Wie wir die Digitalisierung angehen!

Genau nach dem Plan, den ich dir von der Wohnung

und ihrem ganzen Gerät zeige, sollt ihr’s machen.“

(Ex 25,9)

Ein Beitrag zu #DigitaleKirche von Tobias Graßmann (@luthvind).

Letzte Woche hat Hannes Leitlein einen viel beachteten Text geschrieben, in dem er die evangelischen Kirchen an ihre reformatorischen Wurzeln erinnert. Ausgehend davon wirft er den Kirchen mangelnde Offenheit für die Chancen von Digitalisierung und sozialen Medien vor. Niklas Schleicher hat an diesem Ort bereits einige theologische Anfragen an diesen Text geäußert. Dieser Weg soll hier nicht weiter beschritten werden.

Ich bin der Meinung: Das Problem ist jetzt doch auf dem Tisch. Wir haben genug Appelle gehört. Die Ermunterungen, neben der Realität doch auch die digitale Welt und ihre mysteriösen Bewohner der kirchlichen Verkündigungstätigkeit zu unterwerfen. Die kritischen Einwände, bitte endlich die leidige Unterscheidung von „realer“ und „digitaler“ Welt aufzugeben – und, ach, letztere bitte nicht nur als Missionsgebiet zu beackern, sondern als Raum für echte Begegnungen wahr- und ernstzunehmen. Der Weg von der Absichtserklärung hin zu konkreten Maßnahmen wurde, während ich noch an diesem Text sitze, schon von den Jugenddelegierten der EKD beschritten.

Um das Ganze noch ein Stück weiter zu treiben, nun ein kleines Gedankenexperiment:

Nehmen wir einmal an, bei mir klingelt das Telefon. „Herr Graßmann? Hier spricht Frau Sowienoch aus dem Landeskirchenamt. Der Landesbischof möchte mit Ihnen sprechen. Er hat da letztens diesen Text von einem Zeit-Journalisten gelesen und war tief erschüttert. Er meint, die Evangelisch-Lutherische Landeskirche in Bayern muss das mit der Digitalisierung jetzt echt einmal konsequent angehen! Wir brauchen wen, der für den Landeskirchenrat eine passende Strategie für digitale Entwicklung ausarbeitet. Und da sind wir beim googeln halt irgendwie auf Sie gekommen… (Gedankenexperiment!)“ Und, wie ich halt so bin, sage ich: „Natürlich, ich könnte gleich morgen in der Katharina-von-Bora-Straße vorbeikommen. Ich hab da zufällig schon was auf der Festplatte.“

Wie sähe der Plan aus, mit dem ich in den ICE steige?

1. Einrichtung einer „Abteilung G: Internet“ im Landeskirchenamt

Als erstes richten wir eine neue Abteilung im Landeskirchenamt ein! (Natürlich ohne Oberkirchenrat an der Spitze, um das Gleichgewicht von Kirchenkreisen und Abteilungen innerhalb des Landeskirchenrats nicht zu gefährden…)

Diese Abteilung G: Internet hat den Auftrag, die Präsenz der Landeskirche im Internet neu zu konzipieren und konsequent weiterzuentwickeln, zu administrieren, zu moderieren und mit theologisch gehaltvollem Content zu füllen. Konkret wäre zunächst an informative und katechetische Angebote zu denken, eine Berichterstattung über Kirchen- und Religionspolitik, regelmäßige Updates für die Kirchenleitung bezüglich relevanter Diskurse in den sozialen Medien sowie eine niederschwellige Ansprechbarkeit durch gut gepflegte Accounts. Die Liste lässt sich natürlich erweitern. Was definitiv nicht zu den Aufgaben dieser Abteilung gehören wird, sind Fortbildungen und die Betreuung der Gemeinden in technischen Fragen – dafür sind eigene Stellen zu schaffen oder externe Spezialisten hinzuzuziehen.

Dazu erhält die Abteilung eine passende Personalausstattung, ich denke an zunächst einmal elf volle Stellen. Fünf davon sollten mit theologisch oder religionspädagogisch ausgebildeten Amtsträgern besetzt sein, fünf mit Informatikern1, Webdesignern oder Spezialisten aus anderen einschlägigen Berufen. Die letzte Stelle wird besetzt von einem Juristen mit besonderer Qualifikation in Urheberrechts- und Datenschutzfragen. Zwei dieser Stellen könnten auch erst einmal Praktikumsplätze sein. Die Stellen sind (wie bei Entsendungen in Partnerkirchen) auf maximal sechs Jahre, besser drei Jahre mit Möglichkeit einer Verlängerung um drei Jahre beschränkt. Gerade in diesem Feld wäre es fatal, wenn eine in der Kirche oft beobachtete Entwicklung einsetzt: Leute richten sich auf ihren Stellen ein und verweigern die nötigen Lernprozesse, um mit den Entwicklungen des Feldes Schritt zu halten.

An die Spitze der Abteilung stellen wir gleichberechtigt einen der Theologen, einen der Informatiker sowie den Juristen. Was die Entscheidungsfindung betrifft, schwanke ich, ob Grundsatzentscheidungen im Konsens gefasst werden müssen oder man lediglich ein Vetorecht bei schweren Bedenken einräumen sollte. Das können wir ja noch diskutieren!

