Theologische Brandstiftung

Ein Kommentar zu Frischs Klimakrisenkritik

von Hermann Diebel-Fischer

Ralf Frisch kommentiert cum ira et studio für Zeitzeichen unter der Überschrift Zwischen Klimahysterie und Klimahäresie. Kleines theologisches Spiel mit dem Feuer die Klimakrise, die er als »Klimahysterie« bezeichnet.

Es ist ein Aufkleber mit der Aufschrift ›Fuck you Greta!‹ (sic!), der Frisch in seinen Bann zieht und ihn darüber sinnieren lässt, ob er als Theologe sich »theologisch angemessen« verhielte, klebte er diesen Aufkleber auf sein Fahrzeug. Dieses Nachdenken ordnet Frisch als Provokation ein, die er um des Wahrgenommen-werdens willen begeht, um gleich darauf nach weiteren Gründen zu suchen. Frisch sieht seinen Verzicht auf den »provokanten Protest« als Resultat einer theologischen Affektkontrolle, will aber dennoch ein Fünkchen Wahrheit in der nicht vollzogenen Protestaktion erkennen und meint, diese theologisch begründen zu können.

Frischs Kritik richtet sich nicht nur persönlich gegen Thunberg, die er als humorlose »Prophetin« des von ihm entdeckten »Klimagottes« beleidigt, sondern vornehmlich dagegen, dass seiner Ansicht nach der Klimawandel an die Stelle tritt, die durch die Säkularisierung freigeworden scheint – an etwas Großes zu glauben, mit allen Konsequenzen, die dies vermeintlich hat. Er sieht hier Konkurrenzverhältnis zwischen der Reaktion auf die von Thunberg – wissenschaftlich belegten und somit berechtigtermaßen – aufgezeigten Probleme und dem christlichen Glauben, der – so die Zahlen – sich gerade weniger eines konjunkturellen Aufschwungs erfreuen kann.

Ist es Trauer um das Verlorengehen einer volkskirchlichen Tradition, die hier zu einer theologisch verqueren Reaktion führt? Wenn die Sorge um den Klimawandel dem Protestantismus, zu dessen Kernidee die Unterscheidung von Gott und Welt gehört, tatsächlich als Konkurrenz erscheint – wie steht es dann um ihn? Wie Frisch vom »neuen Glauben« zu sprechen zeugt doch von einer durch Konkurrenzdenken generierten Vergessenheit darüber, was Glaube überhaupt bedeutet.

Die Gemengelage wird dort unübersichtlich, wo Frisch der evangelischen Kirche unterstellt, dass auch in ihren Reihen eine von ihm identifizierte, klimakrisenevozierte, demokratieverachtende Tendenz »schleichend an Plausibilität gewinnt«, denn »[…] es entsetzt [Frisch] geradezu, dass die Bereitschaft, einer Alles-oder-Nichts-Logik zu folgen und totalitär aufs Ganze zu gehen, gerade in der bundesdeutschen Gegenwart wieder fröhliche Urstände feiert.« Dass Forderungen einer gewissen Radikalität nicht entbehren dürfen, um überhaupt Gehör zu finden hat Frisch in seinem Text eingangs noch festgestellt – dann aber scheinbar unterwegs vergessen. Die unterstellte Protestantismuswidrigkeit einer nicht näher erklärten »Schuld-und-Sühne-Logik«, die im Zusammenhang mit Klimaschutzbestrebungen bestehe sowie der Vorwurf einer »schöpfungswidrig[en]« »Alles-oder-Nichts-Logik« sind tiefe Griffe in die theologische Werkzeugkiste – allerdings ohne Erfolg, denn mitnichten wollen sich die Menschen, deren Ziel es ist, die Klimakatastrophe irgendmöglich abzumildern, selbst zu Gott machen, noch haben sie zum Ziel, eine Religion zu etablieren.

