Rezension zu: Erik Flügge, „Nicht heulen, sondern handeln“

Erik Flügge: Nicht heulen, sondern handeln. Thesen für einen mutigen Protestantismus der Zukunft, Kösel-Verlag, München 2019, 90 Seiten, 12,00 Euro.

Diese Rezension erschien zuerst im Materialdienst der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, Berlin: MdEZW 83/2 (2020), S. 154–158.

Mit seinem ersten Buch erklomm er die Spiegel-Bestseller-Liste („Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt“, 2016), bald folgte eine zweite, ebenfalls viel gelesene Kirchenreformschrift („Eine Kirche für viele statt heiligem Rest“, 2018, gemeinsam mit David Holte). Im letzten Jahr hat sich der Politikberater und freie Autor Erik Flügge dann ausdrücklich die evangelische Kirche vorgenommen, mit einem schmissigen Plädoyer für einen protestantischen Neuaufbruch. Er findet damit erneut gehörige Resonanz.

Man wird von einem Text dieser Gattung und Kürze keine sorgfältigen Analysen und abgewogenen Urteile erwarten. Hier wird nicht differenziert argumentiert, sondern provokativ zugespitzt. Dabei werden subjektive Beobachtungen, Empfindungen und Ideen im Schwung der Rede zu Behauptungen mit Anspruch auf allgemeine Gültigkeit. Aber der Duktus apodiktischer Selbstgewissheit ist nicht so sehr Ausdruck von Selbstgefälligkeit als Mittel rhetorischer Verschärfung. Flügge weiß, dass seine Rede Leserinnen und Leser in Teilen „wütend machen“ (15) wird, und er will sie wütend machen.

Dagegen ist wenig einzuwenden. Entscheidend ist, ob es sich um eine produktive Provokation handelt. Warum sollte man sich nicht einmal von den Eindrücken und Einfällen eines jüngeren Zeitgenossen herausfordern lassen, wenn es der Zukunft des Protestantismus dient? Dass Flügge selbst ein „liberaler Katholik“ ist, den ein Faible für das Protestantische zum Schreiben treibt, tut hierin nichts zur Sache. Was also hat er zu sagen, nach Abzug aller dem rhetorischen Effekt geschuldeten Einseitigkeiten, Pauschalisierungen und Überspitzungen?

Der Basissatz seines Thesenbuches lautet, nicht ganz überraschend: Es steht schlecht um den Protestantismus. Diejenige christliche Konfession, die die moderne Welt geprägt hat wie keine andere, ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. In den Kirchen herrscht gähnende Leere. Das Alter der wenigen Gottesdienstbesucher ist so hoch wie die atmosphärische Tristesse tief. So versinken die Kirchenleute „in ständiger Trauer über den langsamen Niedergang“ (16). In archivarischer Traditionsfixierung versäumen sie es, endlich nach vorne zu schauen und das Alte „zugunsten des schöpferisch Neuen“ (20) entschieden hinter sich zu lassen. „Wie erhebend wäre jener Moment, in dem sich ein Protestant loslöste von der Vergangenheit und eine Wand einschlüge. Die Wand einer Kirche, damit die Welt von draußen hineinbricht. Damit das geschäftige Treiben auf unseren Einkaufsstraßen in die Kirche hineinbrandet. Damit die Flut der Nachrichten rund um die Welt das Innerste des Kirchenraums durchflutet.“ (20)

Flügges Grunddiagnose ist eine rhetorisch dramatisierte Reformulierung des kirchensoziologischen common sense. Sie ist nicht falsch. Aber dann seine Lösungsparole: die Wand der Kirche einschlagen, damit die Welt hineinbricht, hineinbrandet, hineinflutet. Das Bild scheint direkt dem Programm eines politischen Nachtgebets von 1974 entnommen und gehört zu den abgegriffensten Reformmetaphern der letzten Jahrzehnte.

Es folgen Konkretisierungen. Dabei wird man bald mit einer radikalen These konfrontiert. Flügge ruft den protestantischen Leserinnen und Lesern zu: „Ihre Gottesdienste sind tot. Sie werden nicht mehr lebendig.“ (30) Seiner Ansicht nach lässt sich dem evangelischen Gottesdienst auch nicht durch irgendwelche Umformatierungen neues Leben einhauchen. Warum nicht? Weil die Kanzelrede obsolet geworden ist. „Warum sollte man einer protestantischen Predigt […] lauschen? – Man erfährt ja nichts Neues, sondern nur mittellauwarm Aufgewärmtes.“ (26f)

Nun ist die Klage über irrelevante Predigten ihrerseits so alt wie die protestantische Predigt selbst. Aber die Begründung der Irrelevanzbehauptung lässt aufhorchen. Gottesdienst und Predigt, so Flügge, sind just durch den Siegeszug des Protestantismus selbst obsolet geworden. Denn kraft der reformatorischen Idee vom Priestertum aller Gläubigen wurden die Menschen zu einer Gottesbeziehung befreit, die keiner priesterlichen Vermittlung mehr bedarf ­– Protestanten können auch im stillen Kämmerlein und in der freien Natur gottinnig sein. Und sie wurden befreit zu einer Mündigkeit, die keine pastorale Belehrung von der Kanzel mehr braucht ­– der protestantische Mensch kann selbst in der Bibel lesen und kann sich seinen eigenen Reim auf Gott und die Welt machen.

Der Erfolg des Protestantismus also hat Gottesdienst und Predigt überflüssig gemacht. Darum spricht Flügge seinen Leserinnen und Lesern tröstend zu, „dass das Ende des Gottesdienstes Sie nicht erschrecken muss, sondern erfreuen könnte“ (34). Es ist dementsprechend endlich die „Möglichkeit eines Protestantismus ohne Gottesdienst“ (31) mutig ins Auge zu fassen und wohlgemut zu bejahen, um sich der beschriebenen Dauerfrustration zu entledigen. Freilich rechnet der Thesenautor mit heftigem Widerstand gegen diese Option. Denn seiner Erfahrung nach wird die Überzeugung vom Gottesdienst als „Mittelpunkt einer Kirche“ (31) von der protestantischen Funktionselite als unantastbares Dogma ins Feld geführt, auch wenn sie durch das Fernbleiben von 97% der Kirchenmitglieder Sonntag für Sonntag als Zeichen einer binnenkirchlichen „Verweigerung der Realität“ (31) entlarvt wird.

Die „Realität“ auf seiner Seite zu wissen, ist immer gut. Und tatsächlich ist die Wirklichkeit der Zahlen ja kein schwaches Argument. Der Gedanke, das Ausbleiben der allermeisten sei ein Beweis für die Verzichtbarkeit des Gottesdienstes, ist nachvollziehbar. Man sollte ihn auch nicht reflexhaft mit der Berufung auf Artikel VII des Augsburger Bekenntnisses erledigen. Aber sicher genügen die Überzahl der Fernbleibenden und die Ideen Gottunmittelbarkeit und Mündigkeit nicht als Argumente für die Abschaffung. In welchem Verhältnis steht der beträchtliche kirchliche Ressourcenaufwand zu der Erbauung, die der Gottesdienst nicht wenigen Menschen immer noch zu bieten scheint? Welchen Beitrag leisten dazu neben der Predigt die Musik, das gemeinsames Singen und Beten? In welchem Verhältnis steht der Wert des Gottesdienstes für die Anwesenden zu der Relevanz für die Abwesenden, welche Religionssoziologen mit dem Begriff der „stellvertretenden Religion“ (Grace Davie) geltend machen? Lässt sich überhaupt eine Religionsgemeinschaft ohne ein symbolisches Zentrum in einem institutionalisierten Ritus denken? Eine Erwägung dieser komplexen Fragen darf man in dem Provokationsbuch nicht suchen. Aber sie wird von ihm immerhin – provoziert.

Auch im Weiteren überdeckt der Hang zur Radikalität fast die bedenkenswerten Impulse. Denn Flügges Vision eines Protestantismus ohne Gottesdienst ist zwar überspitzt, aber nicht in jeder Hinsicht abwegig. Sie nimmt die alte kulturprotestantische Idee einer Religiosität im Gewand der Kunstandacht auf. „Haben Sie schon einmal auf einem Kirchenkonzert in einer protestantischen Kirche nur die Gesichter beobachtet? Eine stille Zufriedenheit in jedem Menschen, der da ist. Viele Augen geschlossen und ganz konzentriert auf den Moment. Es sind diese Augenblicke, für die ich diese Konfession liebe.“ (37) Wie andere vor und neben ihm macht Flügge darauf aufmerksam, dass es in der Moderne auch eine christliche Religiosität oder „Spiritualität“ jenseits kirchlicher Formen gibt, die als ernstzunehmende Gestalt von Christentum zu würdigen und von der Kirche zu fördern ist. Da der Sinn für die ästhetischen Spielarten des Religiösen durchaus nicht überall anzutreffen ist, kann man diesen neuerlichen Hinweis umstandslos begrüßen. Gleichwohl sind auch hier Rückfragen angebracht: Ist das Besucherpotential bei Kirchenkonzerten wirklich so viel größer als bei Gottesdiensten? Sind nicht die bürgerlichen Bildungsvoraussetzungen eher noch höher als niedriger? Wie oft passiert es außerdem im Konzert, dass sich die kontemplative Innerlichkeit gar nicht einstellen will, weil einem die Tonkunst äußerlich bleibt?

Nach dem Gottesdienst widmet sich der Autor zwei weiteren Identitätsmerkmalen des Protestantismus: dem Rekurs auf die Bibel und auf den Reformator. Wieder legt er den Finger in offene Wunden und fordert damit legitimerweise zur Auseinandersetzung heraus. Seit Antike und Reformation hat sich der Abstand zwischen den biblischen Texten und der Welt der Gegenwart massiv vergrößert. Auch das ist keine neue Einsicht, aber Flügge bringt ein daraus resultierendes Grundproblem gut auf den Punkt. Der konstitutive Schriftbezug macht die protestantische Frömmigkeit umwegig und daher schwergängig: „Weil sich der erklärende Text“, der den Abstand zu überbrücken hat, „immer mehr in die Länge ziehen muss.“ (47) Dazu kommt die distanzierende Wirkung des historischen Bewusstseins, das sich von der Bibel nicht fernhalten lässt. Um ihrem „Relevanzverlust“ (48) entgegenzutreten, fordert Flügge: „Schreiben Sie die Bibel endlich fort.“ (48) Weil dem Protestantismus aber die Aktualisierung im katholischen Modus lehramtlicher Auslegung nicht zu Gebote steht, kann er nur auf die Fortschreibung durch einen neuen Propheten oder eine neue Prophetin hoffen. Sonst droht ihm die Vergreisung.

Luther war einst ein solcher Prophet. Aber: „Luther ist tot.“ (51) Seine Aktualisierung der Schrift hat sich überlebt, weil der geistige Abstand der Gegenwart auch zur Reformationszeit immer größer wird. „Mit jedem Tag, der vergeht, verliert Luther an Aktualität. Egal, wie sehr man die Aktualität Luthers auch als Kirche immer neu beschwört.“ (52) Natürlich ist das wieder provokativ formuliert. Ob sich aber Theologie und Kirche zu oft damit begnügen, lutherische Schlüsselgedanken zu reformulieren und zu erklären, wird man immerhin fragen dürfen. Auch hier trifft es zu: Der dominierende Reformationsbezug macht die protestantische Frömmigkeit schwergängig, weil er immer längere Erläuterungen erfordert.

Sollte sich aber ausgerechnet die Hoffnung auf eine neue Prophetin als Ausweg aus der Vergreisungsgefahr und aus der „Ecken- und Kantenlosigkeit“ (66) der modernen Synoden- und Funktionärskirche empfehlen? Könnte ein solcher Prophet die „innere Ausgebranntheit der gesamten Kirche“ (26) und den von Flügge dafür maßgeblich verantwortlich gemachten Zweifel an der leiblichen Auferstehung überwinden? Und kommt wirklich die vorgeschlagene Direktwahl von Reformimpulsgebern „auf Zeit“ durch alle protestantischen Christen weltweit als ein Mittel zur Prophetenfindung infrage? Flügge ahnt selbst, dass er mit diesen Vorschlägen ins Abwegige gerät. Aber man kann aus ihnen den Appell an die „frei denkenden Menschen“ (74) in Theologie und Kirche ableiten, ohne traditionalistisches Korsett (wohl aber mit Traditionsbewusstsein) nach gegenwartsplausiblen Gestalten von Christentum zu suchen. Dass sie sich dann auch breitenwirksam durchsetzen, steht nicht in der Macht institutioneller Organisation.

Blickt man auf die Lektüre zurück, bleibt das Gesamtbild zwiespältig. Flügges Pathos radikaler Infragestellung ist anstrengend, und es wirkt in seiner Überspanntheit zugleich sehr medienmarktförmig. Aber obgleich die Lösungen zu kurz greifen, enthält das Büchlein doch einige produktive Denkanstöße. Es ist ihm daher trotz allem zu wünschen, dass es noch einige Leserinnen und Leser findet. Bald wird es wieder vergessen sein. Eine Provokation, die Reformen oder gar Reformationen hervorrufen will, braucht mehr Substanz.

Martin Fritz

Rezension zu: Kristin Merle, „Religion in der Öffentlichkeit“

von Claudia Kühner-Graßmann

Merle, Kristin: Religion in der Öffentlichkeit. Digitalisierung als Herausforderung für kirchliche Kommunikationskulturen (Praktische Theologie im Wissenschaftsdiskurs, Bd. 22), Berlin/Boston 2019.

Der Titel des Buches ist verheißungsvoll. Endlich beschäftigt sich mal jemand praktisch-theologisch so ausführlich mit der Digitalisierung! Und das mit dem selbstbewussten Anspruch, „einen theologischen Beitrag zu den gegenwärtigen gesellschaftlichen Debatten über Mediatisierung und einen neuerlichen ‚Strukturwandel der Öffentlichkeit‘ zu leisten“ (24).

Die Habilitationsschrift der Hamburger Praktischen Theologin, die in Tübingen entstanden ist, will dabei zugleich „einen Beitrag zur Integration von Methoden der Online-Forschung […] in das Methodenensemble theologisch-empirischer Religionsforschung“ (24) leisten. Dem kommt die Studie auch nach.

Ausgangspunkt ist die These, dass Religion kommunikativ verfasst und Kirche auf Öffentlichkeit bezogen ist. Hier zeigt sich schon ein erstes Ensemble an Anfragen, denn diese These ist zwar nicht falsch, aber sie wird letztlich gesetzt. Auch der Überschritt von Religion zu Kirche wird nicht näher ausgeführt. Obgleich Merle mit Kirche in der Regel „die empirische Kirche als sozial verfasste Größe“ (2, Anm. 4) meint, schillert der Kirchenbegriff in der Studie leider zwischen normativer Abgrenzungsfolie und einer empirischen Verwendungsweise. Deutlich wird, dass der Kirchenbegriff eingebettet ist in ein Religionsverständnis, das insbesondere in Kapitel 3 dargelegt wird.

