihr kritisches Potenzial, wenn es ihr nicht gelingt die eigenen Strukturen der Einflussnahme und die neuen Hierarchien des Netzes offenzulegen. Das Leugnen von Macht stärkt die Mächtigen. Wir können im innerkirchlichen Bereich doch nicht wieder einmal hinter die Diskussionen und Erkenntnisse der letzten Jahre zurückfallen und später behaupten wir wären die Erfinderinnen des Rads.

 

Michael Greder ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im DFG-Projekt „Der Protestantismus in den ethischen Debatten der Bundesrepublik 1949-1989“

 

Das Beitragsbild zeigt den Supercomputer „MareNostrum“, der in einer ehemaligen Kapelle untergebracht ist. (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/MareNostrum)

[1]Anmerkung der Redaktion: Prosument (engl. Prosumer) ist ein Kunstwort und bezeichnet (v.a. im Digitalen) Personen, die gleichzeitig Produzenten und Konsumenten sind. Zu denken ist dabei zunächst (aber eben nicht nur) an soziale Netzwerke.

Über religiöse Menschen. An die vermeintlich Gebildeten unter ihren Spöttern

 

Ein Kommentar von Claudia Kühner-Graßmann

 

Als christlich-religiöser Mensch hat man es zur Zeit wahrlich nicht leicht: vom alljährlichen Angriff an Karfreitag, ausgelöst durch das sog. Tanzverbot, über das Urteil des EuGH zum kirchlichen Arbeitsrecht bis zur bayerischen Kreuzaffäre. Neben viel berechtigter Kritik und richtig gestellten Fragen nach dem Verhältnis von Kirche und Staat kommt es dabei immer auch zu einer Abrechnung mit der Religion, vornehmlich mit der christlichen (konfessionsindifferent). In maßloser Überheblichkeit wird die intellektuelle Unterlegenheit von Religion und damit ineins die eigene Überlegenheit herausgekehrt. Man selbst habe ja keine Vorurteile – im Gegensatz zu den Religionen; wie blöd müsse man sein, um einen Menschen zu betrauern, der vor 2000 Jahren gekreuzigt wurde und der behauptet, Gottes Sohn zu sein; wie uncool sei man bitte, wenn man in diese Kirche geht.

Ich nehme diese Polemik vor allem aus eher gebildeten Kreisen wahr, so wird etwa auch die Wissenschaftlichkeit der eigenen areligiösen Position besonders hervorgehoben. Wenn gegen Kirche, Religion und immer wieder auch Geistliche gewettert wird, scheint es um Stellvertreterkämpfe zu gehen, denn das, was die Damen und Herren beschreiben, hat mit meiner Wahrnehmung religiöser Menschen wenig zu tun. Gut, ich bin ja auch mittendrin und sogar Theologin! Deutlich wird, dass es oft in irgendeiner Form mehr oder weniger schlimme, vielleicht eher lächerliche Erfahrungen mit Kirche und religiösen Verwandten gegeben hat. Das tut mir Leid, aber die Verallgemeinerung und das Projizieren eigener Erfahrungen auf alle lebende Christinnen und Christen zeugt nicht gerade von differenziertem Reflexionsvermögen – was ja gerade in Anspruch genommen wird. Zudem gibt es immer diffuse Ausnahmen, weil der ein oder die andere Religiöse dann doch eigentlich ganz ok ist. Ich könnte so weiter machen, aber mein Punkt dürfte deutlich geworden sein.

Ich nehme zudem wahr, dass das, was die Kritiker an unterstufiger Religiosität der Gegenseite unterstellen, nicht über die Ebene eines „Kinderglaubens“ hinausgekommen ist. Hierbei kann und vermutlich muss man Versagen beim kirchlichen Katechumenat, v.a. in seiner Form als Religions- und Konfirmandenunterricht konstatieren. Aber, und darauf kommt es mir wiederum an, das hat halt mit dem, was in vielen Gottesdiensten (jaja, es gibt auch da andere!) verbreitet wird und was viele Erwachsene glauben, doch überraschend wenig zu tun. Glaube wird irgendwie auch erwachsen.

Es zeugt also nicht gerade von Intellekt, wenn auf dieser undifferenzierten Grundlage eine ganze Gruppe von Menschen angegangen wird. Es ist mühselig, auf dieser Grundlage das Gespräch zu suchen und zu führen. Man bleibt halt doch in einer Verteidigungshaltung gefangen. Aber warum? Gerade wir Theologinnen und Theologen brauchen uns eigentlich nicht zu verstecken!  Unser Studium ist so breit angelegt, dass wir – nicht ohne Stolz – von uns behaupten können, Generalisten zu sein. Wir lernen zudem eine wichtige Sache: die Reflexion auf unsere eigenen Voraussetzungen. Im besten Fall sind wir dazu fähig, über unseren Glauben einigermaßen allgemeinverständlich Auskunft geben zu können. Pfarrerinnen und Pfarrer sollten diesen katechetischen Aspekt auch in ihren Predigten bedenken, um der Gemeinde Hilfe zur eigenen Sprachfähigkeit zu geben.

Ich, und das ist meine persönliche Meinung, halte viele Spielarten des Atheismus und Humanismus für deutlich unterstufiger, weil diese Reflexion über die eigenen Voraussetzungen und Grundlagen ausbleibt. Die eigenen Ansichten werden als so evident betrachtet, dass Kritik und Prüfung ausbleiben können (das ist übrigens auch ein Grund, warum ich den Laizismus für einen Trugschluss halte: wir alle leben im Horizont solcher Voraussetzungen, die auch thematisiert werden müssen). Häufig sind dazu Ersatz-Glaubenshandlungen zu beobachten, wenn etwa das Schicksal oder Murphy’s Law für das Wetter, das kaputte Auto o.ä. verantwortlich gemacht werden – immer ironisch gemeint, versteht sich…

Liebe Spötter: mir ist es im Grunde egal, ob ihr glaubt oder nicht glaubt. Wirklich. Aus meiner christlichen Sicht mag das bedauerlich sein, aber ich weiß ja auch, dass der Geist weht wie und wo er will. Aber unterlasst doch bitte diese unterstufige Kritik an allen religiösen Menschen. Ihr fühlt euch intellektuell überlegen? Dann zeigt das doch bitte auch. Reflektiert Eure Motive und Eure eigenen weltanschaulichen Grundlagen.

Liebe Theologinnen und Theologen, liebe Christinnen und Christen: bitte seid nicht immer so apologetisch. Versucht nicht immer zu zeigen, dass Ihr cooler und klüger seid als „die“ Kirche, da springt Ihr doch nur auf diesen Zug auf (abgesehen davon, dass ihr ebenfalls „die“ Kirche seid). Konzentrieren wir uns doch darauf, unseren Glauben reflektiert darzustellen und uns selbstbewusst des Evangeliums nicht zu schämen!

Denn, ich zitiere einen Tweet von @hrmnn01:

 

Wie wir die Digitalisierung angehen!

Genau nach dem Plan, den ich dir von der Wohnung

und ihrem ganzen Gerät zeige, sollt ihr’s machen.“

(Ex 25,9)

Ein Beitrag zu #DigitaleKirche von Tobias Graßmann (@luthvind).

Letzte Woche hat Hannes Leitlein einen viel beachteten Text geschrieben, in dem er die evangelischen Kirchen an ihre reformatorischen Wurzeln erinnert. Ausgehend davon wirft er den Kirchen mangelnde Offenheit für die Chancen von Digitalisierung und sozialen Medien vor. Niklas Schleicher hat an diesem Ort bereits einige theologische Anfragen an diesen Text geäußert. Dieser Weg soll hier nicht weiter beschritten werden.

Ich bin der Meinung: Das Problem ist jetzt doch auf dem Tisch. Wir haben genug Appelle gehört. Die Ermunterungen, neben der Realität doch auch die digitale Welt und ihre mysteriösen Bewohner der kirchlichen Verkündigungstätigkeit zu unterwerfen. Die kritischen Einwände, bitte endlich die leidige Unterscheidung von „realer“ und „digitaler“ Welt aufzugeben – und, ach, letztere bitte nicht nur als Missionsgebiet zu beackern, sondern als Raum für echte Begegnungen wahr- und ernstzunehmen. Der Weg von der Absichtserklärung hin zu konkreten Maßnahmen wurde, während ich noch an diesem Text sitze, schon von den Jugenddelegierten der EKD beschritten.

Um das Ganze noch ein Stück weiter zu treiben, nun ein kleines Gedankenexperiment:

Nehmen wir einmal an, bei mir klingelt das Telefon. „Herr Graßmann? Hier spricht Frau Sowienoch aus dem Landeskirchenamt. Der Landesbischof möchte mit Ihnen sprechen. Er hat da letztens diesen Text von einem Zeit-Journalisten gelesen und war tief erschüttert. Er meint, die Evangelisch-Lutherische Landeskirche in Bayern muss das mit der Digitalisierung jetzt echt einmal konsequent angehen! Wir brauchen wen, der für den Landeskirchenrat eine passende Strategie für digitale Entwicklung ausarbeitet. Und da sind wir beim googeln halt irgendwie auf Sie gekommen… (Gedankenexperiment!)“ Und, wie ich halt so bin, sage ich: „Natürlich, ich könnte gleich morgen in der Katharina-von-Bora-Straße vorbeikommen. Ich hab da zufällig schon was auf der Festplatte.“

Wie sähe der Plan aus, mit dem ich in den ICE steige?