Von Frisch als problematisch Wahrgenommenes wird von ihm zur Religion theologisiert und dann zur Häresie erklärt. Das ist eine perfide Abwehrstrategie, die man sich genauer ansehen muss. Sie dürfte politisch nicht neu sein und lässt protestantismustheoretisch alle Alarmglocken ob einer unbotmäßigen Inanspruchnahme theologischer Topoi schrillen. Frischs Parallelisierung alttestamentlicher Erzählungen über die menschliche Hybris wie Gott sein zu wollen mit der Klimaschutzbewegung ist exegetisch durchaus fragwürdig, wird aber richtig skurril, wenn er unter Verweis auf die Zwei-Regimente-Lehre eine theologisch legitimierte Kritik am Klimaschutzstreben zu konstruieren versucht.

Frischs Lamento, dass es keine dogmatischen Häresien, sondern nur noch ethische gebe, schlägt in eine ähnliche Kerbe wie die Forderung nach einer Entpolitisierung des Protestantismus, die oft nur der Abwehr einer bestimmten politischen Position dient. Seine Kritik, dass der Streit um ethische Fragen den um dogmatische abgelöst hat, rückt die nicht alternde, fundamentaltheologische Debatte darum, wie Ethik und Dogmatik zueinander stehen in den Fokus. Frisch will einen »Ethizismus unserer kirchlichen Gegenwart« ausmachen, vergisst dabei aber, das sämtliche dieser Frage nie in einem dogmatischen Vakuum verhandelt werden, sondern immer mindestens implizite dogmatische Aushandlungen rückgebunden sind, die zweifellos auch jederzeit Gegenstand theologischer Aushandlungen werden können.

Aber schon der Vorwurf »ethischer Häresien« geht hier fehl, weil er das Bild eines Protestantismus zeichnet, in dem es nur die eine evangelische Handlungsoption gibt. Das ist schlicht falsch. Dass Frisch daraus dann die vermeintliche dogmatische Häresie eines menschgemachten Versuchs der Vorwegnahme eschatologischer Versprechen macht, wirkt nachgerade als Folgefehler. Frisch fordert sodann eine ›Ent-Eschatologisierung‹ zum Zwecke einer klareren Debatte: »Das eigentliche theologische Problem wäre dann also nicht die Frage, wie es um das Weltklima bestellt ist, sondern die Tatsache, dass ein neuer Glaube entstanden ist.« Hier schließt sich der Kreis. Die Forderung nach der Ent-Eschatologisierung kann überhaupt nur für denjenigen plausibel sein, der den Versuch einer Klimarettung als Akt menschlicher Anmaßung begreift. Die für Frisch offensichtlich unbequeme Klimaschutzbewegung, wird durch ihn zunächst religiös aufgeladen, damit er dann unter Zündung eines theologischen Tischfeuerwerks den Versuch einer Sprengung derselben vornehmen kann. Wer sich als Theologe in Zeiten einer zunehmenden Entchristlichung und einer Infragestellung des eigenen Lebensstils durch andere an zwei Fronten angegriffen wähnt, darf sich – gerne auch offensiv – verteidigen. Die Strategie dazu will aber gut überlegt sein. Wenn ich, wie im law of the instrument beschrieben, mein Problem erst zum Nagel machen muss, weil ich nur einen Hammer habe, dann sollte ich sie überdenken.

Beinahe vernachlässigbar erscheint in diesem Lichte, dass theologisch Fragwürdiges politisch angereichert wird: Frisch bedient sich eines Potpourris von Ressentiments, wenn er den Klimawandel als geologisches Phänomen mit einem sozialen Klimawandel in Verbindung bringt. »Ökodiktatur« und die Wünsche vermeintlich privilegierter Stadtbewohner_innen werden hier als Motoren einer Wähler_innenwanderung zu den Rechten dargestellt – weil diese sich politisch anders nicht nur nicht mehr repräsentiert, sondern auch diskreditiert fühlen würden.

