Rez.: Gott – Woran glauben Christen?

Rezension: Doris Nauer, Gott – Woran glauben Christen? Verständlich erläutert
für Neugierige, Kohlhammer: Stuttgart 2017. 239 Seiten. (25 Euro)

Rezensiert von Dr. Katrin Juschka, Kassel. Hochgeladen am 20. Oktober 2018.

Bunte Fotos, Diagramme, Schaubilder, Statistiken, grafisch hervorgehobene Zitate: Das kürzlich erschienene Buch hält auf 239 Seiten einiges für die bereit, die sich einen Überblick darüber machen wollen, wer oder wie Gott aus christlicher Sicht ist.

Die Zielgruppe ist recht genau im Untertitel und auf den ersten Seiten eingefasst: Das Werk ist für Neugierige, Interessierte und Suchende, die sich auf dem aktuellen wissenschaftlichen Stand der Forschung informieren bzw. ihr vorhandenes Wissen vertiefen möchten. Nauer nennt explizit haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitende sowie Leitungskräfte von christlichen Hilfswerken (z.B. Diakonie oder Caritas, S. 11; 213f.), die sich über das „christliche“ Profil ihrer Einrichtung informieren möchten, das mindestens im Gründungsgedanken steckt. Letztlich sind es über 1 Mio. Menschen, die in diakonischen Bereichen kirchlicher Trägerschaft arbeiten und für die der christliche Glaube nicht mehr selbstverständlich ist. Insofern ist Buch ein wirklich zu begrüßender Beitrag für speziell diese Zielgruppe.

Das Unterfangen, eine Darstellung auf möglichst verständliche Art und Weise zu gestalten, frei von wissenschaftlichen Fachbegriffen, aber auch frei von frommen, kircheninternen oder konfessionellen Bestrebungen, ist ein hoher Anspruch. Ein solches Werk ohne Fachwörter und fachliche Diskussionen zu vollbringen, gelingt der Autorin streckenweise mal mehr, mal weniger gut – ist als Ziel letztlich auch unnötig hoch angesetzt, wenn wissenschaftliches Fachwissen einbezogen werden soll. Im Großen und Ganzen ist vor allem aber ihr ökumenisches Anliegen besonders gut umgesetzt, fachlich hochkarätiges Wissen konfessions-barrierefrei für Laien aufzubereiten.

Wenn erst der schwierige, etwas holprige Einstieg mit Zahlen, Namen und der Ursachensuche nach Kirchenaustritten geschafft ist, gibt Nauer einen guten Überblick über die Bibel als Grundlage des Glaubens, speziell ihre Entstehung über die Jahrhunderte hinweg und inwiefern sie als „Heilige Schrift“ von und über Gott ernst genommen werden kann. „Ernst nehmen“, so folgert sie schlussendlich, „bedeutet, es sich nicht auf biblizistisch-fundamentalistische Art und Weise wortwörtlich leicht zu machen, sondern sich der Anstrengung zu unterziehen, den eigentlichen Aussagegehalt begreifen zu wollen“ (S. 27).

Ab S. 29 nimmt das Buch Fahrt auf, mit Gottes-Erfahrungen und -Bildern wird es praktischer: „Gottesbilder sind weder unbedeutende Konstruktionen noch harmlose Gebilde, denn 🙂 Gottesbilder können sich heilsam auf unser Leben auswirken und unseren Lebensalltag enorm bereichern, ☹️ Gottesbilder können aber auch pathologische Nebenwirkungen entfalten, indem sie uns psychisch krank oder zu einem gewalttätigen Risikofaktor für unsere Mitmenschen machen“ (S. 30).

Kaum ein Gedanke zieht sich so konsequent durch die Bibel wie der, dass der Mensch sich von Gott kein Bildnis machen kann und soll (Bilderverbot Ex 20,4-6, Lev 19,4). Dennoch ist die Bibel voller Bilder und Metaphern von Gott bzw. wie Menschen Gott erlebt haben. Dass diese teilweise gegensätzlich sind und eine große Spanne an unterschiedlichen Gottesvorstellungen aufweisen, ist ein wichtiger Hinweis; ebenso, dass auch die persönlichen Gottesbilder, die wir alle unweigerlich haben, „dynamische Gebilde“ bleiben, die sich weiterentwickeln und offen bleiben für Veränderung und Weiterentwicklung – nie sind sie endgültige Gotteserkenntnis (S. 30). Im Judentum führte diese Einsicht dazu, dass es tatsächlich keine künstlerischen Darstellungen und Bildnisse von Gott geben sollte und soll, weil die Gefahr der bildlichen Prägung bis hin zu Anbetung der Bilder/Statuen als solcher zu groß empfunden wurde. Im Christentum dagegen entwickelte sich in den meisten Traditionen eine ausgiebige Geschichte an Darstellungen von Gott in der Kunst- und Kirchengeschichte, speziell in der Sakralarchitektur. Hier ist besonders hervorhebenswert, dass Nauer auch die Prägungen durch Sprache, Liturgie, Lieder, Frömmigkeitsprägungen etc. einbezieht.

Im darauf folgenden Grundlagenkapitel über die Trinität (die auch den Aufbau des Buches in drei Teilen vorbildet) listet Nauer mutig Argumente für eine endgültige Verabschiedung von der Dreieinigkeit auf, mit der es sich um ein komplexe metaphorische Denkfigur handelt, die für heutige Menschen kaum noch Relevanz hat. Die Begründung: Die Dreieinigkeit hat letztlich keine entfaltete Grundlage in der Bibel, erschwert den Dialog zu Judentum und Islam und sie ist insbesondere von Laien kaum zu erklären (ohne andere Sprachmetaphern heranzuziehen kommt leider Nauer auch nicht aus und bringt das herkömmliche Beispiel von den Aggregatszuständen des Wassers als flüssig, gefroren, dampfend, um die Dreigestalt zu erklären).

Dennoch sieht sie in der Trinität ein faszinierendes Markenzeichen und einen „Kern des christlichen Gottesbildes“ (S. 36) darin, angesichts des Leids überhaupt noch Gott im Munde zu führen. Das der Aspekt des Leidens im trinitarischen Gedanke von der beziehungswilligen, mitgehenden Gottheit grundangelegt ist, erläutert sie bedauerlicherweise nicht so anschaulich und überzeugend wie das meines Erachtens schlagkräftigere Argument der liturgisch geprägten Formel „im Namen des Vater, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ im Gottesdienst, in der Taufe oder beim Bekreuzigungsritual (S. 38).

Gottesbilder

Das Kapitel „Einziger Jahwe“, eröffnet die Zusammenstellung der alttestamentlich-biblischen Gottesbilder „im Namen des Vaters“, die das erste Drittel des Buchs füllt. Nauer geht gezielt auf die polytheistischen Wurzeln der Glaubens (sowohl von Israel, als auch für das frühe Christentum) ein. Durch diese rein religionsgeschichtliche Darstellung schafft sie es leider nicht, der komplexen und zugleich faszinierenden Struktur auf die Spur zu kommen, die gerade der Gottesname JHWH für den jüdischen und christlichen Glauben bereit hält. Zur Herkunft und Bedeutung des Namens JHWH stellt sie nur eine der möglichen Theorien dar und verkürzt damit leider den Forschungsstand auf eine sehr vereinfachte Darstellung, bei der das Geheimnis des Namens und seine Bedeutung als Offenbarung für Israel unerwähnt bleiben.

Die folgenden Kapitel über den allmächtigen Schöpfer, tatkräftigen Befreier, treuen Bundespartner, liebenden Vater, fürsorgliche Mutter etc. sind detaillierter in ihrer Aufarbeitung der biblischen Grundlagen und machen schon eher neugierig auf weitere, eigene Beschäftigung mit den Ur-Erfahrungen Israels, die sich in diesen Gottesbildern verdichtet haben. Ausführlich gibt sie hier Verständnismöglichkeiten zu den biblischen Geschichten, die für die meisten Lesende garantiert einige Highlights und neue Sichtweisen bereithalten.

Den Bildern des „gewalttätigen Kriegers“ und „zornigen Richter“ Gottes für Israel, die für heutige Menschen Brennpunkte in den Aversionen gegen das Alte Testament sind und der Auseinandersetzung bedürfen, wird besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Nauer stellt hier die politische Situation der Entstehungszeit dieser Texte ins Zentrum als eine von Unterdrückungserfahrungen geprägte Zeit, womit Gewalt und Krieg auch Einzug in die Bibel und den Gottesglauben erhielten – weil sie alltägliche Realität und Erfahrung waren. Auch die menschliche Logik prägte diese Gottesbilder: Wenn Gott als absolute Liebe und Gerechtigkeit erscheint, ist die notwendige Kehrseite dazu einerseits der Absolutheitsanspruch und die Eifersucht bzw. dass Ungerechtigkeit und Lieblosigkeit andererseits nicht geduldet werden können. Ihr Schlusssatz zum Abschnitt über Gott als „gewalttätigen Krieger“ hält eindrücklich vor Augen (S. 62): „Christen, die versuchen, eigenes oder fremdes gewalttätiges Handeln in Rekurs auf Gott legitimieren zu wollen, müssen deshalb mit theologischen Argumenten widerlegt und praktisch von ihrem Vorhaben abgehalten werden!“ Ähnlich warnend endet das Kapitel über den „zornigen Richter“ ganz praktisch-ethisch: Weder sei verharmlosend nur vom „lieben“ Gott zu reden und z.B. in der Seelsorge demnach auch alles „gut sein [zu] lassen“, noch sei der Richtermetapher mit der manipulierenden Angst vor Hölle und Bestrafung ein zu hoher Stellenwert in der Gemeindetheologie einzuräumen, wie es sich leider auch heutzutage nicht selten beobachten lasse. Sondern: die Gottheit, die nach ultimativen Gerechtigkeitskriterien richte, erwarte zum einen auch von Menschen verantwortungsvolles Handeln, zum anderen liege es aber vor allem nicht in der Zuständigkeit von Menschen, Unrecht mit Sühne zu beantworten und Recht mit allen Mitteln und Urteilen aufrecht zu erhalten (S. 71).

