Vom Fetisch der fleischlichen Begegnung

Ein Plädoyer für mehr Engagement von #digitaleKirche in der Verwaltung

von Michael Greder (@HerrVikarin)

Seid ihr schon einmal in ein Pfarramtsbüro hineingestolpert und habt bei einem verstohlenen Blick am vergilbten Kastenmonitor vorbei in der Ecke einen kleinen Arbeitsplatz erblickt, auf dem ein sperriges, graues Kästchen stand? Oder musstet ihr schon einmal Formulare für die kirchliche Verwaltung ausfüllen – z.B. die Anmeldung zur Konfirmation? Wer diesem Unterfangen bereits seine Lebenszeit widmen durfte, tat dies sehr wahrscheinlich unter seelischen Schmerzen. „Der Taufspruch des Paten! Für was genau wollen die das jetzt Wissen? Und wie zum Teufel soll meine E-Mailadresse in das zwei Millimeter kleine Kästchen passen?“

Weil man teilweise irgendwie doch nicht auf ein „modernes“ Verwaltungsangebot verzichten möchte, hat sich das Hase-Igel-Verfahren etabliert. Ein PDF kann heruntergeladen, mit dem Stift ausgefüllt, eingescannt und wieder zurückgemailt werden – das Original muss natürlich unterschrieben nur noch eingetütet, frankiert und zur Post gebracht werden.

Wer sich in Bayern für den Vorbereitungsdienst beworben hat, saß vermutlich examenskrank über einem lebenswegentscheidenden Papierbogen, hat mit aller Mühe spätnachts wichtige Entscheidungen eigetragen und sich auf den verdienten Feierabend gefreut. „Aber Moment! Wofür sind die anderen beiden Formulare? Die sehen ja identisch aus! Ich muss alles dreimal handschriftlich ausfüllen? Auch meine persönlichen Daten, die die Landeskirche schon seit Jahr und Tag von mir hat?“ Ja, das muss ich.

Die unleidliche Liste unattraktiver Verwaltungsakte – und deren Anbahnung – ließe sich unschwer fortsetzen. Das Murren und Knurren über Berührungspunkte mit der kirchlichen Verwaltung ist vermutlich so alt wie der Einzug des sprichwörtlichen Preußentums ins bayerische Kirchenwesen. Am Ende des Tages sind wir alle aber doch unendlich dankbar dafür, dass Menschen in der landeskirchlichen Verwaltung und im Pfarramt daran arbeiten, den Laden am Laufen zu halten. Diese meist unsichtbare Arbeit kann gar nicht hochgenug geschätzt werden. Man muss sich nicht gleich Max Webers Überlegungen zur Bürokratie unter das Kopfkissen legen, um einzusehen, dass eine ordentliche Verwaltung Signum landeskirchlicher Praxis ist, die letztlich viele Vorteile bietet. Dies gilt, obgleich die Verwaltung für die Allgemeinheit meist im Verborgenen stattfindet. Wenn die Verwaltung funktioniert, entschwindet sie dem Bewusstsein, sowie der Brief, der im Postkasten landet. Wenn aber ein Problem auftritt, brennt sich dieses umso fester ein. Das ist das Los der Administration.

Im Gegensatz zu Forderungen nach experimentierfreudiger und professioneller Kommunikation der Kirche im Netz, kommt das Thema der Verwaltung äußerst schnöde daher. Allein schon das begleitende Framing mit Worten wie Effizienz legt in kirchlichen Kreisen einen verruchten Mantel über den unbeliebten Komplex.

Ich habe mich in diesem Blog bereits zum Thema #digitaleKirche geäußert und bei meinen Überlegungen die Dimension der Verwaltung bisher ausgespart. Dies lag vor allem an meinem fehlenden Wissen um die pfarramtliche Verwaltungspraxis. Mein gesichertes Wissen ist in den letzten Monaten kaum anstiegen, allerdings konnte ich aufgrund meiner ehrenamtlichen Tätigkeit und vieler Gespräche einige durchwachsene Eindrücke gewinnen. In mir hat sich die Überzeugung verfestigt, dass die #digitaleKirche das Problem an der Wurzel nicht tief genug anpackt. Die Geisteshaltung gegenüber der Digitalisierung wird zuvorderst in der Organisation und Ausstattung der Verwaltung offenbar – nicht in ihrem Umgang mit den Sozialen Medien.