Frischs Strategie der Einhegung, der Betonung des dünnen Eises und des schmalen Grates, auf dem er sich bewege und die fortwährende Rede von sich selbst in der dritten Person kann man als schamhafte Distanzierung vom eigenen Machwerk in doppelter Hinsicht interpretieren – als vorweggenommene Distanzierung von der Beleidigung Thunbergs und als Distanzierung vom Text, der eben diese einer Reflexion unterziehen soll.

Ralf Frisch wollte gerne den ›Fuck you Greta‹-Aufkleber an sein Auto kleben, hat es aber wegen seiner »theologische[n] Affektkontrolle« nicht getan. Sein – zu einem nach Ansicht der Herausgegebenden »streitbaren« Text geronnenen – theologischer Irrweg offenbart dabei weitaus mehr als es der Aufkleber, der ans Auto sollte, je gekonnt hätte.

 

Hermann Diebel-Fischer ist evangelischer Theologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Systematische Theologie der Universität Rostock (Projekt: „Netz-Stabil“).

 

(Quelle Titelbild: https://www.flickr.com/photos/schrift-architekt/10127383934, CC BY-SA 2.0)

 

#digitaleKirche

Ein Kommentar

von Michael Greder

Unter dem Hashtag #digitaleKirche hat sich ausgehend von einem kleinen Artikel Hannes Leitleins in einer Ausgabe der Christ&Welt eine Diskussion um die Zukunft der Kirche entwickelt. Ich finde das großartig. Bisher habe ich mich aus dieser Debatte herausgehalten und mich auf den Zaun gesetzt, um zu beobachten, wie sich die Angelegenheit formiert. Obwohl schon einiges geschrieben wurde und der Hashtag weiterhin fleißig auf Twitter Beiträge kennzeichnet, lässt er mich etwas ratlos zurück.

Der Blogger Sascha Lobo meinte einmal, dass die produktive Kraft von Twitterdebatten darin bestehe, auf Grund der gebotenen Kürze den Kern selbiger unnachgiebig freizulegen. Diese These kann ich von meinem Zaunpfahl aus in Bezug auf #digitaleKirche kaum bestätigen. Aus diesem Grund möchte ich einen sicherlich völlig unvollständigen Vorschlag machen, die Terminologie der Debatte zu ordnen und damit hoffentlich den Blick zu schärfen. Mir geht es dabei nicht in allen Punkten um eine Zustimmung zu dem Dargestellten. Für mich ist die Diskussion noch völlig offen und ich habe selbst noch keine starke Meinung dazu.

Bisher erkenne ich fünf Bereiche in denen #digitaleKirche eine Rolle spielt: Die persuasive Kommunikation (Mission), die Kommunikation als Selbszweck (allgemeines Priestertum), die damit verbundene Repräsentanz des Christentums in der Öffentlichkeit (Relevanz), die theologische Bearbeitung des digitalen Wandels und die Verwaltung. Auf die ersten beiden Dimensionen möchte ich im Folgenden eingehen und vorher noch auf zwei grundsätzliche Gemeinsamkeiten der Debattenbeiträge eingehen

Zwei Gemeinsamkeiten

Die oberflächliche Gemeinsamkeit der Debattenbeiträge besteht in der banalen Feststellung, dass digitale Kirche (noch) irgendetwas mit Bildschirmen zu tun hat. Nicht mehr und nicht weniger. Dieser Umstand führt dazu, dass sehr unterschiedliche Anliegen unter dem Schlagwort verhandelt werden. Die Reichweite erstreckt sich von Twitterandachten über Spendenverwaltungssoftware bis hin zu dienstrechtlichen Fragen wie z.B. nach einer Onlinepflicht für Pfarrerinnen. Für eine grobe Einsortierung taugt diese Beobachtung. Geht es ins Detail, kann sie aber für Verwirrung sorgen. Im schlimmsten Fall wird #digitaleKirche dann zu einem Gefälligkeitsbegriff, der coole und super angesagte Flyer, Plakate und Broschüren schmücken darf, weil er glattgeschliffen genug ist, dass sich niemand mehr an seinem kritischen Potenzial stoßen kann.

