Wandern ohne Stecken und Stab?

Notwendige Anmerkungen zu „Und wie wir wandern im finstern Digital“

von Niklas Schleicher

Ich sitze gerade vor meinem Laptop, und tippe diesen Text. Auf dem zweiten Bildschirm läuft nebenher eine gestreamte Serie. Ich schreibe hier eine Antwort auf einen Text von Hannes Leitlein, der online bei zeit.de (http://www.zeit.de/2017/13/digitalisierung-medien-martin-luther-kirchen-reformation-netz) erschienen ist. Erfahren habe ich von diesem Text per Twitter und mich dann kurz per Telegram mit einem Freund ausgetauscht, ob wir auf nthk.de darauf reagieren sollen. Also auf dem Blog, den ich mitbetreibe. Lange Rede, kurzer Sinn: Auch ich bin mir dem bewusst, dass die digitale Welt bestimmend für unsere Diskurse ist, dass das Internet ein Raum für Kommunikation mit bisher ungekannten Möglichkeiten ist.

Von daher müsste ich Leitlein für diesen Text, der sich wie ein flammendes Plädoyer liest, dass die EKD sich endlich positiv mit der Digitalisierung auseinandersetzt, danken. Ja, möchte man sagen, ja, recht hat er. Der Kommentar von Margot Käßmann bezüglich Facebook und Seelsorge ist wirklich ziemlich peinlich. Und Äußerungen von technologiekritischen Theologen wie z.B. Werner Thiede sind oft auch nicht auf der Höhe der Zeit. Und er trifft auch weitere Punkte, die durchaus richtig sind, die für eine Kirche, die auch in der Gegenwart relevant bleiben will, zu bedenken sind.

Aber, um es etwas pathetisch mit Karl Barth zu formulieren: Nein! So kann das mit der Digitalisierung in der Gesellschaft, aber dann eben auch in Theologie und Kirche nun auch wieder nicht sein.

Der Gedankengang Leitleins ist, soweit ich das richtig interpretiere, folgender: Die digitale Revolution ist analog zu sehen zum Buchdruck und stellt einen tiefgreifenden Wandel unseres Kommunikationsverhaltens dar. Luther hat damals den Buchdruck für seine Reformation nutzen können und wurde erst durch diesen bekannt. Die evangelische Kirche, die sich in seiner Nachfolge sieht, sollte deshalb auch die Digitalisierung würdigen und mit ihr gehen, zumal die Kommunikation im Internet eine Form darstellt, die Ureigenes des Protestantismus zur Geltung bringt. Sie ist nämlich eine Form von Kommunikation, die das Dialogische, das Gespräch miteinander in den Fokus stellt. So entspricht sie dem Priestertum aller1. Von daher lösen sich im Digitalen dann auch Dinge wie geistiges Eigentum und so weiter auf und „Vielfalt, Beziehungen, Netzwerke, Interaktionen und Solidaritäten“ stehen im Vordergrund2. Kritisiert wird dann auch die Art der Internetkommunikation, wie sie z.B. der Ratsvorsitzende Bedford-Strohm betreibt, da diese noch ganz im Analogen verhaftet bleibt, in dem Sinne, dass Bedford-Strohm zwar viel auf Facebook postet, aber auf Kommentare nicht antwortet3. Die digitale Welt jedenfalls ist etwas, das theologisch gedeutet werden will, über das und mit dem die Kirche gesprächsfähig werden muss. Es gibt freilich schwierige Seiten, z.B. Datenschutz und Barrieren des Zugangs4, aber im Großen und Ganzen eröffnet das Internet eine große Chance für den Menschen. Diese besteht nicht zuletzt darin, die institutionellen Schranken der verfassten Kirche durch eine fluide christliche Community zu ersetzen.

Soweit in aller Kürze das Narrativ, dass ich aus verschiedenen Gründen nicht teile. Ich will nur drei Punkte nennen, an denen zumindest weiterzudenken wäre.