Die nötigen Stellen könnten an anderer Stelle der Landeskirche problemlos eingespart werden. Ich hätte da unmittelbar einige Vorschläge – die ich an dieser Stelle freilich (noch) nicht äußere, damit die Debatte nicht in die falsche Richtung abdriftet. Die Personalkosten wären also neutral. Ich bin kein Spezialist, aber meine: Für die technische Ausstattung sollte zunächst der Preis einer mittelgroßen Orgel ausreichen. Räume stellt das Landeskirchenamt in München zur Verfügung. Man könnte diese Abteilung – das ist ja das Tolle an der Digitalisierung – zwar problemlos auch in Rummelsberg oder Neuendettelsau oder sonst wo ansiedeln. Aber eigentlich mag ich den Gedanken, dass die Informatiker und Webdesignerinnen durch das Landeskirchenamt schlurfen und über Techie-Kram reden…

2. Verpflichtende Fortbildung für alle Pfarrerinnen und Pfarrer

Für die zukünftigen Pfarrergenerationen wird das Thema Internet und Digitalisierung fest in die Ausbildung im Predigerseminar integriert, wobei das Thema eher kontinuierlich mitlaufen sollte, als in einer eigenen Kurswoche behandelt zu werden.

Zusätzlich werden alle derzeitigen Amtsträger der ELKB für eine fünftägige verpflichtende Fortbildung einberufen. Das bisherige Format der Aufklärung hat sich nämlich nicht bewährt: Man lädt sich als Gemeinde oder Pfarrkapitel aus aktuellem Anlass einen mit der Internetarbeit betrauten Spezialisten ein. Der hält einem dann in eineinhalb Stunden einen launigen Vortrag, argumentiert nach Kräften gegen die sogleich geäußerten Bedenken an, preist die Vorzüge des Internets, all das angereichert mit vielen Screenshots, Cliparts und anglophonen Nerdjokes. Der bleibende Eindruck bei großen Teilen der Pfarrerschaft: „Krass, dieses Internet! Da lass ich besser die Finger von!“ Aufklärung braucht Zeit und das Internet will erkundet werden.

(Trotzdem gilt natürlich: Daumen hoch für Christoph Breit und all die anderen Männer und Frauen auf dem verlorenen Posten!)

Am ersten Tag steht aber erst einmal Entmythologisierung an: Es ist mitnichten so, dass mit Einrichtung eines Twitteraccounts die NSA automatisch Zugriff auf meine Mikrowelle erhält. Es ist kaum zu befürchten, dass einem auf Facebook unvermittelt Drogen, Kindersklaven und Kriegswaffen angeboten werden. All der Seemannsgarn von Datenkraken und Darknet eben, der besonders von Leuten gesponnen wird, die es für unsittlich halten, ein anderes Betriebssystem als Windows XP zu nutzen. Wir sind im Internet nicht irgendwelchen finsteren Algorithmen ausgeliefert, sondern primär als kritische Individuen gefragt.

Der Tag zwei dreht sich dann um Netiquette. Eigentlich sollte es reichen, folgende Faustregel einzubläuen: Im Internet sind neben mehr oder weniger witzigen Spambots vor allem Menschen unterwegs. Deshalb ist im Internet all das nicht ok, was auch ansonsten im Umgang mit Menschen tabu ist. Hetzen, Stalken, Mobben, krumme Geschäfte oder das Herumzeigen von Penisbildern würde man im Umgang miteinander gewöhnlich nicht dulden. Also auch im Internet: Lasst es bleiben! Nicht, dass ich diesbezüglich in der Pfarrerschaft ein großes Problem vermute, aber sicher ist sicher. Mit dieser Faustregel kann man Pfarrerinnen und Pfarrer getrost auf die Netzwelt loslassen. Und ja, das Mäßigungsgebot bezüglich politischer Äußerungen gilt auch im Internet.

Der Tag drei dient dazu, grundlegende Internetanwendungen (Internettelefonie, Kalender), nützliche Apps (nicht nur die Bahn-App), die wichtigsten sozialen Netzwerke (Facebook, Twitter) und nicht zuletzt kirchliche Angebote im Netz vorzustellen und gemeinsam zu erkunden.

Am vierten Tag bekommt jede und jeder die Aufgabe, zumindest ein Projekt im Zusammenhang mit der Digitalisierung zu planen, umzusetzen und einen Monat weiterzubetreiben. Man könnte eine Page zusammenbasteln, einen Blog einrichten, Predigten streamen, Links zu einem Thema zusammentreiben, eine Gruppe in einem sozialen Netzwerk gründen usw. Danach gibt man sich wechselseitig Feedback, wertschätzend und bestärkend natürlich! Wir wollen ja keine Trolle ausbilden.

Am letzten Tag, wenn ein Großteil der unfreiwilligen Teilnehmer dann wider Willen ein bisschen Blut geleckt hat, kann man noch einmal ein paar rechtliche Details zu Datenschutz und Urheberrecht erläutern. Dann geht es wieder zurück in die Gemeinden. Der Erfolg wird nicht ausbleiben!

