Vom Glauben, Lieben, Hoffen der Generation Y

Rezension zu: Stephanie Schwenkenbecher/Hannes Leitlein: Generation Y. Wie wir glauben, lieben, hoffen, Neukirchen-Vluyn 2017.

Von Sabrina Hoppe

Als „Selbstvergewisserung“ (S.16) bezeichnen Schwenkenbecher und Leitlein ihr Buch zum Glauben der sogenannten Generation Y. Als Vergewisserung, dass diejenigen Menschen der Generation Y, die im Sommer 2017 ihren christlichen Glauben leben, nicht allein sind: „Ja, wir gehen auf das Ende der Volkskirche zu, auf schrumpfende Gemeinden und ein Christentum, das in die Versenkung oder ins Fundamentalistische wandert. Aber: Wir gehen nicht auf das Ende des Christentums, nicht auf das Ende des Glaubens und schon gar nicht auf das Ende von Liebe und Hoffnung zu. Das ist es, was wir hören, wenn wir mit den Christen in unserer Generation sprechen.“

Eine Selbstvergewisserung muss nicht unbedingt zur Nabelschau werden – auf diesem schmalen Grat balanciert das hier vorgestellte Buch meines Erachtens erfolgreich und gibt damit einen Einblick in die eben genannten Diastasen der gegenwärtigen Kirchlichkeit und Frömmigkeit in Deutschland für die Generation Y. In neun Porträts junger Menschen zwischen 25 und 35 geht es darum, wie diese Frauen und Männer ihren eigenen Glauben beschreiben und vor allem, wie er in ihrem Alltag Gestalt gewinnt. Die Perspektive der Interviewer bleibt dabei angenehm zurückhaltend und deskriptiv, die leichte und humorvolle Beschreibung der Interview-Settings gibt den Gesprächen Lebendigkeit und Farbe. Neben die Porträts tritt die Vorstellung von neun sogenannten Netzwerken, Orten neuer Kirchlichkeit: Projektgemeinden, landeskirchliche Innovationskirchen, fresh X – Leuchttürme. Während das Buch zu Beginn angesichts der Präsentation einer breit gestreuten Umfrage zu religiösen Stichworten den Blick ins Weite sucht, spitzt es sich am Ende zu, wird persönlicher, direktiver und gewinnt seine eigene Stoßrichtung: Mit fünf Themen, die laut der Wahrnehmung der Autoren die eigene Generation herausfordern und – das ist die implizite Forderung dahinter – denen sich ebenfalls die Amtskirchen nicht entziehen sollten: Der Vielklang des Glaubens, die Frage nach Partizipation, die unhintergehbare Pluralität der Lebensformen und ihre Verantwortbarkeit vor den eigenen Moralvorstellungen, die Ambivalenz der Erwartungen junger Gläubiger an ihre Kirche – in diesen Komplexen finden sich nach den Autoren die Kernfragen der Generation Y, was ihren Glauben und seine Lebbarkeit betrifft.

Ich habe das Buch gerne gelesen – und mich trotzdem nicht darin wiedererkannt. Obwohl ich doch mittendrin in der Generation Y bin. Ich bin in diesem Fall also nicht nur Rezensentin, sondern auch mögliches Forschungsobjekt und wechsele deswegen jetzt kurz die Perspektive, wie es das Genre einer gebloggten Rezension ja erlaubt: Aber nein, ich erkenne mich nicht wieder. Ich komme aus der oberbayerischen evangelischen Diaspora, ich kannte bis zum ersten Semester des Theologiestudiums nicht den frömmigkeitsgeleiteten Unterschied zwischen Landeskirche und Freikirche. Und auch von den beiden „Großen“, Patin und Pate der Generation Y, Christina Brudereck und Fulbert Steffensky, kannte ich dann nur Steffensky – und zwar als Ehemann der Theologin Dorothee Sölle.

Bei der Lektüre des Buches wurde mir ein ums andere Mal klar, wie groß die Lücke zwischen den jungen Menschen ist, die in der Evangelischen Jugend einer Ortsgemeinde aufwachsen, mit ihr erwachsen werden, und denen, die ihre Sprache, ihre Lieder und Gebete gewissermaßen „auf der Suche“ entdecken: die ausprobieren, was passt, Ideen entwickeln und dabei zu den Jesus-Freaks, ins Berlin-Projekt oder sonst wohin stolpern – ihr Ziel mitunter auch gezielt ansteuern. Das Gefühl des Anders-Seins, das „gift of not fitting in“, wie ich es von den Akteuren der freshX-Bewegung in diesem Jahr erstmals gehört habe – es ist mir fremd. Es war einfach nie mein Motor, es hat mich auch nie beunruhigt. Vielmehr fühlte ich mich in meiner örtlichen Kirchengemeinde aufgenommen, am richtigen Ort – unter so vielen Menschen, die ganz anders waren als ich: älter, bürgerlicher, gebildeter, erfahrener, auch spießiger. Beunruhigt hat mich vielmehr, dass ich das Glaubensbekenntnis nicht mitsprechen konnte, weil ich seine Floskeln und Hülsen nicht verstanden habe.

Was die Generation Y in diesem Buch von sich erzählt, klingt zwar frommer, als ich es selbst auf meinem Weg in den Pfarrdienst geworden bin. Und gleichzeitig bleibt die Beschreibung ihrer Glaubensinhalte für mich schemenhaft und manchmal inhaltsleer: Eine „anfassbare Beziehung zu Gott“ (S.73), wie sie Jonte beschreibt – was ist das? Eine ähnliche Frage stellen sich auch Leitlein und Schwenkenbecher, wenn sie sich darüber wundern, welch geringe Rolle Jesus in den Selbstaussagen der Porträtierten spielt: „Aber Jesus? (…) In unseren Erzählungen vom Glauben spielt er kaum eine Rolle – meist mussten wir unsere Porträtierten erst danach fragen, damit sie von ihm erzählten. Er bleibt seltsam blass und in Titel wie Retter oder Erlöser verhaftet, manchmal wird er immerhin als Vorbild genannt. (…) – ausgerechnet er bleibt eine Nebenfigur unserer Glaubenserzählung! Schock!“

Die „Blässe“ in der Schilderung solch gewichtiger Glaubenssaussagen verwundert nur auf den ersten Blick. Bei der Lektüre des Buches wird mehr und mehr deutlich, dass die Befragten sich auf die Methodik des Projekts in der Weise einlassen, wie auch der Titel des Buches formuliert „Wie wir glauben, lieben, hoffen.“ Ein Schwerpunkt der Fragestellungen der Autorin und des Autors liegt nicht auf den Inhalten, sondern auf den erfahrungsbasierten Glaubenswegen der Porträtierten. Sie fragen nach Orten und Beziehungen, nach Netzwerken und Schlüsselerlebnissen – die Antworten ergeben ein farbenfrohes Panorama, eine Frömmigkeitslandschaft der Generation Y. Was dabei nicht zur Sprache kommt, ist das Ausbuchstabieren und Selberformulieren, die Aneignung tradierter religiöser Formeln: Was sage ich, wenn ich gefragt werde, wie das Licht der Auferstehung meine innere Not und Dunkelheit erhellt – und warum mir das Halt gibt? Wie ich von Christus als Erlöser sprechen kann – und warum ich mich nicht selbst erlösen kann? In den zitierten Liedtexten klingt das an – aber es fehlt die Übersetzung in eine Sprache, die auch abseits der Poesie und der blumigen Gefühlsausdrücke trägt und verständlich ist.

