Von den 90 Prozent, Hausbesuchen und der Zukunft der Kirche

Rezension zu: Erik Flügge und David Holte: Eine Kirche für Viele (statt heiligem Rest), Freiburg im Breisgau 2018.

von Niklas Schleicher

Erik Flügge kann man zurzeit ohne Übertreibung als shooting-star der aktuellen kirchlichen Debatten bezeichnen. Sein Buch über die Sprache der Kirche1 war ein Verkaufserfolg und seitdem ist Flügge ein gern gesehener Referent in Fortbildungsveranstaltungen. Zwischendurch verfasst er immer mal wieder viel beachtete Artikel zur Zukunft der Kirche. Interessanterweise genießt Flügge für seine Arbeit, wenn ich das richtig sehe, breite Zustimmung und stößt auf wenig harsche Kritik.

Vor zwei Wochen erschien Flügge neues Buch, zu dem David Holte ein Kapitel beigesteuert hat. Buch ist dabei freilich etwas hoch gegriffen, erweiterter Essay trifft es vielleicht eher; so entfaltet Flügge seine Thesen auf 78 Seiten im Kleinformat bei Herder. Das Buch ist erneut ein Verkaufsschlager, die erste Ausgabe ist bereits vergriffen und die Rezeption wieder äußerst positiv.

Ich wiederum lese gerne Bücher, die Verkaufsschlager sind, positiv rezipiert werden und Ideen beisteuern, wie man denn die Kirche(n) reformieren könnte. Meistens bin ich dann enttäuscht und manchmal lasse ich mich auch zu einer Rezension hinreißen.

„Eine Kirche für viele (statt heiligem Rest)“ lautet der Titel des Buches. Das Grundanliegen ist dabei ein gänzlich anderes, als es beispielsweise „Vom Wandern und Wundern“ hat. Ich erwähne das deshalb, weil dieses Buch, jedenfalls in meiner Filterblase, von den gleichen Personen ähnlich euphorisch begrüßt wurde. Flügge geht es nicht um Rückzugsorte oder Klientelkirchen, die ganz bestimmte Menschen in ganz bestimmten Situationen (mit ganz bestimmten Vorlieben für koffeinhaltige Heißgetränke) bedienen, sondern in gewisser Weise um eine Kirche, die alle Menschen erreicht – also im besten Sinne um so etwas wie Volkskirche. Ich finde diese Idee jedenfalls schon einmal gut und interessant. Löst das Buch auch ein, was es verspricht?

Der Ausgangspunkt der Überlegungen ist im ersten Satz des Buches grundgelegt:

„90 Prozent der Kirchenmitglieder nehmen nicht am Gemeindeleben Teil. Sie zahlen nur für den Rest. Kann das wirklich die Idee einer Kirche sein? (S. 9)“2

Der Anstoß ist also, wie so oft, die Kirchensteuer. Viele zahlen, wenige nehmen die Angebote der Kirche wahr, gehen also regelmäßig in den Gottesdienst oder besuchen die Veranstaltungen, die in der Gemeinde angeboten werden. Dadurch verliert die Kirche an Relevanz im Leben derjenigen, die sie eigentlich finanzieren, und über kurz oder lang führt das zum Rückgang oder Verschwinden von volkskirchlichen Strukturen. Dabei ist es egal, ob es um das evangelische oder katholische Christentum geht; in dieser Frage unterscheiden sich beide nur um Nuancen.

Der Vorschlag, mit denen Flügge die 90 Prozent erreichen will, wird in einer Art Gedankenexperiment dargeboten, ist aber erstaunlich handfest: Man sollte die Arbeitszeit, die durch die Kirchensteuer finanziert wird nutzen, um Hausbesuche zu machen; und zwar nicht nur die üblichen 70+ Geburtstagsbesuche, sondern um alle Menschen der Gemeinde einmal im Jahr aufzusuchen und mit ihnen zu sprechen. Dies ist erstmal, wenn man so will, die formale Seite des Vorschlags: Weniger Geld investieren in Erhalt der Häuser, Kirchen, usw., sondern als Kirche zu den Menschen gehen. Flügge zieht einen Vergleich aus seiner Arbeit für die SPD heran: Auch im Wahlkampf ist das Besuchen von Menschen von gutem Erfolg gekrönt.

