Rezension: Briefe und Akten zur Kirchenpolitik Friedrichs des Weisen und Johanns des Beständigen, 1513-1517

Briefe und Akten zur Kirchenpolitik Friedrichs des Weisen und Johanns des Beständigen 1513 bis 1532: Reformation im Kontext frühneuzeitlicher Staatswerdung, hg. v. Armin Kohnle und Manfred Rudersdorf. Band 1: 1513-1517, bearb. v. Stefan Michel, Beate Kusche und Ulrike Ludwig, Leipzig 2017.

Rezensiert für www.nthk.de von Tobias Jammerthal am 26. Januar 2018,  veröffentlicht am 03. August 2018

 

Auch 500 Jahre nach den 95 Thesen Martin Luthers gibt es noch viel zu viele relevante Dokumente, die entweder gar nicht bekannt oder nur schwer zugänglich in Archiven und Bibliotheken im Dornröschenschlaf liegen. Wer selbst einmal in den Tiefen solcher Bestände gewühlt zu haben die Freude hatte, erkennt schnell, wie relativ wenig wir in der Breite über die Ereignisse und Entwicklungen orientiert sind, die sich im 16. Jahrhundert abspielten und inmitten derer sich das Bündel von Abläufen, Entscheidungen (und manchmal auch: Zufällen) vollzog, das wir als Reformation kennen. Umso energischer ist es zu begrüßen, dass die Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig eine kontinuierliche Politik der Edition relevanter Materialien betreibt: Nach der Edition der „Politischen Korrespondenz des Herzogs und Kurfürsten Moritz von Sachsen“ (sechs Bände, abgeschlossen 2006), der „Akten und Briefe zur Kirchenpolitik Herzog Georgs von Sachsen“ (vier Bände, abgeschlossen 2012) und der 2017 abgeschlossenen dreibändigen Thomas-Müntzer-Gesamtausgabe sind nun Luthers Landesherren Friedrich der Weise und Johann der Beständige an der Reihe.

Die Edition ist auf insgesamt vier Bände angelegt; mit dem vorliegenden ersten Band setzt sie bewusst weit vor dem 31. Oktober 1517 ein: Durch das damit vermittelte Bild der kirchenpolitischen Situation vor Beginn des Ablass-Streits ist es möglich, das Agieren der kurfürstlichen Regierung ab 1517 wesentlich differenzierter zu verstehen und hinsichtlich seiner Kontinuitäten und Diskontinuitäten überhaupt erst zu würdigen (vgl. 7). Der Einsatzpunkt mit dem Jahr 1513 ergibt sich nach Angaben der Herausgeber aus dynastischen Entwicklungen der Wettiner (18f), wird jedoch nicht konsequent durchgehalten: Unter Nr. 1 wird das Testament Kurfürst Friedrichs von 1493 geboten,es folgt als Nr. 2 die Hofratsordnung von 1499; erst mit Nr. 4 beginnen die Quelllen des Jahres 1513. Diese Inkonsequenz ist zu begrüßen, da die aus dem Zeitraum vor 1513 stammenden Quellen von erheblicher Relevanz für das Verständnis der Frömmigkeit des Kurfürsten wie auch für das Funktionieren seiner Administration sind.

Die Ausgabe bietet in der aus den bereits genannten anderen Editionsprojekten vertrauten Weise zu 658 vor allem aus thüringischen und sächsischen Archiven gehobenen Quellen in jedem Fall ein Regest und Angaben über Fundort und Überlieferung; die Kriterien, nach denen auch der Text selbst abgedruckt wird, werden in der Einleitung der Bandbearbeiter schlüssig dargelegt (33f). Der Band ist durch Orts- und Personenregister zielführend erschlossen (541-566) und im Erscheinungsbild übersichtlich nach transparent dargelegten Richtlinien (33-36) gestaltet. Die strikt chronologische Anordnung der Quellen ermöglicht ein zügiges Auffinden einzelner Stücke. Hervorzuheben ist auch die elektronische Recherchierbarkeit der Edition unter http://bakfj.saw-leipzig.de/, wenngleich nicht ganz schlüssig ist, welche Stücke der Edition nur als Metadaten (Beispiel: Nr. 44), welche als Regest (Beispiel: Nr. 236), und welche als Volltext (Beispiel: Nr. 10) zur Verfügung stehen – und man sich wünschen würde, dass im Laufe der weiteren Arbeit am Internetangebot eine Durchsuchbarkeit nach den in der Edition vergebenen Nummern der einzelnen Stücke ermöglicht würde. Dessenungeachtet ist davon auszugehen, dass diese elektronische Zugriffsmöglichkeit die Verwendung der Edition erheblich vereinfachen wird.

Historisch sensibel liegt dem Terminus „Kirchenpolitik“, der die Edition inhaltlich bestimmmt, ein umfassendes Verständnis zugrunde:

„Jedes Regierungshandeln eines Fürsten sollte dem Wohl seiner Untertanen dienen, ihren Frieden sichern und damit Gott die Ehre erweisen. […] Der Begriff ‚Kirchenpolitik‘ stellt demnach einen modernen Verabredungsbegriff dar, der das planvolle Handeln der Landesherrschaft in kirchlichen Belangen umschreibt.“ (20)

Damit ist der Erkenntnis, dass kirchliches Engagement „weltlicher“ Obrigkeiten weder erst im Jahr 1517 beginnt noch gar auf den Wirkungsbereich der Reformation beschränkt war, sondern im Rahmen spätmittelalterlicher und frühneuzeitlicher Vorstellungen ein integraler Bestandteil regierenden Handelns war, der unter so unterschiedlichen inhaltlichen Vorzeichen wie bei Herzog Georg von Sachsen in entscheidener Gegnerschaft zu Martin Luther oder bei Landgraf Philipp von Hessen in entschlossenem Aufgreifen reformatorischer Impulse realisiert werden konnte. So gelingt es der Edition, ein umfassendes Panorama kirchlicher, theologischer und administrativer Verhältnisse in Kursachsen zu zeichnen. Manches kommt dem Leser bekannt vor: Die überraschend gut funktionierende Zusammenarbeit der beiden Brüder Friedrich und Johann etwa – in diesem Zusammenhang erfreut die Dokumentation der bei den regelmäßigen Konsultationen ausgetauschen Zettel und Noteln (etwa Nr. 38 oder 70). Auch die Planmäßigkeit, mit der Wittenberg zum religiösen und politischen Zentrum des ernestinischen Gebietes ausgebaut wurde,[i] wird durch zahlreiche Aktenstücke weiter dokumentiert. Der durch die hier gebotenen Quellen (z.B. Nr. 20 oder noch 601) verstärkte Eindruck einer passionierten Reliquienjägerei Kurfürst Friedrichs tritt der Einsatz beider Brüder für die Observanzbewegung zur Seite (etwa Nr. 1 oder 19). Gerade für das Verständnis des Handelns der kurfürstlichen Regierung in der Causa Lutheri interessant sind die aus dem Zusammenhang der komplexen Beziehungen zwischen Ernestinern und den Bischöfen der auf ihrem Gebiet liegenden Diözesen geschöpften Quellen.

Noch immer wissen wir viel zu wenig über die Ereignisse und Vorgänge des 16. Jahrhunderts. Der Edition der „Briefe und Akten zur Kirchenpolitik Friedrichs des Weisen und Johanns des Beständigen“ ist zu danken, dass wir ein bisschen mehr erkennen können von dem, was zu Lebzeiten Martin Luthers religiöse, politische und soziale Realität war. Umso mehr ist zu wünschen und zu hoffen: Zu wünschen, dass diese Edition ihres für Privatpersonen nicht ganz attraktives Preises in Höhe von 84,– Euro ungeachtet eine möglichst breite Rezeption erfährt – und zu hoffen, dass die Folgebände zügig erscheinen, und die Forschung sich 500 Jahre nach den in ihnen dokumentierten Ereignissen von dieser neuen Quellengrundlage dazu ermutigen lässt, eingetretene Pfade auch einmal zu verlassen und Unbekanntes zu entdecken.

 

Tobias Jammerthal ist Redakteur der Rubrik „Klassiker und Rezensionen“.

 

[i] Jüngst einschlägig dargestellt von  Natalie Krentz.