Allzu häufig fordert die #digitaleKirche von Pfarrer:innen mindestens implizit ein Engagement, das dem physischen und psychischen Workload einige Schippen oben draufpackt. Wo soll da die Muße für einen Geisteswandel entstehen, der die digitale Welt als Raum von Möglichkeiten erschließt? Wo soll hier der Platz für das sein, was Pfarrer:innen als „das Eigentliche“ ihrer Arbeit beschreiben und zugeschrieben bekommen. Stattdessen werden sie mit immer weiteren Anforderungen und Erwartungshaltungen konfrontiert, die im Wochenplan einfach keinen Platz finden.

Dabei bietet gerade die #digitaleKirche das Potenzial, für eine effizientere Verwaltung einzutreten und damit Platz für das Eigentliche zu schaffen. An dieser Stelle kann digitalen Abstinenzler:innen die neue Welt in geeigneterer Weise schmackhaft gemacht werden als durch die immer wieder neueingekleideten Diskussionen um die Geist- und Heilswirkung von Telegottesdiensten und Fernsakramenten.

Im Zuge der zahlreichen Beiträge zur pastoralen Verfasstheit der Kirche während der Coronasituation mahnte der Systematiker Lukas Ohly mit Blick ins Netz eine Katholisierung der Glaubenspraxis an.

So gerne ich das von Ohly geschliffene Kantholz in den letzten Wochen im Privaten meinen Gesprächspartner*innen in die Speichen geworfen habe, ist diese Perspektive doch symptomatisch für einen zu engen Blickwinkel auf das unmittelbar Sichtbare. Es geht um Reichweite, Likes und Views, einen zeitlichen Return on Investment und vor allem um die Frage, wie viel von der reformatorischen Lehre dem Fortschritt anheimfällt.

Nicht unbedingt bei Ohly, aber bei vielen anderen Gelegenheiten hat sich im kirchlichen Diskursraum ein Fetisch der fleischlichen Begegnung herausgebildet. Körperliche Nähe wird gleichgesetzt mit Unmittelbarkeit, Authentizität und emotionaler Nähe. Alles Handeln muss sich daran messen wie „nah am Menschen“ Kirche ist – wobei „nah“ hier sehr eng gefasst wird. Die fleischliche Begegnung gilt als Archetyp der kirchlichen Kommunikation und umso weiter (durchaus im geografischen Sinne) sich die Pfarrperson entfernt, desto weniger Qualität wird einer Beziehung beigemessen. Technisch vermittelte Kommunikation kann zur völligen Entfremdung des Menschen gereichen. Handlungen, die sich nicht in vermeintlich unmittelbaren, fleischlichen Begegnung, vollziehen lassen, gelten als unvollständig oder Notlösungen. Man könnte meinen, die fleischliche Begegnung sei alleine sich selbst genüge.

Berüchtigte Zitate von Kirchenvertreter:innen aus den letzten Jahren, die den Geist dieses Fetisch der fleischlichen Begegnung atmeten, riefen jeweils erwartbar heftige Reaktionen der #digitalenKirche hervor. Das digitale Wir wartet nur auf die nächste Gelegenheit, „denen da oben“ wieder Bescheid geben zu können. Das gehört zur Identität von #digitaleKirche, wie das Confiteor zum lutherischen Gottesdienst. Die in diesem Ritus gefeierte Kritik ist verständlich. Greift doch der Fetisch der fleischlichen Begegnung die eigene religiöse Identität an.

