Rezension zu: Werner Thiede, Karl Barths Theologie der Krise Heute

Werner Thiede (Hrsg.), Karl Barths Theologie der Krise Heute. Transfer-Versuche zum 50. Todestag, Leipzig 2018.

Rezensiert von Martin Böger

Pünktlich zum 50. Todestag Karl Barths am 10. Dezember 1968 und dem 100-jährigen Jubiläum des Erscheinens seines Römerbriefkommentars 1919 ist es mehr als angemessen, diesen umtriebigen und prägenden Theologen des 20. Jahrhunderts auf verschiedenste Arten und Weisen zu würdigen.

In den Reigen dieser Festivitäten reihen sich erfreulicherweise neue Publikationen. Werner Thiede versammelt als Herausgeber unter dem vielversprechenden Titel „Karl Barths Theologie der Krise Heute. Transfer-Versuche zum 50. Todestag“ verschiedene Autoren, die sich jeweils einem Teilaspekt der barth‘ schen Theologie annähern.

Die einzelnen Beiträge bilden in ihrer Breite die zentralen theologischen Topoi ab, mit denen sich Barth Zeit seines Lebens auseinandergesetzt hat und die in besonderem Maße für seine Theologie stehen: Theologie der Krise, Dialektische Theologie, Abgrenzung zur Liberalen, Offenbarungstheologie, Schriftverständnis; Sünde und Versöhnung, Ethik, Christologische Zentrierung, Theologie, Pneumatologie, Ekklesiologie, Taufe und Eschatologie.[1]

Die einzelnen Beiträge bewegen sich zwischen einer Darstellung der barth’ schen Theologie und einem darauf aufbauenden Transferversuch für ein »Heute«. So vergleichen Harald Seubert und ebenso Christofer Frey die gesellschaftlichen Herausforderungen des beginnenden 20. Jahrhunderts mit denjenigen des 21. Jahrhunderts und kommen zum Schluss, dass Barths Theologie wahrscheinlich weder damals noch heute dem Zeitgeist entsprechen will, sondern eher zur kritischen Spiegelfigur der eigenen postmodernen Selbst- und Wirklichkeitsdeutung wird. In diese Kerbe schlagen zurecht auch zahlreiche andere Beiträge: Gerade für die pluralistische-postmoderne Gesellschaft in ihrem Diskurs um Wahrheit und Sinn kann die Theologie Barths ein bedenkenswerter Gesprächspartner werden, der so manche postmoderne Denkweisen und Wahrheit(en) kritisch hinterfragen lässt, die um die Begriffe der Autonomie, der Individualität und der Freiheit kreisen.

Für einen lohenden weiterführenden theologischen Diskurs ist Wolf Krötkes Beitrag zu erwähnen, der sich im Gegenüber zu aktuellen Verlautbarungen der EKD zum Thema Taufe mit den für ihn bleibenden Anfragen Barths an die gängige Taufpraxis beschäftigt.

Etwas fragend lassen einen jedoch die Beiträge von Ralf Frisch und Werner Thiede zurück. Frisch deshalb, weil er mit dem kecken Anspruch antritt, die Sündenlehre Barths in drei aktuelle Diskussionslagen zu übertragen: „Die Sünde des Islams“, „Die Sünde der identitären Rechten“ und „Die Sünde der postfaktischen Kultur“. Ob jedoch der Übertragungsversuch auf den islamischen Bereich in irgendeiner Form hilfreich bzw. lehrreich sein könnte, soll hier mindestens mit einem großen Fragzeichen versehen werden, hinterlässt der entsprechende Abschnitt doch viel eher den Anschein, dass das Religionsverständnis des Islams von außen und für die These des Abschnitts einseitig vereinnahmend behandelt wird. Hier wäre für den wichtigen Ansatz des Beitrages ein Beispiel aus dem aktuellen (fundamentalistischen) christlichen Kontext m.E. sprechender und erhellender gewesen. Thiedes Mutmaßungen in Teilen seines Beitrages über den genauen Sterbezeitpunkt Barths, den er über die genaue Sterbehaltung Barths herausgefunden haben will, haben eher etwas mit einer Hagiografie als einem wissenschaftlichen theologischen Diskurs zu tun.

Dem Herausgeber ist in seinem Vorwort zuzustimmen: Barths Theologie lohnt sich – gerade auf dem Hintergrund unserer pluralen, ambiguen und postmodernen Gesellschaft. Und ja, vielleicht hat die Theologie Barths ihre beste Zeit noch vor sich (man schaue nur in den angloamerikanischen Raum, wo Barth als deutlich hipper und anschlussfähiger gilt als hierzulande). In diesen für die Theologie herausfordernden Zeiten sind noch nicht alle Schätze gehoben, die sich in Barths weitverzweigten Werk aufspüren lassen, wenn es um die Sache des Menschen, die Sache Gottes geht; was Kirche ausmacht und wie sich in ihrer Zeitgenossenschaft für die Welt einzusetzen hat.

Treffend schreibt Frey in seinem Beitrag: „Soll Karl Barths Theologie weitergedacht werden, darf sie nicht nur theologisch eingeordnet werden.“ (S. 48) An der einen oder anderen Stelle hätte man den Autoren des Bandes jedoch etwas mehr Mut zu dieser Einsicht gewünscht. So bleiben doch einige Transferversuche zu stark in einer historisch-theologischen Darstellung der Theologie Barths verhaftet.

Daher hinterlässt es einen besonderen faden Beigeschmack, dass keine einzige Frau unter den Autoren zu finden ist und daneben auch niemand, der sich der jüngeren bis jüngsten Generation des wissenschaftlich-theologischen Standes zurechnen könnte (der jüngste Autor ist Jahrgang 1971). Gerade ein solch junger Blick hätte beweisen können: Ja, die Theologie Barths bleibt eine Inspiration und Herausforderung für eine gegenwärtige Theologie im Diskurs für Gegenwart und Zukunft.

 

[1] Harald Seubert, Zwischen den Zeiten: Karl Barths Krisis-Theologie und die Krise der gegenwärtigen Theologie; Christofer Frey, Karl Barth und die »Dialektik der Aufklärung«; Ulrich Beuttler, Radikale Theologie der Offenbarung: Karl Barth und die postmoderne Phänomenologie und Hermeneutik; Matthias Gockel, Barths offenbarungstheologischer Ansatz im heutigen Kontext pluralistischer Religionstheologie; Günter Thomas, Karl Barths pneumatologischer Realismus und operativer Konstruktivismus; Volker Leppin, Karl Barth, die Mystik und das Wort; Christoph Raedel, Barths Schriftverständnis und die historisch-kritische Methode in der Krise; Ralf Frisch, Der nichtige Widerstand gegen die Gnade Gottes: Karl Barths Sündentheologie heute; Hans G. Ulrich, Karl Barths Ethik – Rückblick und Ausblick; Hans Schwarz, Barths Christologie und liberale Dekonstruktionen der Gegenwart; Matthias Heesch, hat die liberale Theologie Karl Barth besiegt?; Eberhard Busch, Karl Barths Lehre von der Kirche – eine notwendige Erinnerung; Wolf Krötke, Der »Dienstantritt« der Partnerinnen und Partner Gottes – die Taufe; Werner Thiede, Karl Barths individuelle Eschatologie und die Krise der Ganztod-Theologie.

Rezension zu: Praktische Theologie. Ein Lehrbuch

Fechter, Kristian/Hermelink, Jan/Kumlehn, Martina/Wagner-Rau, Ulrike: Praktische Theologie. Ein Lehrbuch (Theologische Wissenschaft, Bd. 15), Stuttgart 2017.

Rezensiert von Claudia Kühner Graßmann

Lehrbücher zur Praktischen Theologie gibt es viele auf dem Markt, sei es als Entwurf (Grethlein oder Rössler1), Arbeits- und Studienbuch (Meyer-Blanck/Weyel2) oder als Behandlung einer Subdisziplin (Klessmann3). Dennoch schafft es das hier zu besprechende Lehrbuch, eine Lücke zu füllen, indem es die Varianz praktisch-theologischen Arbeitens schon durch die Mehrautorenschaft4 darstellt, indem es explizit auf akademische Prüfungen zuspitzt, aber auch die praktische theologische Ausbildungsphase im Blick behält (vgl. S. 16) und nicht zuletzt durch seinen problemorientierten Zugriff. Allgemein gesagt, geht es den Autor*innen um einen Überblick über die Praktische Theologie, ihren Aufgaben und Problemen vor dem Hintergrund empirischer Befunde und (theologie)geschichtlicher Einsichten.

Praktische Theologie wird als „Theorie pluraler christlich-religiöser Praxis in der Gegenwart“ definiert, die auf „Zeitgenossenschaft“ (S. 16) aus sei. Damit wird der Gegenwartsbezug deutlich, der die Gliederung sowie den Zugriff auf die Subdisziplinen Praktischer Theologie durchzieht. Deren Behandlung geht zunächst ein Abschnitt zu Querschnittsthemen (I.) voraus. Ulrike Wagner-Rau erläutert dabei den Begriff der Praktischen Theologie als Theorie christlicher Religionspraxis. Sodann wird das Verhältnis von Christentum und moderner Gesellschaft, von Religion und Gegenwartskultur dargestellt (Kristian Fechtner). Das Kapitel endet mit Martina Kumlehns Ausführungen zu Religion und Individuum. Es kommt hier also allgemein das Setting in den Blick, in und mit dem es die Praktische Theologie zu tun hat. Dem informierten Theologen mag hier einiges schon selbstverständlicher sein als die Darstellungen mit ihrem gewissen Moderne-Pathos verraten. Die Skizzierung der Grundlagen Praktischer Theologie sind dennoch wichtig und hilfreich für das Verständnis der weiteren Abschnitte. Zudem geben die angeführten Literaturverweise Theorien und Namen an die Hand, mit deren Hilfe sich gegenwärtige Diskussionen erschließen.