Doch davor skizziert Merle in Kapitel 2 einen neuerlichen Strukturwandel der Öffentlichkeit unter dem Mantel der Digitalisierung. Dass sie dabei Habermas’ bekannte Thesen zugrunde legt, bringt gewisse – von der Autorin freilich bemerkte – Schwierigkeiten mit sich, da die eigentlich empirische Studie damit das Vorverständnis einer ideengeschichtlich-soziologischen Analyse übernimmt. Dieses Kapitel ist dennoch so dicht wie informativ und absolut lesenswert! Merle erläutert hier nicht nur ihre These vom neuerlichen Strukturwandel der Öffentlichkeit, sondern unterzieht diesen Begriff einer umfassenden Analyse. Es läuft darauf hinaus, in der partizipativen, netzartigen und interaktiven Kommunikation, die das Internet ermöglicht, sowohl einen Strukturwandel der Öffentlichkeit als auch einen subjektiven Bedeutungswandel von Partizipation festzuhalten. Das Internet vereine verschiedene Öffentlichkeitsebenen, deren Grenzen dabei zugleich durchlässiger werden. Öffentlichkeit wird dabei als intermediäre Struktur mit Netzwerkcharakter gesehen, als „gesellschaftlicher Aushandlungsprozess“ (26). Dem Anspruch nach bewegt sich Merle dabei auf der Ebene der empirischen Darstellung von Öffentlichkeit. Normative Aspekte des Begriffs sollen weniger beachtet werden, wobei die Frage offen bleiben muss., ob sie nicht doch unter der Hand mitgeführt werden.

Kapitel 3 legt den Fokus auf den Zusammenhang von religiöser Kommunikation und Digitalisierung. In einem ersten Teil beschreibt Merle die Struktur digitaler Kommunikation näher. Für die flüchtige Weise der Kommunikation im Internet entwickelt sie den Begriff der „passageren Kommunikation“ (vgl. 145), der von da an als ein zentrales Schlagwort fungiert. Für den Fortgang der Argumentation ist wichtig, dass von der Entwicklung hin zu einer „Kultur der Digitalität“ ausgegangen wird, in der wiederum – wie beim Öffentlichkeitsbegriff – Aushandlungsprozessen eine wichtige Rolle zukommt.

Der zweite Abschnitt des Kapitels befasst sich mit „Transformationen von Religiosität in der Gegenwart“. Stichworte dieser Transformation des Religiösen sind Individualisierung, Pluralisierung und Synkretisierung, Popularisierung und Spiritualisierung, Eventisierung. Dieser Abschnitt ist eher überraschungsarm, ist man mit den Thesen des Kreises um Wilhelm Gräb und Birgit Weyel bereits vertraut. Zudem referiert Merle religionssoziologische Thesen, die in der Debatte ebenfalls nicht ganz unbekannt sind (Luckmann, Knoblauch). Wie vor diesem Hintergrund zu erwarten ist, läuft die Entwicklung auf eine Krise der Institutionen hinaus, weil die Verbindlichkeit von Religiosität abnimmt, weil es eine Konkurrenzsituation im Bereich der Religion gibt etc. Für den weiteren Verlauf sind hier wiederum vor allem zwei Aspekte von Interesse: zunächst die Grundbewegung des Transzendierens, die mit Luckmann und Knoblauch erläutert wird. Hier etabliert Merle das Konzept einer „transzendierungsoffenen Kommunikation“, unter der sie Kommunikation versteht, „die mittels des Gebrauchs von Zeichen und Symbolen als eine solche erkennbar wird, in der der Eine eine Bereitschaft signalisiert, durch die Kommunikation mit dem Anderen in einen kommunikativen Austausch involviert zu werden, der gegebebenfalls den eigenen Standpunkt beziehungsweise die die eigene Perspektive auf etwas verändert. Anders ausgedrückt: Die Auseinandersetzung mit dem Anderen, die mich selbst involviert, führt in eine Bewegung des Transzendierens hinein, deren Ausgang noch offen ist“ (184). Wichtig ist, dass Transzendenzerfahrungen vom Alltag ausgehen. Zweitens erläutert Merle den Aspekt der Mediatisierung von Religion und Religiosität, denn die Entgrenzung der Kommunikation führe zu einer Sichtbarkeit der Religion, die wiederum in vielen Fällen auch „Entprivatisierung“ bedeute (203). „Religion ist öffentliche Religion geworden“ (ebd.) – allerdings auf nicht-institutioneller Ebene, so die These. Die Grundperspektive bleibt dabei gebunden an die individuelle Religiosität des Einzelnen, und von da aus wird – als unpersönlich-allgemeines Gegenüber – die in der Kirche institutionalisierte Religion betrachtet und bewertet.

Kapitel 3 endet mit einem Abschnitt zur Resonanz. Merle nimmt dabei die Theorie Hartmut Rosas auf und ergänzt sie mit Martin Altmeyer, der der digitalen Kommunikation, anders als Rosa, eine positive Funktion zugesteht. Neben der Resonanzaffinität religiöser Kommunikation ist Merle wichtig hervorzuheben, dass digitale Kommunikation selbst wiederum transzendierungsoffen und resonanzaffin sei. Ihr Stichwort ist die „resonanzsensible Kommunikation“ (216). Merle geht dabei nicht vom Inhalt der Kommunikation, sondern von der Form aus, in der sich eine „religiöse Grundhaltung“ ausdrücke, „als mit der transformatorischen Kraft eines antwortenden Gegenübers gerechnet wird“ (217, H.i.O.). Diese Grundhaltung wiederum sei eine Voraussetzung für Erfahrungen der Resonanz.

Das geht am Ende fast schon zu gut auf. Nach der Lektüre dieses Kapitels bleiben bei der Rezensentin viele Fragen offen, die vor allem die Validität und Belastbarkeit der verwendeten Theorien betrifft.

Kapitel 4 bildet schließlich den empirischen Hauptteil der Arbeit. Merle untersucht hier gesteuerte Onlinekonversationen, um diese nach ihrem religiösen Gehalt – vor dem Hintergrund des in Kapitel 3 entwickelten formalen Religionsbegriffs – zu befragen. Sie hat sich dabei für die Kommentare unter Artikel zur Sterbehilfe entschieden. Das praktisch-theologische Interesse liegt darin, Konsequenzen für kirchliche Kommunikationskulturen aufzuzeigen und zugleich auch Methoden der Online-Forschung in die praktische Theologie zu integrieren. Ihre Methode beschreibt sie als qualitative Inhaltsanalyse der Erhebung und Auswertung. So ausführlich und aufschlussreich die Analyse ist, zu der Merle auch noch christliche Blogs zum Thema Sterbehilfe hinzuzieht – eine Vorannahme mag der Rezensentin nicht einleuchten: Der individuellen Religiosität wird „die“ Kirche gegenübergestellt. Kirche fungiert quasi als Gegenbegriff zu freier Religiosität. Wobei hier eine genauere Klärung, was darunter zu verstehen ist, sehr hilfreich gewesen wäre. Der Verdacht liegt nahe: Die Suche nach „kirchlichen“ Argumentationsmustern in den Onlinekommentaren muss schon deswegen erfolglos sein, weil Merle darunter primär die kirchenleitenden Positionierungen in Form von Denkschriften oder Äußerungen des EKD-Ratsvorsitzenden versteht. Polemisch-überspitzt gefragt: Hat sie wirklich erwartet, dass sich diese Positionen direkt als Argument und Autorität in den untersuchten Onlinekommentaren finden? Umfasst Kirche nicht mehr Akteure als die Kirchenleitung? Unter diesen Voraussetzungen wundert es fast kaum, dass die Untersuchung ergibt, dass „kirchliche“ Argumentationsmuster keine Rolle spielen (vgl. 304). Interessant ist zwar, dass es auch keinen Bezug in abgrenzender Funktion auf diese kirchlichen Positionen gibt. Allerdings bleibt weiter die Frage offen, inwiefern diese von Merle zugrunde gelegten Positionen überhaupt rezipiert werden, welchen Stellenwert diese Schriften und Äußerungen überhaupt haben? Welcher Stellenwert dagegen könnte der Kirche und ihren Institutionen als Diskursraum zukommen, der zur Bildung von Positionen beiträgt, ohne die Teilnehmer zugleich auf normierende Äußerungen der Kirchenleitung zu verpflichten? Merle ist zuzugestehen, dass sich hier gravierende methodische Schwierigkeiten anmelden und die Einschränkung auf explizit-kirchliche Stellungnahmen nahe liegt, doch bleibt die Erkenntnis so eben begrenzt.

Das Kapitel endet mit der Feststellung: „Die gesellschaftliche wie kirchliche Herausforderung besteht darin, Räume für Deliberationsprozesse zu öffnen, die unterschiedliche Meinungen (und Frömmigkeiten) in einen produktiven Austausch miteinander bringen“ (378, H.i.O.). Dem ist gerade hinsichtlich der genannten Anfragen voll zuzustimmen.

Kapitel 5 „Kirche und Öffentlichkeit: die medialen Transformationsprozesse und die Kommunikationskulturen der Kirche“ schließt an die bisherigen Thesen an und beginnt mit einer Zusammenschau der bisherigen Ergebnisse. Diese verweisen so auf die Frage, worin die Effekte der Digitalisierung für die kirchliche Kommunikation besteht. Merle legt einen dynamischen Begriff von Öffentlichkeit zugrunde und konstatiert: Kirche „kommuniziert auf Öffentlichkeit hin, vernetzt sich mit konkreten Öffentlichkeiten und schafft durch ihr kommunikativen [sic!] Handeln selbst Öffentlichkeiten“ (382). Der erste Abschnitt führt auf eine Untersuchung der Public Relations hin als Beziehungsgestaltung zwischen Organisation und Netzwerköffentlichkeit. Dies führt sich im zweiten Abschnitt zu einer Aufzählung von Anforderungen an (Volks)Kirche und christlicher Publizistik. Übergreifend kann man sagen, dass Kirche sich Netzstrukturen anverwandeln soll. Aber außer dem Hinweis, dass diese Kommunikation als spontane und persönliche, unkontrolliert und dezentral stattfinden soll, finden sich wenige konkrete Ausführungen (Stichworte wie Community-Building und Community-Management, Online-Monitoring, Crowdsourcing und Audience Engagement, Datenschutz und Datensouveränität fallen). Es bleibt für die Rezensentin die Frage, wie sich diese Anforderungen am Besten mit der Eigenlogik der Kirche und ihrer Kommunikation, die es ja durchaus gibt, vereinbaren lassen. Aber das wären wohl Überlegungen, die über die vorliegende Studie hinausgehen.

In einem zweiten Abschnitt geht Merle auf die Pluralität der Volkskirche und ihre Öffentlichkeitsrelevanz ein. Dabei arbeitet sie mit Pohl-Patalongs und Hauschildts Bild der Kirche als Hybrid. Die sicherlich richtigen Anliegen, Kirche auch jenseits von Institution und Organisation zu begreifen sowie die individuelle religiöse Erfahrung ernst zu nehmen, werden durch eine unterschwellige Polemik gegen „die“ Kirche untermauert. Hierbei ist aber erneut zu fragen, was eigentlich unter Kirche verstanden wird. Gegen was wird sich konkret abgegrenzt? Wessen pfarrherrlicher Kirchenbegriff steht denn im Hintergrund der Kritik? Die Idee, Volkskirche als „Konzeptbegriff in praktisch-ekklesiologischer Perspektive“ (413) zu entfalten, die durchaus interessant ist, steht ohne eine theologische Klärung ebenfalls etwas unvermittelt im Raum. Auch das Konzept intermediärer Konzeptionen wird eher angedeutet. Was schade ist, denn die Punkte, die Merle nennt, sind durchaus verheißungsvoll: Kirche selbst sollte intermediär werden, womit sie dann dem Partizipationsbedürfnis der Menschen entspräche. Diese Aspekte sind interessant, werden aber rein als empirische Anforderungen mit normativen Implikationen für die Kirche kommuniziert. Interessant wäre eine Auseinandersetzung mit theologischen Aspekten, die aus der Eigenlogik des protestantischen Kirchenverständnisses selbst erwachsen.

Zum Schluss von Kapitel 5 beschäftig sich Merle dann noch mit der Strömung der Gegenwartstheologie, die sich unter dem Begriff der sog. Öffentlichen Theologie sammelt. Nach einer Darstellung stellt sie drei Anfragen an die Öffentliche Theologie: Wer ist das Subjekt dieser Theologie? Wie könnte Öffentliche Theologie unter einem gesteigerten Pluralismus und einer religiös-weltanschaulichen Selbstbestimmung der Subjekte zu fassen sein? Und wie kann auf das Problem der Bedingung öffentlicher Artikulation von Positionen im weiteren Sinne rekurriert werden? Hier sind sicher zentrale Anfragen formuliert.

Das Buch endet mit einem Kurzen Epilog (Kapitel 6), in dem Merle den Bogen der Studie nochmals erläutert. Dieser ist eindrucksvoll – doch bleibt bei der Rezensentin am Ende die Frage, in welchem Verhältnis die ausführliche sozialwissenschaftliche Analyse zur dezidiert theologischen Reflexion steht. Ist eine solche überhaupt noch vorgesehen? Ja, hier wird ein Punkt berührt, der über dieses Buch hinausgeht: inwieweit ist Praktische Theologie Theologie? Allein durch die Arbeit an einem gewissen Gegenstand, etwa christlich-religiöser Kommunikation? Oder auch durch ihre Methode? Und ist Praktische Theologie am Ende die Anwältin einer von ihr erhobenen Empirie gegenüber Theologie und Kirche? Wünschenswert wäre doch ein Gespräch zwischen dem, was empirisch erhoben wird und dem, was dazu theologisch zu sagen ist. Die vorliegende Studie neigt dazu, sich an einem polemisch verzeichneten Kirchenbegriff abzuarbeiten, der wohl nicht völlig falsch ist, aber doch in einem gewissen Spannungsverhältnis zum Anspruch einer solchen empirischen Untersuchung steht.

Nichtsdestotrotz bietet die Studie viele interessante Aspekte dar, die zum Nachdenken anregen. Und das wäre zu hoffen: dass die Ergebnisse zum kirchlichen Diskurs über die Öffentlichkeitspräsenz unter den Bedingungen der Digitalisierung beitragen, Und dass dieser Diskurs sich auch durch wissenschaftliche, nicht zuletzt empirisch und soziologisch fundierte Sichtweisen irritieren lässt. Wünschenswert wären auf Grundlage dieser Studie weitere theologische Beiträge zu diesem Thema, die das Verhältnis von Kirche und digitaler Öffentlichkeit noch einmal von der anderen Seite aus in den Blick nehmen. Anknüpfungspunkte gibt es, das zeigt Merles Buch, ja genügend.

NThK-Weihnachtsbücherei 2019

Wie im letzten Jahr wollen wir zur Weihnachtszeit eine kleine Liste von Büchern bereitstellen, die wir, das NThK-Team sowie als Gäste Sabrina Hoppe und Philipp Greifenstein, jeweils selbst gerne gelesen haben und als Weihnachtsgeschenke, aber auch zur jahreszeitlich unabhängigen Lektüre empfehlen. In diesem Jahr ergeben sich aus den eingereichten Vorschlägen vier Kategorien: Zunächst die im engeren Sinne theologische Fachliteratur (I.). Unter der zusammenfassenden Überschrift „Frömmigkeit und kirchliches Leben“ (II.) finden sich Bücher, die zwar das Theologische berühren, aber doch einen anderen Fokus haben. In der Kategorie „Sonstiges“ (III.) wird ein Blick auf andere Wissenschaften – im engeren fachlichen wie popularwissenschaftlichen Sinne – geworfen. Schließlich gibt es am Ende eine eigene Rubrik für Belletristik (IV.). Die Auswahl der Bücher spiegelt persönliche Interessen und Vorlieben wider.

Wir wünschen viel Spaß bei der Lektüre und eine besinnliche Adventszeit!

I. Theologische Fachliteratur

1) Johannes Fischer: Präsenz und Faktizität, Tübingen 2019.