Die Kehrseite der Medaille ist dann allerdings die Anschlussfrage, die der zweite Teil des Buches behandelt: Was soll denn bei den Hausbesuchen geschehen, was gesprochen werden? In Flügges Worten: „Für wen ist das katholische beziehungsweise evangelische Christentum überhaupt noch relevant?“ Denn, so weiter: „[U]nd wenn man an diese Frage herangeht, dann sieht es düster aus.“ (S. 47) Die Streitfragen, um die es in den Kirchen gerade geht, sei es Sexualmoral oder die Frage nach Laien, sind reine Kulturfragen und reines Marketing. Um das Christentum zu reanimieren, ist, so Flügge weiter, eine Rückbesinnung auf die Wurzeln nötig; und zwar weniger in einem inhaltlichen Sinne, sondern in einem formalen Sinne: Man spricht mit anderen Menschen über seinen christlichen Glauben, nicht (allein) um sie zu überzeugen, sondern um im Gespräch mit ihnen und von ihnen neues über das Christentum zu lernen, eben genauso, wie es die frühe Christenheit in Aufnahme der griechischen Philosophie getan hat.

Der zweite Modellversuch, den Flügge dann vorschlägt, ist ein Schritt unter den Hausbesuchen bei allen Kirchenmitgliedern und sieht vor, dass die gesamte Gemeinde mit selbst geschriebenen Karten z.B. anlässlich wichtiger Feste kontaktiert wird. Diese Karten sollen Ehrenamtliche und Hauptamtliche gemeinsam in einer konzertieren Aktion verfassen.

Das Buch schließt mit der Hoffnung, dass die Eindrücke und Einsichten, die man durch die Gespräche im Rahmen einer solchen Haustürmission Gewinnt , Eingang in den Glauben und die Lehre der Kirche finden und es so zu einer Revitalisierung kommt.

Flügges Vorschläge klingen auf den ersten Blick sehr plausibel und einleuchtend. Aber ich meine: Sie sind auch etwas einfach. Nun muss Einfachheit per se nichts Schlechtes sein. Aber trotzdem sollte sie wenigstens ein bisschen stutzig machen. Sollte die Forderung, dass „Kirche zu den Menschen kommen muss“, Theologinnen und Theologen wirklich noch nicht in den Sinn gekommen sein?

Tatsächlich haben sich Theologie und Kirche diesbezüglich schon einige Gedanken gemacht. Und der Vergleich mit dem Straßenwahlkampf hat eben seine Grenzen: Auch die SPD und die CDU/CSU erholen sich ja durch Hausbesuche nicht in dem Sinne, dass sie mehr oder besser gebundene Mitglieder gewinnen. Vielmehr funktioniert die Mobilisierung in der konkreten Wahlkampfsituation. Rübergespiegelt auf die Kirche trifft diese Parallele m.E. auch zu: Für ein konkretes Projekt oder eine konkrete Veranstaltung könnte so ein Hausbesuch oder ein direktes Ansprechen durchaus kirchenferne Mitglieder aktivieren, sei es, weil die Kirchturmuhr repariert werden soll, oder weil die Kirchgemeinde eine Brauereiführung organisiert hat. Einfach mal so zu kommen und über den Glauben zu reden, scheint mir demgegenüber schwieriger; zumal die Haustürmission der Zeugen Jehovas hier keine guten Assoziationen wecken dürfte.

Flügge schlägt zudem vor, dass die Mission mehr von gemeinsamen Gespräch geprägt sein soll und der Besuchende etwas von den Besuchten lernen soll. Dies klingt zunächst gut, aber wirft Fragen auf, zu deren Beantwortung Flügges Buch wenig beiträgt. Wenn das Christentum aus den Stimmen erneuert werden soll, die mit der christlichen Kirche und dem christlichen Glauben bislang wenig zu tun haben, was ist dann das, was der christliche Glaube dort finden und integrieren soll? Aus welcher Mitte heraus wird bestimmt, welche Anliegen aufgenommen werden? Gerade die frühe Christenheit hat sich in der Auseinandersetzung mit der Philosophie fest an ihr Bekenntnis zum auferstandenen Gekreuzigten gehalten. Nicht zuletzt erscheint das Unternehmen mit einer doppelten Agenda verbunden: Die Kirche soll vordergründig zu den Menschen, um diese zu erreichen und diesen was zu bieten. Allerdings ist dieser Besuch hintergründig für die Kirche selbst verzweckt, steht nämlich im Dienst der eigenen Erneuerung. Geht es im Endeffekt geht es dann gar nicht um die Besuchten, sondern um die Kirche, ihren Bestand und und ihr Bedürfnis nach Erneuerung?