Eine ähnliche Verlorenheit im Beschreiben und Ausdifferenzieren sehe ich bezüglich dessen, was Schwenkenbecher/Leitlein unter der Überschrift „Vorsicht mit der Moral“ thematisieren. Sie stellen fest: „Unsere Porträtierten maßten sich alle in diesen Fragen kein letztes Urteil an und wollten vor allem nicht riskieren, Menschen nicht respektvoll genug entgegenzutreten.“ Auch hier zeigt sich m.E. eine gewisse Blickverengung, was die Beschreibung des Verhältnisses von Glauben und Moral anbelangt: Ist es wirklich noch die Denkweise von jungen Christinnen und Christen heute, dass sie ihre Moralvorstellungen aus biblischen Geschichten und paulinischen oder alttestamentarischen Aussagen zur Gleichstellung von Frau und Mann oder zur Homosexualität herleiten? Und stimmt der folgende Satz tatsächlich? „Wenn wir von unseren Beziehungsbiografien erzählen, dann fallen wir womöglich am allerschnellsten als Christen auf.“  Bleibt die Darstellung der Autoren hier nicht vielleicht den konservativ-ängstlichen moralischen Normen einer frommen Filterblase verhaftet, die sich darin von den Beziehungsgeschichten des Rests der Leute am Kneipentisch unterscheiden? Auch hier muss ich feststellen: Ich erkenne mich nicht wieder.

Um es gleich hinterherzuschieben – die Qualität eines Buches ist natürlich nicht daran zu messen, ob sich eine Rezensentin darin wiedererkennt. So soll am Ende dieser Rezension ein Dank und ein Lob stehen für das, was das Buch in meinen Augen leistet: Es holt zwischen zwei Buchdeckel, was derzeit in Kolumnen wie denen von Hanna Jacobs und Alina Oehler und in all den fresh X Leuchtturmprojekten, auf Blogs und bei twitter diskutiert wird – einen Ausschnitt der Themen, die junge Gläubige heute in Deutschland bewegen, Beispiele wie sie ihr religiöses Zuhause beschreiben und wie sie es einrichten. Danke für dieses Buch!

 

Rezension: Wolfgang Thönissen, Luther. Katholik und Reformator

9783897107014

Thönissen, Wolfgang, Luther. Katholik und Reformator, Paderborn / Leipzig 2017.

Rezensiert für www.nthk.de von Jonathan Reinert am 9. Oktober 2017, veröffentlicht am 14. Dezember 2017.

 

Während ich im Zug sitze und diese Rezension schreibe, spricht mich die neben mir sitzende Mitreisende, die das Cover des Buches entdeckt, an: „Ich bin gerade etwas verwirrt … Luther – war der nicht evangelisch?“ Gute Frage. Und entsprechend hat auch der Autor in seinem Vorwort die Frage umgekehrt vorweggenommen: „Luther – katholisch?“ (7) 2017, im Jahr des Reformationsjubiläums, das die evangelischen Kirchen groß feiern – so erkläre ich meiner Sitznachbarin –, fragt sich auch die katholische Kirche (und die evangelischen ebenso), wie sie sich zur Reformation und zu Luther verhält.

Wolfgang Thönissen, Direktor des (katholischen) Johann-Möhler-Instituts für Ökumenik in Paderborn, antwortet: Luther zeigt gewissermaßen zwei Gesichter, die im Titel wie auf dem Cover des Buches festgehalten sind. Er ist beides – Katholik und Reformator. Das eine soll aber nicht gegen das andere ausgespielt werden: „Wenn wir auch nicht leugnen können oder wollen, dass Luther der Reformator ist, so bleibt doch bedenkenswert, dass er in seinem Selbstbild katholisch sein wollte.“ (10) Katholisch zu sein müsse nicht bedeuten, „Mitglied der konfessionell identifizierbaren römisch-katholischen Konfessionskirche“ (10) zu sein, sondern könne wie im Falle Luthers anhand einer „katholischen Denkart“ (10) abgelesen werden. Wie soll das geschehen? Nach Lektüre des Buches scheinen mir vier Aspekte wesentlich:

(1.) Das angesprochene ‚katholische‘ Selbstverständnis Luthers sei ernst zu nehmen. Thönissen spricht im Anschluss an Augustinus Sander von Luthers ‚konfessorischer Katholizität‘ (vgl. 115), also dass sich Luther selbst auf Grundlage der Heiligen Schrift im Rahmen der altkirchlichen Bekenntnisse als Theologe der einen, christlichen, d.h. katholischen Kirche verstand und als solcher dachte.

(2.) Für die Verortung in der Tradition hält der Autor den Weg, den Melanchthon in seiner ‚Historia Lutheri‘ 1546 nach Luthers Tod gewiesen hat, für besonders geeignet: Von Luther zu Bernhard von Clairvaux, von Bernhard zu Paulus und von Paulus zu Augustinus (vgl. 34-41). Auf diesem Weg können man das „Beziehungsgefüge Christus, Evangelium und Glaube“ (40) als den „Anker, das Prinzip und den Ansatz der Theologie Luthers“ (40) in der kirchlich-theologischen Tradition über die Jahrhunderte hinweg verorten.

(3.) Methodisch unterscheidet Thönissen zwischen der in der genannten Tradition verwurzelten Denkart Luthers (‚der Katholik‘; vgl. 115-121) und der Wirkung seines Denkens (‚der Reformator‘), welche als Reformation incl. Kirchenspaltung bekannt ist und ein Ergebnis (kirchen-)politischer Vorgänge gewesen sei: „Luther mag als Reformator von der katholischen Kirche verbannt worden sein, seine reformerische Theologie, sein Denken ist es keineswegs.“ (41)

(4.) Schließlich seien die zahlreichen ökumenischen Gespräche und Erfolge der letzten Jahrzehnte zu würdigen und ernst zu nehmen, wodurch auch ersichtlich geworden sei, dass Luther auf dem Konzil von Trient nicht nur verurteilt, sondern auch implizit rezipiert worden sei (vgl. 102-114). Neben der Rechtfertigungslehre und dem Verhältnis von Schrift und Tradition versucht Thönissen auch an den Themen Eucharistie und Amt darzustellen: „Indem man die Denkformen, die nicht identisch sind, komplementär aufeinander bezieht, ohne sie gegenseitig zu reduzieren, werden Verständigungen zwischen ihnen möglich, die einen Konsens in Grundwahrheiten zu formulieren erlauben. Der Konsens trägt differenzierende Urteile, die sich nicht kontradiktorisch ausschließen. […] der Streit des sechzehnten Jahrhunderts [ist] zu Ende.“ (114) Das klingt toll und für die Rechtfertigungslehre hat man dies auch offiziell festgestellt. Aber sind nicht gerade Eucharistie und Amt nach wie vor die Knackpunkte der gegenwärtigen lutherisch-katholischen Diskussion? Thönissens kurzer Hinweis, im Zusammenhang der Amtsfrage seien „freilich […] noch viele Fragen ungeklärt“ (110) liest sich jedenfalls so, als handle es sich dabei nur Nebensächlichkeiten.

Das Buch ist erkennbar ein Ergebnis jahrelanger, intensiver Überlegungen. Sein Ziel ist es, theologisch Interessierten darzulegen, was es heißt, dass ‚Luther keine Spaltung, sondern eine Reform der Kirche wollte‘ – wie der quasi-offizielle Programmspruch für die Ökumene zwischen evangelischer und katholischer Kirche für das Reformationsjubiläum lautet. Geschrieben scheint es von einem Katholiken für Katholiken, die eben diese Frage beschäftigt, wie sich die (römisch-)katholische Kirche zu Luther und den Kirchen der Reformation verhalten soll. Ökumenisch engagiert und mit großer Kenntnis zeigt Thönissen: Von Luther kann man auch als guter Katholik eine Menge lernen, denn er selbst war in gewisser Hinsicht auch Katholik; sich mit ihm zu beschäftigen lohnt sich. Den evangelischen Rezensenten freut dies, weil er derselben Meinung ist.

