Rezension zu: D. Timothy Goering, Friedrich Gogarten

von Claudia Kühner-Graßmann

Goering, D. Timothy: Friedrich Gogarten (1887-1967). Religionsrebell im Jahrhundert der Weltkriege (Ordnungssysteme. Studien zur Ideengeschichte der Neuzeit, Bd. 51). Berlin/Boston 2017.

Wenn eine Theologin die Biographie eines Historikers über einen Theologen rezensiert, wird in besonderem Maße ersichtlich, wie fruchtbar es sein kann, das Historische und das Theologische zusammenzuführen. Die Schwierigkeit besteht darin, weder das historische Interesse als defizitär zu betrachten, noch dem historischen Blick allein die Deutungshoheit über ein theologisches Werk zuzugestehen.

Der Historiker D. Timothy Goering legt mit seiner Gogarten-Biographie, die die überarbeitete Version seiner Dissertation darstellt, ein beeindruckendes Werk vor, das nicht nur für Gogarten selbst, sondern auch für seinen Kontext Erkenntnisse bereithält – hier vor allem für Formierung und Trennung des Kreises um die Zeitschrift „Zwischen den Zeiten“, der als Keimzelle der sog. Dialektischen Theologie gilt –, die ein hohes Erschließungspotential für die theologische Deutung bereitstellen. Gerade von der Netzwerkanalyse und der Einordnung in den jeweiligen historischen Kontext, auf den Goering als „Profanhistoriker“ einen anderen Blick wirft, kann die Theologiegeschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts durchaus profitieren.[1]

Die Lebensgeschichte Gogartens erzählt Goering – wie im Titel anklingt – über das Konstrukt des „Religionsrebells“, das sich zwischen Selbstzuschreibung und Interpretament bewegt (vgl. 5). Damit arbeitet Goering die eigentümliche theologische Stellung Gogartens heraus. Allerdings könnte eine genauere theologiegeschichtliche Analyse diesem Singularitätspathos etwas entgegenwirken, da sich – das macht Goering mit seiner Netzwerkanalyse stellenweise deutlich – doch auch vielfach Gemeinsamkeiten und Parallelen zu Zeitgenossen auffinden lassen.

Mit dem Fokus darauf, Gogarten als einen solchen Religionsrebellen darzustellen, gehen drei Aspekte einher, die sich durch das ganze Buch ziehen:

1) Erstens hebt Goering Gogartens „Kampf gegen die institutionelle Konfessionskirche und für die existenzielle Religiosität“ (10) und die Kritik Gogartens an der konkreten Gestalt der Kirche hervor. Dabei geht er kaum auf die ekklesiologischen Elemente im Denken Gogartens ein, sodass der Eindruck entsteht, dass sich Gogarten prinzipiell gegen ‚die‘ Kirche gewendet hätte. An dieser Stelle könnte auf Grundlage der Darstellung Goerings eine nähere theologische Analyse der Kirchenkritik in Gogartens Werk ansetzen, die möglicherweise doch differenzierter zu bestimmen ist.

2) Mit dem Begriff des „Religionsintellektuellen“ (11-13 u.ö.) bietet Goering zweitens im Anschluss an Friedrich Wilhelm Graf ein ideales Interpretament, um Gogarten gerade in seiner Frühzeit zwischen kirchlicher Berufsexistenz und Universitätstheologie einzuordnen.

3) Drittens untersucht Goering den „Zusammenhang zwischen Gogartens philosophisch theologischen Ideen und seinem Handeln“ (13). Es geht dabei vor allem um die gegenseitige Erhellung dieser theologisch-philosophischen Aspekte mit gesamt-gesellschaftlichen Tendenzen. Goerings Interesse ist es, „die ‚Neue Ideengeschichte‘ und die Religionsgeschichte näher zusammenzubringen“ (15). So wird ein doppeltes Vermittlungsinteresse dieser Biographie deutlich – aber auch das interessante Unterfangen dieser Arbeit zwischen rein historischer und theologiegeschichtlicher Untersuchung.

Mit diesen Leitmotiven erzählt Goering das Leben Gogartens in vier Etappen:
Zunächst widmet er sich unter der Überschrift „Das Erwachen eines Gottsuchers“ der Studien- und Pfarramtszeit bis 1918. Hier werden die Grundlagen für die weitere Deutung gelegt, vor allem durch die Einteilung Gogartens in die „vagierende Religiosität“ (23) als einer von vier religiösen Gruppierungen im Kaiserreich (24-34). Diese Einordnung bietet ein gewisses Erschließungspotential für Gogartens Werk, aber auch hier wäre über eine nähere ekklesiologische Untersuchung zu klären, ob der starke Gegensatz zur Kirche für Gogarten durchweg überzeugt. Goering zeigt im weiteren Verlauf immer wieder Spuren dieser vagierenden Religiosität im Gefolge Arthur Bonus’ und Gottfried Traubs auf (vgl. 85). Entgegen einer Interpretation, die die Brüche in Gogartens Werk hervorhebt, will Goering zwar Änderungen aufzeigen, diese aber zugleich als in Kontinuität mit diesem – scheinbar im Widerspruch dazu stehenden –  Frühwerk betrachten.

Im zweiten Kapitel „Dialektisches Jahrzehnt“ beschreibt Goering Formierung und Trennung des Netzwerkes der sog. Dialektischen Theologie. Allein für diesen Abschnitt lohnt sich die Lektüre dieses Buches. Zunächst erklärt er die Formierung des Netzwerks der Dialektischen Theologie aus dem Selbstbewusstsein der sich abgrenzenden jüngeren Theologen im Rahmen der zeitgenössischen Intellektuellennetzwerke, die sich zumeist unter dem Aspekt eines gemeinsamen Feindes bildeten. Mit dieser historisch notwendigen und sinnvollen Einordnung nimmt Goering etwas Pathos aus den verbreiteten Erzählungen der Formierung der sog. Dialektischen Theologie und liefert über das Motiv des gemeinsamen Feindes schon einen plausiblen Grund für das Auseinanderbrechen dieses Netzwerkes. Insbesondere ist hervorzuheben, dass Goering eine komplementäre Perspektive neben derjenigen Barths anbietet, die die Forschung stark prägt. Er präsentiert mit Gogarten, dem Namensgeber der Zeitschrift „Zwischen den Zeiten“, einen zweiten starken Kopf dieses Kreises. Auch wenn man dem Autor die Lust an der Dekonstruktion der Barth‘schen Perspektive (vgl. 284) anmerkt, verfällt er nicht einer gegenläufigen Helden- oder auch Opfererzählung. Im Gegenteil: Goering geht nicht zimperlich mit Gogarten um, wenn er ihn etwa als den „‚Bulldog‘ der Dialektischen Theologie“ (116) bezeichnet. Unter den vielen erhellenden Aspekten der Darstellung sei besonders noch auf zwei verwiesen: zum einen die Bedeutung von Konferenzen als Diskursmärkte für die Etablierung der Dialektischen Theologie (z.B. 140), zum anderen die Änderungen im Selbstverständnis Gogartens als Intellektuellen, die mit dem Wandel der gesellschaftlichen Rolle der Intellektuellen durchaus parallel verlaufen (vgl. etwa 177f.). Letzteres ist umso spannender, als dass Goering hier wiederum eine  beliebte Schematisierung der theologiegeschichtlichen Interpretation hinterfragt: Denn wird Barth üblicherweise im Gegenüber zu Paul Althaus oder auch seiner Lehrergeneration einem neuen Typus Theologen zugeordnet, der sich vor allem durch einen antibürgerlich-unkonventionellen Habitus unterscheidet, ordnet Goering hier gerade Barth dem „Gelehrtentypus eines Universitätsprofessors“ zu – im Gegenüber zu Gogarten als einem „kampflustigen Religionsintellektuellen“ (217). Dazu passt, dass Gogarten erst 1931 und nach langem Hin und Her auf einen theologischen Lehrstuhl nach Breslau berufen wurde.

Neben dem Netzwerk der Dialektischen Theologie macht Goering für Gogarten zwei weitere Bezugsnetzwerke aus: eines um den Philosophen Eberhard Griesebach und eines um die Religionspädagogin Magdalene von Tiling. Die wechselseitige Beeinflussung ist in diesen beiden Fällen zwar bereits bekannt und verschiedentlich ausgeleuchtet, aber die Netzwerkanalyse bietet neue Einblicke in Formierung und – im Falle Griesebachs – Bruch dieser Verbindungen, die über rein inhaltlich-theologische Aspekte hinausgehen.  Über den Befund, dass sich Gogarten nicht exklusiv auf ein Netzwerk von Kontakten beschränkt, präsentiert Goering eine gewisse Zwischenstellung, die Gogarten nicht nur im Rahmen der Dialektischen Theologie verortet.