Das Problem scheint mir allgemein weniger der Wille zu sein, mit Menschen und ihrer Lebenswelt in Kontakt zu kommen. Sondern es scheint darin zu liegen, wie mit diesen Menschen über den Glauben gesprochen und ihnen dabei auch glaubwürdig vom den Glauben erzählt werden kann. Theologen und Theologinnen sind in der Regel keine lebensweltfremden Fachidioten, die völlig fern von jeder Lebenswelt stehen und keine Ahnung von den Ideen und religiösen Bedürfnissen anderer Menschen haben. Im Gegenteil: Manchmal erscheint es mir vielmehr notwendig, zunächst einen Blick auf das zu werfen, was die eigene Botschaft ausmacht und was das Christentum von allgemeiner Religiosität unterscheidet.

Ein zweiter Punkt betrifft das Bild von Kirche, dass hier gezeichnet wird: Kirche erscheint dabei eine ganz konkrete, abgeschlossene Organisation mit ihren angestellten Mitarbeitenden. Als Gegenüber dieser Kirche gibt es dann die zahlenden Mitglieder, die etwas von ihrer Mitgliedschaft haben sollen. Mir scheint diese Betrachtungsweise zu verkennen, dass diese zahlenden Mitglieder selbst die Kirche sind. Daher könnte man darauf verweisen, dass es im freien Belieben der Einzelnen liegt, wo sie sich und wie beteiligen. Gerade z.B. bei der evangelischen Kirche sind die Strukturen so beschaffen, dass sie viele Möglichkeiten der Beteiligung bieten. Die meisten Hauptamtlichen sind für Ideen und Projekte aufgeschlossen und bieten Räume zur Verwirklichung. Aber andersherum gilt auch: Wenn ich meine Mitgliedschaft in der Kirche sozusagen „ruhen“ lassen möchte, weiter meine Kirchensteuer zahle, aber mich jenseits bestimmter biografischer Schwellensituationen nicht beteilige, dann ist das genauso legitim.

Möglicherweise wäre hier ein Punkt, den man vertiefen sollte: Möglichkeiten der Beteiligung an Konzeption und Umsetzung neuer Ideen innerhalb der Kirche aufzeigen. Das ist vielleicht weniger radikal, als mit der Erfahrung von Hausbesuchen im Rücken einen Großumbau der kirchlichen Lehre vorzunehmen. Aber man muss dafür dann auch keine Kirchen abreißen, weil man sie vielleicht noch brauchen kann.

Und wenn wir die Debatte darüber führen, was Kirchen leisten sollen und was nicht, sollte man nie vergessen, dass die Kirche auch eine Solidargemeinschaft ist. Manche Dinge, wie Sozialarbeit, Kinderbibelwochen oder Altenheimseelsorge finanzieren eben viele, während nur wenige sie in Anspruch nehmen, weil sie das entsprechende Angebot eben gerade brauchen. Das muss nicht ungerecht sein, ich jedenfalls kann gut damit leben.

Es gibt ausgehend vom vorliegenden Buch also viele Fäden, die man aufgreifen kann. Interessant ist der Ansatz allemal – auch wenn ich glaube, dass die Erneuerung der Volkskirche mehr braucht als Hausbesuche.

Niklas Schleicher

2Wie genau Flügge auf diese Prozentzahl kommt, wird leider nicht aufgeschlüsselt.

Zur Störung im Betriebsablauf

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Anmerkungen zu „Vom Wandern und Wundern“ (hg. von Maria Herrmann und Sandra Bils)

von Niklas Schleicher (@megadakka)

Was für eine Zeit! Was für, was für eine Zeit!
Was für, was für eine Zeit, um am Leben zu sein!
(Zugezogen Maskulin)

Ich muss gestehen, dass es durchaus oft vorkommt, dass ich Menschen und ihre Ideen grundsätzlich falsch einschätze und ohne Evidenz, nur durch Intuition negativ bewerte. Dann werde ich sarkastisch, zynisch, also mitunter recht verletzend und zurecht angepfiffen. Ich dachte: Möglicherweise geht es mir ja mit der Initiative Kirche² und verwandten Projekten auch so und ich tue den Protagonisten und Protagonistinnen in Worten, aber vor allem auch in Gedanken unrecht und ihre Ideen sind eigentlich ganz richtig und von großem Wert für die Kirche – natürlich spricht man in diesem Kontext immer von Kirche im Singular, konfessionelle Unterschiede sind in der Postmoderne doch eh überholt. Vielleicht müsste ich meine Meinung mal revidieren, Abbitte leisten und zugeben: „Ich habe mich geirrt, ihr liegt nicht so fundamental daneben.“ So einen Gesinnungswechsel könnte durchaus machbar sein, vor allem, weil jetzt einzelne Menschen, die ich nur aus kurzen Tweets oder Blogbeiträgen kannte, ihre Gedanken in einem Sammelband veröffentlicht haben. Und hey, ich als verkopfter Universitätstheologe lese nun mal gerne Bücher. Also habe ich das Buch, wie viele Andere es auch getan haben, bestellt. Ich habe zwar kein Bild vom Auspacken gemacht und getwittert, aber dafür gleich angefangen zu lesen. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Ich muss meine Meinung ändern.