In Endnote Nr. 6 ist im Übrigen die Information versteckt, dass es sich bei dem Büchlein um eine überarbeitete Kurzfassung des ein Jahr zuvor bei denselben Verlagen erschienenen Werkes „Gerechtigkeit oder Barmherzigkeit? Das ökumenische Ringen um die Rechtfertigung“ handelt. Obwohl das vorliegende Buch tatsächlich weitgehend in den dortigen Rahmenkapiteln eins bis drei und acht enthalten ist, hat es mit der Frageperspektive auf Luthers Katholizität durchaus etwas konzeptionell Eigenständiges.

 

Jonathan Reinert hat in Jena, Göttingen und Tübingen evangelische Theologie studiert und arbeitet derzeit an einer kirchenhistorischen Dissertation über Passionspredigten im 16. Jahrhundert in Jena. Er ist Geschäftsführer des Evangelischen Bundes Württemberg und Schriftleiter der Zeitschrift „ichthys“.

Rezension: Kirchenmusik als sozioreligiöse Praxis

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Koll, Julia, Kirchenmusik als sozioreligiöse Praxis. Studien zu Religion, Musik und Gruppe am Beispiel des Posaunenchores (Arbeiten zur Praktischen Theologie, Bd. 63), Leipzig 2016.[1]

Rezensiert für www.nthk.de von Claudia Kühner-Graßmann am 6. November 2017, veröffentlicht am 15. November 2017.

Julia Koll legt mit dieser Studie, der überarbeiteten Version ihrer Habilitationsschrift, einen interessanten Beitrag vor, wie kirchliche Praxis theologisch einzuholen ist. Dabei wendet sie sich einer sozialen Gruppierung zu, die für den Protestantismus prägend und typisch ist: dem Posaunenchor. Die methodische Grundlage ihrer Überlegungen bildet eine Fragebogenuntersuchung aus dem Jahr 2012, die an norddeutschen Posaunenchören durchgeführt wurde.[2] Posaunenchor soll als sozioreligiöse Praxis der Kirchenmusik aber nicht nur theologisch, sondern auch kirchenmusiktheoretisch untersucht werden. So formuliert Koll als Ziel der Untersuchung, einen  „empirisch fundierten Beitrag zur Kirchenmusiktheorie zu leisten, indem der Topos des gruppenförmigen Musizierens theologisch reflektiert wird“ (13). Dabei spielen, wie der Untertitel verrät, die Kategorien Religion, Musik und Gruppe eine Rolle.

Methodisch besteht also eine Zweiteilung: zunächst erfolgt die Auswertung der Umfrage (II. Empirische Erkundung) und dann auf dieser Grundlage die religionstheoretische, kirchenmusiktheoretische und kirchentheoretische Perspektive (III. Theoretische Erkundungen).

Es stellt sich die Frage, wie dieser empirische Ansatz sich zur (Praktischen) Theologie verhält. Koll greift diese Frage auf und hält fest, dass Praktiken auf ihre möglichen religiösen Gehalte oder ihre implizite Theologie hin zu untersuchen seien (vgl. 63). Die quantitativen Daten sollen der Ausgangspunkt der Theoriebildung sein. So wird als Ziel der Untersuchung formuliert, „die Praxis des Posaunenchors und ihre implizite Logik möglichst sachgemäß zu beschreiben – und dies auf eine Weise, die auch Erträge für weiterreichende praktisch-theologische Diskurse“ zutage fördert (67). Theologisch sei dies auf eine dreifache Weise: Erstens sei der Gegenstand ein Beispiel kirchenmusikalischer Praxis. Zweitens sei das Erkenntnisinteresse, den zugrundeliegenden christlichen Glauben zu reformulieren. Und drittens sei der Forschungsprozess von einem theologischen Wirklichkeitsinteresse geprägt (vgl. 68f.). Dabei verweist Koll auf eine These von Dirk Evers, der die „dezidiert empiriebezogene Wirklichkeitswahrnehmung“ als „theologia viatorum“ (69) versteht. Bei aller Ausführlichkeit, mit der Koll ihre Methodik offenlegt, erscheint diese theologische Einordnung vage und lässt für die systematisch-theologisch interessierte Leserin viele Fragen offen. Praktisch-theologisch wiederum verortet Koll ihre Studie zwischen wahrnehmungs- und handlungswissenschaftlichem Verständnis (69).

In Verbindung mit der theoretischen Reflexion kommt Koll zu interessanten Beobachtungen, die einige in der Theologie weit verbreitete Grundsätze ins Wanken bringen können: zum einen bricht sie mit ihrer Untersuchung einen verbreiteten, individualistisch eng geführten Religionsbegriff auf und plädiert für einen Religionsbegriff, der der sozialen Komponente – die beim Posaunenchor eben auch immer eine Rolle spielt, ja gar konstitutiv ist – Rechnung trägt. Sodann zeigt sie, dass es sinnvoll sein kann, eine religiöse Motivation für das Musizieren musiktheoretisch zu erforschen. Dabei solle die Kirchenmusiktheorie nicht nur den Gesang, sondern auch die instrumentelle Kirchenmusik beachten. Schließlich sei weiterhin die Bedeutung des Posaunenchors als solch musikalisch-sozioreligiöser Praxis zu untersuchen.

Neben der Erweiterung des Religionsbegriffs um jene soziale Ebene kann die hervorgehobene Bedeutung von Praktiken als zweite starke Grundthese dieses Buches gelten. Darunter werden verstetigte und eingeübte Formen des Handelns verstanden (vgl. 354f.). Leider verbleibt die Thesenbildung dieses materialreichen Buches nur in Ansätzen und die Programmatik erschöpft sich in Ausblicken, was vermutlich der empirischen Ausrichtung des Buches geschuldet ist. Nichtsdestotrotz bietet dieses Werk auf vielen Ebenen einen interessanten Beitrag zu Methode und Gegenstand praktisch-theologischer Arbeit. Gerade die Verbindung verschiedener Methoden und Aspekte zeigt, wie ertragreich dieser Blick auf (soziale) Praktiken im Rahmen kirchlicher Praxis sein kann. Aber auch Freundinnen und Freunde des Posaunenchors kommen auf ihre Kosten: die Auswertung der Untersuchung bietet ihnen interessante Einblicke.

 

Claudia Kühner-Graßmann ist auf www.nthk.de zuständig für „Religion und Gesellschaft“.

 

[1] Vgl. ergänzend zu dieser die Rezension von Tobias Braune-Krickau in: Zeitzeichen 11 (2016).

[2] Verf.in dieser Rezension nahm als damaliges Mitglied des Posaunenchor St. Johannis in Göttingen auch an dieser Umfrage teil und füllte einen Fragebogen aus. Obgleich sich erschließt, warum Koll sich auf die norddeutsche Posaunenarbeit konzentriert, ist zu fragen, ob sich die Untersuchung etwa auf Württemberg oder andere Regionen, in denen die Posaunenarbeit immer noch großen Zulauf findet, übertragen lässt. Gerade Württemberg mit seiner pietistischen Prägung stellte sicherlich einen (weiteren) interessanten Forschungsgegenstand dar, zumal die religiöse Pointe, das Musizieren „zu Gottes Ehr`“, dort häufiger zu finden ist.