Herzstück und Hauptteil des Buches bilden die sog. Handlungsfelder (II.), in denen die Autorinnen und Autoren jeweils einen Überblick über Probleme und Debatten geben. Der Anspruch des Lehrbuchs ist, diese Kapitel als selbstständig zu betrachten. Kohärent und vergleichbar werden sie durch ihren Aufbau: Ausgangspunkt der Abschnitte bildet die Betrachtung von exemplarischen Herausforderungen. Der Blick geht dabei auf Probleme der Gegenwart, denen ebenfalls an manchen Stellen ein eigentümliches Modernepathos entgegentritt. Es folgt eine Orientierung im jeweiligen Handlungsfeld, in dem es wiederum erst einmal nicht um praktisch-theologische Theoriebildung, sondern um Erläuterungen von Bedingungen, Typisierungen und Vorkommnissen geht. Im dritten Abschnitt werden empirische Befunde erläutert, bevor viertens nach historisch-systematischen Anschlussstellen gefragt wird. Es folgen fünftens praktisch-theologische Grundbestimmungen, sechstens eine Darstellung aktueller Diskurse und schließlich siebtens ein Ausblick auf Zukunftsfragen. Die Abschnitte fallen je nach Handlungsfeld und Autor*in ausführlicher oder kürzer aus. Hier liegt eben ein Reiz dieses Lehrbuchs: die Gewichtung der einzelnen Abschnitte bzw. Herangehensweisen findet in jedem Kapitel anders statt. Durch die gleiche Gliederung wird allerdings ein Blickwinkel vorgegeben, der einen organisierenden Blick auf die jeweiligen Disziplinen Praktischer Theologie (mit Ausnahme des Themas „Frömmigkeit/Spiritualität [II.10] handelt es sich dabei um die gängige Unterteilung der Praktischen Theologie) ermöglicht. Dieser läuft, wie in der Darstellung der Gliederung angedeutet wurde, über die Einbettung in den praktischen Vollzug – wie der Begriff „Handlungsfelder“ ebenfalls zeigt. Dahinter steht die Intention, praktisch-theologische Debatten problemorientiert zu erläutern (vgl. S. 15). Das mag einer eher historisch und akademisch ausgerichteten Praktischen Theologin zunächst fremd sein, aber die Herangehensweise bringt gerade in ihrer anwendungsorientierten Perspektive durchaus interessante Impulse mit sich. Sie lenkt dadurch auf Probleme und bringt exemplarisch und durchaus jeweils perspektivisch und konzeptionell (vgl. S. 15f.) Anregungen für die theologische Auseinandersetzung. Nimmt man die eigene Grenzwahrnehmung der Autor*innen ernst, das eigene Studium nicht ersetzen zu wollen, wofür rein äußerlich schon die Literaturangaben am Ende jedes Kapitels und die Kürze der jeweiligen Beiträge spricht, ist dieses Buch eine wunderbare Einführung und Bündelung zugleich, die zu weiterer Auseinandersetzung, Problemstellungen und Theoriearbeit anregt. Zudem nimmt man gleichzeitig durch die Varianz der Autor*innen exemplarisch die Breite praktisch-theologischer Arbeit und Herangehensweisen wahr. Durch die Kürze, das sei extra betont, stellt die Lektüre auch keine allzugroße Zumutung für Theolog*innen im Pfarrdienst dar, die mit diesem Buch ihre Wahrnehmung auf die Handlungsfelder hinterfragen können. Dabei zeigt die aus dem zugrundeliegenden Begriff der Praktischen Theologie als „Theorie pluraler christlich-religiöser Praxis in der Gegenwart“ (S. 15) Chance und Gefahr zugleich auf. Aber der exemplarische Blick auf die Problemlage kirchlicher Praxis kann mit diesem Buch geschult und geschärft werden – in Zustimmung, Abgrenzung und Weiterarbeit.

1Vgl. Grethlein, Christian: Praktische Theologie, Berlin/Boston 2012 und Rössler, Dietrich: Grundriß der Praktischen Theologie, 2., erw. Aufl., Berlin/New York 1994.
2Vgl. Meyer-Blanck, Michael/Weyel, Birgit: Studien- und Arbeitsbuch Praktische Theologie, Göttingen 2008.
3Vgl. Klessmann, Michael: Seelsorge. Begleitung, Begegnung, Lebensdeutung im Horizont des christlichen Glaubens. Ein Lehrbuch, Neukirchen-Vluyn 42012.
4Hierbei sei zudem noch Tobias Braune-Krickau genannt, der den Abschnitt zur Diakonik (II.8) beisteuert.

Klaas Huizings „Zu dritt“ – Ein Leseeindruck

von Claudia Kühner-Graßmann

Klaas Huizing: Zu dritt. Karl Barth, Nelly Barth, Charlotte von Kirschbaum. Roman, Tübingen: Klöpfer und Meyer 2018.

Unter den vielen Veröffentlichungen zum Karl-Barth-Jahr, die teilweise auch hier besprochen wurden und werden, sticht Huizings Roman doch besonders hervor. Schon die Idee, das vielfach angedeutete, aber immer wieder auch durch sog. Barthianer zur Seite geschobene Dreiecksverhältnis Karl Barths mit seiner Ehefrau Nelly und Charlotte von Kirschbaum als Roman zu verarbeiten und dabei zugleich theologische Erkenntnisse durch Verweise auf Werke Karl Barths, biographische Ereignisse durch das Abdrucken von Briefen und gesellschaftliche Ereignisse einzubeziehen, scheint genial zu sein.

Zunächst möchte ich meinen Leseeindruck darstellen und in einem zweiten Schritt (nicht-)mögliche Auswirkungen auf das Bild Karl Barths, die sich aus der Lektüre ergeben könnten, erläutern. Dabei handelt es sich, das soll ebenso im Bewusstsein bleiben wie der Romancharakter des Buches, um meinen persönlichen Eindruck.

I. Der Leseeindruck

Huizing zeichnet ein (literarisches) Bild der Ereignisse, Szenerie, Personenkreise, Gedanken der einzelnen Personen, sexuellen Annäherungen und Vollzüge, das zuweilen beunruhigend wirkt. Beunruhigend nicht, weil hier vermeintlich das Bild Karl Barths auf dem Spiel steht, nein, beunruhigend wegen der permanenten Spannung in diesem Dreiecksverhältnis, das von den Beteiligten als Notgemeinschaft bezeichnet wird. Diese Spannung wird, das ist eine große Leistung des Buches, nicht aufgelöst. Das macht es teilweise fast unerträglich. Aber eben auch gut, zumal das Verhalten der Einzelnen kaum bewertet wird bzw. die Bewertung durch den Kontext indirekt und wechselseitig geschieht. Niemand kommt hier einseitig schlecht oder gut weg. Die romantische, sexuelle Anziehung zwischen Lollo, wie Charlotte von Kirschbaum immerzu genannt wird, und Barth wird nicht gegen die Ehe der Barths ausgespielt, obgleich man zugleich auch den Wunsch nach Ausleben dieser Beziehung nachzuvollziehen vermag. Charlotte, die als geniale, schöne rechte Hand Barths zuweilen besser wegkommen könnte, wird eben nicht verklärt, sondern auch als eifersüchtige, zu cholerischen Anfällen neigende Frau gezeigt. Während Nelly weder nur die biestige noch nur die rein barmherzige, verständnisvolle Ehefrau ist. Wobei Nelly deutlich weniger direkt vorkommt, als indirekt durch ihren Status als Ehefrau und ihre Handlungen, von denen berichtet wird. Karl Barth hingegen wirkt in der Darstellung Huizings zwar zerrissen, aber durchaus gockelhaft und seiner Frau gegenüber stellenweise unfair, was vielleicht angesichts des zeitlichen Kontextes als meine Deutung anachronistisch sein mag. Aber daraus spricht ein Zug, der mir aus Karl Barths theologischen Schriften durchaus bekannt ist: die gewisse Hybris, die ihm zu eigen ist. Die Hybris, alles unter „die“ richtige Sache zu stellen – auch die verhinderte Scheidung oder die eigene Gesundheit. Alles soll hinter der Sache, zu der sich Barth gesandt weiß, zurückstehen bzw. sich ihr beugen. Das wird vor allem an den Passagen, die die Bearbeitung der Kirchlichen Dogmatik mit thematisieren, deutlich.

Es ist schon stellenweise sehr bewundernswert, wie Huizing Theologie und Roman hier miteinander verknüpft. Das wird nicht nur durch Heranziehen einzelner Schriften, sondern auch durch die Art und Weise wie etwa Personen bewertet werden – am deutlichsten an Brunner oder Gogarten zu sehen – deutlich. Die schriftlich geführten Auseinandersetzungen werden hier geschickt in persönliche Gedanken (meistens als Gespräch zwischen Lollo und Karl) übertragen. Freilich mag das an manchen Stellen einigen Lesern* zu gezwungen wirken, aber mir scheint das in den meisten Fällen sehr gelungen zu sein.