Eine unbestreitbare Stärke dieser Biographie liegt in der Darstellung der NS-Zeit. Goering arbeitet hier vor allem die vielschichtigen Gründe für Gogartens Beitritt zu den Deutschen Christen heraus – einer Entscheidung, die „ihn für den Rest seines Lebens verfolgen würde“ (268). Auch hier verfällt der Autor nicht einem apologetischen Ton, sondern erhellt die völkisch-konservative Prägung von Gogartens Theologie, ohne diese undifferenziert als nationalsozialistisch zu brandmarken. Seine Haltung wird dabei vor allem über das Motiv einer „passiven Aktivität“ erklärbar, wie es  Goering aus Gogartens Menschen- und Ethik-/Politikverständnis herausarbeitet. Diese paradoxe Haltung während der NS-Zeit beschreibt Goering mit Kafkas Erzählung „Ein Hungerkünstler“ von 1924, womit Goering zugleich die tragische Unzeitgemäßheit Gogartens zu diesem Zeitpunkt herausstreicht.[2]

Die folgenden Jahre (1935-1947) stehen in der Darstellung unter dem Aspekt der Einsamkeit. Die zerbrochenen Kontakte und Freundschaften werden in Göttingen kaum durch neue ersetzt. Goering stellt Gogarten damit noch deutlicher als enttäuschten, verbitterten Einzelkämpfer dar, wobei dieser Zustand nicht als völlig unverschuldet präsentiert wird. So mündet die Erzählung der Lebensgeschichte Gogartens im vierten Kapitel in „Eine schriftliche Existenz“. Inhaltlich steht nun das Konzept der Säkularisierung im Vordergrund, das Goering in Kontinuität mit Gogartens Theologie der 1920er und 1930er Jahre begreifen kann (vgl. etwa 355f.). Biographisch wird neben der isolierten Gelehrtenexistenz in Göttingen besonders auf Gogartens Reisen nach Schottland und in die USA eingegangen. Ein Blick wird auch auf die durch den Tod Carl Michalsons abgebrochene Rezeption in der amerikanischen Theologie geworfen, deren Darstellung auch unabhängig von Gogarten interessante Einsichten bereithält. Aber auch hier wird eine gewisse Tragik in der Existenz Gogartens deutlich, deren Wurzel Goering  nicht nur in den äußeren Umstände, sondern in der Person selbst verortet.

Goerings Buch ist nicht nur eine Biographie Gogartens. Mit ihr und anhand ihrer skizziert er zugleich die gesellschaftlich-religiöse Lage einer Zeit – ausgehend von der Kaiserzeit und dem Konzept der vagierenden Religiosität. Die Konzentration auf dieses kirchenkritische Moment der Theologie Gogartens, das bisher wenig Beachtung in der theologiegeschichtlichen Konstruktion findet, fordert eine nähere theologische Analyse heraus.

Die Rezensentin hat zumindest den Verdacht, dass mitunter die unkonventionelle Form, die Gogarten ekklesiologischen Gedanken gibt, als unkirchlich verbucht wird. Doch hat sich im Protestantismus immer wieder eine scheinbar paradoxe Form von Kirchenbindung entwickelt, die sich dezidiert als Kirchenkritik ausgestaltet. Hier wird besonders deutlich, wie sehr auch die historische Arbeit in diesem Feld von einem geschärften theologischen Problembewusstsein profitieren könnte. Daher bleibt fraglich, warum Goering in seinem Forschungsüberblick am Ende des Buches derart stark die „Unzulänglichkeit der üblichen theologiegeschichtlichen Methode“ (434) hervorhebt. Sollte er meinen, auf diesem Wege  die Notwendigkeit einer historischen Bearbeitung eines Theologen  begründen zu müssen, wäre ein solcher Rechtfertigungsdruck jedenfalls aus theologischer Perspektive kaum verständlich. Im Gegenteil: Erkenntnisgewinn und Nutzen seiner Arbeit für die Theologiegeschichte stehen ganz außer Frage.

 

[1]     Vgl. ergänzend zu dieser Rezension Brunner, Benedikt: Rezension zu: Goering, Daniel Timothy: Friedrich Gogarten (1887–1967). Religionsrebell im Jahrhundert der Weltkriege, in: H-Soz-Kult, 27.06.2019, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-25044. Brunner geht als Kirchenhistoriker nochmals mehr auf die Methodik des Buches ein, während hier die historisch und systematisch interessierte Praktische Theologin  das Buch auf seinen theologischen Ertrag hin befragt.

[2]     „Aber das Interesse an dieser tragischen Hungerkunst war zurückgegangen“ (317).

Frisch über Barth, oder: Eine Pascal’sche Wette höherer Ordnung

Rezension zu: Ralf Frisch, Alles gut. Warum Karl Barths Theologie ihre beste Zeit noch vor sich hat, Zürich 2018

von Niklas Schleicher (@megadakka)

Das Barth-Jubiläum bringt es mit sich, dass unzählige Publikationen zu Ehren oder zur Erinnerung des großen Theologen erscheinen. Es gibt Romane, Biographien, Sammelbände, Studien zu seiner Theologie, aber auch eigenwilligere Entwürfe. Zu letzteren zählt sicherlich auch das Buch „Alles gut“ des Nürnberger Professors für Systematische Theologie Ralf Frisch.

Der Untertitel lautet „Warum Karl Barths Theologie ihre beste Zeit noch vor sich hat“. Der Autor unternimmt dabei den Versuch einer Re-Lektüre der barth‘schen Theologie (vor allem der KD), indem er eine andere Perspektive auf das Werk Barths einnimmt. Dazu später mehr.

Die knapp 200 Seiten des Buches sind gut geschrieben; das Buch liest sich angenehm, sieht man von manchen Wiederholungen und Redundanzen ab. Der Stil der 12 Kapitel ist dabei durchaus so, dass auch Nicht-Theologen* wahrscheinlich einige Dinge mit Gewinn lesen werden können. Stilistisch sind einige Metaphern anzumerken, die, um es diplomatisch auszudrücken, etwas schräg sind, so zum Beispiel, wenn vom „theologischen Absaugmanöver“ (93) die Rede ist.

Man kann das Buch in gewisser Weise in zwei unterschiedliche Ebenen unterteilen, die freilich ineinander verzahnt sind.

Die erste Ebene ist dabei eine Rekonstruktion der Theologie Karl Barths, die mit Barths theologischem Neuansatz im Römerbriefkommentar beginnt, dann aber vor allem die Theologie der Kirchlichen Dogmatik darstellt und rekonstruiert. Dabei behandelt er die Themen weniger chronologisch, als vielmehr thematisch und beschreibt Barths Gotteslehre, seine Anthropologie, die Ethik, die Ekklesiologie und die Versöhnungslehre. Insgesamt gelingt Frisch hierbei eine recht gelungene Rekonstruktion, die freilich nicht viel Neues bringt, und mehr oder weniger Mainstream der Barth-Forschung darstellt, nicht zuletzt auch aufgrund der immer wieder eingestreuten Spitzen gegenüber liberaler Theologie, so zum Beispiel:

„[Barths frühe Theologie ist] starker Tobak und keine geringe Zumutung für eine theologische Zeit, die von vielen Repräsentanten der liberalen Theologie leichtere Kost gewohnt war“ (59).

Hier ist freilich zu fragen: Welche liberale Theologie hat Frisch vor Augen und was ist leichtere Kost? Besser in den Zeitgeist der Avantgarde passte doch sicherlich Barths am Expressionismus geschulte theologische Sprache.

Und dann natürlich das inhaltliche Problem, das sich darin zeigt, dass Frisch nie genau deutlich macht, ob eher der Gott in den Vordergrund gestellt werden soll, der „regiert“ oder derjenige, der sich unendlicher Verschiedenheit zur Welt befindet, und zu dem auch die Menschen eigentlich keinen Weg haben und finden sollen. Freilich, dieser religionskritische und gleichzeitig christuszentrierte Blick des Christentums ist so etwas wie die DNA eines Barthianers, aber man sollte halt nicht vergessen, welche Probleme man sich auflädt, gerade auch auf ekklesiologischer Ebene. Die aktuelle kirchliche Öffentlichkeit kommt dann bei Frisch auch nicht besonders gut weg und wird, auch das ist ja mittlerweile einheitsstiftendens Moment vieler theologischen Richtungen, für Dinge wie ökologisches Bewusstsein kritisiert (108).

Aber gut, insgesamt kann man das alles als gute, süffige Einführung in eine Art des Barthianismus lesen. Man wird davon nicht dümmer und kann den einen oder anderen nützlichen Gedanken mitnehmen.