Zum ersten muss man sich nochmal die Interpretation des Priestertums aller Gläubigen näher anschauen, das hier (nicht ganz zu Unrecht) als Kernstück der Reformation bezeichnet wird und das sich anscheinend in der digitalen Welt erst vollends verwirklichen soll. Nun meint das Priestertum aller Gläubigen zunächst folgendes: Es gibt für die Würdigkeit des Christen in Bezug auf sein Gottesverhältnis keinen Unterschied zwischen Priestern, Bischöfen und Mönchen und den Laien. Jeder getaufte Christ hat direkten Zugang zu Gott, kann sich Gott im Gebet nähern und braucht keine Vermittlung durch Geweihte, Priester oder Heilige5. Aber: Für die öffentliche Verkündigung des Evangeliums, also dafür, dass Leute auch die Christusbotschaft hören können, die bei Menschen den Glauben wecken kann, bestimmt die Kirche Ämter. Diese Ämter beinhalten keinen Unterschied in der Würdigkeit, sondern beschreiben Funktionen. Die Amtsträger verkünden das Evangelium öffentlich. Dies sieht Luther übrigens schon recht früh, als Lektüre sei hier z.B. die Adelschrift empfohlen. Aus dem Priestertum aller Gläubigen zu schließen, dass im Internet jeder Christ gleichermaßen zur öffentlichen Verkündigung berufen ist, wäre genauso falsch, wie zu folgern, dass es im Priestertum aller Gläubigen um die Beziehung der Menschen zueinander geht. Dass Leitlein in dieser ganzen Passage zur Reformation ohne irgendeine Idee zum Gottesbezug auskommt, ist wenigstens als sportlich zu bezeichnen.

Zum zweiten wird hier etwas übersehen, dass meine Generation immer wieder gerne übersieht. Das Leben im Digitalen ist für viele selbstverständlich geworden, macht aber auch einigen Menschen Angst und überfordert andere. Die Kirche besteht eben nicht nur aus den jungen 15-40 jährigen, die fordern, dass endlich wieder alles neu werden soll. Einen großen Teil der wirklich Treuen machen eben diejenigen aus, für die das Abrufen einer Mail oder ein Skypekontakt mit dem Enkel schon das Höchste der Gefühle ist. Es ist irritierend, dass diese Menschen in Leitleins Vision von Kirche gar keine Rolle mehr spielen und offensichtlich längst abgeschrieben sind. Hinzu kommt: Nicht nur Menschen dieser Generation bevorzugen eben im Sonntagsgottesdienst eine Predigt, die von der Kanzel vorgetragen wird, und kein digitales Happening in der Twitter-Sphäre. Die digitale Avantgarde überschätzt notorisch ihr eigenes zahlenmäßiges Gewicht, Stichwort: Filterbubble. Gerade die Gottesdienste an Lebensübergängen werden noch immer gerne in Anspruch genommen. Hier ist nun aber die Ritualkompetenz und Verkündigungserfahrung von Spezialisten gefragt. Denn bei aller Liebe: Meine Hochzeit hätte ich nicht gerne im freien Gespräch mit der Gemeinde im Internet gestaltet. Da gehört die gelehrte und emphatische Auslegung des Trauspruches genauso dazu wie der Segen und der Ringetausch vor der im Analogen versammelten Gemeinde. Noch deutlicher wird das Ganze bei Beerdigungen. Bei aller Möglichkeit von Online-Kondolenz-Büchern ist doch hier das analoge Ritual m.M.n. kaum zu ersetzen6.

Und drittens: Wenn wir die digitale Welt theologisch deuten wollen, dann bitte ordentlich. Dann muss man notwendigerweise die Unterscheidung zwischen Schöpfung und Fall machen und darauf hinweisen, dass auch die Person, die digital unterwegs ist, immer simul iustus et peccator bleibt. Die digitale Welt bleibt genauso wie die analoge zwiespältig, es wird dort gute Dinge geben, aber es gibt dort auch schlechte. Mit Bonhoeffer gesprochen: Auch die neue, digitale Welt bleibt im Vorletzten, die digitale Welt der neuen Kirche bleibt immer noch die sichtbare Kirche und wird nicht plötzlich als Ganzes zu derjenigen, die die Dogmatik als unsichtbare Kirche, mithin als Reich Gottes bezeichnet. Es wird also auch in der digitalen Kirche Strukturen geben müssen, die ein gewisses Maß an Ordnung und Verlässlichkeit sichern. Man muss das dann nicht Hierarchie oder Lehramt nennen. Aber es wäre naiv zu glauben, dass in der digitalen Welt nicht viele Probleme analoger Kirche wiederkehren, meinetwegen in gewandelter Form.