Huizing umgeht es nicht, neben der geistig-intellektuellen auch die körperliche Anziehung zwischen Karl und „Lollo“ zu beschreiben. Bei den diversen Darstellungen des sexuellen Kontakts scheint zwar mitunter die Phantasie mit ihm durchzugehen, aber es wird nie eine Ebene überschritten, die es zu pornographisch oder voyeuristisch werden lässt.i Es kann ihm positiv angerechnet werden, die körperliche Ebene nicht auszublenden. Das betrifft nicht nur das Sexuelle, sondern auch die Darstellung von Leiden und Krankheit, die häufig mit psychischen Stressfaktoren einhergehen und eine weitere Darstellungsebene des Romans bilden. Über die Ebene des Körpers gelingt es Huizing, die Spannung innerhalb dieser Dreierkonstellation umfassender zu präsentieren. Besondere Eindringlichkeit kommt dem am Ende zu, wenn Lollos Erkrankung aufkommt. Aber auch hier schafft es Huizing, nicht die Grenze der Schaulust oder gar Schadenfreude zu übertreten. Im Gegenteil.

Das Buch ist es wert, gelesen zu werden. Neben den gleich näher zu beleuchtenden Implikationen für das Bild Karl Barths, ist es ein guter Roman, der seine Spannungsbögen hält – auch in den Details.ii Aber die Lektüre lohnt sich auch trotz und gerade wegen der Schwächen, die diese ungewöhnliche Mischung aus Historie, Romandarstellung, Fiktion und theologischer Werkerschließung enthält.

II. Konsequenzen für das Bild Karl Barths?

Bringt die Lektüre dieses biographischen Romans Implikationen für das Bild Karl Barths mit sich? Zunächst einmal handelt es sich um einen Roman. Das sollte beachtet werden, auch wenn es unnötig zu erwähnen scheint. Es lassen sich aus den Einzelheiten, den einzelnen Gedanken und Handlungen daher keine Erkenntnisse über Karl Barth gewinnen.

Für die Barth-Rezeption ergeben sich aber dennoch gewisse, wenngleich indirekte und keineswegs ganz neue Einsichten. Zunächst zeigt der Roman deutlich auf, dass das Dreiecksverhältnis zwischen Karl, Nelly und Lollo kein Geheimnis war, wie es strenge Barthianer gerne dargestellt haben. Im Gegenteil: es wurde nicht verheimlicht, was etwa auch die – bekannte! – Vermittlung durch Thurneysen oder die durch die Kinder Barths erlaubte Veröffentlichung der Liebesbriefe Charlottes und Karls zeigen.

Der Roman birgt also in der Sache nichts Neues, obgleich für manche die Erkenntnis, dass Karl Barths Lebensstil nicht immer seinen strengen ethischen und moralischen Maßstäben entsprach, nicht nur zuträglich sein wird. Das ist umso brisanter als Barth manchen als – ich übertreibe nun bewusst etwas – der schlechthin gute Theologe gilt. Barth hat durch sein Eintreten für die Bekennende Kirche zwar viel geleistet, das bleibt unbestritten, aber wurde dadurch eben auch ab und zu zu einer moralisch unnahbaren Person stilisiert. Huizings Roman trägt nun nicht zu einer Abwertung der Person Karl Barths bei. Das nicht. Aber zu einer Vermenschlichung, wenn man das so sagen will. Diese hat zwar keine direkten Implikationen für die Interpretation seiner Werke. Aber es kann dazu beitragen, die Barth-Rezeption zu entmystifizieren, was auch einer vermeintlichen Heiligkeit seiner theologischen Texte wehren kann. Barth als Mensch mit und in aller Klugheit, Körperlichkeit und Sturheit, das zeigt Huizings Romanfigur. Darin besteht auch das Provokationspotential.

Es wundert daher nicht, dass für einige Barthianer der Roman einen Anstoß bedeuten könnte. Für viele wird es kaum zu ertragen sein, wie „ihr“ Barth sich mit schnalzendem Geräusch ein Kondom überzieht. Aber es wäre ein arges Missverständnisses, würde das als Beschmutzung des Andenkens betrachtet werden. Das Buch stellt gerade in dieser vermeintlichen Absurdität einen wahrlich kulturprotestantischen Clou zum Barth-Jahr dar, dessen Lektüre anempfohlen wird – auch wenn die Gefahr besteht, bezüglich Karl Barths Begeisterung für Mozart zu kichern oder bei Äußerungen zum Abendmahl an eine post-koitalen Szene denken zu müsseniii. Aber das dürfte es wert sein.

 

i Ein Beispiel für eine solche gewöhnungsbedürftige Szenerie, die zugleich Barths Liebe zu Mozart einspielt: „Mit der linken Hand drehte er ganz vorsichtig an ihren harten Brustwarzen, fand einen Sender, der Mozart im Programm hatte, kitzelte mit der Zunge ihren Bauchnabel“ (S. 116).

ii Hierbei sei etwa auf das „Odol“ zu verweisen, das Lollo und Karl beim gemeinsamen Besuch einer Gesundheitsmesse zu Beginn des Buches erstehen und das am Ende, wenn Nellys Hang zum Alkoholismus angedeutet wird, wieder eine Rolle spielt.

iii Bei letzterem beziehe ich mich auf die Szene auf S. 53. Ob die Assoziationsmöglichkeiten der Kelchmetaphorik hier durch die schwäbisch-prüde Phantasie der Rezensentin überspannt wird oder nicht, sollte jeder* Leser* selbst herausfinden.

Rezension: Wilfried Härle, Worauf es ankommt.

 

Wilfried Härle: Worauf es ankommt. Ein Katechismus, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2018.

Für www.nthk.de rezensiert von Alexander Proksch am 28. Juli 2018, veröffentlicht am 17.01.2019

 

Zugespitzte und gleichzeitig allgemein verständliche Antworten auf Fragen des Glaubens an den dreieinigen Gott zu erhalten, war schon immer die Sehnsucht derer, die Gewissheit suchen. Glaubenswahrheiten präzise und keinesfalls banal zu formulieren, wohnt daher dem Christentum mit seinem Auftrag zur Weitergabe des Evangeliums inne. Darum bewährt sich die Frage-Antwort-Methode eines Katechismus bis heute. Nicht umsonst ist im evangelischen Bereich der Erwachsenenkatechismus ein in etlichen Auflagen erschienener Dauerbrenner auf dem religiösen Büchermarkt. Vor kurzem erschien ein neuer Versuch für ein kleinformatiges Lehrbuch. Die Erarbeitung eines gegenwartsnahen Katechismus wagte ein emeritierter Professor für Systematische Theologie.

Der Heidelberger Systematiker Wilfried Härle legt, gegliedert in zehn Themenkomplexe, einen leicht zugänglichen Text aus 180 Fragen und Antworten vor. Der Titel „Worauf es ankommt“ nimmt Bezug auf die erste der durchwegs gehaltvollen Fragen. Ungewöhnlich ist die Entstehungsgeschichte dieses Werkes: Das Unterfangen fußt auf einem Wettbewerb der Badischen Landeskirche anlässlich des 450-jährigen Jubiläums des Heidelberger Katechismus. Härle legte den Entwurf für seinen Katechismus vor, den er danach mit Mitstreitern in mehrjähriger Arbeit aus dem Kreise der Badischen Kirche weiter bearbeitete. Die Verteilung an Interessierte aller Generationen mit der Bitte um Rückmeldungen entwickelte das Gemeinschaftsprojekt fort und führte zum nun publizierten Endergebnis. Der Band will eine Hilfe sein für Erwachsene, insbesondere für Pädagogen in Schule und Gemeinde. Vom Design wirkt der Katechismus durchaus frisch und für alle Altersklassen ansprechend. Auf jeder rechten Seite findet sich der Fragen-Antwort-Katalog, auf den jeweils links passende Bilder und Zitate kombiniert wurden. Bibelverse wechseln sich ab mit Zitaten von Theologen und Intellektuellen aller Epochen. Strophen aus dem Evangelischen Gesangbuch stehen neben Bilder oder Fotos aus der Christentumsgeschichte – ansprechend und geschickt komponiert.

In seinen formulierten Antworten steht der Autor in der Tradition seiner eigenen Dogmatik aus dem Jahr 1995. Auffallend damals wie in den zuletzt erschienenen Publikationen ist das Bestreben Härles, Christen ein sprachliches und argumentatives Handwerkszeug an die Hand zu geben, damit sie sich selbst wie gegenüber anderen Rechenschaft über ihren Glauben geben können. Mutig scheut sich der Text nicht, selbst komplexen Fragen prägnante Erwiderungen entgegen zu stellen. Die alte und reizbare Frage nach dem Leid in der Welt etwa nimmt Härle folgend auf: „Wenn Gottes Wesen Liebe ist, wie kann Gott dann so viel Leid und Böses in der Welt zulassen? Gottes Liebe zeigt sich in dieser Welt nicht darin, dass er uns Leiden generell erspart und uns am Tun des Bösen hindert, sondern darin, dass er uns das Leiden zu tragen hilft, uns im Kampf gegen das Böse beisteht.“ (86. Frage)

Härle bleibt in allen Gedankengängen klassischen Begriffen und Denkmustern verhaftet. Sein Katechismus will den Leser mit tradierten Glaubenssätzen bekannt machen, diese aber verständlich in Bezug zur Lebenswelt vernetzen. Ein Beispiel sind zwei aufeinander folgende Fragen im Kapitel „Der christliche Glaube an den dreieinigen Gott“: „Was für eine lebenspraktische Bedeutung hat die Trinitätslehre? Sie gibt auf Fragen eine Antwort, die viele Menschen beschäftigen: Wo kann ich Gott finden? und: Wie kann ich Gott finden?“ und „Welche Antwort gibt die Trinitätslehre darauf? Sie sagt: Du kannst Gott dort finden, wo er sein Wesen zu erkennen gibt: in Jesus Christus; und du kannst Gott so finden, dass er sich dir durch seinen Geist zu erkennen gibt.“ (101./102. Frage)

Es tut in diesem Beitrag gut, an keiner Stelle über wohl gemeinte Dolmetscherversuche zu stolpern und mit vermeintlich modernisierten (aber letztendlich unzureichenden) Begriffen in christlichen Glaubensaussagen konfrontiert zu werden. Von Gott wird als dem „Schöpfer“ gesprochen und das Endgericht wird dezidiert genannt. Innovativ wirkt Härle nicht durch die Suche nach originellen Wortschöpfungen, sondern in der Verständlichkeit seiner Antworten. Die unveränderte Aktualität dogmatischer Aussagen für einen Menschen sticht immer wieder prägnant hervor, beispielsweise in der 174. Frage: „Welche Bedeutung hat dieses Gericht Gottes? Das Jüngste Gericht erinnert uns an die Einmaligkeit unseres Lebens und an den Ernst von Gottes Heilsverheißung.“ Darin liegt der Reiz der Vermittlungsleistung christlicher Lehrsätze in diesem Werk, gegossen in einen unserer Zeit angemessenen Wortlaut.