Meist haben diese Auseinandersetzungen vermutlich nur zum Ergebnis, dass sich jeder seiner Sache ideologisch noch sicherer ist. Dies ist umso mehr der Fall, wenn die Debatten rein theoretischer Natur sind und die Konsequenzen für die kirchliche Praxis kaum Beachtung finden. Dabei zeitigt die Skepsis am Fortschritt und die ideologisierende Kritik an dieser Skepsis durchaus handfeste Probleme. Der Fetisch der fleischlichen Begegnung führt zum vergilbten Röhrenmonitor im Pfarramt. Die überschwängliche Einverleibung alles Neuen überrollt praktische Notwendigkeiten.

Es ist meiner Meinung nach an der Zeit, konstruktiver mit der Institution und ihren Mitarbeitern ins Gespräch zu kommen. Die Bürokratie als ein Arbeitsfeld der Kirchen scheint mir aus den genannten Gründen ein geeigneter Ausgangspunkt dafür zu sein.

Jeder Verwaltungsakt für sich genommen stellt aus Sicht der Antragstellerin letztlich keine große Herausforderung dar. Es muss nun mal gemacht werden, was gemacht werden muss. Die Pfarrämter stehen allerdings inmitten der Gesamtheit der Verwaltungstätigkeiten. Zwischen Erwartungen der Gemeindemitglieder, Regelungen des Dekanats und Ansprüchen der Landeskirche.

Der Fetisch der fleischlichen Begegnung verführt zu falschen Prioritäten, ebenso wie der Drang einer Digitalisierung der Kirche, das Digitale nachgerade als Selbstzweck erscheinen lässt. Das Eigentliche fällt in beiden hinten runter oder geht im Rauschen des organisierenden Geschäfts unter. Das sperrige graue Kästchen – die Schreibmaschine im Pfarramt, deren Farbband noch nicht ausgetrocknet ist, steht mahnend im Raum: War sie einst ein Indiz für den Fortschritt, der mit einem Effizienzversprechen Einzug gehalten hat, steht sie nun als Objekt gewordener Anachronismus dem Eigentlichen im Weg wie es einst die Feder im Tintenfass tat. Den Verkündigungsauftrag ernst zu nehmen, bedeutet nicht nur, auf dem Pfad des Bekenntnisses zu wandeln. Den Verkündigungsauftrag nimmt man vor allem dadurch ernst, dass ihm Zeit eingeräumt wird. Ein kleiner Baustein dabei ist, Taufurkunden nicht mehr an der Schreibmaschine ausfüllen zu müssen.  Eine moderne, effiziente Verwaltung auf allen Ebenen ist dazu ein wichtiger, wenngleich auch nicht so sichtbarer Schritt. Die damit einhergehenden Entlastungen schaffen neuen Raum fürs Eigentliche, wobei die Frage nach online oder doch fleischlich dann sekundär wird.

[Titelbild: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2010-07-27_IBM_Selectric_Kugelkopfschreibmaschine.JPG, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Mehr offene als geklärte Fragen beim digitalen Abendmahl

(Beitragsbild gefunden via Twitter bei @AmhKlassen; Urheber*in unbekannt.)

Neben brisanten ethischen Fragen wirft die gegenwärtige, durch das Coronavirus Sars-CoV-2, seine rapide Ausbreitung und notwendige Bekämpfung ausgelöste Krise für uns als Kirche auch die Frage nach der angemessenen Feier des Abendmahls auf.

Wortgottesdienste und Tauffeiern sind derzeit ausgesetzt. Mit dem Verbot gottesdienstlicher und andere Zusammenkünfte ist den Kirchen auch die Feier des Abendmahls in seiner üblichen Form faktisch untersagt. Wenn nun die Kirche – auch protestantisch – als sakramentale Wirklichkeit bezeichnet werden kann, ist diese Einschränkung gravierend, sofern sie an ein Lebensprinzip der Kirche als sichtbarer Manifestation des Leibes Christi in der Welt rührt. Denn unser Glaube lebt aus dem Versprechen, dass Jesus Christus insbesondere dort wirksam und erfahrbar gegenwärtig ist, wo wir als Gemeinde sein Gründonnerstagsgebot erfüllen. Wir setzen im Abendmahl Jesu Mahlgemeinschaft mit den Sündern fort, hören die Einsetzungsworte als konzentrierte Form des Evangeliums, teilen Brot und Wein. In diesem Vollzug bezeugen wir seinen Heilstod in der Welt und erwarten das ewige Freudenmahl.