Sohnesdarstellungen

Für eine praktische Theologin arbeitet Nauer sich sehr genau archäologisch und historisch an der aktuellen Jesusforschung ab und zeigt zum Beispiel auch Differenzen auf, wo der biblische Befund lückenhaft überliefert ist. Ihr durchgehendes Begründen der Verwurzelung von Jesu Botschaft und Praxis im Judentum ist bemerkenswert sorgfältig. Wenn sie das Zentrale der Botschaft Jesu auf den Punkt bringt (S. 91), stellt sie
allerdings dar, dass im Judentum die „die Feindesliebe seinen [Jesu] jüdischen Zeitgenossen schlichtweg fremd war“, was eine pauschale und unkorrekte Aussage ist. Die Gnade und Liebe der Frohbotschaft Jesu steht in Nauers Ausführungen im Zentrum, kurz geht sie auch auf die schwierigeren und radikalen Aussagen Jesu ein, übergeht diese dann jedoch leider mehr oder weniger beiläufig (S. 94). Für sie steht die motivierende Reich-Gottes-Botschaft so im Mittelpunkt, dass sie nicht von „Nachfolgenden“ oder „Jesus-Bewegung“ spricht, sondern von einer „Reich-Gottes-Bewegung“ (S. 98), in der familiäre Gleichberechtigung aller Glieder gilt und die gesellschaftliche Hierarchien in Frage stellt. Insofern wird der Rolle Maria Magdalas und der Frage, in welcher Beziehung Jesus zu ihr stand, viel Raum gegeben. Positiv ist überdies die Aufarbeitung und Rehabilitierung des Judas und seiner Rolle bei der Auslieferung Jesu – hier räumt Nauer mit vielen alten Klischees auf.

Die verschiedenen Titel und Zuschreibungen, die Jesus im frühen Christentum erhält, werden jeweils eigens dargestellt. Inwiefern Jesus Gottes Sohn ist, die jungfräuliche Geburt und die Auferstehung zu verstehen sind, wird ausführlich erläutert: Die Beschreibung des Lebens und Wirkens Jesu nimmt den Hauptteil des Buchs ein. Insbesondere Kirchendistanzierte werden hier eine motivierende Möglichkeit finden, angesichts der schwer zu akzeptierenden Inhalte des Christentums trotzdem Wege zu finden, diese für sich zu interpretieren und mit ihrem Glauben und Verstand zu vereinbaren. Da diese Aspekte sich in der Volksfrömmigkeit zu großen Teilen noch nicht niedergeschlagen haben und die wenigsten Glaubenden konsequent für sich die schwierigeren Glaubensinhalte des Christentums durchdacht haben, ist die Aufführung von den verschiedenen Möglichkeiten, Jesu Lehre und Leben für sich zu deuten und glauben, eine gute Zusammenfassung, die eine Weite des Glaubens eröffnet.

Diese Weite wird lediglich an einer Stelle eingeengt, wo Nauer vehement eine Wiederkunft Christi scharf ablehnt und sogar den Glauben an den wiederkehrenden Jesus als Weltenrichter unnötig karikiert (S. 156). Im Großen und Ganzen ist es jedoch ausgesprochen wertvoll, dass und wie Nauer immer wieder Zitate aus dem traditionellen Glaubensbekenntnis einbringt, ihnen (historisch und biblisch) auf den Zahn fühlt – sicherlich einige davon dekonstruiert, aber vor allem: die tiefgründigen Grundaussagen des Christentums dahinter erklärt und somit Verständnismöglichkeiten anbietet.

Erfahrungen mit dem Heiligen Geist

Als praktische, reale Begegnungs-Erfahrbarkeit Gottes auf Erden, in der Geschichte seiner Schöpfung und in jedem einzelnen, auch alltäglichen Menschenleben – so definiert Nauer den Heiligen Geist (S. 190ff.). Anhand des biblischen Bilds des Winds, der laut Schöpfungstradition Leben einhaucht und als Naturkraft Menschen berührt und in Bewegung bringt, der Gestalt als Taube, in der der Geist als Bote für die Taufe Jesu Form annimmt, sowie als Feuer, mit dem der Funke zu anderen Menschen überspringt, wird der Geist mit Hilfe von Naturbildern/-elementen erklärt, die allesamt biblische Basis haben und als Motive die kirchliche Kunstgeschichte durchziehen.

Mit dem Kapitel „Frau – Gott als weibliche Person?“ wird die Sichtweise aufgetan, dass der Geist aus christlich-trinitarischer Sicht in der Malerei auch als weibliche Gestalt zwischen männlichem Vatergott und Sohn dargestellt wurde. Der Grund darin liegt im hebräischen Wort ruach, das feminin ist und daher auch als eine der Traditionslinien weiblich gedacht werden kann, als Gottes Wirk- oder Geistkraft (die Geistkraft hätte dann auch in Deutsch einen femininen Ausdruck). Als solche findet sich die Person des Geistes tatsächlich in der Malerei als weibliches Wesen zwischen Vater und Sohn und sorgt dafür, dass die menschliche Vorstellung von Gott als männlich regelmäßig in Frage gestellt, dass damit sogar komplett die geschlechtliche Festlegung Gottes aufgelöst werden kann.

Mit den abschließenden Kapiteln macht sich Nauer auf eine interessante Spurensuche, warum der Heilige Geist so gern von den Großkirchen verschwiegen und verdrängt (bzw. z.B. im Symbol der Taube als Zuchttier domestiziert) wurde und ihm in manchen Freikirchen dagegen teilweise ekstatisch Raum gegeben wird, in non-kirchlichen Kreisen wiederum völlige Ratlosigkeit herrscht und mit Geist eher Gespenst assoziiert wird. Meiner Meinung nach gelingt es, Barrieren vor dem Heiligen Geist als etwas Befremdlichem abzubauen und hierin stattdessen eine begeisternde Kraft für das Leben, Glaubensfreude, neue Gotteserfahrung in Geistritualen (die z.B. zum Pfingstfest eine Rolle einnehmen könnten) zu entdecken.

Im Fazit thematisiert Nauer abschließend noch die Gottesferne und den Zweifel, die auch von den Frömmsten und Überzeugtesten erlebt werden können und nicht unbedingt als selbstverschuldeter Zustände bekämpft werden müssen. Dass die Entzogenheit und Unverfügbarkeit zum Wesen Gottes unauflösbar dazugehört, ist eine Spannung, die viele Glaubende aushalten mussten und die dem biblischen Gottesbild inhärent ist. Dass insbesondere in solchen Phasen Zweifel auftreten, ist nichts, was verurteilt werden sollte, und führt auch nicht unweigerlich zu Unglauben. Eine tiefere Erkenntnis Gottes kann ein Resultat sein, ein reiferer Glaube daraus erwachsen, durch den naive und allzumenschliche Wunschvorstellungen von Gott abgelegt werden können, die der Einsicht Platz geben, dass Gott letztlich ein attraktives Geheimnis bleibt.

Glaubensbekenntnisse versuchen dies auf dem Stand und der Theologie der jeweiligen Kultur und Zeit auszudrücken. Nauer ermutigt, diese nicht als absolut feststehende Texte zu übernehmen, sondern sich auf die Suche nach eigenen und neuen gemeinschaftlichen Glaubensaussagen zu machen.

In Sachen Layout hätte ich mir mehr Einheitlichkeit und Sorgfalt gewünscht: Im Buch tut sich ein wilder Auswuchs an verschiedenartigen Gliederungs- und Aufzählungszeichen (von Smileys bis hin zu thematischen Symbolen), Grafikelementen und Word-Schaubildern auf. Dennoch weist Nauers Ambition gerade hiermit ironischerweise in eine sehr gute Richtung, in die sich Sachbücher bewegen sollten (und was Nauer selbst definitiv erreicht hat), nämlich die Lektüre kurzweilig zu gestalten, verschiedenen Lern- und Lesetypen gerechter zu werden und ggf. auch durch humorvolle Sprachspiele, Fotos und Schaubilder den gehaltvollen Inhalt für Laien aufzubereiten.

Schlussendlich ist das Buch eine gelungene Darstellung über die Grundlehren, wie Gott christlicherseits zu begreifen ist. Besonders gefällt mir der Anspruch, dabei auch kritische Fragen und Zweifel nicht schönzureden oder zu übergehen, sondern gerade für zweifelnde, forschende Gemüter das Christentum von Grund auf zu durchdenken – jenseits der Volksfrömmigkeit und auch der oft platten, vereinfachten Gemeindetheologie der Ortsgemeinden. Insofern wünschte ich, das Buch würde tatsächlich in viele Bücherregale gelangen.

