Rezension: Wolfgang Thönissen, Luther. Katholik und Reformator

9783897107014

Thönissen, Wolfgang, Luther. Katholik und Reformator, Paderborn / Leipzig 2017.

Rezensiert für www.nthk.de von Jonathan Reinert am 9. Oktober 2017, veröffentlicht am 14. Dezember 2017.

 

Während ich im Zug sitze und diese Rezension schreibe, spricht mich die neben mir sitzende Mitreisende, die das Cover des Buches entdeckt, an: „Ich bin gerade etwas verwirrt … Luther – war der nicht evangelisch?“ Gute Frage. Und entsprechend hat auch der Autor in seinem Vorwort die Frage umgekehrt vorweggenommen: „Luther – katholisch?“ (7) 2017, im Jahr des Reformationsjubiläums, das die evangelischen Kirchen groß feiern – so erkläre ich meiner Sitznachbarin –, fragt sich auch die katholische Kirche (und die evangelischen ebenso), wie sie sich zur Reformation und zu Luther verhält.

Wolfgang Thönissen, Direktor des (katholischen) Johann-Möhler-Instituts für Ökumenik in Paderborn, antwortet: Luther zeigt gewissermaßen zwei Gesichter, die im Titel wie auf dem Cover des Buches festgehalten sind. Er ist beides – Katholik und Reformator. Das eine soll aber nicht gegen das andere ausgespielt werden: „Wenn wir auch nicht leugnen können oder wollen, dass Luther der Reformator ist, so bleibt doch bedenkenswert, dass er in seinem Selbstbild katholisch sein wollte.“ (10) Katholisch zu sein müsse nicht bedeuten, „Mitglied der konfessionell identifizierbaren römisch-katholischen Konfessionskirche“ (10) zu sein, sondern könne wie im Falle Luthers anhand einer „katholischen Denkart“ (10) abgelesen werden. Wie soll das geschehen? Nach Lektüre des Buches scheinen mir vier Aspekte wesentlich:

(1.) Das angesprochene ‚katholische‘ Selbstverständnis Luthers sei ernst zu nehmen. Thönissen spricht im Anschluss an Augustinus Sander von Luthers ‚konfessorischer Katholizität‘ (vgl. 115), also dass sich Luther selbst auf Grundlage der Heiligen Schrift im Rahmen der altkirchlichen Bekenntnisse als Theologe der einen, christlichen, d.h. katholischen Kirche verstand und als solcher dachte.

(2.) Für die Verortung in der Tradition hält der Autor den Weg, den Melanchthon in seiner ‚Historia Lutheri‘ 1546 nach Luthers Tod gewiesen hat, für besonders geeignet: Von Luther zu Bernhard von Clairvaux, von Bernhard zu Paulus und von Paulus zu Augustinus (vgl. 34-41). Auf diesem Weg können man das „Beziehungsgefüge Christus, Evangelium und Glaube“ (40) als den „Anker, das Prinzip und den Ansatz der Theologie Luthers“ (40) in der kirchlich-theologischen Tradition über die Jahrhunderte hinweg verorten.

(3.) Methodisch unterscheidet Thönissen zwischen der in der genannten Tradition verwurzelten Denkart Luthers (‚der Katholik‘; vgl. 115-121) und der Wirkung seines Denkens (‚der Reformator‘), welche als Reformation incl. Kirchenspaltung bekannt ist und ein Ergebnis (kirchen-)politischer Vorgänge gewesen sei: „Luther mag als Reformator von der katholischen Kirche verbannt worden sein, seine reformerische Theologie, sein Denken ist es keineswegs.“ (41)

(4.) Schließlich seien die zahlreichen ökumenischen Gespräche und Erfolge der letzten Jahrzehnte zu würdigen und ernst zu nehmen, wodurch auch ersichtlich geworden sei, dass Luther auf dem Konzil von Trient nicht nur verurteilt, sondern auch implizit rezipiert worden sei (vgl. 102-114). Neben der Rechtfertigungslehre und dem Verhältnis von Schrift und Tradition versucht Thönissen auch an den Themen Eucharistie und Amt darzustellen: „Indem man die Denkformen, die nicht identisch sind, komplementär aufeinander bezieht, ohne sie gegenseitig zu reduzieren, werden Verständigungen zwischen ihnen möglich, die einen Konsens in Grundwahrheiten zu formulieren erlauben. Der Konsens trägt differenzierende Urteile, die sich nicht kontradiktorisch ausschließen. […] der Streit des sechzehnten Jahrhunderts [ist] zu Ende.“ (114) Das klingt toll und für die Rechtfertigungslehre hat man dies auch offiziell festgestellt. Aber sind nicht gerade Eucharistie und Amt nach wie vor die Knackpunkte der gegenwärtigen lutherisch-katholischen Diskussion? Thönissens kurzer Hinweis, im Zusammenhang der Amtsfrage seien „freilich […] noch viele Fragen ungeklärt“ (110) liest sich jedenfalls so, als handle es sich dabei nur Nebensächlichkeiten.