Die zweite Ebene des Buches ist dann die eigentliche Neuerung und dass es innovativ sei, wie Frisch Barth liest, nun, das betont Frisch selbst des Öfteren. Aber Ehre, wem Ehre gebührt, selbst, wenn man diese sich selbst zusprechen muss. Das neue und innovative ist, dass Barths Theologie als Erzählung gekennzeichnet wird. Barth wird verglichen mit J.R.R. Tolkien, die KD wird mit „Herr der Ringe“ parallelisiert. Die Ausgangsthese ist nämlich, dass Barths Theologie zu ungewöhnlich, zu groß ist, als dass sie sich einfach dem Geschäft wissenschaftlicher Plausibilisierung unterwerfen könnte. So werden der theologischen Rekonstruktion quasi fundamentaltheologische Prolegomena vorausgeschoben. Doch was in klassischen Entwürfen Abhandlungen über das Verhältnis von Bibel und Bekenntnis, über die Bedeutung der Vernunft oder der natürlichen Gotteserkenntnis waren, sind hier eben die Einordnung der barth‘schen Theologie als Fiktion und ihr Vergleich mit anderen romanhaften Werken (29-73).

Diese Idee scheint wirklich interessant zu sein, nimmt sie doch recht gut einen Trend in den Geisteswissenschaften auf, der sich irgendwie unter den Begriffen Narrativität und Narratologie verorten lässt. Und der Vergleich mit Tolkien ordnet Barths Theologie auch wirkungsgeschichtlich dort hin, wo sie zu Hause ist: Beides sind epochenmachende Werke von ungeheurer Detailtiefe und Wirkung.

Soweit, so gut? Nun ja. Meiner bescheidenen Meinung nach nimmt Frisch für seine spritzige Idee Probleme in Kauf, die sowohl Barth, der Aktualisierung seiner Theologie als auch der theologischen Wissenschaft einen Bärendienst erweisen.

Denn was passiert, wenn theologische Werke als Fiktionen eingeordnet werden? Sie entziehen sich zunächst der Überprüfbarkeit durch theologische Forschung. Denn: Kriterien der Wissenschaftlichkeit lassen sich eben kaum auf Tolkien anwenden, einziges Kriterium ist innere Stimmigkeit. Freilich, Barths Theologie hatte immer eine eigenständige Stellung gegenüber anderen Wissenschaften zu behaupten versucht, aber er konnte wenigstens Kriterien benennen, denen seine Theologie entsprechen muss, und seien es nur eine Übereinstimmung mit der biblischen Offenbarung.

Dieses Problem liegt auch daran, dass Frisch nicht die Heilsgeschichte oder das Christusereignis als Fiktion verstehen will, sondern die theologische Reflexion Karl Barths darüber. Um das etwas klarer zu machen: In der Theologie spielen Narrationen zum Beispiel eine Rolle, wenn es darum geht zu überlegen, wie eigentlich moralische Orientierung funktioniert. So Johannes Fischer. Er arbeitet heraus, dass unser moralisches Verstehen, also das Einordnen einer Situation als ethisch relevant und unsere daraus ergebende Handlungen durch Erzählungen geprägt sind: „Grausam“ verstehen wir, wenn jemand eine Situation schildert die grausam ist. Ja, selbst unsere Lebensführung als ganzes und damit unsere ethische Orientierung ist symbolisch verfasst und damit auch auf Narrationen angewiesen. Aber: Das Geschäft des Ethikers ist es nicht, die eigene Reflexion darüber als Erzählung zu verfassen, die reflexive Ebene ist bei diesem Fall deskriptiv und kritisch: Sie stellt die Narrationen in einen Kontext und versucht die Bedingungen und ihre Geltung zu beschreiben.

Und weiter: Karl Barth würde wahrscheinlich der Einordnung seiner Theologie nicht nur nicht zustimmen, ich denke, er würde sie ablehnen. Nicht nur, weil seine Theologie zwar sprachlich interessant ist, aber doch nicht den ästhetischen Kriterien eines Romans entspricht. Die Gegenprobe lässt sich recht einfach machen: „Herr der Ringe“ wurde deshalb wieder zu einem echten Bestseller, weil die Bücher brillant verfilmt wurden. Ich jedenfalls mag mir keine Verfilmung der KD vorstellen (außer Robert Downey Jr. spielt die erste Person der Trinität).

Aber weg von Spekulationen über das, was Barth denken würde – auch davon ist Frischs Buch selbst nicht frei – hin zu dem, was Sache ist: Barth war es um seine Theologie ernst. Ihm ging es um was. Am „Nein“ gegen Brunner ist nichts Verspieltes oder Lustiges. Und auch wenn sich seine Theologiegeschichte teilweise vergnüglich liest, ist ihm die Ablehnung des 19. Jahrhunderts doch sehr ernst.

Und weiter: Barths Theologie war immer geprägt durch Zeitgenossenschaft in einem ganz spezifischen Sinne. Als Pfarrer in der Schweiz sah er die Armut der Arbeiterschaft und entwickelte Sympathien für den religiösen Sozialismus. Dann sah er im ersten Weltkrieg und danach die Fehler des Kulturprotestantismus und entwarf eine Theologie, die Gott als den anderen, den richtenden Gott in den Vordergrund stellte. Im dritten Reich und danach stellte er die Macht Gottes gegen die Herrscher der Welt. Und freilich: Barth hat selbst etwas Gelassenes an sich. Aber seine Gelassenheit ist doch darin begründet, dass es um seine Theologie umso ernster ist. Das Gott regiert ist keine schöne Gegenerzählung und nichts, dass sich mit Frodos Weg zum Schicksalsberg oder Gimlis Heldenmut bei Helms Klamm vergleichen lässt. Dass Gott regiert, muss für Barth wahr sein, ansonsten ist alles verloren. Es war für ihn nicht „Alles gut“ in dem Sinne, dass Theologie doch nichts anderes ist als ein großes Spiel, dass entweder sich auszahlen könnte oder auch nicht.

Was Frisch also treibt, ist eine Pascal’sche Wette höherer Ordnung, nur dass er sich als Gewährsmann den größten Theologen des 20. Jahrhunderts nimmt, der sich halt nicht mehr so recht wehren kann. Ich bin wirklich kein Barthianer, und Frischs Werk hat unter diesen und auch anderen durchaus viel Zustimmung und Interesse erhalten. Es könnte mir eigentlich reichlich egal sein, wer Barth wie interpretiert und anwendet. Aber was man von Barth lernen kann: in der Theologie kann es um alles gehen. Denn, und das zum Schluss: Eine „fiktionale Gegenerzählung“ hat eben ein entscheidendes Merkmal: Sie ist fiktiv. Und sollte es das sein, was die Theologie über Gott zu sagen hat, dann können wir es halt auch bleiben lassen.

 

 

 

 

Rezension zu: Werner Thiede, Karl Barths Theologie der Krise Heute

Werner Thiede (Hrsg.), Karl Barths Theologie der Krise Heute. Transfer-Versuche zum 50. Todestag, Leipzig 2018.

Rezensiert von Martin Böger

Pünktlich zum 50. Todestag Karl Barths am 10. Dezember 1968 und dem 100-jährigen Jubiläum des Erscheinens seines Römerbriefkommentars 1919 ist es mehr als angemessen, diesen umtriebigen und prägenden Theologen des 20. Jahrhunderts auf verschiedenste Arten und Weisen zu würdigen.

In den Reigen dieser Festivitäten reihen sich erfreulicherweise neue Publikationen. Werner Thiede versammelt als Herausgeber unter dem vielversprechenden Titel „Karl Barths Theologie der Krise Heute. Transfer-Versuche zum 50. Todestag“ verschiedene Autoren, die sich jeweils einem Teilaspekt der barth‘ schen Theologie annähern.

Die einzelnen Beiträge bilden in ihrer Breite die zentralen theologischen Topoi ab, mit denen sich Barth Zeit seines Lebens auseinandergesetzt hat und die in besonderem Maße für seine Theologie stehen: Theologie der Krise, Dialektische Theologie, Abgrenzung zur Liberalen, Offenbarungstheologie, Schriftverständnis; Sünde und Versöhnung, Ethik, Christologische Zentrierung, Theologie, Pneumatologie, Ekklesiologie, Taufe und Eschatologie.[1]

Die einzelnen Beiträge bewegen sich zwischen einer Darstellung der barth’ schen Theologie und einem darauf aufbauenden Transferversuch für ein »Heute«. So vergleichen Harald Seubert und ebenso Christofer Frey die gesellschaftlichen Herausforderungen des beginnenden 20. Jahrhunderts mit denjenigen des 21. Jahrhunderts und kommen zum Schluss, dass Barths Theologie wahrscheinlich weder damals noch heute dem Zeitgeist entsprechen will, sondern eher zur kritischen Spiegelfigur der eigenen postmodernen Selbst- und Wirklichkeitsdeutung wird. In diese Kerbe schlagen zurecht auch zahlreiche andere Beiträge: Gerade für die pluralistische-postmoderne Gesellschaft in ihrem Diskurs um Wahrheit und Sinn kann die Theologie Barths ein bedenkenswerter Gesprächspartner werden, der so manche postmoderne Denkweisen und Wahrheit(en) kritisch hinterfragen lässt, die um die Begriffe der Autonomie, der Individualität und der Freiheit kreisen.