Gerade jetzt, während der für viele Menschen beängstigenden und mit Einschränkungen verbundenen Krise, läuft das Kirchenjahr auf die höchsten christlichen Festtage zu: das Ende der Passionszeit und das Osterfest. Das Bedürfnis der Glaubenden, das Mahl Jesu Christi zu feiern, ist dort, wo es besteht und geäußert wird, ernst zu nehmen. Vor diesem Hintergrund ist sehr verständlich, dass die Frage nach alternativen Formen der Abendmahlsfeier aufbricht und in der Pfarrerschaft sowie den Gemeinden kontrovers diskutiert wird. Dabei kreist die Diskussion vielerorts um die Kernfrage, ob das Abendmahl trotz vermittelt durch digitale Medien gefeiert werden kann. Das seelsorgerliche Interesse ist ernstzunehmen, schon deshalb ist die Beschäftigung mit dieser Frage nicht einfach als theologische Selbstbeschäftigung abzutun.

Nicht ausreichend geklärt erscheint mir dabei bei vielen Beiträgen, ob sie sich als seelsorgerlich begründete Notordnung verstehen oder eine grundsätzliche Entwicklung im Abendmahlsverständnis und der liturgischen Praxis anstreben. Aber diesbezüglich ist eine Klärung notwendig, weil die Tragweite einer solchen Entscheidung unter Umständen beeinflusst, welche Entscheidungen man persönlich mittragen möchte oder nicht. Ganz nebenbei sei erwähnt, dass es kaum angemessen wäre, gerade jetzt im Windschatten der Krise eine theologische Agenda zur Entkoppelung von Ortsgemeinde, Gottesdienst und Kirche voranzutreiben…

Unerlässlich für eine sachgemäße Behandlung der Fragen ist, dass die Theologie von den Suche nach biblisch begründeten Wesensmerkmalen der Abendmahlsfeier ausgeht. Man kann leider derzeit den Eindruck bekommen, dass viele Stellungnahmen sich primär am – tatsächlichen oder vermuteten – Bedürfnis orientieren und auf dieses hin passende Begründungen konstruieren. Wenn für so eine Begründung einzelne Bibelstellen aus dem Kontext der Schrift isoliert und mit fragwürdiger Bedeutung aufgeladen, wenn Bekenntnisse einer abstrakt-buchstäblichen Lesart unterzogen werden, ist das keine hinreichende Grundlage. Bevor auf so einer Grundlage liturgische Fakten geschaffen werden, ist die Frage lieber offenzulassen und in Hoffnung auf eine künftige Klärung den Gewissen der Einzelnen freizustellen.

Zentrales Kriterium muss bleiben, ob das Mahl stiftungsgemäß, das heißt: mit all seinen wesentlichen Grundzügen gefeiert wird. Innerhalb dieses Rahmens sind bereits viele Varianten der Abendmahlfeier üblich, die sich zum Teil auch aus hygienischen Bedenken herleiten. Wenn man nun aber von einer theologischen Bestimmung des Abendmahls und der üblichen liturgischen Praxis der evangelischen Kirchen ausgeht, stellen sich hinsichtlich digital vermittelter Formen des Abendmahls einige noch nicht hinreichend beantwortete Fragen.

Unstrittig dürfte sein, dass für eine Abendmahlsfeier die gesprochenen Einsetzungsworte ebenso unverzichtbar sind wie der tatsächliche Verzehr von Brot und Wein (bzw. Traubensaft).