Was beim aufmerksamen Gang durch die Fragenvielfalt auffällt, ist eine konfessionell unierte Färbung des Katechismus. Verständlich ist das Verschweigen innerevangelischer Lehrdifferenzen in Bezug zum Abendmahl, weil der Katechismus in bewusster Kontinuität zum Heidelberger Katechismus lutherische und reformierte Impulse zu vereinen mag. Wenn allerdings die Fronten zwischen römisch-katholischem und protestantischem Verständnis im VIII. Kapitel sehr scharf kontrastiert werden (146.-150. Frage), hätte jedoch um der Komplexität willen eine weitere Tiefenschärfe der Unterschiede auf diesem Gebiet geholfen. An dieser Stelle kann nun dagegen eine romkritische Intention des Autors vermutet werden, wie sie dem konfessionellen Miteinander heutzutage nicht mehr angemessen erscheint.

Dieser Katechismus fordert vom Leser, im Spiegel dieses Werkes die eigenen Antworten nach Gott zu suchen. Er ist für eine verantwortete Verständigung von Gläubigen innerhalb des kirchlichen Lebens hin geschrieben, denn die Kirche ist „die Gemeinschaft der glaubenden Menschen untereinander. Aber sie ist vor allem Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott, durch den und an den wir glauben.“ (124. Frage). Solch klare Positionen werden profiliert durch das dem Text vorgestellte Geleitwort des Vorsitzenden der Union Evangelischer Kirchen, Kirchenpräsident Christian Schad.

Diese Lektüre wird niemanden für den Glauben neu gewinnen, dieser Katechismus will den Glauben festigen, stellt es genau die Fragen von nach Klarheit ringenden Christen. Das Werk bietet die niveauvollen Sprachformeln an, um den Glauben an Vater, Sohn und Heiligen Geist einem Menschen von heute sachgerecht zu übermitteln.

 

Alexander Proksch studierte Evangelische Theologie und Sozialwissenschaften & Philosophie. Nach seinem Vikariat ist er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Praktische Theologie der FAU Erlangen bei Prof. Dr. Martin Nicol tätig, er arbeitet in seiner Dissertation an einer empirisch-qualitativen Studie über Liturgische Kleidung.

 

Link zur Rezension: https://netzwerktheologie.wordpress.com/2019/01/17/rezension-wilfried-haerle-worauf-es-ankommt/

Die NThK-Weihnachtsbücherei

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Eigentlich stehen wir Theologinnen und Theologen ja völlig ironisch über dem kommerziellen Teil des Weihnachtsfestes. Klar, Geschenke für die Kinder und die Familie, aber alles nicht so kommerziell und bitte mit gutem Gewissen! Anders sieht es mit Büchern aus. Die kann man ja immer brauchen, oder? Weihnachten bietet eine gute Gelegenheit, sich selbst (oder auch einer anderen Person) ein gutes Buch zu schenken. Mit etwas Schützenhilfe von uns, dem Team des NThK, findet sich sicherlich schnell das richtige.

Die Vorschläge sind in drei Kategorien unterteil: Zunächst widmen wir uns den im engeren Sinne theologischen Werken, sodann den für die kirchliche Praxis nützlichen Büchern und schließlich der Kategorie „Sonstiges“, in der philosophische oder gesellschaftsrelevante Bücher zusammengefasst werden. Die Auswahl ist subjektiv und spiegelt Interessen des NThK-Teams wider.[1]

1. Theologische Bücher

1) Robert Kolb: Martin Luther and the Enduring Word of God. The Wittenberg School and Its Scripture-Centered Proclamation, Grand Rapids 2016: 27,90€

Tobias Jammerthal: Robert Kolb gehört zu den profiliertesten Reformationshistorikern und Lutherforschern des englischen Sprachgebiets. Kurz vor dem Beginn des Reformationsjubeljahrs 2017 erschien diese Sammlung mit einigen der wichtigsten Aufsätze aus seiner Feder rund um die Schriftauslegung als Zentrum von Luthers Theologie und der Wittenberger Reformation. Ich finde, dieser Aufsatzband gehört in die Hand all derer, die sich für einen gleichermaßen kenntnisreichen wie unaufgeregt-sachlichen Zugang zur Reformation als einem theologischen Gruppenereignis interessieren!

2) Jörg Lauster: Religion als Lebensdeutung. Theologische Hermeneutik heute, Darmstadt 2005: 49,90€

Tobias Graßmann: Lauster stellt in diesem programmatischen Buch –  für Sympathisanten und Kritiker gleichermaßen beeindruckend – die Leistungskraft hermeneutischer Theologie in der Tradition des sog. Kulturprotestantismus unter Beweis. Dabei macht gerade auch die luzide Auseinandersetzung mit individualistischen Verengungen der liberalen Theologie das Buch lesenswert. Im Anschluss an den cultural turn und insbesondere Jan Assmanns Konzeption des kulturellen Gedächtnisses verflüssigt Lauster nicht nur konfessionelle Gegensätze, sondern lotet als einer der wenigen gegenwärtigen Theologen auch Wege zur Bewältigung des nicht nur kirchlichen, sondern gesamtkulturellen Traditionsabbruchs aus. Dabei sticht besonders die zentrale Stellung ins Auge, die Lauster den nicht im klassischen Sinne lehrhaften Vermittlungsformen religiöser Erfahrung zumisst: Musik, Kunst und Architektur.

3) Michael Roth und Markus Held (Hgg.): Was ist theologische Ethik? Grundbestimmungen und Grundvorstellungen, Berlin und New York  2018: 29,95 €

Niklas Schleicher: Das Buch gibt den aktuellen Lehrstuhlinhabern und Lehrstuhlinhaberinnen für evangelisch-theologische Ethik das Wort. Diese beschreiben in ca. 15 bis 20-seitigen Beiträgen ihre jeweilige Vorstellung vom Fach. So ergibt sich ein sehr differenziertes Bild der Zugriffe auf protestantische Ethik. Ergänzt wird das Ganze von Beiträgen von Vertretern und Vertreterinnen anderer theologischer Fächer, der Philosophie und der katholischen theologischen Ethik, die jeweils ihren Beitrag zur evangelischen Ethik darstellen. Ein Buch, dass sich gerade im Studium eignet, aber auch, um sich über den aktuellen Stand der Debatte zu informieren. [Eine ausführlichere Rezension folgt im kommenden Jahr.]

4) Kristian Fechtner/Jan Hermelink/Martina Kuhmlehn/Ulrike Wagner-Rau: Praktische Theologie. Ein Lehrbuch (Theologische Wissenschaft, Bd. 15), Stuttgart 2017: 30€

Claudia Kühner-Graßmann: Dieses Lehrbuch will einen Überblick geben über die Praktische Theologie, ihre Aufgaben und Probleme vor dem Hintergrund empirischer Befunde und (theologie)geschichtlicher Einsichten. Das alles geschieht anhand konzentrierter Darstellungen von Querschnittsthemen auf der einen und kirchlichen Handlungsfeldern auf der anderen Seite. In dieser Kürze bietet es Gelegenheit, den Blick auf die Problemlagen kirchlicher Praxis und ihrer wissenschaftlichen Bearbeitung zu schärfen. Durch die feste, aber nicht steife Gliederung kann es auch gut zu dein einzelnen Themengebieten herangezogen werden. Eine gute Grundlage zur Auffrischung, zum Bündeln oder zum Weiterdenken. [Eine ausführlichere Rezension folgt im kommenden Jahr.]

2. Bücher für die kirchliche Praxis

1) Otto Dietz: Unser Gottesdienst – ein Hilfsbuch zum Hauptgottesdienst nach Agende 1 für evangelisch-lutherische Kirchen und Gemeinden, München  21983 [antiquarisch günstig zu erwerben]

Tobias Jammerthal: Ein „Klassiker“, den jeder, der (zumindest lutherische) Gottesdienste zu leiten hat, meiner Meinung nach einmal gelesen haben sollte. Dieses Lesebüchlein ist kein fachwissenschaftlicher Agendenkommentar, sondern will einfach nur erzählen, warum was im „normalen“ Sonntagsgottesdienst an welcher Stelle und wie passiert. Sprachlich ist es schlicht und geht runter wie Butter – ungeheuer bildend ist es dennoch.

2) Karl-Heinrich Bieritz: Das Kirchenjahr. Feste, Gedenk- und Feiertage in Geschichte und Gegenwart (Neu bearbeitet von Christian Albrecht), München 92014: 14,95 €

Niklas Schleicher: Ein extrem nützlicher und gut lesbarer Klassiker das Buch „Das Kirchenjahr“ von Karl Heinrich Bieritz, das in einer neuen Auflage herausgegeben von Christian Albrecht vorliegt. In komprimierter Form wird darin das Kirchenjahr, seine Zeiten und Feste beschrieben und auf besondere Bräuche verwiesen. Gerade auch für den Einstieg z.B. ins Vikariat, aber auch im Studium ist das Buch sehr zu empfehlen.