Für einen lohenden weiterführenden theologischen Diskurs ist Wolf Krötkes Beitrag zu erwähnen, der sich im Gegenüber zu aktuellen Verlautbarungen der EKD zum Thema Taufe mit den für ihn bleibenden Anfragen Barths an die gängige Taufpraxis beschäftigt.

Etwas fragend lassen einen jedoch die Beiträge von Ralf Frisch und Werner Thiede zurück. Frisch deshalb, weil er mit dem kecken Anspruch antritt, die Sündenlehre Barths in drei aktuelle Diskussionslagen zu übertragen: „Die Sünde des Islams“, „Die Sünde der identitären Rechten“ und „Die Sünde der postfaktischen Kultur“. Ob jedoch der Übertragungsversuch auf den islamischen Bereich in irgendeiner Form hilfreich bzw. lehrreich sein könnte, soll hier mindestens mit einem großen Fragzeichen versehen werden, hinterlässt der entsprechende Abschnitt doch viel eher den Anschein, dass das Religionsverständnis des Islams von außen und für die These des Abschnitts einseitig vereinnahmend behandelt wird. Hier wäre für den wichtigen Ansatz des Beitrages ein Beispiel aus dem aktuellen (fundamentalistischen) christlichen Kontext m.E. sprechender und erhellender gewesen. Thiedes Mutmaßungen in Teilen seines Beitrages über den genauen Sterbezeitpunkt Barths, den er über die genaue Sterbehaltung Barths herausgefunden haben will, haben eher etwas mit einer Hagiografie als einem wissenschaftlichen theologischen Diskurs zu tun.

Dem Herausgeber ist in seinem Vorwort zuzustimmen: Barths Theologie lohnt sich – gerade auf dem Hintergrund unserer pluralen, ambiguen und postmodernen Gesellschaft. Und ja, vielleicht hat die Theologie Barths ihre beste Zeit noch vor sich (man schaue nur in den angloamerikanischen Raum, wo Barth als deutlich hipper und anschlussfähiger gilt als hierzulande). In diesen für die Theologie herausfordernden Zeiten sind noch nicht alle Schätze gehoben, die sich in Barths weitverzweigten Werk aufspüren lassen, wenn es um die Sache des Menschen, die Sache Gottes geht; was Kirche ausmacht und wie sich in ihrer Zeitgenossenschaft für die Welt einzusetzen hat.

Treffend schreibt Frey in seinem Beitrag: „Soll Karl Barths Theologie weitergedacht werden, darf sie nicht nur theologisch eingeordnet werden.“ (S. 48) An der einen oder anderen Stelle hätte man den Autoren des Bandes jedoch etwas mehr Mut zu dieser Einsicht gewünscht. So bleiben doch einige Transferversuche zu stark in einer historisch-theologischen Darstellung der Theologie Barths verhaftet.

Daher hinterlässt es einen besonderen faden Beigeschmack, dass keine einzige Frau unter den Autoren zu finden ist und daneben auch niemand, der sich der jüngeren bis jüngsten Generation des wissenschaftlich-theologischen Standes zurechnen könnte (der jüngste Autor ist Jahrgang 1971). Gerade ein solch junger Blick hätte beweisen können: Ja, die Theologie Barths bleibt eine Inspiration und Herausforderung für eine gegenwärtige Theologie im Diskurs für Gegenwart und Zukunft.

 

[1] Harald Seubert, Zwischen den Zeiten: Karl Barths Krisis-Theologie und die Krise der gegenwärtigen Theologie; Christofer Frey, Karl Barth und die »Dialektik der Aufklärung«; Ulrich Beuttler, Radikale Theologie der Offenbarung: Karl Barth und die postmoderne Phänomenologie und Hermeneutik; Matthias Gockel, Barths offenbarungstheologischer Ansatz im heutigen Kontext pluralistischer Religionstheologie; Günter Thomas, Karl Barths pneumatologischer Realismus und operativer Konstruktivismus; Volker Leppin, Karl Barth, die Mystik und das Wort; Christoph Raedel, Barths Schriftverständnis und die historisch-kritische Methode in der Krise; Ralf Frisch, Der nichtige Widerstand gegen die Gnade Gottes: Karl Barths Sündentheologie heute; Hans G. Ulrich, Karl Barths Ethik – Rückblick und Ausblick; Hans Schwarz, Barths Christologie und liberale Dekonstruktionen der Gegenwart; Matthias Heesch, hat die liberale Theologie Karl Barth besiegt?; Eberhard Busch, Karl Barths Lehre von der Kirche – eine notwendige Erinnerung; Wolf Krötke, Der »Dienstantritt« der Partnerinnen und Partner Gottes – die Taufe; Werner Thiede, Karl Barths individuelle Eschatologie und die Krise der Ganztod-Theologie.

Rezension zu: Praktische Theologie. Ein Lehrbuch

Fechter, Kristian/Hermelink, Jan/Kumlehn, Martina/Wagner-Rau, Ulrike: Praktische Theologie. Ein Lehrbuch (Theologische Wissenschaft, Bd. 15), Stuttgart 2017.

Rezensiert von Claudia Kühner Graßmann

Lehrbücher zur Praktischen Theologie gibt es viele auf dem Markt, sei es als Entwurf (Grethlein oder Rössler1), Arbeits- und Studienbuch (Meyer-Blanck/Weyel2) oder als Behandlung einer Subdisziplin (Klessmann3). Dennoch schafft es das hier zu besprechende Lehrbuch, eine Lücke zu füllen, indem es die Varianz praktisch-theologischen Arbeitens schon durch die Mehrautorenschaft4 darstellt, indem es explizit auf akademische Prüfungen zuspitzt, aber auch die praktische theologische Ausbildungsphase im Blick behält (vgl. S. 16) und nicht zuletzt durch seinen problemorientierten Zugriff. Allgemein gesagt, geht es den Autor*innen um einen Überblick über die Praktische Theologie, ihren Aufgaben und Problemen vor dem Hintergrund empirischer Befunde und (theologie)geschichtlicher Einsichten.

Praktische Theologie wird als „Theorie pluraler christlich-religiöser Praxis in der Gegenwart“ definiert, die auf „Zeitgenossenschaft“ (S. 16) aus sei. Damit wird der Gegenwartsbezug deutlich, der die Gliederung sowie den Zugriff auf die Subdisziplinen Praktischer Theologie durchzieht. Deren Behandlung geht zunächst ein Abschnitt zu Querschnittsthemen (I.) voraus. Ulrike Wagner-Rau erläutert dabei den Begriff der Praktischen Theologie als Theorie christlicher Religionspraxis. Sodann wird das Verhältnis von Christentum und moderner Gesellschaft, von Religion und Gegenwartskultur dargestellt (Kristian Fechtner). Das Kapitel endet mit Martina Kumlehns Ausführungen zu Religion und Individuum. Es kommt hier also allgemein das Setting in den Blick, in und mit dem es die Praktische Theologie zu tun hat. Dem informierten Theologen mag hier einiges schon selbstverständlicher sein als die Darstellungen mit ihrem gewissen Moderne-Pathos verraten. Die Skizzierung der Grundlagen Praktischer Theologie sind dennoch wichtig und hilfreich für das Verständnis der weiteren Abschnitte. Zudem geben die angeführten Literaturverweise Theorien und Namen an die Hand, mit deren Hilfe sich gegenwärtige Diskussionen erschließen.