 

Rezension: Peter Neuner, Luthers Reformation

Neuner, Peter, Martin Luthers Reformation: Eine katholische Würdigung, Freiburg / Basel / Wien 2017.

Rezensiert für www.nthk.de von Tobias Jammerthal am 29. August 2017.
Veröffentlicht am 26.10.2017

Das Reformationsjubiläum 2017 soll in ökumenischer Verbundenheit als Christusfest gefeiert werden: ihrer sonstigen Meinungsverschiedenheiten ungeachtet, stimmen alle maßgeblichen mit diesem Jubiläum befassten Stellen und Personen hierin überein. Entsprechend hat der Ökumenische Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologen unter dem Titel „Reformation 1517-2017: Ökumenische Perspektiven“ ein schon allein der beteiligten Personen wegen hochkarätiges und gewichtiges Dokument vorgelegt; bereits 2015 hatten sich der Ratsvorsitzende der EKD und der Vorsitzende der römisch-katholischen deutschen Bischofskonferenz in einem Briefwechsel auf Eckpunkte eines gemeinsamen Wegs hin auf den 31. Oktober 2017 verständigt. Auch der Verfasser der hier vorzustellenden Studie ist kein Unbekannter: Peter Neuner, von 1985-2006 Ordinarius für Dogmatik und (seit 2000) ökumenische Theologie an der römisch-katholischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität zu München und Leiter des Ökumenischen Forschungsinstituts daselbst, ist durch seine zahlreichen Veröffentlichungen zur Ökumene bekannt, unter denen die erstmals 1997 erschienene „Ökumenische Theologie“ sicherlich nicht den letzten Platz einnimmt.

Mit „Martin Luthers Reformation“ unternimmt Neuner nun den Versuch, sich aus römisch-katholischer Perspektive theologisch positiv mit dem Denken des Reformators auseinanderzusetzen. Die Studie besteht aus einem historischen und einem systematischen Hauptteil: Neuner beschreibt zunächst die evangelische Rezeption Luthers durch die Jahrhunderte (30-66) und stellt ihr einen Gang durch die römisch-katholische Lutherrezeption zur Seite (66-107). Da die konfessionelle Aufnahme und Weiterführung der Anliegen des Reformators auf der einen und seine nicht minder konfessionelle Zurückweisung auf der anderen Seite keine Verständigungsperspektive zu bieten scheinen (27, vgl. 107), unternimmt es Neuner sodann – deutlich in der Schule Otto Hermann Peschs, dessen Andenken die Studie nicht umsonst mit gewidmet ist (15) –, auf Luther selbst zu rekurrieren: der vorkonfessionelle Theologe ist es, von dem sich Neuner Perspektiven für die Ökumene erhofft. Entsprechend widmet er sich unter der verheißungsvollen Überschrift „Worum es Luther ging“ (107-128) der Rekonstruktion der Rechtfertigungslehre und ihrer Rolle im lutherisch-römisch-katholischen Dialog seit dem Zweiten Vatikanum. Sie hatte Neuner bereits in seiner Einleitung zum Lackmustest jeder Lutherdeutung erklärt: „Sie […] hat Luthers Lehre und seinen Lebensweg zentral bestimmt. Alle anderen Aspekte seines Lebens und seiner Wirkungsgeschichte können von dieser Mitte her plausibel werden. Was ihr widerspricht, beruft sich nicht zu Recht auf ihn.“ (27). Entsprechend kann nur von der Rechtfertigungslehre aus die Frage beantwortet werden, „wer Luther war, was ihn im Tiefsten bewegt hat, was auch heute die Kirchen prägt, die sich auf ihn berufen.“ (107). – Angesichts dieser starken Worte hätte sich der Rezensent im entsprechenden Teil der Studie dann freilich auch gewünscht, dass dieses Lehrstück stärker positiv bestimmt worden wäre: während Neuner „Die Botschaft von der Rechtfertigung“ auf dreieinhalb Seiten abhandelt (118-121) und ihr im gleichen Umfang eine Kurzbesinnung zu Luthers theologia crucis folgen lässt (121-123), breitet er vergleichsweise ausführlich das aus, wogegen sich die Rechtfertigungslehre richtete (108-117) und was vor allem das Konzil von Trient gegen sie geltend machte (123-128). – Der Besinnung auf Luthers Rechtfertigungslehre folgt eine Darstellung der ökumenischen Gespräche seit dem zweiten vatikanischen Konzil (129-153), die inhaltlich in der als „Durchbruch in der amtskirchlichen Ökumene“ gefeierten Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre (GER) von 1997 / 1999 kulminiert, mit der in den Augen Neuners das Verhältnis zwischen evangelischer und römisch-katholischer eine neue Qualität erhalten hat (147). Gemeinsam gelte es nun, die Sache der Rechtfertigung angesichts aktueller Herausforderungen der Säkularisierung und einer tendenziell gnadenlosen Leistungs- und Konsumgesellschaft zur Geltung zu bringen (148-153).

Grundlegend für Neuners Darstellung ist die Hypothese, dass im 16. Jahrhundert „Fragen der Vermittlung des Heils, nicht das Heil in Christus und in der eschatologischen Gemeinschaft mit Gott“ (318) umstritten waren; er sieht insbesondere in der Confessio Augustana von 1530, aber auch in den gemeinhin als antirömisch-polemisch interpretierten Schmalkaldischen Artikeln Luthers von 1536 / 1537 klare Anzeichen dafür, „dass die Kontroversen nicht das Zentrum des Glaubens betrafen, sondern eher an dessen Rand angesiedelt waren“ (314; vgl. 317f).

Der aus der Sprache des Zweiten Vatikanum bekannte Begriff der „Hierarchie der Wahrheiten“ ist, wie Neuner offen zugibt (318f), sein hermeneutischer Schlüssel, um die Verwerfungen der letzten 500 Jahre einzuordnen und zu heilen. Wie das konkret aussehen kann, demonstriert er im zweiten Hauptteil seiner Studie unter dem neugierig machenden Titel „Die Relevanz der Botschaft Luthers für das ökumenische Gespräch heute“ (154-313). Neuner versucht, diese Relevanz herauszuarbeiten, indem er die ökumenisch traditionell umstrittenen Fragen der Schriftautorität und -auslegung (156-176), der Ekklesiologie (177-197), des kirchlichen Amts (197-230) sowie im Besonderen des Papstamtes (230-247), der allgemeinen Sakramentslehre (247-252) mit vertiefenden Betrachtungen zu Taufe (252-261), Abendmahl (261-281) und Ehe (281-291) auf Möglichkeiten eines differenzierten Konsenses hin durchforscht. Dieses Verfahren legt sich Neuner nicht zuletzt durch das Diktum Joseph Ratzingers, dass nicht die Einheit der Kirche, sondern ihre Trennung in jedem Einzelfall der Begründung bedürfe, nahe. 1

Das Ergebnis ist in seinen Augen eindeutig: die klassischen Kontroversthemen haben keine trennende Kraft mehr; die noch bestehenden Unterschiede rechtfertigten keine Trennung (314 u.ö.). Dennoch wäre das Anliegen Neuners missverstanden, wenn man ihm Indifferentismus unterstellen wollte: wie seine den zweiten Hauptteil abschließenden Reflexionen über „ökumenische Zielvorstellungen“ (291-313) zeigen, wenn er etwa davor warnt, unter Verzicht auf Lehrgespräche nur eine Ökumene der (ethischen) Praxis zu propagieren (307-309), die letztlich nicht halten kann, was man sich von ihr verspricht. Demgegenüber greift Neuner auf Überlegungen seines Lehrers Heinrich Fries zurück, dessen mit Karl Rahner gemeinsam erarbeiteter Text „Einigung der Kirchen – Reale Möglichkeit“ (Freiburg 1983) nach Neuner „als katholische Antwort auf das ‚satis est‘ von CA VII“ zu verstehen ist (307): Hat man sich in sorgfältiger theologischer Arbeit davon überzeugen können, dass die jeweils andere Seite auf dem Boden des in der Schrift bezeugten und in den altkirchlichen Symbolen beschriebenen Glaubens stehe, so genüge dies zur Aufnahme kirchlicher Gemeinschaft, während Meinungsverschiedenheiten, die in der Hierarchie der Wahrheiten die unteren Ränge bekleiden, durch vorläufige „Urteilsenthaltung“ (306) entschärft und zum Gegenstand weiterer theologischer Gespräche gemacht werden könnten.