Mit guten Gründen spendet sich nun in den evangelischen Kirchen – unabhängig von der Form der Feier – normalerweise niemand selbst das Abendmahl. Wenn der Gabecharakter der Elemente („für euch gegeben“) zeichenhaft für die Hingabe Jesu Christi und das radikale Empfangen des Glaubens zu verstehen sein sollte, dann stellt sich die Frage, ob diese Zeichenhandlung angemessen realisiert ist, wenn jede Person sich selbst vor dem Monitor die Elemente bereitet und zu sich nimmt. Dabei wird faktisch auch das Sprechen der Einsetzungsworte stärker aufgeladen, insofern auf diesen Worten allein und ohne Geste der Austeilung die wirksame Vergegenwärtigung zu ruhen scheint.

Wenn die Deutung des einen Brotes und des einen Kelchs auf die Einheit und Gemeinschaft der christlichen Gemeinde, die Paulus in 1Kor 10,16f. vornimmt, theologisch noch immer plausibel ist, dann stellt sich die Frage, ob diese Gemeinschaft in den alternativen, medial vermittelten Formen angemessen zur Darstellung kommt. Tritt hier nicht diese Einheit so weit zurück, dass sie gar nicht mehr erfahrbar ist? Ist der Beschwörung digitaler Gemeinschaftlichkeit, die der Gemeinschaft der Ortsgemeinde gleichwertig (oder gar überlegen) sei, zu trauen?

Diese beide Punkte ergeben zusammen eine kritische Sicht auf die digitale Abendmahlsfeier: Die nur medial versammelte Gemeinde handelt hier nicht als das eine Subjekt der Feier, aus der sich eine besonders beauftragte Person heraushebt. Stattdessen handelt eine Person, woraufhin andere Person reagieren. Um auf dieses Problem zu reagieren, müsste die Einsetzung und digital vermittelte Leitung zumindest durch mehrere Personen vollzogen werden. Auch wäre darauf zu achten, dass die Gemeindeglieder in der Feier, die sie gemeinsam vollziehen, wechselseitig füreinander präsent werden. Technisch ist dies nicht so einfach zu realisieren.

Der besondere Wert des Sakraments über die bloße Wortverkündigung hinaus liegt zudem – zumindest nach traditionell-lutherischem Verständnis – in der Leiblichkeit des Vollzugs, der den ganzen Menschen mit Sinnen, Gefühlswelt, Willen und Verstand noch einmal anders einbezieht als die bloße Anrede von Mund zu Ohr. Die Sinnlichkeit des Schmeckens bliebe zwar gewahrt, wenn jede Person einzeln die Elemente zu sich nimmt. Doch stellt sich doch die Frage, ob zur Leiblichkeit des Abendmahls nicht doch auch leibliche Präsenz im Raum gehört. Können einzelne Elemente der liturgischen Handlung – etwa der Friedensgruß oder das Geben der Hände zum Schlusssegen – aus hygienischen Bedenken zweifellos entfallen und das Abendmahl weitgehend „kontaktlos“ gefeiert werden, könnte trotzdem die Vermittlung durch Bildschirme oder Telefone zu viel Distanz bedeuten. Dass die medial vermittelte Selbstinszenierung digitaler Avatare eine Form persönlicher Präsenz darstellt, die von der körperlich vermittelten gar nicht kategorial unterschieden wäre, ist eine zumindest noch der Plausibilisierung bedürftige These.

Wenn schließlich die liturgische Formel „sooft ihr von diesem Brot esst und von dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt“ (1Kor 11,16) auf das öffentliche Bekenntnis der Gemeinde vor der Welt verweist, stellt sich hinsichtlich der diskutierten Alternativen die Frage, inwiefern Öffentlichkeit und persönlicher Bekenntnischarakter festgehalten sind. Die Öffentlichkeit ist kaum gewahrt, sollte das Abendmahl in geschlossenen digitalen Räumen (etwa: unter den Abonnenten eines Channels) gefeiert werden. Der Bekenntnischarakter, der im Gottesdienstbesuch schon implizit gesetzt ist, wird fraglich, wenn das Abendmahl zwar in einer digitalen Öffentlichkeit (etwa: bei Twitter unter einem bestimmten Hashtag), aber von einer großen Zahl der Teilnehmer im Modus der Unsichtbarkeit, Anonymität oder Pseudonymität gefeiert wird.