Herzstück und Hauptteil des Buches bilden die sog. Handlungsfelder (II.), in denen die Autorinnen und Autoren jeweils einen Überblick über Probleme und Debatten geben. Der Anspruch des Lehrbuchs ist, diese Kapitel als selbstständig zu betrachten. Kohärent und vergleichbar werden sie durch ihren Aufbau: Ausgangspunkt der Abschnitte bildet die Betrachtung von exemplarischen Herausforderungen. Der Blick geht dabei auf Probleme der Gegenwart, denen ebenfalls an manchen Stellen ein eigentümliches Modernepathos entgegentritt. Es folgt eine Orientierung im jeweiligen Handlungsfeld, in dem es wiederum erst einmal nicht um praktisch-theologische Theoriebildung, sondern um Erläuterungen von Bedingungen, Typisierungen und Vorkommnissen geht. Im dritten Abschnitt werden empirische Befunde erläutert, bevor viertens nach historisch-systematischen Anschlussstellen gefragt wird. Es folgen fünftens praktisch-theologische Grundbestimmungen, sechstens eine Darstellung aktueller Diskurse und schließlich siebtens ein Ausblick auf Zukunftsfragen. Die Abschnitte fallen je nach Handlungsfeld und Autor*in ausführlicher oder kürzer aus. Hier liegt eben ein Reiz dieses Lehrbuchs: die Gewichtung der einzelnen Abschnitte bzw. Herangehensweisen findet in jedem Kapitel anders statt. Durch die gleiche Gliederung wird allerdings ein Blickwinkel vorgegeben, der einen organisierenden Blick auf die jeweiligen Disziplinen Praktischer Theologie (mit Ausnahme des Themas „Frömmigkeit/Spiritualität [II.10] handelt es sich dabei um die gängige Unterteilung der Praktischen Theologie) ermöglicht. Dieser läuft, wie in der Darstellung der Gliederung angedeutet wurde, über die Einbettung in den praktischen Vollzug – wie der Begriff „Handlungsfelder“ ebenfalls zeigt. Dahinter steht die Intention, praktisch-theologische Debatten problemorientiert zu erläutern (vgl. S. 15). Das mag einer eher historisch und akademisch ausgerichteten Praktischen Theologin zunächst fremd sein, aber die Herangehensweise bringt gerade in ihrer anwendungsorientierten Perspektive durchaus interessante Impulse mit sich. Sie lenkt dadurch auf Probleme und bringt exemplarisch und durchaus jeweils perspektivisch und konzeptionell (vgl. S. 15f.) Anregungen für die theologische Auseinandersetzung. Nimmt man die eigene Grenzwahrnehmung der Autor*innen ernst, das eigene Studium nicht ersetzen zu wollen, wofür rein äußerlich schon die Literaturangaben am Ende jedes Kapitels und die Kürze der jeweiligen Beiträge spricht, ist dieses Buch eine wunderbare Einführung und Bündelung zugleich, die zu weiterer Auseinandersetzung, Problemstellungen und Theoriearbeit anregt. Zudem nimmt man gleichzeitig durch die Varianz der Autor*innen exemplarisch die Breite praktisch-theologischer Arbeit und Herangehensweisen wahr. Durch die Kürze, das sei extra betont, stellt die Lektüre auch keine allzugroße Zumutung für Theolog*innen im Pfarrdienst dar, die mit diesem Buch ihre Wahrnehmung auf die Handlungsfelder hinterfragen können. Dabei zeigt die aus dem zugrundeliegenden Begriff der Praktischen Theologie als „Theorie pluraler christlich-religiöser Praxis in der Gegenwart“ (S. 15) Chance und Gefahr zugleich auf. Aber der exemplarische Blick auf die Problemlage kirchlicher Praxis kann mit diesem Buch geschult und geschärft werden – in Zustimmung, Abgrenzung und Weiterarbeit.

1Vgl. Grethlein, Christian: Praktische Theologie, Berlin/Boston 2012 und Rössler, Dietrich: Grundriß der Praktischen Theologie, 2., erw. Aufl., Berlin/New York 1994.
2Vgl. Meyer-Blanck, Michael/Weyel, Birgit: Studien- und Arbeitsbuch Praktische Theologie, Göttingen 2008.
3Vgl. Klessmann, Michael: Seelsorge. Begleitung, Begegnung, Lebensdeutung im Horizont des christlichen Glaubens. Ein Lehrbuch, Neukirchen-Vluyn 42012.
4Hierbei sei zudem noch Tobias Braune-Krickau genannt, der den Abschnitt zur Diakonik (II.8) beisteuert.

Klaas Huizings „Zu dritt“ – Ein Leseeindruck

von Claudia Kühner-Graßmann

Klaas Huizing: Zu dritt. Karl Barth, Nelly Barth, Charlotte von Kirschbaum. Roman, Tübingen: Klöpfer und Meyer 2018.

Unter den vielen Veröffentlichungen zum Karl-Barth-Jahr, die teilweise auch hier besprochen wurden und werden, sticht Huizings Roman doch besonders hervor. Schon die Idee, das vielfach angedeutete, aber immer wieder auch durch sog. Barthianer zur Seite geschobene Dreiecksverhältnis Karl Barths mit seiner Ehefrau Nelly und Charlotte von Kirschbaum als Roman zu verarbeiten und dabei zugleich theologische Erkenntnisse durch Verweise auf Werke Karl Barths, biographische Ereignisse durch das Abdrucken von Briefen und gesellschaftliche Ereignisse einzubeziehen, scheint genial zu sein.

Zunächst möchte ich meinen Leseeindruck darstellen und in einem zweiten Schritt (nicht-)mögliche Auswirkungen auf das Bild Karl Barths, die sich aus der Lektüre ergeben könnten, erläutern. Dabei handelt es sich, das soll ebenso im Bewusstsein bleiben wie der Romancharakter des Buches, um meinen persönlichen Eindruck.

I. Der Leseeindruck

Huizing zeichnet ein (literarisches) Bild der Ereignisse, Szenerie, Personenkreise, Gedanken der einzelnen Personen, sexuellen Annäherungen und Vollzüge, das zuweilen beunruhigend wirkt. Beunruhigend nicht, weil hier vermeintlich das Bild Karl Barths auf dem Spiel steht, nein, beunruhigend wegen der permanenten Spannung in diesem Dreiecksverhältnis, das von den Beteiligten als Notgemeinschaft bezeichnet wird. Diese Spannung wird, das ist eine große Leistung des Buches, nicht aufgelöst. Das macht es teilweise fast unerträglich. Aber eben auch gut, zumal das Verhalten der Einzelnen kaum bewertet wird bzw. die Bewertung durch den Kontext indirekt und wechselseitig geschieht. Niemand kommt hier einseitig schlecht oder gut weg. Die romantische, sexuelle Anziehung zwischen Lollo, wie Charlotte von Kirschbaum immerzu genannt wird, und Barth wird nicht gegen die Ehe der Barths ausgespielt, obgleich man zugleich auch den Wunsch nach Ausleben dieser Beziehung nachzuvollziehen vermag. Charlotte, die als geniale, schöne rechte Hand Barths zuweilen besser wegkommen könnte, wird eben nicht verklärt, sondern auch als eifersüchtige, zu cholerischen Anfällen neigende Frau gezeigt. Während Nelly weder nur die biestige noch nur die rein barmherzige, verständnisvolle Ehefrau ist. Wobei Nelly deutlich weniger direkt vorkommt, als indirekt durch ihren Status als Ehefrau und ihre Handlungen, von denen berichtet wird. Karl Barth hingegen wirkt in der Darstellung Huizings zwar zerrissen, aber durchaus gockelhaft und seiner Frau gegenüber stellenweise unfair, was vielleicht angesichts des zeitlichen Kontextes als meine Deutung anachronistisch sein mag. Aber daraus spricht ein Zug, der mir aus Karl Barths theologischen Schriften durchaus bekannt ist: die gewisse Hybris, die ihm zu eigen ist. Die Hybris, alles unter „die“ richtige Sache zu stellen – auch die verhinderte Scheidung oder die eigene Gesundheit. Alles soll hinter der Sache, zu der sich Barth gesandt weiß, zurückstehen bzw. sich ihr beugen. Das wird vor allem an den Passagen, die die Bearbeitung der Kirchlichen Dogmatik mit thematisieren, deutlich.

Es ist schon stellenweise sehr bewundernswert, wie Huizing Theologie und Roman hier miteinander verknüpft. Das wird nicht nur durch Heranziehen einzelner Schriften, sondern auch durch die Art und Weise wie etwa Personen bewertet werden – am deutlichsten an Brunner oder Gogarten zu sehen – deutlich. Die schriftlich geführten Auseinandersetzungen werden hier geschickt in persönliche Gedanken (meistens als Gespräch zwischen Lollo und Karl) übertragen. Freilich mag das an manchen Stellen einigen Lesern* zu gezwungen wirken, aber mir scheint das in den meisten Fällen sehr gelungen zu sein.

Huizing umgeht es nicht, neben der geistig-intellektuellen auch die körperliche Anziehung zwischen Karl und „Lollo“ zu beschreiben. Bei den diversen Darstellungen des sexuellen Kontakts scheint zwar mitunter die Phantasie mit ihm durchzugehen, aber es wird nie eine Ebene überschritten, die es zu pornographisch oder voyeuristisch werden lässt.i Es kann ihm positiv angerechnet werden, die körperliche Ebene nicht auszublenden. Das betrifft nicht nur das Sexuelle, sondern auch die Darstellung von Leiden und Krankheit, die häufig mit psychischen Stressfaktoren einhergehen und eine weitere Darstellungsebene des Romans bilden. Über die Ebene des Körpers gelingt es Huizing, die Spannung innerhalb dieser Dreierkonstellation umfassender zu präsentieren. Besondere Eindringlichkeit kommt dem am Ende zu, wenn Lollos Erkrankung aufkommt. Aber auch hier schafft es Huizing, nicht die Grenze der Schaulust oder gar Schadenfreude zu übertreten. Im Gegenteil.