1. Einrichtung einer „Abteilung G: Internet“ im Landeskirchenamt

Als erstes richten wir eine neue Abteilung im Landeskirchenamt ein! (Natürlich ohne Oberkirchenrat an der Spitze, um das Gleichgewicht von Kirchenkreisen und Abteilungen innerhalb des Landeskirchenrats nicht zu gefährden…)

Diese Abteilung G: Internet hat den Auftrag, die Präsenz der Landeskirche im Internet neu zu konzipieren und konsequent weiterzuentwickeln, zu administrieren, zu moderieren und mit theologisch gehaltvollem Content zu füllen. Konkret wäre zunächst an informative und katechetische Angebote zu denken, eine Berichterstattung über Kirchen- und Religionspolitik, regelmäßige Updates für die Kirchenleitung bezüglich relevanter Diskurse in den sozialen Medien sowie eine niederschwellige Ansprechbarkeit durch gut gepflegte Accounts. Die Liste lässt sich natürlich erweitern. Was definitiv nicht zu den Aufgaben dieser Abteilung gehören wird, sind Fortbildungen und die Betreuung der Gemeinden in technischen Fragen – dafür sind eigene Stellen zu schaffen oder externe Spezialisten hinzuzuziehen.

Dazu erhält die Abteilung eine passende Personalausstattung, ich denke an zunächst einmal elf volle Stellen. Fünf davon sollten mit theologisch oder religionspädagogisch ausgebildeten Amtsträgern besetzt sein, fünf mit Informatikern1, Webdesignern oder Spezialisten aus anderen einschlägigen Berufen. Die letzte Stelle wird besetzt von einem Juristen mit besonderer Qualifikation in Urheberrechts- und Datenschutzfragen. Zwei dieser Stellen könnten auch erst einmal Praktikumsplätze sein. Die Stellen sind (wie bei Entsendungen in Partnerkirchen) auf maximal sechs Jahre, besser drei Jahre mit Möglichkeit einer Verlängerung um drei Jahre beschränkt. Gerade in diesem Feld wäre es fatal, wenn eine in der Kirche oft beobachtete Entwicklung einsetzt: Leute richten sich auf ihren Stellen ein und verweigern die nötigen Lernprozesse, um mit den Entwicklungen des Feldes Schritt zu halten.

An die Spitze der Abteilung stellen wir gleichberechtigt einen der Theologen, einen der Informatiker sowie den Juristen. Was die Entscheidungsfindung betrifft, schwanke ich, ob Grundsatzentscheidungen im Konsens gefasst werden müssen oder man lediglich ein Vetorecht bei schweren Bedenken einräumen sollte. Das können wir ja noch diskutieren!

Die nötigen Stellen könnten an anderer Stelle der Landeskirche problemlos eingespart werden. Ich hätte da unmittelbar einige Vorschläge – die ich an dieser Stelle freilich (noch) nicht äußere, damit die Debatte nicht in die falsche Richtung abdriftet. Die Personalkosten wären also neutral. Ich bin kein Spezialist, aber meine: Für die technische Ausstattung sollte zunächst der Preis einer mittelgroßen Orgel ausreichen. Räume stellt das Landeskirchenamt in München zur Verfügung. Man könnte diese Abteilung – das ist ja das Tolle an der Digitalisierung – zwar problemlos auch in Rummelsberg oder Neuendettelsau oder sonst wo ansiedeln. Aber eigentlich mag ich den Gedanken, dass die Informatiker und Webdesignerinnen durch das Landeskirchenamt schlurfen und über Techie-Kram reden…

2. Verpflichtende Fortbildung für alle Pfarrerinnen und Pfarrer

Für die zukünftigen Pfarrergenerationen wird das Thema Internet und Digitalisierung fest in die Ausbildung im Predigerseminar integriert, wobei das Thema eher kontinuierlich mitlaufen sollte, als in einer eigenen Kurswoche behandelt zu werden.

Zusätzlich werden alle derzeitigen Amtsträger der ELKB für eine fünftägige verpflichtende Fortbildung einberufen. Das bisherige Format der Aufklärung hat sich nämlich nicht bewährt: Man lädt sich als Gemeinde oder Pfarrkapitel aus aktuellem Anlass einen mit der Internetarbeit betrauten Spezialisten ein. Der hält einem dann in eineinhalb Stunden einen launigen Vortrag, argumentiert nach Kräften gegen die sogleich geäußerten Bedenken an, preist die Vorzüge des Internets, all das angereichert mit vielen Screenshots, Cliparts und anglophonen Nerdjokes. Der bleibende Eindruck bei großen Teilen der Pfarrerschaft: „Krass, dieses Internet! Da lass ich besser die Finger von!“ Aufklärung braucht Zeit und das Internet will erkundet werden.

(Trotzdem gilt natürlich: Daumen hoch für Christoph Breit und all die anderen Männer und Frauen auf dem verlorenen Posten!)

Am ersten Tag steht aber erst einmal Entmythologisierung an: Es ist mitnichten so, dass mit Einrichtung eines Twitteraccounts die NSA automatisch Zugriff auf meine Mikrowelle erhält. Es ist kaum zu befürchten, dass einem auf Facebook unvermittelt Drogen, Kindersklaven und Kriegswaffen angeboten werden. All der Seemannsgarn von Datenkraken und Darknet eben, der besonders von Leuten gesponnen wird, die es für unsittlich halten, ein anderes Betriebssystem als Windows XP zu nutzen. Wir sind im Internet nicht irgendwelchen finsteren Algorithmen ausgeliefert, sondern primär als kritische Individuen gefragt.

Der Tag zwei dreht sich dann um Netiquette. Eigentlich sollte es reichen, folgende Faustregel einzubläuen: Im Internet sind neben mehr oder weniger witzigen Spambots vor allem Menschen unterwegs. Deshalb ist im Internet all das nicht ok, was auch ansonsten im Umgang mit Menschen tabu ist. Hetzen, Stalken, Mobben, krumme Geschäfte oder das Herumzeigen von Penisbildern würde man im Umgang miteinander gewöhnlich nicht dulden. Also auch im Internet: Lasst es bleiben! Nicht, dass ich diesbezüglich in der Pfarrerschaft ein großes Problem vermute, aber sicher ist sicher. Mit dieser Faustregel kann man Pfarrerinnen und Pfarrer getrost auf die Netzwelt loslassen. Und ja, das Mäßigungsgebot bezüglich politischer Äußerungen gilt auch im Internet.

Der Tag drei dient dazu, grundlegende Internetanwendungen (Internettelefonie, Kalender), nützliche Apps (nicht nur die Bahn-App), die wichtigsten sozialen Netzwerke (Facebook, Twitter) und nicht zuletzt kirchliche Angebote im Netz vorzustellen und gemeinsam zu erkunden.

Am vierten Tag bekommt jede und jeder die Aufgabe, zumindest ein Projekt im Zusammenhang mit der Digitalisierung zu planen, umzusetzen und einen Monat weiterzubetreiben. Man könnte eine Page zusammenbasteln, einen Blog einrichten, Predigten streamen, Links zu einem Thema zusammentreiben, eine Gruppe in einem sozialen Netzwerk gründen usw. Danach gibt man sich wechselseitig Feedback, wertschätzend und bestärkend natürlich! Wir wollen ja keine Trolle ausbilden.

Am letzten Tag, wenn ein Großteil der unfreiwilligen Teilnehmer dann wider Willen ein bisschen Blut geleckt hat, kann man noch einmal ein paar rechtliche Details zu Datenschutz und Urheberrecht erläutern. Dann geht es wieder zurück in die Gemeinden. Der Erfolg wird nicht ausbleiben!

3. Änderung im Pfarrerdienstrecht: Internetpräsenzpflicht

In einem dritten Schritt fügen wir an geeigneter Stelle die folgenden Paragraphen ins Pfarrerdienstrecht ein:

(1) Pfarrerinnen und Pfarrer sind grundsätzlich verpflichtet, eine Präsenz in den sozialen Medien zu unterhalten und diese angemessen zu pflegen.

(2) Sie sind gehalten, in den sozialen Medien als Amtsträger erkennbar und für Fragen des christlichen Glaubens ansprechbar zu sein.

Dabei geht es natürlich nicht darum, diese „Pflicht“ zu kontrollieren und streng durchzusetzen. Der Kenner sieht auch gleich die faktische Einschränkung zu einer Soll-Bestimmung.

Das Ziel ist vielmehr, die Begründungslast umzukehren: Ich muss als guter Pfarrer vor niemandem rechtfertigen, dass ich mir einen Account in einem sozialen Netzwerk einrichte. Vielmehr muss ich vor meiner Gemeinde und meinen Vorgesetzten begründen, wenn ich mich prinzipiell aus dem Internet fern halte.