Das Buch heißt „Vom Wandern und Wundern“ und trägt den Untertitel „Fremdsein und prophetische Ungeduld in der Kirche“. Herausgegeben wird es von Maria Herrmann und Sandra Bils, beide arbeiten für das Projekt Kirche². Die einzelnen Beiträge erzählen, mehr oder weniger, von jeweils eigenen Erfahrungen der Fremdheit in der Kirche und leiten daraus Ideen für Kirche von morgen ab.

Maria Herrmann schafft es auf der dritten Seite ihres Eröffnungsbeitrags die Verfasser und Verfasserinnen in eine Reihe mit „Franziskus, einer Teresa, eines Dietrich Bonhoeffer, einer Madleine Delbrel oder einer Dorothee Sölle“(9) zu stellen. Die Fallhöhe ist also denkbar hoch, waren doch jedenfalls Franziskus, Bonhoeffer und Sölle (die anderen beiden kenne ich zu wenig) hochgradig reflektierte und damit inspirierende Theologen*. Nun gut. Was also bekommt man in den einzelnen Beiträgen zu lesen?

Astrid Adler skizziert, nach einer kurzen persönlichen Anekdote, die Geschichte der Heilung des Gelähmten als Bild für Kirche. Sie ist „keine studierte Theologin“ aber „kann mit Menschen über Jesus reden“ (S. 20). Bei mir ist es ja andersherum. Ich bin zwar studierter Theologe, würde mir aber niemals selbst die Gabe bescheinigen, dass ich über Jesus reden kann. Jedenfalls nicht so, dass ich mir sicher wäre, dass „das Letzte was Jesus vor seiner Verhaftung getan hat, […] für die Einheit der Christen zu beten“ (29) war. Gut, ich bin vielleicht in diesem Zusammenhang auch eher den Schriftgelehrten zuzuordnen, denjenigen, „die mahnen und wachen über dem, was ihnen heilig ist“ (24).

Es wird besser. Hanna Buiting liefert im nächsten Beitrag eine autobiographische Skizze, über ihren Weg zur und mit der Kirche als Beispiel für produktive Fremdheit. Mit 24. Eine autobiographische Skizze. Neben der Forderung nach „richtig guten Kaffeemaschine[n]“ (38) für den Gottesdienstraum [sic!] schwingt sie sich am Schluss zu wahren Höhen auf, wenn Sie beschreibt, was ihre Gabe ist, nämlich das Schreiben: „Mehr als einmal musste ich mich zurückerinnern, wie glücklich mich das Schreiben gemacht hatte. […] Mein Gottes-Dienst war erfüllt. Heilige Momente lagen längst hinter mir[…] Texte voll Güte und voll Gnade entstanden so, voll Hoffnung und voll Heimat. […] In meiner Timeline, bei Facebook und Twitter tummelten sich zunehmend Christinnen und Christen, aus dem Rahmen gefallen, auf der Suche. Sie wurden zu meiner Leserschaft, meiner Netzgemeinde, meinen Stichwortgebenden und Nächsten“ (43). Mit 24. Hier nur ein vermessener Hinweis von mir: Eine solche Überhöhung des eigenen Tuns ist mir ja weder von Bonhoeffer noch von Sölle noch von Teresa geläufig. Aber gut, diese sind halt vielleicht auch schriftstellerisch nicht so begabt gewesen.

Mara Feßmann liefert im nächsten Beitrag eine autobiographische Skizze über ihren Weg zur Theologie, die, so jedenfalls die Überschrift, Punktheologie sei. Wer nun hofft, hier interessante oder kreative theologische Einsichten lesen zu dürfen, wird sich wundern. Das Thema ist auch hier vor allem die Autorin selbst, deren große Auszeichnung ist, dass sie neben Theologie auch Politkwissenschaften und Soziologie studiert, also einen viel weiteren Horizont als so normale Theologen wie ich hat.