Niklas Schleicher: In seiner neusten Aufsatzsammlung legt Fischer nochmal Beiträge zu zwei Themenbereichen vor, die ihn über die letzten zehn Jahre beschäftigt haben: Das Verhältnis von Ethik und Moral und die Frage der Bedeutung von Religion in der Ethik. Gerade zu letzterem Themenfeld sind die Überlegungen sehr weiterführend und in dieser Form von ihm noch nicht veröffentlicht. Seine Überlegungen sind gerade auch deshalb auch lesenswert, weil er eine einfache Übertragung von religiöser Lehre zu Handlungsanweisungen nicht nur hinterfragt, sondern einen gänzlich anderen Weg geht.

2) Wolfgang Huber: Bonhoeffer. Auf dem Weg zur Freiheit, München 2019.

Martin Böger: Ja, man könnte denken: Schon wieder ein Buch über Bonhoeffer. Aber ich finde Huber ist mit seiner Biographie Bonhoeffers etwas Besonderes geglückt. Auf relativ wenigen Seiten entwirft er nicht nur ein sehr persönliches und tiefgründiges Bild des Theologen und Widerstandskämpfers, sondern vermag es auch theologische Grundeinsichten und Fragestellungen zu beleuchten, die Bonhoeffer Zeit seines Lebens umgetrieben haben und auf die er weiterführende Antworten ausgeführt und angedacht hat. Was am Ende der Lektüre von Hubers Buch leider sehr schmerzlich deutlich werden kann, ist, dass die Ermordung Bonhoeffers durch das NS-Regime uns viel zu früh einen großen und wirkmächtigen Theologen genommen hat, der noch so manches hätte leisten können für Theologie, Gesellschaft und Kirche.

3) Jörg Hübner: Christoph Blumhardt. Prediger, Politiker, Pazifist. Eine Biographie, Leipzig 2019.

Julian Scharpf: Wer die Landeskirche Württemberg in ihrer Spannung zwischen individuell-spiritualisiertem Pietismus und weltumspannender sozialökologischer Reich-Gottes-Arbeit erkunden möchte, dem sei die Beschäftigung mit dem archetypischen Vater-Sohn-Gespann Blumhardt empfohlen. Zum 100. Todestag des Jüngeren, Christoph Blumhardt, legt der Direktor der Ev. Akademie Bad Boll, Jörg Hübner, eine Biographie vor, die sich auf neu zugängliches Archivmaterial beziehen kann. Diese Biographie lässt die Leser*innen das Denken und Wirken des „bibel- und auch Bebelfesten“ Blumhardts schlüssig nachvollziehen.

Gerade in der Zusammenschau mit den unterschiedlich akzentuierten Vor- und Nachworten ergibt sich das Bild eines Menschen, dessen Impulse in Fragen der Gerechtigkeit, Ökologie und des Friedens  auch in unserer Zeit beachtenswert sind. Neben dieser Lektüre empfiehlt sich immer auch ein Spaziergang durch Bad Boll, um sich in der Ev. Akademie, dem Literatursalon der Villa Vopelius, auf dem Friedhof und im Kurhaus in den Bann der Blumhardts ziehen zu lassen.

4) Karin Oehlmann: Glaube und Gegenwart. Die Entwicklung der kirchenpolitischen Netzwerke in Württemberg um 1968 (Arbeiten zur Kirchlichen Zeitgeschichte, Bd. 62), Göttingen 2016.

Martin Böger: Ich gebe gleich zu: Ja vielleicht ein Buch für Insider und Liebhaber des württembergischen kirchenpolitischen Sonderwegs. Aber auch für alle anderen interessant, die sich für die Entwicklung des Protestantismus in der frühen Bundesrepublik interessieren. Oehlmann kann nämlich sehr deutlich machen, wie gesellschaftspolitische Themen kirchliche Kreise bewegen und zu einer innerkirchlichen Politisierung führen. So zeigt sie, dass einerseits der Bultmann-Streit um die historisch-kritische Methode zumindest in Württemberg zu großen Zerwürfnissen geführt hat und andererseits das beginnende Kirchentagsengagement im Fahrwasser der 1968-Bewegung innerkirchlich weite Kreise gezogen hat, die bis heute Wirken. Beides bewegt also die Kirche und ihre Diskussionen: Theologische Sachfragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Und das ist auch gut so!

5) Sonja Angelika Strube (Hg.): Rechtsextremismus als Herausforderung für die Theologie, Freiburg i. Br. 2015.


Philipp Greifenstein: Nicht nur in der Sächsischen Landeskirche begeben sich Christ*innen auf die Reise herauszufinden, was noch „wertkonservativ“ und was schon rechtsradikal ist. Neben dem Grundlagenwerk „Rechtsextremismus“ von Samuel Salzborn sind die von Sonja Angelika Strube herausgegebenen theologischen Sammelbände („Das Fremde akzeptieren“, Freiburg i. Br. 2017) dafür eine unverzichtbare Wegbegleitung. Denn es ist ja überhaupt nicht so, dass auf dem Feld der Auseinandersetzung von Kirche und Theologie mit rechtsradikalem Gedankengut nicht schon geackert würde.

Dabei eignet sich der erste Band „Rechtsextremismus als Herausforderung für die Theologie“ auch als Einstieg für Theolog*innen und Kirchenmitarbeiter*innen, die bisher der Thematik keine Aufmerksamkeit gewidmet haben. Autor*innen unterschiedlicher Hintergründe beschreiben Erscheinungsformen rechten Denkens in Theologie und Kirche und buchstabieren durch, welche Ideologien der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit besondere Relevanz für den christlichen Kontext haben. Was ich schon 2015 geschrieben habe, gilt auch jetzt: „Dieses Buch gehört in diesem Jahr auf jeden Schreibtisch, hinter dem ein theologisch interessierter Mensch sitzt.“

6) Christiane Tietz: Karl Barth. Ein Leben im Widerspruch, München 2018.

Tobias Jammerthal: Zu den Erträgen des Karl-Barth-Jahres gehört auch diese Biographie, die tatsächlich eine Biographie sein will – anders als andere Bücher über den großen Basler, die Biographie und Roman mischten. Die maßgebliche Darstellung von Barths Lebenslauf wurde von seinem persönlichen Assistenten Eberhard Busch verfasst; entsprechend groß sind die Fußtapfen, in die Christiane Tietz tritt. Aber schnell merkt der Leser: Hier hat sich jemand nochmal durch die Quellen durchgearbeitet. Die Zürcher Ordinaria folgt den Spuren des Materials, kontextualisiert es im erforderlichen Rahmen, gruppiert es thematisch und chronologisch und schreibt bei alledem gut lesbar. Ihren Respekt vor Barth will Tietz nicht verbergen, lässt sich dadurch aber nicht dazu verleiten, unkomfortablen Zusammenhängen aus dem Weg zu gehen (vgl. die etwa 20 Seiten zur Dreiecksbeziehung zwischen Barth, seiner Gattin und Charlotte von Kirschbaum). Man liest es gerne und lernt dabei.

II. Frömmigkeit und kirchliches Leben

1) Susanne Breit-Kessler/Susanne Janssen: Die großen Töchter Gottes. Starke Frauen der Bibel, Leipzig/Stuttgart 2018.

Claudia Kühner-Graßmann: Von den nicht wenigen Büchern, die es zu Frauen in der Bibel gibt, spricht mich dieses von der Deutschen Bibelgesellschaft und edition chrismon herausgegebene Buch besonders an. Die Porträts von Malerin Susanne Janssen und die Texte von Susanne Breit-Kessler schaffen zusammen einen berührenden ästhetischen Zugang zu verschiedenen Frauen der Bibel. Mit und aus dem konkreten biblischen Kontext werden Porträts in Bild und Text geschaffen, die zugleich allgemein Menschliches, ja „Weibliches“ beinhalten. Es ist keine Verklärung weiblicher Stärke, sondern gerade die Spannung von Mut und Vorsicht, Erfolg und Scheitern: So hält Breit-Kessler für Mirjam durchaus ambivalent fest: „Gottes kleine und große Töchter haben gelegentlich einen hinreißenden rebellischen Schwung, der sie ab und zu weit über die Ziellinie hinausträgt.“ Pragmatisch geht es aber weiter: „Das ist so. Dann gilt es innezuhalten, nachzudenken, sich zu besinnen und schließlich, klüger geworden, weiterzumachen“ (S. 22). Die biblischen Frauengestalten werden so zu Vorbildern für die Gegenwart. Die wortgewaltigen, anregenden, behutsamen Texte nehmen mit hinein in die Situation der sechs Frauen aus dem Alten und sechs aus dem Neuen Testament und bringen die eindrücklichen Bilder zum Leben. Das Buch ist für nicht nur eine Geschenkidee für „Töchter Gottes“, sondern stellt auch einen künstlerischen Zugang zur Predigtvorbereitung bereit, der zugleich theologisch wie biblisch fundiert ist.

2) Susanne Niemeyer, Siehst Du mich? Das andere Jugendgebetbuch, Freiburg i. Br. 2017.

Sabrina Hoppe: Wer die Geschichten, Gedankenstreusel und Postkarten von Susanne Niemeyer kennt, weiß, dass sie auf eine Art und Weise Fragen stellen kann, die einen eine Antwort finden lassen, ohne dass man es selbst merkt. Vielleicht ist es auch anders herum: Sie gibt Antworten, die im eigenen Kopf zu Fragen werden. Man kann ihre Bücher an Menschen verschenken, die ehrenamtlich in der Kirche arbeiten, man kann ihre Impulse zu Predigten verarbeiten oder ihre Postkarten zur Konfirmation verschenken.

Niemeyers Gedanken und Bilder zwischen Fragen, Antworten, Himmelreich und Pistazieneis passen aber tatsächlich auch besonders gut zu einer ganz anderen Zielgruppe: zu Jugendlichen in Schule und Konfirmationsunterricht. Gemeinsam mit ihrer Schwester Friederike Niemeyer hat sie 2017 mit „Siehst Du mich?“ ein kleines „Jugendgebetbuch“ herausgegeben, das weder Lernstoff noch Jugendkatechismus ist, sondern zum Selberdenken, Schreiben, Malen und Nachfragen bringt: „Es gibt tausend Wege, Gott zu finden. Finde deinen“, ist der rote Faden des Buches. Theologisch ausgedrückt wählt sie einen anthropologischen Zugang, um Jugendliche nach ihren Bildern von Gott und der Welt zu fragen. Pädagogisch formuliert liefert sie Denkanstöße für das eigene Nachdenken. Und ganz subjektiv: Sie schreibt in wunderschönen, knappen Sätzen auf, was es heißt, Gott zu suchen: Wer bin ich und wo suche ich deshalb nach Gott? Wo beginnt der Himmel und wer kann ihn aufhalten? Was trägt Dich? Kann man sich selbst erlösen?

Sie stellt diese Fragen in Dialogen, lässt Platz frei für Zeichnungen, stellt Linien für eigene Worte und Formulierungen zur Verfügung, schreibt To Do Listen auf, die nicht unter Druck setzen, sondern befreien könnten und wirft immer wieder kurze Gebete dazwischen. Klar, auf 74 Seiten ist wenig Platz für theologische Grundsatzdiskussionen noch ausgewogene Überlegungen zum Kreuzestod. Aber das Kreuz, die Schuld, die verlorene Freiheit werden nicht ausgeklammert – sie bekommen andere Worte und Bilder, Fragezeichen und Sätze, die von der eigenen Hoffnung erzählen, an die Seite gestellt. Dadurch nimmt Niemeyer junge Menschen ernst, ohne sie heillos zu überfordern und vermittelt ihnen vor allem, dass Theologie nicht darin besteht, Antworten zu geben, sondern sich zu trauen, Fragen zu stellen. Wenn das dem eigenen Horizont von Gemeinde-und Religionspädagogik entspricht, dann kann ihr Buch entweder als Begleiter in der Konfirmationsarbeit oder einfach seitenweise als Arbeitsblattersatz bei Jugendkreisen, im Religionsunterricht oder bei Jugendgottesdiensten eingesetzt werden.

„Fass Dir ein Herz, lerne Träume zu deuten. Schau hinter die Dinge, führ die Hoffnung spazieren. Dann sehen wir weiter.“ – Wer das nicht kitschig findet, sondern klug, der könnte mit diesem Buch sehr froh werden!

III. Sonstiges

1) Max Czollek: Desintegriert Euch!, München 2018.

Philipp Greifenstein: Die schönste und lehrreichste meiner Sommerurlaubslektüren in diesem Jahr: Der Lyriker und Essayist Max Czollek schreibt über das spannungsgeladene Verhältnis der Deutschen zu den deutschen Juden. Und er greift in seinem bereits im letzten Jahr erschienenen Buch die Mär von der Integration an. „Desintegriert Euch!“ ist ein Erklärbuch für unsere Gesellschaft. Es lässt sich daraus für den Blick auf unterschiedliche Minderheiten lernen. Die Leser*in wird feststellen, dass unsere Gesellschaft aus vielen marginalisierten Gruppen besteht, für die – in weniger drastischer Weise – gilt, was Czollek für die Juden in Deutschland beschreibt.

Für Theolog*innen ist es deshalb besonders interessant, weil die jahrhundertelange Unterdrückung der europäischen Juden und der Anpassungsdruck der Mehrheitsgesellschaft heute ohne die christliche Tradition gar nicht erklärbar sind. Dazu tragen auch theologische Überzeugungen bei, die Jüdinnen und Juden systematisch gegenüber Christ*innen abwerten, ihre heiligen Schriften okkupieren und – in ihrer liberal-deutschen Form – nicht davor zurückschrecken, jüdische Erfahrung und Geschichte in die christliche einzugemeinden. Genau gegen solche Übergriffigkeiten wehrt sich Czollek.

2) Thomas Ebermann: Linke Heimatliebe. Eine Entwurzelung (Konkret Texte), Hamburg 2019.

Niklas Schleicher: Protestantismus hat auch immer was mit Kritik an überkommenen Götzen und Ideologien zu tun. „Heimat“ ist, gerade auch zu Weihnachten, eine solche Ideologie und wird in den letzten Jahren auch immer mehr von links verteidigt und besetzt. Dieses Buch zieht dagegen ins Feld und schafft es anhand von ausgewählten Beispielen „linke Heimatliebe“ zu dekonstruieren. Kein Buch für gute Laune, aber auch solche Bücher haben ja unter dem Weihnachtsbaum ihren Platz.

3) Cathrin Misselhorn: Grundfragen der Maschinenethik, Stuttgart 2018.

Niklas Schleicher: Zum Thema KI und autonome Systeme wird, gerade auch in kirchlichen Medien, viel geschrieben. Und vieles vom Geschriebenen ist, sagen wir mal, von eher diskussionswürdiger Qualität. Um einen halbwegs ordentlichen Stand zu bekommen, gerade was die ethischen Fragen im Zusammenhang mit diesen Themen angeht, empfiehlt sich das Buch der mittlerweile nach Göttingen berufenen Philosophin Cathrin Misselhorn. Das Buch ist, soweit das für das Thema überhaupt möglich ist, auf aktuellem Stand, führt kundig in die wichtigsten Themen ein und diskutiert die Fragen anhand von aktuellen Beispielen.

4) Chantal Mouffe: Agonistik. Die Welt politisch denken, Berlin 2014.