Das Buch ist erkennbar ein Ergebnis jahrelanger, intensiver Überlegungen. Sein Ziel ist es, theologisch Interessierten darzulegen, was es heißt, dass ‚Luther keine Spaltung, sondern eine Reform der Kirche wollte‘ – wie der quasi-offizielle Programmspruch für die Ökumene zwischen evangelischer und katholischer Kirche für das Reformationsjubiläum lautet. Geschrieben scheint es von einem Katholiken für Katholiken, die eben diese Frage beschäftigt, wie sich die (römisch-)katholische Kirche zu Luther und den Kirchen der Reformation verhalten soll. Ökumenisch engagiert und mit großer Kenntnis zeigt Thönissen: Von Luther kann man auch als guter Katholik eine Menge lernen, denn er selbst war in gewisser Hinsicht auch Katholik; sich mit ihm zu beschäftigen lohnt sich. Den evangelischen Rezensenten freut dies, weil er derselben Meinung ist.

In Endnote Nr. 6 ist im Übrigen die Information versteckt, dass es sich bei dem Büchlein um eine überarbeitete Kurzfassung des ein Jahr zuvor bei denselben Verlagen erschienenen Werkes „Gerechtigkeit oder Barmherzigkeit? Das ökumenische Ringen um die Rechtfertigung“ handelt. Obwohl das vorliegende Buch tatsächlich weitgehend in den dortigen Rahmenkapiteln eins bis drei und acht enthalten ist, hat es mit der Frageperspektive auf Luthers Katholizität durchaus etwas konzeptionell Eigenständiges.

 

Jonathan Reinert hat in Jena, Göttingen und Tübingen evangelische Theologie studiert und arbeitet derzeit an einer kirchenhistorischen Dissertation über Passionspredigten im 16. Jahrhundert in Jena. Er ist Geschäftsführer des Evangelischen Bundes Württemberg und Schriftleiter der Zeitschrift „ichthys“.

Gottesdienst für die ganze Gemeinde oder: Kinder willkommen?

von Claudia Kühner-Graßmann

Prolog: Dieser Beitrag entstand aufgrund von Wut und Enttäuschung. Wut und Enttäuschung darüber, dass unser dreijähriger Sohn quasi aus dem Gottesdienst geworfen wurde. Es handelte sich um einen großen Festgottesdienst zum Reformationsjubiläum. Unser Kind geht gerne in die Kirche, liebt Orgelmusik und ist als Pfarrerskind sehr vertraut mit dem Setting. Er ist aber auch ein Kind, das alles besprechen muss und viele Fragen hat. So will er alles über den Gottesdienst wissen und singt fleißig mit (eigene Melodie und Text, versteht sich). Als er bei der Predigt etwas aufgedreht wurde, suchte mein Mann mit ihm die Spielecke auf. Dort spielte er und plapperte dabei mit anderen Kindern. Sie diskutierten über die richtige Anordnung von Puzzleteilen und schauten sich gemeinsam Wimmelbücher an. Die Konsequenz: einige Gottesdienstbesucher beschwerten sich bei meinem Mann und hielten ihn an, das Kind bitte ruhig zu stellen. In der Spielecke. Ja, unser Sohn war nicht das einzige Kind, mein Mann aber das einzige Elternteil. Der Küster blieb zwar freundlich, machte aber durch sein Verhalten deutlich, dass das Kind eine Störung sei.

Das Ergebnis: wir verließen während des Abendmahls den Gottesdienst. Mit einem weinenden Kind, das gerne in der Kirche geblieben wäre. Noch während des Aufbruchs wurde mein Mann von mehreren Gottesdienstbesuchern mit Beschwerden und Erziehungsratschlägen konfrontiert.

Anlässlich dieses Erlebnisses, das uns sehr ärgerte, möchte ich ein paar Überlegungen zum Gottesdienst, seinem Sinn und (gerechtfertigten) Erwartungen an ihn anstellen, die in der Frage nach Kindern im Gottesdienst münden sollen.

1. Gottesdienst als Wort-Antwort-Geschehen der ganzen Gemeinde

Da es sich bei dem Gottesdienst, der Anlass zu diesen Überlegungen gibt, um einen Gottesdienst zum Reformationsjubiläum handelte, bietet es sich an, einen Blick auf denjenigen zu werfen, der in diesem Zusammenhang am meisten gefeiert wurde: Martin Luther.

Luthers sog. Torgauer Formel beschreibt den Gottesdienst als Wort-Antwort-Geschehen zwischen Gott und Gemeinde.1 Dabei betont er, dass der Gottesdienst eine „ordentliche, allgemeine, öffentliche Versammlung sei, weil man nicht für jeden einen besonderen Ort bestellen kann und auch nicht in heimliche Winkel gehen soll, auf daß man sich dort verstecke.“2 Es handelt sich also um eine öffentliche Versammlung der ganzen Gemeinde. Natürlich ist die Antwort der Gemeinde für Luther keine chaotische Rede aller. Vor Augen steht ihm eine geordnete Veranstaltung, bei der ein ordentlich Berufener predigt und die Gemeinde gemeinsam in geordneter Weise einstimmt mit Gebet und Gesang. Als öffentliche Versammlung aller Glaubenden gibt es, das sei zuerst festzuhalten, keine Voraussetzungen für die Teilnahme außer dem Glauben (und wer möchte diesen schon seinem Nächsten absprechen?).