Mathias Albracht beginnt mit einer kurzen Anekdote und liefert dann (Überraschung!) eine kurze autobiographische Skizze über seinen Weg in der Theologie und der Kirche. Immerhin werden hier wenigstens einige Stichwortgeber genannt: Lyotard, Levinas und einige Kirchenväter. Wer allerdings erwartet, dass jetzt unter Rückgriff auf Levinas das Fremde, das Andere reflektiert wird, wird auch hier eher enttäuscht, ist der Ertrag des Ganzen doch schlicht, dass der Verfasser kein Priester geworden ist, sondern als Laienseelsorger einen anderen Weg gegangen ist. Ach ja, und auch hier: Lyotard schrieb zwar „Das postmoderne Wissen“, den Begriff selbst hat er allerdings nicht entwickelt (71). Ja, ich weiß, jetzt bin ich wieder der spielverderbende Schriftgelehrte.

Steffi Krapf schreibt über ihre Theaterarbeit als Weg, Kirche und Gemeinschaft zu bauen. Im Theater können Menschen die Freiheit erfahren, die auch für den christlichen Glauben gilt. Sie können „einfach sein“ (90) und „spontan“ agieren. Das Theater könne so ein Ort der Präsenz Gottes sein: „Der Heilige Geist als Abgesandter Gottes zeigt sich für mich übrigens in der Spontaneität und Kreativität. Er wirkt wie Brausepulver, wobei wir Menschen das Wasser sind, und wenn er durch uns fährt, prickelt es so schön!“ (92) Die einzige Frage, die sich mir hier stellt, ist doch: Kann man dieses Brausepulver auch in gutem Kaffee (s.o.) auflösen?

In diesem Stil gehen die anderen Beiträge weiter. Ein kleines Anekdötchen am Anfang, dann ganz viel über sich selbst erzählen und diese eigene Erfahrung als Anker für gutes und neues Denken von Kirche hinstellen[1]. Dass es dafür dann, wie Sebastian Baer-Henney schreibt, eigentlich nicht unbedingt theologische Ausbildung braucht, sondern dass „geleistete Arbeit“ (149) als Einstieg in den hauptamtlichen Dienst in der Kirche reichen sollte, versteht sich dabei fast von selbst. Dass Kirche am besten, so er weiter, ein „Grundvertrauen darauf [hat], dass –  so unverständlich manche der neuen Wege auch sind – der Pionier weiß was er tut“ (153), ist dann in diesem Zusammenhang auch absolut klar.

Was ich, in meinem verklebten Universitäts- und Amtskirchen-Theologen-Sein, also bei der Lektüre gelernt habe, ist Folgendes: Im Kern des Aufbruchs der Kirche stehen einzelne Menschen, die sich selbst eine gewisse Autorität zuschreiben, die auf ihre eigenen Gaben verweisen, sich selbst als Propheten stilisieren und sich zu Pionieren machen. Eine Ausbildung oder wenigstens die Bereitschaft zur kritischen Selbstreflexion braucht es offensichtlich nicht. Hautpsache, man hat etwas Neues beizutragen. Worin dieses Neue besteht?  Im Aufbrechen der alten Formen jedenfalls, in der Feier des Eigenen, in gutem Kaffee. Christliche Inhalte sind nur dann relevant, wenn Sie sich in die Form eines Lifestyles bringen lassen: ja, Christentum muss in diesem Zusammenhang irgendwie hygge[2] sein. Den Rest können wir einfach kappen. Schließlich waren ja Bonhoeffer und Sölle und so auch einfach „Wandernde und Wundernde ihrer Zeit, mit einer heiligen Unruhe versehen und der Erfahrung einer Fremde“ (9). Sie waren eben im Prinzip genauso wie Herrmann und Buiting, Feßmann und Baer-Kenney. Und wenn Bonhoeffer nicht gegen die Nazis hätte Opposition ergreifen müssen und Sölle nicht gegen den Nato-Doppelbeschluss kämpfen wollen, dann hätten die bestimmt auch für besseren Kaffee und mehr Feier des Lebens Partei ergriffen.