Das Buch ist es wert, gelesen zu werden. Neben den gleich näher zu beleuchtenden Implikationen für das Bild Karl Barths, ist es ein guter Roman, der seine Spannungsbögen hält – auch in den Details.ii Aber die Lektüre lohnt sich auch trotz und gerade wegen der Schwächen, die diese ungewöhnliche Mischung aus Historie, Romandarstellung, Fiktion und theologischer Werkerschließung enthält.

II. Konsequenzen für das Bild Karl Barths?

Bringt die Lektüre dieses biographischen Romans Implikationen für das Bild Karl Barths mit sich? Zunächst einmal handelt es sich um einen Roman. Das sollte beachtet werden, auch wenn es unnötig zu erwähnen scheint. Es lassen sich aus den Einzelheiten, den einzelnen Gedanken und Handlungen daher keine Erkenntnisse über Karl Barth gewinnen.

Für die Barth-Rezeption ergeben sich aber dennoch gewisse, wenngleich indirekte und keineswegs ganz neue Einsichten. Zunächst zeigt der Roman deutlich auf, dass das Dreiecksverhältnis zwischen Karl, Nelly und Lollo kein Geheimnis war, wie es strenge Barthianer gerne dargestellt haben. Im Gegenteil: es wurde nicht verheimlicht, was etwa auch die – bekannte! – Vermittlung durch Thurneysen oder die durch die Kinder Barths erlaubte Veröffentlichung der Liebesbriefe Charlottes und Karls zeigen.

Der Roman birgt also in der Sache nichts Neues, obgleich für manche die Erkenntnis, dass Karl Barths Lebensstil nicht immer seinen strengen ethischen und moralischen Maßstäben entsprach, nicht nur zuträglich sein wird. Das ist umso brisanter als Barth manchen als – ich übertreibe nun bewusst etwas – der schlechthin gute Theologe gilt. Barth hat durch sein Eintreten für die Bekennende Kirche zwar viel geleistet, das bleibt unbestritten, aber wurde dadurch eben auch ab und zu zu einer moralisch unnahbaren Person stilisiert. Huizings Roman trägt nun nicht zu einer Abwertung der Person Karl Barths bei. Das nicht. Aber zu einer Vermenschlichung, wenn man das so sagen will. Diese hat zwar keine direkten Implikationen für die Interpretation seiner Werke. Aber es kann dazu beitragen, die Barth-Rezeption zu entmystifizieren, was auch einer vermeintlichen Heiligkeit seiner theologischen Texte wehren kann. Barth als Mensch mit und in aller Klugheit, Körperlichkeit und Sturheit, das zeigt Huizings Romanfigur. Darin besteht auch das Provokationspotential.

Es wundert daher nicht, dass für einige Barthianer der Roman einen Anstoß bedeuten könnte. Für viele wird es kaum zu ertragen sein, wie „ihr“ Barth sich mit schnalzendem Geräusch ein Kondom überzieht. Aber es wäre ein arges Missverständnisses, würde das als Beschmutzung des Andenkens betrachtet werden. Das Buch stellt gerade in dieser vermeintlichen Absurdität einen wahrlich kulturprotestantischen Clou zum Barth-Jahr dar, dessen Lektüre anempfohlen wird – auch wenn die Gefahr besteht, bezüglich Karl Barths Begeisterung für Mozart zu kichern oder bei Äußerungen zum Abendmahl an eine post-koitalen Szene denken zu müsseniii. Aber das dürfte es wert sein.

 

i Ein Beispiel für eine solche gewöhnungsbedürftige Szenerie, die zugleich Barths Liebe zu Mozart einspielt: „Mit der linken Hand drehte er ganz vorsichtig an ihren harten Brustwarzen, fand einen Sender, der Mozart im Programm hatte, kitzelte mit der Zunge ihren Bauchnabel“ (S. 116).

ii Hierbei sei etwa auf das „Odol“ zu verweisen, das Lollo und Karl beim gemeinsamen Besuch einer Gesundheitsmesse zu Beginn des Buches erstehen und das am Ende, wenn Nellys Hang zum Alkoholismus angedeutet wird, wieder eine Rolle spielt.

iii Bei letzterem beziehe ich mich auf die Szene auf S. 53. Ob die Assoziationsmöglichkeiten der Kelchmetaphorik hier durch die schwäbisch-prüde Phantasie der Rezensentin überspannt wird oder nicht, sollte jeder* Leser* selbst herausfinden.

Rezension: Wilfried Härle, Worauf es ankommt.

 

Wilfried Härle: Worauf es ankommt. Ein Katechismus, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2018.

Für www.nthk.de rezensiert von Alexander Proksch am 28. Juli 2018, veröffentlicht am 17.01.2019

 

Zugespitzte und gleichzeitig allgemein verständliche Antworten auf Fragen des Glaubens an den dreieinigen Gott zu erhalten, war schon immer die Sehnsucht derer, die Gewissheit suchen. Glaubenswahrheiten präzise und keinesfalls banal zu formulieren, wohnt daher dem Christentum mit seinem Auftrag zur Weitergabe des Evangeliums inne. Darum bewährt sich die Frage-Antwort-Methode eines Katechismus bis heute. Nicht umsonst ist im evangelischen Bereich der Erwachsenenkatechismus ein in etlichen Auflagen erschienener Dauerbrenner auf dem religiösen Büchermarkt. Vor kurzem erschien ein neuer Versuch für ein kleinformatiges Lehrbuch. Die Erarbeitung eines gegenwartsnahen Katechismus wagte ein emeritierter Professor für Systematische Theologie.

Der Heidelberger Systematiker Wilfried Härle legt, gegliedert in zehn Themenkomplexe, einen leicht zugänglichen Text aus 180 Fragen und Antworten vor. Der Titel „Worauf es ankommt“ nimmt Bezug auf die erste der durchwegs gehaltvollen Fragen. Ungewöhnlich ist die Entstehungsgeschichte dieses Werkes: Das Unterfangen fußt auf einem Wettbewerb der Badischen Landeskirche anlässlich des 450-jährigen Jubiläums des Heidelberger Katechismus. Härle legte den Entwurf für seinen Katechismus vor, den er danach mit Mitstreitern in mehrjähriger Arbeit aus dem Kreise der Badischen Kirche weiter bearbeitete. Die Verteilung an Interessierte aller Generationen mit der Bitte um Rückmeldungen entwickelte das Gemeinschaftsprojekt fort und führte zum nun publizierten Endergebnis. Der Band will eine Hilfe sein für Erwachsene, insbesondere für Pädagogen in Schule und Gemeinde. Vom Design wirkt der Katechismus durchaus frisch und für alle Altersklassen ansprechend. Auf jeder rechten Seite findet sich der Fragen-Antwort-Katalog, auf den jeweils links passende Bilder und Zitate kombiniert wurden. Bibelverse wechseln sich ab mit Zitaten von Theologen und Intellektuellen aller Epochen. Strophen aus dem Evangelischen Gesangbuch stehen neben Bilder oder Fotos aus der Christentumsgeschichte – ansprechend und geschickt komponiert.

In seinen formulierten Antworten steht der Autor in der Tradition seiner eigenen Dogmatik aus dem Jahr 1995. Auffallend damals wie in den zuletzt erschienenen Publikationen ist das Bestreben Härles, Christen ein sprachliches und argumentatives Handwerkszeug an die Hand zu geben, damit sie sich selbst wie gegenüber anderen Rechenschaft über ihren Glauben geben können. Mutig scheut sich der Text nicht, selbst komplexen Fragen prägnante Erwiderungen entgegen zu stellen. Die alte und reizbare Frage nach dem Leid in der Welt etwa nimmt Härle folgend auf: „Wenn Gottes Wesen Liebe ist, wie kann Gott dann so viel Leid und Böses in der Welt zulassen? Gottes Liebe zeigt sich in dieser Welt nicht darin, dass er uns Leiden generell erspart und uns am Tun des Bösen hindert, sondern darin, dass er uns das Leiden zu tragen hilft, uns im Kampf gegen das Böse beisteht.“ (86. Frage)

Härle bleibt in allen Gedankengängen klassischen Begriffen und Denkmustern verhaftet. Sein Katechismus will den Leser mit tradierten Glaubenssätzen bekannt machen, diese aber verständlich in Bezug zur Lebenswelt vernetzen. Ein Beispiel sind zwei aufeinander folgende Fragen im Kapitel „Der christliche Glaube an den dreieinigen Gott“: „Was für eine lebenspraktische Bedeutung hat die Trinitätslehre? Sie gibt auf Fragen eine Antwort, die viele Menschen beschäftigen: Wo kann ich Gott finden? und: Wie kann ich Gott finden?“ und „Welche Antwort gibt die Trinitätslehre darauf? Sie sagt: Du kannst Gott dort finden, wo er sein Wesen zu erkennen gibt: in Jesus Christus; und du kannst Gott so finden, dass er sich dir durch seinen Geist zu erkennen gibt.“ (101./102. Frage)