Die adressierte Zielgruppe von Menschen, die in christlichen Hilfswerken und Verbänden arbeiten, deren Ursprungsgedanke ein christliches Anliegen hat, ist ein lobenswertes Anliegen. Der Preis von 25 Euro spricht jedoch bedauerlicherweise dagegen, dass Menschen dieser Zielgruppe sich selbst dieses inhaltsvolle Buch anschaffen werden, falls sie auf der Suche sind, sich mit den christlichen Wurzeln des Unternehmens, für das sie arbeiten, auseinander zu setzen. Als Geschenk für die Mitarbeitenden wäre es dennoch eine Investition, für die sich die Werke und Verbände finanziell zwar durchringen müssten, was aber auch eine sinnvolle Investition in die Zukunft der Verbände als „christliche“ Hilfswerke darstellen könnte.

Als Geschenk für Suchende und Fragende, die dem christlichen Glauben auf den Grund gehen wollen, ist es jedenfalls sehr gut geeignet.

Die Autorin

Katrin Juschka, Jahrgang 1982, ist promovierte Neutestamentlerin und als Bildungsreferentin für Theologie, Ökologie und (inter-)kulturelle Kompetenzen in den Freiwilligendiensten bei netzwerk-m tätig. Nebenberuflich doziert sie an der CVJM-Hochschule in Kassel und in der Ev. Kirche von Kurhessen-Waldeck über Themen der biblischen und praktischen Theologie. Online betreibt sie unter www.facebook.com/praxis.dr.katrin eine theologische „Praxis Dr. Katrin“ für mehr Inspiration, Tiefgang und kirchlichen Humor im Alltag der sozialen Medien.

Rezension: Manuel Stetter, Die Predigt als Praxis der Veränderung. Ein Beitrag zur Grundlegung der Homiletik

Anmerkung der Redaktion: Mit dieser Rezension wechselt die Verantwortlichkeit im Ressort „Klassiker und Rezensionen“ von Tobias Jammerthal zu Martin Böger. Tobias Jammerthal sei an dieser Stelle herzlich für die sehr erfolgreiche Arbeit gedankt. Wir freuen uns, dass der „Staffelstab“ für dieses Ressort in Tübingen bleibt und danken Martin Böger, dass er weitermacht. Er liefert selbst die erste Rezension.

Manuel Stetter, Die Predigt als Praxis der Veränderung. Ein Beitrag zur Grundlegung der Homiletik, (APTLH 92), Göttingen/Bristol 2018.

Rezensiert für www.nthk.de von Martin Böger

Predigen verändert die Welt.“ (S. 1) Den Weg, diese einfache und gleichzeitig gehaltvolle Überzeugung wissenschaftstheoretisch näher in den Blick zu nehmen, unternimmt Manuel Stetter in seiner Studie: Die Predigt als Praxis der Veränderung.

Stetter macht es sich zur Aufgabe, eine begründungstheoretische Lücke zu schließen und sich aus wissenschaftlicher Sicht genau jenem Phänomen und jener allgemein anerkannten Erfahrung und Zielsetzung des Predigens zu nähern, die die Hörendenden existentiell ansprechen und verändern will.

Nach einem einführenden Abschnitt, der sich der transformativen Dimension der Predigt anhand ihrer religiösen Beziehungen vergewissert, nähert sich Stetter dem sehr ausführlichen und überaus reichhaltigen materiellen Teil seiner Studie. In diesem beschreibt er detailliert und fachkundig philosophische Entwürfe des Selbst, seiner Selbstdeutung und kritischen Entwicklung. Ziel ist es dabei, die Homiletik in ein fruchtbares Gespräch mit diesen „lebensweltlich situierten Praktiken“ des Transformativen zu verwickeln.

Der materielle Teil gliedert sich in vier Abschnitte, die jeweils einen spezifischen philosophischen-wissenschaftlichen Fachdiskurs beschreiben und deren Erkenntnisse für eine Homiletik mit dem Anspruch der Transformation ausloten.

Im ersten Abschnitt untersucht Stetter kritiktheoretische Perspektiven, die transformative Dimensionen für die Selbstdeutung bereithalten. Zusammengefasst beschreibt Stetter die kritische Praxis als eine Spiegelungskunst, die einerseits ein Bild der bereits realisierten Existenz zu zeichnen vermag und andererseits Räume für Hoffnungen und Zukünftiges eröffnen kann. Daher kann es zur Gretchenfrage werden, ob die Kritik entweder vom Bestehenden (status quo) oder vom Erhofften (status novus) her formuliert wird.

Im zweiten Abschnitt bedenkt Stetter ästhetische Perspektiven, die sich der Predigt als Erfahrunsgraum der Schwelle (Liminalität) annähern. Auf deren Grenze kann der Einzelne die Erfahrungen seines Alltages gesteigert entdecken, beschreiben und reflektieren. Die Predigt, und mit ihr der Gottesdienst, werden so zu einer Kunst der Schwellenerfahrung, die dazu anhebt, die Ästhetik des Alltäglichen in einem experimentellen Charakter auf Zeit zu transformieren und transzendieren.

Im dritten Abschnitt widmet sich Stetter rhetorischen Perspektiven, die darauf abzielen, die transformative Dimension einer zwischenmenschlichen Kommunikation eines Überzeugens anstatt eines Überreden zu deuten und darin das besondere transformative Element einer sprachlichen Kommunikation stark zu machen.

Im vierten Abschnitt, der als eine Art übergeordnete Bezugs- und Rahmenkategorie anzusehen ist, beschäftigt sich Stetter mit dem aktuellen gesellschaftlichen Rahmen des Religiösen, innerhalb dessen die Predigt ihre transformative Dimension zu entfalten hat. Es geht um die Einsicht in die Pluralität des Religiösen und dem damit einhergehenden Pluralismus der Lebens- und Sinndeutungen, inmitten deren sich das Predigtgeschehen zu verstehen und zu positionieren hat.

Stetter benennt das Predigtgeschehen als eine Reflexionspraxis und fasst summarisch den letztendlich angestrebten Reflexionsertrag seiner Studie darin zusammen, die Predigt unter dem Konzept einer Aneignungspraxis zu verstehen. Denn der Begriff der Aneignung schaffe es, (1.) die Balance zwischen Absicht auf Wirkung und Absicht auf Autonomie im Predigtgeschehen zu fassen; (2.) erhelle der Begriff nicht nur den Vorgang der Rezeption, sondern auch der Produktion einer Predigt; (3.) bedenke der Begriff der Aneignung die der Predigt strukturell innewohnenden Dialektik des Rekurses auf und die Überschreitung von individuellen Selbstentwürfen und schaffe es (4.) im Predigtgeschehen die Überschreitungs- und Rekursionskunst für eine Selbstverständigung und-erschließung des Hörers deutbar zu machen.

Wo sich der Rezensent manchmal etwas in der Komplexität und Dichte der Reflexionen im materialen Teil der Studie zu verlieren droht, zeigt sich eine kleine dornige Herausforderung der Studie: Dem Leser wird keine leicht verdauliche Kost vorgesetzt, sondern eine komplexe und diffizile, deren Verständnis sich erst durch eine eingehendere Auseinandersetzung einstellt. Hilfreich ist es hier, sich an die resümierenden Abschnitte zu halten ein, die den Blick wieder auf das Ganze und das Wesentliche der Grundfragestellung richten.

Stetter schließt mit seiner versierten und beeindruckend detailreichen Studie eine Lücke der homiletischen Reflexion. Ausgehend vom Verständnis der Predigt als einer religiösen Reflexionspraxis zur Selbstverständigung, wird diese spezifische Erwartung an die Predigt aus schwammigen und diffusen Begrifflichkeiten in das wissenschaftlich-systematisierende und herausfordernde Licht von Ästhetik, Rhetorik und Kritiktheorie geführt. In dieser Auseinandersetzung zeigt sich die theologische Homiletik auf Augenhöhe, die den Diskurs und die selbstbewusste Positionierung mit angrenzenden Fachgebieten nicht zu scheuen braucht. Die Predigt ist neben ihrer biblisch-religiösen Dimension eben gerade auf jene kritischen und philosophisch angereicherten Reflexionen angewiesen, um im Vollzug ihr ganzes transformatives Potential entfalten zu können.

 

Martin Böger ist Pfarrer und Repetent am Ev Stift in Tübingen. Für NThK verantwortet er das Ressort „Klassiker und Rezensionen“.

Rezension: Briefe und Akten zur Kirchenpolitik Friedrichs des Weisen und Johanns des Beständigen, 1513-1517

Briefe und Akten zur Kirchenpolitik Friedrichs des Weisen und Johanns des Beständigen 1513 bis 1532: Reformation im Kontext frühneuzeitlicher Staatswerdung, hg. v. Armin Kohnle und Manfred Rudersdorf. Band 1: 1513-1517, bearb. v. Stefan Michel, Beate Kusche und Ulrike Ludwig, Leipzig 2017.