Tobias Graßmann: Chantal Mouffes Buch sammelt Essays, die ihre agonistische Theorie des Politischen auf verschiedene Fragestellungen anwenden – mit dem Ziel, die Denkfehler des technokratischen Liberalismus ebenso zu korrigieren wie die Selbsttäuschungen linker Politik. Das Politische, so die Grundannahme, bearbeitet einen nicht-auflösbaren Antagonismus. Der Kampf um die Macht, die Vorläufigkeit jeder Machtkonstellation und die Spaltung der Gesellschaft müssen voll anerkannt werden, um ein angemessenes Verständnis des Politischen zu gewinnen. Ließen sich die letzten Gegensätze in der Gesellschaft nicht durch moralische Appelle, einen umfassenden Interessenausgleich oder eine objektive Vernunft aufheben, könne die Gegnerschaft doch in eine agonistische Form von Politik transformiert und so entschärft werden. Besonderes Augenmerk legt Mouffe dabei auf die Funktion von Kollektividentitäten und politischen Leidenschaften. In ihrem Essayband finden sich Überlegungen zur multipolaren Welt, zur Zukunft der EU, zum Verhältnis linker Politik zu politischen Institutionen sowie zur politischen Funktion der Kunst. Die Lektüre stimmt angesichts des gegenwärtigen Zustands linker Diskurse etwas wehmütig, aber bietet zahlreiche Anregungen für das Verständnis der politischen Entwicklungen auf nationaler wie internationaler Ebene.

5) Annemarie Pieper: Einführung in die Ethik, 7. Auflage, Tübingen 2017.

Niklas Schleicher: Das Buch ist ein ziemlicher Klassiker, was die Einführung in die Ethik angeht. Es handelt sich hierbei um eine Überblicksdarstellung der philosophischen Ethik und ihrer Teilthemen. Da es sehr komprimiert ist, scheint es nicht die beste Lektüre für die Erstbegegnung mit Ethik zu sein. Aber: Gerade zur Wiederauffrischung Richtung Prüfungen oder Examen kann es sehr gute Dienste leisten, zumal es wirklich schön und einfach geschrieben und durch gutes Layout auch sehr nutzerfreundlich gegliedert ist.

6) Matthias Quent: Deutschland rechts außen, München 2019.

Philipp Greifenstein: Für mich ist Matthias Quents Durchgang durch den aktuellen Rechtsradikalismus das Sachbuch des Jahres. Es besticht durch Fachkenntnis und einen grundlegend anderen Zugang zum Thema: Quent schreibt zugleich als Wissenschaftler und als Betroffener rechtsradikaler Angriffe. Unter dem Schlagwort „Baseballschlägerjahre“ wurde im Herbst über Gewaltangriffe von Rechts diskutiert. Im Anschluss an den Anschlag in Halle wurde auch daran erinnert, dass der gewaltbereite Rechtsradikalismus in Deutschland eine traurige Tradition hat. Wer Geschichte und aktuelle Situation des Themas verstehen will, der greife zu diesem Buch.

IV. Belletristik

1) Alan Bradley: Flavia de Luce Mysteries, New York 2009ff.

Tobias Jammerthal: Krimis lesen gehört angeblich zu den üblichen Lastern der Theologenschar –  auch ich gehöre zu denen, die abends oder in den Ferien gerne mal zu einem solchen greifen. Freilich: auch hier gibt es Konfessionen zwischen den Anhängern des klassischen englischen Kriminalromans und den Freunden der skandinavischen Ermittler. Alan Bradleys Krimireihe, beginnend mit „The Sweetness at the Bottom of the Pie” (deutsch: Mord im Gurkenbeet), gehört sowohl vom Erzählstil wie vom Setting in erstere Kategorie. Die Hauptfigur ist ein elfjähriges Mädchen, dessen Neugierde in allererster Linie der Chemie gilt, die aber auf dem Familiensitz Buckshaw zur veritablen Ermittlerin avanciert. Vor dem Panorama der englischen 1950er Jahre stößt das neunmalkluge Kind auf Rätsel und Verbrechen, die es, manchmal mit mehr Glück als Verstand, löst, und sich nebenbei einen Kleinkrieg mit ihrer pubertierenden größeren Schwester liefert. Bradley schreibt seine Krimis aus der Perspektive des Mädchens, was den Leser immer wieder schmunzeln lässt – die perfekte Lektüre für die ruhige Zeit zwischen den Jahren!

2) Klaas Huizing: Zu Dritt. Karl Barth, Nelly Barth, Charlotte von Kirschbaum. Roman, Tübingen 2018.

Claudia Kühner-Graßmann: Anfang des Jahres habe ich dieses Buch ausführlich besprochen.[1] Jetzt, zu Endes des Karl-Barth-Jahres und für die gemütliche kalte Zeit zwischen den Jahren, möchte ich es nochmals aufgreifen und empfehlen. Klaas Huizing thematisiert in seinem Roman die Dreiecksbeziehung zwischen Karl Barth, Nelly Barth und Charlotte von Kirschbaum. In einer eigentümliche Mischung aus Historie, Romandarstellung, Fiktion und theologischer Werkerschließung geht Huizing diesem privaten, fast schon delikaten Teil der Biographie Karl Barths nach, ohne einem platten Voyeurismus zu verfallen. Genau das richtige Buch, wenn man sich nicht ganz von der Theologie lösen kann und dennoch mal etwas anderes lesen will. Aber man sollte sich dabei immer vor Augen halten, dass es sich um einen Roman und nicht um eine Biographie handelt!

3) Andrej Platonow: Die Baugrube. Neuübersetzung von Gabriele Leupold, Frankfurt a.M. 2016.

Tobias Graßmann: Andrej Platonows avantgardistischer Roman Die Baugrube spielt im Nirgendwo der frühen Sowjetunion. Es ist die Geschichte eines sowjetischen Turmbaus zu Babel, erzählt im Sprachgewirr einer zu Parolen erstarrten oder verstümmelten Sprache. Die Protagonisten – Arbeiter, Bauern, Veteranen, Parteifunktionäre – träumen den Himmel auf Erden und ein ewiges Heim für die versöhnten Volksmassen. Aber sie schaufeln nur ein immer tieferes Loch in die Welt. Den „Neuen Menschen“ vor Augen, stürzen sie zurück in die Tierhaftigkeit, so dass ein vom Schmiedefeuer versengter Bär zwischen ihnen gar nicht weiter auffällt – und folgerichtig seinen Teil zur Liquidierung der reaktionären Bauernschaft beitragen darf. Platonow enthält sich der Moralisierung wie der psychologischen Deutung und überlässt den von korrumpierter Sprache entstellten Gedanken der handelnden Personen das Wort. Der Roman streift das Groteske, ohne das Unbehagen am allzu Wirklichen ins Phantastische aufzulösen. So entzieht sich dieses Buch einer einfachen Vereinnahmung und regt zum Denken über Gemeinschaft und Einsamkeit, Vergänglichkeit und Ewigkeit, menschliche Hybris und die Unbarmherzigkeit der Natur an. Die Leistung der Übersetzerin angesichts dieses virtuosen Umgangs mit Sprache kann der Laie nur erahnen!

4) Marieke Lucas Rijneveld: Was man sät, Berlin 2019.

Julian Scharpf: Ein zehnjähriges Mädchen wächst in einer strenggläubigen calvinistischen Familie auf einem Bauernhof in Holland auf. Als es vor Weihnachten befürchtet, dass sein Kaninchen geschlachtet wird, bittet es Gott darum, dass er lieber den Bruder Matthies zu sich nehmen soll. So kommt es dann auch, Matthies ertrinkt beim Schlittschuhlaufen. Die Tochter ist aber nicht die Einzige in ihrer Familie, die die Schuld für diese als Strafe Gottes empfundene Katastrophe in ihren vermeintlichen Verfehlungen sucht.

Von der ersten Seite an zieht dieses Buch in den Bann und stößt ab; es löst Mitgefühl und Ekel aus. Hier werden Abgründe ausgelotet, Vieles ist verstörend und nur schwer zu ertragen. Die Atmosphäre der beklemmenden Dunkelheit erinnert an Filme wie „Das weiße Band“ von Michael Haneke oder auch Lars von Triers „Breaking the Waves“, die beide ebenso in protestantisch geprägten Dorf- und Familienstrukturen spielen. Man spürt dem Buch ab, dass Marieke Lucas Rijneveld die Verhältnisse sehr genau kennt, die sie beschreibt. Manche Bibelworte lassen sich nicht mehr schmerzfrei zitieren, wenn man ihre autoritäre Instrumentalisierung in diesem Roman erlebt hat. Ein Schlag in die religiöse Magengrube. Dieses Buch eignet sich nicht als Weihnachtsgeschenk für die Schwiegereltern, man sollte es selbst lesen.


[1]https://netzwerktheologie.wordpress.com/2019/01/30/klaas-huizings-zu-dritt-ein-leseeindruck/

Rezension zu: D. Timothy Goering, Friedrich Gogarten

von Claudia Kühner-Graßmann

Goering, D. Timothy: Friedrich Gogarten (1887-1967). Religionsrebell im Jahrhundert der Weltkriege (Ordnungssysteme. Studien zur Ideengeschichte der Neuzeit, Bd. 51). Berlin/Boston 2017.

Wenn eine Theologin die Biographie eines Historikers über einen Theologen rezensiert, wird in besonderem Maße ersichtlich, wie fruchtbar es sein kann, das Historische und das Theologische zusammenzuführen. Die Schwierigkeit besteht darin, weder das historische Interesse als defizitär zu betrachten, noch dem historischen Blick allein die Deutungshoheit über ein theologisches Werk zuzugestehen.

Der Historiker D. Timothy Goering legt mit seiner Gogarten-Biographie, die die überarbeitete Version seiner Dissertation darstellt, ein beeindruckendes Werk vor, das nicht nur für Gogarten selbst, sondern auch für seinen Kontext Erkenntnisse bereithält – hier vor allem für Formierung und Trennung des Kreises um die Zeitschrift „Zwischen den Zeiten“, der als Keimzelle der sog. Dialektischen Theologie gilt –, die ein hohes Erschließungspotential für die theologische Deutung bereitstellen. Gerade von der Netzwerkanalyse und der Einordnung in den jeweiligen historischen Kontext, auf den Goering als „Profanhistoriker“ einen anderen Blick wirft, kann die Theologiegeschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts durchaus profitieren.[1]

Die Lebensgeschichte Gogartens erzählt Goering – wie im Titel anklingt – über das Konstrukt des „Religionsrebells“, das sich zwischen Selbstzuschreibung und Interpretament bewegt (vgl. 5). Damit arbeitet Goering die eigentümliche theologische Stellung Gogartens heraus. Allerdings könnte eine genauere theologiegeschichtliche Analyse diesem Singularitätspathos etwas entgegenwirken, da sich – das macht Goering mit seiner Netzwerkanalyse stellenweise deutlich – doch auch vielfach Gemeinsamkeiten und Parallelen zu Zeitgenossen auffinden lassen.

Mit dem Fokus darauf, Gogarten als einen solchen Religionsrebellen darzustellen, gehen drei Aspekte einher, die sich durch das ganze Buch ziehen:

1) Erstens hebt Goering Gogartens „Kampf gegen die institutionelle Konfessionskirche und für die existenzielle Religiosität“ (10) und die Kritik Gogartens an der konkreten Gestalt der Kirche hervor. Dabei geht er kaum auf die ekklesiologischen Elemente im Denken Gogartens ein, sodass der Eindruck entsteht, dass sich Gogarten prinzipiell gegen ‚die‘ Kirche gewendet hätte. An dieser Stelle könnte auf Grundlage der Darstellung Goerings eine nähere theologische Analyse der Kirchenkritik in Gogartens Werk ansetzen, die möglicherweise doch differenzierter zu bestimmen ist.

2) Mit dem Begriff des „Religionsintellektuellen“ (11-13 u.ö.) bietet Goering zweitens im Anschluss an Friedrich Wilhelm Graf ein ideales Interpretament, um Gogarten gerade in seiner Frühzeit zwischen kirchlicher Berufsexistenz und Universitätstheologie einzuordnen.

3) Drittens untersucht Goering den „Zusammenhang zwischen Gogartens philosophisch theologischen Ideen und seinem Handeln“ (13). Es geht dabei vor allem um die gegenseitige Erhellung dieser theologisch-philosophischen Aspekte mit gesamt-gesellschaftlichen Tendenzen. Goerings Interesse ist es, „die ‚Neue Ideengeschichte‘ und die Religionsgeschichte näher zusammenzubringen“ (15). So wird ein doppeltes Vermittlungsinteresse dieser Biographie deutlich – aber auch das interessante Unterfangen dieser Arbeit zwischen rein historischer und theologiegeschichtlicher Untersuchung.

Mit diesen Leitmotiven erzählt Goering das Leben Gogartens in vier Etappen:
Zunächst widmet er sich unter der Überschrift „Das Erwachen eines Gottsuchers“ der Studien- und Pfarramtszeit bis 1918. Hier werden die Grundlagen für die weitere Deutung gelegt, vor allem durch die Einteilung Gogartens in die „vagierende Religiosität“ (23) als einer von vier religiösen Gruppierungen im Kaiserreich (24-34). Diese Einordnung bietet ein gewisses Erschließungspotential für Gogartens Werk, aber auch hier wäre über eine nähere ekklesiologische Untersuchung zu klären, ob der starke Gegensatz zur Kirche für Gogarten durchweg überzeugt. Goering zeigt im weiteren Verlauf immer wieder Spuren dieser vagierenden Religiosität im Gefolge Arthur Bonus’ und Gottfried Traubs auf (vgl. 85). Entgegen einer Interpretation, die die Brüche in Gogartens Werk hervorhebt, will Goering zwar Änderungen aufzeigen, diese aber zugleich als in Kontinuität mit diesem – scheinbar im Widerspruch dazu stehenden –  Frühwerk betrachten.

Im zweiten Kapitel „Dialektisches Jahrzehnt“ beschreibt Goering Formierung und Trennung des Netzwerkes der sog. Dialektischen Theologie. Allein für diesen Abschnitt lohnt sich die Lektüre dieses Buches. Zunächst erklärt er die Formierung des Netzwerks der Dialektischen Theologie aus dem Selbstbewusstsein der sich abgrenzenden jüngeren Theologen im Rahmen der zeitgenössischen Intellektuellennetzwerke, die sich zumeist unter dem Aspekt eines gemeinsamen Feindes bildeten. Mit dieser historisch notwendigen und sinnvollen Einordnung nimmt Goering etwas Pathos aus den verbreiteten Erzählungen der Formierung der sog. Dialektischen Theologie und liefert über das Motiv des gemeinsamen Feindes schon einen plausiblen Grund für das Auseinanderbrechen dieses Netzwerkes. Insbesondere ist hervorzuheben, dass Goering eine komplementäre Perspektive neben derjenigen Barths anbietet, die die Forschung stark prägt. Er präsentiert mit Gogarten, dem Namensgeber der Zeitschrift „Zwischen den Zeiten“, einen zweiten starken Kopf dieses Kreises. Auch wenn man dem Autor die Lust an der Dekonstruktion der Barth‘schen Perspektive (vgl. 284) anmerkt, verfällt er nicht einer gegenläufigen Helden- oder auch Opfererzählung. Im Gegenteil: Goering geht nicht zimperlich mit Gogarten um, wenn er ihn etwa als den „‚Bulldog‘ der Dialektischen Theologie“ (116) bezeichnet. Unter den vielen erhellenden Aspekten der Darstellung sei besonders noch auf zwei verwiesen: zum einen die Bedeutung von Konferenzen als Diskursmärkte für die Etablierung der Dialektischen Theologie (z.B. 140), zum anderen die Änderungen im Selbstverständnis Gogartens als Intellektuellen, die mit dem Wandel der gesellschaftlichen Rolle der Intellektuellen durchaus parallel verlaufen (vgl. etwa 177f.). Letzteres ist umso spannender, als dass Goering hier wiederum eine  beliebte Schematisierung der theologiegeschichtlichen Interpretation hinterfragt: Denn wird Barth üblicherweise im Gegenüber zu Paul Althaus oder auch seiner Lehrergeneration einem neuen Typus Theologen zugeordnet, der sich vor allem durch einen antibürgerlich-unkonventionellen Habitus unterscheidet, ordnet Goering hier gerade Barth dem „Gelehrtentypus eines Universitätsprofessors“ zu – im Gegenüber zu Gogarten als einem „kampflustigen Religionsintellektuellen“ (217). Dazu passt, dass Gogarten erst 1931 und nach langem Hin und Her auf einen theologischen Lehrstuhl nach Breslau berufen wurde.