Rezension: Cord Aschenbrenner, Das evangelische Pfarrhaus

Aschenbrenner, Cord, Das evangelische Pfarrhaus. 300 Jahre Glaube, Geist und Macht: Eine Familiengeschichte, München 2015.

Rezensiert für www.nthk.de von Jonas Milde am 8. Januar 2018, veröffentlicht am 20. Juni 2018.

„Pfarrers Kinder, Müllers Vieh gedeihen selten oder nie.“ – Neun Generationen an Pfarrern und Pfarrerskindern der Familie Hoerschelmann stellt der Journalist und Historiker Cord Aschenbrenner, selbst ein „Pfarrersenkelkind“, in seinem 2015 erschienen Buch vor. „Selten“ hat seit dem Aufkommen des Sprichwortes einen Bedeutungswandel erfahren. Meinte es ursprünglich „,besonders‘ oder ,außergewöhnlich‘“ (55), meint es heute „,nicht häufig‘“. Einen Bedeutungswandel hat auch das evangelische Pfarrhaus erfahren. Lange Zeit war es etwas „seltenes“, also etwas besonderes. Das Pfarrhaus unterschied sich von anderen Häusern, war doch der Hausherr – und nicht etwa nur seine wohl oder weniger wohl geratenen Kinder – kraft seines Amtes etwas „seltenes“.

Bei aller Idealisierung, die man dem Pfarrhaus angedeihen lassen hat, und den daraus möglicherweise hervorgehenden Vorbehalten dem Vorhaben A.s gegenüber – seine Bedeutung kann man dem evangelischen Pfarrhaus nicht absprechen; in Deutschland und Estland ebenso wenig wie im weltweiten Protestantismus. Und wer mit der Lektüre von A.s Buch beginnt, merkt schnell, dass es den Autor keinesfalls um die Verklärung einer untergegangenen Welt geht; denn „[d]as deutsche evangelische Pfarrhaus im Baltikum gibt es längst nicht mehr“ (16). Das Erbe jedoch lohnt die Betrachtung – nicht nur für die unmittelbaren Erben, die gegenwärtig evangelische Pfarrhäuser bewohnen.

Ausgehend von einem Zeitungsartikel, den A. 2011 für die Süddeutsche Zeitung verfasste (11), weitete und vertiefte er seine Recherchen zur Familien- und Pfarrhausgeschichte und reiht sich so selbstbewusst in die „[s]eit den 1970er Jahren [entstandenen] Untersuchungen […] zum evangelischen Pfarrhaus“ (23) ein. Er legt sein Hauptaugenmerk hierbei nicht auf eine „Pastorendynastie“ in Deutschland, sondern auf eine deutsche Familie, deren Wirkungskreis in den betrachteten Jahrhunderten vorwiegend im Baltikum lag. Die Hoerschelmanns, unter Katharina II. in den erblichen Adelsstand erhoben, waren Teil jener deutschbaltischen Elite, die das Land an der Ostsee in seiner wechselvollen Geschichte bis ins 20. Jahrhundert hinein prägte. Ein Ende fand dies mit der „,diktierten Option‘“, der „[f]ormal zwar freiwilligen, dennoch unter Zwang, wenigstens aber unter starkem Druck“ (268) vollzogenen Abwanderung der Deutschen aus dem Baltikum ins „Großdeutsche Reich“ während der NS-Herrschaft.

Damit endete eine Geschichte, die 1768 begann, als Ernst August Wilhelm (von) Hoerschelmann, 1743 geboren als Sohn des Großrudestedter Superintendenten, seine thüringische Heimat verließ und über Lübeck per Schiff nach Reval / Tallin kam. Vier seiner sechs Söhne wurden wie schon ihr Großvater – der Begründer der Hoerschelmann’schen Pastorendynastie – Theologen und begründeten die vier „,Häuser‘, benannt nach den Wohnorten oder dem Ort der Pastorate“ (19), aus denen zahlreiche Pfarrer und Pfarrfrauen hervorgingen.

Über diese – in treffender Auswahl – berichtet A. und führt den Leser in 27 Kapiteln durch die bald dreihundertjährige Geschichte: beginnend im Kernland der Reformation, rund 170 Jahre in Estland fortgeführt, zu ihrem – vorläufigen – Ziel kommend in Norddeutschland und Hongkong. Mit Seitenblicken, etwa auf die Entstehung des evangelischen Pfarrhauses (Martin Luther oder Die ideale Familie, 47–56) und die deutschbaltische Geschichte, werden die Familiengeschichten in einen ideellen und kulturhistorischen Rahmen eingeordnet, den ihre Protagonisten mitgeprägt haben.

Auch Blicke auf andere Pfarrer und Pfarrhauskinder werden geboten; teils als Spiegel zu den Hörschelmanns. So tauchen Gestalten wie der westfälische Posaunengeneral Johannes Kuhlo auf, dessen befremdlicher Kleidungsstil „gegen die ungeschriebenen Anstandsregeln seines Berufsstandes“ verstieß (143), ebenso die großen Geister des lutherischen Pietismus‘ Spener (100f.), Francke (64.99.101ff.) und Zinzendorf (99.103.136), deren Theologie viele Pastoren und „Pastorinnen“, also Pfarrfrauen, der Familie Hoerschelmann prägten.
Mit den theologischen Entwicklungen werden anhand der deutschbaltischen Pfarrhäuser auch die kirchlichen Verhältnisse in Deutschland gespiegelt, vor allem diejenigen Preußens und des Deutschen Reiches ab 1871. So etwa die Zeit des Kulturkampfes (171ff.) und die des Dritten Reiches (249ff.), das für die Hoerschelmanns die Rückkehr ins Land der Reformation, in dem viele ihrer – männlichen – Mitglieder studiert hatten, bedeutete. Die Verteilung des Stoffes der dreihundertjährigen Familiengeschichte erfolgt angenehm ausgewogen, wenngleich das 20. Jahrhundert den weitesten Raum einnimmt.

In zahlreichen Familienlegenden und -geschichten, die die Ursprünge der Familie mit einem Mose gleichenden, aus dem Wasser der Hörsel geretteten Baby, das man „Hörselmann“ nannte, sehen wollen (25), gelingt es A., Landes-, Pfarrhaus- und Familiengeschichte in Estland und Deutschland miteinander zu verbinden und die einzelnen Charaktere der Familie profiliert zu beschreiben. Dabei greift er auf vielerlei Material zurück, das Mitglieder der Familie, allen voran der Familienchronist Constantin – er ist einer der Theologen der 5. Generation – und der beide Weltkriege miterlebt habende Gotthard Hoerschelmann – er gehört zur 7. Generation – niedergeschrieben hatten. Von unverhofften Wendungen zum Guten – etwa einen aus Armut befreienden Blitzschlag (146) – ebenso wie von harten Plagen, Anfechtungen und Prüfungen – so beispielsweise die mehr als zehnjährige Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion, in der Gotthard Hoerschelmann heimlich in Lagern Abendmahl „mit wässriger Kohlsuppe oder mit Kwas und einem aufgesparten Brotkanten“ (311) feierte, – erzählt A.s etwa 350 Seiten langes Werk. Die zahlreichen Fotographien und Abbildungen helfen, die Pfarrer der neun Generationen und ihre oftmals die gleichen Namen tragenden Verwandten nicht zu verwechseln, ebenso die Karte und der Stammbaum, die dem Buch im Einband mitgegeben sind.

Selbstredend ist es gewagt, von dieser einen Pastorenfamilie pars pro toto auf das evangelische Pfarrhaus zu schließen. Doch das diesem Buch gespendete Lob hat es zurecht erhalten – in einer Vielzahl von Rezensionen sowie durch den Georg Dehio-Buchpreises 2016. Die Liste der bereits von anderen Rezensenten des Werkes angemerkten „Ungenauigkeiten und Fehler“, die sich eingeschlichen haben, (so Christopher Speer, Rez. in ThLZ 142 (2017), Sp. 242-244) und für das Ende des 18. Jahrhunderts bereits belegt wurden, schmälert diesen Erfolg nicht, könnte an wenigen Stellen auch in Bezug auf das 16. und das 20. Jahr fortgesetzt werden; etwa dort, wo A. Kirche und Pfarrhaus im Dritten Reich schildert. So bestand die Idee einer „Reichskirche“, die die Nationalsozialisten zu verwirklichen suchten, genau genommen nicht erst seit der Reichsgründung 1871 (251), das Wirken der lutherischen Bischöfe Hannovers, Bayerns und Württembergs in den 1930er und 40er Jahren, August Marahrens, Hans Meiser und Theophil Wurm, wird zu Lasten der Renommees dieser Kirchenmänner unausgewogen beleuchtet (252.327), und Otto Dibelius völlig zu Unrecht unterstellt, dass „[m]it Repräsentanten wie [ihm] die evangelische Kirche bereits vor 1933 vor den Nationalsozialisten freiwillig in die Knie“ gegangen sei (251).