Rezensiert für www.nthk.de von Tobias Jammerthal am 26. Januar 2018,  veröffentlicht am 03. August 2018

 

Auch 500 Jahre nach den 95 Thesen Martin Luthers gibt es noch viel zu viele relevante Dokumente, die entweder gar nicht bekannt oder nur schwer zugänglich in Archiven und Bibliotheken im Dornröschenschlaf liegen. Wer selbst einmal in den Tiefen solcher Bestände gewühlt zu haben die Freude hatte, erkennt schnell, wie relativ wenig wir in der Breite über die Ereignisse und Entwicklungen orientiert sind, die sich im 16. Jahrhundert abspielten und inmitten derer sich das Bündel von Abläufen, Entscheidungen (und manchmal auch: Zufällen) vollzog, das wir als Reformation kennen. Umso energischer ist es zu begrüßen, dass die Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig eine kontinuierliche Politik der Edition relevanter Materialien betreibt: Nach der Edition der „Politischen Korrespondenz des Herzogs und Kurfürsten Moritz von Sachsen“ (sechs Bände, abgeschlossen 2006), der „Akten und Briefe zur Kirchenpolitik Herzog Georgs von Sachsen“ (vier Bände, abgeschlossen 2012) und der 2017 abgeschlossenen dreibändigen Thomas-Müntzer-Gesamtausgabe sind nun Luthers Landesherren Friedrich der Weise und Johann der Beständige an der Reihe.

Die Edition ist auf insgesamt vier Bände angelegt; mit dem vorliegenden ersten Band setzt sie bewusst weit vor dem 31. Oktober 1517 ein: Durch das damit vermittelte Bild der kirchenpolitischen Situation vor Beginn des Ablass-Streits ist es möglich, das Agieren der kurfürstlichen Regierung ab 1517 wesentlich differenzierter zu verstehen und hinsichtlich seiner Kontinuitäten und Diskontinuitäten überhaupt erst zu würdigen (vgl. 7). Der Einsatzpunkt mit dem Jahr 1513 ergibt sich nach Angaben der Herausgeber aus dynastischen Entwicklungen der Wettiner (18f), wird jedoch nicht konsequent durchgehalten: Unter Nr. 1 wird das Testament Kurfürst Friedrichs von 1493 geboten,es folgt als Nr. 2 die Hofratsordnung von 1499; erst mit Nr. 4 beginnen die Quelllen des Jahres 1513. Diese Inkonsequenz ist zu begrüßen, da die aus dem Zeitraum vor 1513 stammenden Quellen von erheblicher Relevanz für das Verständnis der Frömmigkeit des Kurfürsten wie auch für das Funktionieren seiner Administration sind.

Die Ausgabe bietet in der aus den bereits genannten anderen Editionsprojekten vertrauten Weise zu 658 vor allem aus thüringischen und sächsischen Archiven gehobenen Quellen in jedem Fall ein Regest und Angaben über Fundort und Überlieferung; die Kriterien, nach denen auch der Text selbst abgedruckt wird, werden in der Einleitung der Bandbearbeiter schlüssig dargelegt (33f). Der Band ist durch Orts- und Personenregister zielführend erschlossen (541-566) und im Erscheinungsbild übersichtlich nach transparent dargelegten Richtlinien (33-36) gestaltet. Die strikt chronologische Anordnung der Quellen ermöglicht ein zügiges Auffinden einzelner Stücke. Hervorzuheben ist auch die elektronische Recherchierbarkeit der Edition unter http://bakfj.saw-leipzig.de/, wenngleich nicht ganz schlüssig ist, welche Stücke der Edition nur als Metadaten (Beispiel: Nr. 44), welche als Regest (Beispiel: Nr. 236), und welche als Volltext (Beispiel: Nr. 10) zur Verfügung stehen – und man sich wünschen würde, dass im Laufe der weiteren Arbeit am Internetangebot eine Durchsuchbarkeit nach den in der Edition vergebenen Nummern der einzelnen Stücke ermöglicht würde. Dessenungeachtet ist davon auszugehen, dass diese elektronische Zugriffsmöglichkeit die Verwendung der Edition erheblich vereinfachen wird.

Historisch sensibel liegt dem Terminus „Kirchenpolitik“, der die Edition inhaltlich bestimmmt, ein umfassendes Verständnis zugrunde:

„Jedes Regierungshandeln eines Fürsten sollte dem Wohl seiner Untertanen dienen, ihren Frieden sichern und damit Gott die Ehre erweisen. […] Der Begriff ‚Kirchenpolitik‘ stellt demnach einen modernen Verabredungsbegriff dar, der das planvolle Handeln der Landesherrschaft in kirchlichen Belangen umschreibt.“ (20)

Damit ist der Erkenntnis, dass kirchliches Engagement „weltlicher“ Obrigkeiten weder erst im Jahr 1517 beginnt noch gar auf den Wirkungsbereich der Reformation beschränkt war, sondern im Rahmen spätmittelalterlicher und frühneuzeitlicher Vorstellungen ein integraler Bestandteil regierenden Handelns war, der unter so unterschiedlichen inhaltlichen Vorzeichen wie bei Herzog Georg von Sachsen in entscheidener Gegnerschaft zu Martin Luther oder bei Landgraf Philipp von Hessen in entschlossenem Aufgreifen reformatorischer Impulse realisiert werden konnte. So gelingt es der Edition, ein umfassendes Panorama kirchlicher, theologischer und administrativer Verhältnisse in Kursachsen zu zeichnen. Manches kommt dem Leser bekannt vor: Die überraschend gut funktionierende Zusammenarbeit der beiden Brüder Friedrich und Johann etwa – in diesem Zusammenhang erfreut die Dokumentation der bei den regelmäßigen Konsultationen ausgetauschen Zettel und Noteln (etwa Nr. 38 oder 70). Auch die Planmäßigkeit, mit der Wittenberg zum religiösen und politischen Zentrum des ernestinischen Gebietes ausgebaut wurde,[i] wird durch zahlreiche Aktenstücke weiter dokumentiert. Der durch die hier gebotenen Quellen (z.B. Nr. 20 oder noch 601) verstärkte Eindruck einer passionierten Reliquienjägerei Kurfürst Friedrichs tritt der Einsatz beider Brüder für die Observanzbewegung zur Seite (etwa Nr. 1 oder 19). Gerade für das Verständnis des Handelns der kurfürstlichen Regierung in der Causa Lutheri interessant sind die aus dem Zusammenhang der komplexen Beziehungen zwischen Ernestinern und den Bischöfen der auf ihrem Gebiet liegenden Diözesen geschöpften Quellen.

Noch immer wissen wir viel zu wenig über die Ereignisse und Vorgänge des 16. Jahrhunderts. Der Edition der „Briefe und Akten zur Kirchenpolitik Friedrichs des Weisen und Johanns des Beständigen“ ist zu danken, dass wir ein bisschen mehr erkennen können von dem, was zu Lebzeiten Martin Luthers religiöse, politische und soziale Realität war. Umso mehr ist zu wünschen und zu hoffen: Zu wünschen, dass diese Edition ihres für Privatpersonen nicht ganz attraktives Preises in Höhe von 84,– Euro ungeachtet eine möglichst breite Rezeption erfährt – und zu hoffen, dass die Folgebände zügig erscheinen, und die Forschung sich 500 Jahre nach den in ihnen dokumentierten Ereignissen von dieser neuen Quellengrundlage dazu ermutigen lässt, eingetretene Pfade auch einmal zu verlassen und Unbekanntes zu entdecken.

 

Tobias Jammerthal ist Redakteur der Rubrik „Klassiker und Rezensionen“.

 

[i] Jüngst einschlägig dargestellt von  Natalie Krentz.

Rezension: Cord Aschenbrenner, Das evangelische Pfarrhaus

Aschenbrenner, Cord, Das evangelische Pfarrhaus. 300 Jahre Glaube, Geist und Macht: Eine Familiengeschichte, München 2015.

Rezensiert für www.nthk.de von Jonas Milde am 8. Januar 2018, veröffentlicht am 20. Juni 2018.

„Pfarrers Kinder, Müllers Vieh gedeihen selten oder nie.“ – Neun Generationen an Pfarrern und Pfarrerskindern der Familie Hoerschelmann stellt der Journalist und Historiker Cord Aschenbrenner, selbst ein „Pfarrersenkelkind“, in seinem 2015 erschienen Buch vor. „Selten“ hat seit dem Aufkommen des Sprichwortes einen Bedeutungswandel erfahren. Meinte es ursprünglich „,besonders‘ oder ,außergewöhnlich‘“ (55), meint es heute „,nicht häufig‘“. Einen Bedeutungswandel hat auch das evangelische Pfarrhaus erfahren. Lange Zeit war es etwas „seltenes“, also etwas besonderes. Das Pfarrhaus unterschied sich von anderen Häusern, war doch der Hausherr – und nicht etwa nur seine wohl oder weniger wohl geratenen Kinder – kraft seines Amtes etwas „seltenes“.

Bei aller Idealisierung, die man dem Pfarrhaus angedeihen lassen hat, und den daraus möglicherweise hervorgehenden Vorbehalten dem Vorhaben A.s gegenüber – seine Bedeutung kann man dem evangelischen Pfarrhaus nicht absprechen; in Deutschland und Estland ebenso wenig wie im weltweiten Protestantismus. Und wer mit der Lektüre von A.s Buch beginnt, merkt schnell, dass es den Autor keinesfalls um die Verklärung einer untergegangenen Welt geht; denn „[d]as deutsche evangelische Pfarrhaus im Baltikum gibt es längst nicht mehr“ (16). Das Erbe jedoch lohnt die Betrachtung – nicht nur für die unmittelbaren Erben, die gegenwärtig evangelische Pfarrhäuser bewohnen.