Ich muss also, um nochmal zu Anfang zurück zu kommen, meine Meinung tatsächlich ändern. Bis jetzt hielt ich das Ganze irgendwie für eine seltsame Form, die mir nicht entspricht und die ich für nicht ganz richtig halte. Jetzt ist mir völlig klar, dass bloße Skepsis die falsche Antwort ist. Dieser ungefilterte Narzissmus, der sich mit dem Fehlen theologischer (oder irgendwelcher) Tiefe paart, und als Konsequenz das belanglose Feiern des Eigenen propagiert, sich dann dabei auch noch mit prophetischer Autorität versieht, hat nichts Anderes verdient als: Opposition und Widerspruch. Dann bin ich halt weiter ein arroganter Universitätstheologe, der kein Gespür für das Neue mitbringt. Damit kann ich leben, weil „[j]emand muss es tun.“Vielleicht liege ich auch komplett falsch. Kann sein. Aber jedenfalls werde ich mir keine guten Zitate aus meinen Texten auf T-Shirts drucken lassen.

Ein weiser Mann schrieb lange vor mir:

„Hass, damit das endlich klar ist, bedeutet Wahrheit – und etwas mehr Ehrlichkeit. Hass, so wie ich ihn verstehe, hilft unterscheiden: zwischen Gut und Böse, Freund und Feind. Wer diese Unterscheidung nicht will, kennt keine Moral und keine Prinzipien. Dem ist egal, wer an seinem Tisch sitzt, wer ihn unterrichtet, wer sein Land regiert. Der interessiert sich in Wahrheit nur für sich selbst“.
(Maxim Biller)

Diese Selbstbezüglichkeit wenigstens soll man mir nicht vorwerfen.

 

 

 

[1]Um die Herausgeberin zu zitieren: „So sind sie [die Aufsätze] auch als fragmentarische Momentaufnahmen im Prozessgeschehen zu verstehen, die zu großen Teilen fragil und in hohem Maße vergänglich aufmerksam machen auf konkrete Facetten der Veränderungsprozesse der Kirche. Daher lassen sich die Aufsätze untereinander kaum vergleichen und sind exemplarisch für einen Teil von gemachten Erfahrungen mit dem Wandern und Wundern.“ (14) Keine weiteren Fragen, euer Ehren.

[2]http://www.hygge-magazin.de/

Erleben, dass wir viele sind

von Annette Haußmann

Was ist ein Event und was hat Kirche damit zu tun? Diese Frage stellte sich die Übung „Kirche – Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft“ im Vorfeld zum gemeinsamen Besuch des 35. Evangelischen Kirchentags in Stuttgart. Mit der Grundlage des Textes von Harald Schroeter-Wittke1 zum Eventbegriff und der Bedeutung des Kirchentags gelang eine erste Näherung an das Phänomen des christlich-kirchliches Events. Es stellte sich heraus, dass nahezu alle TeilnehmerInnen bereits Erfahrungen mit derartigen Veranstaltungen gemacht hatten – wobei sich die Grenzen als fließend offenbarten: ist ein Weltgebetstag, ein Gemeindefest oder ein monatlich stattfindender Jugendgottesdienst ein Event oder eine ritualisierte Feier oder beides? Die Eindrücke, die von solchen Events zurückbleiben, waren ebenso vielfältig wie die Teilnehmenden:

Viele sind Christen. Wir sind viele.“

Man erlebt Gemeinschaft, und das bestärkt dann auch den Glauben.“

Die reden dort wie wir heute.“

Auch Atheisten gehen dorthin, aber dann verändert sich gar nichts. Und ich frage mich, warum gehen die dann überhaupt dort hin?“

Harald Schroeter-Wittke ist der Überzeugung: „Events sind gut und große Klasse.“2 Stimmt das? In Theorie und Praxis würde das zu überprüfen sein.

Im in der Übung inszenierten Streitgespräch wurde die Frage nach der Notwendigkeit, Sinnhaftigkeit und Zielsetzung des christlichen Events erörtert. Am Beispiel des Kirchentags übernahmen die Studierenden abwechselnd die Perspektive von Teilnehmenden, Mitarbeitenden, aber auch von Ortsgemeinde und PfarrerInnen. Die Argumente für und gegen die Durchführung von Events wurden aus Texten und eigener Erfahrung rekonstruiert und in lebendiger Debatte von pro und contra ausgetragen.