Zusammengenommen ist zu fragen: Kehrt bei vielen, wenn nicht allen derzeit diskutierten Vorschlägen ein grundsätzlich überwundenes, individualistisch auf das Heil des Einzelnen verengtes und dem Bezug auf die Kirche sowie die Welt als Schöpfung Gottes entkleidetes Abendmahlsverständnis wieder? Wird zudem in der oft nur über die Person des oder der Einsetzenden vermittelten Kommunikation nicht auch ein klerikales Verständnis befördert, das die ganze Gemeinde als Subjekt der Mahlfeier zum Verschwinden bringt.

Nimmt man die theologisch gewichtigen Anfragen an die derzeit diskutierten Formen der Abendmahlsfeier zusammen und ist man daneben skeptisch bezüglich der Behauptung eines Bedürfnisses der Glaubenden, welches auf anderem Wege nicht befriedigt werden könne, dann gilt meines Erachtens: Die Praxis des digitalen Abendmahls erscheint mir theologisch derzeit nicht ausreichend durchdacht und begründet. Den Kirchen steht während der gegenwärtigen Ausnahmesituation frei, ihren Amtsträgerinnen, Amtsträgern und Gemeindegliedern eine individuelle Gewissensentscheidung bezüglich digitaler Abendmahlsfeiern zuzugestehen.

Von liturgischer und offizieller Rezeption solcher Vorschläge ist aber abzusehen, solange sich kein theologisch gut begründeter Konsens zugunsten solcher Versuche etablieren lässt.

Pfr. Tobias Graßmann

Natürlich brauchen wir Fresh expression!

von Tobias Graßmann (@luthvind)

Я хочу велосипед и чистой футболкой
Падать, падать, падать, падать в грязь
– Монеточка –

Übs.: Ich will ein Fahrrad und ein reinweißes T-Shirt
Stürzen, stürzen, stürzen, in den Schlamm stürzen

Jüngst wurde in der digitalen Kirche bekannt, dass das in vieler Hinsicht prägende Projekt „Kirche hoch zwei“ – zumindest in dieser Form – zu einem Ende kommt. Überraschend kam dies nicht zuletzt, weil Sandra Bils als eine der beiden Zentralfiguren des Projekts noch dieses Jahr eine viel beachtete Predigt auf dem Kirchentag gehalten hatte (man erinnere sich an die #Gurkentruppe). Mittlerweile liegt auch eine Stellungnahme und persönliche Bilanz von Maria Herrmann vor, die neben Sandra Bils der programmatische Kopf hinter „Kirche hoch zwei“ ist.

„Kirche hoch zwei“ hat sich inspirieren lassen von den Fresh Expressions of Church, wie missionarische Aufbrüche insbesondere in der englischen und schottischen Kirche genannt werden. Diese sammeln sich unter dem Programm einer mission shaped church: eine Kirche, die ihre Gestalt von ihrer Sendung in die Welt her empfängt. Die Geschichte hinter diesen Begriffen ist hier nicht zu erzählen. Es dürfte aber auf der Hand liegen, dass solche Impulse auch in unseren deutschen Kirchen dringend benötigt werden! Die Nachrichten zu „Kirche hoch zwei“ regen daher auch mich, der ich dem Projekt aus der Ferne in eher kritischer Solidarität verbunden war, zu Überlegungen an.i Wie sollte es nun weitergehen auf der Suche nach Fresh Expressions?