Ausgehend von einem Zeitungsartikel, den A. 2011 für die Süddeutsche Zeitung verfasste (11), weitete und vertiefte er seine Recherchen zur Familien- und Pfarrhausgeschichte und reiht sich so selbstbewusst in die „[s]eit den 1970er Jahren [entstandenen] Untersuchungen […] zum evangelischen Pfarrhaus“ (23) ein. Er legt sein Hauptaugenmerk hierbei nicht auf eine „Pastorendynastie“ in Deutschland, sondern auf eine deutsche Familie, deren Wirkungskreis in den betrachteten Jahrhunderten vorwiegend im Baltikum lag. Die Hoerschelmanns, unter Katharina II. in den erblichen Adelsstand erhoben, waren Teil jener deutschbaltischen Elite, die das Land an der Ostsee in seiner wechselvollen Geschichte bis ins 20. Jahrhundert hinein prägte. Ein Ende fand dies mit der „,diktierten Option‘“, der „[f]ormal zwar freiwilligen, dennoch unter Zwang, wenigstens aber unter starkem Druck“ (268) vollzogenen Abwanderung der Deutschen aus dem Baltikum ins „Großdeutsche Reich“ während der NS-Herrschaft.

Damit endete eine Geschichte, die 1768 begann, als Ernst August Wilhelm (von) Hoerschelmann, 1743 geboren als Sohn des Großrudestedter Superintendenten, seine thüringische Heimat verließ und über Lübeck per Schiff nach Reval / Tallin kam. Vier seiner sechs Söhne wurden wie schon ihr Großvater – der Begründer der Hoerschelmann’schen Pastorendynastie – Theologen und begründeten die vier „,Häuser‘, benannt nach den Wohnorten oder dem Ort der Pastorate“ (19), aus denen zahlreiche Pfarrer und Pfarrfrauen hervorgingen.

Über diese – in treffender Auswahl – berichtet A. und führt den Leser in 27 Kapiteln durch die bald dreihundertjährige Geschichte: beginnend im Kernland der Reformation, rund 170 Jahre in Estland fortgeführt, zu ihrem – vorläufigen – Ziel kommend in Norddeutschland und Hongkong. Mit Seitenblicken, etwa auf die Entstehung des evangelischen Pfarrhauses (Martin Luther oder Die ideale Familie, 47–56) und die deutschbaltische Geschichte, werden die Familiengeschichten in einen ideellen und kulturhistorischen Rahmen eingeordnet, den ihre Protagonisten mitgeprägt haben.

Auch Blicke auf andere Pfarrer und Pfarrhauskinder werden geboten; teils als Spiegel zu den Hörschelmanns. So tauchen Gestalten wie der westfälische Posaunengeneral Johannes Kuhlo auf, dessen befremdlicher Kleidungsstil „gegen die ungeschriebenen Anstandsregeln seines Berufsstandes“ verstieß (143), ebenso die großen Geister des lutherischen Pietismus‘ Spener (100f.), Francke (64.99.101ff.) und Zinzendorf (99.103.136), deren Theologie viele Pastoren und „Pastorinnen“, also Pfarrfrauen, der Familie Hoerschelmann prägten.
Mit den theologischen Entwicklungen werden anhand der deutschbaltischen Pfarrhäuser auch die kirchlichen Verhältnisse in Deutschland gespiegelt, vor allem diejenigen Preußens und des Deutschen Reiches ab 1871. So etwa die Zeit des Kulturkampfes (171ff.) und die des Dritten Reiches (249ff.), das für die Hoerschelmanns die Rückkehr ins Land der Reformation, in dem viele ihrer – männlichen – Mitglieder studiert hatten, bedeutete. Die Verteilung des Stoffes der dreihundertjährigen Familiengeschichte erfolgt angenehm ausgewogen, wenngleich das 20. Jahrhundert den weitesten Raum einnimmt.

In zahlreichen Familienlegenden und -geschichten, die die Ursprünge der Familie mit einem Mose gleichenden, aus dem Wasser der Hörsel geretteten Baby, das man „Hörselmann“ nannte, sehen wollen (25), gelingt es A., Landes-, Pfarrhaus- und Familiengeschichte in Estland und Deutschland miteinander zu verbinden und die einzelnen Charaktere der Familie profiliert zu beschreiben. Dabei greift er auf vielerlei Material zurück, das Mitglieder der Familie, allen voran der Familienchronist Constantin – er ist einer der Theologen der 5. Generation – und der beide Weltkriege miterlebt habende Gotthard Hoerschelmann – er gehört zur 7. Generation – niedergeschrieben hatten. Von unverhofften Wendungen zum Guten – etwa einen aus Armut befreienden Blitzschlag (146) – ebenso wie von harten Plagen, Anfechtungen und Prüfungen – so beispielsweise die mehr als zehnjährige Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion, in der Gotthard Hoerschelmann heimlich in Lagern Abendmahl „mit wässriger Kohlsuppe oder mit Kwas und einem aufgesparten Brotkanten“ (311) feierte, – erzählt A.s etwa 350 Seiten langes Werk. Die zahlreichen Fotographien und Abbildungen helfen, die Pfarrer der neun Generationen und ihre oftmals die gleichen Namen tragenden Verwandten nicht zu verwechseln, ebenso die Karte und der Stammbaum, die dem Buch im Einband mitgegeben sind.

Selbstredend ist es gewagt, von dieser einen Pastorenfamilie pars pro toto auf das evangelische Pfarrhaus zu schließen. Doch das diesem Buch gespendete Lob hat es zurecht erhalten – in einer Vielzahl von Rezensionen sowie durch den Georg Dehio-Buchpreises 2016. Die Liste der bereits von anderen Rezensenten des Werkes angemerkten „Ungenauigkeiten und Fehler“, die sich eingeschlichen haben, (so Christopher Speer, Rez. in ThLZ 142 (2017), Sp. 242-244) und für das Ende des 18. Jahrhunderts bereits belegt wurden, schmälert diesen Erfolg nicht, könnte an wenigen Stellen auch in Bezug auf das 16. und das 20. Jahr fortgesetzt werden; etwa dort, wo A. Kirche und Pfarrhaus im Dritten Reich schildert. So bestand die Idee einer „Reichskirche“, die die Nationalsozialisten zu verwirklichen suchten, genau genommen nicht erst seit der Reichsgründung 1871 (251), das Wirken der lutherischen Bischöfe Hannovers, Bayerns und Württembergs in den 1930er und 40er Jahren, August Marahrens, Hans Meiser und Theophil Wurm, wird zu Lasten der Renommees dieser Kirchenmänner unausgewogen beleuchtet (252.327), und Otto Dibelius völlig zu Unrecht unterstellt, dass „[m]it Repräsentanten wie [ihm] die evangelische Kirche bereits vor 1933 vor den Nationalsozialisten freiwillig in die Knie“ gegangen sei (251).

Auch dort, wo die Ursprünge des Pfarrhauses im Reformationszeitalter liegen, liest sich einiges schief. So wird Luthers Haltung im Bauernkrieg nur mit seiner „blutrünstigen“, ursprünglich jedoch als Anhang zur Ermahnung zum Frieden verfassten und erst später als Separatdruck verbreiteten Schrift Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern deutlich verzerrt widergegeben (49). Möglicherweise wird es dem Rezensenten auch als kleinliche Spitzfindigkeit gewertet, wenn er anmerkt, dass die Rechtfertigungslehre des Wittenberger Reformators nicht „ein zentrales Element der Reformation“ (329, Kursivsatz J.M.) ist, sondern deren Mitte, Zentrum und Kern.

Doch ging und geht es Lutheranern – nicht nur denen der Familie Hoerschelmann und nicht nur Pfarrhausbewohnern – genau um dies: Leben und Handeln als Christenmenschen aus der Gnade der Rechtfertigung. Dass dieses auch gegenwärtig an Bewohnern von Pfarrhäusern – aber zweifellos nicht nur bei solchen – erkennbar ist, dazu gebe dieses Buch durch die von ihm gewirkte Lesefreude einen Anstoß.

 

Jonas Milde ist Examenskandidat der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Schaumburg-Lippe.

Von den 90 Prozent, Hausbesuchen und der Zukunft der Kirche

Rezension zu: Erik Flügge und David Holte: Eine Kirche für Viele (statt heiligem Rest), Freiburg im Breisgau 2018.

von Niklas Schleicher

Erik Flügge kann man zurzeit ohne Übertreibung als shooting-star der aktuellen kirchlichen Debatten bezeichnen. Sein Buch über die Sprache der Kirche1 war ein Verkaufserfolg und seitdem ist Flügge ein gern gesehener Referent in Fortbildungsveranstaltungen. Zwischendurch verfasst er immer mal wieder viel beachtete Artikel zur Zukunft der Kirche. Interessanterweise genießt Flügge für seine Arbeit, wenn ich das richtig sehe, breite Zustimmung und stößt auf wenig harsche Kritik.

Vor zwei Wochen erschien Flügge neues Buch, zu dem David Holte ein Kapitel beigesteuert hat. Buch ist dabei freilich etwas hoch gegriffen, erweiterter Essay trifft es vielleicht eher; so entfaltet Flügge seine Thesen auf 78 Seiten im Kleinformat bei Herder. Das Buch ist erneut ein Verkaufsschlager, die erste Ausgabe ist bereits vergriffen und die Rezeption wieder äußerst positiv.