Erstaunliche Erkenntnis: Es geht um Nachhaltigkeit, um Zukunft und Gestalt der Kirche, nicht um das Event selbst. Der stereotyp aufbrechende Kontrast zwischen der Forderung regelmäßiger Mitwirkung in der (Orts-)Gemeinde und punktuellem berechtigtem Projektcharakter brachte schnell an den Punkt, Perspektiven zu hinterfragen. Diskutieren wir in der Rolle des künftigen Pfarrers, der begeisterten Kirchentagsteilnehmerin oder -helferin, des Jugendleiters in der heimischen Ortsgemeinde oder als Kirchenmitglied? Denn das macht einen Unterschied in der Positionierung: stimmen wir in die Klage „zu wenig Beteiligung im Gottesdienst am Sonntag“, „zu wenige Mitarbeitende“, „ständige Herausforderungen durch Projekte“ ein oder sind wir bereit, die Vorzüge eines Großevents gerade im Projektcharakter, der Einmaligkeit, der überschäumenden Atmosphäre und der Unwiederholbarkeit zu sehen?

Das führte zur übergeordneten ekklesiologischen Fragestellung: Wird Kirche als Dienstleisterin verstanden, die durch wechselnde Angebote eine möglichst große Zahl von Menschen mit dem Evangelium anzusprechen hat? Und in welchem Verhältnis stehen dann Tradition bzw. traditionelle Formen und Neuerungen? Pastoraltheoretische, kybernetische und ekklesiologische Aspekte sind also in der Beurteilung des Events so eng miteinander verflochten, dass sich eine systematische Betrachtung nahelegt.

Die Heuristik, die hier im Hintergrund steht, ist die einer Teilnahme- und Mitmach-Kirche, die das Ideal einer regelmäßigen Partizipation an verschiedenen Formen gelebten Christseins – insbesondere die Teilnahme am Sonntagsgottesdienst – in sich trägt. Vor dieser Folie wird das Event schnell zur Angelrute, die Gemeindeglieder begeistern und an Land der Orts-Gemeinde ziehen soll. Vereinfacht: „Menschenfischen“ – eine Aufgabe des Events? Eine ähnliche Verkürzung findet sich in missionarischen Kontexten, die solche Massenveranstaltungen als Methode der Gemeindeentwicklung und zur Gewinnung von Ehrenamtlichen verstehen möchten.3

Das Event als Selbstzweck?

Müssen Events funktionalisiert werden oder kommt ihnen nicht eine eigene Daseinsberechtigung zu, die im Moment des Erlebens, der Punktualität und Eventualität aufgeht und die Frage nach Nachhaltigkeit, Folgen und Mission hinten anstellen lässt? Das Event Kirchentag weckt Begehrlichkeiten, die Gestalt von Kirche zu erneuern, zu verändern, Verbindlichkeiten zu erzeugen, Mission praktisch erlebbar zu machen, dem wahrgenommenen Verlust der Kirchenmitgliederzahlen Einhalt zu gebieten. Diese Gedanken sind verständlich aus der Perspektive einer kleiner werdenden Gemeinschaft, die Angst und Sehnsucht prägt: „wir sind wenige“ – „wir wollen mehr werden“. Eine verkürzte, wenn auch ansteckende Sichtweise, die die Erkenntnis aus der vorletzten Sitzung wegzuwischen drohte. Dort waren wir zur Einsicht gekommen, dass auch gelegentliche oder sogar keine Partizipation an Angeboten eine berechtigte Form der Kirchenmitgliedschaft ist.

Nun sollte das Diskutierte aber praktisch und erlebbar werden: Mit viel Theorie und Reflexion im Gepäck in die Erlebniswelt bunter Schals, neuer geistlicher Lieder und politischer Podien einzutauchen – eine bereichernde Erfahrung für die Übungsteilnehmer, die zum Teil das erste Mal bei einem Kirchentag dabei waren.

Von Perspektiven, Zukunftsentwürfen und Sozialarbeitern. Eindrücke vom Kirchentag

Vor allem auf die Perspektive kommt es an, denn wenn man nur genau hinschaut, entdecke man, wo sich Erneuerungen regen und Heiliger Geist weht, so Dr. Christian Hennecke, dessen Impuls sich als Ermutigung zum Abschied vom Verständnis der Angebotskirche verstehen ließ. „Man muss Altes auch sterben lassen können“, ergänzte Gabriele Viecens.4 Aber wer entscheidet, was sterben muss und was weiterleben soll und weiterbelebt wird? Als Indikator für gute und zukunftsweisende Gemeindearbeit sei die Leidenschaft, das „Brennen für die Sache“, mit der etwas betrieben werde. Diese positivistische Sicht hinterfragten die Studierenden kritisch. Brennen allein reicht nicht, notwendig sind auch personelle, finanzielle und strukturelle Ressourcen. Und was geschieht wenn sich Tradition und Neues nicht miteinander vereinen lassen? Fragen, über die sich ein längeres Nachdenken lohnt.