3. Änderung im Pfarrerdienstrecht: Internetpräsenzpflicht

In einem dritten Schritt fügen wir an geeigneter Stelle die folgenden Paragraphen ins Pfarrerdienstrecht ein:

(1) Pfarrerinnen und Pfarrer sind grundsätzlich verpflichtet, eine Präsenz in den sozialen Medien zu unterhalten und diese angemessen zu pflegen.

(2) Sie sind gehalten, in den sozialen Medien als Amtsträger erkennbar und für Fragen des christlichen Glaubens ansprechbar zu sein.

Dabei geht es natürlich nicht darum, diese „Pflicht“ zu kontrollieren und streng durchzusetzen. Der Kenner sieht auch gleich die faktische Einschränkung zu einer Soll-Bestimmung.

Das Ziel ist vielmehr, die Begründungslast umzukehren: Ich muss als guter Pfarrer vor niemandem rechtfertigen, dass ich mir einen Account in einem sozialen Netzwerk einrichte. Vielmehr muss ich vor meiner Gemeinde und meinen Vorgesetzten begründen, wenn ich mich prinzipiell aus dem Internet fern halte.

In der Logik des Pfarrerdienstrechts ist dies einfach die konsequente Fortführung der Residenzpflicht. Denn – unabhängig von der leidigen Pfarrhausthematik – hinter dieser verbirgt sich ja nicht einfach der Wille zur Schikane, sondern die tiefere Absicht, den Pfarrer zum lebensweltlichen Miteinander mit seinen Gemeindegliedern zu zwingen. Diese Pflicht muss heute selbstverständlich auch auf das Internet ausgedehnt werden, da dieses schließlich ebenso selbstverständlich zum Leben vieler Menschen gehört wie der Gang zum Friseur oder zum Bäcker an der Ecke.

Zu erwarten ist natürlich, dass sich die Pfarrerschaft über die zusätzliche Pflicht beklagt. Aber mal unter uns: Dann sollen die Kollegen sich halt an anderer Stelle eine Entlastung gönnen, eine ihrer angestammten Aufgaben abgeben oder zumindest herunterfahren! Welche das sein könnte, sollten sie selbst am Besten entscheiden können. Schließlich sind wir alle erwachsene, selbstverantwortliche Menschen …

Ein Wort noch zu der Ausgestaltung dieser Dienstpflicht: Die Landeskirche muss unbedingt Abstand von der aktuell empfohlenen Praxis der Dienstprofile nehmen. Das Resultat solcher „Vikarin Soundso“ und „Pfarrer Sowienoch“-Accounts ist, dass die sozialen Medien mit unspannenden Zombies bevölkert werden, denen selbst Kirchenvorstände nur widerwillig folgen. Wieso auch, wenn nur der Inhalt des (analogen) Gemeindebriefs und hin und wieder ein Blumenfoto aus dem Pfarrgarten gepostet wird? Was die Menschen interessiert, sind Personen mit Klarnamen und aus Fleisch und Blut, die auf ihren Glauben und ihre Kirchenzugehörigkeit ansprechbar sind, aber sich auch mal in anderen Debatten und banalen Alltagsfragen äußern, vielleicht sogar mit ihrer Meinung angreifbar machen.

Das soll natürlich nicht heißen, dass ein Zweitaccount nicht in manchen Fällen legitim wäre. Wer als Pfarrer weiterhin freizügige Fotos posten oder irgendwelchen bizarren Hobbies nachgehen will, ist mit einem Pseudonym gut bedient. Nur sollte eben der Pfarrdienst integriert in das allgemeine Leben sein, nicht das bizarre Hobby unter Gleichgesinnten, für das man sich einen Spezialaccount gönnt. Verstehen Sie meinen Punkt?

4. Langzeitziele

Tobias Jammerthal hat mich zu Recht darauf hingewiesen, dass die hier vorgeschlagenen Maßnahmen konsequenterweise in einem nächsten Schritt auch auf andere kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausgedehnt werden sollten. Dem stimme ich zu. Diese Vorschläge sind daher auch nur als erste Schritte hin zu einer umfassenden Vision von Kirche im Netz zu betrachten.

Wie sieht diese Vision aus? Es ist die einer Kirche, die sich im Internet ansprechend, professionell und ihrer Botschaft gemäß präsentiert. Eine Kirche, die einerseits als Institution über vielfältige qualitativ hochwertige Angebote verfügt, die aber andererseits von vielen Einzelpersonen – Hauptamtlichen, Ehrenamtlichen, Sympathisanten – getragen wird, die ihre jeweiligen Gaben einbringen und so ihren Glauben an Jesus Christus im Netz bezeugen.

Beides ist vielfältig vernetzt: So teilen Interessierte vielleicht eine kirchenoffizielle Bekanntmachung, welche dann in Onlinemedien und Blogartikeln kommentiert wird. Daraufhin entspinnt sich eine Diskussion, die neue Perspektiven, theologische Argumente sowie konkrete Verbesserungsvorschläge zu Tage fördert. Die Ergebnisse dieser Diskussion finden dann über die Internetabteilungen der Landeskirchen ihren Weg zurück in die kirchlichen Leitungsgremien.