Wie sieht es dann mit der Ordnung dieses Gottesdienstes aus, der Liturgie? Diese wird häufig ehrfurchtsvoll behandelt und Störungen im Geschehen als besonders frevelhaft wahrgenommen. Luther ist hier pragmatisch: an den äußeren Ordnungen sei nichts gelegen. Sie sollen lediglich dem Nächsten und einem pädagogischen Zweck dienen, etwa auch um des „jungen Volks willen“.3 Die Liturgie ist also nichts Göttliches. Vielmehr dienen die Ordnungen der Versammlung der Glaubenden. Nimmt man dazu Luthers dialogisches Gottesdienstverständnis, dann handelt es sich nicht um ein rein rezipierendes Geschehen. Nein, die Gemeinde soll aktiv dabei sein – in Gebet und Gesang. Alles geordnet, aber aus praktisch-pragmatischen und pädagogischen Gründen.

Mit Luther kann also etwas von dem ehrfürchtigen Ernst genommen werden, der für einige Gottesdienstbesucher korrektes Gottesdienstverhalten charakterisiert. Hinzu kommt eine immer noch existierende besondere Ehrfurcht vor der Pfarrperson. Bleibt man auch hier bei Luther, so fällt der qualitative Unterschied von Pfarrern und Laien weg – Priestertum aller Getauften eben. Natürlich existiert ein Unterschied, der aber als funktionaler zu beschreiben ist, da die Pfarrerin als Theologin quasi Profi und durch ihr Amt in besonderer Weise verantwortlich ist.

Entspannt sich der Umgang mit Liturgie und Pfarrern dahingehend, dass ihre Rolle pragmatisch und funktional verstanden wird sie verstanden werden, können wir Protestanten eine Sache ernst nehmen: Gottesdienst feiern. Und zwar feiern als zum Gotteslob versammelte Gemeinde aller Gläubigen. Dafür gibt es keine menschlich überprüfbare Eintrittskarte und kein Mindestalter. Natürlich unterliegt diese Versammlung einigen Regeln, die das gemeinsame Gotteslob ordnen. Dazu gehört auch der Respekt vor der Pfarrerin, der etwa verbietet, während der Predigt ständig dazwischenzurufen. So gilt es, die Waage zwischen Respektlosigkeit und überernster Ehrfurcht zu wahren. Es geht um Gottes Wort (und Sakrament) und nicht um die richtige Gebetshaltung oder besonders konformes Verhalten, denn dafür gibt es kein Fleißbildchen! Wäre dem so, handelte es sich letztlich nicht um Gottesdienst, sondern um Werkgerechtigkeit. Diese ist aber mit der reformatorischen Erkenntnis der Rechtfertigung allein aus Gnaden obsolet.

2. Erwartungen an den Gottesdienst

Es scheint so zu sein – von empirischen Untersuchungen gestützt4 –, dass bei all den unterschiedlichen Erwartungen an den Gottesdienst diejenige hervorsticht, dass er etwas „Anderes“ zu sein habe. Ein bisschen weg vom Alltag, aber diesen aufnehmend und in diesen hinein scheinend. Was das konkret heißt, divergiert wiederum stark. Es zeigt sich, dass man mit einer Vielzahl von Erwartungen konfrontiert wird, die nicht alle erfüllt werden können. Dabei wird aber vor allem eines deutlich: Man wird es nie Allen Recht machen können! Jeder Gottesdiensteilnehmer geht wiederum einen Kompromiss ein, denn nicht jedes spirituelle Bedürfnis wird gestillt. Jeder nimmt aber auch etwas anderes mit: ein bestimmtes Lied, die Predigt, eine besondere Gebetsformulierung, den Hall der Kirche…

Bei gar nicht so wenigen Gottesdienstteilnehmern scheint eine gewisse Furcht davor zu bestehen, etwas falsch zu machen, etwa an der falschen Stelle aufzustehen. Gemeindegottesdienste sind meistens gut eingespielte Veranstaltungen der Kerngemeinde – so jedenfalls der Eindruck. Genau diese Furcht davor, etwas falsch zu machen, vielleicht gar etwas zu verpassen, was für das Seelenheil wichtig sein könnte, auf der einen Seite und die gut eingespielte Kenner auf der anderen, die nicht selten als Wächter des rechten Gottesdienstverhaltens auftreten – dieses Zusammenspiel der Rollen lässt die Szenerie häufig steif und streng wirken, gerade für Außenstehende und weniger versierte Gottesdienstbesucher.