3) Fulbert Steffensky (Hg.): Ein seltsamer Freudenmonat. 24 Adventsgedichte, 24 Adventsgeschichten, Stuttgart 2011: 16€

Julian Scharpf: Fulbert Steffensky, der Säulenheilige des Kirchentags-Protestantismus, hat vor sieben Jahre dieses hübsch gestaltete Adventsbuch auf den Markt gebracht. Dessen Verdienst ist, dass sich mit seinen 24 Gedichten und 24 Geschichten von Fontane bis Kreisler die vielen Advents- und Weihnachtsfeiern bestreiten lassen, die in dieser Kirchenjahreszeit vor einem liegen. Für die Auswahl gilt Steffenskys Satz: „Das Sentiment muss nicht sentimental sein, und wenn es dies gelegentlich ist, dann ist das nicht weiter schlimm.“

4) Niklaus Peter: Schachfigur – oder Schachspieler: Denkmodelle und Spielzüge auf den Feldern des Lebens und der Religion, Stuttgart 2018: 15€

Martin Böger: Niklaus Peter ist Pfarrer am Fraumünster in Zürich und nebenher ein ziemlich umtriebiger Theologe, der stets versucht, beides zusammenzubringen ohne das Eine gegen das Andere auszuspielen: Die theologische Wissenschaft und die pfarramtliche Praxis. Im vorliegenden Bändchen schafft er diese Verschmelzung auf sehr eindrückliche Art und Weise. Denn dieses Büchlein fasst Kolumnentexte zusammen, die Niklaus Peter für das wöchentliche Magazin einer großen schweizerischen Tageszeitung verfasst hat. Kolumnen, die auf eine katechetische Art die Grund- und Eckpfeiler des christlichen Glaubens auf gleichzeitig kluge wie inspirierende Art und Weise für eine (post)moderne Gesellschaft bedenken. Ein Büchlein, das zum Nachdenken anregen und vielleicht sogar die eine oder andre eigene Andacht inspirieren kann.

3. Sonstiges

1) Johannes Burkhardt: Der Dreißigjährige Krieg, Neue Historische Bibliothek, Frankfurt a.M. 92015: 16€

Tobias Graßmann: An neuen Darstellungen des Dreißigjährigen Krieges herrscht kein Mangel. Angesichts dieser unterschiedlich akzentuierten, mehr oder weniger ausführlichen Darstellungen lohnt sich dennoch der Blick in einen Klassiker. Denn wer über die grundlegenden Vorkommnisse informiert ist, findet in diesem Buch eine klare, knappe und unbestechliche Interpretation dieser traumatischen Epoche. Burkhardt erweist einige der klassischen Frontstellungen (z.B.: Religionskrieg oder nicht?) als Scheinalternativen und präsentiert den Dreißigjährigen Krieg als Ergebnis sich überlappender Staatenbildungskonflikte. Religion, Wirtschaft, technische Entwicklungen, Mediendynamik, dynastische Herrschaftsform und historisch hergeleitete Universalmachtansprüche werden auf ihre kriegstreibenden, aber auch friedensförderlichen Potentiale befragt und so manches Vorurteil gerade gerückt. Das Buch verschließt sich jeder raschen Verzweckung zur politischen oder gesellschaftlichen Sinnstiftung – und regt gerade darin zum Denken über den Frieden an!

2) Paul Feyerabend: Zeitverschwendung, Frankfurt a.M. 61997: 14,00 €

Niklas Schleicher: Ich habe eine große Schwäche für Autobiographien und eine genauso große für Paul Feyerabend. Seine Autobiographie mit dem Titel Zeitverschwendung ist, auch wenn man ihn, freilich zu Unrecht, für einen Scharlatan hält, großartig, zumal sie alles erhält: Krieg, Liebe, Operngesang, Wissenschaftstheorie und Harnack. Ja, genau, Feyerabend rezeptiert Adolf von Harnack, eine detaillierte Forschung dazu steht aber noch aus. Das Buch stellt einen guten Einstieg in das Denken Feyerabends dar, danach kann man sich dann dem nicht minder spannenden Hauptwerk „Wider dem Methodenzwang“ widmen. Oder sich von @luthvind erklären lassen, dass der @megadakka mit seiner Feyerabend-Besessenheit ein bisschen verrückt ist.

3) Michel Foucault: Die Ordnung des Diskurses. Mit einem Essay von Ralf Konersmann, Frankfurt a.M.  142017: 10€

Claudia Kühner-Graßmann: Wer immer schon einmal etwas von Foucault lesen wollte, aber weder wusste, was genau, noch viel Zeit hat, ist mit diesem schmalen Heftchen gut bedient. Und zwar nicht nur, weil man Einblicke in Foucaults Denken erhält, wozu der angehängte Essay von Konsersmann („Der Philosoph mit der Maske. Michel Foucaults Lʼordre du discours“) zusätzlich beiträgt. Die Lektüre schult wunderbar den Blick für die Produktion des Diskurses und vor allem deren Ausschließungsprozesse. Nach Lektüre der knapp 50 Seiten meint man den intellektuellen Gestus der Foucault-Anhänger zu durchschauen – oder eignet ihn sich gleich selbst an. Jedenfalls ein gutes Buch für einen kalten Winterabend auf dem Sofa mit Tee oder Wein.

4) Thomas Bauer: Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt, Stuttgart  82018: 6€

Julian Scharpf: Der Arabist und Leibniz-Preisträger Thomas Bauer hat  es 2011 mit  „Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams“ vermocht, das aus der Psychologie bekannte Konzept der Ambiguitätstoleranz nicht nur individuell aufzufassen, sondern auch als erstrebenswerte Errungenschaft einer Religionsgemeinschaft zu charakterisieren. Mit seinem aktuellen Essay weitet er seinen Blick im Grunde auf die ganze Welt und warnt davor, dass wir alle immer weniger bereit sind, Bedeutungsvielfalt anzuerkennen und uns fatalerweise nach Vereindeutigungen sehnen. Dieses Reclambüchle liest sich wie im Rausch.

Martin Böger: Wohl kaum ein Buch habe ich in letzter Zeit mit größerem Interesse und Gewinn gelesen. Der Leibniz-Preisträger und Professor für Islamische Theologie Thomas Bauer unternimmt einen überaus spannenden Parforceritt durch unsere Welt, ihre Wirklichkeit und wie wir über sie denken. Seine These lautet: Wir erliegen derzeit dem Verlangen, unsere Welt zu vereindeutigen und damit den Blick für die Vielfalt, für das Unerwartete, für das Einmalige zu verlieren. Die Religion spielt dabei für Bauer eine herausragende Rolle, da an ihr beides gelernt werden kann: Der Hang zur Vereinheitlichung zwischen schwarz und weiß, richtig und falsch und das große Potential der Ambiguität von Lebens- und Sinndeutungen. Thomas Bauer hält ein großes Plädoyer auf die Ambiguität, die er nicht als Drohung, sondern als große Chance erkennt. Ein Blick auf die Wirklichkeit, der spannend und der manchmal anstrengend ist, aber die Wirklichkeit so sein lässt wie sie ist: bunt, uneindeutig, dramatisch und manchmal auch herausfordernd.

 

[1]          Die angezeigten Preise dienen der Orientierung. Die tatsächlichen Preise können durchaus von den hier angegebenen abweichen.

Rezension: Rainer Kessler, Der Weg zum Leben. Ethik des Alten Testaments

Rezensiert für www.nthk.de von Nina Beerli

Kessler, Rainer: Der Weg zum Leben. Ethik des Alten Testaments, Gütersloh 2017.

Erstmals seit Eckhart Ottos Theologischer Ethik von 1994 erscheint mit Der Weg zum Leben von Rainer Kessler wieder eine Ethik des Alten Testaments in deutscher Sprache. Entstanden ist das Buch nicht zuletzt aus dem Anliegen heraus, ethisches Nachdenken und biblische Überlieferung (wieder) näher zusammenzubringen und die Relevanz der alttestamentlichen Texte auch für heutige ethische Fragestellungen aufzuzeigen. Diesen Anspruch löst Kessler in seinem rund 700 Seiten umfassenden Werk ein. Obwohl der Autor seine Hauptaufgabe in der historischen Rekonstruktion der Ethik der Hebräischen Bibel sieht und diese auch den grössten Raum einnimmt, will er dabei nicht stehenbleiben. Bereits bei der Darstellung der Texte weist er immer wieder auf aktuelle Fragestellungen hin. Zudem werden in 20 Impulsen ethische Problemstellungen aufgenommen, die auch in heutigen Diskursen eine Rolle spielen. Der knappe letzte Teil des Buches widmet sich der Frage, wie sich Altes Testament und christliche Ethik zueinander verhalten und wie sich ethische Implikationen des Alten Testaments in eine moderne Ethik übertragen lassen. Damit leistet Kessler auch einen Beitrag zum interdisziplinären Gespräch zwischen Ethik und Bibelwissenschaft.

Im einführenden ersten Teil seines Werks setzt sich Kessler mit grundlegenden Fragen auseinander, die sich bei der Konzeption einer Ethik des Alten Testaments stellen. Gegenstand einer solchen Ethik sind nach Kessler die Schriften der Hebräischen Bibel (und nicht das moralische Leben der Israeliten). Unter dem Begriff Ethik versteht Kessler die wissenschaftlich verantwortete Reflexion auf das gelebte Ethos. Dieses speise sich aus bestimmten Verhaltensweisen (Konvention, Etikette, Brauch, Sitte) sowie aus gesellschaftlichen Normvorstellungen darüber wie man leben sollte (Ethos, Moral), wobei die Grenzen zwischen „faktischem Tun“ und der „Formulierung normativer Gedanken“ (53) häufig fliessend seien. Das Alte Testament bietet nach Kessler keine Ethik i.S. einer wissenschaftlichen Theorie, sondern die ethischen Vorstellungen und Haltungen müssen allererst aus den Texten rekonstruiert werden. Kessler spricht daher auch von der „impliziten Ethik der Hebräischen Bibel“ (60).