Wer weiß, vielleicht wirkt sich dieses Feedback dann sogar auf die Entscheidungen der Kirchenleitung aus? Vielleicht erspart die Digitalisierung ja einmal Denkanstößen den Weg durch die Telefone und Vorzimmer, macht so manche ICE-Fahrt durch die halbe Republik unnötig?

Klingt, bei Lichte besehen, gar nicht so visionär…

Also los, an die Umsetzung! Wir schaffen das!


1 Da es sich hier um eine Skizze handelt und es bei den vielen Berufsbezeichnungen wirklich mühsam zu lesen wäre, verzichte ich auf geschlechtergerechte Sprache. Das bedeutet nicht, dass bei der Besetzung nicht unbedingt auf ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis zu achten wäre!

Wandern ohne Stecken und Stab?

Notwendige Anmerkungen zu „Und wie wir wandern im finstern Digital“

von Niklas Schleicher

Ich sitze gerade vor meinem Laptop, und tippe diesen Text. Auf dem zweiten Bildschirm läuft nebenher eine gestreamte Serie. Ich schreibe hier eine Antwort auf einen Text von Hannes Leitlein, der online bei zeit.de (http://www.zeit.de/2017/13/digitalisierung-medien-martin-luther-kirchen-reformation-netz) erschienen ist. Erfahren habe ich von diesem Text per Twitter und mich dann kurz per Telegram mit einem Freund ausgetauscht, ob wir auf nthk.de darauf reagieren sollen. Also auf dem Blog, den ich mitbetreibe. Lange Rede, kurzer Sinn: Auch ich bin mir dem bewusst, dass die digitale Welt bestimmend für unsere Diskurse ist, dass das Internet ein Raum für Kommunikation mit bisher ungekannten Möglichkeiten ist.

Von daher müsste ich Leitlein für diesen Text, der sich wie ein flammendes Plädoyer liest, dass die EKD sich endlich positiv mit der Digitalisierung auseinandersetzt, danken. Ja, möchte man sagen, ja, recht hat er. Der Kommentar von Margot Käßmann bezüglich Facebook und Seelsorge ist wirklich ziemlich peinlich. Und Äußerungen von technologiekritischen Theologen wie z.B. Werner Thiede sind oft auch nicht auf der Höhe der Zeit. Und er trifft auch weitere Punkte, die durchaus richtig sind, die für eine Kirche, die auch in der Gegenwart relevant bleiben will, zu bedenken sind.

Aber, um es etwas pathetisch mit Karl Barth zu formulieren: Nein! So kann das mit der Digitalisierung in der Gesellschaft, aber dann eben auch in Theologie und Kirche nun auch wieder nicht sein.

Der Gedankengang Leitleins ist, soweit ich das richtig interpretiere, folgender: Die digitale Revolution ist analog zu sehen zum Buchdruck und stellt einen tiefgreifenden Wandel unseres Kommunikationsverhaltens dar. Luther hat damals den Buchdruck für seine Reformation nutzen können und wurde erst durch diesen bekannt. Die evangelische Kirche, die sich in seiner Nachfolge sieht, sollte deshalb auch die Digitalisierung würdigen und mit ihr gehen, zumal die Kommunikation im Internet eine Form darstellt, die Ureigenes des Protestantismus zur Geltung bringt. Sie ist nämlich eine Form von Kommunikation, die das Dialogische, das Gespräch miteinander in den Fokus stellt. So entspricht sie dem Priestertum aller1. Von daher lösen sich im Digitalen dann auch Dinge wie geistiges Eigentum und so weiter auf und „Vielfalt, Beziehungen, Netzwerke, Interaktionen und Solidaritäten“ stehen im Vordergrund2. Kritisiert wird dann auch die Art der Internetkommunikation, wie sie z.B. der Ratsvorsitzende Bedford-Strohm betreibt, da diese noch ganz im Analogen verhaftet bleibt, in dem Sinne, dass Bedford-Strohm zwar viel auf Facebook postet, aber auf Kommentare nicht antwortet3. Die digitale Welt jedenfalls ist etwas, das theologisch gedeutet werden will, über das und mit dem die Kirche gesprächsfähig werden muss. Es gibt freilich schwierige Seiten, z.B. Datenschutz und Barrieren des Zugangs4, aber im Großen und Ganzen eröffnet das Internet eine große Chance für den Menschen. Diese besteht nicht zuletzt darin, die institutionellen Schranken der verfassten Kirche durch eine fluide christliche Community zu ersetzen.

Soweit in aller Kürze das Narrativ, dass ich aus verschiedenen Gründen nicht teile. Ich will nur drei Punkte nennen, an denen zumindest weiterzudenken wäre.