Apropos Perspektive: Theologen und Pfarramtsstudierende hören anders hin. Genauer, differenzierter und theologischer. Die Vernetzung mit Wissensinhalten und das Hineinstellen der Informationen in einen größeren theologischen Horizont, das gehört mit zu den theologischen Kompetenzen, die im Studium erworben werden und es schützt vor Pauschalisierung und dem Glauben an zu einfache Lösungen.

Zweitens hören gerade Pfarramtsstudierende mit sehr aufmerksamen ‚Appellohren‘, wenn es um Veränderungsprozesse in Kirche und Gemeinde geht. Der stereotype Ruf nach den besser ausgebildeten Pfarramtskandidaten nahm in den Veranstaltungen immer wieder prominenten Raum ein. Mehr Netzwerken, das Wachsende unterstützen, aus den wenigen mehr machen, Atheisten für die Kirche gewinnen.5 Diese floskelhaften Forderungen stellen nicht nur Rückfragen an die Eignung des Einzelnen, sondern hinterfragen auch die theologische Ausbildung. Kommen in der Lehre die Persönlichkeitsbildung und der Ausbau von Kompetenzen wie (Selbst)Management und Beziehungspflege zu kurz? Provokant gefragt: Wird der Theologe/Pfarrer zum Sozialarbeiter? Wie kann es gelingen, die wahrgenommene Zweiteilung von Praxiselementen und theologischer Theorie aufzubrechen und deren unteilbare Zusammengehörigkeit deutlicher zu machen?

Am Ende steht die Beobachtung im Raum, dass sich die Perspektive der werdenden PfarrerInnen nicht von der der Teilnehmenden, Mitfeiernden, Konsumierenden trennen lässt. Der Gedanke an die eigene berufliche Zukunft lässt sich gerade beim Nachdenken über kirchliche Zukunft nicht wegwischen. Wie wird es sein, wenn ich selbst die Kanzel besteige: Wie viele werden mir zuhören? Wie gewinne ich die junge Generation? Vorbilder sind notwendig, um der neuen Generation im Pfarramt Wind in die Segel zu geben. Es erfordert Mut, diesen vielfältigen und herausfordernden Beruf beherzt zu ergreifen, nach eigenen Vorstellungen zu formen und Kirche mitzugestalten.

Damit wir klüger werden!

Unser Fazit am Ende der Veranstaltung: Das Event Kirchentag ist klasse, die Stimmung und Atmosphäre, das Erleben der Massen und die lebendigen gesellschaftspolitischen Diskussionen. Kehrseite der Massenveranstaltung ist die Pauschalisierung von Inhalten und Argumenten – eine Ermutigung dazu, differenzierte, theologische und wissenschaftliche Perspektiven einzunehmen. Und eine Ermutigung, das Studium als einen Ort der Erkenntnis und des kritischen Hinterfragens in seiner inhaltlichen Berechtigung verstärkt wahrzunehmen. Die Studierenden sind dabei auf einem sehr guten Weg

Selbstvorstellung:

Annette Haußmann, Diplom-Theologin und Diplom-Psychologin, aktuell Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Praktische Theologie der LMU München bei Prof. Dr. Christian Albrecht. Ich arbeite an einer Dissertation in der Praktischen Theologie zum Thema Religiosität, Belastungen und Ressourcen in der Pflege, Zur Rolle von Religiosität bei pflegenden Ehepartnern, betreut von Prof. Dr. Birgit Weyel, Universität Tübingen. Sonstiges: Grenzgängerin zwischen Theologie und Psychologie, München und Tübingen, Natur und Kultur, Arbeit und Leben, engagiert in der Diakonie (Vorträge, ehrenamtliche Mitarbeit in Gremien) und Jugendarbeit (Organisation von Tagen der Orientierung für Schulklassen, ejw Stuttgart).

1 Harald Schroeter-Wittke, Evangelische Kirche und Eventkultur, in: Jahrbuch für evangelische Kirchengeschichte des Rheinlandes 62 (2013), 221–240.

2 A.a.O., 222.

3 Z.B. Michael Herbst, „Event-ualität“ – neue Normalität in Gemeinde und Kirche? In: Theologische Beiträge 44. 2013, 4 / 5., 202-217.

4 Veranstaltung „Glänzende Aussichten – wie Kirche neu aufbricht“.

5 Veranstaltung „Ich bin nicht religiös. Ich bin normal!“ Konfessionslosigkeit als Herausforderung für die Kirche.