Ich wiederum lese gerne Bücher, die Verkaufsschlager sind, positiv rezipiert werden und Ideen beisteuern, wie man denn die Kirche(n) reformieren könnte. Meistens bin ich dann enttäuscht und manchmal lasse ich mich auch zu einer Rezension hinreißen.

„Eine Kirche für viele (statt heiligem Rest)“ lautet der Titel des Buches. Das Grundanliegen ist dabei ein gänzlich anderes, als es beispielsweise „Vom Wandern und Wundern“ hat. Ich erwähne das deshalb, weil dieses Buch, jedenfalls in meiner Filterblase, von den gleichen Personen ähnlich euphorisch begrüßt wurde. Flügge geht es nicht um Rückzugsorte oder Klientelkirchen, die ganz bestimmte Menschen in ganz bestimmten Situationen (mit ganz bestimmten Vorlieben für koffeinhaltige Heißgetränke) bedienen, sondern in gewisser Weise um eine Kirche, die alle Menschen erreicht – also im besten Sinne um so etwas wie Volkskirche. Ich finde diese Idee jedenfalls schon einmal gut und interessant. Löst das Buch auch ein, was es verspricht?

Der Ausgangspunkt der Überlegungen ist im ersten Satz des Buches grundgelegt:

„90 Prozent der Kirchenmitglieder nehmen nicht am Gemeindeleben Teil. Sie zahlen nur für den Rest. Kann das wirklich die Idee einer Kirche sein? (S. 9)“2

Der Anstoß ist also, wie so oft, die Kirchensteuer. Viele zahlen, wenige nehmen die Angebote der Kirche wahr, gehen also regelmäßig in den Gottesdienst oder besuchen die Veranstaltungen, die in der Gemeinde angeboten werden. Dadurch verliert die Kirche an Relevanz im Leben derjenigen, die sie eigentlich finanzieren, und über kurz oder lang führt das zum Rückgang oder Verschwinden von volkskirchlichen Strukturen. Dabei ist es egal, ob es um das evangelische oder katholische Christentum geht; in dieser Frage unterscheiden sich beide nur um Nuancen.

Der Vorschlag, mit denen Flügge die 90 Prozent erreichen will, wird in einer Art Gedankenexperiment dargeboten, ist aber erstaunlich handfest: Man sollte die Arbeitszeit, die durch die Kirchensteuer finanziert wird nutzen, um Hausbesuche zu machen; und zwar nicht nur die üblichen 70+ Geburtstagsbesuche, sondern um alle Menschen der Gemeinde einmal im Jahr aufzusuchen und mit ihnen zu sprechen. Dies ist erstmal, wenn man so will, die formale Seite des Vorschlags: Weniger Geld investieren in Erhalt der Häuser, Kirchen, usw., sondern als Kirche zu den Menschen gehen. Flügge zieht einen Vergleich aus seiner Arbeit für die SPD heran: Auch im Wahlkampf ist das Besuchen von Menschen von gutem Erfolg gekrönt.

Die Kehrseite der Medaille ist dann allerdings die Anschlussfrage, die der zweite Teil des Buches behandelt: Was soll denn bei den Hausbesuchen geschehen, was gesprochen werden? In Flügges Worten: „Für wen ist das katholische beziehungsweise evangelische Christentum überhaupt noch relevant?“ Denn, so weiter: „[U]nd wenn man an diese Frage herangeht, dann sieht es düster aus.“ (S. 47) Die Streitfragen, um die es in den Kirchen gerade geht, sei es Sexualmoral oder die Frage nach Laien, sind reine Kulturfragen und reines Marketing. Um das Christentum zu reanimieren, ist, so Flügge weiter, eine Rückbesinnung auf die Wurzeln nötig; und zwar weniger in einem inhaltlichen Sinne, sondern in einem formalen Sinne: Man spricht mit anderen Menschen über seinen christlichen Glauben, nicht (allein) um sie zu überzeugen, sondern um im Gespräch mit ihnen und von ihnen neues über das Christentum zu lernen, eben genauso, wie es die frühe Christenheit in Aufnahme der griechischen Philosophie getan hat.

Der zweite Modellversuch, den Flügge dann vorschlägt, ist ein Schritt unter den Hausbesuchen bei allen Kirchenmitgliedern und sieht vor, dass die gesamte Gemeinde mit selbst geschriebenen Karten z.B. anlässlich wichtiger Feste kontaktiert wird. Diese Karten sollen Ehrenamtliche und Hauptamtliche gemeinsam in einer konzertieren Aktion verfassen.

Das Buch schließt mit der Hoffnung, dass die Eindrücke und Einsichten, die man durch die Gespräche im Rahmen einer solchen Haustürmission Gewinnt , Eingang in den Glauben und die Lehre der Kirche finden und es so zu einer Revitalisierung kommt.

Flügges Vorschläge klingen auf den ersten Blick sehr plausibel und einleuchtend. Aber ich meine: Sie sind auch etwas einfach. Nun muss Einfachheit per se nichts Schlechtes sein. Aber trotzdem sollte sie wenigstens ein bisschen stutzig machen. Sollte die Forderung, dass „Kirche zu den Menschen kommen muss“, Theologinnen und Theologen wirklich noch nicht in den Sinn gekommen sein?

Tatsächlich haben sich Theologie und Kirche diesbezüglich schon einige Gedanken gemacht. Und der Vergleich mit dem Straßenwahlkampf hat eben seine Grenzen: Auch die SPD und die CDU/CSU erholen sich ja durch Hausbesuche nicht in dem Sinne, dass sie mehr oder besser gebundene Mitglieder gewinnen. Vielmehr funktioniert die Mobilisierung in der konkreten Wahlkampfsituation. Rübergespiegelt auf die Kirche trifft diese Parallele m.E. auch zu: Für ein konkretes Projekt oder eine konkrete Veranstaltung könnte so ein Hausbesuch oder ein direktes Ansprechen durchaus kirchenferne Mitglieder aktivieren, sei es, weil die Kirchturmuhr repariert werden soll, oder weil die Kirchgemeinde eine Brauereiführung organisiert hat. Einfach mal so zu kommen und über den Glauben zu reden, scheint mir demgegenüber schwieriger; zumal die Haustürmission der Zeugen Jehovas hier keine guten Assoziationen wecken dürfte.

Flügge schlägt zudem vor, dass die Mission mehr von gemeinsamen Gespräch geprägt sein soll und der Besuchende etwas von den Besuchten lernen soll. Dies klingt zunächst gut, aber wirft Fragen auf, zu deren Beantwortung Flügges Buch wenig beiträgt. Wenn das Christentum aus den Stimmen erneuert werden soll, die mit der christlichen Kirche und dem christlichen Glauben bislang wenig zu tun haben, was ist dann das, was der christliche Glaube dort finden und integrieren soll? Aus welcher Mitte heraus wird bestimmt, welche Anliegen aufgenommen werden? Gerade die frühe Christenheit hat sich in der Auseinandersetzung mit der Philosophie fest an ihr Bekenntnis zum auferstandenen Gekreuzigten gehalten. Nicht zuletzt erscheint das Unternehmen mit einer doppelten Agenda verbunden: Die Kirche soll vordergründig zu den Menschen, um diese zu erreichen und diesen was zu bieten. Allerdings ist dieser Besuch hintergründig für die Kirche selbst verzweckt, steht nämlich im Dienst der eigenen Erneuerung. Geht es im Endeffekt geht es dann gar nicht um die Besuchten, sondern um die Kirche, ihren Bestand und und ihr Bedürfnis nach Erneuerung?

Das Problem scheint mir allgemein weniger der Wille zu sein, mit Menschen und ihrer Lebenswelt in Kontakt zu kommen. Sondern es scheint darin zu liegen, wie mit diesen Menschen über den Glauben gesprochen und ihnen dabei auch glaubwürdig vom den Glauben erzählt werden kann. Theologen und Theologinnen sind in der Regel keine lebensweltfremden Fachidioten, die völlig fern von jeder Lebenswelt stehen und keine Ahnung von den Ideen und religiösen Bedürfnissen anderer Menschen haben. Im Gegenteil: Manchmal erscheint es mir vielmehr notwendig, zunächst einen Blick auf das zu werfen, was die eigene Botschaft ausmacht und was das Christentum von allgemeiner Religiosität unterscheidet.

Ein zweiter Punkt betrifft das Bild von Kirche, dass hier gezeichnet wird: Kirche erscheint dabei eine ganz konkrete, abgeschlossene Organisation mit ihren angestellten Mitarbeitenden. Als Gegenüber dieser Kirche gibt es dann die zahlenden Mitglieder, die etwas von ihrer Mitgliedschaft haben sollen. Mir scheint diese Betrachtungsweise zu verkennen, dass diese zahlenden Mitglieder selbst die Kirche sind. Daher könnte man darauf verweisen, dass es im freien Belieben der Einzelnen liegt, wo sie sich und wie beteiligen. Gerade z.B. bei der evangelischen Kirche sind die Strukturen so beschaffen, dass sie viele Möglichkeiten der Beteiligung bieten. Die meisten Hauptamtlichen sind für Ideen und Projekte aufgeschlossen und bieten Räume zur Verwirklichung. Aber andersherum gilt auch: Wenn ich meine Mitgliedschaft in der Kirche sozusagen „ruhen“ lassen möchte, weiter meine Kirchensteuer zahle, aber mich jenseits bestimmter biografischer Schwellensituationen nicht beteilige, dann ist das genauso legitim.