Zum ersten muss man sich nochmal die Interpretation des Priestertums aller Gläubigen näher anschauen, das hier (nicht ganz zu Unrecht) als Kernstück der Reformation bezeichnet wird und das sich anscheinend in der digitalen Welt erst vollends verwirklichen soll. Nun meint das Priestertum aller Gläubigen zunächst folgendes: Es gibt für die Würdigkeit des Christen in Bezug auf sein Gottesverhältnis keinen Unterschied zwischen Priestern, Bischöfen und Mönchen und den Laien. Jeder getaufte Christ hat direkten Zugang zu Gott, kann sich Gott im Gebet nähern und braucht keine Vermittlung durch Geweihte, Priester oder Heilige5. Aber: Für die öffentliche Verkündigung des Evangeliums, also dafür, dass Leute auch die Christusbotschaft hören können, die bei Menschen den Glauben wecken kann, bestimmt die Kirche Ämter. Diese Ämter beinhalten keinen Unterschied in der Würdigkeit, sondern beschreiben Funktionen. Die Amtsträger verkünden das Evangelium öffentlich. Dies sieht Luther übrigens schon recht früh, als Lektüre sei hier z.B. die Adelschrift empfohlen. Aus dem Priestertum aller Gläubigen zu schließen, dass im Internet jeder Christ gleichermaßen zur öffentlichen Verkündigung berufen ist, wäre genauso falsch, wie zu folgern, dass es im Priestertum aller Gläubigen um die Beziehung der Menschen zueinander geht. Dass Leitlein in dieser ganzen Passage zur Reformation ohne irgendeine Idee zum Gottesbezug auskommt, ist wenigstens als sportlich zu bezeichnen.

Zum zweiten wird hier etwas übersehen, dass meine Generation immer wieder gerne übersieht. Das Leben im Digitalen ist für viele selbstverständlich geworden, macht aber auch einigen Menschen Angst und überfordert andere. Die Kirche besteht eben nicht nur aus den jungen 15-40 jährigen, die fordern, dass endlich wieder alles neu werden soll. Einen großen Teil der wirklich Treuen machen eben diejenigen aus, für die das Abrufen einer Mail oder ein Skypekontakt mit dem Enkel schon das Höchste der Gefühle ist. Es ist irritierend, dass diese Menschen in Leitleins Vision von Kirche gar keine Rolle mehr spielen und offensichtlich längst abgeschrieben sind. Hinzu kommt: Nicht nur Menschen dieser Generation bevorzugen eben im Sonntagsgottesdienst eine Predigt, die von der Kanzel vorgetragen wird, und kein digitales Happening in der Twitter-Sphäre. Die digitale Avantgarde überschätzt notorisch ihr eigenes zahlenmäßiges Gewicht, Stichwort: Filterbubble. Gerade die Gottesdienste an Lebensübergängen werden noch immer gerne in Anspruch genommen. Hier ist nun aber die Ritualkompetenz und Verkündigungserfahrung von Spezialisten gefragt. Denn bei aller Liebe: Meine Hochzeit hätte ich nicht gerne im freien Gespräch mit der Gemeinde im Internet gestaltet. Da gehört die gelehrte und emphatische Auslegung des Trauspruches genauso dazu wie der Segen und der Ringetausch vor der im Analogen versammelten Gemeinde. Noch deutlicher wird das Ganze bei Beerdigungen. Bei aller Möglichkeit von Online-Kondolenz-Büchern ist doch hier das analoge Ritual m.M.n. kaum zu ersetzen6.

Und drittens: Wenn wir die digitale Welt theologisch deuten wollen, dann bitte ordentlich. Dann muss man notwendigerweise die Unterscheidung zwischen Schöpfung und Fall machen und darauf hinweisen, dass auch die Person, die digital unterwegs ist, immer simul iustus et peccator bleibt. Die digitale Welt bleibt genauso wie die analoge zwiespältig, es wird dort gute Dinge geben, aber es gibt dort auch schlechte. Mit Bonhoeffer gesprochen: Auch die neue, digitale Welt bleibt im Vorletzten, die digitale Welt der neuen Kirche bleibt immer noch die sichtbare Kirche und wird nicht plötzlich als Ganzes zu derjenigen, die die Dogmatik als unsichtbare Kirche, mithin als Reich Gottes bezeichnet. Es wird also auch in der digitalen Kirche Strukturen geben müssen, die ein gewisses Maß an Ordnung und Verlässlichkeit sichern. Man muss das dann nicht Hierarchie oder Lehramt nennen. Aber es wäre naiv zu glauben, dass in der digitalen Welt nicht viele Probleme analoger Kirche wiederkehren, meinetwegen in gewandelter Form.

Nochmal zurück zu Luther: Freilich nutzte er die neuen Medien, den Buchdruck für die Verbreitung seiner Reformation. Aber er hatte auch andere Äußerlichkeiten auf seiner Seite: Die politischen Verhältnisse im Reich und gewisse aufstrebende Schichten. Und trotz dieser Äußerlichkeiten brauchte es eben dennoch so jemanden wie Luther (oder Zwingli oder Bucer) der die treibenden Ideen hatte. Auch im Internet entstehen Ideen nicht qua Offenbarung ins Nichts. Und welche Kirche genau „Luther verdient“ hat, entscheidet zum Glück kein Redakteur der Zeit.

Die Digitalisierung ist von Seiten der Kirche als Faktum anzunehmen, kreativ mitzugestalten und keinesfalls kulturpessimistisch zu verteufeln. Aber ob wir die Digitalisierung für die Möglichkeit feiern wollen, die verfasste Kirche mit ihren spezialisierten Ämtern abzuräumen und durch eine Cloud fluider Cybersekten zu ersetzen?