Im Einzelnen wäre mancherlei zu hinterfragen. Dennoch: Es ist energisch zu begrüßen, dass mit Neuner einer der bedeutendsten deutschsprachigen römisch-katholischen Theologen der Gegenwart zeigt, wie eine positive römisch-katholische Rezeption der Impulse der Reformation aussehen könnte – und, dass er damit zugleich in Erinnerung ruft, dass es diese positiven Impulse unstreitig gibt. Reizvoll erscheint dem Rezensenten aber insbesondere folgender Gedanke Neuners: Allenthalben beklagt man, dass die Praxis der Theorie der Ökumene voraus sei, dass die Theologen nicht vorankämen, während man in den Gemeinden doch schon viel weiter wäre. Neuner hält dagegen: für ihn sind zentrale Stolpersteine der Ökumene gerade in einer unreflektierten Frömmigkeitspraxis zu finden (vgl. bes. 323). Sie führen dazu, dass sich ein strukturelles Misstrauen gegenüber den versöhnlichen Worten des Gegenübers ausbreitet. Damit legt er den Finger in die Wunde: die Ökumene kommt nicht durch Theologenschelte weiter, sondern durch die Bereitschaft, von der Theologie auch liebgewonnene Gewohnheiten in Frage stellen zu lassen. Den Anspruch darauf, die eigene Praxis immer wieder neu auf ihre Sachgemäßheit zu überprüfen, sollte in der Tat gerade der Protestantismus nicht fahren lassen. Würde die Gewohnheit zum Maßstab des Richtigen, dann wäre man theologisch wieder dort angelangt, von wo die Reformation ihren Anfang nahm – freilich nicht auf der Seite Luthers.

Tobias Jammerthal ist Redakteur der Rubrik „Klassiker und Rezensionen“.

1 Vgl. 132 mit dem entsprechenden Zitat aus Ratzinger, Joseph, Theologische Prinzipienlehre, München 1982, 21; 213.

Die mangelnde Believingness der abstrakten Allmacht

Eine theologische Lektüre der „Holygen Bimbel“. Von Tobias Graßmann

 

Passend zum Reformationsjubiläum hat sich der Satiriker, Hummusfreund und PARTEIsoldat Shahak Shapira eine Auswahl biblischer Geschichten vorgenommen und sie – mit gehöriger künstlerischer Freiheit – in der „vong-Sprache“ nacherzählt. Für alle, denen der Name Shahak Shapira nichts sagt (wtf wo lebt ihr???), sei dieser Artikel verlinkt, der einen guten Überblick über sein Schaffen gibt. Erste Reaktionen aus dem kirchlichen und kirchennahen Umfeld auf Shapiras „Holyge Bimbel. Storys vong Gott und S1 Crew“ liegen bereits vor, etwa die ausführliche Rezension von P. Greifenstein in Der Eule (eulemagazin.de).

Soweit ich es wahrgenommen habe, wurde dabei fast ausschließlich auf den humoristischen Wert des Werks abgestellt. Kann man machen, ist aber auch ein bisschen harmlos! Was dagegen bisher sträflich unterbelichtet wurde, ist die Frage nach dem theologischen Wert dieser furiosen Bibelparaphrase. Lässt sich dieses Buch für Gemeinde und Religionsunterricht nutzen? Wenn Satire manchmal einfach bedeutet, Dinge ernst zu nehmen (#yolocaust anyone?), dann könnte man diesen Versuch einer theologischen Vereinnahmung als Meta-Satire bezeichnen. Oder auch nicht. Keine Ahnung, ist ja egal…

Erst einmal muss ein Missverständnis verhindert werden. Wie sollte man die Bimbel auf keinen Fall nutzen? Ich sehe vor meinem geistigen Auge den Kollegen fortgeschrittenen Alters, der „I bims d1 pfahrer“ an die Tafel schmiert und sich dabei total jugendlich fühlt. Und die angewidert-skeptischen Blicke seiner Schüler, die deutlicher als jedes Wort sagen: „Scheiße, wie peinlich ist der denn?“ Wenn Kirche cool sein will, geht es halt immer schief! Und besonders in diesem Fall darf man nicht den Anfängerfehler machen und Shapiras Bimbel missverstehen als ein Kompendium dafür, „wie die jungen Leute heute so ticken“. Die vong-Sprache ist eine Kunstform und damit dem barocken Sonett enger verwandt als der real praktizierten Jugendsprache. 100 mal abschreiben, Kollege! Das bedeutet nebenbei, dass das hier nicht der Untergang des Abendlands und seiner ehrwürdigen Grammatiktraditionen ist. Puh!

Besser scheint mir folgende Verwendungsweise: Das Shapira-Schibboleth! – Hey, Moment: Warum hat es Jeftah, dieser „Sohn einer Hure“ (Luther 2017), eigentlich nicht in die Bimbel geschafft? Großer Wunsch für die nächste Auflage! – Also, das Shapira-Schibboleth geht so: Einfach mal bei der nächsten Pfarrkapitelkonferenz, Kirchenvorstands- oder Fachkollegiumssitzung eine der Bimbel-Storys als Andacht vorlesen. An den unmittelbaren Reaktionen lässt sich zunächst ablesen, wer internetfähig ist und einen entsprechenden Humor hat. Und anhand der Beschwerden, die dann bei Oberkirchenrat, Rektorin oder sonst wo eingehen, lässt sich dann ermitteln, wo die unangenehmen Glaubensgenossen sitzen. Diese talibanoiden Frömmler, die nur darauf warten, sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt zu fühlen! Die schon bei „Life of Brian“ nicht lachen konnten, die insgeheim den Zeiten nachtrauern, als die Staatsgewalt einem noch freie Hand ließ, um vorwitzigen Juden und spöttischen Gottesleugnern zu zeigen, wo der Hexenhammer hängt! In dieser Richtung sind mannigfaltige Verwendungsweisen denkbar. Nutzt die Bimbel, um zu schocken, zu irritieren oder einfach nur eine dröge Veranstaltung aufzulockern!

Aber wie steht es nun um die theologische Substanz der Bimbel?