Möglicherweise wäre hier ein Punkt, den man vertiefen sollte: Möglichkeiten der Beteiligung an Konzeption und Umsetzung neuer Ideen innerhalb der Kirche aufzeigen. Das ist vielleicht weniger radikal, als mit der Erfahrung von Hausbesuchen im Rücken einen Großumbau der kirchlichen Lehre vorzunehmen. Aber man muss dafür dann auch keine Kirchen abreißen, weil man sie vielleicht noch brauchen kann.

Und wenn wir die Debatte darüber führen, was Kirchen leisten sollen und was nicht, sollte man nie vergessen, dass die Kirche auch eine Solidargemeinschaft ist. Manche Dinge, wie Sozialarbeit, Kinderbibelwochen oder Altenheimseelsorge finanzieren eben viele, während nur wenige sie in Anspruch nehmen, weil sie das entsprechende Angebot eben gerade brauchen. Das muss nicht ungerecht sein, ich jedenfalls kann gut damit leben.

Es gibt ausgehend vom vorliegenden Buch also viele Fäden, die man aufgreifen kann. Interessant ist der Ansatz allemal – auch wenn ich glaube, dass die Erneuerung der Volkskirche mehr braucht als Hausbesuche.

Niklas Schleicher

2Wie genau Flügge auf diese Prozentzahl kommt, wird leider nicht aufgeschlüsselt.

Rezension: Ulrich Heckel – Wozu Kirche gut ist

Heckel, Ulrich: Wozu Kirche gut ist. Beiträge aus neutestamentlicher und kirchenleitender Sicht. Mit einem Geleitwort von Wolfgang Huber, Göttingen 2017.

Rezensiert für www.nthk.de von Tobias Graßmann am 21. November 2017, veröffentlicht am 11. April 2018.

Ein verbreitetes Vorurteil besagt, dass sich die Menschen in kirchenleitender Position über der Beschäftigung mit Haushaltsplänen und Stellenbesetzungsverfahren höchstens noch eine vage Vorstellung von der geistlichen Dimension der Kirche bewahrt hätten. Und gegenüber der akademischen Theologie erklingt der Vorwurf, diese habe im Zuge der Ausdifferenzierung eines hochspezialisierten Wissenschaftsbetriebs das Ganze ihrer Aufgabe und die kirchliche Wirklichkeit aus dem Blick verloren.

Wolfgang Huber greift diese Vorbehalte in seinem Geleitwort auf, um dann zu urteilen: Das hier besprochene Buch des Oberkirchenrats und apl. Prof. Ulrich Heckel sei geeignet, das Gegenteil zu belegen. Dieses zeige nämlich, dass und wie „ausgeprägte Kompetenz in der wissenschaftlichen Exegese des Neuen Testaments für die Wahrnehmung kirchenleitender Aufgaben fruchtbar gemacht werden kann“ (VIII). In diesem Urteil ist dem früheren Ratsvorsitzenden zuzustimmen.

Dabei ist zunächst hervorzuheben, dass Heckels Aufsatzsammlung mit dem Titel „Wozu Kirche gut ist“ erfreulich unaufgeregt geraten ist. Heckel erspart dem Leser die Beschwörung des Niedergangs, die bekannten Referate von Austrittsstatistiken und Abbruchserscheinungen, mit denen viele Theologinnen und Theologen rhetorisch die Bühne bereiten für ihre schmerzhaften, aber alternativlosen Reformprogramme. Das Buch atmet das Selbstvertrauen, dass Kirche nun eben gut und wichtig ist – und diese Tatsache dem unbefangenen Leser auch einsichtig gemacht werden kann!

I

Heckels Buch gliedert sich in thematische Teile, wobei sich die Beiträge wiederum grob auf zwei Blöcke aufteilen lassen. Der erste Block ist – sachgemäß für eine biblisch fundierte Theologie in kirchenleitender Verantwortung – den alt- und neutestamentlichen Grundlagen gewidmet (Beiträge 1-5, sowie 7 und 9). Diese Vergewisserung der biblischen Grundlagen des kirchlichen Lebens geschieht aus der konfessionellen Perspektive lutherischer Theologie (vgl. bes. Beitrag 6 zu Luthers Taufverständnis). Heckels Zugriff zeichnet sich dadurch aus, dass er durch die Orientierung am biblischen Text die Engführungen einer allein auf die Rechtfertigungsbotschaft zugespitzten Theologie vermeidet. Der Lesbarkeit ist zuträglich, dass sich Heckel nicht mit Hypothesen zur Vorgeschichte der Texte oder den notorisch strittigen, aber theologisch wenig ergiebigen Einleitungsfragen nach Verfassern, Abfassungszeitpunkten und Entstehungsorten der neutestamentlichen Schriften aufhält. Charakteristisch und durchaus überzeugend ist auch, wie stark er die deuteropaulinischen Briefe (Eph, Kol, Pastoralbriefe) einbezieht, wobei er diese nicht als Verfallsgestalt, sondern als sachgemäße Aktualisierung paulinischer Theologie unter veränderten Bedingungen betrachtet (vgl. 47 und 56-58).

Die verschiedenen Beiträge zur paulinischen Theologie, zu Taufe und Bestattung fügen sich in ein erstaunlich kohärentes Bild: Christliches Leben ist für Heckel – gut lutherisch! – in der Taufe begründet (vgl. bes. Beiträge 4-6). In der Taufe wird die Heilstat Gottes: die Auferweckung Jesu Christi vom Tod, nachvollzogen und dem Einzelnen vergegenwärtigt. Sie ist Fundament des Glaubens als „objektive Größe“, „andauernder Bezugspunkt“ und „verlässliche Grundlage“ (106). Das christliche Leben ist daher als ganzes Aneignung der Taufe (vgl. 98, 107), diese zugleich Initiationsakt in die Gemeinschaft der Kirche.1

Auf dieser Grundlage skizziert Heckel in seinen Beiträgen ansatzweise eine Theorie der Kasualien (zur Taufe die Beiträge 5 und 6, zur Bestattung Beitrag 7, zudem Beitrag 9). Diese kirchlichen Segenshandlungen versteht er als Aktualisierungen der Taufe. Sie erinnern die Taufe als den „Ur-Segen“ (109; 164), den Christinnen und Christen für ihr Leben empfangen haben. Das öffentliche Leben der Kirche ist zentriert um die gottesdienstliche Verkündigung des Evangeliums von Gottes Heilshandeln in Tod und Auferstehung Jesu Christi (vgl. Beitrag 14 zu Schrift, Geist und Kirche).

Heckel bewegt sich nahe an den biblischen Texten und ausgewählten kirchengeschichtlichen Quellen. Die exegetischen Ausführungen sind gut lesbar und lehrreich. Gerade diese Teile des Buches sind allen Pfarrerinnen und Pfarrern, aber auch Laien mit einer grundlegenden theologischen Bildung sehr zu empfehlen. Sie regen dazu an, die kirchliche Praxis von ihrer biblischen Grundlage her vertieft zu verstehen.

II

Einige dieser Alltags- und Organisationsfragen kommen im zweiten Block als gegenwärtige Herausforderungen in den Blick. Das Feld reicht dabei von der Ordnung des württembergischen Predigtgottesdienstes (Beitrag 8) über die Kirchenmusik (Beiträge 10-11) bis hin zu den ökumenischen Beziehungen (Beitrag 15-16) und dem interreligiösen Dialog (Beitrag 18). Eine Rezension und eine Predigt schließen den Band ab. Die Texte sind als Gelegenheitsschriften von unterschiedlicher Länge, sie variieren auch in der Tiefe der Überlegungen. Besonders stechen zwei ausführliche und grundlegende Abhandlungen zur Bedeutung der Schrift für die Kirchenleitung (Beitrag 14) sowie zu Luthers Lehre von den zwei Reichen (Beitrag 17) heraus.

Am ehesten enttäuscht der Beitrag zum interreligiösen Dialog. Wenn Heckel pluralistische Konzeptionen mit der Aussage zusammenfasst, diese gingen von der Voraussetzung aus, „dass alle Religionen gleichberechtigt und gleich gültig“ (266) seien, so trifft das keinen der renommierteren Vertreter einer pluralistischen Religionstheologie (etwa J. Hick oder P. Schmidt-Leukel). Vermutlich liegt es auch an dieser oberflächlichen und von Klischees durchsetzten Betrachtung alternativer Positionen (etwa die angebliche „Marsmännchenperspektive“ der Religionswissenschaften, vgl. 267; 275), dass das Ergebnis unbefriedigend ausfällt. Es bleibt bei einem Bekenntnis zu Respekt und Toleranz sowie der Ermahnung, den eigenen Exklusivitätsanspruch nicht zu verwässern (vgl. 277f.).

Als zusammenhängender Block erscheinen zwei Texte zu Glaubenskursen im Spannungsfeld von Erwachsenenbildung und missionarischem Handeln (Beiträge 12 und 13). Hintergrund ist das Projekt „Erwachsen glauben“ mit dem Ziel der Erprobung und Evaluation von Glaubenskursen für Erwachsene. Heckel ordnet diese Kurse biblisch und historisch ein (176-183), bilanziert die Erprobungsversuche und formuliert Erwartungen für die Weiterarbeit (185-193; 196-204). Er lenkt den Blick darauf, dass die erprobten Glaubenskurse von Ehrenamtlichen und regelmäßigen Gottesdienstbesuchern sehr gut angenommen wurden (vgl. 198), während die Teilnahme kirchenferner Menschen eher die Ausnahme war. Daher wird eine stärkere Entflechtung von fortbildender und missionarischer Zielsetzungen und die Entwicklung spezifischer Formen angeregt (vgl. 188-192, 198f.).