In der Logik des Pfarrerdienstrechts ist dies einfach die konsequente Fortführung der Residenzpflicht. Denn – unabhängig von der leidigen Pfarrhausthematik – hinter dieser verbirgt sich ja nicht einfach der Wille zur Schikane, sondern die tiefere Absicht, den Pfarrer zum lebensweltlichen Miteinander mit seinen Gemeindegliedern zu zwingen. Diese Pflicht muss heute selbstverständlich auch auf das Internet ausgedehnt werden, da dieses schließlich ebenso selbstverständlich zum Leben vieler Menschen gehört wie der Gang zum Friseur oder zum Bäcker an der Ecke.

Zu erwarten ist natürlich, dass sich die Pfarrerschaft über die zusätzliche Pflicht beklagt. Aber mal unter uns: Dann sollen die Kollegen sich halt an anderer Stelle eine Entlastung gönnen, eine ihrer angestammten Aufgaben abgeben oder zumindest herunterfahren! Welche das sein könnte, sollten sie selbst am Besten entscheiden können. Schließlich sind wir alle erwachsene, selbstverantwortliche Menschen …

Ein Wort noch zu der Ausgestaltung dieser Dienstpflicht: Die Landeskirche muss unbedingt Abstand von der aktuell empfohlenen Praxis der Dienstprofile nehmen. Das Resultat solcher „Vikarin Soundso“ und „Pfarrer Sowienoch“-Accounts ist, dass die sozialen Medien mit unspannenden Zombies bevölkert werden, denen selbst Kirchenvorstände nur widerwillig folgen. Wieso auch, wenn nur der Inhalt des (analogen) Gemeindebriefs und hin und wieder ein Blumenfoto aus dem Pfarrgarten gepostet wird? Was die Menschen interessiert, sind Personen mit Klarnamen und aus Fleisch und Blut, die auf ihren Glauben und ihre Kirchenzugehörigkeit ansprechbar sind, aber sich auch mal in anderen Debatten und banalen Alltagsfragen äußern, vielleicht sogar mit ihrer Meinung angreifbar machen.

Das soll natürlich nicht heißen, dass ein Zweitaccount nicht in manchen Fällen legitim wäre. Wer als Pfarrer weiterhin freizügige Fotos posten oder irgendwelchen bizarren Hobbies nachgehen will, ist mit einem Pseudonym gut bedient. Nur sollte eben der Pfarrdienst integriert in das allgemeine Leben sein, nicht das bizarre Hobby unter Gleichgesinnten, für das man sich einen Spezialaccount gönnt. Verstehen Sie meinen Punkt?

4. Langzeitziele

Tobias Jammerthal hat mich zu Recht darauf hingewiesen, dass die hier vorgeschlagenen Maßnahmen konsequenterweise in einem nächsten Schritt auch auf andere kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausgedehnt werden sollten. Dem stimme ich zu. Diese Vorschläge sind daher auch nur als erste Schritte hin zu einer umfassenden Vision von Kirche im Netz zu betrachten.

Wie sieht diese Vision aus? Es ist die einer Kirche, die sich im Internet ansprechend, professionell und ihrer Botschaft gemäß präsentiert. Eine Kirche, die einerseits als Institution über vielfältige qualitativ hochwertige Angebote verfügt, die aber andererseits von vielen Einzelpersonen – Hauptamtlichen, Ehrenamtlichen, Sympathisanten – getragen wird, die ihre jeweiligen Gaben einbringen und so ihren Glauben an Jesus Christus im Netz bezeugen.

Beides ist vielfältig vernetzt: So teilen Interessierte vielleicht eine kirchenoffizielle Bekanntmachung, welche dann in Onlinemedien und Blogartikeln kommentiert wird. Daraufhin entspinnt sich eine Diskussion, die neue Perspektiven, theologische Argumente sowie konkrete Verbesserungsvorschläge zu Tage fördert. Die Ergebnisse dieser Diskussion finden dann über die Internetabteilungen der Landeskirchen ihren Weg zurück in die kirchlichen Leitungsgremien.

Wer weiß, vielleicht wirkt sich dieses Feedback dann sogar auf die Entscheidungen der Kirchenleitung aus? Vielleicht erspart die Digitalisierung ja einmal Denkanstößen den Weg durch die Telefone und Vorzimmer, macht so manche ICE-Fahrt durch die halbe Republik unnötig?

Klingt, bei Lichte besehen, gar nicht so visionär…

Also los, an die Umsetzung! Wir schaffen das!


1 Da es sich hier um eine Skizze handelt und es bei den vielen Berufsbezeichnungen wirklich mühsam zu lesen wäre, verzichte ich auf geschlechtergerechte Sprache. Das bedeutet nicht, dass bei der Besetzung nicht unbedingt auf ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis zu achten wäre!

Wandern ohne Stecken und Stab?

Notwendige Anmerkungen zu „Und wie wir wandern im finstern Digital“

von Niklas Schleicher

Ich sitze gerade vor meinem Laptop, und tippe diesen Text. Auf dem zweiten Bildschirm läuft nebenher eine gestreamte Serie. Ich schreibe hier eine Antwort auf einen Text von Hannes Leitlein, der online bei zeit.de (http://www.zeit.de/2017/13/digitalisierung-medien-martin-luther-kirchen-reformation-netz) erschienen ist. Erfahren habe ich von diesem Text per Twitter und mich dann kurz per Telegram mit einem Freund ausgetauscht, ob wir auf nthk.de darauf reagieren sollen. Also auf dem Blog, den ich mitbetreibe. Lange Rede, kurzer Sinn: Auch ich bin mir dem bewusst, dass die digitale Welt bestimmend für unsere Diskurse ist, dass das Internet ein Raum für Kommunikation mit bisher ungekannten Möglichkeiten ist.

Von daher müsste ich Leitlein für diesen Text, der sich wie ein flammendes Plädoyer liest, dass die EKD sich endlich positiv mit der Digitalisierung auseinandersetzt, danken. Ja, möchte man sagen, ja, recht hat er. Der Kommentar von Margot Käßmann bezüglich Facebook und Seelsorge ist wirklich ziemlich peinlich. Und Äußerungen von technologiekritischen Theologen wie z.B. Werner Thiede sind oft auch nicht auf der Höhe der Zeit. Und er trifft auch weitere Punkte, die durchaus richtig sind, die für eine Kirche, die auch in der Gegenwart relevant bleiben will, zu bedenken sind.

Aber, um es etwas pathetisch mit Karl Barth zu formulieren: Nein! So kann das mit der Digitalisierung in der Gesellschaft, aber dann eben auch in Theologie und Kirche nun auch wieder nicht sein.

Der Gedankengang Leitleins ist, soweit ich das richtig interpretiere, folgender: Die digitale Revolution ist analog zu sehen zum Buchdruck und stellt einen tiefgreifenden Wandel unseres Kommunikationsverhaltens dar. Luther hat damals den Buchdruck für seine Reformation nutzen können und wurde erst durch diesen bekannt. Die evangelische Kirche, die sich in seiner Nachfolge sieht, sollte deshalb auch die Digitalisierung würdigen und mit ihr gehen, zumal die Kommunikation im Internet eine Form darstellt, die Ureigenes des Protestantismus zur Geltung bringt. Sie ist nämlich eine Form von Kommunikation, die das Dialogische, das Gespräch miteinander in den Fokus stellt. So entspricht sie dem Priestertum aller1. Von daher lösen sich im Digitalen dann auch Dinge wie geistiges Eigentum und so weiter auf und „Vielfalt, Beziehungen, Netzwerke, Interaktionen und Solidaritäten“ stehen im Vordergrund2. Kritisiert wird dann auch die Art der Internetkommunikation, wie sie z.B. der Ratsvorsitzende Bedford-Strohm betreibt, da diese noch ganz im Analogen verhaftet bleibt, in dem Sinne, dass Bedford-Strohm zwar viel auf Facebook postet, aber auf Kommentare nicht antwortet3. Die digitale Welt jedenfalls ist etwas, das theologisch gedeutet werden will, über das und mit dem die Kirche gesprächsfähig werden muss. Es gibt freilich schwierige Seiten, z.B. Datenschutz und Barrieren des Zugangs4, aber im Großen und Ganzen eröffnet das Internet eine große Chance für den Menschen. Diese besteht nicht zuletzt darin, die institutionellen Schranken der verfassten Kirche durch eine fluide christliche Community zu ersetzen.

Soweit in aller Kürze das Narrativ, dass ich aus verschiedenen Gründen nicht teile. Ich will nur drei Punkte nennen, an denen zumindest weiterzudenken wäre.