Zunächst einmal eine Bestandsaufnahme aus der Perspektive des Bibellesers: Shapira ist denkbar uninteressiert an all den frommen Rationalisierungen und erbaulichen Floskeln, die der biblische Text so bietet. Er nimmt sich die Geschichten mit dem Handwerkszeug des Satirikers zur Brust. Dessen Kunst besteht ja darin, den Finger in die Wunde zu legen, Schwächen und Widersprüche ans Licht zu zerren. Sicher sind die Miniaturen nicht alle gleich gut gelungen. Wenig verwunderlich, dass die alttestamentlichen Geschichten mehr Witz haben. Aber dort, wo Shapira zu seiner Bestform aufläuft, da arbeitet die Bimbel geradewegs die zentralen Spannungen der Geschichten heraus. Shapira hat ein Händchen dafür, in die Brüche zu stoßen, an denen sich die biblischen Autoren schon reiben und die seither die Theologie beschäftigt halten. Wer sich den Abgründen der Bibel stellen will, der findet in diesem Buch einen guten Wegweiser. Und wer darüber mit (vorzugsweise jungen) Menschen ins Gespräch kommen will, findet in der Bimbel sicher einige gute Aufhänger.

Und wie sieht es aus dogmatischer Perspektive aus? Nun, es fällt auf, dass sich die Theodizeefrage als eine Art roter Faden durch das Buch zieht. Schon die Benennung der Paradiesgeschichte mit „Adolf U Eva“ wirft das Problem auf, dass Gott mit der Schöpfung des Menschen eben letztlich auch Geschöpfe wie Adolf Hitler und Eva Braun in Kauf nimmt. Das „Unde malum?“ lässt grüßen! Und wenn Gott im Gespräch mit Moses der Frage nach der Shoah lieber ausweicht, dann stellt sich die Frage, ob die Erwählung der Israeliten unter den Bedingungen dieses Unheilszusammenhangs nicht doch eine höchst ambivalente Sache ist.

Mit dieser Grundorientierung am Theodizeeproblem hängt das im besten Sinne groteske Bild zusammen, das Shahak Shapira von Gott zeichnet. Es ist ein Gott nach dem Bild des Menschen, wie er sich im Spiegel der Satire zeigt. Der Gott der Bimbel übertrifft dabei die menschlichen Protagonisten noch, was die unschmeichelhaften Charakterzüge betrifft. Er ist meist schlecht informiert oder einfach desinteressiert, man weiß es nicht so genau. Er ist jähzornig, hinterhältig und wankelmütig. Er missbraucht eine Machtfülle, mit der er offenbar nichts Sinnvolles anzufangen weiß. Also ziemlich unsympatischer Typ, eine Art in den Himmel projizierter Donald Trump. Und damit dem Gottesbild mancher Fundamentalisten gar nicht so unähnlich…

Diese Gottesvorstellung könnte der geschulte Theologe als Apotheose der abstrakten Allmacht bezeichnen. Ein Gottesbild, bei dem eine schier unermessliche Machtfülle nicht durch die Selbstbindung an Moral, Bundestreue und Gerechtigkeit im Zaum gehalten wird. Ein himmlischer Despot, der sich dadurch auszeichnet, dass er immer wieder willkürlich ins Weltgeschehen eingreift, den Naturzusammenhang durchbricht und sich dabei jederzeit anders entscheiden kann. Ein Gott, der letztlich nur die in den Himmel projizierten Allmachtsphantasien unreifer Jungmänner bündelt. Leserinnen und Leser darauf zu stoßen, dass ein solcher Gott keine Verehrung verdient, ja nicht einmal den Namen Gott – das ist die theologische Leistung der „Holygen Bimbel“! Shapira legt die Axt des Satirikers an die abstrakte Allmacht. Ich könnte mir vorstellen, dass seine Texte durchaus geeignet sind, dieses Thema in Unterricht und Gemeindearbeit aufzuwerfen. Also ich jedenfalls würde das gerne mal versuchen!

Wie es Shahak Shapira mit den Mitteln der Satire und einer ordentlichen Portion Respektlosigkeit gelingt, diese abstrakte Allmacht satirisch zu dekonstruieren, holt mich mehr ab als „Der Gottesgedanke nach Auschwitz“ (H. Jonas). Tatsächlich ist sein Werk wohl als entfernter Cousin dieser Art Theologie zu betrachten – aber halt ungleich witziger! Nach christlicher Tradition muss für die Selbst-Dekonstruktion der abstrakten Allmacht letztlich Gottes Sohn ans Kreuz. So gesehen, kommt Shapira mit ein bisschen Internethumor und ohne Blutvergießen doch recht weit…

Aber vielleicht sagt man uns Christen ja zurecht nach, den Humor immer unterschätzt zu haben…

Rezension: Ulrich Körtner, Für die Vernunft

(Quelle Bild: Homepage des Verlags http://www.eva-leipzig.de/)

Rezension zu: Ulrich H.J. Körtner, Für die Vernunft. Wider Moralisierung und Emotionalisierung in Politik und Kirche, Leipzig 2017. 172 Seiten.

Es scheint am derzeitigen theologisch-gesellschaftlichen Debattenhimmel eine neuerliche Diskussion um ein altbekanntes Thema aufzuscheinen: Das Verhältnis von Staat und Kirche und deren gegenseitige Beeinflussung. Als profiliertester Kritiker der derzeitigen politischen und gesellschaftlichen Verlautbarungen der EKD und ihres Spitzenvertreters Heinrich Bedford-Strohm zeigt sich der Wiener Systematiker Ulrich H.J. Körtner, der nun in der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig eine Studie mit Titel: »Für die Vernunft. Wider Moralisierung und Emotionalisierung in Politik und Kirche« veröffentlicht hat.

Allein der Titel zeigt, welches Programm Körtner verfolgt und – das sei jetzt schon gesagt – auf eine sehr erfrischende und kluge Art ausbuchstabiert! Körtner versucht die Hintergründe zu klären, die zu einer derart starken Moralisierung und Emotionalisierung der politischen und gesellschaftlichen Debatten geführt haben und will gleichzeitig seine Vorstellung einer gesellschaftsorientierenden, weil zukunftsermöglichenden Verhältnissetzung von Politik und Theologie darlegen.

Ausgehend von einer über die allgemeine Larmoyanz hinausgehende und damit erhellenden Analyse zeigt Körtner unter dem Begriff der »Fuzzylogik« als der Diskussion subjektiver Empfindungen jenseits faktenbasierender Erkenntnisse die entscheidenden Charakteristika des Postfaktischen auf.

Als Signum moderner Gesellschaften, in denen dieses postfaktische Denken Fuß fassen konnte, benennt Körtner deren pluralistische Moralvorstellungen bei gleichzeitiger Suche nach moralischen Leuchttürmen, die in der Undurchsichtigkeit und Komplexität Orientierung versprechen. Den Kirchen unterstellt Körtner, dem Ruf nach Moral- und Wertevermittlung nur zu gern zu entsprechen, da sie für so manche eine Kompensationsstrategie der schwindenden gesellschaftlichen Relevanz bilde.

Die Gefahr dieses Rufs nach Moral- und Ethikagenturen beschreibt Körtner unter dem Stichwort der »Hypermoral«, die die Ansicht suggeriere, allein den Menschen in der Verantwortung für die Welt und ihr Schicksal zu sehen. Wenn sich nun die Hypermoralisierung des Politischen mit den postfaktischen Diskussionslinien verbinde, führe dies einerseits zu einer »Politik der Gefühle«, in der über menschliche (!) und damit korrumpierbare Emotionen, Werte, Abscheu und Hoffnungen (54) abgestimmt würde und andererseits letzten Endes allein in menschlichen Handlungen und Moralvorstellungen die Welterlösung vermutet werden müsse.

Doch wie kann es nun für Körtner zu einer »vernünftigen« Verbindung zwischen Politik und Kirche kommen? Unter dem Signum »Verlust der Zukunft« führt Körtner die handlungsleitende Maxime der »Zukunft« als hoffnungsvolle Kategorie ein, die in der Moderne Politik und Christentum dort verbinde, wo sie die Welt verändern und sie zum Besseren kehren wolle.