Darüber hinaus verbirgt sich hinter dem Hashtag die These, dass der gegenwärtige Zustand der Kirche mindestens suboptimal ist: Immer mehr Menschen treten aus, oder schlimmer noch: sie sterben, ohne dass genug junge Menschen nachkommen. Dadurch verliert die Kirche an Relevanz. Nicht nur im politischen Geschehen, sondern auch im Alltag. Wer glaubt, muss sich erklären. Die Rechtfertigung allein aus Gnaden wird zu einer Dauerrechtfertigung vor der Familie, Freunden, Bekannten und nicht selten auch vor Fremden, sofern man sich als Christ zu erkennen gibt. Das nervt. Christen schweigen vermehrt in der Öffentlichkeit über Glaubensfragen. Religion gehört mehr und mehr zum Peinlichkeits- und Schamrepertoire der Privatsphäre. Die verfasste Kirche tut dabei nicht nur zu wenig, sondern sogar das Falsche. Denn das Gegenteil von gut ist gut gemeint.

#digitaleMission

Damit landen wir auch schon bei der ersten Dimension mit der ich #digitaleKirche differenzieren will:

Ein zentrales Anliegen besteht in der digitalen Mission. Die #digitaleMission unterteilt sich wiederum in eine innere und eine äußere Mission.

Im Inneren geht es um das, was man inzwischen klassischerweise als Mitgliederbindung oder institutionstheoretisch als Pflege des „staying in“ bezeichnen könnte. Vor allem junge Menschen, die irgendwie im entferntesten noch etwas mit der Kirche am Hut haben, sollen erreicht werden. Sie sollen sich einerseits wohlbehalten fühlen und müssen dafür andererseits mit den Kommunikationsmitteln ihrer Generation angesprochen werden.

Bei der äußeren Mission geht es darum, Menschen zu erreichen, die mit der Kirche und vielleicht auch mit Glaube und Religion in ihrem persönlichen Alltag nichts mehr zu tun haben.

In beiden Bereichen fungiert Kommunikation als Mittel zum Zweck. Die Sprache der Mission verfolgt das Ziel, Menschen von der eigenen Haltung zu überzeugen und aus Sicht der verfassten Kirche auch an sich zu binden. Sie ist hochgradig persuasiv. Das wird in unseren Gefilden oft geleugnetIch möchte das an dieser Stelle nicht bewerten, aber komme nicht umhin anzufügen, dass man sich dies bewusstmachen sollte.

#PriestertumallerProsumenten[1]

Eine zweite Dimension spricht die theologische Auseinandersetzung direkter an. Sie handelt von der Kommunikation als Selbstzweck: Das allgemeine Priestertum. Leitlein hat diesen Aspekt als protestantischen Leitgedanken im Umgang mit den neuen Medien der Debatte eingeschrieben. Die Formel lautet Buchdruck+Reformation+Internet=Erneuerung. #digitaleKirche zeigt sich hierbei als eine typisch protestantische Bewegung: „Ad fontes“ lautet das Mantra und die Granden der Kirche werden an dem Fundament gepackt, dessen Bewahrung sie eigentlich versprechen.

Das allgemeine Priestertum als ultimativer Grund für Forderungen und zum Teil auch Grausamkeiten aller Art, hat in der Reformation schon für Irritation gesorgt. Nun möchte ich keinesfalls unterstellen, dass eine Gruppe von Digitalistinnen und Digitalisiten mit gezücktem Smartphone in der Hand und Daumen im Anschlag gen Münster zieht, um der sittlichen Verwirklichung des Reich Gottes in einem letzten großen Shitstorm nachzuhelfen. Ich möchte auf die einseitige Verwendung des allgemeinen Priestertums aufmerksam machen. In erster Linie handelt das allgemeine Priestertum nicht von der Kommunikation der Gläubigen untereinander und auch nur vermittelt von kirchlichen Organisationsformen, sondern von der persönlichen Beziehung zu Gott. Die Funktion des Priesters als Mittler zwischen Gott und der Welt kann von jeder und jedem selbst ausgelebt werden. Das betrifft neben der persönlichen Gottesbeziehung auch die theologische Urteilsbildung.