Zum ersten muss man sich nochmal die Interpretation des Priestertums aller Gläubigen näher anschauen, das hier (nicht ganz zu Unrecht) als Kernstück der Reformation bezeichnet wird und das sich anscheinend in der digitalen Welt erst vollends verwirklichen soll. Nun meint das Priestertum aller Gläubigen zunächst folgendes: Es gibt für die Würdigkeit des Christen in Bezug auf sein Gottesverhältnis keinen Unterschied zwischen Priestern, Bischöfen und Mönchen und den Laien. Jeder getaufte Christ hat direkten Zugang zu Gott, kann sich Gott im Gebet nähern und braucht keine Vermittlung durch Geweihte, Priester oder Heilige5. Aber: Für die öffentliche Verkündigung des Evangeliums, also dafür, dass Leute auch die Christusbotschaft hören können, die bei Menschen den Glauben wecken kann, bestimmt die Kirche Ämter. Diese Ämter beinhalten keinen Unterschied in der Würdigkeit, sondern beschreiben Funktionen. Die Amtsträger verkünden das Evangelium öffentlich. Dies sieht Luther übrigens schon recht früh, als Lektüre sei hier z.B. die Adelschrift empfohlen. Aus dem Priestertum aller Gläubigen zu schließen, dass im Internet jeder Christ gleichermaßen zur öffentlichen Verkündigung berufen ist, wäre genauso falsch, wie zu folgern, dass es im Priestertum aller Gläubigen um die Beziehung der Menschen zueinander geht. Dass Leitlein in dieser ganzen Passage zur Reformation ohne irgendeine Idee zum Gottesbezug auskommt, ist wenigstens als sportlich zu bezeichnen.

Zum zweiten wird hier etwas übersehen, dass meine Generation immer wieder gerne übersieht. Das Leben im Digitalen ist für viele selbstverständlich geworden, macht aber auch einigen Menschen Angst und überfordert andere. Die Kirche besteht eben nicht nur aus den jungen 15-40 jährigen, die fordern, dass endlich wieder alles neu werden soll. Einen großen Teil der wirklich Treuen machen eben diejenigen aus, für die das Abrufen einer Mail oder ein Skypekontakt mit dem Enkel schon das Höchste der Gefühle ist. Es ist irritierend, dass diese Menschen in Leitleins Vision von Kirche gar keine Rolle mehr spielen und offensichtlich längst abgeschrieben sind. Hinzu kommt: Nicht nur Menschen dieser Generation bevorzugen eben im Sonntagsgottesdienst eine Predigt, die von der Kanzel vorgetragen wird, und kein digitales Happening in der Twitter-Sphäre. Die digitale Avantgarde überschätzt notorisch ihr eigenes zahlenmäßiges Gewicht, Stichwort: Filterbubble. Gerade die Gottesdienste an Lebensübergängen werden noch immer gerne in Anspruch genommen. Hier ist nun aber die Ritualkompetenz und Verkündigungserfahrung von Spezialisten gefragt. Denn bei aller Liebe: Meine Hochzeit hätte ich nicht gerne im freien Gespräch mit der Gemeinde im Internet gestaltet. Da gehört die gelehrte und emphatische Auslegung des Trauspruches genauso dazu wie der Segen und der Ringetausch vor der im Analogen versammelten Gemeinde. Noch deutlicher wird das Ganze bei Beerdigungen. Bei aller Möglichkeit von Online-Kondolenz-Büchern ist doch hier das analoge Ritual m.M.n. kaum zu ersetzen6.

Und drittens: Wenn wir die digitale Welt theologisch deuten wollen, dann bitte ordentlich. Dann muss man notwendigerweise die Unterscheidung zwischen Schöpfung und Fall machen und darauf hinweisen, dass auch die Person, die digital unterwegs ist, immer simul iustus et peccator bleibt. Die digitale Welt bleibt genauso wie die analoge zwiespältig, es wird dort gute Dinge geben, aber es gibt dort auch schlechte. Mit Bonhoeffer gesprochen: Auch die neue, digitale Welt bleibt im Vorletzten, die digitale Welt der neuen Kirche bleibt immer noch die sichtbare Kirche und wird nicht plötzlich als Ganzes zu derjenigen, die die Dogmatik als unsichtbare Kirche, mithin als Reich Gottes bezeichnet. Es wird also auch in der digitalen Kirche Strukturen geben müssen, die ein gewisses Maß an Ordnung und Verlässlichkeit sichern. Man muss das dann nicht Hierarchie oder Lehramt nennen. Aber es wäre naiv zu glauben, dass in der digitalen Welt nicht viele Probleme analoger Kirche wiederkehren, meinetwegen in gewandelter Form.

Nochmal zurück zu Luther: Freilich nutzte er die neuen Medien, den Buchdruck für die Verbreitung seiner Reformation. Aber er hatte auch andere Äußerlichkeiten auf seiner Seite: Die politischen Verhältnisse im Reich und gewisse aufstrebende Schichten. Und trotz dieser Äußerlichkeiten brauchte es eben dennoch so jemanden wie Luther (oder Zwingli oder Bucer) der die treibenden Ideen hatte. Auch im Internet entstehen Ideen nicht qua Offenbarung ins Nichts. Und welche Kirche genau „Luther verdient“ hat, entscheidet zum Glück kein Redakteur der Zeit.

Die Digitalisierung ist von Seiten der Kirche als Faktum anzunehmen, kreativ mitzugestalten und keinesfalls kulturpessimistisch zu verteufeln. Aber ob wir die Digitalisierung für die Möglichkeit feiern wollen, die verfasste Kirche mit ihren spezialisierten Ämtern abzuräumen und durch eine Cloud fluider Cybersekten zu ersetzen?

Mit Luthers Bibelübersetzung gesprochen: Das sei ferne!

1Das bei Leitlein nicht vom Priestertum aller Gläubigen bzw. aller Getaufen die Rede ist, könnte ein Flüchtigkeitsfehler sein. Bestimmt meint er „aller Gläubigen“. Oder?

2Hier bin ich persönlich recht angefressen. Freilich kann jemand die Abschaffung geistigen Eigentums als Gewinn bezeichnen, der Geld für seinen Journalismus bekommt. Wissenschaftliche Theologen, die sich mit ihren Veröffentlichungen und entsprechend auch mit ihrer geistigen Arbeit später eventuell auf Stellen bewerben also solche Leute wie ich, sollte ich einmal nicht den Weg ins Pfarramt einschlagen , sind schon ein bisschen drauf angewiesen, dass mit den von ihnen produzierten Texten nicht einfach als beliebiges Allgemeingut umgegangen wird. Oder aber: Wenn wir schon den Kommunismus fordern, dann bitte richtig!

3Nun muss man allerdings auch zugestehen: Wer sich mal die Kommentare unter manchen Posts von Bedford-Strohm angeschaut hat, kommt vielleicht zu dem Ergebnis dass darauf sachlich zu antworten mehr gute Nerven erfordert, als ein Mensch haben kann.

4Das Barrieren übrigens nicht nur Sehbehinderungen betrifft, sondern auch die Tatsache, dass viele Leute sich Internet bzw. die notwendigen Endgeräte immer noch nicht leisten können, nun, dass kann man schon mal übersehen.

5Kann aber, um diese einfache Gegenüberstellung etwas einzuordnen, auch nicht mehr auf die Fürsprache von Heiligen vor Gott bauen. Jede Person ist vor Gott unvertretbar.

6Mich hat bis jetzt noch kein online-basiertes Ritual oder noch keine Form des Online-GDs auch nur halbwegs überzeugt. Mit Blick auf die absoluten Zahlen dürfte sich die Gruppe derer, die solche Angebote regelmäßig in Anspruch nehmen, als recht begrenzt herausstellen. Und es ist kaum zu erwarten, dass sich das in näherer Zukunft kategorial ändert.

Ja zu gelebter Menschenfreundlichkeit Gottes. Ein Tagungsbericht.

von Michael Greder

Fremdenfeindlichkeit hat Konjunktur. Von Dresden bis Washington wird das spürbar. Der Esprit des Münchener Bahnhofs erscheint wie eine schöne Geschichte aus längst vergangenen Tagen. Dabei ist es gar nicht lange her, dass Bürgerinnen und Bürger aus ganz Deutschland ihre Hilfsbereitschaft in die Tat umsetzten und in die bayerische Landeshauptstadt strömten. Mit unglaublich großem Engagement wurden Menschen in Deutschland mit Wort und Tat willkommen geheißen. Damals gab es viel Lob für die Bundeskanzlerin. Inzwischen mehren sich aber die Stimmen, die ihr Planlosigkeit und Untätigkeit vorwerfen. Durch dieses Merkel-Vakuum und aufkeimenden Fremdenhass sind immer mehr Menschen dazu geneigt, das demokratische System an sich in Frage zu stellen.

Mit Blick auf diese gesellschaftliche Großwetterlage stellt sich die Frage: Welche Rolle soll die Kirche einnehmen?

Auf der Tagung „Die Menschenfreundlichkeit Gottes leben – aber wie? Rechtsextremismus, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und Kirche“ wurde sich dieser Frage angenommen. Damit das theoretische Fundament sogleich gelegt ist, wurde die Tutzinger Tagung von den Organisatoren Udo Hahn, Reiner Schübel und Martin Becher bereits im Flyer unter das bekannte Böckenförde Diktum[1] gestellt. Mit diesem Kniff konnte die Konzentration der ReferntInnen und der TelnehmerInnen auf handlungsleitende Fragestellungen gelenkt werden.

Die Tagung wurde – nicht ganz ohne Pathos – vom Akademieleiter Hahn eröffnet. Das Thema der Tagung zeige, wie wichtig es ist, dass sich die Kirche als Akteur in die Zivilgesellschaft einbringt.