Wie kann dem entgegnet werden? Ich möchte hier keine konkreten praktischen Ratschläge ausbreiten, sondern vielmehr dazu anhalten, den Gottesdienst zu entmythologisieren und als Gemeinde der Gläubigen zu feiern. Die Verantwortung liegt hierbei beim Pfarrer, bei der Pfarrerin, anderen Hauptamtlichen und beim leitenden Kreis der Gemeinde. Willkommenskultur statt Kirchenzucht gilt es zu proklamieren. Konkreter gehört dazu auch, zu hohen Erwartungen etwa an den Geräuschpegel entgegen zu wirken. Leiterinnen und Leiter einer Gemeinde müssen dafür einstehen, dass Gottesdienste eine Veranstaltung für alle ohne Eintrittskarte sind! Selbstverständlich sind sie auch dafür verantwortlich, die Ordnung einzuhalten. Von deren Sinn und Status war bereits die Rede. Aber es spricht nichts dagegen, zwischendurch die Toilette aufzusuchen, dem Nachbarn einen Gedanken mitzuteilen oder ein Kind zu stillen. Es darf nicht vergessen werden, dass gerade durch die Öffentlichkeit des Gottesdienstes und seine zentrale Stellung, die ihm doch im Gemeindeleben zukommen sollte, die Gemeinde sich hier durch ihre engsten Glieder, der sog. Kerngemeinde, und ihrer Mitarbeiter präsentiert. Der Eindruck, den ein Gottesdienst hinterlässt, so meine These, wird nicht nur durch Predigt und Gestaltung durch den Pfarrer oder die Pfarrerin geprägt. Auch die Gestaltung des Raumes und nicht zuletzt die Haltung der Gemeinde gegenüber dem Gottesdienst spielen ebenfalls wichtige Rollen. Dieses Setting als Ganzes ist so einzurichten, dass man sich willkommen und nicht als Störer fühlt.5

Gottesdienst ist Raum für Besinnung, aber in erster Linie gemeinsames Gotteslob der Gemeinde unter Leitung einer Pfarrerin (oder einer anderen berufenen Person). Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Überhöhte Erwartungen müssen nicht bedient werden. Das bedeutet nun aber nicht, dass Gottesdienste unprofessionell und nett-verkruscht sein sollen. Nein! Man darf vom theologischen Profi ruhig eine gut vorbereitete Performance verlangen und einklagen. Aber das Setting selbst ist kein Göttliches. Der Geist weht, wo er will, und kommt nicht nur dann, wenn alle besonders ehrfurchtsvoll erschaudern.

Noch eine kleine ekkelsiologische Bemerkung: der einzelnen Gemeinde muss bewusst sein, dass sie als Teil der gesamtem Kirche agiert. D.h. auch, dass schlechte Erfahrungen zumeist auf die Kirche als ganze projiziert werden. Die einzelne Gemeinde ist immer mehr als ihre konkret versammelte Gestalt. Das wird im Gottesdienst ja gerade deutlich. Zwar feiert eine Gemeinde gemeinsam Gottesdienst, aber es geht nicht darum, sich selbst zu feiern. Gottesdienst ist eine öffentliche Veranstaltung der Gemeinde, die diese zugleich im Sinne der Gemeinde aller Gläubigen transzendiert.

3. Kinder im Gottesdienst – Qual oder Freude?

Eine Veranstaltung, die dem gilt, der die Kinder eigens zu sich ruft und der ihre Fähigkeit zu voraussetzungsloser Liebe zum Vorbild des Glaubens macht, kann ja eigentlich nicht anders gedacht werden, als einladend für Kinder. Einfach gesagt, aber schwierig umzusetzen. Denn Gottesdienst mit Kindern bedeutet vor allem für Eltern Stress. Selbstverständlich existiert ein Druck, das Kind „ruhig“ zu halten. Was das bedeutet und wie das geht, wissen vor allem ältere Gottesdienstbesucher ganz genau. Natürlich kann ein gewisser Grad an Anpassung verlangt werden, etwa sollte kreischendes Fangenspielen im Kirchenschiff während der Predigt unterbunden werden. Aber darum geht es nicht. Das dürfte den Meisten klar sein. Es geht vielmehr darum, Kinder nicht nur zu dulden, sondern als Teil der Gemeinde wahrzunehmen. Und als solche gehören sie selbstverständlich zu den Teilnehmern des Gottesdienstes. Neben den vielen Forderungen nach mehr zielgruppenorientierten Angeboten sollte daher an der Zielvorstellung des Sonntagsgottesdienstes als Mitte der Gemeinde zumindest als Idee festgehalten werden6 (Überlegungen zur angemessenen Gestaltung stehen auf einem anderen Blatt).

Meiner Meinung nach entbindet dies aber auf der anderen Seite nicht vom Angebot des Kindergottesdienstes. Schon allein aus pädagogischen Gründen ist es sinnvoll, kindgerechte Formen von Liturgie und Verkündigung zu finden. Aber diese sollen letztlich einen Mehrwert für die Kinder haben und eben nicht die Kinder aus dem Gottesdienst fernhalten, damit etwa Eltern einmal ihre Ruhe haben (was für mich als Mutter natürlich verlockend ist) oder andere Gottesdienstbesucher nicht gestört werden. Lässt sich ein regelmäßiger Kindergottesdienst nicht realisieren, dann ist eine Spielecke eine Möglichkeit, wie es sie in vielen Kirchen gibt. Das ist durchaus sinnvoll, denn für viele Kinder ist es eine Zumutung, so lange zu sitzen. Allerdings kann deren Zweck lediglich sein, Kinder zu beschäftigen und damit ihre Laune zu heben.Wie und wo dies gestaltet wird, muss im Einzelfall beraten werden. Aber der Grundton sollte in jedem Fall ein einladender und nicht ein ausladender sein.