Im #PriestertumallerProsumenten mag man nun, wie Leitlein, das technische Potenzial einer absoluten weltlichen Verwirklichung des darin liegenden Gleichheitsanspruchs erblicken.

Das Anliegen in der digitalen Kirche die Verwirklichung eines urprotestantischen Versprechens zu erkennen, hat einiges für sich. So fordert auch Philipp Greifenstein in einem Blogpost von der Kirche: „Sie muss die Passwörter für die Kirchenaccounts demokratisieren.“ Damit würden Machtstrukturen gebrochen. Ein so gelebtes #PriestertumallerProsumenten ermögliche „[o]ffene Diskussionen“ und „freie Teilhabe“.

Die bloße Behauptung von absoluter Gleichheit und damit verbundener freier Teilhabe entspricht aber keinesfalls ihrer praktischen Verwirklichung. Der Ruf nach absoluter Gleichheit und Freiheit sorgte in der Geschichte schon häufig genug dafür, dass die Vorredner am Ende wieder gleicher waren als die Allgemeinheit. Denn die Behauptung besserer Gleichheit verdeckt neu entstehende Strukturen.

Im modernen Kampf um Anerkennung und der Aufmerksamkeitsökonomie kuratierter Identitäten ist es nicht nur Zufall, wer in der neuen Kommunikationslandschaft Gehör findet und wer nicht.

(By the way: Wie Leitlein, Wikipedia als Paradebeispiel für die Gleichheit der Kommunikation im Internet heranzuziehen halte ich für sehr sportlich.)

#digitaleKirche verliert ihr kritisches Potenzial, wenn es ihr nicht gelingt die eigenen Strukturen der Einflussnahme und die neuen Hierarchien des Netzes offenzulegen. Das Leugnen von Macht stärkt die Mächtigen. Wir können im innerkirchlichen Bereich doch nicht wieder einmal hinter die Diskussionen und Erkenntnisse der letzten Jahre zurückfallen und später behaupten wir wären die Erfinderinnen des Rads.

 

Michael Greder ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im DFG-Projekt „Der Protestantismus in den ethischen Debatten der Bundesrepublik 1949-1989“

 

Das Beitragsbild zeigt den Supercomputer „MareNostrum“, der in einer ehemaligen Kapelle untergebracht ist. (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/MareNostrum)

[1]Anmerkung der Redaktion: Prosument (engl. Prosumer) ist ein Kunstwort und bezeichnet (v.a. im Digitalen) Personen, die gleichzeitig Produzenten und Konsumenten sind. Zu denken ist dabei zunächst (aber eben nicht nur) an soziale Netzwerke.

Ökumene – mehr als Männerfreundschaft?

Ein Kommentar von Claudia Kühner-Graßmann (@audacior)

Achtung: Kann Spuren von Zuspitzung und Zickigkeit enthalten

In den letzten Wochen und Monaten gab es viele Bilder dieser Art: Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm trifft sich mit hohen Vertretern der katholischen Kirche. Die Bilder sollen vor allem Eines zeigen: Wir verstehen uns. Nimmt man die medial gekonnt inszenierte Verbrüderung von Kardinal Marx und Bedford-Strohm während ihrer gemeinsamen Pilgerreise ins Heilige Land hinzu, scheint es in der Ökumene so gut zu laufen wie nie. Im Gegenteil: Man fragt sich, was uns denn überhaupt noch trennen sollte.