Auch dort, wo die Ursprünge des Pfarrhauses im Reformationszeitalter liegen, liest sich einiges schief. So wird Luthers Haltung im Bauernkrieg nur mit seiner „blutrünstigen“, ursprünglich jedoch als Anhang zur Ermahnung zum Frieden verfassten und erst später als Separatdruck verbreiteten Schrift Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern deutlich verzerrt widergegeben (49). Möglicherweise wird es dem Rezensenten auch als kleinliche Spitzfindigkeit gewertet, wenn er anmerkt, dass die Rechtfertigungslehre des Wittenberger Reformators nicht „ein zentrales Element der Reformation“ (329, Kursivsatz J.M.) ist, sondern deren Mitte, Zentrum und Kern.

Doch ging und geht es Lutheranern – nicht nur denen der Familie Hoerschelmann und nicht nur Pfarrhausbewohnern – genau um dies: Leben und Handeln als Christenmenschen aus der Gnade der Rechtfertigung. Dass dieses auch gegenwärtig an Bewohnern von Pfarrhäusern – aber zweifellos nicht nur bei solchen – erkennbar ist, dazu gebe dieses Buch durch die von ihm gewirkte Lesefreude einen Anstoß.

 

Jonas Milde ist Examenskandidat der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Schaumburg-Lippe.

Von den 90 Prozent, Hausbesuchen und der Zukunft der Kirche

Rezension zu: Erik Flügge und David Holte: Eine Kirche für Viele (statt heiligem Rest), Freiburg im Breisgau 2018.

von Niklas Schleicher

Erik Flügge kann man zurzeit ohne Übertreibung als shooting-star der aktuellen kirchlichen Debatten bezeichnen. Sein Buch über die Sprache der Kirche1 war ein Verkaufserfolg und seitdem ist Flügge ein gern gesehener Referent in Fortbildungsveranstaltungen. Zwischendurch verfasst er immer mal wieder viel beachtete Artikel zur Zukunft der Kirche. Interessanterweise genießt Flügge für seine Arbeit, wenn ich das richtig sehe, breite Zustimmung und stößt auf wenig harsche Kritik.

Vor zwei Wochen erschien Flügge neues Buch, zu dem David Holte ein Kapitel beigesteuert hat. Buch ist dabei freilich etwas hoch gegriffen, erweiterter Essay trifft es vielleicht eher; so entfaltet Flügge seine Thesen auf 78 Seiten im Kleinformat bei Herder. Das Buch ist erneut ein Verkaufsschlager, die erste Ausgabe ist bereits vergriffen und die Rezeption wieder äußerst positiv.

Ich wiederum lese gerne Bücher, die Verkaufsschlager sind, positiv rezipiert werden und Ideen beisteuern, wie man denn die Kirche(n) reformieren könnte. Meistens bin ich dann enttäuscht und manchmal lasse ich mich auch zu einer Rezension hinreißen.

„Eine Kirche für viele (statt heiligem Rest)“ lautet der Titel des Buches. Das Grundanliegen ist dabei ein gänzlich anderes, als es beispielsweise „Vom Wandern und Wundern“ hat. Ich erwähne das deshalb, weil dieses Buch, jedenfalls in meiner Filterblase, von den gleichen Personen ähnlich euphorisch begrüßt wurde. Flügge geht es nicht um Rückzugsorte oder Klientelkirchen, die ganz bestimmte Menschen in ganz bestimmten Situationen (mit ganz bestimmten Vorlieben für koffeinhaltige Heißgetränke) bedienen, sondern in gewisser Weise um eine Kirche, die alle Menschen erreicht – also im besten Sinne um so etwas wie Volkskirche. Ich finde diese Idee jedenfalls schon einmal gut und interessant. Löst das Buch auch ein, was es verspricht?

Der Ausgangspunkt der Überlegungen ist im ersten Satz des Buches grundgelegt:

„90 Prozent der Kirchenmitglieder nehmen nicht am Gemeindeleben Teil. Sie zahlen nur für den Rest. Kann das wirklich die Idee einer Kirche sein? (S. 9)“2

Der Anstoß ist also, wie so oft, die Kirchensteuer. Viele zahlen, wenige nehmen die Angebote der Kirche wahr, gehen also regelmäßig in den Gottesdienst oder besuchen die Veranstaltungen, die in der Gemeinde angeboten werden. Dadurch verliert die Kirche an Relevanz im Leben derjenigen, die sie eigentlich finanzieren, und über kurz oder lang führt das zum Rückgang oder Verschwinden von volkskirchlichen Strukturen. Dabei ist es egal, ob es um das evangelische oder katholische Christentum geht; in dieser Frage unterscheiden sich beide nur um Nuancen.

Der Vorschlag, mit denen Flügge die 90 Prozent erreichen will, wird in einer Art Gedankenexperiment dargeboten, ist aber erstaunlich handfest: Man sollte die Arbeitszeit, die durch die Kirchensteuer finanziert wird nutzen, um Hausbesuche zu machen; und zwar nicht nur die üblichen 70+ Geburtstagsbesuche, sondern um alle Menschen der Gemeinde einmal im Jahr aufzusuchen und mit ihnen zu sprechen. Dies ist erstmal, wenn man so will, die formale Seite des Vorschlags: Weniger Geld investieren in Erhalt der Häuser, Kirchen, usw., sondern als Kirche zu den Menschen gehen. Flügge zieht einen Vergleich aus seiner Arbeit für die SPD heran: Auch im Wahlkampf ist das Besuchen von Menschen von gutem Erfolg gekrönt.

Die Kehrseite der Medaille ist dann allerdings die Anschlussfrage, die der zweite Teil des Buches behandelt: Was soll denn bei den Hausbesuchen geschehen, was gesprochen werden? In Flügges Worten: „Für wen ist das katholische beziehungsweise evangelische Christentum überhaupt noch relevant?“ Denn, so weiter: „[U]nd wenn man an diese Frage herangeht, dann sieht es düster aus.“ (S. 47) Die Streitfragen, um die es in den Kirchen gerade geht, sei es Sexualmoral oder die Frage nach Laien, sind reine Kulturfragen und reines Marketing. Um das Christentum zu reanimieren, ist, so Flügge weiter, eine Rückbesinnung auf die Wurzeln nötig; und zwar weniger in einem inhaltlichen Sinne, sondern in einem formalen Sinne: Man spricht mit anderen Menschen über seinen christlichen Glauben, nicht (allein) um sie zu überzeugen, sondern um im Gespräch mit ihnen und von ihnen neues über das Christentum zu lernen, eben genauso, wie es die frühe Christenheit in Aufnahme der griechischen Philosophie getan hat.

Der zweite Modellversuch, den Flügge dann vorschlägt, ist ein Schritt unter den Hausbesuchen bei allen Kirchenmitgliedern und sieht vor, dass die gesamte Gemeinde mit selbst geschriebenen Karten z.B. anlässlich wichtiger Feste kontaktiert wird. Diese Karten sollen Ehrenamtliche und Hauptamtliche gemeinsam in einer konzertieren Aktion verfassen.

Das Buch schließt mit der Hoffnung, dass die Eindrücke und Einsichten, die man durch die Gespräche im Rahmen einer solchen Haustürmission Gewinnt , Eingang in den Glauben und die Lehre der Kirche finden und es so zu einer Revitalisierung kommt.

Flügges Vorschläge klingen auf den ersten Blick sehr plausibel und einleuchtend. Aber ich meine: Sie sind auch etwas einfach. Nun muss Einfachheit per se nichts Schlechtes sein. Aber trotzdem sollte sie wenigstens ein bisschen stutzig machen. Sollte die Forderung, dass „Kirche zu den Menschen kommen muss“, Theologinnen und Theologen wirklich noch nicht in den Sinn gekommen sein?