Es tut in diesem Beitrag gut, an keiner Stelle über wohl gemeinte Dolmetscherversuche zu stolpern und mit vermeintlich modernisierten (aber letztendlich unzureichenden) Begriffen in christlichen Glaubensaussagen konfrontiert zu werden. Von Gott wird als dem „Schöpfer“ gesprochen und das Endgericht wird dezidiert genannt. Innovativ wirkt Härle nicht durch die Suche nach originellen Wortschöpfungen, sondern in der Verständlichkeit seiner Antworten. Die unveränderte Aktualität dogmatischer Aussagen für einen Menschen sticht immer wieder prägnant hervor, beispielsweise in der 174. Frage: „Welche Bedeutung hat dieses Gericht Gottes? Das Jüngste Gericht erinnert uns an die Einmaligkeit unseres Lebens und an den Ernst von Gottes Heilsverheißung.“ Darin liegt der Reiz der Vermittlungsleistung christlicher Lehrsätze in diesem Werk, gegossen in einen unserer Zeit angemessenen Wortlaut.

Was beim aufmerksamen Gang durch die Fragenvielfalt auffällt, ist eine konfessionell unierte Färbung des Katechismus. Verständlich ist das Verschweigen innerevangelischer Lehrdifferenzen in Bezug zum Abendmahl, weil der Katechismus in bewusster Kontinuität zum Heidelberger Katechismus lutherische und reformierte Impulse zu vereinen mag. Wenn allerdings die Fronten zwischen römisch-katholischem und protestantischem Verständnis im VIII. Kapitel sehr scharf kontrastiert werden (146.-150. Frage), hätte jedoch um der Komplexität willen eine weitere Tiefenschärfe der Unterschiede auf diesem Gebiet geholfen. An dieser Stelle kann nun dagegen eine romkritische Intention des Autors vermutet werden, wie sie dem konfessionellen Miteinander heutzutage nicht mehr angemessen erscheint.

Dieser Katechismus fordert vom Leser, im Spiegel dieses Werkes die eigenen Antworten nach Gott zu suchen. Er ist für eine verantwortete Verständigung von Gläubigen innerhalb des kirchlichen Lebens hin geschrieben, denn die Kirche ist „die Gemeinschaft der glaubenden Menschen untereinander. Aber sie ist vor allem Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott, durch den und an den wir glauben.“ (124. Frage). Solch klare Positionen werden profiliert durch das dem Text vorgestellte Geleitwort des Vorsitzenden der Union Evangelischer Kirchen, Kirchenpräsident Christian Schad.

Diese Lektüre wird niemanden für den Glauben neu gewinnen, dieser Katechismus will den Glauben festigen, stellt es genau die Fragen von nach Klarheit ringenden Christen. Das Werk bietet die niveauvollen Sprachformeln an, um den Glauben an Vater, Sohn und Heiligen Geist einem Menschen von heute sachgerecht zu übermitteln.

 

Alexander Proksch studierte Evangelische Theologie und Sozialwissenschaften & Philosophie. Nach seinem Vikariat ist er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Praktische Theologie der FAU Erlangen bei Prof. Dr. Martin Nicol tätig, er arbeitet in seiner Dissertation an einer empirisch-qualitativen Studie über Liturgische Kleidung.

 

Link zur Rezension: https://netzwerktheologie.wordpress.com/2019/01/17/rezension-wilfried-haerle-worauf-es-ankommt/

Die NThK-Weihnachtsbücherei

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Eigentlich stehen wir Theologinnen und Theologen ja völlig ironisch über dem kommerziellen Teil des Weihnachtsfestes. Klar, Geschenke für die Kinder und die Familie, aber alles nicht so kommerziell und bitte mit gutem Gewissen! Anders sieht es mit Büchern aus. Die kann man ja immer brauchen, oder? Weihnachten bietet eine gute Gelegenheit, sich selbst (oder auch einer anderen Person) ein gutes Buch zu schenken. Mit etwas Schützenhilfe von uns, dem Team des NThK, findet sich sicherlich schnell das richtige.

Die Vorschläge sind in drei Kategorien unterteil: Zunächst widmen wir uns den im engeren Sinne theologischen Werken, sodann den für die kirchliche Praxis nützlichen Büchern und schließlich der Kategorie „Sonstiges“, in der philosophische oder gesellschaftsrelevante Bücher zusammengefasst werden. Die Auswahl ist subjektiv und spiegelt Interessen des NThK-Teams wider.[1]

1. Theologische Bücher

1) Robert Kolb: Martin Luther and the Enduring Word of God. The Wittenberg School and Its Scripture-Centered Proclamation, Grand Rapids 2016: 27,90€

Tobias Jammerthal: Robert Kolb gehört zu den profiliertesten Reformationshistorikern und Lutherforschern des englischen Sprachgebiets. Kurz vor dem Beginn des Reformationsjubeljahrs 2017 erschien diese Sammlung mit einigen der wichtigsten Aufsätze aus seiner Feder rund um die Schriftauslegung als Zentrum von Luthers Theologie und der Wittenberger Reformation. Ich finde, dieser Aufsatzband gehört in die Hand all derer, die sich für einen gleichermaßen kenntnisreichen wie unaufgeregt-sachlichen Zugang zur Reformation als einem theologischen Gruppenereignis interessieren!

2) Jörg Lauster: Religion als Lebensdeutung. Theologische Hermeneutik heute, Darmstadt 2005: 49,90€

Tobias Graßmann: Lauster stellt in diesem programmatischen Buch –  für Sympathisanten und Kritiker gleichermaßen beeindruckend – die Leistungskraft hermeneutischer Theologie in der Tradition des sog. Kulturprotestantismus unter Beweis. Dabei macht gerade auch die luzide Auseinandersetzung mit individualistischen Verengungen der liberalen Theologie das Buch lesenswert. Im Anschluss an den cultural turn und insbesondere Jan Assmanns Konzeption des kulturellen Gedächtnisses verflüssigt Lauster nicht nur konfessionelle Gegensätze, sondern lotet als einer der wenigen gegenwärtigen Theologen auch Wege zur Bewältigung des nicht nur kirchlichen, sondern gesamtkulturellen Traditionsabbruchs aus. Dabei sticht besonders die zentrale Stellung ins Auge, die Lauster den nicht im klassischen Sinne lehrhaften Vermittlungsformen religiöser Erfahrung zumisst: Musik, Kunst und Architektur.

3) Michael Roth und Markus Held (Hgg.): Was ist theologische Ethik? Grundbestimmungen und Grundvorstellungen, Berlin und New York  2018: 29,95 €

Niklas Schleicher: Das Buch gibt den aktuellen Lehrstuhlinhabern und Lehrstuhlinhaberinnen für evangelisch-theologische Ethik das Wort. Diese beschreiben in ca. 15 bis 20-seitigen Beiträgen ihre jeweilige Vorstellung vom Fach. So ergibt sich ein sehr differenziertes Bild der Zugriffe auf protestantische Ethik. Ergänzt wird das Ganze von Beiträgen von Vertretern und Vertreterinnen anderer theologischer Fächer, der Philosophie und der katholischen theologischen Ethik, die jeweils ihren Beitrag zur evangelischen Ethik darstellen. Ein Buch, dass sich gerade im Studium eignet, aber auch, um sich über den aktuellen Stand der Debatte zu informieren. [Eine ausführlichere Rezension folgt im kommenden Jahr.]

4) Kristian Fechtner/Jan Hermelink/Martina Kuhmlehn/Ulrike Wagner-Rau: Praktische Theologie. Ein Lehrbuch (Theologische Wissenschaft, Bd. 15), Stuttgart 2017: 30€

Claudia Kühner-Graßmann: Dieses Lehrbuch will einen Überblick geben über die Praktische Theologie, ihre Aufgaben und Probleme vor dem Hintergrund empirischer Befunde und (theologie)geschichtlicher Einsichten. Das alles geschieht anhand konzentrierter Darstellungen von Querschnittsthemen auf der einen und kirchlichen Handlungsfeldern auf der anderen Seite. In dieser Kürze bietet es Gelegenheit, den Blick auf die Problemlagen kirchlicher Praxis und ihrer wissenschaftlichen Bearbeitung zu schärfen. Durch die feste, aber nicht steife Gliederung kann es auch gut zu dein einzelnen Themengebieten herangezogen werden. Eine gute Grundlage zur Auffrischung, zum Bündeln oder zum Weiterdenken. [Eine ausführlichere Rezension folgt im kommenden Jahr.]