Mit Luthers Bibelübersetzung gesprochen: Das sei ferne!

1Das bei Leitlein nicht vom Priestertum aller Gläubigen bzw. aller Getaufen die Rede ist, könnte ein Flüchtigkeitsfehler sein. Bestimmt meint er „aller Gläubigen“. Oder?

2Hier bin ich persönlich recht angefressen. Freilich kann jemand die Abschaffung geistigen Eigentums als Gewinn bezeichnen, der Geld für seinen Journalismus bekommt. Wissenschaftliche Theologen, die sich mit ihren Veröffentlichungen und entsprechend auch mit ihrer geistigen Arbeit später eventuell auf Stellen bewerben also solche Leute wie ich, sollte ich einmal nicht den Weg ins Pfarramt einschlagen , sind schon ein bisschen drauf angewiesen, dass mit den von ihnen produzierten Texten nicht einfach als beliebiges Allgemeingut umgegangen wird. Oder aber: Wenn wir schon den Kommunismus fordern, dann bitte richtig!

3Nun muss man allerdings auch zugestehen: Wer sich mal die Kommentare unter manchen Posts von Bedford-Strohm angeschaut hat, kommt vielleicht zu dem Ergebnis dass darauf sachlich zu antworten mehr gute Nerven erfordert, als ein Mensch haben kann.

4Das Barrieren übrigens nicht nur Sehbehinderungen betrifft, sondern auch die Tatsache, dass viele Leute sich Internet bzw. die notwendigen Endgeräte immer noch nicht leisten können, nun, dass kann man schon mal übersehen.

5Kann aber, um diese einfache Gegenüberstellung etwas einzuordnen, auch nicht mehr auf die Fürsprache von Heiligen vor Gott bauen. Jede Person ist vor Gott unvertretbar.

6Mich hat bis jetzt noch kein online-basiertes Ritual oder noch keine Form des Online-GDs auch nur halbwegs überzeugt. Mit Blick auf die absoluten Zahlen dürfte sich die Gruppe derer, die solche Angebote regelmäßig in Anspruch nehmen, als recht begrenzt herausstellen. Und es ist kaum zu erwarten, dass sich das in näherer Zukunft kategorial ändert.

Grundrechte und Digitalisierung – Kritische Anmerkungen zur „Charta der Digitalen Grundrechte der Europäischen Union“

von Niklas Schleicher

Ich bin ja nun kein ausgemachter Experte für die digitale Welt und die dazugehörenden ethischen und juristischen Debatten. Das sind aber bei weitem auch nicht alle „Bürger [und Bürgerinnen]“[1], die für die sogenannte „Charta der Digitalen Grundrechte“[2] verantwortlich zeichnen. Freilich: Mit Sascha Lobo und v.a. Frank Rieger gibt es gewichtige Ausnahmen, aber weder Martin Schulz noch Nikolaus Schneider, um nur zwei Beispiele zu nennen, sind auf diesem Gebiet schon mit wichtigen Schriften oder Statements hervorgetreten.

Und da diese Charta diskutiert werden soll und diskutiert werden kann, versuche ich im Folgenden einige Punkte aufzuzeigen, die für meine Vermutung sprechen, dass diese Charta relativ wenig taugt. Vielleicht muss man auch grundsätzlich die Frage stellen, zu welchem Zweck solch ein Text eigentlich verfasst wird. Mir sind die Notwendigkeit und der Zweck, einen Rechtstext zu verfassen nämlich intuitiv gar nicht so klar, wie es die Verfasser im Vorwort suggerieren.

Die Charta hat den Anspruch, digitale Grundrechte für den Raum der EU zu formulieren. Auch wenn der Text freilich zunächst als Diskussionsgrundlage gedacht ist, ist die Formulierung schon ausgesprochen „fertig“ und steigt damit ein, dass die Union die Grundsätze anerkenne. In 23 Artikeln werden dann Grundrechte formuliert, bzw. bereits geltende Grundrechtsartikel an die neue Situation angepasst,[3] beginnend mit Ausführungen über „Würde“, „Freiheit“ und „Gleichheit“, um von dort aus in Einzelfragen zu gehen. Auch wenn man die Idee gut findet, oder wenigstens, wie ich, der Überzeugung ist, dass Digitalisierung zum ethischen, juristischen oder politischen Diskurs herausfordert: Diese Charta jedenfalls kann allemal ein Anstoß sein und sollte in dieser Form keine Verbindlichkeit erlangen.

Denn: ihre Intention ist fortschrittsfeindlich, ihre Ausführungen schon jetzt veraltet, ihre Stoßrichtung individualistisch, elitär und –im schlechten Sinne – staatstragend, ihre Begrifflichkeiten verwirrend und undeutlich.