Doch jenseits dieser Euphorie bleibt ein „Geschmäckle“ zurück – gerade bei mir als Frau. Denn was ist mit den trennenden Lehrstücken, der von katholischer Seite noch nicht möglichen Abendmahlsgemeinschaft und auch den Pfarrerinnen, die mitunter durchaus noch unter dem patriarchalen Habitus mancher katholischer Kollegen zu leiden haben?i Vergessen wir auch nicht die bis heute andauernden Vorwürfe an die evangelische Seite, den Bruch mit der una sancta vollzogen zu haben. Gerade im Rahmen des diesjährigen Reformationsjubiläums gibt es Tendenzen, im Zusammenhang mit der Reformation von Versöhnung oder gar Entschuldigung zu sprechen. Da scheint es nun gerade recht, dass die Kirchenleitung feierlich ihre Einträchtigkeit inszeniert.

Ja, auch ich finde Ökumene und den Zusammenhalt der christlichen Kirchen wichtig. Aber die Zusammenarbeit muss auch immer die charakteristischen Unterschiede wahren. „Nun sollen die beiden Kirchen versöhnt werden, nicht ‚homogenisiert‘, aber angenähert, so Bedford-Strohm.“ii Steht „versöhnt“ für die Versöhnung angesichts vieler gegenseitiger Verwerfungen in den letzten fünf Jahrhunderten, möchte ich dem uneingeschränkt zustimmen. Ich spreche mich aber vehement gegen eine Versöhnung aus, die die Abspaltung der Kirche Luthers per se als wiedergutzumachendes Ereignis wahrnimmt.

Dass es unterschiedliche Kirchen auf Erden gibt, darf an sich noch kein Grund für große Versöhnungsgesten sein.iii Es wäre eine Illusion, wenn man meinte, die Kirche sei zunächst eine Einheit gewesen und dann erst im Laufe der Geschichte – mit dem Höhepunkt der Reformation – zersplittert. Im Gegenteil: das Christentum war von vornherein eine heterogene Gruppe. Und das ist auch gut so. Denn zum einen muss eine Kirche, die ja immer auch in die Welt eingeht, den jeweiligen Gegebenheiten ein Stück weit entgegenkommen (Sprache, kulturelle Begebenheiten etc.). Zum anderen kann die Existenz verschiedener Konfessionskirchen uns davor bewahren zu meinen, wir hätten hier die „richtige“ Gemeinde aller Gläubigen auf Erden.iv So kann uns vergegenwärtigt werden, dass diese Kirche der Gläubigen niemals deckungsgleich mit unserer sichtbaren Kirche ist. Das heißt nicht, dass wir eine falsche Kirche, sondern: dass wir eben jeweils nur einen konkreten menschlichen Teil dieser Kirche auf Erden in unseren Kirchen verwirklicht haben. Im Eingeständnis dieser Endlichkeit kann der Blick auf die anderen Konfessionen auch in Respekt und (Männer-)Freundschaft erfolgen – aber immer im Bewusstsein heilsamer Unterschiedenheit. Kirche geht nun mal nicht anders.

Dies Erkenntnis bringt mit sich, dass auch wir Protestanten selbstbewusst in den ökumenischen Diskurs treten können.v Sind die wechselseitigen Entschuldigungen bezüglich der unschönen Auseinandersetzung vergangener Jahrhunderte akzeptiert, müssen wir uns nicht für die Ausdifferenzierung (und Spezialisierung) in verschiedene Kirchen als solche schämen. Nun ist es so, dass die persönliche Ebene immer hineinspielt. Diese ist einerseits positiv und kann befördernd wirken. Andererseits kann sie auch hemmen. Und wäre Ökumene nicht produktiver ohne diese negativen Faktoren, wenn man sich einfach auf der Sachebene begegnen könnte? Ohne Neid auf die schöneren Gewänder; ohne permanenten Minderwertigkeitskomplex der Protestanten; ohne Pfarrerinnen, die ihre Stellung gefährdet sehen; ohne katholische Theologinnen, die beim Thema Ordination sofort beleidigt sind; die – zugegebenermaßen überspitzte – Liste ließe sich beliebig verlängern. Das ist sicherlich – und das gilt wohl für jegliche Kommunikation – utopisch, aber was ich meine: Diskussion muss auf einer Ebene stattfinden, in der man sich auch einmal kritisch in Frage stellen lässt und zwar auf inhaltliche Art. Denn das gehört auch zur Ökumene: das Eigene im Angesicht des Anderen zu überdenken.vi