Tatsächlich haben sich Theologie und Kirche diesbezüglich schon einige Gedanken gemacht. Und der Vergleich mit dem Straßenwahlkampf hat eben seine Grenzen: Auch die SPD und die CDU/CSU erholen sich ja durch Hausbesuche nicht in dem Sinne, dass sie mehr oder besser gebundene Mitglieder gewinnen. Vielmehr funktioniert die Mobilisierung in der konkreten Wahlkampfsituation. Rübergespiegelt auf die Kirche trifft diese Parallele m.E. auch zu: Für ein konkretes Projekt oder eine konkrete Veranstaltung könnte so ein Hausbesuch oder ein direktes Ansprechen durchaus kirchenferne Mitglieder aktivieren, sei es, weil die Kirchturmuhr repariert werden soll, oder weil die Kirchgemeinde eine Brauereiführung organisiert hat. Einfach mal so zu kommen und über den Glauben zu reden, scheint mir demgegenüber schwieriger; zumal die Haustürmission der Zeugen Jehovas hier keine guten Assoziationen wecken dürfte.

Flügge schlägt zudem vor, dass die Mission mehr von gemeinsamen Gespräch geprägt sein soll und der Besuchende etwas von den Besuchten lernen soll. Dies klingt zunächst gut, aber wirft Fragen auf, zu deren Beantwortung Flügges Buch wenig beiträgt. Wenn das Christentum aus den Stimmen erneuert werden soll, die mit der christlichen Kirche und dem christlichen Glauben bislang wenig zu tun haben, was ist dann das, was der christliche Glaube dort finden und integrieren soll? Aus welcher Mitte heraus wird bestimmt, welche Anliegen aufgenommen werden? Gerade die frühe Christenheit hat sich in der Auseinandersetzung mit der Philosophie fest an ihr Bekenntnis zum auferstandenen Gekreuzigten gehalten. Nicht zuletzt erscheint das Unternehmen mit einer doppelten Agenda verbunden: Die Kirche soll vordergründig zu den Menschen, um diese zu erreichen und diesen was zu bieten. Allerdings ist dieser Besuch hintergründig für die Kirche selbst verzweckt, steht nämlich im Dienst der eigenen Erneuerung. Geht es im Endeffekt geht es dann gar nicht um die Besuchten, sondern um die Kirche, ihren Bestand und und ihr Bedürfnis nach Erneuerung?

Das Problem scheint mir allgemein weniger der Wille zu sein, mit Menschen und ihrer Lebenswelt in Kontakt zu kommen. Sondern es scheint darin zu liegen, wie mit diesen Menschen über den Glauben gesprochen und ihnen dabei auch glaubwürdig vom den Glauben erzählt werden kann. Theologen und Theologinnen sind in der Regel keine lebensweltfremden Fachidioten, die völlig fern von jeder Lebenswelt stehen und keine Ahnung von den Ideen und religiösen Bedürfnissen anderer Menschen haben. Im Gegenteil: Manchmal erscheint es mir vielmehr notwendig, zunächst einen Blick auf das zu werfen, was die eigene Botschaft ausmacht und was das Christentum von allgemeiner Religiosität unterscheidet.

Ein zweiter Punkt betrifft das Bild von Kirche, dass hier gezeichnet wird: Kirche erscheint dabei eine ganz konkrete, abgeschlossene Organisation mit ihren angestellten Mitarbeitenden. Als Gegenüber dieser Kirche gibt es dann die zahlenden Mitglieder, die etwas von ihrer Mitgliedschaft haben sollen. Mir scheint diese Betrachtungsweise zu verkennen, dass diese zahlenden Mitglieder selbst die Kirche sind. Daher könnte man darauf verweisen, dass es im freien Belieben der Einzelnen liegt, wo sie sich und wie beteiligen. Gerade z.B. bei der evangelischen Kirche sind die Strukturen so beschaffen, dass sie viele Möglichkeiten der Beteiligung bieten. Die meisten Hauptamtlichen sind für Ideen und Projekte aufgeschlossen und bieten Räume zur Verwirklichung. Aber andersherum gilt auch: Wenn ich meine Mitgliedschaft in der Kirche sozusagen „ruhen“ lassen möchte, weiter meine Kirchensteuer zahle, aber mich jenseits bestimmter biografischer Schwellensituationen nicht beteilige, dann ist das genauso legitim.

Möglicherweise wäre hier ein Punkt, den man vertiefen sollte: Möglichkeiten der Beteiligung an Konzeption und Umsetzung neuer Ideen innerhalb der Kirche aufzeigen. Das ist vielleicht weniger radikal, als mit der Erfahrung von Hausbesuchen im Rücken einen Großumbau der kirchlichen Lehre vorzunehmen. Aber man muss dafür dann auch keine Kirchen abreißen, weil man sie vielleicht noch brauchen kann.

Und wenn wir die Debatte darüber führen, was Kirchen leisten sollen und was nicht, sollte man nie vergessen, dass die Kirche auch eine Solidargemeinschaft ist. Manche Dinge, wie Sozialarbeit, Kinderbibelwochen oder Altenheimseelsorge finanzieren eben viele, während nur wenige sie in Anspruch nehmen, weil sie das entsprechende Angebot eben gerade brauchen. Das muss nicht ungerecht sein, ich jedenfalls kann gut damit leben.

Es gibt ausgehend vom vorliegenden Buch also viele Fäden, die man aufgreifen kann. Interessant ist der Ansatz allemal – auch wenn ich glaube, dass die Erneuerung der Volkskirche mehr braucht als Hausbesuche.

Niklas Schleicher

2Wie genau Flügge auf diese Prozentzahl kommt, wird leider nicht aufgeschlüsselt.

Rezension: Ulrich Heckel – Wozu Kirche gut ist

Heckel, Ulrich: Wozu Kirche gut ist. Beiträge aus neutestamentlicher und kirchenleitender Sicht. Mit einem Geleitwort von Wolfgang Huber, Göttingen 2017.

Rezensiert für www.nthk.de von Tobias Graßmann am 21. November 2017, veröffentlicht am 11. April 2018.

Ein verbreitetes Vorurteil besagt, dass sich die Menschen in kirchenleitender Position über der Beschäftigung mit Haushaltsplänen und Stellenbesetzungsverfahren höchstens noch eine vage Vorstellung von der geistlichen Dimension der Kirche bewahrt hätten. Und gegenüber der akademischen Theologie erklingt der Vorwurf, diese habe im Zuge der Ausdifferenzierung eines hochspezialisierten Wissenschaftsbetriebs das Ganze ihrer Aufgabe und die kirchliche Wirklichkeit aus dem Blick verloren.

Wolfgang Huber greift diese Vorbehalte in seinem Geleitwort auf, um dann zu urteilen: Das hier besprochene Buch des Oberkirchenrats und apl. Prof. Ulrich Heckel sei geeignet, das Gegenteil zu belegen. Dieses zeige nämlich, dass und wie „ausgeprägte Kompetenz in der wissenschaftlichen Exegese des Neuen Testaments für die Wahrnehmung kirchenleitender Aufgaben fruchtbar gemacht werden kann“ (VIII). In diesem Urteil ist dem früheren Ratsvorsitzenden zuzustimmen.

Dabei ist zunächst hervorzuheben, dass Heckels Aufsatzsammlung mit dem Titel „Wozu Kirche gut ist“ erfreulich unaufgeregt geraten ist. Heckel erspart dem Leser die Beschwörung des Niedergangs, die bekannten Referate von Austrittsstatistiken und Abbruchserscheinungen, mit denen viele Theologinnen und Theologen rhetorisch die Bühne bereiten für ihre schmerzhaften, aber alternativlosen Reformprogramme. Das Buch atmet das Selbstvertrauen, dass Kirche nun eben gut und wichtig ist – und diese Tatsache dem unbefangenen Leser auch einsichtig gemacht werden kann!