Neben dem Netzwerk der Dialektischen Theologie macht Goering für Gogarten zwei weitere Bezugsnetzwerke aus: eines um den Philosophen Eberhard Griesebach und eines um die Religionspädagogin Magdalene von Tiling. Die wechselseitige Beeinflussung ist in diesen beiden Fällen zwar bereits bekannt und verschiedentlich ausgeleuchtet, aber die Netzwerkanalyse bietet neue Einblicke in Formierung und – im Falle Griesebachs – Bruch dieser Verbindungen, die über rein inhaltlich-theologische Aspekte hinausgehen.  Über den Befund, dass sich Gogarten nicht exklusiv auf ein Netzwerk von Kontakten beschränkt, präsentiert Goering eine gewisse Zwischenstellung, die Gogarten nicht nur im Rahmen der Dialektischen Theologie verortet.

Eine unbestreitbare Stärke dieser Biographie liegt in der Darstellung der NS-Zeit. Goering arbeitet hier vor allem die vielschichtigen Gründe für Gogartens Beitritt zu den Deutschen Christen heraus – einer Entscheidung, die „ihn für den Rest seines Lebens verfolgen würde“ (268). Auch hier verfällt der Autor nicht einem apologetischen Ton, sondern erhellt die völkisch-konservative Prägung von Gogartens Theologie, ohne diese undifferenziert als nationalsozialistisch zu brandmarken. Seine Haltung wird dabei vor allem über das Motiv einer „passiven Aktivität“ erklärbar, wie es  Goering aus Gogartens Menschen- und Ethik-/Politikverständnis herausarbeitet. Diese paradoxe Haltung während der NS-Zeit beschreibt Goering mit Kafkas Erzählung „Ein Hungerkünstler“ von 1924, womit Goering zugleich die tragische Unzeitgemäßheit Gogartens zu diesem Zeitpunkt herausstreicht.[2]

Die folgenden Jahre (1935-1947) stehen in der Darstellung unter dem Aspekt der Einsamkeit. Die zerbrochenen Kontakte und Freundschaften werden in Göttingen kaum durch neue ersetzt. Goering stellt Gogarten damit noch deutlicher als enttäuschten, verbitterten Einzelkämpfer dar, wobei dieser Zustand nicht als völlig unverschuldet präsentiert wird. So mündet die Erzählung der Lebensgeschichte Gogartens im vierten Kapitel in „Eine schriftliche Existenz“. Inhaltlich steht nun das Konzept der Säkularisierung im Vordergrund, das Goering in Kontinuität mit Gogartens Theologie der 1920er und 1930er Jahre begreifen kann (vgl. etwa 355f.). Biographisch wird neben der isolierten Gelehrtenexistenz in Göttingen besonders auf Gogartens Reisen nach Schottland und in die USA eingegangen. Ein Blick wird auch auf die durch den Tod Carl Michalsons abgebrochene Rezeption in der amerikanischen Theologie geworfen, deren Darstellung auch unabhängig von Gogarten interessante Einsichten bereithält. Aber auch hier wird eine gewisse Tragik in der Existenz Gogartens deutlich, deren Wurzel Goering  nicht nur in den äußeren Umstände, sondern in der Person selbst verortet.

Goerings Buch ist nicht nur eine Biographie Gogartens. Mit ihr und anhand ihrer skizziert er zugleich die gesellschaftlich-religiöse Lage einer Zeit – ausgehend von der Kaiserzeit und dem Konzept der vagierenden Religiosität. Die Konzentration auf dieses kirchenkritische Moment der Theologie Gogartens, das bisher wenig Beachtung in der theologiegeschichtlichen Konstruktion findet, fordert eine nähere theologische Analyse heraus.

Die Rezensentin hat zumindest den Verdacht, dass mitunter die unkonventionelle Form, die Gogarten ekklesiologischen Gedanken gibt, als unkirchlich verbucht wird. Doch hat sich im Protestantismus immer wieder eine scheinbar paradoxe Form von Kirchenbindung entwickelt, die sich dezidiert als Kirchenkritik ausgestaltet. Hier wird besonders deutlich, wie sehr auch die historische Arbeit in diesem Feld von einem geschärften theologischen Problembewusstsein profitieren könnte. Daher bleibt fraglich, warum Goering in seinem Forschungsüberblick am Ende des Buches derart stark die „Unzulänglichkeit der üblichen theologiegeschichtlichen Methode“ (434) hervorhebt. Sollte er meinen, auf diesem Wege  die Notwendigkeit einer historischen Bearbeitung eines Theologen  begründen zu müssen, wäre ein solcher Rechtfertigungsdruck jedenfalls aus theologischer Perspektive kaum verständlich. Im Gegenteil: Erkenntnisgewinn und Nutzen seiner Arbeit für die Theologiegeschichte stehen ganz außer Frage.

 

[1]     Vgl. ergänzend zu dieser Rezension Brunner, Benedikt: Rezension zu: Goering, Daniel Timothy: Friedrich Gogarten (1887–1967). Religionsrebell im Jahrhundert der Weltkriege, in: H-Soz-Kult, 27.06.2019, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-25044. Brunner geht als Kirchenhistoriker nochmals mehr auf die Methodik des Buches ein, während hier die historisch und systematisch interessierte Praktische Theologin  das Buch auf seinen theologischen Ertrag hin befragt.

[2]     „Aber das Interesse an dieser tragischen Hungerkunst war zurückgegangen“ (317).

Frisch über Barth, oder: Eine Pascal’sche Wette höherer Ordnung

Rezension zu: Ralf Frisch, Alles gut. Warum Karl Barths Theologie ihre beste Zeit noch vor sich hat, Zürich 2018

von Niklas Schleicher (@megadakka)

Das Barth-Jubiläum bringt es mit sich, dass unzählige Publikationen zu Ehren oder zur Erinnerung des großen Theologen erscheinen. Es gibt Romane, Biographien, Sammelbände, Studien zu seiner Theologie, aber auch eigenwilligere Entwürfe. Zu letzteren zählt sicherlich auch das Buch „Alles gut“ des Nürnberger Professors für Systematische Theologie Ralf Frisch.

Der Untertitel lautet „Warum Karl Barths Theologie ihre beste Zeit noch vor sich hat“. Der Autor unternimmt dabei den Versuch einer Re-Lektüre der barth‘schen Theologie (vor allem der KD), indem er eine andere Perspektive auf das Werk Barths einnimmt. Dazu später mehr.

Die knapp 200 Seiten des Buches sind gut geschrieben; das Buch liest sich angenehm, sieht man von manchen Wiederholungen und Redundanzen ab. Der Stil der 12 Kapitel ist dabei durchaus so, dass auch Nicht-Theologen* wahrscheinlich einige Dinge mit Gewinn lesen werden können. Stilistisch sind einige Metaphern anzumerken, die, um es diplomatisch auszudrücken, etwas schräg sind, so zum Beispiel, wenn vom „theologischen Absaugmanöver“ (93) die Rede ist.

Man kann das Buch in gewisser Weise in zwei unterschiedliche Ebenen unterteilen, die freilich ineinander verzahnt sind.

Die erste Ebene ist dabei eine Rekonstruktion der Theologie Karl Barths, die mit Barths theologischem Neuansatz im Römerbriefkommentar beginnt, dann aber vor allem die Theologie der Kirchlichen Dogmatik darstellt und rekonstruiert. Dabei behandelt er die Themen weniger chronologisch, als vielmehr thematisch und beschreibt Barths Gotteslehre, seine Anthropologie, die Ethik, die Ekklesiologie und die Versöhnungslehre. Insgesamt gelingt Frisch hierbei eine recht gelungene Rekonstruktion, die freilich nicht viel Neues bringt, und mehr oder weniger Mainstream der Barth-Forschung darstellt, nicht zuletzt auch aufgrund der immer wieder eingestreuten Spitzen gegenüber liberaler Theologie, so zum Beispiel:

„[Barths frühe Theologie ist] starker Tobak und keine geringe Zumutung für eine theologische Zeit, die von vielen Repräsentanten der liberalen Theologie leichtere Kost gewohnt war“ (59).

Hier ist freilich zu fragen: Welche liberale Theologie hat Frisch vor Augen und was ist leichtere Kost? Besser in den Zeitgeist der Avantgarde passte doch sicherlich Barths am Expressionismus geschulte theologische Sprache.

Und dann natürlich das inhaltliche Problem, das sich darin zeigt, dass Frisch nie genau deutlich macht, ob eher der Gott in den Vordergrund gestellt werden soll, der „regiert“ oder derjenige, der sich unendlicher Verschiedenheit zur Welt befindet, und zu dem auch die Menschen eigentlich keinen Weg haben und finden sollen. Freilich, dieser religionskritische und gleichzeitig christuszentrierte Blick des Christentums ist so etwas wie die DNA eines Barthianers, aber man sollte halt nicht vergessen, welche Probleme man sich auflädt, gerade auch auf ekklesiologischer Ebene. Die aktuelle kirchliche Öffentlichkeit kommt dann bei Frisch auch nicht besonders gut weg und wird, auch das ist ja mittlerweile einheitsstiftendens Moment vieler theologischen Richtungen, für Dinge wie ökologisches Bewusstsein kritisiert (108).

Aber gut, insgesamt kann man das alles als gute, süffige Einführung in eine Art des Barthianismus lesen. Man wird davon nicht dümmer und kann den einen oder anderen nützlichen Gedanken mitnehmen.

Die zweite Ebene des Buches ist dann die eigentliche Neuerung und dass es innovativ sei, wie Frisch Barth liest, nun, das betont Frisch selbst des Öfteren. Aber Ehre, wem Ehre gebührt, selbst, wenn man diese sich selbst zusprechen muss. Das neue und innovative ist, dass Barths Theologie als Erzählung gekennzeichnet wird. Barth wird verglichen mit J.R.R. Tolkien, die KD wird mit „Herr der Ringe“ parallelisiert. Die Ausgangsthese ist nämlich, dass Barths Theologie zu ungewöhnlich, zu groß ist, als dass sie sich einfach dem Geschäft wissenschaftlicher Plausibilisierung unterwerfen könnte. So werden der theologischen Rekonstruktion quasi fundamentaltheologische Prolegomena vorausgeschoben. Doch was in klassischen Entwürfen Abhandlungen über das Verhältnis von Bibel und Bekenntnis, über die Bedeutung der Vernunft oder der natürlichen Gotteserkenntnis waren, sind hier eben die Einordnung der barth‘schen Theologie als Fiktion und ihr Vergleich mit anderen romanhaften Werken (29-73).

Diese Idee scheint wirklich interessant zu sein, nimmt sie doch recht gut einen Trend in den Geisteswissenschaften auf, der sich irgendwie unter den Begriffen Narrativität und Narratologie verorten lässt. Und der Vergleich mit Tolkien ordnet Barths Theologie auch wirkungsgeschichtlich dort hin, wo sie zu Hause ist: Beides sind epochenmachende Werke von ungeheurer Detailtiefe und Wirkung.

Soweit, so gut? Nun ja. Meiner bescheidenen Meinung nach nimmt Frisch für seine spritzige Idee Probleme in Kauf, die sowohl Barth, der Aktualisierung seiner Theologie als auch der theologischen Wissenschaft einen Bärendienst erweisen.

Denn was passiert, wenn theologische Werke als Fiktionen eingeordnet werden? Sie entziehen sich zunächst der Überprüfbarkeit durch theologische Forschung. Denn: Kriterien der Wissenschaftlichkeit lassen sich eben kaum auf Tolkien anwenden, einziges Kriterium ist innere Stimmigkeit. Freilich, Barths Theologie hatte immer eine eigenständige Stellung gegenüber anderen Wissenschaften zu behaupten versucht, aber er konnte wenigstens Kriterien benennen, denen seine Theologie entsprechen muss, und seien es nur eine Übereinstimmung mit der biblischen Offenbarung.

Dieses Problem liegt auch daran, dass Frisch nicht die Heilsgeschichte oder das Christusereignis als Fiktion verstehen will, sondern die theologische Reflexion Karl Barths darüber. Um das etwas klarer zu machen: In der Theologie spielen Narrationen zum Beispiel eine Rolle, wenn es darum geht zu überlegen, wie eigentlich moralische Orientierung funktioniert. So Johannes Fischer. Er arbeitet heraus, dass unser moralisches Verstehen, also das Einordnen einer Situation als ethisch relevant und unsere daraus ergebende Handlungen durch Erzählungen geprägt sind: „Grausam“ verstehen wir, wenn jemand eine Situation schildert die grausam ist. Ja, selbst unsere Lebensführung als ganzes und damit unsere ethische Orientierung ist symbolisch verfasst und damit auch auf Narrationen angewiesen. Aber: Das Geschäft des Ethikers ist es nicht, die eigene Reflexion darüber als Erzählung zu verfassen, die reflexive Ebene ist bei diesem Fall deskriptiv und kritisch: Sie stellt die Narrationen in einen Kontext und versucht die Bedingungen und ihre Geltung zu beschreiben.

Und weiter: Karl Barth würde wahrscheinlich der Einordnung seiner Theologie nicht nur nicht zustimmen, ich denke, er würde sie ablehnen. Nicht nur, weil seine Theologie zwar sprachlich interessant ist, aber doch nicht den ästhetischen Kriterien eines Romans entspricht. Die Gegenprobe lässt sich recht einfach machen: „Herr der Ringe“ wurde deshalb wieder zu einem echten Bestseller, weil die Bücher brillant verfilmt wurden. Ich jedenfalls mag mir keine Verfilmung der KD vorstellen (außer Robert Downey Jr. spielt die erste Person der Trinität).

Aber weg von Spekulationen über das, was Barth denken würde – auch davon ist Frischs Buch selbst nicht frei – hin zu dem, was Sache ist: Barth war es um seine Theologie ernst. Ihm ging es um was. Am „Nein“ gegen Brunner ist nichts Verspieltes oder Lustiges. Und auch wenn sich seine Theologiegeschichte teilweise vergnüglich liest, ist ihm die Ablehnung des 19. Jahrhunderts doch sehr ernst.

Und weiter: Barths Theologie war immer geprägt durch Zeitgenossenschaft in einem ganz spezifischen Sinne. Als Pfarrer in der Schweiz sah er die Armut der Arbeiterschaft und entwickelte Sympathien für den religiösen Sozialismus. Dann sah er im ersten Weltkrieg und danach die Fehler des Kulturprotestantismus und entwarf eine Theologie, die Gott als den anderen, den richtenden Gott in den Vordergrund stellte. Im dritten Reich und danach stellte er die Macht Gottes gegen die Herrscher der Welt. Und freilich: Barth hat selbst etwas Gelassenes an sich. Aber seine Gelassenheit ist doch darin begründet, dass es um seine Theologie umso ernster ist. Das Gott regiert ist keine schöne Gegenerzählung und nichts, dass sich mit Frodos Weg zum Schicksalsberg oder Gimlis Heldenmut bei Helms Klamm vergleichen lässt. Dass Gott regiert, muss für Barth wahr sein, ansonsten ist alles verloren. Es war für ihn nicht „Alles gut“ in dem Sinne, dass Theologie doch nichts anderes ist als ein großes Spiel, dass entweder sich auszahlen könnte oder auch nicht.