Für die Darstellung dieser impliziten Ethik wählt Kessler die kanonische Perspektive, wobei er sich am hebräischen Kanon orientiert wie ihn bspw. die Biblia Hebraica bietet. Seine Entscheidung begründet Kessler u.a. damit, dass gerade die kanonische Darstellung einer Vereinheitlichung entgegenwirke, die der Vielfalt und dem spannungsvollen Nebeneinander ethischer Vorstellungen zuwiderlaufe. Indem eine kanonische Darstellung die Texte der Reihe nach betrachte und sie mit Hilfe von Einsichten in ihre Entstehung und Sammlung besser zu verstehen suche, werde die Widersprüchlichkeit der Texte nicht aufgehoben und harmonisiert, sondern thematisiert und stehengelassen. Nach Kessler kommen so die biblischen Texte in ihrer Vielfalt und zugleich in ihrer Einheit als kanonisierte Texte zur Geltung.

Der kanonische Zugang bedingt, dass alle Schriften der Hebräischen Bibel als Quellen für die Rekonstruktion ethischer Vorstellungen in Betracht kommen. Hier grenzt sich Kessler von Otto ab, der für seine Ethik nur jene Texte berücksichtigte, die sich explizit mit ethischen Fragestellungen auseinandersetzten, was dann im Endeffekt auf eine Reduktion auf Rechts- und Weisheitstexte hinauslief. Kessler sieht aber sowohl in den narrativen als auch in den prophetischen Texten der Hebräischen Bibel eine Fülle ethischer Themen verhandelt. Allerdings müsse bei der Darstellung der Ethik darauf geachtet werden, wie ethische Fragestellungen in den Texten zur Sprache kämen. Während in narrativen und prophetischen Texten ethische Themen v.a. implizit zur Darstellung kämen, hätten Rechts- und Weisheitstexte i.d.R. normativen Anspruch. Hinzu kämen noch einige Texte (z.B. Ps 15, aber auch der Dekalog), die „so etwas wie ethische Grund-Sätze formulieren“ würden (73). Den Schwerpunkt legt Kessler – genau wie Otto – auf die normativen Texte, im Ablauf der Darstellung folgt er jedoch dem kanonischen Prinzip. Das hat zur Folge, dass zunächst Erzähltexte und erst dann Rechtstexte behandelt werden. Anschliessend wendet sich Kessler den prophetischen Texten zu, die – in kanonischer Perspektive – auf dem Fundament der Tora aufruhen. Erst zum Schluss kommen dann auch die weisheitlichen Texte in den Blick.

„Die Tora ist ihrem Wesen nach sowohl Erzählung als auch Weisung“ (85). Während die Urgeschichte und die Erzelternerzählungen vom Motiv des Segens durchzogen seien, sei die Geschichte der beginnenden Volkwerdung Israels geprägt durch die Befreiung aus der Knechtschaft in Ägypten und den Bundesschluss am Sinai. Auf diesem Fundament ruhe schliesslich die Gabe der Weisung und mit ihr die Forderung nach Gerechtigkeit auf. Kessler spricht in diesem Zusammenhang von einem „Zwei-Säulen-Modell“ (89): Auf den beiden Säulen Segen und Befreiung baut das Thema Gerechtigkeit auf, welches in dem Moment in den Vordergrund tritt, in dem erstmals Recht gesetzt wird (Ex 15,25f.) und seinen Höhepunkt in den grossen Rechtsammlungen und deren Aufnahme im Deuteronomium hat. Segen und Befreiung als Gaben Gottes fordern, so Kessler, zum Tun der Gerechtigkeit heraus. Beide lassen sich auch nur im Tun der Gerechtigkeit bewahren. Ohne Regeln würden sie sich nur allzu rasch in ihr Gegenteil verkehren: Segen würde zu Fluch, Freiheit zu Anarchie und Unterdrückung.

Mit der Orientierung an diesen drei grossen Motivkomplexen, die nach Kessler den gesamten Erzählbogen des Pentateuchs prägen, will der Autor auch eine Engführung vermeiden, die sich auf die Themen Bund, Erwählung und Erlösung beschränkt und damit „das, was sie aus der narrativen Begründung und Einbettung der Weisung aufgreif[t], kanonisch gesprochen auf den Anfang des Exodusbuches“ reduziert (87). Dies zu vermeiden gelingt Kessler insofern, als er durch das Zwei-Säulen-Modell und dem darauf aufbauenden Thema der Gerechtigkeit tatsächlich einen viel breiteren Textbereich für die Ethik des Alten Testaments fruchtbar machen kann. Auf der anderen Seite bedeutet diese Schwerpunktsetzung – wie jede andere auch –, dass eine Auswahl getroffen und gewisse Motive nicht oder nur am Rande aufgenommen werden können (so z.B. das Motiv von Bund und Verheissung).

Für die prophetischen und weisheitlichen Texte gilt das Zwei-Säulen-Modell so nicht mehr. Kessler zeigt aber auf, dass sie sich mit dem Thema Gerechtigkeit auseinandersetzen – wenn auch unter jeweils anderen Vorzeichen. Während insbesondere die hinteren Propheten in ihrer Sozialkritik die konkret erfahrene Ungerechtigkeit anprangern und zugleich eine Gerechtigkeit fordern würden, die sich an den sozial Schwachen orientiere, setzten die weisheitlichen Schriften bei der umfassenden Bildung des Einzelnen an und versuchten so, Einfluss zu nehmen auf die innere Motivation eines Menschen. Relevant für die Ethik ist nach Kessler, dass beide Textbereiche – genau wie die Tora – eine „Option für die Armen“ sowie einen „starken Gottesbezug“ propagieren (354).

Es fällt auf, dass Kessler im Vergleich zur Arbeit am Pentateuch bei den beiden folgenden Textbereichen stärker exemplarisch vorgeht, wobei klar ist, dass bei solch einem Buchprojekt nie alle Texte und Themen behandelt werden können. Gelegentlich weist der Autor zwar darauf hin, dass bestimmte Schriften weggelassen werden, eine Begründung dafür liefert er jedoch leider nicht. Ausgehend von dieser Beobachtung stellt sich die Frage, ob bei der Auseinandersetzung mit anderen Schriften nicht auch andere Themen stärker in den Vordergrund getreten wären. So dient der schlaglichtartige Durchgang durch die weisheitlichen Texte m.E. eher dazu, zu zeigen, dass die beiden Grundthemen „Gottesbezug“ und „Option für die Armen“ auch hier begegnen, als dass wesentliche neue Erkenntnisse hinzukämen. Doch hätte bspw. eine genauere Betrachtung der Psalmen wohl noch mehr und andere Einsichten im Hinblick auf ihre ethischen Implikationen zu Tage gebracht. Zumindest einzelne Psalmen vermitteln einen tiefen Einblick in die Selbst- und Fremdbilder, die Menschen von sich und anderen sowie von Gott haben, oder zeigen, wie Menschen Konfliktsituationen schildern, wie sie solche Situationen zu lösen versuchen bzw. wie sie mit ungelösten Konflikten umgehen. Für ethische Fragestellungen wäre hier m.E. noch einiges zu gewinnen.

Aufs Ganze gesehen bietet Kesslers Ethik jedoch einen breiten Überblick und einen sehr informativen Durchgang durch die Texte der Hebräischen Bibel. Die zusammenfassenden Einleitungen zu jedem Paragraphen und die reflektierenden Kapitel zum Verhältnis von Tora, prophetischen und weisheitlichen Texten helfen bei der Orientierung und bringen zentrale Einsichten auf den Punkt. Kessler nimmt immer wieder entstehungsgeschichtliche Fragen auf und bringt diese ins Gespräch mit dem von ihm gewählten kanonischen Ansatz. Auch werden ethisch kontroverse Themen angesprochen (so z.B. die Frage nach der Moral Gottes). Kessler liefert mit seinem Werk einen für das eigene ethische Nachdenken anregenden Beitrag, der an dieser Stelle zur Lektüre wärmstens empfohlen sei.

 

 

Nina Beerli hat von 2009 bis 2015 in Zürich evangelische Theologie studiert und arbeitet derzeit als Assistentin am Lehrstuhl für Alttestamentliche Wissenschaft und Altorientalische Religionsgeschichte am Theologischen Seminar der Universität Zürich.

Rez.: Gott – Woran glauben Christen?

Rezension: Doris Nauer, Gott – Woran glauben Christen? Verständlich erläutert
für Neugierige, Kohlhammer: Stuttgart 2017. 239 Seiten. (25 Euro)

Rezensiert von Dr. Katrin Juschka, Kassel. Hochgeladen am 20. Oktober 2018.

Bunte Fotos, Diagramme, Schaubilder, Statistiken, grafisch hervorgehobene Zitate: Das kürzlich erschienene Buch hält auf 239 Seiten einiges für die bereit, die sich einen Überblick darüber machen wollen, wer oder wie Gott aus christlicher Sicht ist.