I

Heckels Buch gliedert sich in thematische Teile, wobei sich die Beiträge wiederum grob auf zwei Blöcke aufteilen lassen. Der erste Block ist – sachgemäß für eine biblisch fundierte Theologie in kirchenleitender Verantwortung – den alt- und neutestamentlichen Grundlagen gewidmet (Beiträge 1-5, sowie 7 und 9). Diese Vergewisserung der biblischen Grundlagen des kirchlichen Lebens geschieht aus der konfessionellen Perspektive lutherischer Theologie (vgl. bes. Beitrag 6 zu Luthers Taufverständnis). Heckels Zugriff zeichnet sich dadurch aus, dass er durch die Orientierung am biblischen Text die Engführungen einer allein auf die Rechtfertigungsbotschaft zugespitzten Theologie vermeidet. Der Lesbarkeit ist zuträglich, dass sich Heckel nicht mit Hypothesen zur Vorgeschichte der Texte oder den notorisch strittigen, aber theologisch wenig ergiebigen Einleitungsfragen nach Verfassern, Abfassungszeitpunkten und Entstehungsorten der neutestamentlichen Schriften aufhält. Charakteristisch und durchaus überzeugend ist auch, wie stark er die deuteropaulinischen Briefe (Eph, Kol, Pastoralbriefe) einbezieht, wobei er diese nicht als Verfallsgestalt, sondern als sachgemäße Aktualisierung paulinischer Theologie unter veränderten Bedingungen betrachtet (vgl. 47 und 56-58).

Die verschiedenen Beiträge zur paulinischen Theologie, zu Taufe und Bestattung fügen sich in ein erstaunlich kohärentes Bild: Christliches Leben ist für Heckel – gut lutherisch! – in der Taufe begründet (vgl. bes. Beiträge 4-6). In der Taufe wird die Heilstat Gottes: die Auferweckung Jesu Christi vom Tod, nachvollzogen und dem Einzelnen vergegenwärtigt. Sie ist Fundament des Glaubens als „objektive Größe“, „andauernder Bezugspunkt“ und „verlässliche Grundlage“ (106). Das christliche Leben ist daher als ganzes Aneignung der Taufe (vgl. 98, 107), diese zugleich Initiationsakt in die Gemeinschaft der Kirche.1

Auf dieser Grundlage skizziert Heckel in seinen Beiträgen ansatzweise eine Theorie der Kasualien (zur Taufe die Beiträge 5 und 6, zur Bestattung Beitrag 7, zudem Beitrag 9). Diese kirchlichen Segenshandlungen versteht er als Aktualisierungen der Taufe. Sie erinnern die Taufe als den „Ur-Segen“ (109; 164), den Christinnen und Christen für ihr Leben empfangen haben. Das öffentliche Leben der Kirche ist zentriert um die gottesdienstliche Verkündigung des Evangeliums von Gottes Heilshandeln in Tod und Auferstehung Jesu Christi (vgl. Beitrag 14 zu Schrift, Geist und Kirche).

Heckel bewegt sich nahe an den biblischen Texten und ausgewählten kirchengeschichtlichen Quellen. Die exegetischen Ausführungen sind gut lesbar und lehrreich. Gerade diese Teile des Buches sind allen Pfarrerinnen und Pfarrern, aber auch Laien mit einer grundlegenden theologischen Bildung sehr zu empfehlen. Sie regen dazu an, die kirchliche Praxis von ihrer biblischen Grundlage her vertieft zu verstehen.

II

Einige dieser Alltags- und Organisationsfragen kommen im zweiten Block als gegenwärtige Herausforderungen in den Blick. Das Feld reicht dabei von der Ordnung des württembergischen Predigtgottesdienstes (Beitrag 8) über die Kirchenmusik (Beiträge 10-11) bis hin zu den ökumenischen Beziehungen (Beitrag 15-16) und dem interreligiösen Dialog (Beitrag 18). Eine Rezension und eine Predigt schließen den Band ab. Die Texte sind als Gelegenheitsschriften von unterschiedlicher Länge, sie variieren auch in der Tiefe der Überlegungen. Besonders stechen zwei ausführliche und grundlegende Abhandlungen zur Bedeutung der Schrift für die Kirchenleitung (Beitrag 14) sowie zu Luthers Lehre von den zwei Reichen (Beitrag 17) heraus.

Am ehesten enttäuscht der Beitrag zum interreligiösen Dialog. Wenn Heckel pluralistische Konzeptionen mit der Aussage zusammenfasst, diese gingen von der Voraussetzung aus, „dass alle Religionen gleichberechtigt und gleich gültig“ (266) seien, so trifft das keinen der renommierteren Vertreter einer pluralistischen Religionstheologie (etwa J. Hick oder P. Schmidt-Leukel). Vermutlich liegt es auch an dieser oberflächlichen und von Klischees durchsetzten Betrachtung alternativer Positionen (etwa die angebliche „Marsmännchenperspektive“ der Religionswissenschaften, vgl. 267; 275), dass das Ergebnis unbefriedigend ausfällt. Es bleibt bei einem Bekenntnis zu Respekt und Toleranz sowie der Ermahnung, den eigenen Exklusivitätsanspruch nicht zu verwässern (vgl. 277f.).

Als zusammenhängender Block erscheinen zwei Texte zu Glaubenskursen im Spannungsfeld von Erwachsenenbildung und missionarischem Handeln (Beiträge 12 und 13). Hintergrund ist das Projekt „Erwachsen glauben“ mit dem Ziel der Erprobung und Evaluation von Glaubenskursen für Erwachsene. Heckel ordnet diese Kurse biblisch und historisch ein (176-183), bilanziert die Erprobungsversuche und formuliert Erwartungen für die Weiterarbeit (185-193; 196-204). Er lenkt den Blick darauf, dass die erprobten Glaubenskurse von Ehrenamtlichen und regelmäßigen Gottesdienstbesuchern sehr gut angenommen wurden (vgl. 198), während die Teilnahme kirchenferner Menschen eher die Ausnahme war. Daher wird eine stärkere Entflechtung von fortbildender und missionarischer Zielsetzungen und die Entwicklung spezifischer Formen angeregt (vgl. 188-192, 198f.).

Heckel zeigt sich offensichtlich beeindruckt von der Leistungskraft der Sinus-Milieustudien für die Analyse und Evaluation kirchlichen Handelns (vgl. 147f., 190-192). Gerade, wenn man dieses Instrument skeptischer bewertet als Heckel, muss man ihm zugestehen: Nie verliert er aus dem Blick, dass kirchliches Handeln sich nicht in maßgeschneiderten Angeboten für einzelne Milieus erschöpfen darf. Immer ist auch „zentrifugalen Entwicklungen“ (213, vgl. 205-207) entgegenzusteuern und die Einheit der Gemeinde über die Milieugrenzen hinweg zur Darstellung zu bringen. Das Evangelium zeige seine Attraktivität auch darin, dass es „Menschen unterschiedlichster Milieus in Gottesdiensten nicht nur zusammenführt, sondern auch als Leib Christi vereint“ (148).

Gleichzeitig werden hier auch die Grenzen des Perspektive des Autors deutlich. Wo Heckel beispielsweise kirchliche Angebote für verschiedene Milieus (vgl. 147f.), Fortbildungsprogramme (vgl. 192f.) oder ein Evaluationswesen für Glaubenskurse (vgl. 204) anregt, ist das Bild einer handlungsfähigen, mit Personal und Mitteln komfortabel ausgestatteten und intern vernetzten Großinstitution leitend. Ob sich die evangelischen Kirchen jenseits der süddeutschen Ballungszentren, die Heckel unmittelbar vor Augen stehen dürften, auf Dauer solche Strukturen leisten können? Christinnen und Christen aus stärker entkirchlichten Gebieten werden in Heckels Buch möglicherweise eine Vision vermissen, wie kirchliches Leben in ihren Kontexten gestaltet und entwickelt werden könnte. Hinzu kommt, dass die diakonische Dimension kirchlichen Handelns in den Beiträgen höchstens indirekt eine Rolle spielt und der Umfang der politischen Verantwortung der Kirche vage bleibt (vgl. 262-264). Hier könnte der Rezensent sich durchaus noch mehr vorstellen, „wozu Kirche gut ist“…

Alles in allem ist das Buch sehr zu empfehlen. Vor allem in den biblisch-theologischen Ausführungen finden Interessierte eine so solide wie elegante theologische Besinnung auf das, was Kirche ist und ihrem Auftrag gemäß zu sein hat. Nicht die schlechteste Grundlage – auch und gerade, wenn man Kirche jenseits der vertrauten Strukturen neu denken will!