Nochmal zurück zu Luther: Freilich nutzte er die neuen Medien, den Buchdruck für die Verbreitung seiner Reformation. Aber er hatte auch andere Äußerlichkeiten auf seiner Seite: Die politischen Verhältnisse im Reich und gewisse aufstrebende Schichten. Und trotz dieser Äußerlichkeiten brauchte es eben dennoch so jemanden wie Luther (oder Zwingli oder Bucer) der die treibenden Ideen hatte. Auch im Internet entstehen Ideen nicht qua Offenbarung ins Nichts. Und welche Kirche genau „Luther verdient“ hat, entscheidet zum Glück kein Redakteur der Zeit.

Die Digitalisierung ist von Seiten der Kirche als Faktum anzunehmen, kreativ mitzugestalten und keinesfalls kulturpessimistisch zu verteufeln. Aber ob wir die Digitalisierung für die Möglichkeit feiern wollen, die verfasste Kirche mit ihren spezialisierten Ämtern abzuräumen und durch eine Cloud fluider Cybersekten zu ersetzen?

Mit Luthers Bibelübersetzung gesprochen: Das sei ferne!

1Das bei Leitlein nicht vom Priestertum aller Gläubigen bzw. aller Getaufen die Rede ist, könnte ein Flüchtigkeitsfehler sein. Bestimmt meint er „aller Gläubigen“. Oder?

2Hier bin ich persönlich recht angefressen. Freilich kann jemand die Abschaffung geistigen Eigentums als Gewinn bezeichnen, der Geld für seinen Journalismus bekommt. Wissenschaftliche Theologen, die sich mit ihren Veröffentlichungen und entsprechend auch mit ihrer geistigen Arbeit später eventuell auf Stellen bewerben also solche Leute wie ich, sollte ich einmal nicht den Weg ins Pfarramt einschlagen , sind schon ein bisschen drauf angewiesen, dass mit den von ihnen produzierten Texten nicht einfach als beliebiges Allgemeingut umgegangen wird. Oder aber: Wenn wir schon den Kommunismus fordern, dann bitte richtig!

3Nun muss man allerdings auch zugestehen: Wer sich mal die Kommentare unter manchen Posts von Bedford-Strohm angeschaut hat, kommt vielleicht zu dem Ergebnis dass darauf sachlich zu antworten mehr gute Nerven erfordert, als ein Mensch haben kann.

4Das Barrieren übrigens nicht nur Sehbehinderungen betrifft, sondern auch die Tatsache, dass viele Leute sich Internet bzw. die notwendigen Endgeräte immer noch nicht leisten können, nun, dass kann man schon mal übersehen.

5Kann aber, um diese einfache Gegenüberstellung etwas einzuordnen, auch nicht mehr auf die Fürsprache von Heiligen vor Gott bauen. Jede Person ist vor Gott unvertretbar.

6Mich hat bis jetzt noch kein online-basiertes Ritual oder noch keine Form des Online-GDs auch nur halbwegs überzeugt. Mit Blick auf die absoluten Zahlen dürfte sich die Gruppe derer, die solche Angebote regelmäßig in Anspruch nehmen, als recht begrenzt herausstellen. Und es ist kaum zu erwarten, dass sich das in näherer Zukunft kategorial ändert.

Die EKD und die Politik II: Noch immer zu kurz gegriffen!

In den folgenden Wochen möchten wir die Frage in den Fokus stellen, ob und inwieweit die Kirchen allgemein und im Besonderen die EKD politisch agieren sollten. Den Auftakt dieser Diskussion bildete dieser Beitrag von Ulrich Kronenberg. Nun greift Tobias Graßmann (Twitter: @luthvind) die Fragestellung in seiner Replik auf und widerspricht teilweise. Wir freuen uns über eure/ihre rege Beteiligung in den Kommentarspalten. [Die Redaktion]

Noch immer zu kurz gegriffen!

Vorige Woche hat an dieser Stelle Ulrich Kronenberg das Wort ergriffen. Aus seinem kämpferischen Artikel spricht deutlich der Ärger über die Diskurshoheit linksliberaler Kräfte innerhalb der evangelischen Kirchen. Den führenden Kreisen innerhalb der Landeskirchen wirft Kronenberg vor, sich dem „linkslastigen“ Zeitgeist angepasst zu haben. Das habe zu einem theologischen Substanzverlust geführt, Menschen ihre geistliche Heimat genommen und politisch Andersdenkende regelrecht aus der Kirche getrieben. Die Schärfe seiner Polemik und die Wortwahl, bei der in meinen Ohren immer wieder auch Parolen vom rechten Rand anklingen, finde ich eher problematisch. Gleichzeitig gestehe ich zu, dass ich Teilen seiner Problemanzeige durchaus zustimme.