Die Zielgruppe ist recht genau im Untertitel und auf den ersten Seiten eingefasst: Das Werk ist für Neugierige, Interessierte und Suchende, die sich auf dem aktuellen wissenschaftlichen Stand der Forschung informieren bzw. ihr vorhandenes Wissen vertiefen möchten. Nauer nennt explizit haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitende sowie Leitungskräfte von christlichen Hilfswerken (z.B. Diakonie oder Caritas, S. 11; 213f.), die sich über das „christliche“ Profil ihrer Einrichtung informieren möchten, das mindestens im Gründungsgedanken steckt. Letztlich sind es über 1 Mio. Menschen, die in diakonischen Bereichen kirchlicher Trägerschaft arbeiten und für die der christliche Glaube nicht mehr selbstverständlich ist. Insofern ist Buch ein wirklich zu begrüßender Beitrag für speziell diese Zielgruppe.

Das Unterfangen, eine Darstellung auf möglichst verständliche Art und Weise zu gestalten, frei von wissenschaftlichen Fachbegriffen, aber auch frei von frommen, kircheninternen oder konfessionellen Bestrebungen, ist ein hoher Anspruch. Ein solches Werk ohne Fachwörter und fachliche Diskussionen zu vollbringen, gelingt der Autorin streckenweise mal mehr, mal weniger gut – ist als Ziel letztlich auch unnötig hoch angesetzt, wenn wissenschaftliches Fachwissen einbezogen werden soll. Im Großen und Ganzen ist vor allem aber ihr ökumenisches Anliegen besonders gut umgesetzt, fachlich hochkarätiges Wissen konfessions-barrierefrei für Laien aufzubereiten.

Wenn erst der schwierige, etwas holprige Einstieg mit Zahlen, Namen und der Ursachensuche nach Kirchenaustritten geschafft ist, gibt Nauer einen guten Überblick über die Bibel als Grundlage des Glaubens, speziell ihre Entstehung über die Jahrhunderte hinweg und inwiefern sie als „Heilige Schrift“ von und über Gott ernst genommen werden kann. „Ernst nehmen“, so folgert sie schlussendlich, „bedeutet, es sich nicht auf biblizistisch-fundamentalistische Art und Weise wortwörtlich leicht zu machen, sondern sich der Anstrengung zu unterziehen, den eigentlichen Aussagegehalt begreifen zu wollen“ (S. 27).

Ab S. 29 nimmt das Buch Fahrt auf, mit Gottes-Erfahrungen und -Bildern wird es praktischer: „Gottesbilder sind weder unbedeutende Konstruktionen noch harmlose Gebilde, denn 🙂 Gottesbilder können sich heilsam auf unser Leben auswirken und unseren Lebensalltag enorm bereichern, ☹️ Gottesbilder können aber auch pathologische Nebenwirkungen entfalten, indem sie uns psychisch krank oder zu einem gewalttätigen Risikofaktor für unsere Mitmenschen machen“ (S. 30).

Kaum ein Gedanke zieht sich so konsequent durch die Bibel wie der, dass der Mensch sich von Gott kein Bildnis machen kann und soll (Bilderverbot Ex 20,4-6, Lev 19,4). Dennoch ist die Bibel voller Bilder und Metaphern von Gott bzw. wie Menschen Gott erlebt haben. Dass diese teilweise gegensätzlich sind und eine große Spanne an unterschiedlichen Gottesvorstellungen aufweisen, ist ein wichtiger Hinweis; ebenso, dass auch die persönlichen Gottesbilder, die wir alle unweigerlich haben, „dynamische Gebilde“ bleiben, die sich weiterentwickeln und offen bleiben für Veränderung und Weiterentwicklung – nie sind sie endgültige Gotteserkenntnis (S. 30). Im Judentum führte diese Einsicht dazu, dass es tatsächlich keine künstlerischen Darstellungen und Bildnisse von Gott geben sollte und soll, weil die Gefahr der bildlichen Prägung bis hin zu Anbetung der Bilder/Statuen als solcher zu groß empfunden wurde. Im Christentum dagegen entwickelte sich in den meisten Traditionen eine ausgiebige Geschichte an Darstellungen von Gott in der Kunst- und Kirchengeschichte, speziell in der Sakralarchitektur. Hier ist besonders hervorhebenswert, dass Nauer auch die Prägungen durch Sprache, Liturgie, Lieder, Frömmigkeitsprägungen etc. einbezieht.

Im darauf folgenden Grundlagenkapitel über die Trinität (die auch den Aufbau des Buches in drei Teilen vorbildet) listet Nauer mutig Argumente für eine endgültige Verabschiedung von der Dreieinigkeit auf, mit der es sich um ein komplexe metaphorische Denkfigur handelt, die für heutige Menschen kaum noch Relevanz hat. Die Begründung: Die Dreieinigkeit hat letztlich keine entfaltete Grundlage in der Bibel, erschwert den Dialog zu Judentum und Islam und sie ist insbesondere von Laien kaum zu erklären (ohne andere Sprachmetaphern heranzuziehen kommt leider Nauer auch nicht aus und bringt das herkömmliche Beispiel von den Aggregatszuständen des Wassers als flüssig, gefroren, dampfend, um die Dreigestalt zu erklären).

Dennoch sieht sie in der Trinität ein faszinierendes Markenzeichen und einen „Kern des christlichen Gottesbildes“ (S. 36) darin, angesichts des Leids überhaupt noch Gott im Munde zu führen. Das der Aspekt des Leidens im trinitarischen Gedanke von der beziehungswilligen, mitgehenden Gottheit grundangelegt ist, erläutert sie bedauerlicherweise nicht so anschaulich und überzeugend wie das meines Erachtens schlagkräftigere Argument der liturgisch geprägten Formel „im Namen des Vater, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ im Gottesdienst, in der Taufe oder beim Bekreuzigungsritual (S. 38).

Gottesbilder

Das Kapitel „Einziger Jahwe“, eröffnet die Zusammenstellung der alttestamentlich-biblischen Gottesbilder „im Namen des Vaters“, die das erste Drittel des Buchs füllt. Nauer geht gezielt auf die polytheistischen Wurzeln der Glaubens (sowohl von Israel, als auch für das frühe Christentum) ein. Durch diese rein religionsgeschichtliche Darstellung schafft sie es leider nicht, der komplexen und zugleich faszinierenden Struktur auf die Spur zu kommen, die gerade der Gottesname JHWH für den jüdischen und christlichen Glauben bereit hält. Zur Herkunft und Bedeutung des Namens JHWH stellt sie nur eine der möglichen Theorien dar und verkürzt damit leider den Forschungsstand auf eine sehr vereinfachte Darstellung, bei der das Geheimnis des Namens und seine Bedeutung als Offenbarung für Israel unerwähnt bleiben.

Die folgenden Kapitel über den allmächtigen Schöpfer, tatkräftigen Befreier, treuen Bundespartner, liebenden Vater, fürsorgliche Mutter etc. sind detaillierter in ihrer Aufarbeitung der biblischen Grundlagen und machen schon eher neugierig auf weitere, eigene Beschäftigung mit den Ur-Erfahrungen Israels, die sich in diesen Gottesbildern verdichtet haben. Ausführlich gibt sie hier Verständnismöglichkeiten zu den biblischen Geschichten, die für die meisten Lesende garantiert einige Highlights und neue Sichtweisen bereithalten.

Den Bildern des „gewalttätigen Kriegers“ und „zornigen Richter“ Gottes für Israel, die für heutige Menschen Brennpunkte in den Aversionen gegen das Alte Testament sind und der Auseinandersetzung bedürfen, wird besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Nauer stellt hier die politische Situation der Entstehungszeit dieser Texte ins Zentrum als eine von Unterdrückungserfahrungen geprägte Zeit, womit Gewalt und Krieg auch Einzug in die Bibel und den Gottesglauben erhielten – weil sie alltägliche Realität und Erfahrung waren. Auch die menschliche Logik prägte diese Gottesbilder: Wenn Gott als absolute Liebe und Gerechtigkeit erscheint, ist die notwendige Kehrseite dazu einerseits der Absolutheitsanspruch und die Eifersucht bzw. dass Ungerechtigkeit und Lieblosigkeit andererseits nicht geduldet werden können. Ihr Schlusssatz zum Abschnitt über Gott als „gewalttätigen Krieger“ hält eindrücklich vor Augen (S. 62): „Christen, die versuchen, eigenes oder fremdes gewalttätiges Handeln in Rekurs auf Gott legitimieren zu wollen, müssen deshalb mit theologischen Argumenten widerlegt und praktisch von ihrem Vorhaben abgehalten werden!“ Ähnlich warnend endet das Kapitel über den „zornigen Richter“ ganz praktisch-ethisch: Weder sei verharmlosend nur vom „lieben“ Gott zu reden und z.B. in der Seelsorge demnach auch alles „gut sein [zu] lassen“, noch sei der Richtermetapher mit der manipulierenden Angst vor Hölle und Bestrafung ein zu hoher Stellenwert in der Gemeindetheologie einzuräumen, wie es sich leider auch heutzutage nicht selten beobachten lasse. Sondern: die Gottheit, die nach ultimativen Gerechtigkeitskriterien richte, erwarte zum einen auch von Menschen verantwortungsvolles Handeln, zum anderen liege es aber vor allem nicht in der Zuständigkeit von Menschen, Unrecht mit Sühne zu beantworten und Recht mit allen Mitteln und Urteilen aufrecht zu erhalten (S. 71).