Tobias Graßmann ist Mitglied der Zentralredaktion.

1 Lesenswert ist die pointierte Argumentation für die Praxis der Kindertaufe.

Rezension: Ulrich Körtner, Dogmatik

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Ulrich H.J. Körtner, Dogmatik, in Lehrwerk Evangelische Theologie (LETh) Bd. 5, Leipzig 2018.

Rezensiert für www.nthk.de von Martin Böger am 23. Februar 2018, veröffentlich am 08. März 2018

 

Der christliche Glaube gibt zu denken. Er ist denkender und verstehender Glaube, der nicht nur den Glaubenden selbst, sondern auch die Welt und die Wirklichkeit im Ganzen in bestimmter Weise zu sehen und zu verstehen lehrt.“ (1)

Mit diesen programmatischen Sätzen beginnt Körtner seine Dogmatik und beschreibt den christlichen Glauben als einen allumfassenden Modus der Wirklichkeitserfassung, der einer Reflexion bedarf. Körtner legt im Genre des dogmatischen Lehrbuches einen eigenständigen dogmatischen Versuch vor, der sich in einer informativen und pointierten Art und Weise an der bisherigen Theologie- und Philosophiegeschichte orientiert ohne sich darin zu verlieren, um von dort aus eine eigene engagierte Rede vom christlichen Glauben und seiner Deutung der Wirklichkeit in der Gegenwart zu profilieren.

Körtner trägt diesem Vorhaben durch den Aufbau seiner Dogmatik in konsequenterweise Rechnung, der sich von einem klassischen Aufbau auf eine anregende Art zu unterscheiden weiß. Denn Körtner ordnet die klassischen dogmatischen Topoi unter dem Begriff der »Wirklichkeit« und benennt mit Gott – Mensch – Welt drei strukturierende Leitbegriffe, die die christliche Wirklichkeitsdeutung in einer engagiert-interessierten Bezogenheit aufeinander deutlich werden lassen.

  1. Christliche Dogmatik als soteriologische Interpretation der Wirklichkeit (Prolegomena)
  2. Die Erschließung der Wirklichkeit
    1. Mensch: Der Glaube
    2. Gott: Die Botschaft des Glaubens als Wort Gottes
    3. Welt: Enthüllung der Wirklichkeit
  3. Die von Gott geschaffene Wirklichkeit
    1. Gott: Der deinige Gott
    2. Mensch: Der Mensch als Geschöpf Gottes
    3. Welt: Die Welt als Schöpfung Gottes
  4. Die erlösungsbedürftige Wirklichkeit
    1. Mensch: Die Sünde
    2. Welt: Das Übel und das Böse
    3. Gott: Die Gerechtigkeit Gottes
  5. Die Wirklichkeit der Erlösung
    1. Gott: Gottes Handeln in Jesus Christus
      Das Wirken des göttlichen Geistes
    2. Mensch: Die Rechtfertigung des Sünders
    3. Welt: Die Heilsmittel
      Die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
      Die Erneuerung der Welt

Körtner verfolgt so den Ansatz, den Glauben und dessen Inhalte nicht in erster Linie als theologische abstracta zu beschreiben, sondern deren wirklichkeitserschließende Kraft darin zu profilieren, dass dogmatische Einsichten in existentieller Beziehung zum menschlichen Leben zu profilieren sind. In dieser Ausgangslage beschreibt er die theologischen Methoden und Einsichten nicht als wertneutrale Annäherungen an die Wirklichkeit, sondern als die tröstliche Wahrheit des christlichen Glaubens für das menschliche Leben.

Körtner baut die einzelnen Kapitel so auf, dass er zu Beginn eines jeden Kapitels einen systematisierenden Abriss dessen bietet, was die Grundfragen und -entscheidungen des folgenden Abschnitts sind. Nach einem übersichtlichen und pointierten darstellenden Teil der bisherigen prägenden Meinungen der Theologiegeschichte kommt Körtner zu einer eigenen konsistenten Sichtweise. Dabei gelingt es Körtner komplexe theologische Systeme in einem leicht verständlichen und erzählhaften Sprachstil zu beschreiben, wobei er mit seiner Meinung zu dem jeweiligen Theorem nicht hinterm Berg hält, sondern in erfrischender Art und Weise die eigene Meinung einzuflechten weiß.

Körtners Dogmatik wird so dem Anspruch gerecht, ein einführendes Werk zu sein und ist doch gleichzeitig erheblich mehr. Es ist ein dogmatischer Entwurf, der m.E. auf derzeitige Herausforderungen einer zunehmend entkirchlichten und damit der christlichen dogmatischen Symbolsprache verlustig gehenden Generation zu begegnen versucht. Körtner macht in der gegenwärtigen Ausgangslage für den christlichen Glauben damit ernst, dass evangelische Dogmatik nicht im luftleeren Raum schwebt und möglichst um objektive Neutralität bemüht zu sein hat, sondern engagiert und selbstbewusst in eine plurale Gegenwart verschiedenster Konfessionen, Religionen und atheistischen Weltanschauungen eingebettet ist, mit denen es sich angemessen auseinanderzusetzen gilt und daneben der Welt und ihrer Wirklichkeit ein tröstliches und hoffnungsvolles Zukunftsbild ihrer selbst zu malen. Die Aufgabe evangelischer Dogmatik – das wird in der Lektüre dieser Dogmatik sehr deutlich – ist nie nur das fromme rezitieren traditionsreicher und epigonenhafter Glaubenssätze, sondern die individuelle und existentielle Aneignung christlicher Überzeugungen für die eigene Wirklichkeitsdeutung und damit Lebensgestaltung.

Körtner bewältigt den einer Dogmatik wohl grundsätzlichen innewohnenden Spagat zwischen objektiv darstellendem Stil und dabei als eigenständiger und aussagekräftiger Theologe erkennbar zu bleiben mit Bravour. Körtners Werk überzeugt auf ganzer Linie und beweist, dass Dogmatik nicht als ein abstrakter metaphysischer Überbau des Religiösen zu verstehen ist, sondern als deren Versuch, auf die existentielle Frage eine konkrete Antwort zu geben: „Was ist Dein Trost im Leben und im Sterben?“. Dogmatik macht daher sprachfähig in der christlichen Deutung der Wirklichkeit – Nicht mehr und nicht weniger ist der Anspruch dieser Dogmatik, die allen dogmatisch interessierten Theolog*innen und Pfarrer*innen zum Lesen und Stöbern ans Herz gelegt sei.

 

Pfarrer Martin Böger ist Repetent am Evangelischen Stift in Tübingen

 

Rezension: Wilfried Härle, Von Christus beauftragt

Härle, Wilfried, Von Christus beauftragt. Ein biblisches Plädoyer für Ordination und Priesterweihe von Frauen, Leipzig 2017.

Rezensiert für www.nthk.de von Lars Peinemann am 15. November 2017, veröffentlicht am 26. Januar 2018.

Der zuletzt in Heidelberg tätige Professor für Systematische Theologie liefert mit seinem Buch „Von Christus beauftragt“ einen Beitrag zur Debatte über Frauenordination und Priesterweihe für Frauen, der durch seine feinfühlige und genaue Bearbeitung der biblischen Grundlagen ermutigt, sich auf gleiche, nüchterne und abwägende Art und Weise dem emotional geladenen Thema zu nähern.

Leider lässt seine Argumentation für die Ordination und Weihe von Frauen eine letzte Konsequenz etwas vermissen, verfällt der erste, sich mit den Bibeltexten befassende Teil des Buches gegen den Anspruch des Autors doch häufig in einen apologetischen Ton, der sich mehr der Widerlegung der Argumente gegen die Frauenordination widmet, beziehungsweise der allgemeinen Gleichwertigkeit von Mann und Frau, anstatt ein biblisches Zeugnis für eine positive Argumentationskette aufzuzeigen. Nun zeichnet sich auch dieser Teil durch die genaue Beobachtungsgabe des Autors aus. Im Durchgang durch beide Schöpfungserzählungen wird konstatiert, dass aus diesen eine gegenseitige Zuordnung von Mann und Frau abzuleiten sei und nicht die Unterordnung der Frau. Diese sei erst Folge des von Gott verhängten Sündenfluchs, damit Folge der Schuld beider und genau wie die anderen Folgen nicht darauf angelegt, befolgt zu werden. Zwar sind diese Einsichten, trotz des exegetisch aus Gen 3 kaum zu begründenden Begriffs der Sünde, richtig und entbehren nicht der Plausibilität, dass aber aus der Gleichwertigkeit der Andersartigkeit eine Gleichberechtigung zu folgen hat, ist damit noch nicht gesagt. Es handelt sich also nur um die Widerlegung einer gegen eine Gleichberechtigung möglicherweise heranzuziehende Bibelstelle.