Für den Weg in diese Zukunft greift Körtner auf die klassische Unterscheidung von Staat und Kirche in Luthers Zwei-Reiche-Lehre und Barths Barmer Theologischen Erklärung zurück und definiert die Unterscheidung von Politik und Kirche funktional, als unterschiedliche Möglichkeitsräume und Handlungsbereiche mit jeweils unterschiedlichen Bereichsethiken. Für den theologischen Bereich verweist Körtner entscheidend auf das »Paradox von Inkarnation, Kreuz und Auferstehung« (93), das wiederum zum kritischen Umgang mit menschlichen Gefühlen und Emotionen anleite. In dieser Logik müsse sich die Theologie leiten lassen und komme so zu einer Unterscheidung des vermeintlich Guten in letzten und vorletzten Dingen. Religion werde so gerade nicht zur Moralagentur, sondern zur Unterscheiderin zwischen »Gott und Mensch, Handeln Gottes und Handeln des Menschen« (98), zwischen Moral und Religion.

Die Kirche müsse ausgehend von dieser Einsicht vielmehr eine Ethik der Selbstbegrenzung einfordern, da alles menschliche Streben, Denken und Handeln als »Fragment«, theologisch als sündiges Sein, aufgefasst werden müsse. So sei gerade nicht in das zweifelhafte Unterfangen einer grundsätzlich korrumpierbaren Moralisierung zu verfallen, sondern mit der essentiellen Einsicht in die Unterscheidung von Religion und Moral die Hoffnung auf Gottes Zukunft wach zu halten, die dem Menschen einen bis dato unbekannten Möglichkeitsraum jenseits seiner eigenen Handlungsspielräume – gerade in seinem politischen Streben und Handeln – eröffne.

Körtners Studie liest sie sehr erfrischend und bereichernd, da er sich nicht scheut, eine klare Position zu beziehen und diese systematisch klug zu untermauern. Die besondere tagespolitische Bezugnahme der Studie erweist sich dabei als ihre Stärke und ihre Schwäche. Die Schwäche dort, wo er genau jene tagespolitischen Ereignisse im Genre eines politischen Feuilletonisten zu bewerten sucht und teilweise etwas ermüdende, weil altbekannte Worthülsen und Vorschläge liefert. Die Stärke dort, wo er anhand der aktuellen Ereignisse grundsätzliche systematische Fragen des Verhältnisses von Politik und Kirche als unterschiedliche Möglichkeitsräume in der selben Wirklichkeit beleuchten kann.

Körtner offeriert ein Plädoyer. Das Plädoyer mit »engagierter Vernunft« sich der Aufgabe zu stellen »der Stadt Bestes zu suchen (Jer 29,7), […] in der rechten Verhältnisbestimmung von Glaube, Hoffnung und Liebe, von Herz und Verstand, politischer und theologischer Vernunft« (161).

Martin Böger ist Pfarrer und Repetent am Evangelischen Stift in Tübingen.

Veröffentlicht auf www.nthk.de am 19.09.2017

Zur Störung im Betriebsablauf

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Anmerkungen zu „Vom Wandern und Wundern“ (hg. von Maria Herrmann und Sandra Bils)

von Niklas Schleicher (@megadakka)

Was für eine Zeit! Was für, was für eine Zeit!
Was für, was für eine Zeit, um am Leben zu sein!
(Zugezogen Maskulin)

Ich muss gestehen, dass es durchaus oft vorkommt, dass ich Menschen und ihre Ideen grundsätzlich falsch einschätze und ohne Evidenz, nur durch Intuition negativ bewerte. Dann werde ich sarkastisch, zynisch, also mitunter recht verletzend und zurecht angepfiffen. Ich dachte: Möglicherweise geht es mir ja mit der Initiative Kirche² und verwandten Projekten auch so und ich tue den Protagonisten und Protagonistinnen in Worten, aber vor allem auch in Gedanken unrecht und ihre Ideen sind eigentlich ganz richtig und von großem Wert für die Kirche – natürlich spricht man in diesem Kontext immer von Kirche im Singular, konfessionelle Unterschiede sind in der Postmoderne doch eh überholt. Vielleicht müsste ich meine Meinung mal revidieren, Abbitte leisten und zugeben: „Ich habe mich geirrt, ihr liegt nicht so fundamental daneben.“ So einen Gesinnungswechsel könnte durchaus machbar sein, vor allem, weil jetzt einzelne Menschen, die ich nur aus kurzen Tweets oder Blogbeiträgen kannte, ihre Gedanken in einem Sammelband veröffentlicht haben. Und hey, ich als verkopfter Universitätstheologe lese nun mal gerne Bücher. Also habe ich das Buch, wie viele Andere es auch getan haben, bestellt. Ich habe zwar kein Bild vom Auspacken gemacht und getwittert, aber dafür gleich angefangen zu lesen. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Ich muss meine Meinung ändern.

Das Buch heißt „Vom Wandern und Wundern“ und trägt den Untertitel „Fremdsein und prophetische Ungeduld in der Kirche“. Herausgegeben wird es von Maria Herrmann und Sandra Bils, beide arbeiten für das Projekt Kirche². Die einzelnen Beiträge erzählen, mehr oder weniger, von jeweils eigenen Erfahrungen der Fremdheit in der Kirche und leiten daraus Ideen für Kirche von morgen ab.

Maria Herrmann schafft es auf der dritten Seite ihres Eröffnungsbeitrags die Verfasser und Verfasserinnen in eine Reihe mit „Franziskus, einer Teresa, eines Dietrich Bonhoeffer, einer Madleine Delbrel oder einer Dorothee Sölle“(9) zu stellen. Die Fallhöhe ist also denkbar hoch, waren doch jedenfalls Franziskus, Bonhoeffer und Sölle (die anderen beiden kenne ich zu wenig) hochgradig reflektierte und damit inspirierende Theologen*. Nun gut. Was also bekommt man in den einzelnen Beiträgen zu lesen?

Astrid Adler skizziert, nach einer kurzen persönlichen Anekdote, die Geschichte der Heilung des Gelähmten als Bild für Kirche. Sie ist „keine studierte Theologin“ aber „kann mit Menschen über Jesus reden“ (S. 20). Bei mir ist es ja andersherum. Ich bin zwar studierter Theologe, würde mir aber niemals selbst die Gabe bescheinigen, dass ich über Jesus reden kann. Jedenfalls nicht so, dass ich mir sicher wäre, dass „das Letzte was Jesus vor seiner Verhaftung getan hat, […] für die Einheit der Christen zu beten“ (29) war. Gut, ich bin vielleicht in diesem Zusammenhang auch eher den Schriftgelehrten zuzuordnen, denjenigen, „die mahnen und wachen über dem, was ihnen heilig ist“ (24).