Von dieser einladenden Haltung wird die Kirche als Ganze hoffentlich lange zehren. Denn wie soll sich jemand für die Kirche begeistern, wenn er oder sie in der Kindheit erfahren hat, dort nicht willkommen zu sein? Besteht dieses diffuse Gefühl, nicht willkommen sein, dann helfen der beste Konfirmandenunterricht und andere Eingliederungsmaßnahmen nicht. Verantwortlich dafür ist dabei die konkrete Ortsgemeinde.

Ich plädiere dafür, Kinder nicht nur als Störenfriede oder notwendiges Übel wahrzunehmen, sondern auch von ihnen zu lernen. Von ihrer Unbedarftheit in Glaubenssachen. Vom unverkrampften Verhalten im Gottesdienst. Von der Begeisterungsfähigkeit für viele Dinge. Andersherum sollte man sich dessen gewiss sein, dass wir Erwachsene zugleich Vorbilder für diese Kinder sind. Sie schauen sich von uns ab, wie man sich im Gottesdienst verhält. Wie man mit Mitmenschen umgeht. Und wollen wir wirklich motzende, moralisch überhebliche Erwachsene heranziehen (sofern sie dann überhaupt noch in die Kirche kommen und nicht vertrieben werden)? Der Umgang mit Kindern im Gottesdienst ist viel mehr als ein Empfindlichkeitsproblem. An ihm entscheidet sich – natürlich nicht nur, aber zu entscheidenden Teilen – die Zukunft der Kirche. Für diese Zukunft sind wir Gott sei Dank nicht allein verantwortlich, aber wir als erwachsene Gottesdiensteilnehmer tragen dazu bei, ob die jungen Gläubigen sich wohl oder fremd in der Kirche fühlen. Lasst die Kinder dazukommen! Gottesdienst kann Auszeit vom Alltag bedeuten – aber nicht Auszeit vom Leben. Und Gottesdienst als Feier der Gemeinde muss lebendig sein, soll er nicht zu werkgerechtem Lippenbekenntnis, bildungsbürgerlicher Kulturpflege oder einer rein formalen Angelegenheit verkommen.

Epilog: Wir sind immer noch sauer. Vor allem angesichts der Tatsache, dass die Gemeinde ein solch kinderfeindliches Verhalten an den Tag legte. Der Sohn bekam im Anschluss an das frustrierende Erlebnis ein Eis. Die Eiswaffel teilte er freiwillig mit seiner kleinen Schwester – vorbildlich! Wir werden ihn aber weiterhin in den Gottesdienst mitnehmen, wenn kein Kindergottesdienst stattfindet oder ein besonderes Fest gefeiert wird, an dem wir als Familie teilnehmen wollen. Und wird werden uns weiterhin genervte Blicke und übergriffige Kommentare anhören müssen. Das wird sich leider wohl nicht ändern. Aber es wäre erträglicher, wenn wir wüssten, dass die Gemeinde, ihre Leitung und ihre Mitarbeiter hinter uns stünden, Kinder im Gottesdienst ausdrücklich begrüßten und sie nicht als Störenfriede wahrnehmen würden.

Wir werden trotzdem bei jedem Gottesdienstbesuch gestresst sein und das Kind dazu anhalten, zumindest zu flüstern. Wir werden ihm aber auch weiterhin geduldig seine Fragen beantworten. Seine Fragen nach Formulierungen in Gebeten, Liedern und Bibeltexten. Seine Fragen nach der Kleidung des Pfarrers. Seinen Fragen nach anderen Gottesdienstbesuchern. Und hoffen, dass seine Begeisterung für Jesus und biblische Geschichten anhält und nicht durch solch negative Ereignisse getrübt wird.

 

 


1 Vgl. Luther, Martin: Kirchweihpredigt zur Einweihung der Schloskirche in Torgau (1544), in: Michael Meyer-Blanck, Liturgie und Liturgik. Der evangelische Gottesdienst aus Quellentexten erklärt, Göttingen 22009, S. 32-35.

2 A.a.O., S. 33.

3 Luther, Martin: Deutsche Messe und Ordnung des Gottesdienstes (1526), in: Meyer-Blanck 2009, S. 45-60: 46.

4 Vgl. Pohl-Patalong, Uta: „Eine Stunde etwas Anderes“. Empirische Einsichten und konzeptionelle Überlegungen zum evangelischen Gottesdienst, in: PTh 101 (2012), S. 214-230 und Dies.: Gottesdienst erleben. Empirische Einsichten zum evangelischen Gottesdienst, Stuttgart 2011.