Was Frisch also treibt, ist eine Pascal’sche Wette höherer Ordnung, nur dass er sich als Gewährsmann den größten Theologen des 20. Jahrhunderts nimmt, der sich halt nicht mehr so recht wehren kann. Ich bin wirklich kein Barthianer, und Frischs Werk hat unter diesen und auch anderen durchaus viel Zustimmung und Interesse erhalten. Es könnte mir eigentlich reichlich egal sein, wer Barth wie interpretiert und anwendet. Aber was man von Barth lernen kann: in der Theologie kann es um alles gehen. Denn, und das zum Schluss: Eine „fiktionale Gegenerzählung“ hat eben ein entscheidendes Merkmal: Sie ist fiktiv. Und sollte es das sein, was die Theologie über Gott zu sagen hat, dann können wir es halt auch bleiben lassen.

 

 

 

 

Rezension zu: Werner Thiede, Karl Barths Theologie der Krise Heute

Werner Thiede (Hrsg.), Karl Barths Theologie der Krise Heute. Transfer-Versuche zum 50. Todestag, Leipzig 2018.

Rezensiert von Martin Böger

Pünktlich zum 50. Todestag Karl Barths am 10. Dezember 1968 und dem 100-jährigen Jubiläum des Erscheinens seines Römerbriefkommentars 1919 ist es mehr als angemessen, diesen umtriebigen und prägenden Theologen des 20. Jahrhunderts auf verschiedenste Arten und Weisen zu würdigen.

In den Reigen dieser Festivitäten reihen sich erfreulicherweise neue Publikationen. Werner Thiede versammelt als Herausgeber unter dem vielversprechenden Titel „Karl Barths Theologie der Krise Heute. Transfer-Versuche zum 50. Todestag“ verschiedene Autoren, die sich jeweils einem Teilaspekt der barth‘ schen Theologie annähern.

Die einzelnen Beiträge bilden in ihrer Breite die zentralen theologischen Topoi ab, mit denen sich Barth Zeit seines Lebens auseinandergesetzt hat und die in besonderem Maße für seine Theologie stehen: Theologie der Krise, Dialektische Theologie, Abgrenzung zur Liberalen, Offenbarungstheologie, Schriftverständnis; Sünde und Versöhnung, Ethik, Christologische Zentrierung, Theologie, Pneumatologie, Ekklesiologie, Taufe und Eschatologie.[1]

Die einzelnen Beiträge bewegen sich zwischen einer Darstellung der barth’ schen Theologie und einem darauf aufbauenden Transferversuch für ein »Heute«. So vergleichen Harald Seubert und ebenso Christofer Frey die gesellschaftlichen Herausforderungen des beginnenden 20. Jahrhunderts mit denjenigen des 21. Jahrhunderts und kommen zum Schluss, dass Barths Theologie wahrscheinlich weder damals noch heute dem Zeitgeist entsprechen will, sondern eher zur kritischen Spiegelfigur der eigenen postmodernen Selbst- und Wirklichkeitsdeutung wird. In diese Kerbe schlagen zurecht auch zahlreiche andere Beiträge: Gerade für die pluralistische-postmoderne Gesellschaft in ihrem Diskurs um Wahrheit und Sinn kann die Theologie Barths ein bedenkenswerter Gesprächspartner werden, der so manche postmoderne Denkweisen und Wahrheit(en) kritisch hinterfragen lässt, die um die Begriffe der Autonomie, der Individualität und der Freiheit kreisen.

Für einen lohenden weiterführenden theologischen Diskurs ist Wolf Krötkes Beitrag zu erwähnen, der sich im Gegenüber zu aktuellen Verlautbarungen der EKD zum Thema Taufe mit den für ihn bleibenden Anfragen Barths an die gängige Taufpraxis beschäftigt.

Etwas fragend lassen einen jedoch die Beiträge von Ralf Frisch und Werner Thiede zurück. Frisch deshalb, weil er mit dem kecken Anspruch antritt, die Sündenlehre Barths in drei aktuelle Diskussionslagen zu übertragen: „Die Sünde des Islams“, „Die Sünde der identitären Rechten“ und „Die Sünde der postfaktischen Kultur“. Ob jedoch der Übertragungsversuch auf den islamischen Bereich in irgendeiner Form hilfreich bzw. lehrreich sein könnte, soll hier mindestens mit einem großen Fragzeichen versehen werden, hinterlässt der entsprechende Abschnitt doch viel eher den Anschein, dass das Religionsverständnis des Islams von außen und für die These des Abschnitts einseitig vereinnahmend behandelt wird. Hier wäre für den wichtigen Ansatz des Beitrages ein Beispiel aus dem aktuellen (fundamentalistischen) christlichen Kontext m.E. sprechender und erhellender gewesen. Thiedes Mutmaßungen in Teilen seines Beitrages über den genauen Sterbezeitpunkt Barths, den er über die genaue Sterbehaltung Barths herausgefunden haben will, haben eher etwas mit einer Hagiografie als einem wissenschaftlichen theologischen Diskurs zu tun.

Dem Herausgeber ist in seinem Vorwort zuzustimmen: Barths Theologie lohnt sich – gerade auf dem Hintergrund unserer pluralen, ambiguen und postmodernen Gesellschaft. Und ja, vielleicht hat die Theologie Barths ihre beste Zeit noch vor sich (man schaue nur in den angloamerikanischen Raum, wo Barth als deutlich hipper und anschlussfähiger gilt als hierzulande). In diesen für die Theologie herausfordernden Zeiten sind noch nicht alle Schätze gehoben, die sich in Barths weitverzweigten Werk aufspüren lassen, wenn es um die Sache des Menschen, die Sache Gottes geht; was Kirche ausmacht und wie sich in ihrer Zeitgenossenschaft für die Welt einzusetzen hat.

Treffend schreibt Frey in seinem Beitrag: „Soll Karl Barths Theologie weitergedacht werden, darf sie nicht nur theologisch eingeordnet werden.“ (S. 48) An der einen oder anderen Stelle hätte man den Autoren des Bandes jedoch etwas mehr Mut zu dieser Einsicht gewünscht. So bleiben doch einige Transferversuche zu stark in einer historisch-theologischen Darstellung der Theologie Barths verhaftet.

Daher hinterlässt es einen besonderen faden Beigeschmack, dass keine einzige Frau unter den Autoren zu finden ist und daneben auch niemand, der sich der jüngeren bis jüngsten Generation des wissenschaftlich-theologischen Standes zurechnen könnte (der jüngste Autor ist Jahrgang 1971). Gerade ein solch junger Blick hätte beweisen können: Ja, die Theologie Barths bleibt eine Inspiration und Herausforderung für eine gegenwärtige Theologie im Diskurs für Gegenwart und Zukunft.

 

[1] Harald Seubert, Zwischen den Zeiten: Karl Barths Krisis-Theologie und die Krise der gegenwärtigen Theologie; Christofer Frey, Karl Barth und die »Dialektik der Aufklärung«; Ulrich Beuttler, Radikale Theologie der Offenbarung: Karl Barth und die postmoderne Phänomenologie und Hermeneutik; Matthias Gockel, Barths offenbarungstheologischer Ansatz im heutigen Kontext pluralistischer Religionstheologie; Günter Thomas, Karl Barths pneumatologischer Realismus und operativer Konstruktivismus; Volker Leppin, Karl Barth, die Mystik und das Wort; Christoph Raedel, Barths Schriftverständnis und die historisch-kritische Methode in der Krise; Ralf Frisch, Der nichtige Widerstand gegen die Gnade Gottes: Karl Barths Sündentheologie heute; Hans G. Ulrich, Karl Barths Ethik – Rückblick und Ausblick; Hans Schwarz, Barths Christologie und liberale Dekonstruktionen der Gegenwart; Matthias Heesch, hat die liberale Theologie Karl Barth besiegt?; Eberhard Busch, Karl Barths Lehre von der Kirche – eine notwendige Erinnerung; Wolf Krötke, Der »Dienstantritt« der Partnerinnen und Partner Gottes – die Taufe; Werner Thiede, Karl Barths individuelle Eschatologie und die Krise der Ganztod-Theologie.

Rezension zu: Praktische Theologie. Ein Lehrbuch

Fechter, Kristian/Hermelink, Jan/Kumlehn, Martina/Wagner-Rau, Ulrike: Praktische Theologie. Ein Lehrbuch (Theologische Wissenschaft, Bd. 15), Stuttgart 2017.

Rezensiert von Claudia Kühner Graßmann

Lehrbücher zur Praktischen Theologie gibt es viele auf dem Markt, sei es als Entwurf (Grethlein oder Rössler1), Arbeits- und Studienbuch (Meyer-Blanck/Weyel2) oder als Behandlung einer Subdisziplin (Klessmann3). Dennoch schafft es das hier zu besprechende Lehrbuch, eine Lücke zu füllen, indem es die Varianz praktisch-theologischen Arbeitens schon durch die Mehrautorenschaft4 darstellt, indem es explizit auf akademische Prüfungen zuspitzt, aber auch die praktische theologische Ausbildungsphase im Blick behält (vgl. S. 16) und nicht zuletzt durch seinen problemorientierten Zugriff. Allgemein gesagt, geht es den Autor*innen um einen Überblick über die Praktische Theologie, ihren Aufgaben und Problemen vor dem Hintergrund empirischer Befunde und (theologie)geschichtlicher Einsichten.

Praktische Theologie wird als „Theorie pluraler christlich-religiöser Praxis in der Gegenwart“ definiert, die auf „Zeitgenossenschaft“ (S. 16) aus sei. Damit wird der Gegenwartsbezug deutlich, der die Gliederung sowie den Zugriff auf die Subdisziplinen Praktischer Theologie durchzieht. Deren Behandlung geht zunächst ein Abschnitt zu Querschnittsthemen (I.) voraus. Ulrike Wagner-Rau erläutert dabei den Begriff der Praktischen Theologie als Theorie christlicher Religionspraxis. Sodann wird das Verhältnis von Christentum und moderner Gesellschaft, von Religion und Gegenwartskultur dargestellt (Kristian Fechtner). Das Kapitel endet mit Martina Kumlehns Ausführungen zu Religion und Individuum. Es kommt hier also allgemein das Setting in den Blick, in und mit dem es die Praktische Theologie zu tun hat. Dem informierten Theologen mag hier einiges schon selbstverständlicher sein als die Darstellungen mit ihrem gewissen Moderne-Pathos verraten. Die Skizzierung der Grundlagen Praktischer Theologie sind dennoch wichtig und hilfreich für das Verständnis der weiteren Abschnitte. Zudem geben die angeführten Literaturverweise Theorien und Namen an die Hand, mit deren Hilfe sich gegenwärtige Diskussionen erschließen.

Herzstück und Hauptteil des Buches bilden die sog. Handlungsfelder (II.), in denen die Autorinnen und Autoren jeweils einen Überblick über Probleme und Debatten geben. Der Anspruch des Lehrbuchs ist, diese Kapitel als selbstständig zu betrachten. Kohärent und vergleichbar werden sie durch ihren Aufbau: Ausgangspunkt der Abschnitte bildet die Betrachtung von exemplarischen Herausforderungen. Der Blick geht dabei auf Probleme der Gegenwart, denen ebenfalls an manchen Stellen ein eigentümliches Modernepathos entgegentritt. Es folgt eine Orientierung im jeweiligen Handlungsfeld, in dem es wiederum erst einmal nicht um praktisch-theologische Theoriebildung, sondern um Erläuterungen von Bedingungen, Typisierungen und Vorkommnissen geht. Im dritten Abschnitt werden empirische Befunde erläutert, bevor viertens nach historisch-systematischen Anschlussstellen gefragt wird. Es folgen fünftens praktisch-theologische Grundbestimmungen, sechstens eine Darstellung aktueller Diskurse und schließlich siebtens ein Ausblick auf Zukunftsfragen. Die Abschnitte fallen je nach Handlungsfeld und Autor*in ausführlicher oder kürzer aus. Hier liegt eben ein Reiz dieses Lehrbuchs: die Gewichtung der einzelnen Abschnitte bzw. Herangehensweisen findet in jedem Kapitel anders statt. Durch die gleiche Gliederung wird allerdings ein Blickwinkel vorgegeben, der einen organisierenden Blick auf die jeweiligen Disziplinen Praktischer Theologie (mit Ausnahme des Themas „Frömmigkeit/Spiritualität [II.10] handelt es sich dabei um die gängige Unterteilung der Praktischen Theologie) ermöglicht. Dieser läuft, wie in der Darstellung der Gliederung angedeutet wurde, über die Einbettung in den praktischen Vollzug – wie der Begriff „Handlungsfelder“ ebenfalls zeigt. Dahinter steht die Intention, praktisch-theologische Debatten problemorientiert zu erläutern (vgl. S. 15). Das mag einer eher historisch und akademisch ausgerichteten Praktischen Theologin zunächst fremd sein, aber die Herangehensweise bringt gerade in ihrer anwendungsorientierten Perspektive durchaus interessante Impulse mit sich. Sie lenkt dadurch auf Probleme und bringt exemplarisch und durchaus jeweils perspektivisch und konzeptionell (vgl. S. 15f.) Anregungen für die theologische Auseinandersetzung. Nimmt man die eigene Grenzwahrnehmung der Autor*innen ernst, das eigene Studium nicht ersetzen zu wollen, wofür rein äußerlich schon die Literaturangaben am Ende jedes Kapitels und die Kürze der jeweiligen Beiträge spricht, ist dieses Buch eine wunderbare Einführung und Bündelung zugleich, die zu weiterer Auseinandersetzung, Problemstellungen und Theoriearbeit anregt. Zudem nimmt man gleichzeitig durch die Varianz der Autor*innen exemplarisch die Breite praktisch-theologischer Arbeit und Herangehensweisen wahr. Durch die Kürze, das sei extra betont, stellt die Lektüre auch keine allzugroße Zumutung für Theolog*innen im Pfarrdienst dar, die mit diesem Buch ihre Wahrnehmung auf die Handlungsfelder hinterfragen können. Dabei zeigt die aus dem zugrundeliegenden Begriff der Praktischen Theologie als „Theorie pluraler christlich-religiöser Praxis in der Gegenwart“ (S. 15) Chance und Gefahr zugleich auf. Aber der exemplarische Blick auf die Problemlage kirchlicher Praxis kann mit diesem Buch geschult und geschärft werden – in Zustimmung, Abgrenzung und Weiterarbeit.

1Vgl. Grethlein, Christian: Praktische Theologie, Berlin/Boston 2012 und Rössler, Dietrich: Grundriß der Praktischen Theologie, 2., erw. Aufl., Berlin/New York 1994.
2Vgl. Meyer-Blanck, Michael/Weyel, Birgit: Studien- und Arbeitsbuch Praktische Theologie, Göttingen 2008.
3Vgl. Klessmann, Michael: Seelsorge. Begleitung, Begegnung, Lebensdeutung im Horizont des christlichen Glaubens. Ein Lehrbuch, Neukirchen-Vluyn 42012.
4Hierbei sei zudem noch Tobias Braune-Krickau genannt, der den Abschnitt zur Diakonik (II.8) beisteuert.

Klaas Huizings „Zu dritt“ – Ein Leseeindruck

von Claudia Kühner-Graßmann

Klaas Huizing: Zu dritt. Karl Barth, Nelly Barth, Charlotte von Kirschbaum. Roman, Tübingen: Klöpfer und Meyer 2018.