Selten oder noch nie wurde nach Aussage der Verantwortlichen ein Beschluss der Synode mit so großer Zustimmung gefasst, wie der zum Handlungskonzept „Ja zu gelebter Menschenfreundlichkeit Gottes. Nein zum Rechtsextremismus. Haltungen, Erfahrungen und Perspektiven der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB)“. Derart gestärkt konnten die Protagonisten der Steuerungsgruppe stolz und selbstbewusst auf die wohl schon ein paar Jahre andauernde Entstehungsphase des Konzepts zurückblicken. Schübel und Becher vermochten durch die Expertise der Rechtsextremismusforscherin Britta Schellenberg, die gebotene Ordnung in die Sachlage zu bringen. Dadurch konnte ein präsentables Ergebnis erzielt werden. Auf dieser Basis stellte Schellenberg fünf Kernpunkte vor, aus denen sich das Konzept speist:

Erstens soll das bereits vorhandene breite Engagement vieler kirchlicher Akteure gesichtet und gebündelt werden. Zweitens müssen dabei eigene Probleme der Kirche in den Blick kommen. Drittens muss die Kirche zeigen, was sie zu bieten hat. Das umfasst ihr weltanschauliches Fundament, ebenso wie Erkenntnisse aus der Bildungs- und Sozialarbeit. Zudem soll viertens das Praxisangebot der ELKB beleuchtet werden. Fünftens wird die kontinuierliche Verständigung und Weiterentwicklung betont.

Aus diesen Kernpunkten ergibt sich das Ziel, eine kritische Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zu fördern, nachhaltig dagegen zu wirken und eigene Grundsätze zu stärken.

Insbesondere wurde in einem Koreferat von Schübel der dritte Kernpunkt hervorgehoben. Natürlich lag das an einem Ort wie der evangelischen Akademie Tutzing auf der Hand. Gelebtes protestantisches Bildungsideal trifft dort auf fruchtbaren Boden. Zudem kamen die meisten Zuhörerinnen und Zuhörer aus der hervorgehobenen kirchlichen Bildungs- und Sozialarbeit.

Doch worin besteht nun das weltanschauliche Fundament, das die ELKB den engagierten Menschen bietet? Die Hauptverantwortlichen sehen die Antwort in einer „Ethik der Einfühlung“ (s. auch Handlungspapier 12f). Dieser Ethik liegt unter anderem eine Interpretation von Ex 23, 9 zugrunde: „Die Fremdlinge sollt ihr nicht unterdrücken; denn ihr wisset um der Fremdlinge Herz, weil ihr auch Fremdlinge in Ägyptenland gewesen seid“. Natürlich hat Jesus selbst die im Alten Testament angelegte „Ethik der Einfühlung […] in der sogenannten goldenen Regel auf den Punkt gebracht“ (ebd. 13). Auf Grund der eher marginalen theologischen Auseinandersetzung haftete dieser Argumentation ein biblizistischer Beigeschmack an. Bei der anschließenden Diskussion musste ein engagierter katholischer Kollege gegenüber einer überwiegend evangelischen Zuhörerschaft an die Tugenden des kritischen Bibelstudiums appellieren. Zu leicht ließen sich zahlreiche Stellen in der Schrift finden, in denen der Umgang mit „dem Fremden“ weniger wohlwollend vonstattengeht. Eine wirkliche Antwort oder ernsthafte Erörterung auf dem Podium gab es nicht. Mehr noch wurde die von der Steuerungsgruppe offenbar erwartete subjektive Aneignung und affirmative Evidenz (Joas) dieser Ethik angesichts der Schriftautorität weiter geschmälert: Aus dem empirische Befund von zweitausend Jahren Kirchengeschichte entspringt nicht unbedingt eine „Ethik der Einfühlung“. Die Irrungen und Wirrungen, oder in der Sprache Schleiermachers, „krankhafte Erscheinungen“ (z.B. KD2 §54) des Christentums sprechen eine andere Sprache: Kreuzfahrer, Hexenjäger, Antisemiten, NS-Pfarrer. Sie alle haben sich auch auf die Schrift berufen und sind „dem Fremden“ feindselig gegenübergetreten.

Im weiteren Verlauf sollte die Tagung jedoch jene Stärke demonstrieren, die sich auch im Handlungspapier niederschlägt: Die Handlung wird größer geschrieben als das Papier. Unter der Überschrift „ökumenisch Handeln gegen Menschenfeindlichkeit“ stellten engagierte Ehren- und Hauptamtliche aus der kirchlichen Praxis ihre Projekte vor. Von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland, vertreten durch Karl Georg Ohse, bis zur katholischen Jugend, vertreten durch Thomas Andonie und Andreas Belz, über die Kommission „Justitia et Pax bei der Deutschen Bischofskonferenz“ (Andreas Lob-Hüdepohl) und die „Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche und Rechtsextremismus“ (Christian Steffa) wurde sichtbar, dass bereits seit Jahren viel gegen Rechtsextremismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit unternommen wird.

Wozu braucht es dann ein Handlungskonzept? Immerhin stehen Personen auf dem Podium, die bereits in größere Netzwerke eingebunden sind. Alle Referenten begrüßten jedoch das Handlungskonzept und fanden lobenden Worte: Die ELKB zeigt hierin ihre Unterstützung von oberster Stelle. Sie ermutigt und stärkt Menschen in ihrem Engagement für Toleranz und Demokratie. Man kann also den Eindruck gewinnen, das Handlungskonzept entfalte schon aufgrund seiner Entstehung und Präsenz eine Wirkung. Die ausgewählten Beispiele zeigen, dass der Bedarf groß ist, die Vernetzung weiterauszubauen. Die Notwendigkeit einer öffentlich wirksamen Vernetzung von Initiativen, Verbänden, Institutionen und lokalem Engagement wurde nicht zuletzt an einem Beispiel evident, das Ohse mitbrachte: Eine Kirchengemeinde der Nordkirche hatte ein Grundstück an einen Bauern verpachtet, der dieses auch dafür nutzte rechte Symbole und Parolen aufzustellen – ein Zustand, der für die Kirchengemeinde unhaltbar war. Professionelle Hilfe, geschweige denn die Unterstützung durch ein Krisenmanagement, waren in den Strukturen der ELKN nicht vorhanden. Die anfängliche Hilflosigkeit der Gemeinde, die den Fall in Eigenregie lösen konnte, setzte einen Prozess in Gang. Die ELKN versucht heute, Projekte gegen Menschenfeindlichkeit und für Toleranz zu unterstützen. Ohse kritisiert in seiner Präsentation, dass es kein Handlungskonzept der ELKN gebe. Ein solches könnte Betroffenen eine Hilfestellung bieten. Das Beispiel zeigt: Häufig hat das Engagement seine Wurzeln in einer mehr oder weniger spontanen Reaktion, die von den Umständen aufgedrängt wird. Erst im Anschluss wird versucht, diesen Impuls zu verstetigen. Aus diesem Grund ist der Ansatz des Konzepts,  Bestehendes zu sichten, sinnvoll. Diese Orientierung an schon gelebtem Engagement ist auch im Layout des Handlungskonzepts zu finden. Lilafarbene Infoboxen enthalten Beispiele und nennen Anlaufstellen für Interessierte und Betroffene. Es bleibt zwar unausgesprochen, aber es scheint so, als wolle die ELKB zu einem Steuerungselement im Netzwerk werden. Dabei formuliert das Konzept zum jetzigen Zeitpunkt nicht den Anspruch, handlungsweisend Probleme lösen zu wollen.

Im Anschluss durften sich vor allem die kirchlichen Vertreter noch einmal ihre Relevanz von der Politik bescheinigen lassen. Der Mitarbeiter des Berliner Familienministeriums, Thomas Heppener, hob die Rolle der Kirchen und anderen Religionsgemeinschaften hervor: Sie können die Menschen erreichen und sind vor Ort. Besonders im ländlichen Raum könne die Kirche Extremismus entgegentreten. Darüber hinaus habe die Kirche andere Möglichkeiten, in den politischen Raum einzugreifen, da sie nicht an Parteigrenzen stößt. Im letzten Teil seines Vortrags kam Heppener auf eine noch völlig unbeachtete Frage zu sprechen: Das Geld. In seiner Behörde zeichnet sich Heppener für die Verteilung von Projektgeldern mitverantwortlich. Im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben“ verteilt er Mittel an einzelne Projekte und Initiativen. Diese Finanzierung bleibt aber stets zeitlich begrenzt – ein Defizit, das vom Referenten beklagt wurde. In der Anschlussdiskussion meldeten sich einige Stimmen zu Wort, um den Finger in eben jene Wunde zu legen. Wie die Vorstellung der einzelnen Projekte aufzeigte, liegt es allen Beteiligten an einer Verstetigung. Eine zeitlich begrenzte Förderung stellt zahlreiche Projekte vor gravierende Probleme. Heppener verwies darauf, dass die Rechtslage eine längerfristige finanzielle Unterstützung nicht erlaube. Für die Ermöglichung einer nachhaltigen Finanzierung stelle eine Änderung des Gesetzes eine große Hürde dar. Es liege auch an zivilgesellschaftlichen Akteuren, dafür einzutreten.