5 Dass ein Willkommenskultur-Defizit besteht, wird in einigen Diskussionen, vor allem in sozialen Netzwerken, deutlich. Die Gründe hierfür werden an unterschiedlicher Stelle gesucht und reichen von fehlerhafter Zielgruppenorientierung bis zu ungenießbarem Filterkaffee und zu kleinen Tassen.

6 Vgl. dazu Pohl-Patalong, Eine Stunde etwas Anderes, S. 230.

Rezension: Peter Neuner, Luthers Reformation

Neuner, Peter, Martin Luthers Reformation: Eine katholische Würdigung, Freiburg / Basel / Wien 2017.

Rezensiert für www.nthk.de von Tobias Jammerthal am 29. August 2017.
Veröffentlicht am 26.10.2017

Das Reformationsjubiläum 2017 soll in ökumenischer Verbundenheit als Christusfest gefeiert werden: ihrer sonstigen Meinungsverschiedenheiten ungeachtet, stimmen alle maßgeblichen mit diesem Jubiläum befassten Stellen und Personen hierin überein. Entsprechend hat der Ökumenische Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologen unter dem Titel „Reformation 1517-2017: Ökumenische Perspektiven“ ein schon allein der beteiligten Personen wegen hochkarätiges und gewichtiges Dokument vorgelegt; bereits 2015 hatten sich der Ratsvorsitzende der EKD und der Vorsitzende der römisch-katholischen deutschen Bischofskonferenz in einem Briefwechsel auf Eckpunkte eines gemeinsamen Wegs hin auf den 31. Oktober 2017 verständigt. Auch der Verfasser der hier vorzustellenden Studie ist kein Unbekannter: Peter Neuner, von 1985-2006 Ordinarius für Dogmatik und (seit 2000) ökumenische Theologie an der römisch-katholischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität zu München und Leiter des Ökumenischen Forschungsinstituts daselbst, ist durch seine zahlreichen Veröffentlichungen zur Ökumene bekannt, unter denen die erstmals 1997 erschienene „Ökumenische Theologie“ sicherlich nicht den letzten Platz einnimmt.

Mit „Martin Luthers Reformation“ unternimmt Neuner nun den Versuch, sich aus römisch-katholischer Perspektive theologisch positiv mit dem Denken des Reformators auseinanderzusetzen. Die Studie besteht aus einem historischen und einem systematischen Hauptteil: Neuner beschreibt zunächst die evangelische Rezeption Luthers durch die Jahrhunderte (30-66) und stellt ihr einen Gang durch die römisch-katholische Lutherrezeption zur Seite (66-107). Da die konfessionelle Aufnahme und Weiterführung der Anliegen des Reformators auf der einen und seine nicht minder konfessionelle Zurückweisung auf der anderen Seite keine Verständigungsperspektive zu bieten scheinen (27, vgl. 107), unternimmt es Neuner sodann – deutlich in der Schule Otto Hermann Peschs, dessen Andenken die Studie nicht umsonst mit gewidmet ist (15) –, auf Luther selbst zu rekurrieren: der vorkonfessionelle Theologe ist es, von dem sich Neuner Perspektiven für die Ökumene erhofft. Entsprechend widmet er sich unter der verheißungsvollen Überschrift „Worum es Luther ging“ (107-128) der Rekonstruktion der Rechtfertigungslehre und ihrer Rolle im lutherisch-römisch-katholischen Dialog seit dem Zweiten Vatikanum. Sie hatte Neuner bereits in seiner Einleitung zum Lackmustest jeder Lutherdeutung erklärt: „Sie […] hat Luthers Lehre und seinen Lebensweg zentral bestimmt. Alle anderen Aspekte seines Lebens und seiner Wirkungsgeschichte können von dieser Mitte her plausibel werden. Was ihr widerspricht, beruft sich nicht zu Recht auf ihn.“ (27). Entsprechend kann nur von der Rechtfertigungslehre aus die Frage beantwortet werden, „wer Luther war, was ihn im Tiefsten bewegt hat, was auch heute die Kirchen prägt, die sich auf ihn berufen.“ (107). – Angesichts dieser starken Worte hätte sich der Rezensent im entsprechenden Teil der Studie dann freilich auch gewünscht, dass dieses Lehrstück stärker positiv bestimmt worden wäre: während Neuner „Die Botschaft von der Rechtfertigung“ auf dreieinhalb Seiten abhandelt (118-121) und ihr im gleichen Umfang eine Kurzbesinnung zu Luthers theologia crucis folgen lässt (121-123), breitet er vergleichsweise ausführlich das aus, wogegen sich die Rechtfertigungslehre richtete (108-117) und was vor allem das Konzil von Trient gegen sie geltend machte (123-128). – Der Besinnung auf Luthers Rechtfertigungslehre folgt eine Darstellung der ökumenischen Gespräche seit dem zweiten vatikanischen Konzil (129-153), die inhaltlich in der als „Durchbruch in der amtskirchlichen Ökumene“ gefeierten Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre (GER) von 1997 / 1999 kulminiert, mit der in den Augen Neuners das Verhältnis zwischen evangelischer und römisch-katholischer eine neue Qualität erhalten hat (147). Gemeinsam gelte es nun, die Sache der Rechtfertigung angesichts aktueller Herausforderungen der Säkularisierung und einer tendenziell gnadenlosen Leistungs- und Konsumgesellschaft zur Geltung zu bringen (148-153).