Man kann mir z.B. nicht vorwerfen, keine tiefen Sympathien für die Stellung und den Wert des Individuums zu haben[4]. Es ist so auch wichtig, dass die Charta den einzelnen Bürger im digitalen Raum würdigt. Leider vergisst die Charta, dass es, und gerade das zeigt uns doch der digitale Raum deutlich, eben nicht immer die Trias „Einzelner“ – „Unternehmen“ – „Staat“ ist, die Wirkung entfaltet (diese Trias ist übrigens im gesamten Text leitend, von daher sei sie bereits hier genannt). Vielmehr sind es doch gerade auch Kooperationen, also mit irgendeiner Zielvorstellung ausgestatteten Zusammenschlüsse Mehrerer, die in der digitalen Sphäre wirken, und zwar im Guten wie auch im Schlechten. Als Beispiel: Es ist eben nicht der einzelne Twitter-User, der im sogenannten „arabischen Frühling“ relevant war, sondern die teilweise auch im Anonymen bleibende Gruppe von Usern. Das Gleiche lässt sich auch für „Anonymus“ konstatieren. Die Vorstellung, dass eine einzelne, nicht-anonyme Person als Angesprochener dienen kann, verfehlt im Digitalen ihren Sinn. Hier müsste es einen Weg geben, Gruppen noch stärker als Rechtsubjekte zu würdigen. Dass dies schwierig ist, sei unumwunden zugegeben.  Dies verweist aber nur auf ein grundlegenderes Problem.

Dieser Einzelne wiederum ist sehr privilegiert gedacht. Interessant ist ja, dass Gerechtigkeit keine (oder nur eine geringe) Rolle spielt. Es wird zwar eingeräumt, dass Jeder Zugang zur digitalen Welt haben soll (Art 3) und dass Bildung in der digitalen Welt wichtig ist (Art 20), aber dass sich vielleicht mit der Digitalisierung grundsätzlicher Gerechtigkeitsfragen, v.a. bezüglich der Teilhabegerechtigkeit, angeschnitten werden, wird kaum gesehen. Anders formuliert: Der Status quo wird einfach auf die digitale Welt übertragen.

Dies sieht man auch daran, dass in der Trias Staat – Unternehmen – Einzelner dem Staat das Meiste zugemutet werden soll. Der Staat sorgt für den Schutz der Daten des Einzelnen bei Unternehmen, der Staat ist die Garantieinstanz gegen Andere. Ohne falsche historische Vergleiche zu ziehen, bin ich sehr unsicher, ob gerade Staaten immer besonders kompetent oder auch vertrauenswürdig – gerade für Aufgaben des Datenschutzes – zu sein scheinen.

Einige Einzelthemen, die in höchstem Maße fragwürdig erscheinen, sollen noch benannt werden:

Eine gewisse antiliberale Stoßrichtung des Dokuments lässt sich daran ablesen, dass Mobbing direkt unter dem Artikel der Meinungsfreiheit behandelt wird, und zwar in einer höchst interessanten Dialektik (Art.5):

  • Jeder hat das Recht, in der digitalen Welt seine Meinung frei zu äußern. Eine Zensur findet nicht statt.

  • Digitale Hetze, Mobbing sowie Aktivitäten, die geeignet sind, den Ruf oder die Unversehrtheit einer Person ernsthaft zu gefährden, sind zu verhindern.

Fraglich ist hierbei mindestens Zweierlei: Hat der Begriff des Mobbings in einem Grundrechtekatalog überhaupt etwas zu suchen, oder ist seine Intention nicht vielmehr schon unter dem Artikel von der Menschenwürde abgedeckt? Und: Wer bestimmt die Kriterien für Mobbing und wer wendet sie an? Man kommt nicht umhin, an die ganzen Initiativen zu „hate-speech“ zu denken, die eines gemeinsam haben: Sie schießen mit ziemlicher Sicherheit immer meilenweit über ihr Ziel hinaus. Mobbing und digitale Hetze ist, bei allem Verständnis für das dahinterliegende Anliegen, in der letzten Zeit doch meist so definiert worden, dass alles darunterfällt, was dem Konsens des Sagbaren einer gebildeten Mehrheit widerspricht. Da ist meist viel Richtiges dabei. Aber oft sind es ja auch durchaus Stimmen, die wenigstens den Anspruch erheben können, gehört zu werden[5]. Ich will keinen Staat, der über ein justiziables Maß hinaus bestimmt, was Mobbing oder Hatespeech ist. Konträre und auch schmerzhafte Meinungen muss ein liberaler Staat oder eine liberale EU aushalten können. Alles andere ist Zensur.

Ein anderes Zitat (Art. 8):

 Ethisch-normative Entscheidungen können nur von Menschen getroffen werden.