Auch eine Vertreterin aus dem Münchener Familienministerium war geladen. Christiane Nischler-Leibl organisiert die Radikalisierungsprävention ihres Hauses. Klarer als ihr Vorredner behandelte sie in ihrem Referat das eigentliche Kernproblem: Wie halten es Staat und Religion miteinander? Diese Frage wird mit jedem Euro drängender, der von der einen zur anderen Seite fließt. Nischler-Leibls Antwort fällt simpel, aber reflektiert aus. Der Staat darf keine bestimmte Religion aus sich heraus bevorzugen. Als Kriterium für eine Kooperation fungiert ihre Funktionalisierbarkeit für bestimmte Ziele des Staates. Die Referentin nennt als Beispiel die friedenstiftende Funktion der Religion im Allgemeinen und im Speziellen ihre individuell-stabilisierende Wirkung, was auf einer besonderen Motivationsbasis beruhe.

Eine Podiumsdiskussion schloss sich an. Zum Kreis bereits genannter Personen gesellte sich Irmgard Schwaetzer. Der noch ausstehende Vortrag über eine Studie zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit in Bayern warf seine Schatten voraus. Die Studie zeigt nämlich, dass auch Kirchenmitglieder vor gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit nicht gefeit sind. So musste Schwaetzer schon zu Beginn der Runde eine Antwort darauf finden, warum dieser Umstand in der Kirche lange nicht berücksichtigt wurde. Wohlgemerkt: Mit „Kirche“ ist hierbei die EKD gemeint. Die Antwort fiel klar und ehrlich aus. Das Thema sei von den Leitungsgremien tabuisiert und umschifft worden. Um den „Kreis der Tabuisierung“ zu durchbrechen, wurde eine Steuerungsgruppe eingesetzt und mehrere Veranstaltungen im laufenden Jahr werden sich offen mit dem Thema auseinandersetzen.

Christian Ganser stellte routiniert und kenntnisreich am zweiten Tag die Ergebnisse seiner Studie zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in Bayern vor. Zwei Erkenntnisse der öffentlich zugänglichen Studie verdienen besondere Erwähnung: Zum einen ist gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ein Problem, dass sich durch die gesamte Gesellschaft zieht. Die Unterschiede zwischen religiös und nicht-religiös, alt und jung, sowie deutschem und nicht-deutschem Staatsbürger sind marginal. Zum anderen lässt sich „klassischer“ Rechtsextremismus kaum noch beobachten. Eine allgemeine Ablehnung von Ausländern findet sich selten. Von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit sind besonders vier Gruppen betroffen: Flüchtlinge, Menschen muslimischen Glaubens, Sinti und Roma, sowie Langzeitarbeitslose.

Die Tagung schloss mit zwei Referaten zum Skandal um den NSU-Terror. Heike Kleffner berichtete aus der Arbeit in den unterschiedlichen Untersuchungsausschüssen. Sie machte an diesem drastischen Beispiel offensichtlich, wie wichtig alleine schon das Bewusstsein für Rechtsextremismus in einer Institution ist. Denn in Ermangelung eines solchen Bewusstseins wurden die rassistisch motivierten Taten des NSU nicht frühzeitig erkannt. Später wurden Missstände in den Behörden nicht aufgedeckt oder gar verschleiert, da es in Behörden Rechtsextremismus gar nicht geben könne.

Robert Andreasch lieferte ein schier unglaubliches Resümee über den bisherigen Verlauf des NSU-Prozesses. Dabei griff er den roten Faden Kleffners auf. An zahlreichen Beispielen belegte er, dass wesentliche Prozesserfolge, im Sinne der Nebenkläger und einer umfänglichen Aufarbeitung, weder von der Bundesanwaltschaft noch von der Polizei erzielt wurden. Tiefgreifende Erkenntnisse sind in den meisten Fällen persönlich engagierten Anwälten und Journalisten zu verdanken.

Im Großen und Ganzen führte die Tagung oberflächlich in das Thema Rechtsextremismus und Kirche ein. Eine tiefergehende theologische Auseinandersetzung fand nicht statt. Auf der Strecke blieb auch eine reflektierte Berücksichtigung des von Ganser untersuchten Phänomens gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Seine Ergebnisse hätten eigentlich einen differenzierten Blick auf das Thema ermöglicht. Es geht nicht nur um glatzköpfige und springerstiefeltragende Raufbolde, die Menschen anderer Hautfarbe verprügeln und es geht nicht nur um abgehängte Mitbürger, die plumpe Parolen aufstellen. Diesen Eindruck könnte man nach der Tagung und einer ersten Lektüre des Handlungskonzepts der ELKB jedoch gewinnen. Dieses Feindbild ist inzwischen schon so alt, dass es selbst den neuen Rechten als schrulliges Klischee erscheinen muss. Und hier zeigt sich das Problem: Die Linien zwischen Links, Mitte und Rechts haben sich innerhalb kürzester Zeit nicht nur verschoben, wie häufig zu lesen ist. Sie haben sich verknotet. Darin liegt meiner Meinung nach die gegenwärtige Herausforderung. In einem Handlungskonzept aus dem Jahr 2017 sollte diese berücksichtigt werden.

 

Michael Greder ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im DFG-Projekt „Der Protestantismus in der ethischen Debatten der Bundesrepublik Deutschland 1949-1989“ und bearbeitet dort im Projekt „Individualisierungsprozesse als Referenzpunkt theologisch-ethischer Theoriebildung“ (Prof. Dr. Reiner Anselm) das Unterprojekt „Die Bedrohung des Lebens durch die Gentechnik“.

 

[1] „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Anderseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.“ Böckenförde, Ernst-Wolfgang: Staat, Gesellschaft, Freiheit. Studien zur Staatstheorie und zum Verfassungsrecht, Frankfurt a. M. 1976, 60.

Grundrechte und Digitalisierung – Kritische Anmerkungen zur „Charta der Digitalen Grundrechte der Europäischen Union“

von Niklas Schleicher

Ich bin ja nun kein ausgemachter Experte für die digitale Welt und die dazugehörenden ethischen und juristischen Debatten. Das sind aber bei weitem auch nicht alle „Bürger [und Bürgerinnen]“[1], die für die sogenannte „Charta der Digitalen Grundrechte“[2] verantwortlich zeichnen. Freilich: Mit Sascha Lobo und v.a. Frank Rieger gibt es gewichtige Ausnahmen, aber weder Martin Schulz noch Nikolaus Schneider, um nur zwei Beispiele zu nennen, sind auf diesem Gebiet schon mit wichtigen Schriften oder Statements hervorgetreten.

Und da diese Charta diskutiert werden soll und diskutiert werden kann, versuche ich im Folgenden einige Punkte aufzuzeigen, die für meine Vermutung sprechen, dass diese Charta relativ wenig taugt. Vielleicht muss man auch grundsätzlich die Frage stellen, zu welchem Zweck solch ein Text eigentlich verfasst wird. Mir sind die Notwendigkeit und der Zweck, einen Rechtstext zu verfassen nämlich intuitiv gar nicht so klar, wie es die Verfasser im Vorwort suggerieren.

Die Charta hat den Anspruch, digitale Grundrechte für den Raum der EU zu formulieren. Auch wenn der Text freilich zunächst als Diskussionsgrundlage gedacht ist, ist die Formulierung schon ausgesprochen „fertig“ und steigt damit ein, dass die Union die Grundsätze anerkenne. In 23 Artikeln werden dann Grundrechte formuliert, bzw. bereits geltende Grundrechtsartikel an die neue Situation angepasst,[3] beginnend mit Ausführungen über „Würde“, „Freiheit“ und „Gleichheit“, um von dort aus in Einzelfragen zu gehen. Auch wenn man die Idee gut findet, oder wenigstens, wie ich, der Überzeugung ist, dass Digitalisierung zum ethischen, juristischen oder politischen Diskurs herausfordert: Diese Charta jedenfalls kann allemal ein Anstoß sein und sollte in dieser Form keine Verbindlichkeit erlangen.

Denn: ihre Intention ist fortschrittsfeindlich, ihre Ausführungen schon jetzt veraltet, ihre Stoßrichtung individualistisch, elitär und –im schlechten Sinne – staatstragend, ihre Begrifflichkeiten verwirrend und undeutlich.

Man kann mir z.B. nicht vorwerfen, keine tiefen Sympathien für die Stellung und den Wert des Individuums zu haben[4]. Es ist so auch wichtig, dass die Charta den einzelnen Bürger im digitalen Raum würdigt. Leider vergisst die Charta, dass es, und gerade das zeigt uns doch der digitale Raum deutlich, eben nicht immer die Trias „Einzelner“ – „Unternehmen“ – „Staat“ ist, die Wirkung entfaltet (diese Trias ist übrigens im gesamten Text leitend, von daher sei sie bereits hier genannt). Vielmehr sind es doch gerade auch Kooperationen, also mit irgendeiner Zielvorstellung ausgestatteten Zusammenschlüsse Mehrerer, die in der digitalen Sphäre wirken, und zwar im Guten wie auch im Schlechten. Als Beispiel: Es ist eben nicht der einzelne Twitter-User, der im sogenannten „arabischen Frühling“ relevant war, sondern die teilweise auch im Anonymen bleibende Gruppe von Usern. Das Gleiche lässt sich auch für „Anonymus“ konstatieren. Die Vorstellung, dass eine einzelne, nicht-anonyme Person als Angesprochener dienen kann, verfehlt im Digitalen ihren Sinn. Hier müsste es einen Weg geben, Gruppen noch stärker als Rechtsubjekte zu würdigen. Dass dies schwierig ist, sei unumwunden zugegeben.  Dies verweist aber nur auf ein grundlegenderes Problem.