Das Projekt „Kirche hoch zwei“ hat im losen Netzwerk der digitalen Kirche viel angestoßen. Kaum jemand scheint noch zu bezweifeln: Wir brauchen die Suche nach neuen Formen, wie man heute als Gemeinde leben und die christliche Botschaft verkündigen kann. Lebensnah und gegenwartshungrig, manchmal unkonventionell und darin auch irgendwie unerhört. Wir brauchen dazu Experimente, wir brauchen den Mut zum Risiko, ja auch zum Scheitern. Wir brauchen Institutionen, die sich solche Experimente einfach mal leisten und Personen nicht auf Misserfolge festzuschreiben, sondern die gute Idee im misslungenen Versuch würdigen. Wir brauchen in der Kirche eine neue Kultur, in der man auch von Erfolgen reden darf. Und, meinetwegen, auch ein paar griffige Slogans aus der Kreativwirtschaft. Das alles kann man dann von mir aus Start-Up-Kultur nennen. Also ja, wir brauchen Mission, die unsere Kirche in neue Formen überführt – Mission abseits der Zerrbilder, die man damit landläufig so verbindet.

Aber sind am Ende dieser initialen Phase, die so stark von „Kirche hoch zwei“ geprägt war, vielleicht auch Kurskorrekturen vorzunehmen? Was können wir als Kirche und Theologie aus den Erfahrungen lernen, die Maria Herrmann schon einmal rückblickend von der Kommandobrücke aus reflektiert hat? Ich versuche – nun ganz persönlich! –, ein paar für mich weiterführende Gedanken zu formulieren.

„Kirche hoch zwei“ – das sollte für Kirche in einer neuen Dimension stehen. Oft und selbstbewusst wurde daher der Anspruch erhoben, auf diesem Wege eine geeinte Christenheit zu verwirklichen. Maria Herrmann wünscht sich: Einen Geist, der neue Formen der Ökumene feiert und sie als Gründungsnetzwerk der Kirche (Singular!) versteht.ii Und man kann ja auf dem Standpunkt stehen: Dieser Singular allein sei einer Gegenwart angemessen, die kein Gespür für konfessionelle Pluralität mehr hat und auch wenig Verständnis für diese Unterschiede aufbringt. Unbestreitbar ist damit eine christliche Sehnsucht nach sichtbarer Einheit treffend erfasst.

Aber ist es wirklich nötig, die Suche nach FreshX mit dieser Ökumenekonzeption zu belasten? Gewiss, es lassen sich viele Projekte denken, bei denen die konfessionelle Herkunft der Beteiligten, der Initiatoren und Zielgruppe einfach keine Rolle mehr spielen. Gleichzeitig könnte es sein, dass sich gerade aus dem Schatz der einzelnen Konfessionen und ihrer Frömmigkeit neue Impulse entwickeln lassen. Diese könnten dann wiederum nicht zuletzt von Menschen anderer Konfessionen (oder Nicht-Christinnen*) als neue, für sie interessante Formen entdeckt werden. Wenn das so ist – und faktisch scheint mir „Kirche hoch zwei“ diesen Weg beschritten zu haben! – , dann spricht das eher für ein dialogisches Verhältnis der Konfessionen, das die Spannung produktiv verwandelt. Sollte dagegen der Verdacht aufkommen, es werde offiziell jenseits der Konfessionen und im Namen der Ökumene unter der Hand doch eine einseitig-konfessionelle Frömmigkeit propagiert, wäre dies schade.

Ähnliches lässt sich mit Blick auf die Ortsgemeinden und etablierten kirchlichen Strukturen sagen. Die Selbstbezeichnung FreshX – wiederholt wurde darauf hingewiesen – verleitet schon semantisch dazu, in den Ortsgemeinden und ihren traditionellen Gottesdienstformen nur die veralteten, absterbenden, eben nicht mehr frischen und lebendigen Gestalten von Kirche zu sehen. Manchmal erschien mir der eigene Anspruch, Grenzen zu sprengen und das schlechthin Neue zu bringen, dann doch so zugespitzt, dass die traditionellen Kirchengemeinden eher als Hindernis des göttlichen Geistes erscheinen mussten. Das aber tut all denen Unrecht, die sich innerhalb der traditionellen Strukturen nach Kräften bemühen, das Evangelium zu verkünden und den Menschen zu dienen. Und was soll eigentlich das Ziel dieser Frontstellung sein? Faktisch wird das Überleben experimenteller Formen noch auf lange Sicht von diesen traditionellen, gewachsenen Strukturen abhängen. Nur sie können die Ermöglichungsräume tragen, personell, finanziell und vielleicht auch spirituell. Gerade in den Kerngemeinden sind auch viele Unterstützer zu gewinnen, die an etablierten Formen hängen und sich zugleich nach Aufbrüchen sehnen. Dort sind Schultern, die mittragen können und wollen! Und müsste man nicht auch darauf hoffen, dass sich an den Rändern der beackerten Gemeindeflächen ein Wildwuchs neuer Formen bildet, weil Menschen sich von den gewagteren Aufbrüchen inspirieren lassen, ohne der StartUp-Kultur in allem nachzueifern?