Wünschenswert wäre in jedem Fall, wenn sich die inhaltliche Auseinandersetzungen ein Stück weit von der persönlichen Ebene entkoppeln würde. Dazu würde auch gehören, dass die mediale Inszenierung sich wegbewegt von der „Ökumene als Männerfreundschaft“. Schön, wenn das auf oberer Ebene so gut funktioniert! Aber Ökumene ist mehr als die Umarmung zweier Männer (die die Unterschiede schon allein durch ihre Kleidung hervorheben) und der Beteuerung von Einheit. Ökumene sollte sich auch nicht daran entscheiden, ob man den jeweiligen Papst sympathisch findet oder nicht. Ökumene ist harte (theologische) Arbeit, die im gegenseitigen Respekt und auf sachlicher Ebene nicht nur der Gesamtchristenheit einen Dienst erweist.

Nein, auch die eigenen Ansichten dürfen gestärkt oder erneuert werden. Aber dazu müssen wir Evangelischen zunächst das Selbstbewusstsein haben, uns als ebenbürtige Partnerinnen zu präsentieren. Ob das gelingt? Das zeigen uns die schönen Bilder leider nicht, – trotz aller gegenseitigen Sympathie der Akteure, die dabei sichtbar wird. Vor der Kamera bleibt Ökumene (auf dieser Ebene zumindest) eben doch Männerfreundschaft. Dies mag bei der nächsten Gelegenheit beachtet werden, wenn mal wieder Durchbrüche in der Ökumene angesichts neuer Kumpelszenen gefeiert werden. Und dies mag uns daran erinnern, dass wir um der Ökumene willen auch mal über unseren Schatten springen müssen, gerade wenn diese starken Sympathien nicht vorhanden sind. Denn Ökumene findet nicht nur zwischen Einzelpersonen, sondern gerade in theologischen und – ! – sachlichen Diskursen statt!vii

Lasst uns schließlich die Bilder immer auch als das würdigen, was sie zeigen: zwei Amtsträger unterschiedlicher Konfessionen verstehen sich auf persönlicher Ebene gut. Das kann helfen. Aber es kann und muss im Zweifel auch mit respektvollem, vielleicht distanziertem Handschlag gehen.

Wir kommen nicht drumherum: Ökumene ist (auch) Arbeit und muss auch ohne diese begrüßenswerten Sympathien funktionieren!


i Es soll dabei nicht übergangen werden, dass dies auch Männer trifft und dass auch evanglische Pfarrer nicht per se Unschuldslämmer sind. Auch ich durfte mir in während meines Gemeindepraktikums schräge Kommentare eines Priester anhören. Und ja, das ist nicht immer der Fall. Mir scheint es aber so, als ob gerade diese Seite der ökumenischen Zusammenarbeit angesichts der Verbrüderungstendenzen gerne vergessen wird,

iii Die folgenden Ausführungen sind dezidiert aus evangelischer Perspektive geschrieben.

v Natürlich ist hier auch immer die Kenntnis der eigenen theologischen Grundlagen gefordert.

vi Auch wenn es bedeutet, eine Frau als Gegenüber zu „akzeptieren“.

vii Dies möchte ich Bedford-Strohm und anderen auch nicht absprechen. Es geht hier aber vor allem um medial inszenierte Bilder, die die öffentliche Wahrnehmung leiten.