2. Bücher für die kirchliche Praxis

1) Otto Dietz: Unser Gottesdienst – ein Hilfsbuch zum Hauptgottesdienst nach Agende 1 für evangelisch-lutherische Kirchen und Gemeinden, München  21983 [antiquarisch günstig zu erwerben]

Tobias Jammerthal: Ein „Klassiker“, den jeder, der (zumindest lutherische) Gottesdienste zu leiten hat, meiner Meinung nach einmal gelesen haben sollte. Dieses Lesebüchlein ist kein fachwissenschaftlicher Agendenkommentar, sondern will einfach nur erzählen, warum was im „normalen“ Sonntagsgottesdienst an welcher Stelle und wie passiert. Sprachlich ist es schlicht und geht runter wie Butter – ungeheuer bildend ist es dennoch.

2) Karl-Heinrich Bieritz: Das Kirchenjahr. Feste, Gedenk- und Feiertage in Geschichte und Gegenwart (Neu bearbeitet von Christian Albrecht), München 92014: 14,95 €

Niklas Schleicher: Ein extrem nützlicher und gut lesbarer Klassiker das Buch „Das Kirchenjahr“ von Karl Heinrich Bieritz, das in einer neuen Auflage herausgegeben von Christian Albrecht vorliegt. In komprimierter Form wird darin das Kirchenjahr, seine Zeiten und Feste beschrieben und auf besondere Bräuche verwiesen. Gerade auch für den Einstieg z.B. ins Vikariat, aber auch im Studium ist das Buch sehr zu empfehlen.

3) Fulbert Steffensky (Hg.): Ein seltsamer Freudenmonat. 24 Adventsgedichte, 24 Adventsgeschichten, Stuttgart 2011: 16€

Julian Scharpf: Fulbert Steffensky, der Säulenheilige des Kirchentags-Protestantismus, hat vor sieben Jahre dieses hübsch gestaltete Adventsbuch auf den Markt gebracht. Dessen Verdienst ist, dass sich mit seinen 24 Gedichten und 24 Geschichten von Fontane bis Kreisler die vielen Advents- und Weihnachtsfeiern bestreiten lassen, die in dieser Kirchenjahreszeit vor einem liegen. Für die Auswahl gilt Steffenskys Satz: „Das Sentiment muss nicht sentimental sein, und wenn es dies gelegentlich ist, dann ist das nicht weiter schlimm.“

4) Niklaus Peter: Schachfigur – oder Schachspieler: Denkmodelle und Spielzüge auf den Feldern des Lebens und der Religion, Stuttgart 2018: 15€

Martin Böger: Niklaus Peter ist Pfarrer am Fraumünster in Zürich und nebenher ein ziemlich umtriebiger Theologe, der stets versucht, beides zusammenzubringen ohne das Eine gegen das Andere auszuspielen: Die theologische Wissenschaft und die pfarramtliche Praxis. Im vorliegenden Bändchen schafft er diese Verschmelzung auf sehr eindrückliche Art und Weise. Denn dieses Büchlein fasst Kolumnentexte zusammen, die Niklaus Peter für das wöchentliche Magazin einer großen schweizerischen Tageszeitung verfasst hat. Kolumnen, die auf eine katechetische Art die Grund- und Eckpfeiler des christlichen Glaubens auf gleichzeitig kluge wie inspirierende Art und Weise für eine (post)moderne Gesellschaft bedenken. Ein Büchlein, das zum Nachdenken anregen und vielleicht sogar die eine oder andre eigene Andacht inspirieren kann.

3. Sonstiges

1) Johannes Burkhardt: Der Dreißigjährige Krieg, Neue Historische Bibliothek, Frankfurt a.M. 92015: 16€

Tobias Graßmann: An neuen Darstellungen des Dreißigjährigen Krieges herrscht kein Mangel. Angesichts dieser unterschiedlich akzentuierten, mehr oder weniger ausführlichen Darstellungen lohnt sich dennoch der Blick in einen Klassiker. Denn wer über die grundlegenden Vorkommnisse informiert ist, findet in diesem Buch eine klare, knappe und unbestechliche Interpretation dieser traumatischen Epoche. Burkhardt erweist einige der klassischen Frontstellungen (z.B.: Religionskrieg oder nicht?) als Scheinalternativen und präsentiert den Dreißigjährigen Krieg als Ergebnis sich überlappender Staatenbildungskonflikte. Religion, Wirtschaft, technische Entwicklungen, Mediendynamik, dynastische Herrschaftsform und historisch hergeleitete Universalmachtansprüche werden auf ihre kriegstreibenden, aber auch friedensförderlichen Potentiale befragt und so manches Vorurteil gerade gerückt. Das Buch verschließt sich jeder raschen Verzweckung zur politischen oder gesellschaftlichen Sinnstiftung – und regt gerade darin zum Denken über den Frieden an!

2) Paul Feyerabend: Zeitverschwendung, Frankfurt a.M. 61997: 14,00 €

Niklas Schleicher: Ich habe eine große Schwäche für Autobiographien und eine genauso große für Paul Feyerabend. Seine Autobiographie mit dem Titel Zeitverschwendung ist, auch wenn man ihn, freilich zu Unrecht, für einen Scharlatan hält, großartig, zumal sie alles erhält: Krieg, Liebe, Operngesang, Wissenschaftstheorie und Harnack. Ja, genau, Feyerabend rezeptiert Adolf von Harnack, eine detaillierte Forschung dazu steht aber noch aus. Das Buch stellt einen guten Einstieg in das Denken Feyerabends dar, danach kann man sich dann dem nicht minder spannenden Hauptwerk „Wider dem Methodenzwang“ widmen. Oder sich von @luthvind erklären lassen, dass der @megadakka mit seiner Feyerabend-Besessenheit ein bisschen verrückt ist.

3) Michel Foucault: Die Ordnung des Diskurses. Mit einem Essay von Ralf Konersmann, Frankfurt a.M.  142017: 10€

Claudia Kühner-Graßmann: Wer immer schon einmal etwas von Foucault lesen wollte, aber weder wusste, was genau, noch viel Zeit hat, ist mit diesem schmalen Heftchen gut bedient. Und zwar nicht nur, weil man Einblicke in Foucaults Denken erhält, wozu der angehängte Essay von Konsersmann („Der Philosoph mit der Maske. Michel Foucaults Lʼordre du discours“) zusätzlich beiträgt. Die Lektüre schult wunderbar den Blick für die Produktion des Diskurses und vor allem deren Ausschließungsprozesse. Nach Lektüre der knapp 50 Seiten meint man den intellektuellen Gestus der Foucault-Anhänger zu durchschauen – oder eignet ihn sich gleich selbst an. Jedenfalls ein gutes Buch für einen kalten Winterabend auf dem Sofa mit Tee oder Wein.

4) Thomas Bauer: Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt, Stuttgart  82018: 6€

Julian Scharpf: Der Arabist und Leibniz-Preisträger Thomas Bauer hat  es 2011 mit  „Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams“ vermocht, das aus der Psychologie bekannte Konzept der Ambiguitätstoleranz nicht nur individuell aufzufassen, sondern auch als erstrebenswerte Errungenschaft einer Religionsgemeinschaft zu charakterisieren. Mit seinem aktuellen Essay weitet er seinen Blick im Grunde auf die ganze Welt und warnt davor, dass wir alle immer weniger bereit sind, Bedeutungsvielfalt anzuerkennen und uns fatalerweise nach Vereindeutigungen sehnen. Dieses Reclambüchle liest sich wie im Rausch.

Martin Böger: Wohl kaum ein Buch habe ich in letzter Zeit mit größerem Interesse und Gewinn gelesen. Der Leibniz-Preisträger und Professor für Islamische Theologie Thomas Bauer unternimmt einen überaus spannenden Parforceritt durch unsere Welt, ihre Wirklichkeit und wie wir über sie denken. Seine These lautet: Wir erliegen derzeit dem Verlangen, unsere Welt zu vereindeutigen und damit den Blick für die Vielfalt, für das Unerwartete, für das Einmalige zu verlieren. Die Religion spielt dabei für Bauer eine herausragende Rolle, da an ihr beides gelernt werden kann: Der Hang zur Vereinheitlichung zwischen schwarz und weiß, richtig und falsch und das große Potential der Ambiguität von Lebens- und Sinndeutungen. Thomas Bauer hält ein großes Plädoyer auf die Ambiguität, die er nicht als Drohung, sondern als große Chance erkennt. Ein Blick auf die Wirklichkeit, der spannend und der manchmal anstrengend ist, aber die Wirklichkeit so sein lässt wie sie ist: bunt, uneindeutig, dramatisch und manchmal auch herausfordernd.

 

[1]          Die angezeigten Preise dienen der Orientierung. Die tatsächlichen Preise können durchaus von den hier angegebenen abweichen.