Spätestens die Argumentation mit den neutestamentlichen Stellen erscheint in diesem Kontext wenig hilfreich. Schon aus 1 Kor 11 wiederum das Motiv des einander zugeordnet Seins zu schlussfolgern, sodass das Werden der Frau aus dem Mann bei der Schöpfung dem Werden des Mannes aus der Frau bei der Geburt korreliert, wirkt etwas gezwungen einseitig. Wenn in Eph 5 die Unterordnung der Frau und die Liebe des Mannes pauschal als wechselseitige Unterordnung interpretiert werden, ist dies ähnlich verkürzend.

Der erste Ansatz für eine positive Begründung der Weihe und Ordination für Frauen findet sich erst auf Seite 73, wenn nämlich aus Gal 3,28 geschlossen wird, dass alle Christenmenschen durch Taufe und Glauben gleichermaßen in Christus seien. Hier nämlich geht es nicht mehr wie bislang um eine Bestimmung des Verhältnisses zwischen Mann und Frau, sondern um jenes zwischen Mensch und Jesus Christus. Gerade hier aber liegt doch der Angelpunkt einer theologischen Argumentation für eine Gleichberechtigung hinsichtlich Christus. Es ist etwas schade, dass sich dieses starke Argument erst am Ende des ersten Kapitels findet und wiederum nicht in positiver Würdigung, sondern in Abgrenzung gegen anders lautende Interpretationen.

Auch das zweite Kapitel changiert zwischen genauer Beobachtung und leichten Ungenauigkeiten. Dass es Paulus in 1 Kor 14 nicht um ein grundsätzliches Lehrverbot, sondern um die Ordnung in der Gemeinde gehe, wird in aller wünschenswerten Klarheit herausgearbeitet, wenn ein häufigeres Dazwischenfragen von Frauen während der Predigt mit dem Bildungsgefälle erklärt wird. Hierfür aber des Weiteren „eine gewisse weibliche Neigung zur direkten Kommunikation“ (83) anzuführen, ist, wenn nicht vermessen, so doch fehl am Platze.

Ein explizites Lehrverbot für Frauen findet sich nur in 1 Tim 2,12. Diese Stelle deutet Härle auf gnostische Irrlehren hin, die verboten werden sollen. Das ist nur mit Einschränkungen schlüssig: Zwar deutet der Kontext des Briefes in der Tat auf die Gefahr von Irrlehren, dieses Thema aber als Auslöser und Hintergrund für alle Aussagen zu werten, ist gefährlich. Auch Härle rät hier zur Vorsicht, bleibt aber auf zweierlei Weise unscharf: Eine Unterscheidung zwischen allgemeingültigen und für den Einzelfall geltenden Anweisungen ist exegetisch kaum zu begründen, bleibt doch in beiden Fällen der Kontext in gleicher Weise zu beachten. Des weiteren setzt Härle die Autorität dieses Verbots dadurch herab, dass der Verfasser es Briefes sich auf sich und nicht auf eine Weisung Jesu berufe. Wird aber diese Unterscheidung getroffen, so ist es fraglich, warum gemäß Härle 1 Kor 14 gleiche Geltung zukommen sollte, gleich, ob es sich hierbei um einen späteren Einschub handele oder nicht.

Ein starkes positives Argument liefert Härle wiederum durch seine Berufung auf die österliche Verkündigung der Frauen an die Jünger und den Hinweis, dass die zwölf und die zweiundsiebzig Jünger zwar männlich, aber auf gleiche Weise wie die Frauen und zum gleichen Auftrag, der Verkündigung, berufen seien. Dass Gott in gleicher Weise seinen Geist auf Männer und Frauen ausgießt und dadurch zur Verkündigung befähigt, wird deutlich. Dass dies aber dann direkt auf die kirchlichen Amtsträger bezogen wird (112), muss ein Versehen sein.

Der zweite Teil des Buches ist leider deutlich weniger exegetisch geprägt. Nach Hinweisen zum Unterschied zwischen alttestamentlichem Priesterbegriff und der christlichen Gemeinde wird das allgemeine Priestertum in erster Linie aus den Schriften Martin Luthers hergeleitet. Dies ist nicht grundsätzlich abzulehnen, kommt aber dem Anspruch des Buches, ein biblisches Plädoyer zu sein, nur noch bedingt nach. Dass das ordinierte Amt schließlich das allgemeine Priestertum schützen solle, steht wohl außer Frage, was das aber hinsichtlich der Aufgabenverteilung im Gottesdienst konkret bedeutet, bleibt offen.

Letztlich sind für Härle nur praktische (biologische und kulturelle) Erwägungen gültig, den Frauen das ordinierte und geweihte Amt zu verweigern. Diese gelte es dann auf ihre Stichhaltigkeit zu überprüfen und, wenn möglich, zu beseitigen (beispielsweise durch Bildungsprogramme für Frauen). Für diesen Ansatz wird geltend gemacht, dass die Befähigung zum Amt nur durch den Geist und nicht durch eine wie auch immer geartete Weihe kommen könne. Einzige Voraussetzung zum Pfarramt wäre demnach die Taufe. Lässt sich dies, besonders gemäß Gal 3,28, zwar noch nachvollziehen, ist es dann aber unverständlich, warum Härle eine Nicht-Eignung aus humanwissenschaftlichen Gründen zwar begründungspflichtig machen will, dies aber nicht an den Einzelfall bindet, sondern auch als generalisierende Entscheidung gelten lässt. Hier fällt eine völlig stringente Argumentation Härles Versuch, beiden Seiten der Diskussion nicht auf die Füße zu treten, zum Opfer.

Bei der sehr hilfreichen und übersichtlichen, stichwortartigen Zusammenfassung im fünften Kapitel schließlich merkt man das Ringen um eine vermittelnde Position, die bemüht ist, keine Bibelstelle voreilig in die eine oder andere Richtung zu lesen. Dieses Anliegen ist dem ganzen Buch anzumerken und wird mit Ausnahme der in dieser Rezension genannten Einschränkungen erfüllt.

Lars Peinemann studiert seit 2012 Evangelische Theologie auf Pfarramt in derzeit Tübingen und Greifswald. Er arbeitet als studentische Hilfskraft am Lehrstuhl für Religionspädagogik und am Lehrstuhl für Systematische Theologie.

Vom Glauben, Lieben, Hoffen der Generation Y

Rezension zu: Stephanie Schwenkenbecher/Hannes Leitlein: Generation Y. Wie wir glauben, lieben, hoffen, Neukirchen-Vluyn 2017.