Grundlegend für Neuners Darstellung ist die Hypothese, dass im 16. Jahrhundert „Fragen der Vermittlung des Heils, nicht das Heil in Christus und in der eschatologischen Gemeinschaft mit Gott“ (318) umstritten waren; er sieht insbesondere in der Confessio Augustana von 1530, aber auch in den gemeinhin als antirömisch-polemisch interpretierten Schmalkaldischen Artikeln Luthers von 1536 / 1537 klare Anzeichen dafür, „dass die Kontroversen nicht das Zentrum des Glaubens betrafen, sondern eher an dessen Rand angesiedelt waren“ (314; vgl. 317f).

Der aus der Sprache des Zweiten Vatikanum bekannte Begriff der „Hierarchie der Wahrheiten“ ist, wie Neuner offen zugibt (318f), sein hermeneutischer Schlüssel, um die Verwerfungen der letzten 500 Jahre einzuordnen und zu heilen. Wie das konkret aussehen kann, demonstriert er im zweiten Hauptteil seiner Studie unter dem neugierig machenden Titel „Die Relevanz der Botschaft Luthers für das ökumenische Gespräch heute“ (154-313). Neuner versucht, diese Relevanz herauszuarbeiten, indem er die ökumenisch traditionell umstrittenen Fragen der Schriftautorität und -auslegung (156-176), der Ekklesiologie (177-197), des kirchlichen Amts (197-230) sowie im Besonderen des Papstamtes (230-247), der allgemeinen Sakramentslehre (247-252) mit vertiefenden Betrachtungen zu Taufe (252-261), Abendmahl (261-281) und Ehe (281-291) auf Möglichkeiten eines differenzierten Konsenses hin durchforscht. Dieses Verfahren legt sich Neuner nicht zuletzt durch das Diktum Joseph Ratzingers, dass nicht die Einheit der Kirche, sondern ihre Trennung in jedem Einzelfall der Begründung bedürfe, nahe. 1

Das Ergebnis ist in seinen Augen eindeutig: die klassischen Kontroversthemen haben keine trennende Kraft mehr; die noch bestehenden Unterschiede rechtfertigten keine Trennung (314 u.ö.). Dennoch wäre das Anliegen Neuners missverstanden, wenn man ihm Indifferentismus unterstellen wollte: wie seine den zweiten Hauptteil abschließenden Reflexionen über „ökumenische Zielvorstellungen“ (291-313) zeigen, wenn er etwa davor warnt, unter Verzicht auf Lehrgespräche nur eine Ökumene der (ethischen) Praxis zu propagieren (307-309), die letztlich nicht halten kann, was man sich von ihr verspricht. Demgegenüber greift Neuner auf Überlegungen seines Lehrers Heinrich Fries zurück, dessen mit Karl Rahner gemeinsam erarbeiteter Text „Einigung der Kirchen – Reale Möglichkeit“ (Freiburg 1983) nach Neuner „als katholische Antwort auf das ‚satis est‘ von CA VII“ zu verstehen ist (307): Hat man sich in sorgfältiger theologischer Arbeit davon überzeugen können, dass die jeweils andere Seite auf dem Boden des in der Schrift bezeugten und in den altkirchlichen Symbolen beschriebenen Glaubens stehe, so genüge dies zur Aufnahme kirchlicher Gemeinschaft, während Meinungsverschiedenheiten, die in der Hierarchie der Wahrheiten die unteren Ränge bekleiden, durch vorläufige „Urteilsenthaltung“ (306) entschärft und zum Gegenstand weiterer theologischer Gespräche gemacht werden könnten.

Im Einzelnen wäre mancherlei zu hinterfragen. Dennoch: Es ist energisch zu begrüßen, dass mit Neuner einer der bedeutendsten deutschsprachigen römisch-katholischen Theologen der Gegenwart zeigt, wie eine positive römisch-katholische Rezeption der Impulse der Reformation aussehen könnte – und, dass er damit zugleich in Erinnerung ruft, dass es diese positiven Impulse unstreitig gibt. Reizvoll erscheint dem Rezensenten aber insbesondere folgender Gedanke Neuners: Allenthalben beklagt man, dass die Praxis der Theorie der Ökumene voraus sei, dass die Theologen nicht vorankämen, während man in den Gemeinden doch schon viel weiter wäre. Neuner hält dagegen: für ihn sind zentrale Stolpersteine der Ökumene gerade in einer unreflektierten Frömmigkeitspraxis zu finden (vgl. bes. 323). Sie führen dazu, dass sich ein strukturelles Misstrauen gegenüber den versöhnlichen Worten des Gegenübers ausbreitet. Damit legt er den Finger in die Wunde: die Ökumene kommt nicht durch Theologenschelte weiter, sondern durch die Bereitschaft, von der Theologie auch liebgewonnene Gewohnheiten in Frage stellen zu lassen. Den Anspruch darauf, die eigene Praxis immer wieder neu auf ihre Sachgemäßheit zu überprüfen, sollte in der Tat gerade der Protestantismus nicht fahren lassen. Würde die Gewohnheit zum Maßstab des Richtigen, dann wäre man theologisch wieder dort angelangt, von wo die Reformation ihren Anfang nahm – freilich nicht auf der Seite Luthers.