Es wird besser. Hanna Buiting liefert im nächsten Beitrag eine autobiographische Skizze, über ihren Weg zur und mit der Kirche als Beispiel für produktive Fremdheit. Mit 24. Eine autobiographische Skizze. Neben der Forderung nach „richtig guten Kaffeemaschine[n]“ (38) für den Gottesdienstraum [sic!] schwingt sie sich am Schluss zu wahren Höhen auf, wenn Sie beschreibt, was ihre Gabe ist, nämlich das Schreiben: „Mehr als einmal musste ich mich zurückerinnern, wie glücklich mich das Schreiben gemacht hatte. […] Mein Gottes-Dienst war erfüllt. Heilige Momente lagen längst hinter mir[…] Texte voll Güte und voll Gnade entstanden so, voll Hoffnung und voll Heimat. […] In meiner Timeline, bei Facebook und Twitter tummelten sich zunehmend Christinnen und Christen, aus dem Rahmen gefallen, auf der Suche. Sie wurden zu meiner Leserschaft, meiner Netzgemeinde, meinen Stichwortgebenden und Nächsten“ (43). Mit 24. Hier nur ein vermessener Hinweis von mir: Eine solche Überhöhung des eigenen Tuns ist mir ja weder von Bonhoeffer noch von Sölle noch von Teresa geläufig. Aber gut, diese sind halt vielleicht auch schriftstellerisch nicht so begabt gewesen.

Mara Feßmann liefert im nächsten Beitrag eine autobiographische Skizze über ihren Weg zur Theologie, die, so jedenfalls die Überschrift, Punktheologie sei. Wer nun hofft, hier interessante oder kreative theologische Einsichten lesen zu dürfen, wird sich wundern. Das Thema ist auch hier vor allem die Autorin selbst, deren große Auszeichnung ist, dass sie neben Theologie auch Politkwissenschaften und Soziologie studiert, also einen viel weiteren Horizont als so normale Theologen wie ich hat.

Mathias Albracht beginnt mit einer kurzen Anekdote und liefert dann (Überraschung!) eine kurze autobiographische Skizze über seinen Weg in der Theologie und der Kirche. Immerhin werden hier wenigstens einige Stichwortgeber genannt: Lyotard, Levinas und einige Kirchenväter. Wer allerdings erwartet, dass jetzt unter Rückgriff auf Levinas das Fremde, das Andere reflektiert wird, wird auch hier eher enttäuscht, ist der Ertrag des Ganzen doch schlicht, dass der Verfasser kein Priester geworden ist, sondern als Laienseelsorger einen anderen Weg gegangen ist. Ach ja, und auch hier: Lyotard schrieb zwar „Das postmoderne Wissen“, den Begriff selbst hat er allerdings nicht entwickelt (71). Ja, ich weiß, jetzt bin ich wieder der spielverderbende Schriftgelehrte.

Steffi Krapf schreibt über ihre Theaterarbeit als Weg, Kirche und Gemeinschaft zu bauen. Im Theater können Menschen die Freiheit erfahren, die auch für den christlichen Glauben gilt. Sie können „einfach sein“ (90) und „spontan“ agieren. Das Theater könne so ein Ort der Präsenz Gottes sein: „Der Heilige Geist als Abgesandter Gottes zeigt sich für mich übrigens in der Spontaneität und Kreativität. Er wirkt wie Brausepulver, wobei wir Menschen das Wasser sind, und wenn er durch uns fährt, prickelt es so schön!“ (92) Die einzige Frage, die sich mir hier stellt, ist doch: Kann man dieses Brausepulver auch in gutem Kaffee (s.o.) auflösen?

In diesem Stil gehen die anderen Beiträge weiter. Ein kleines Anekdötchen am Anfang, dann ganz viel über sich selbst erzählen und diese eigene Erfahrung als Anker für gutes und neues Denken von Kirche hinstellen[1]. Dass es dafür dann, wie Sebastian Baer-Henney schreibt, eigentlich nicht unbedingt theologische Ausbildung braucht, sondern dass „geleistete Arbeit“ (149) als Einstieg in den hauptamtlichen Dienst in der Kirche reichen sollte, versteht sich dabei fast von selbst. Dass Kirche am besten, so er weiter, ein „Grundvertrauen darauf [hat], dass –  so unverständlich manche der neuen Wege auch sind – der Pionier weiß was er tut“ (153), ist dann in diesem Zusammenhang auch absolut klar.

Was ich, in meinem verklebten Universitäts- und Amtskirchen-Theologen-Sein, also bei der Lektüre gelernt habe, ist Folgendes: Im Kern des Aufbruchs der Kirche stehen einzelne Menschen, die sich selbst eine gewisse Autorität zuschreiben, die auf ihre eigenen Gaben verweisen, sich selbst als Propheten stilisieren und sich zu Pionieren machen. Eine Ausbildung oder wenigstens die Bereitschaft zur kritischen Selbstreflexion braucht es offensichtlich nicht. Hautpsache, man hat etwas Neues beizutragen. Worin dieses Neue besteht?  Im Aufbrechen der alten Formen jedenfalls, in der Feier des Eigenen, in gutem Kaffee. Christliche Inhalte sind nur dann relevant, wenn Sie sich in die Form eines Lifestyles bringen lassen: ja, Christentum muss in diesem Zusammenhang irgendwie hygge[2] sein. Den Rest können wir einfach kappen. Schließlich waren ja Bonhoeffer und Sölle und so auch einfach „Wandernde und Wundernde ihrer Zeit, mit einer heiligen Unruhe versehen und der Erfahrung einer Fremde“ (9). Sie waren eben im Prinzip genauso wie Herrmann und Buiting, Feßmann und Baer-Kenney. Und wenn Bonhoeffer nicht gegen die Nazis hätte Opposition ergreifen müssen und Sölle nicht gegen den Nato-Doppelbeschluss kämpfen wollen, dann hätten die bestimmt auch für besseren Kaffee und mehr Feier des Lebens Partei ergriffen.

Ich muss also, um nochmal zu Anfang zurück zu kommen, meine Meinung tatsächlich ändern. Bis jetzt hielt ich das Ganze irgendwie für eine seltsame Form, die mir nicht entspricht und die ich für nicht ganz richtig halte. Jetzt ist mir völlig klar, dass bloße Skepsis die falsche Antwort ist. Dieser ungefilterte Narzissmus, der sich mit dem Fehlen theologischer (oder irgendwelcher) Tiefe paart, und als Konsequenz das belanglose Feiern des Eigenen propagiert, sich dann dabei auch noch mit prophetischer Autorität versieht, hat nichts Anderes verdient als: Opposition und Widerspruch. Dann bin ich halt weiter ein arroganter Universitätstheologe, der kein Gespür für das Neue mitbringt. Damit kann ich leben, weil „[j]emand muss es tun.“Vielleicht liege ich auch komplett falsch. Kann sein. Aber jedenfalls werde ich mir keine guten Zitate aus meinen Texten auf T-Shirts drucken lassen.

Ein weiser Mann schrieb lange vor mir:

„Hass, damit das endlich klar ist, bedeutet Wahrheit – und etwas mehr Ehrlichkeit. Hass, so wie ich ihn verstehe, hilft unterscheiden: zwischen Gut und Böse, Freund und Feind. Wer diese Unterscheidung nicht will, kennt keine Moral und keine Prinzipien. Dem ist egal, wer an seinem Tisch sitzt, wer ihn unterrichtet, wer sein Land regiert. Der interessiert sich in Wahrheit nur für sich selbst“.
(Maxim Biller)

Diese Selbstbezüglichkeit wenigstens soll man mir nicht vorwerfen.

 

 

 

[1]Um die Herausgeberin zu zitieren: „So sind sie [die Aufsätze] auch als fragmentarische Momentaufnahmen im Prozessgeschehen zu verstehen, die zu großen Teilen fragil und in hohem Maße vergänglich aufmerksam machen auf konkrete Facetten der Veränderungsprozesse der Kirche. Daher lassen sich die Aufsätze untereinander kaum vergleichen und sind exemplarisch für einen Teil von gemachten Erfahrungen mit dem Wandern und Wundern.“ (14) Keine weiteren Fragen, euer Ehren.

[2]http://www.hygge-magazin.de/