Dieser Einzelne wiederum ist sehr privilegiert gedacht. Interessant ist ja, dass Gerechtigkeit keine (oder nur eine geringe) Rolle spielt. Es wird zwar eingeräumt, dass Jeder Zugang zur digitalen Welt haben soll (Art 3) und dass Bildung in der digitalen Welt wichtig ist (Art 20), aber dass sich vielleicht mit der Digitalisierung grundsätzlicher Gerechtigkeitsfragen, v.a. bezüglich der Teilhabegerechtigkeit, angeschnitten werden, wird kaum gesehen. Anders formuliert: Der Status quo wird einfach auf die digitale Welt übertragen.

Dies sieht man auch daran, dass in der Trias Staat – Unternehmen – Einzelner dem Staat das Meiste zugemutet werden soll. Der Staat sorgt für den Schutz der Daten des Einzelnen bei Unternehmen, der Staat ist die Garantieinstanz gegen Andere. Ohne falsche historische Vergleiche zu ziehen, bin ich sehr unsicher, ob gerade Staaten immer besonders kompetent oder auch vertrauenswürdig – gerade für Aufgaben des Datenschutzes – zu sein scheinen.

Einige Einzelthemen, die in höchstem Maße fragwürdig erscheinen, sollen noch benannt werden:

Eine gewisse antiliberale Stoßrichtung des Dokuments lässt sich daran ablesen, dass Mobbing direkt unter dem Artikel der Meinungsfreiheit behandelt wird, und zwar in einer höchst interessanten Dialektik (Art.5):

  • Jeder hat das Recht, in der digitalen Welt seine Meinung frei zu äußern. Eine Zensur findet nicht statt.

  • Digitale Hetze, Mobbing sowie Aktivitäten, die geeignet sind, den Ruf oder die Unversehrtheit einer Person ernsthaft zu gefährden, sind zu verhindern.

Fraglich ist hierbei mindestens Zweierlei: Hat der Begriff des Mobbings in einem Grundrechtekatalog überhaupt etwas zu suchen, oder ist seine Intention nicht vielmehr schon unter dem Artikel von der Menschenwürde abgedeckt? Und: Wer bestimmt die Kriterien für Mobbing und wer wendet sie an? Man kommt nicht umhin, an die ganzen Initiativen zu „hate-speech“ zu denken, die eines gemeinsam haben: Sie schießen mit ziemlicher Sicherheit immer meilenweit über ihr Ziel hinaus. Mobbing und digitale Hetze ist, bei allem Verständnis für das dahinterliegende Anliegen, in der letzten Zeit doch meist so definiert worden, dass alles darunterfällt, was dem Konsens des Sagbaren einer gebildeten Mehrheit widerspricht. Da ist meist viel Richtiges dabei. Aber oft sind es ja auch durchaus Stimmen, die wenigstens den Anspruch erheben können, gehört zu werden[5]. Ich will keinen Staat, der über ein justiziables Maß hinaus bestimmt, was Mobbing oder Hatespeech ist. Konträre und auch schmerzhafte Meinungen muss ein liberaler Staat oder eine liberale EU aushalten können. Alles andere ist Zensur.

Ein anderes Zitat (Art. 8):

 Ethisch-normative Entscheidungen können nur von Menschen getroffen werden.

Das ist in dieser Form sowohl einfach unzutreffend als auch wenig weitsichtig. Erstens: Es ist unzutreffend, weil die meisten Großtheorien der normativen Ethik, nämlich v.a. der Utilitarismus mit all seinen Spielarten und die deontologische Ethik in der Nachfolge Kants mit all ihren analytischen Nachfolgerinnen davon leben, dass sie so formalisierbar sind, dass sie dem Intellekt einleuchtend erscheinen. Anders formuliert: Eine künstliche Intelligenz kann, sollte sie diesen Maßstäben folgen, natürlich ethisch-normative Entscheidungen treffen, die Frage ist nur, welchen Routinen sie zu folgen hat. Die damit verbundene Frage nach der Programmierung solcher Routine ist eher im strafrechtlichen Sinne der Fahrlässigkeit und weniger im ethisch-normativen Sinne zu diskutieren. Und: Natürlich ist der wahrscheinlich gemeinten Intention des Artikels ein gewisses Recht einzuräumen. Diese würde ich nämlich eher so interpretieren, dass nur ein Mensch über die „Weisheit“ im tugendethischen Sinne verfügt, zu entscheiden, was in der angezeigten Situation das richtige Verhalten ist und sich das eben nicht formalisieren lässt. Damit allerdings ist zu einem ethisches Denken aufgerufen, das sich eben nicht als „normativ“ im klassischen Sinne kennzeichnen lässt[6]. Zweitens: In der Konsequenz kann dieser Punkt, bei allem oben angedeuteten Verständnis für die Intention, sogar wichtig werden. Denn es ist ja keineswegs ausgemacht, dass die Entscheidung eines Menschen auch eine moralisch zu rechtfertigende Entscheidung ist. Isaac Asimovs Robotergesetze[7] erscheinen, obwohl sie von einem Science-Fiction Autor stammen und weitaus älter als der gegenwärtige Diskurs sind, viel nützlicher. Hier gibt es nämlich durchaus ein Kriterium, der menschlichen Entscheidungen in der digitalen Welt eine Grenze aufzeigt. Dass so eine Grenze wichtig sein könnte, wird von den hier formulierten Grundrechten schlicht und ergreifend übersehen, bzw. (fast noch schlimmer) naiv an die Regierungen zurücküberwiesen.

Es wären noch weitere Punkte anzumerken, die in dieser Charta wenigstens schwierig sind. So beispielsweise, dass die Grundrechte gegenüber „Privaten“ gelten (Art.1), ein Gedanke, der m.W.n. eigentlich nur indirekt für Grundrechte gilt, zumal dann die Frage ist, welche Instanz Verletzungen verhandelt. Oder: Was soll bitte das sogenannte „Recht auf Nichtwissen“ (Art.2) in einem juristischen Sinne bedeuten?

Es bleibt zu fragen, welchen Zweck die Verfasser und Unterzeichner dieser Charta verfolgen. Ich bin durchaus der Überzeugung, dass die Digitalisierung uns zu einem neuen Nachdenken darüber herausfordern sollte, was die Grundlagen und Normen unseres Zusammenlebens sein sollen und sein können. Aber: Die Umwälzungen gehen viel weiter, als der vorliegende Text irgendwie abdecken kann. Bei aller Liebe für einen gewissen Pragmatismus ist das nötige Wissen – in technischer, aber v.a. auch in ethischer Natur – noch viel zu gering und der darauffolgende Diskurs über Digitalisierung noch weit nicht genug fortgeschritten, um über Grundrechte, vor allem in dieser Form, nachzudenken. Die Charta formuliert bekannte Texte einfach etwas um und ergänzt ein paar Begrifflichkeiten der digitalen Welt und aktuelle Phrasen. Ich sehe die Gefahr, dass sich die sich an dem Text anschließende Debatte vor allem um einzelne Wendungen und Artikel drehen wird und das maximale Ergebnis die Ergänzung einzelner Artikel sein wird[8]. Damit ist wichtige Frage allerdings weder diskutiert noch beantwortet: Ist die digitale Welt mit Mitteln und Normen der „analogen“ Welt überhaupt zu behandeln? Oder anders: Ist die digitale Lebenswelt die gleiche wie die analoge? Und wenn ja (oder nein), warum?

[1] https://digitalcharta.eu/intiatorinnen-und-initiatoren/.

[2] https://digitalcharta.eu/.

[3] Bereits hier ist zu fragen, ob Dinge wie Menschenwürde nicht ohnehin schon in der digitalen Welt gelten sollten und worin der Mehrwert dessen läge, dies noch mal explizit zu formulieren.

[4] Vgl. z.B. https://netzwerktheologie.wordpress.com/2015/09/09/kierkegaards-grabstein-oder-stirner-luther-und-vom-ich-und-wir/.

[5] Vgl. hierfür z.B. die immer wieder erhobenen Vorwürfe gegen die Kolumne Fischer im Recht auf zeit.de.

[6] Hierzu auch wieder: Vgl. Johannes Fischer. Z.B. Verstehen statt Begründen, Stuttgart 2012.

[7] „1. Ein Roboter darf kein menschliches Wesen (wissentlich[2]) verletzen oder durch Untätigkeit (wissentlich[2]) zulassen, dass einem menschlichen Wesen Schaden zugefügt wird.