Heckel zeigt sich offensichtlich beeindruckt von der Leistungskraft der Sinus-Milieustudien für die Analyse und Evaluation kirchlichen Handelns (vgl. 147f., 190-192). Gerade, wenn man dieses Instrument skeptischer bewertet als Heckel, muss man ihm zugestehen: Nie verliert er aus dem Blick, dass kirchliches Handeln sich nicht in maßgeschneiderten Angeboten für einzelne Milieus erschöpfen darf. Immer ist auch „zentrifugalen Entwicklungen“ (213, vgl. 205-207) entgegenzusteuern und die Einheit der Gemeinde über die Milieugrenzen hinweg zur Darstellung zu bringen. Das Evangelium zeige seine Attraktivität auch darin, dass es „Menschen unterschiedlichster Milieus in Gottesdiensten nicht nur zusammenführt, sondern auch als Leib Christi vereint“ (148).

Gleichzeitig werden hier auch die Grenzen des Perspektive des Autors deutlich. Wo Heckel beispielsweise kirchliche Angebote für verschiedene Milieus (vgl. 147f.), Fortbildungsprogramme (vgl. 192f.) oder ein Evaluationswesen für Glaubenskurse (vgl. 204) anregt, ist das Bild einer handlungsfähigen, mit Personal und Mitteln komfortabel ausgestatteten und intern vernetzten Großinstitution leitend. Ob sich die evangelischen Kirchen jenseits der süddeutschen Ballungszentren, die Heckel unmittelbar vor Augen stehen dürften, auf Dauer solche Strukturen leisten können? Christinnen und Christen aus stärker entkirchlichten Gebieten werden in Heckels Buch möglicherweise eine Vision vermissen, wie kirchliches Leben in ihren Kontexten gestaltet und entwickelt werden könnte. Hinzu kommt, dass die diakonische Dimension kirchlichen Handelns in den Beiträgen höchstens indirekt eine Rolle spielt und der Umfang der politischen Verantwortung der Kirche vage bleibt (vgl. 262-264). Hier könnte der Rezensent sich durchaus noch mehr vorstellen, „wozu Kirche gut ist“…

Alles in allem ist das Buch sehr zu empfehlen. Vor allem in den biblisch-theologischen Ausführungen finden Interessierte eine so solide wie elegante theologische Besinnung auf das, was Kirche ist und ihrem Auftrag gemäß zu sein hat. Nicht die schlechteste Grundlage – auch und gerade, wenn man Kirche jenseits der vertrauten Strukturen neu denken will!

Tobias Graßmann ist Mitglied der Zentralredaktion.

1 Lesenswert ist die pointierte Argumentation für die Praxis der Kindertaufe.

Rezension: Ulrich Körtner, Dogmatik

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Ulrich H.J. Körtner, Dogmatik, in Lehrwerk Evangelische Theologie (LETh) Bd. 5, Leipzig 2018.

Rezensiert für www.nthk.de von Martin Böger am 23. Februar 2018, veröffentlich am 08. März 2018

 

Der christliche Glaube gibt zu denken. Er ist denkender und verstehender Glaube, der nicht nur den Glaubenden selbst, sondern auch die Welt und die Wirklichkeit im Ganzen in bestimmter Weise zu sehen und zu verstehen lehrt.“ (1)

Mit diesen programmatischen Sätzen beginnt Körtner seine Dogmatik und beschreibt den christlichen Glauben als einen allumfassenden Modus der Wirklichkeitserfassung, der einer Reflexion bedarf. Körtner legt im Genre des dogmatischen Lehrbuches einen eigenständigen dogmatischen Versuch vor, der sich in einer informativen und pointierten Art und Weise an der bisherigen Theologie- und Philosophiegeschichte orientiert ohne sich darin zu verlieren, um von dort aus eine eigene engagierte Rede vom christlichen Glauben und seiner Deutung der Wirklichkeit in der Gegenwart zu profilieren.

Körtner trägt diesem Vorhaben durch den Aufbau seiner Dogmatik in konsequenterweise Rechnung, der sich von einem klassischen Aufbau auf eine anregende Art zu unterscheiden weiß. Denn Körtner ordnet die klassischen dogmatischen Topoi unter dem Begriff der »Wirklichkeit« und benennt mit Gott – Mensch – Welt drei strukturierende Leitbegriffe, die die christliche Wirklichkeitsdeutung in einer engagiert-interessierten Bezogenheit aufeinander deutlich werden lassen.

  1. Christliche Dogmatik als soteriologische Interpretation der Wirklichkeit (Prolegomena)
  2. Die Erschließung der Wirklichkeit
    1. Mensch: Der Glaube
    2. Gott: Die Botschaft des Glaubens als Wort Gottes
    3. Welt: Enthüllung der Wirklichkeit
  3. Die von Gott geschaffene Wirklichkeit
    1. Gott: Der deinige Gott
    2. Mensch: Der Mensch als Geschöpf Gottes
    3. Welt: Die Welt als Schöpfung Gottes
  4. Die erlösungsbedürftige Wirklichkeit
    1. Mensch: Die Sünde
    2. Welt: Das Übel und das Böse
    3. Gott: Die Gerechtigkeit Gottes
  5. Die Wirklichkeit der Erlösung
    1. Gott: Gottes Handeln in Jesus Christus
      Das Wirken des göttlichen Geistes
    2. Mensch: Die Rechtfertigung des Sünders
    3. Welt: Die Heilsmittel
      Die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
      Die Erneuerung der Welt

Körtner verfolgt so den Ansatz, den Glauben und dessen Inhalte nicht in erster Linie als theologische abstracta zu beschreiben, sondern deren wirklichkeitserschließende Kraft darin zu profilieren, dass dogmatische Einsichten in existentieller Beziehung zum menschlichen Leben zu profilieren sind. In dieser Ausgangslage beschreibt er die theologischen Methoden und Einsichten nicht als wertneutrale Annäherungen an die Wirklichkeit, sondern als die tröstliche Wahrheit des christlichen Glaubens für das menschliche Leben.

Körtner baut die einzelnen Kapitel so auf, dass er zu Beginn eines jeden Kapitels einen systematisierenden Abriss dessen bietet, was die Grundfragen und -entscheidungen des folgenden Abschnitts sind. Nach einem übersichtlichen und pointierten darstellenden Teil der bisherigen prägenden Meinungen der Theologiegeschichte kommt Körtner zu einer eigenen konsistenten Sichtweise. Dabei gelingt es Körtner komplexe theologische Systeme in einem leicht verständlichen und erzählhaften Sprachstil zu beschreiben, wobei er mit seiner Meinung zu dem jeweiligen Theorem nicht hinterm Berg hält, sondern in erfrischender Art und Weise die eigene Meinung einzuflechten weiß.

Körtners Dogmatik wird so dem Anspruch gerecht, ein einführendes Werk zu sein und ist doch gleichzeitig erheblich mehr. Es ist ein dogmatischer Entwurf, der m.E. auf derzeitige Herausforderungen einer zunehmend entkirchlichten und damit der christlichen dogmatischen Symbolsprache verlustig gehenden Generation zu begegnen versucht. Körtner macht in der gegenwärtigen Ausgangslage für den christlichen Glauben damit ernst, dass evangelische Dogmatik nicht im luftleeren Raum schwebt und möglichst um objektive Neutralität bemüht zu sein hat, sondern engagiert und selbstbewusst in eine plurale Gegenwart verschiedenster Konfessionen, Religionen und atheistischen Weltanschauungen eingebettet ist, mit denen es sich angemessen auseinanderzusetzen gilt und daneben der Welt und ihrer Wirklichkeit ein tröstliches und hoffnungsvolles Zukunftsbild ihrer selbst zu malen. Die Aufgabe evangelischer Dogmatik – das wird in der Lektüre dieser Dogmatik sehr deutlich – ist nie nur das fromme rezitieren traditionsreicher und epigonenhafter Glaubenssätze, sondern die individuelle und existentielle Aneignung christlicher Überzeugungen für die eigene Wirklichkeitsdeutung und damit Lebensgestaltung.

Körtner bewältigt den einer Dogmatik wohl grundsätzlichen innewohnenden Spagat zwischen objektiv darstellendem Stil und dabei als eigenständiger und aussagekräftiger Theologe erkennbar zu bleiben mit Bravour. Körtners Werk überzeugt auf ganzer Linie und beweist, dass Dogmatik nicht als ein abstrakter metaphysischer Überbau des Religiösen zu verstehen ist, sondern als deren Versuch, auf die existentielle Frage eine konkrete Antwort zu geben: „Was ist Dein Trost im Leben und im Sterben?“. Dogmatik macht daher sprachfähig in der christlichen Deutung der Wirklichkeit – Nicht mehr und nicht weniger ist der Anspruch dieser Dogmatik, die allen dogmatisch interessierten Theolog*innen und Pfarrer*innen zum Lesen und Stöbern ans Herz gelegt sei.

 

Pfarrer Martin Böger ist Repetent am Evangelischen Stift in Tübingen