Das ist in dieser Form sowohl einfach unzutreffend als auch wenig weitsichtig. Erstens: Es ist unzutreffend, weil die meisten Großtheorien der normativen Ethik, nämlich v.a. der Utilitarismus mit all seinen Spielarten und die deontologische Ethik in der Nachfolge Kants mit all ihren analytischen Nachfolgerinnen davon leben, dass sie so formalisierbar sind, dass sie dem Intellekt einleuchtend erscheinen. Anders formuliert: Eine künstliche Intelligenz kann, sollte sie diesen Maßstäben folgen, natürlich ethisch-normative Entscheidungen treffen, die Frage ist nur, welchen Routinen sie zu folgen hat. Die damit verbundene Frage nach der Programmierung solcher Routine ist eher im strafrechtlichen Sinne der Fahrlässigkeit und weniger im ethisch-normativen Sinne zu diskutieren. Und: Natürlich ist der wahrscheinlich gemeinten Intention des Artikels ein gewisses Recht einzuräumen. Diese würde ich nämlich eher so interpretieren, dass nur ein Mensch über die „Weisheit“ im tugendethischen Sinne verfügt, zu entscheiden, was in der angezeigten Situation das richtige Verhalten ist und sich das eben nicht formalisieren lässt. Damit allerdings ist zu einem ethisches Denken aufgerufen, das sich eben nicht als „normativ“ im klassischen Sinne kennzeichnen lässt[6]. Zweitens: In der Konsequenz kann dieser Punkt, bei allem oben angedeuteten Verständnis für die Intention, sogar wichtig werden. Denn es ist ja keineswegs ausgemacht, dass die Entscheidung eines Menschen auch eine moralisch zu rechtfertigende Entscheidung ist. Isaac Asimovs Robotergesetze[7] erscheinen, obwohl sie von einem Science-Fiction Autor stammen und weitaus älter als der gegenwärtige Diskurs sind, viel nützlicher. Hier gibt es nämlich durchaus ein Kriterium, der menschlichen Entscheidungen in der digitalen Welt eine Grenze aufzeigt. Dass so eine Grenze wichtig sein könnte, wird von den hier formulierten Grundrechten schlicht und ergreifend übersehen, bzw. (fast noch schlimmer) naiv an die Regierungen zurücküberwiesen.

Es wären noch weitere Punkte anzumerken, die in dieser Charta wenigstens schwierig sind. So beispielsweise, dass die Grundrechte gegenüber „Privaten“ gelten (Art.1), ein Gedanke, der m.W.n. eigentlich nur indirekt für Grundrechte gilt, zumal dann die Frage ist, welche Instanz Verletzungen verhandelt. Oder: Was soll bitte das sogenannte „Recht auf Nichtwissen“ (Art.2) in einem juristischen Sinne bedeuten?

Es bleibt zu fragen, welchen Zweck die Verfasser und Unterzeichner dieser Charta verfolgen. Ich bin durchaus der Überzeugung, dass die Digitalisierung uns zu einem neuen Nachdenken darüber herausfordern sollte, was die Grundlagen und Normen unseres Zusammenlebens sein sollen und sein können. Aber: Die Umwälzungen gehen viel weiter, als der vorliegende Text irgendwie abdecken kann. Bei aller Liebe für einen gewissen Pragmatismus ist das nötige Wissen – in technischer, aber v.a. auch in ethischer Natur – noch viel zu gering und der darauffolgende Diskurs über Digitalisierung noch weit nicht genug fortgeschritten, um über Grundrechte, vor allem in dieser Form, nachzudenken. Die Charta formuliert bekannte Texte einfach etwas um und ergänzt ein paar Begrifflichkeiten der digitalen Welt und aktuelle Phrasen. Ich sehe die Gefahr, dass sich die sich an dem Text anschließende Debatte vor allem um einzelne Wendungen und Artikel drehen wird und das maximale Ergebnis die Ergänzung einzelner Artikel sein wird[8]. Damit ist wichtige Frage allerdings weder diskutiert noch beantwortet: Ist die digitale Welt mit Mitteln und Normen der „analogen“ Welt überhaupt zu behandeln? Oder anders: Ist die digitale Lebenswelt die gleiche wie die analoge? Und wenn ja (oder nein), warum?

[1] https://digitalcharta.eu/intiatorinnen-und-initiatoren/.

[2] https://digitalcharta.eu/.

[3] Bereits hier ist zu fragen, ob Dinge wie Menschenwürde nicht ohnehin schon in der digitalen Welt gelten sollten und worin der Mehrwert dessen läge, dies noch mal explizit zu formulieren.

[4] Vgl. z.B. https://netzwerktheologie.wordpress.com/2015/09/09/kierkegaards-grabstein-oder-stirner-luther-und-vom-ich-und-wir/.

[5] Vgl. hierfür z.B. die immer wieder erhobenen Vorwürfe gegen die Kolumne Fischer im Recht auf zeit.de.

[6] Hierzu auch wieder: Vgl. Johannes Fischer. Z.B. Verstehen statt Begründen, Stuttgart 2012.

[7] „1. Ein Roboter darf kein menschliches Wesen (wissentlich[2]) verletzen oder durch Untätigkeit (wissentlich[2]) zulassen, dass einem menschlichen Wesen Schaden zugefügt wird.

  1. Ein Roboter muss den ihm von einem Menschen gegebenen Befehlen gehorchen – es sei denn, ein solcher Befehl würde mit Regel eins kollidieren.
  2. Ein Roboter muss seine Existenz beschützen, solange dieser Schutz nicht mit Regel eins oder zwei kollidiert.“ (nach https://de.wikipedia.org/wiki/Robotergesetze).

[8] Vielleicht wird der Text auch in der EU gar nicht groß wahrgenommen, das ändert allerdings nicht an der zu Grunde liegenden Fragestellung.