  1. Ein Roboter muss den ihm von einem Menschen gegebenen Befehlen gehorchen – es sei denn, ein solcher Befehl würde mit Regel eins kollidieren.
  2. Ein Roboter muss seine Existenz beschützen, solange dieser Schutz nicht mit Regel eins oder zwei kollidiert.“ (nach https://de.wikipedia.org/wiki/Robotergesetze).

[8] Vielleicht wird der Text auch in der EU gar nicht groß wahrgenommen, das ändert allerdings nicht an der zu Grunde liegenden Fragestellung.

nachgehakt! — Praktische Theologie und Ethik

Neue Rubrik: nachgehakt! – Hinführung

Was macht eigentlich…? Im Raum der Kirche wie im Bereich der Theologie eine Frage, die sich immer wieder stellt – sowohl innerhalb als auch durch diese beiden Sphären hindurch. Bei der Ausdifferenzierung der verschiedenen Sphären ist es schwer, den Überblick zu behalten. Aber auch mangelnde Austauschforen tragen dazu bei, dass viel „nebeneinanderher“ gearbeitet wird.

Unsere neue Rubrik nachgehakt! möchte sich diesem Problem stellen und zu einer Vernetzung, zu vermehrter Transparenz und zum Austausch kirchlicher und theologischer Arbeitsfelder beitragen.

Ziel ist es, verschiedene, auf den ersten Blick vielleicht nicht immer gleich zusammenpassende Personen aus verschiedenen Bereichen in ein Gespräch zu bringen, das aus einer Frage und einer Reaktion darauf (und gerne natürlich auch aus mehr) besteht. Um zu zeigen, wie nachgehakt! funktionieren könnte, beginnen wir selbst mit der Frage einer Praktischen Theologin an einen Ethiker.

Wir wünschen viel Freude bei der Lektüre und hoffen, dass die Rubrik nicht nur auf Interesse stößt, sondern auch Vernetzungen anregt. Gerne nehmen wir auch Vorschläge für Paarungen entgegen!

Claudia Kühner-Graßmann und Niklas Schleicher

Die Praktische Theologin fragt den Ethiker

Lieber Niklas,

unsere Disziplinen leben ja – nicht nur wegen diverser persönlicher Verbindungen – in guter Nachbarschaft.1 Zwar sind die Differenzen nicht zu übersehen, etwa bezüglich der Themen oder Adressaten. Dennoch bezieht auch Ihr Ethiker Euch in gewisser Weise auf die „Praxis“. Die Praxis, auf die wir Praktische Theologen uns beziehen, kann in gewisser Weise eingegrenzt werden als kirchliche Praxis, die etwa durch CA VII theologisch näher qualifiziert wird. Sehr grob gesagt, geht es um die Reflexion kirchlicher Vollzüge – vornehmlich für Pfarrerinnen und Pfarrer bzw. Theologinnen und Theologen im weiteren Sinne –, wobei der Charakter der Reflexion, die die Praktische Theologie ist, durchaus strittig und unterschiedlich bestimmt ist.

Wie siehst Du Euren Bezugspunkt qualifiziert? Inwieweit seid Ihr Ethiker also auch „Praktische Theologen“? Kommen wir uns gar in gewisser Weise in die „Quere“? Was bedeutet das für eine Zusammenarbeit von Praktischer Theologie und Ethik? Was erwartest Du als Ethiker dabei von der Praktischen Theologie? Was kann die Praktische Theologin von Euch Ethikern lernen? Und wo siehst Du die Grenzen unserer Nachbarschaft und die größere Nähe zur Schwester Dogmatik?

Liebe Claudia,

eigentlich könnten wir die Frage lösen, indem wir, in guter Münchner Tradition, auf die Genese des Faches Ethik schauen. Wenn man es ganz grob fasst, dann wird man festhalten müssen, dass beide Fächer ziemlich zeitgleich als eigenständige entstanden sind (vgl. dazu das historische Kapitel in Grethleins Praktischer Theologie) und zunächst eng verbunden waren. Nun wissen ja aber mittlerweile auch die Münchner, dass allein ein Verweis auf die Historie nicht hilft, um Dinge zu erklären oder zu bestimmen. Ich versuche dann einfach mal mit deinen Fragen und Hinweisen zu arbeiten.

Unseren gemeinsamen Bezugspunkt verortest du in der Praxis und differenzierst dann, dass der Bezugspunkt der praktischen Theologie vielleicht durch den Bezug auf die kirchliche Praxis besser beschrieben wird. Mir leuchtet diese Bestimmung des Bezugspunktes sehr ein, es fällt mir aber schwer, eine ähnlich präzise Bestimmung für die Ethik zu finden. Ich schlage deshalb vor, dass wir, auch um einen Vergleichspunkt zu bekommen, eine komplementäre Bezugspunkt-Bestimmung vornehmen: Man könnte es mit dem Leben des Menschen versuchen. Unsere beiden Fächer beziehen sich, vor allem auch in ihrer deskriptiv-hermeneutischen Aufgabe (vgl. dazu Körtners Aufgabenbestimmung der Ethik in seiner „Evangelischen Sozialethik“) auf das gelebte Leben von Menschen. Die praktische Theologie beschreibt dieses Leben vielleicht unter der Perspektive des Bezugs auf kirchliche Bezüge, die Ethik unter verschiedenen Kategorien der Orientierung im Vollzug. Offensichtlich ist, dass beide Fächer „mehr zu tun haben“, wenn das Leben des Einzelnen unter einer besonderen Frage steht: Ethik wird eher in Grenzfällen „aktiv“, aber auch kirchliche Praxis, selbst der Sonntagsgottesdienst durchbricht in gewisser Form den Alltag.

Unter dieser Perspektive können wir vielleicht bestimmen, wie sich Ethik und Praktische Theologie zueinander verhalten: Sie setzen dort ein, wo das Leben des Menschen unter besonderen Vorzeichen thematisiert wird.

Für die Praxis beider Fächer ergeben sich dementsprechend wichtige und vielleicht noch zu wenig erforschte und gelehrte Bezugspunkte. Ich denke hier zunächst an Bereiche der Seelsorge in Grenzfällen gerade medizinischer Natur. Man könnte zum Beispiel den ganzen Komplex der „Reproduktionsmedizin“ und damit einhergehenden Verfahren wie z.B. IVF-Maßnahmen betrachten. Die ethische Theoriebildung ist in diesen Feldern, sowohl was die hermeneutische als auch die normative Perspektive angeht, mittlerweile sehr ausdifferenziert und bietet unterschiedliche Umgänge. Die praktische Theologie hat mit diesem Bereich wahrscheinlich zunächst im Bereich der Seelsorge zu tun. Wichtig und gewinnbringend wäre es nun, wenn die Ethik von der Praktischen Theologie insofern hinterfragen lässt, als dass diese aufzeigt, welche Fragen denn eigentlich in konkreten Situationen des Lebens von Betroffenen auftritt. Gleichzeitig kann die praktische Theologie von der Ethik so profitieren, als dass diese aufzeigt, wo eventuell ethische Probleme auftreten können und wie diese modelliert sind, so dass die praktische Theologie Wege findet, unter diesen Vorzeichen, Möglichkeiten der Kommunikation zu erarbeiten.

Es ist durch das gesagte offensichtlich, dass die praktische Theologie und die Ethik wenigstens zwei Wissenschaften außerhalb der Theologie haben, auf die Sie sich in höherem Maße als die anderen Kernfächer der Theologie beziehen: Die Soziologie und die Psychologie2. Dies ist insofern auch so simpel wie evident, da diese beiden Fächer versuchen, die Struktur und die Verfassung menschlichen Lebens zu beschreiben und zu deuten (womit sie sich von der Biologie und verwandten Fächern abheben).

Die größere Nähe der Ethik zur Dogmatik besteht wahrscheinlich eher in geistesgeschichtlicher Natur, indem man sich verdeutlicht, dass Ethik und Dogmatik auf philosophischen Wurzeln ruhen und andererseits die Trennung von Lehre und Leben etwas ist, dass erst in der Neuzeit aufkommt. Prinzipiell jedoch ist die Nähe zu praktischen Theologie für die Ethik für die zukünftige Bedeutung des Faches vielleicht von größerer Bedeutung: Etwas größeres als Leben des einzelnen Menschen gibt es – jedenfalls in hermeneutischer Perspektive – nicht zu beschreiben und zu deuten.

1Vgl. die Darstellung bei Albrecht, Christian: Enzyklopädische Probleme der Praktischen Theologie (Praktische Theologie in Geschichte und Gegenwart 10), Tübingen 2011, S. 89-104.

2Freilich hat v.a. die praktische Theologie noch viele andere Bezugswissenschaften, die hier nicht aufgezählt werden können. Mir geht es vor allem, hervorzuheben, dass Soziologie und Psychologie innerhalb der theologischen Landschaft fast ausschließlich von der Ethik und der Praktischen Theologie rezipiert werden. Eine gewisse Zeit hat die Dogmatik sich noch um religionspsychologische Fragen gekümmert; dies spielt in der gegenwärtigen Landschaft m.M.n. aber keine Rolle mehr.