Über seiner Polemik gelangt Kronenbergs Artikel allerdings nicht zu einem nüchternen Blick auf die Ursachen der Krise. Die Vormachtstellung linker Strömungen hat damit zu tun, dass ein konservativ-bürgerliches Gegengewicht innerhalb der Kirche fehlt. Diese konservativen Kräfte wurden nun nicht per Dolchstoß von ihren Feinden erledigt. Man kann sagen: Sie haben sich ihren intellektuellen und moralischen Bankrott mühsam selbst erarbeitet. Durch unheilige Allianzen mit autoritären Kräften innerhalb der Gesellschaft und den vergeblichen Versuch, mittels kirchlichem Einfluss die Emanzipation von Arbeitern, Frauen und Minderheiten zu blockieren, wurde im Laufe des fatalen 20. Jahrhunderts ein gewaltiges Maß an kirchlichem Vertrauen verspielt. Dieser Glaubwürdigkeitsverlust in der Mitte der Gesellschaft wirkt sich heute wohl stärker aus als aller Moralismus, alle Naivitäten und alle Einseitigkeiten der linksprotestantischen Gegenseite zusammen.

Wenn dann sogar, wie in dem von Kronenberg in einer Fußnote angeführten Zitat von Hermann Dietzfelbinger, die plurale Gesellschaft als der eigentliche Feind der Kirche dargestellt wird, während die Gleichschaltungspolitik der Nazis als bloßes „Vorhutgefecht“ abgetan wird, zeigt sich, dass man im konservativen Lager aus vergangenen Fehlern nichts gelernt hat. Das gewagte Manöver Dietzfelbingers, einen Anspruch auf das moralische Kapital des Kirchenkampfs zu erheben und diesen im gleichen Moment auf bizarre Weise zu relativieren, spricht eigentlich für sich!

Nun wurde bereits zu Anfang geurteilt, dass Kronenbergs Kritik zwar einseitig, aber nicht gänzlich unberechtigt ist. Der offiziell gepflegte politische Diskurs innerhalb der evangelischen Kirchen hat in den letzten Jahrzehnten schon etwas Schlagseite bekommen. Doch weder mit konservativ-bürgerlicher, noch mit linksliberaler (oder gar nationalistischer!) Politik darf sich Kirche einseitig identifizieren. Die alleinige Vormachtstellung politischer Strömungen hat dem Protestantismus nie gut getan…

Aber sollten sich die Kirchen deshalb weitgehend aus der Tagespolitik zurückziehen und sich wieder stärker auf die Frage des individuellen Heils konzentrieren? Kronenbergs Argumentation scheint in diese Richtung zu zielen. Sein Artikel erinnert damit an Kritik, welche jüngst konservative Politiker wie Wolfgang Schäuble oder Thomas de Maizière an der angeblichen Politisierung der Kirchen geübt haben (und ähnlich auch z.B. die Theologin Petra Bahr). In diesem Zusammenhang wird immer wieder auf die lutherische Lehre von den zwei Reichen bzw. Regimenten Gottes verwiesen. Doch sollte sich der Auftrag der Kirche wirklich darin erschöpfen, sonntags dann der Sachbearbeiterin ein warmes Gefühl zu verschaffen, nachdem sie werktags gewissenhaft die Ausreisebescheide abgelehnter Asylbewerber ausgestellt hat?

Die lutherische Lehre von den zwei Regimenten Gottes meint doch wohl etwas anders! Kirche und Staat sind jeweils auf ihre Weise gute Einrichtungen Gottes, aber mit verschiedenen Zwecken und je eigener „Systemlogik“. Religion und Politik sollen und können deshalb zwar nicht strikt getrennt, aber doch möglichst klar unterschieden werden. Die Unterscheidung befreit sie zu ihrer jeweiligen Eigenlogik. Das bedeutet, dass die Kirchen auch in politischen Stellungnahmen nur ihrem Bekenntnis verpflichtet sind – und nicht den Wünschen des Staates! Das heißt im Gegenzug aber auch, dass es theologisch unzulässig ist, Politik und Staat religiös vereinnahmen zu wollen.