Unter den vielen Veröffentlichungen zum Karl-Barth-Jahr, die teilweise auch hier besprochen wurden und werden, sticht Huizings Roman doch besonders hervor. Schon die Idee, das vielfach angedeutete, aber immer wieder auch durch sog. Barthianer zur Seite geschobene Dreiecksverhältnis Karl Barths mit seiner Ehefrau Nelly und Charlotte von Kirschbaum als Roman zu verarbeiten und dabei zugleich theologische Erkenntnisse durch Verweise auf Werke Karl Barths, biographische Ereignisse durch das Abdrucken von Briefen und gesellschaftliche Ereignisse einzubeziehen, scheint genial zu sein.

Zunächst möchte ich meinen Leseeindruck darstellen und in einem zweiten Schritt (nicht-)mögliche Auswirkungen auf das Bild Karl Barths, die sich aus der Lektüre ergeben könnten, erläutern. Dabei handelt es sich, das soll ebenso im Bewusstsein bleiben wie der Romancharakter des Buches, um meinen persönlichen Eindruck.

I. Der Leseeindruck

Huizing zeichnet ein (literarisches) Bild der Ereignisse, Szenerie, Personenkreise, Gedanken der einzelnen Personen, sexuellen Annäherungen und Vollzüge, das zuweilen beunruhigend wirkt. Beunruhigend nicht, weil hier vermeintlich das Bild Karl Barths auf dem Spiel steht, nein, beunruhigend wegen der permanenten Spannung in diesem Dreiecksverhältnis, das von den Beteiligten als Notgemeinschaft bezeichnet wird. Diese Spannung wird, das ist eine große Leistung des Buches, nicht aufgelöst. Das macht es teilweise fast unerträglich. Aber eben auch gut, zumal das Verhalten der Einzelnen kaum bewertet wird bzw. die Bewertung durch den Kontext indirekt und wechselseitig geschieht. Niemand kommt hier einseitig schlecht oder gut weg. Die romantische, sexuelle Anziehung zwischen Lollo, wie Charlotte von Kirschbaum immerzu genannt wird, und Barth wird nicht gegen die Ehe der Barths ausgespielt, obgleich man zugleich auch den Wunsch nach Ausleben dieser Beziehung nachzuvollziehen vermag. Charlotte, die als geniale, schöne rechte Hand Barths zuweilen besser wegkommen könnte, wird eben nicht verklärt, sondern auch als eifersüchtige, zu cholerischen Anfällen neigende Frau gezeigt. Während Nelly weder nur die biestige noch nur die rein barmherzige, verständnisvolle Ehefrau ist. Wobei Nelly deutlich weniger direkt vorkommt, als indirekt durch ihren Status als Ehefrau und ihre Handlungen, von denen berichtet wird. Karl Barth hingegen wirkt in der Darstellung Huizings zwar zerrissen, aber durchaus gockelhaft und seiner Frau gegenüber stellenweise unfair, was vielleicht angesichts des zeitlichen Kontextes als meine Deutung anachronistisch sein mag. Aber daraus spricht ein Zug, der mir aus Karl Barths theologischen Schriften durchaus bekannt ist: die gewisse Hybris, die ihm zu eigen ist. Die Hybris, alles unter „die“ richtige Sache zu stellen – auch die verhinderte Scheidung oder die eigene Gesundheit. Alles soll hinter der Sache, zu der sich Barth gesandt weiß, zurückstehen bzw. sich ihr beugen. Das wird vor allem an den Passagen, die die Bearbeitung der Kirchlichen Dogmatik mit thematisieren, deutlich.

Es ist schon stellenweise sehr bewundernswert, wie Huizing Theologie und Roman hier miteinander verknüpft. Das wird nicht nur durch Heranziehen einzelner Schriften, sondern auch durch die Art und Weise wie etwa Personen bewertet werden – am deutlichsten an Brunner oder Gogarten zu sehen – deutlich. Die schriftlich geführten Auseinandersetzungen werden hier geschickt in persönliche Gedanken (meistens als Gespräch zwischen Lollo und Karl) übertragen. Freilich mag das an manchen Stellen einigen Lesern* zu gezwungen wirken, aber mir scheint das in den meisten Fällen sehr gelungen zu sein.

Huizing umgeht es nicht, neben der geistig-intellektuellen auch die körperliche Anziehung zwischen Karl und „Lollo“ zu beschreiben. Bei den diversen Darstellungen des sexuellen Kontakts scheint zwar mitunter die Phantasie mit ihm durchzugehen, aber es wird nie eine Ebene überschritten, die es zu pornographisch oder voyeuristisch werden lässt.i Es kann ihm positiv angerechnet werden, die körperliche Ebene nicht auszublenden. Das betrifft nicht nur das Sexuelle, sondern auch die Darstellung von Leiden und Krankheit, die häufig mit psychischen Stressfaktoren einhergehen und eine weitere Darstellungsebene des Romans bilden. Über die Ebene des Körpers gelingt es Huizing, die Spannung innerhalb dieser Dreierkonstellation umfassender zu präsentieren. Besondere Eindringlichkeit kommt dem am Ende zu, wenn Lollos Erkrankung aufkommt. Aber auch hier schafft es Huizing, nicht die Grenze der Schaulust oder gar Schadenfreude zu übertreten. Im Gegenteil.

Das Buch ist es wert, gelesen zu werden. Neben den gleich näher zu beleuchtenden Implikationen für das Bild Karl Barths, ist es ein guter Roman, der seine Spannungsbögen hält – auch in den Details.ii Aber die Lektüre lohnt sich auch trotz und gerade wegen der Schwächen, die diese ungewöhnliche Mischung aus Historie, Romandarstellung, Fiktion und theologischer Werkerschließung enthält.

II. Konsequenzen für das Bild Karl Barths?

Bringt die Lektüre dieses biographischen Romans Implikationen für das Bild Karl Barths mit sich? Zunächst einmal handelt es sich um einen Roman. Das sollte beachtet werden, auch wenn es unnötig zu erwähnen scheint. Es lassen sich aus den Einzelheiten, den einzelnen Gedanken und Handlungen daher keine Erkenntnisse über Karl Barth gewinnen.

Für die Barth-Rezeption ergeben sich aber dennoch gewisse, wenngleich indirekte und keineswegs ganz neue Einsichten. Zunächst zeigt der Roman deutlich auf, dass das Dreiecksverhältnis zwischen Karl, Nelly und Lollo kein Geheimnis war, wie es strenge Barthianer gerne dargestellt haben. Im Gegenteil: es wurde nicht verheimlicht, was etwa auch die – bekannte! – Vermittlung durch Thurneysen oder die durch die Kinder Barths erlaubte Veröffentlichung der Liebesbriefe Charlottes und Karls zeigen.

Der Roman birgt also in der Sache nichts Neues, obgleich für manche die Erkenntnis, dass Karl Barths Lebensstil nicht immer seinen strengen ethischen und moralischen Maßstäben entsprach, nicht nur zuträglich sein wird. Das ist umso brisanter als Barth manchen als – ich übertreibe nun bewusst etwas – der schlechthin gute Theologe gilt. Barth hat durch sein Eintreten für die Bekennende Kirche zwar viel geleistet, das bleibt unbestritten, aber wurde dadurch eben auch ab und zu zu einer moralisch unnahbaren Person stilisiert. Huizings Roman trägt nun nicht zu einer Abwertung der Person Karl Barths bei. Das nicht. Aber zu einer Vermenschlichung, wenn man das so sagen will. Diese hat zwar keine direkten Implikationen für die Interpretation seiner Werke. Aber es kann dazu beitragen, die Barth-Rezeption zu entmystifizieren, was auch einer vermeintlichen Heiligkeit seiner theologischen Texte wehren kann. Barth als Mensch mit und in aller Klugheit, Körperlichkeit und Sturheit, das zeigt Huizings Romanfigur. Darin besteht auch das Provokationspotential.

Es wundert daher nicht, dass für einige Barthianer der Roman einen Anstoß bedeuten könnte. Für viele wird es kaum zu ertragen sein, wie „ihr“ Barth sich mit schnalzendem Geräusch ein Kondom überzieht. Aber es wäre ein arges Missverständnisses, würde das als Beschmutzung des Andenkens betrachtet werden. Das Buch stellt gerade in dieser vermeintlichen Absurdität einen wahrlich kulturprotestantischen Clou zum Barth-Jahr dar, dessen Lektüre anempfohlen wird – auch wenn die Gefahr besteht, bezüglich Karl Barths Begeisterung für Mozart zu kichern oder bei Äußerungen zum Abendmahl an eine post-koitalen Szene denken zu müsseniii. Aber das dürfte es wert sein.

 

i Ein Beispiel für eine solche gewöhnungsbedürftige Szenerie, die zugleich Barths Liebe zu Mozart einspielt: „Mit der linken Hand drehte er ganz vorsichtig an ihren harten Brustwarzen, fand einen Sender, der Mozart im Programm hatte, kitzelte mit der Zunge ihren Bauchnabel“ (S. 116).

ii Hierbei sei etwa auf das „Odol“ zu verweisen, das Lollo und Karl beim gemeinsamen Besuch einer Gesundheitsmesse zu Beginn des Buches erstehen und das am Ende, wenn Nellys Hang zum Alkoholismus angedeutet wird, wieder eine Rolle spielt.

iii Bei letzterem beziehe ich mich auf die Szene auf S. 53. Ob die Assoziationsmöglichkeiten der Kelchmetaphorik hier durch die schwäbisch-prüde Phantasie der Rezensentin überspannt wird oder nicht, sollte jeder* Leser* selbst herausfinden.

Rezension: Wilfried Härle, Worauf es ankommt.

 

Wilfried Härle: Worauf es ankommt. Ein Katechismus, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2018.

Für www.nthk.de rezensiert von Alexander Proksch am 28. Juli 2018, veröffentlicht am 17.01.2019

 

Zugespitzte und gleichzeitig allgemein verständliche Antworten auf Fragen des Glaubens an den dreieinigen Gott zu erhalten, war schon immer die Sehnsucht derer, die Gewissheit suchen. Glaubenswahrheiten präzise und keinesfalls banal zu formulieren, wohnt daher dem Christentum mit seinem Auftrag zur Weitergabe des Evangeliums inne. Darum bewährt sich die Frage-Antwort-Methode eines Katechismus bis heute. Nicht umsonst ist im evangelischen Bereich der Erwachsenenkatechismus ein in etlichen Auflagen erschienener Dauerbrenner auf dem religiösen Büchermarkt. Vor kurzem erschien ein neuer Versuch für ein kleinformatiges Lehrbuch. Die Erarbeitung eines gegenwartsnahen Katechismus wagte ein emeritierter Professor für Systematische Theologie.

Der Heidelberger Systematiker Wilfried Härle legt, gegliedert in zehn Themenkomplexe, einen leicht zugänglichen Text aus 180 Fragen und Antworten vor. Der Titel „Worauf es ankommt“ nimmt Bezug auf die erste der durchwegs gehaltvollen Fragen. Ungewöhnlich ist die Entstehungsgeschichte dieses Werkes: Das Unterfangen fußt auf einem Wettbewerb der Badischen Landeskirche anlässlich des 450-jährigen Jubiläums des Heidelberger Katechismus. Härle legte den Entwurf für seinen Katechismus vor, den er danach mit Mitstreitern in mehrjähriger Arbeit aus dem Kreise der Badischen Kirche weiter bearbeitete. Die Verteilung an Interessierte aller Generationen mit der Bitte um Rückmeldungen entwickelte das Gemeinschaftsprojekt fort und führte zum nun publizierten Endergebnis. Der Band will eine Hilfe sein für Erwachsene, insbesondere für Pädagogen in Schule und Gemeinde. Vom Design wirkt der Katechismus durchaus frisch und für alle Altersklassen ansprechend. Auf jeder rechten Seite findet sich der Fragen-Antwort-Katalog, auf den jeweils links passende Bilder und Zitate kombiniert wurden. Bibelverse wechseln sich ab mit Zitaten von Theologen und Intellektuellen aller Epochen. Strophen aus dem Evangelischen Gesangbuch stehen neben Bilder oder Fotos aus der Christentumsgeschichte – ansprechend und geschickt komponiert.

In seinen formulierten Antworten steht der Autor in der Tradition seiner eigenen Dogmatik aus dem Jahr 1995. Auffallend damals wie in den zuletzt erschienenen Publikationen ist das Bestreben Härles, Christen ein sprachliches und argumentatives Handwerkszeug an die Hand zu geben, damit sie sich selbst wie gegenüber anderen Rechenschaft über ihren Glauben geben können. Mutig scheut sich der Text nicht, selbst komplexen Fragen prägnante Erwiderungen entgegen zu stellen. Die alte und reizbare Frage nach dem Leid in der Welt etwa nimmt Härle folgend auf: „Wenn Gottes Wesen Liebe ist, wie kann Gott dann so viel Leid und Böses in der Welt zulassen? Gottes Liebe zeigt sich in dieser Welt nicht darin, dass er uns Leiden generell erspart und uns am Tun des Bösen hindert, sondern darin, dass er uns das Leiden zu tragen hilft, uns im Kampf gegen das Böse beisteht.“ (86. Frage)

Härle bleibt in allen Gedankengängen klassischen Begriffen und Denkmustern verhaftet. Sein Katechismus will den Leser mit tradierten Glaubenssätzen bekannt machen, diese aber verständlich in Bezug zur Lebenswelt vernetzen. Ein Beispiel sind zwei aufeinander folgende Fragen im Kapitel „Der christliche Glaube an den dreieinigen Gott“: „Was für eine lebenspraktische Bedeutung hat die Trinitätslehre? Sie gibt auf Fragen eine Antwort, die viele Menschen beschäftigen: Wo kann ich Gott finden? und: Wie kann ich Gott finden?“ und „Welche Antwort gibt die Trinitätslehre darauf? Sie sagt: Du kannst Gott dort finden, wo er sein Wesen zu erkennen gibt: in Jesus Christus; und du kannst Gott so finden, dass er sich dir durch seinen Geist zu erkennen gibt.“ (101./102. Frage)

Es tut in diesem Beitrag gut, an keiner Stelle über wohl gemeinte Dolmetscherversuche zu stolpern und mit vermeintlich modernisierten (aber letztendlich unzureichenden) Begriffen in christlichen Glaubensaussagen konfrontiert zu werden. Von Gott wird als dem „Schöpfer“ gesprochen und das Endgericht wird dezidiert genannt. Innovativ wirkt Härle nicht durch die Suche nach originellen Wortschöpfungen, sondern in der Verständlichkeit seiner Antworten. Die unveränderte Aktualität dogmatischer Aussagen für einen Menschen sticht immer wieder prägnant hervor, beispielsweise in der 174. Frage: „Welche Bedeutung hat dieses Gericht Gottes? Das Jüngste Gericht erinnert uns an die Einmaligkeit unseres Lebens und an den Ernst von Gottes Heilsverheißung.“ Darin liegt der Reiz der Vermittlungsleistung christlicher Lehrsätze in diesem Werk, gegossen in einen unserer Zeit angemessenen Wortlaut.

Was beim aufmerksamen Gang durch die Fragenvielfalt auffällt, ist eine konfessionell unierte Färbung des Katechismus. Verständlich ist das Verschweigen innerevangelischer Lehrdifferenzen in Bezug zum Abendmahl, weil der Katechismus in bewusster Kontinuität zum Heidelberger Katechismus lutherische und reformierte Impulse zu vereinen mag. Wenn allerdings die Fronten zwischen römisch-katholischem und protestantischem Verständnis im VIII. Kapitel sehr scharf kontrastiert werden (146.-150. Frage), hätte jedoch um der Komplexität willen eine weitere Tiefenschärfe der Unterschiede auf diesem Gebiet geholfen. An dieser Stelle kann nun dagegen eine romkritische Intention des Autors vermutet werden, wie sie dem konfessionellen Miteinander heutzutage nicht mehr angemessen erscheint.