Sohnesdarstellungen

Für eine praktische Theologin arbeitet Nauer sich sehr genau archäologisch und historisch an der aktuellen Jesusforschung ab und zeigt zum Beispiel auch Differenzen auf, wo der biblische Befund lückenhaft überliefert ist. Ihr durchgehendes Begründen der Verwurzelung von Jesu Botschaft und Praxis im Judentum ist bemerkenswert sorgfältig. Wenn sie das Zentrale der Botschaft Jesu auf den Punkt bringt (S. 91), stellt sie
allerdings dar, dass im Judentum die „die Feindesliebe seinen [Jesu] jüdischen Zeitgenossen schlichtweg fremd war“, was eine pauschale und unkorrekte Aussage ist. Die Gnade und Liebe der Frohbotschaft Jesu steht in Nauers Ausführungen im Zentrum, kurz geht sie auch auf die schwierigeren und radikalen Aussagen Jesu ein, übergeht diese dann jedoch leider mehr oder weniger beiläufig (S. 94). Für sie steht die motivierende Reich-Gottes-Botschaft so im Mittelpunkt, dass sie nicht von „Nachfolgenden“ oder „Jesus-Bewegung“ spricht, sondern von einer „Reich-Gottes-Bewegung“ (S. 98), in der familiäre Gleichberechtigung aller Glieder gilt und die gesellschaftliche Hierarchien in Frage stellt. Insofern wird der Rolle Maria Magdalas und der Frage, in welcher Beziehung Jesus zu ihr stand, viel Raum gegeben. Positiv ist überdies die Aufarbeitung und Rehabilitierung des Judas und seiner Rolle bei der Auslieferung Jesu – hier räumt Nauer mit vielen alten Klischees auf.

Die verschiedenen Titel und Zuschreibungen, die Jesus im frühen Christentum erhält, werden jeweils eigens dargestellt. Inwiefern Jesus Gottes Sohn ist, die jungfräuliche Geburt und die Auferstehung zu verstehen sind, wird ausführlich erläutert: Die Beschreibung des Lebens und Wirkens Jesu nimmt den Hauptteil des Buchs ein. Insbesondere Kirchendistanzierte werden hier eine motivierende Möglichkeit finden, angesichts der schwer zu akzeptierenden Inhalte des Christentums trotzdem Wege zu finden, diese für sich zu interpretieren und mit ihrem Glauben und Verstand zu vereinbaren. Da diese Aspekte sich in der Volksfrömmigkeit zu großen Teilen noch nicht niedergeschlagen haben und die wenigsten Glaubenden konsequent für sich die schwierigeren Glaubensinhalte des Christentums durchdacht haben, ist die Aufführung von den verschiedenen Möglichkeiten, Jesu Lehre und Leben für sich zu deuten und glauben, eine gute Zusammenfassung, die eine Weite des Glaubens eröffnet.

Diese Weite wird lediglich an einer Stelle eingeengt, wo Nauer vehement eine Wiederkunft Christi scharf ablehnt und sogar den Glauben an den wiederkehrenden Jesus als Weltenrichter unnötig karikiert (S. 156). Im Großen und Ganzen ist es jedoch ausgesprochen wertvoll, dass und wie Nauer immer wieder Zitate aus dem traditionellen Glaubensbekenntnis einbringt, ihnen (historisch und biblisch) auf den Zahn fühlt – sicherlich einige davon dekonstruiert, aber vor allem: die tiefgründigen Grundaussagen des Christentums dahinter erklärt und somit Verständnismöglichkeiten anbietet.

Erfahrungen mit dem Heiligen Geist

Als praktische, reale Begegnungs-Erfahrbarkeit Gottes auf Erden, in der Geschichte seiner Schöpfung und in jedem einzelnen, auch alltäglichen Menschenleben – so definiert Nauer den Heiligen Geist (S. 190ff.). Anhand des biblischen Bilds des Winds, der laut Schöpfungstradition Leben einhaucht und als Naturkraft Menschen berührt und in Bewegung bringt, der Gestalt als Taube, in der der Geist als Bote für die Taufe Jesu Form annimmt, sowie als Feuer, mit dem der Funke zu anderen Menschen überspringt, wird der Geist mit Hilfe von Naturbildern/-elementen erklärt, die allesamt biblische Basis haben und als Motive die kirchliche Kunstgeschichte durchziehen.

Mit dem Kapitel „Frau – Gott als weibliche Person?“ wird die Sichtweise aufgetan, dass der Geist aus christlich-trinitarischer Sicht in der Malerei auch als weibliche Gestalt zwischen männlichem Vatergott und Sohn dargestellt wurde. Der Grund darin liegt im hebräischen Wort ruach, das feminin ist und daher auch als eine der Traditionslinien weiblich gedacht werden kann, als Gottes Wirk- oder Geistkraft (die Geistkraft hätte dann auch in Deutsch einen femininen Ausdruck). Als solche findet sich die Person des Geistes tatsächlich in der Malerei als weibliches Wesen zwischen Vater und Sohn und sorgt dafür, dass die menschliche Vorstellung von Gott als männlich regelmäßig in Frage gestellt, dass damit sogar komplett die geschlechtliche Festlegung Gottes aufgelöst werden kann.

Mit den abschließenden Kapiteln macht sich Nauer auf eine interessante Spurensuche, warum der Heilige Geist so gern von den Großkirchen verschwiegen und verdrängt (bzw. z.B. im Symbol der Taube als Zuchttier domestiziert) wurde und ihm in manchen Freikirchen dagegen teilweise ekstatisch Raum gegeben wird, in non-kirchlichen Kreisen wiederum völlige Ratlosigkeit herrscht und mit Geist eher Gespenst assoziiert wird. Meiner Meinung nach gelingt es, Barrieren vor dem Heiligen Geist als etwas Befremdlichem abzubauen und hierin stattdessen eine begeisternde Kraft für das Leben, Glaubensfreude, neue Gotteserfahrung in Geistritualen (die z.B. zum Pfingstfest eine Rolle einnehmen könnten) zu entdecken.

Im Fazit thematisiert Nauer abschließend noch die Gottesferne und den Zweifel, die auch von den Frömmsten und Überzeugtesten erlebt werden können und nicht unbedingt als selbstverschuldeter Zustände bekämpft werden müssen. Dass die Entzogenheit und Unverfügbarkeit zum Wesen Gottes unauflösbar dazugehört, ist eine Spannung, die viele Glaubende aushalten mussten und die dem biblischen Gottesbild inhärent ist. Dass insbesondere in solchen Phasen Zweifel auftreten, ist nichts, was verurteilt werden sollte, und führt auch nicht unweigerlich zu Unglauben. Eine tiefere Erkenntnis Gottes kann ein Resultat sein, ein reiferer Glaube daraus erwachsen, durch den naive und allzumenschliche Wunschvorstellungen von Gott abgelegt werden können, die der Einsicht Platz geben, dass Gott letztlich ein attraktives Geheimnis bleibt.

Glaubensbekenntnisse versuchen dies auf dem Stand und der Theologie der jeweiligen Kultur und Zeit auszudrücken. Nauer ermutigt, diese nicht als absolut feststehende Texte zu übernehmen, sondern sich auf die Suche nach eigenen und neuen gemeinschaftlichen Glaubensaussagen zu machen.

In Sachen Layout hätte ich mir mehr Einheitlichkeit und Sorgfalt gewünscht: Im Buch tut sich ein wilder Auswuchs an verschiedenartigen Gliederungs- und Aufzählungszeichen (von Smileys bis hin zu thematischen Symbolen), Grafikelementen und Word-Schaubildern auf. Dennoch weist Nauers Ambition gerade hiermit ironischerweise in eine sehr gute Richtung, in die sich Sachbücher bewegen sollten (und was Nauer selbst definitiv erreicht hat), nämlich die Lektüre kurzweilig zu gestalten, verschiedenen Lern- und Lesetypen gerechter zu werden und ggf. auch durch humorvolle Sprachspiele, Fotos und Schaubilder den gehaltvollen Inhalt für Laien aufzubereiten.

Schlussendlich ist das Buch eine gelungene Darstellung über die Grundlehren, wie Gott christlicherseits zu begreifen ist. Besonders gefällt mir der Anspruch, dabei auch kritische Fragen und Zweifel nicht schönzureden oder zu übergehen, sondern gerade für zweifelnde, forschende Gemüter das Christentum von Grund auf zu durchdenken – jenseits der Volksfrömmigkeit und auch der oft platten, vereinfachten Gemeindetheologie der Ortsgemeinden. Insofern wünschte ich, das Buch würde tatsächlich in viele Bücherregale gelangen.

Die adressierte Zielgruppe von Menschen, die in christlichen Hilfswerken und Verbänden arbeiten, deren Ursprungsgedanke ein christliches Anliegen hat, ist ein lobenswertes Anliegen. Der Preis von 25 Euro spricht jedoch bedauerlicherweise dagegen, dass Menschen dieser Zielgruppe sich selbst dieses inhaltsvolle Buch anschaffen werden, falls sie auf der Suche sind, sich mit den christlichen Wurzeln des Unternehmens, für das sie arbeiten, auseinander zu setzen. Als Geschenk für die Mitarbeitenden wäre es dennoch eine Investition, für die sich die Werke und Verbände finanziell zwar durchringen müssten, was aber auch eine sinnvolle Investition in die Zukunft der Verbände als „christliche“ Hilfswerke darstellen könnte.

Als Geschenk für Suchende und Fragende, die dem christlichen Glauben auf den Grund gehen wollen, ist es jedenfalls sehr gut geeignet.

Die Autorin

Katrin Juschka, Jahrgang 1982, ist promovierte Neutestamentlerin und als Bildungsreferentin für Theologie, Ökologie und (inter-)kulturelle Kompetenzen in den Freiwilligendiensten bei netzwerk-m tätig. Nebenberuflich doziert sie an der CVJM-Hochschule in Kassel und in der Ev. Kirche von Kurhessen-Waldeck über Themen der biblischen und praktischen Theologie. Online betreibt sie unter www.facebook.com/praxis.dr.katrin eine theologische „Praxis Dr. Katrin“ für mehr Inspiration, Tiefgang und kirchlichen Humor im Alltag der sozialen Medien.