Für kirchliche Stellungnahmen in politischen Fragen folgt deshalb erstens, dass Kirche als politischer Akteur die Spannungsfelder politischer Debatten genau wahrnehmen muss. Sie darf nicht versuchen, mit religiöser Autorität falsche Eindeutigkeit zu erzeugen, wo es sich tatsächlich um komplexe Abwägungsfragen handelt. Zweitens folgt daraus aber auch, dass Kirche einige Mühe darauf verwenden sollte, ihr politisches Handeln methodisch sauber aus ihrem christlich-theologischen Selbstverständnis zu entwickeln.

Hier wurzelt das Problem, das Ulrich Kronenberg als „geistigen Heimatverlust“ bezeichnet hat: Man kann mitunter den Eindruck haben, dass in Stellungnahmen zu politischen und ethischen Fragen das Evangelium von Jesus Christus gänzlich in den Hintergrund tritt. Die Kirche spart selten mit moralischen Appellen, aber wie verhalten sich diese eigentlich zur Botschaft von der freien Gnade Gottes? Oftmals gelingt es nicht, einen stimmigen Zusammenhang etwa zwischen dem christlichen Einsatz für Randgruppen und den religiösen Vorstellungen traditioneller Christinnen und Christen herzustellen. Die innere Einheit von Glaube und politischem Engagement wird oft behauptet – aber lässt sie sich auch mit Leben füllen?

Kronenberg ist deshalb grundsätzlich zuzustimmen, wenn er den theologischen Substanzverlust anprangert. Berechtigterweise kritisiert er den Moralismus, den viele Theologinnen und Theologen in politischen Fragen an den Tag legen. Doch diese handeln gerade nicht politisch, wo sie lediglich als „moralische Instanzen“ das Wort ergreifen. Statt politische Verantwortung zu übernehmen, inszenieren sie sich lieber als „prophetische“ Wächtergestalten, die jenseits des demokratischen Ringens stehen. Aber nur in oft mühsamen und langwierigen Prozessen können angemessene Lösungen und im Idealfall ein breiter, tragfähiger Konsens ausgehandelt werden. Besonders fatal ist, wenn dabei der Eindruck entsteht, der Bezug auf Reformation und Bibel sei nur noch schmückendes Beiwerk oder rhetorisches Stilmittel.

Theologinnen und Theologen, die in politischen Debatten für die Kirche das Wort ergreifen, sollten im Lichte der lutherischen Zwei-Regimenter-Unterscheidung sorgfältig die eigene Rolle klären. Es schadet nicht, die eigenen Interessen mehr als nur einmal kritisch zu beleuchten. Dabei könnten Leitfragen wie die folgenden helfen:

  • Gibt es vom theologisch-ethischen Standpunkt her einen Spielraum legitimer Positionen, der von Seiten der Kirche nicht eingeengt werden sollte?

  • Finden die religiösen Empfindungen und Bedürfnisse der Kirchenmitglieder auch in ihrer Vielfalt angemessene Berücksichtigung?

  • Wird aus dem Geist des Evangeliums heraus gesprochen oder tendenziell nur versucht, eine bestimmte politische Agenda religiös zu grundieren?

  • Mache ich meine christlich-theologischen Beweggründe auch ausreichend transparent?

  • Wird Andersdenkenden faktisch das Christsein abgesprochen, wenn es etwa mit einem kirchentypischen Zeigefinger-Satz heißt: „Wir als Christen sollten heute …“?

Auch dort, wo die Anliegen kirchlicher Stellungnahmen aus meiner Sicht unbedingt zu begrüßen sind (etwa in der Flüchtlingsfrage oder der Neubewertung homosexueller Partnerschaften), ist solche Selbstprüfung dringend geboten. Denn nur auf diesem Weg kann der fatale Eindruck vermieden werden, als hätte eine bestimmte politische Strömung die Kirche „geentert“ und einseitig zum Instrument ihrer gesellschaftspolitischen Agenda gemacht. Ulrich Kronenberg ist dafür zu danken, dass er mit seiner Polemik den Finger in diese Wunde legt und gerade auch den Linksprotestantismus provoziert, hier genauer hinzusehen.

Tobias Graßmann ist Vikar in der Thomaskirche Würzburg/Grombühl.