Von Sabrina Hoppe

Als „Selbstvergewisserung“ (S.16) bezeichnen Schwenkenbecher und Leitlein ihr Buch zum Glauben der sogenannten Generation Y. Als Vergewisserung, dass diejenigen Menschen der Generation Y, die im Sommer 2017 ihren christlichen Glauben leben, nicht allein sind: „Ja, wir gehen auf das Ende der Volkskirche zu, auf schrumpfende Gemeinden und ein Christentum, das in die Versenkung oder ins Fundamentalistische wandert. Aber: Wir gehen nicht auf das Ende des Christentums, nicht auf das Ende des Glaubens und schon gar nicht auf das Ende von Liebe und Hoffnung zu. Das ist es, was wir hören, wenn wir mit den Christen in unserer Generation sprechen.“

Eine Selbstvergewisserung muss nicht unbedingt zur Nabelschau werden – auf diesem schmalen Grat balanciert das hier vorgestellte Buch meines Erachtens erfolgreich und gibt damit einen Einblick in die eben genannten Diastasen der gegenwärtigen Kirchlichkeit und Frömmigkeit in Deutschland für die Generation Y. In neun Porträts junger Menschen zwischen 25 und 35 geht es darum, wie diese Frauen und Männer ihren eigenen Glauben beschreiben und vor allem, wie er in ihrem Alltag Gestalt gewinnt. Die Perspektive der Interviewer bleibt dabei angenehm zurückhaltend und deskriptiv, die leichte und humorvolle Beschreibung der Interview-Settings gibt den Gesprächen Lebendigkeit und Farbe. Neben die Porträts tritt die Vorstellung von neun sogenannten Netzwerken, Orten neuer Kirchlichkeit: Projektgemeinden, landeskirchliche Innovationskirchen, fresh X – Leuchttürme. Während das Buch zu Beginn angesichts der Präsentation einer breit gestreuten Umfrage zu religiösen Stichworten den Blick ins Weite sucht, spitzt es sich am Ende zu, wird persönlicher, direktiver und gewinnt seine eigene Stoßrichtung: Mit fünf Themen, die laut der Wahrnehmung der Autoren die eigene Generation herausfordern und – das ist die implizite Forderung dahinter – denen sich ebenfalls die Amtskirchen nicht entziehen sollten: Der Vielklang des Glaubens, die Frage nach Partizipation, die unhintergehbare Pluralität der Lebensformen und ihre Verantwortbarkeit vor den eigenen Moralvorstellungen, die Ambivalenz der Erwartungen junger Gläubiger an ihre Kirche – in diesen Komplexen finden sich nach den Autoren die Kernfragen der Generation Y, was ihren Glauben und seine Lebbarkeit betrifft.

Ich habe das Buch gerne gelesen – und mich trotzdem nicht darin wiedererkannt. Obwohl ich doch mittendrin in der Generation Y bin. Ich bin in diesem Fall also nicht nur Rezensentin, sondern auch mögliches Forschungsobjekt und wechsele deswegen jetzt kurz die Perspektive, wie es das Genre einer gebloggten Rezension ja erlaubt: Aber nein, ich erkenne mich nicht wieder. Ich komme aus der oberbayerischen evangelischen Diaspora, ich kannte bis zum ersten Semester des Theologiestudiums nicht den frömmigkeitsgeleiteten Unterschied zwischen Landeskirche und Freikirche. Und auch von den beiden „Großen“, Patin und Pate der Generation Y, Christina Brudereck und Fulbert Steffensky, kannte ich dann nur Steffensky – und zwar als Ehemann der Theologin Dorothee Sölle.

Bei der Lektüre des Buches wurde mir ein ums andere Mal klar, wie groß die Lücke zwischen den jungen Menschen ist, die in der Evangelischen Jugend einer Ortsgemeinde aufwachsen, mit ihr erwachsen werden, und denen, die ihre Sprache, ihre Lieder und Gebete gewissermaßen „auf der Suche“ entdecken: die ausprobieren, was passt, Ideen entwickeln und dabei zu den Jesus-Freaks, ins Berlin-Projekt oder sonst wohin stolpern – ihr Ziel mitunter auch gezielt ansteuern. Das Gefühl des Anders-Seins, das „gift of not fitting in“, wie ich es von den Akteuren der freshX-Bewegung in diesem Jahr erstmals gehört habe – es ist mir fremd. Es war einfach nie mein Motor, es hat mich auch nie beunruhigt. Vielmehr fühlte ich mich in meiner örtlichen Kirchengemeinde aufgenommen, am richtigen Ort – unter so vielen Menschen, die ganz anders waren als ich: älter, bürgerlicher, gebildeter, erfahrener, auch spießiger. Beunruhigt hat mich vielmehr, dass ich das Glaubensbekenntnis nicht mitsprechen konnte, weil ich seine Floskeln und Hülsen nicht verstanden habe.

Was die Generation Y in diesem Buch von sich erzählt, klingt zwar frommer, als ich es selbst auf meinem Weg in den Pfarrdienst geworden bin. Und gleichzeitig bleibt die Beschreibung ihrer Glaubensinhalte für mich schemenhaft und manchmal inhaltsleer: Eine „anfassbare Beziehung zu Gott“ (S.73), wie sie Jonte beschreibt – was ist das? Eine ähnliche Frage stellen sich auch Leitlein und Schwenkenbecher, wenn sie sich darüber wundern, welch geringe Rolle Jesus in den Selbstaussagen der Porträtierten spielt: „Aber Jesus? (…) In unseren Erzählungen vom Glauben spielt er kaum eine Rolle – meist mussten wir unsere Porträtierten erst danach fragen, damit sie von ihm erzählten. Er bleibt seltsam blass und in Titel wie Retter oder Erlöser verhaftet, manchmal wird er immerhin als Vorbild genannt. (…) – ausgerechnet er bleibt eine Nebenfigur unserer Glaubenserzählung! Schock!“

Die „Blässe“ in der Schilderung solch gewichtiger Glaubenssaussagen verwundert nur auf den ersten Blick. Bei der Lektüre des Buches wird mehr und mehr deutlich, dass die Befragten sich auf die Methodik des Projekts in der Weise einlassen, wie auch der Titel des Buches formuliert „Wie wir glauben, lieben, hoffen.“ Ein Schwerpunkt der Fragestellungen der Autorin und des Autors liegt nicht auf den Inhalten, sondern auf den erfahrungsbasierten Glaubenswegen der Porträtierten. Sie fragen nach Orten und Beziehungen, nach Netzwerken und Schlüsselerlebnissen – die Antworten ergeben ein farbenfrohes Panorama, eine Frömmigkeitslandschaft der Generation Y. Was dabei nicht zur Sprache kommt, ist das Ausbuchstabieren und Selberformulieren, die Aneignung tradierter religiöser Formeln: Was sage ich, wenn ich gefragt werde, wie das Licht der Auferstehung meine innere Not und Dunkelheit erhellt – und warum mir das Halt gibt? Wie ich von Christus als Erlöser sprechen kann – und warum ich mich nicht selbst erlösen kann? In den zitierten Liedtexten klingt das an – aber es fehlt die Übersetzung in eine Sprache, die auch abseits der Poesie und der blumigen Gefühlsausdrücke trägt und verständlich ist.

Eine ähnliche Verlorenheit im Beschreiben und Ausdifferenzieren sehe ich bezüglich dessen, was Schwenkenbecher/Leitlein unter der Überschrift „Vorsicht mit der Moral“ thematisieren. Sie stellen fest: „Unsere Porträtierten maßten sich alle in diesen Fragen kein letztes Urteil an und wollten vor allem nicht riskieren, Menschen nicht respektvoll genug entgegenzutreten.“ Auch hier zeigt sich m.E. eine gewisse Blickverengung, was die Beschreibung des Verhältnisses von Glauben und Moral anbelangt: Ist es wirklich noch die Denkweise von jungen Christinnen und Christen heute, dass sie ihre Moralvorstellungen aus biblischen Geschichten und paulinischen oder alttestamentarischen Aussagen zur Gleichstellung von Frau und Mann oder zur Homosexualität herleiten? Und stimmt der folgende Satz tatsächlich? „Wenn wir von unseren Beziehungsbiografien erzählen, dann fallen wir womöglich am allerschnellsten als Christen auf.“  Bleibt die Darstellung der Autoren hier nicht vielleicht den konservativ-ängstlichen moralischen Normen einer frommen Filterblase verhaftet, die sich darin von den Beziehungsgeschichten des Rests der Leute am Kneipentisch unterscheiden? Auch hier muss ich feststellen: Ich erkenne mich nicht wieder.

Um es gleich hinterherzuschieben – die Qualität eines Buches ist natürlich nicht daran zu messen, ob sich eine Rezensentin darin wiedererkennt. So soll am Ende dieser Rezension ein Dank und ein Lob stehen für das, was das Buch in meinen Augen leistet: Es holt zwischen zwei Buchdeckel, was derzeit in Kolumnen wie denen von Hanna Jacobs und Alina Oehler und in all den fresh X Leuchtturmprojekten, auf Blogs und bei twitter diskutiert wird – einen Ausschnitt der Themen, die junge Gläubige heute in Deutschland bewegen, Beispiele wie sie ihr religiöses Zuhause beschreiben und wie sie es einrichten. Danke für dieses Buch!