Irgendwie schwierig gestaltet sich bisher auch das Verhältnis zur akademischen Theologie. Aber gesetzt, es gäbe an den Fakultäten Theologinnen und Theologen, die thematisch neue Wege beschreiten, Theoriehorizonte weiten und alte Fragestellungen neu konfigurieren – müsste man hier nicht die Verbindung suchen? Zu stark, scheint mir, hat man sich mit einer bestimmten Ehrenamtstheologie belastet, die professionell-kirchliche Ausbildung und wissenschaftsförmige Theologie im Kern abwertet. Dabei zeigen nicht zuletzt die Zentralfiguren von „Kirche hoch zwei“, die selbst ihre akademischen Meriten erworben haben bzw. noch anstreben, dass es meistens den Umweg über die Theorie braucht, um die scheinbar selbstverständliche Praxis in neuem Licht zu sehen.

Speziell aus der Perspektive der Praktischen Theologie stellt sich die Frage, wie man es eigentlich mit der eigenen Zielgruppe hält. Oft wurde und wird in der Kirche die Orientierung an Zielgruppen beschworen. Von außen betrachtet meldet sich die Kritik an, ob man sich diese Zielgruppe nicht mitunter zu sehr nach dem eigenen Bild erschaffen hat. Viele FreshX-Projekte scheinen sich in einer sehr schmalen Nische zu drängeln, der Lebenswelt junger, urbaner Akademikerinnen und Akademiker, auf der Suche nach sich im Prozess der Ablösung vom kirchlichen Herkunftsmilieu. Diese Spezialisierung ist legitim, aber vielleicht einfach nicht breit genug. Vielleicht wäre es doch wichtig, den alten Anspruch der Volkskirche mitzuführen – also stärker in Sozialräumen und von gesellschaftlichen Bedürfnissen aus zu denken als in persönlichen Begabungen und Neigungen. Gerade, wenn man den Anspruch einer göttlichen Sendung hinaus in die Welt ernst nimmt!

Vielleicht ist für die Initiatorinnen und Initiatoren künftiger Projekte auch die biblische Leitfigur der Prophetin nicht nur glücklich. Möglicherweise sind hier und da weniger charismatische Anführer gefragt als unauffällige Ermöglicher – also mission shaped ministry im Wortsinn. Menschen, die diskret ihren Dienst leisten am Wort und am Nächsten, jenseits der breiten Pfade, aber auch ohne knallige Ästhetik und hochtönende Verheißungen. Möglicherweise lässt sich beides auch kritisch in der Schwebe halten. Bescheidene, diskrete Prophetie, ist so etwas denkbar? Mit dem Auge für Lücken und Risse in der Sozialstruktur, die Menschen im Dienst des Evangeliums füllen können. Vielleicht muss man alles noch viel kleiner, kurzfristiger, dezentraler denken. Vielleicht muss man das Tau der großen Bewegung wieder in ein Netz von Einzelfäden auflösen.

Es ist zu wünschen, dass das Experiment „Kirche hoch zwei“ nicht das letzte seiner Art und schon gar nicht Ende der kirchlichen Suchbewegungen war. Es bleibt der Dank an „Kirche hoch zwei“ für unermüdliche Arbeit und so manche fruchtbare Provokation. Lassen wir uns von der eigenen Sendung her verwandeln!