Dieser Katechismus fordert vom Leser, im Spiegel dieses Werkes die eigenen Antworten nach Gott zu suchen. Er ist für eine verantwortete Verständigung von Gläubigen innerhalb des kirchlichen Lebens hin geschrieben, denn die Kirche ist „die Gemeinschaft der glaubenden Menschen untereinander. Aber sie ist vor allem Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott, durch den und an den wir glauben.“ (124. Frage). Solch klare Positionen werden profiliert durch das dem Text vorgestellte Geleitwort des Vorsitzenden der Union Evangelischer Kirchen, Kirchenpräsident Christian Schad.

Diese Lektüre wird niemanden für den Glauben neu gewinnen, dieser Katechismus will den Glauben festigen, stellt es genau die Fragen von nach Klarheit ringenden Christen. Das Werk bietet die niveauvollen Sprachformeln an, um den Glauben an Vater, Sohn und Heiligen Geist einem Menschen von heute sachgerecht zu übermitteln.

 

Alexander Proksch studierte Evangelische Theologie und Sozialwissenschaften & Philosophie. Nach seinem Vikariat ist er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Praktische Theologie der FAU Erlangen bei Prof. Dr. Martin Nicol tätig, er arbeitet in seiner Dissertation an einer empirisch-qualitativen Studie über Liturgische Kleidung.

 

Link zur Rezension: https://netzwerktheologie.wordpress.com/2019/01/17/rezension-wilfried-haerle-worauf-es-ankommt/

Die NThK-Weihnachtsbücherei

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Eigentlich stehen wir Theologinnen und Theologen ja völlig ironisch über dem kommerziellen Teil des Weihnachtsfestes. Klar, Geschenke für die Kinder und die Familie, aber alles nicht so kommerziell und bitte mit gutem Gewissen! Anders sieht es mit Büchern aus. Die kann man ja immer brauchen, oder? Weihnachten bietet eine gute Gelegenheit, sich selbst (oder auch einer anderen Person) ein gutes Buch zu schenken. Mit etwas Schützenhilfe von uns, dem Team des NThK, findet sich sicherlich schnell das richtige.

Die Vorschläge sind in drei Kategorien unterteil: Zunächst widmen wir uns den im engeren Sinne theologischen Werken, sodann den für die kirchliche Praxis nützlichen Büchern und schließlich der Kategorie „Sonstiges“, in der philosophische oder gesellschaftsrelevante Bücher zusammengefasst werden. Die Auswahl ist subjektiv und spiegelt Interessen des NThK-Teams wider.[1]

1. Theologische Bücher

1) Robert Kolb: Martin Luther and the Enduring Word of God. The Wittenberg School and Its Scripture-Centered Proclamation, Grand Rapids 2016: 27,90€

Tobias Jammerthal: Robert Kolb gehört zu den profiliertesten Reformationshistorikern und Lutherforschern des englischen Sprachgebiets. Kurz vor dem Beginn des Reformationsjubeljahrs 2017 erschien diese Sammlung mit einigen der wichtigsten Aufsätze aus seiner Feder rund um die Schriftauslegung als Zentrum von Luthers Theologie und der Wittenberger Reformation. Ich finde, dieser Aufsatzband gehört in die Hand all derer, die sich für einen gleichermaßen kenntnisreichen wie unaufgeregt-sachlichen Zugang zur Reformation als einem theologischen Gruppenereignis interessieren!

2) Jörg Lauster: Religion als Lebensdeutung. Theologische Hermeneutik heute, Darmstadt 2005: 49,90€

Tobias Graßmann: Lauster stellt in diesem programmatischen Buch –  für Sympathisanten und Kritiker gleichermaßen beeindruckend – die Leistungskraft hermeneutischer Theologie in der Tradition des sog. Kulturprotestantismus unter Beweis. Dabei macht gerade auch die luzide Auseinandersetzung mit individualistischen Verengungen der liberalen Theologie das Buch lesenswert. Im Anschluss an den cultural turn und insbesondere Jan Assmanns Konzeption des kulturellen Gedächtnisses verflüssigt Lauster nicht nur konfessionelle Gegensätze, sondern lotet als einer der wenigen gegenwärtigen Theologen auch Wege zur Bewältigung des nicht nur kirchlichen, sondern gesamtkulturellen Traditionsabbruchs aus. Dabei sticht besonders die zentrale Stellung ins Auge, die Lauster den nicht im klassischen Sinne lehrhaften Vermittlungsformen religiöser Erfahrung zumisst: Musik, Kunst und Architektur.

3) Michael Roth und Markus Held (Hgg.): Was ist theologische Ethik? Grundbestimmungen und Grundvorstellungen, Berlin und New York  2018: 29,95 €

Niklas Schleicher: Das Buch gibt den aktuellen Lehrstuhlinhabern und Lehrstuhlinhaberinnen für evangelisch-theologische Ethik das Wort. Diese beschreiben in ca. 15 bis 20-seitigen Beiträgen ihre jeweilige Vorstellung vom Fach. So ergibt sich ein sehr differenziertes Bild der Zugriffe auf protestantische Ethik. Ergänzt wird das Ganze von Beiträgen von Vertretern und Vertreterinnen anderer theologischer Fächer, der Philosophie und der katholischen theologischen Ethik, die jeweils ihren Beitrag zur evangelischen Ethik darstellen. Ein Buch, dass sich gerade im Studium eignet, aber auch, um sich über den aktuellen Stand der Debatte zu informieren. [Eine ausführlichere Rezension folgt im kommenden Jahr.]

4) Kristian Fechtner/Jan Hermelink/Martina Kuhmlehn/Ulrike Wagner-Rau: Praktische Theologie. Ein Lehrbuch (Theologische Wissenschaft, Bd. 15), Stuttgart 2017: 30€

Claudia Kühner-Graßmann: Dieses Lehrbuch will einen Überblick geben über die Praktische Theologie, ihre Aufgaben und Probleme vor dem Hintergrund empirischer Befunde und (theologie)geschichtlicher Einsichten. Das alles geschieht anhand konzentrierter Darstellungen von Querschnittsthemen auf der einen und kirchlichen Handlungsfeldern auf der anderen Seite. In dieser Kürze bietet es Gelegenheit, den Blick auf die Problemlagen kirchlicher Praxis und ihrer wissenschaftlichen Bearbeitung zu schärfen. Durch die feste, aber nicht steife Gliederung kann es auch gut zu dein einzelnen Themengebieten herangezogen werden. Eine gute Grundlage zur Auffrischung, zum Bündeln oder zum Weiterdenken. [Eine ausführlichere Rezension folgt im kommenden Jahr.]

2. Bücher für die kirchliche Praxis

1) Otto Dietz: Unser Gottesdienst – ein Hilfsbuch zum Hauptgottesdienst nach Agende 1 für evangelisch-lutherische Kirchen und Gemeinden, München  21983 [antiquarisch günstig zu erwerben]

Tobias Jammerthal: Ein „Klassiker“, den jeder, der (zumindest lutherische) Gottesdienste zu leiten hat, meiner Meinung nach einmal gelesen haben sollte. Dieses Lesebüchlein ist kein fachwissenschaftlicher Agendenkommentar, sondern will einfach nur erzählen, warum was im „normalen“ Sonntagsgottesdienst an welcher Stelle und wie passiert. Sprachlich ist es schlicht und geht runter wie Butter – ungeheuer bildend ist es dennoch.

2) Karl-Heinrich Bieritz: Das Kirchenjahr. Feste, Gedenk- und Feiertage in Geschichte und Gegenwart (Neu bearbeitet von Christian Albrecht), München 92014: 14,95 €

Niklas Schleicher: Ein extrem nützlicher und gut lesbarer Klassiker das Buch „Das Kirchenjahr“ von Karl Heinrich Bieritz, das in einer neuen Auflage herausgegeben von Christian Albrecht vorliegt. In komprimierter Form wird darin das Kirchenjahr, seine Zeiten und Feste beschrieben und auf besondere Bräuche verwiesen. Gerade auch für den Einstieg z.B. ins Vikariat, aber auch im Studium ist das Buch sehr zu empfehlen.

3) Fulbert Steffensky (Hg.): Ein seltsamer Freudenmonat. 24 Adventsgedichte, 24 Adventsgeschichten, Stuttgart 2011: 16€

Julian Scharpf: Fulbert Steffensky, der Säulenheilige des Kirchentags-Protestantismus, hat vor sieben Jahre dieses hübsch gestaltete Adventsbuch auf den Markt gebracht. Dessen Verdienst ist, dass sich mit seinen 24 Gedichten und 24 Geschichten von Fontane bis Kreisler die vielen Advents- und Weihnachtsfeiern bestreiten lassen, die in dieser Kirchenjahreszeit vor einem liegen. Für die Auswahl gilt Steffenskys Satz: „Das Sentiment muss nicht sentimental sein, und wenn es dies gelegentlich ist, dann ist das nicht weiter schlimm.“

4) Niklaus Peter: Schachfigur – oder Schachspieler: Denkmodelle und Spielzüge auf den Feldern des Lebens und der Religion, Stuttgart 2018: 15€

Martin Böger: Niklaus Peter ist Pfarrer am Fraumünster in Zürich und nebenher ein ziemlich umtriebiger Theologe, der stets versucht, beides zusammenzubringen ohne das Eine gegen das Andere auszuspielen: Die theologische Wissenschaft und die pfarramtliche Praxis. Im vorliegenden Bändchen schafft er diese Verschmelzung auf sehr eindrückliche Art und Weise. Denn dieses Büchlein fasst Kolumnentexte zusammen, die Niklaus Peter für das wöchentliche Magazin einer großen schweizerischen Tageszeitung verfasst hat. Kolumnen, die auf eine katechetische Art die Grund- und Eckpfeiler des christlichen Glaubens auf gleichzeitig kluge wie inspirierende Art und Weise für eine (post)moderne Gesellschaft bedenken. Ein Büchlein, das zum Nachdenken anregen und vielleicht sogar die eine oder andre eigene Andacht inspirieren kann.

3. Sonstiges

1) Johannes Burkhardt: Der Dreißigjährige Krieg, Neue Historische Bibliothek, Frankfurt a.M. 92015: 16€

Tobias Graßmann: An neuen Darstellungen des Dreißigjährigen Krieges herrscht kein Mangel. Angesichts dieser unterschiedlich akzentuierten, mehr oder weniger ausführlichen Darstellungen lohnt sich dennoch der Blick in einen Klassiker. Denn wer über die grundlegenden Vorkommnisse informiert ist, findet in diesem Buch eine klare, knappe und unbestechliche Interpretation dieser traumatischen Epoche. Burkhardt erweist einige der klassischen Frontstellungen (z.B.: Religionskrieg oder nicht?) als Scheinalternativen und präsentiert den Dreißigjährigen Krieg als Ergebnis sich überlappender Staatenbildungskonflikte. Religion, Wirtschaft, technische Entwicklungen, Mediendynamik, dynastische Herrschaftsform und historisch hergeleitete Universalmachtansprüche werden auf ihre kriegstreibenden, aber auch friedensförderlichen Potentiale befragt und so manches Vorurteil gerade gerückt. Das Buch verschließt sich jeder raschen Verzweckung zur politischen oder gesellschaftlichen Sinnstiftung – und regt gerade darin zum Denken über den Frieden an!

2) Paul Feyerabend: Zeitverschwendung, Frankfurt a.M. 61997: 14,00 €

Niklas Schleicher: Ich habe eine große Schwäche für Autobiographien und eine genauso große für Paul Feyerabend. Seine Autobiographie mit dem Titel Zeitverschwendung ist, auch wenn man ihn, freilich zu Unrecht, für einen Scharlatan hält, großartig, zumal sie alles erhält: Krieg, Liebe, Operngesang, Wissenschaftstheorie und Harnack. Ja, genau, Feyerabend rezeptiert Adolf von Harnack, eine detaillierte Forschung dazu steht aber noch aus. Das Buch stellt einen guten Einstieg in das Denken Feyerabends dar, danach kann man sich dann dem nicht minder spannenden Hauptwerk „Wider dem Methodenzwang“ widmen. Oder sich von @luthvind erklären lassen, dass der @megadakka mit seiner Feyerabend-Besessenheit ein bisschen verrückt ist.

3) Michel Foucault: Die Ordnung des Diskurses. Mit einem Essay von Ralf Konersmann, Frankfurt a.M.  142017: 10€

Claudia Kühner-Graßmann: Wer immer schon einmal etwas von Foucault lesen wollte, aber weder wusste, was genau, noch viel Zeit hat, ist mit diesem schmalen Heftchen gut bedient. Und zwar nicht nur, weil man Einblicke in Foucaults Denken erhält, wozu der angehängte Essay von Konsersmann („Der Philosoph mit der Maske. Michel Foucaults Lʼordre du discours“) zusätzlich beiträgt. Die Lektüre schult wunderbar den Blick für die Produktion des Diskurses und vor allem deren Ausschließungsprozesse. Nach Lektüre der knapp 50 Seiten meint man den intellektuellen Gestus der Foucault-Anhänger zu durchschauen – oder eignet ihn sich gleich selbst an. Jedenfalls ein gutes Buch für einen kalten Winterabend auf dem Sofa mit Tee oder Wein.

4) Thomas Bauer: Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt, Stuttgart  82018: 6€

Julian Scharpf: Der Arabist und Leibniz-Preisträger Thomas Bauer hat  es 2011 mit  „Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams“ vermocht, das aus der Psychologie bekannte Konzept der Ambiguitätstoleranz nicht nur individuell aufzufassen, sondern auch als erstrebenswerte Errungenschaft einer Religionsgemeinschaft zu charakterisieren. Mit seinem aktuellen Essay weitet er seinen Blick im Grunde auf die ganze Welt und warnt davor, dass wir alle immer weniger bereit sind, Bedeutungsvielfalt anzuerkennen und uns fatalerweise nach Vereindeutigungen sehnen. Dieses Reclambüchle liest sich wie im Rausch.

Martin Böger: Wohl kaum ein Buch habe ich in letzter Zeit mit größerem Interesse und Gewinn gelesen. Der Leibniz-Preisträger und Professor für Islamische Theologie Thomas Bauer unternimmt einen überaus spannenden Parforceritt durch unsere Welt, ihre Wirklichkeit und wie wir über sie denken. Seine These lautet: Wir erliegen derzeit dem Verlangen, unsere Welt zu vereindeutigen und damit den Blick für die Vielfalt, für das Unerwartete, für das Einmalige zu verlieren. Die Religion spielt dabei für Bauer eine herausragende Rolle, da an ihr beides gelernt werden kann: Der Hang zur Vereinheitlichung zwischen schwarz und weiß, richtig und falsch und das große Potential der Ambiguität von Lebens- und Sinndeutungen. Thomas Bauer hält ein großes Plädoyer auf die Ambiguität, die er nicht als Drohung, sondern als große Chance erkennt. Ein Blick auf die Wirklichkeit, der spannend und der manchmal anstrengend ist, aber die Wirklichkeit so sein lässt wie sie ist: bunt, uneindeutig, dramatisch und manchmal auch herausfordernd.

 

[1]          Die angezeigten Preise dienen der Orientierung. Die tatsächlichen Preise können durchaus von den hier angegebenen abweichen.