Tobias Jammerthal ist Redakteur der Rubrik „Klassiker und Rezensionen“.

1 Vgl. 132 mit dem entsprechenden Zitat aus Ratzinger, Joseph, Theologische Prinzipienlehre, München 1982, 21; 213.

Rezension zu: Martin Luther. Here I stand.

Rez. zu: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt u. a. (Hg.), Martin Luther. Aufbruch in eine neue Welt / Schätze der Reformation. Essays und Kataloge im Schuber, 2 Bände, Dresden 2016.

Für www.nthk.de rezensiert von Tobias Jammerthal am 4. Januar 2017 .

Die Reformation des 16. Jahrhunderts ist ein Phänomen mit eminenter Gegenwartsrelevanz. Nirgends wird dies deutlicher als in den Auseinandersetzungen um die ihr gewidmete Dekade, die 2017 kulminieren soll. Dass diese Dekade von den einen energisch gefeiert, von den anderen ebenso energisch verachtet, angegriffen oder verspottet wurde, zeigt unabhängig von den jeweils konkret berührten Sachfragen vor allem eines: wie hoch die Erwartungen an dieses Jubiläum waren und sind – was wiederum nur vor dem Hintergrund dessen erklärbar erscheint, dass sich mit der Erinnerung der Reformation Identitätskonzepte unterschiedlichster Couleur eng verknüpfen.

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Die beiden hier zu besprechenden Bände bilden den Katalog und den wissenschaftlichen Begleitband des Ausstellungsprojektes „Here I stand“, das selbst für die Reformationsdekade, die durch eine Vielzahl von ambitionierten, gut finanzierten und museumspädagogisch wie wissenschaftlich hervorragend konzipierten musealen Projekten gekennzeichnet ist, außergewöhnlich ist. Zwischen Frühherbst 2016 und Anfang 2016 werden in drei renommierten nordamerikanischen Museen verschiedenste Leihgaben gezeigt. Jedes der drei Museen zeigt eine andere Ausstellung, zusammen ergibt sich, wie der Katalog und der Essayband zeigen, ein bewundernswert facettenreiches Bild der Lebensrealitäten in Mitteldeutschland in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, in das Martin Luther pars pro toto für andere Reformatoren eingezeichnet wird. Das Projekt wird auf deutsche Seite vom Landesmuseum für Vorgeschichte (Halle), der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, dem Deutschen Historischen Museum in Berlin und der Stiftung Schloss Friedenstein verantwortet und vom Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland unterstützt; eine umfangreiche Homepage begleitet die Ausstellung.

Der Katalog organisiert das in den drei Ausstellungen dargebotene Material thematisch nach acht Themenbereichen: unter „Fundsache Luther“ (20-45) wird Luthers Herkunft thematisiert, wobei die seit 2003 erfolgten archäologischen Arbeiten in Mansfeld eine zentrale Rolle spielen. Die Themengebiete „Weltliche Macht und höfische Kunst“ (46-90) und „Vorreformatorische Frömmigkeit“ (92-134) bieten ein buntes Panorama der mitteldeutschen kirchlichen und politischen Landschaft des frühen 16. Jahrhunderts, bevor das Leben des Reformators präsentiert wird („Luther als Mönch, Gelehrter und Prediger“, 136-178, „Luthers Theologie“, 180-234, „Luther in Wittenberg“, 226-294). Der obligatorische Blick auf „Polemik und Konflikte“ (296-356) darf nicht fehlen, bevor anknüpfend an Luthers Tod die sich an den Reformator knüpfende Erinnerungskultur in den Blick rückt („Luthers Vermächtnis“, 358-392). Abschließend gehen Jürgen Gröschl und Louis Nebelsick Spuren der Reformation in den Vereinigten Staaten von Amerika nach (396-409), Jan Scheunemann bietet einen summarischen Überblick über die wichtigsten Lutherstätten (410-422). Durchweg sichtbar ist das Bemühen der Verantwortlichen, bei aller erkennbaren Lutherzentrierung ein ausgewogenes Bild der Reformationszeit zu zeichnen. Das Leben Luthers dient hier als eine Art Schaufenster in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts. Kleinere Unrichtigkeiten im Katalogtext fallen da nicht ins Gewicht, so unnötig sie im Einzelfall auch sein mögen.[1]

Der wissenschaftliche Begleitband ist in sieben Themenfeldern organisiert, auf ein eigenes Themenfeld über die Theologie(n) der Reformation wurde verzichtet, statt dessen finden sich Aufsätze zu theologischen Fragestellungen verstreut in allen Themenfeldern. Das mag sich den Herausgebern nahegelegt haben, ist aber nicht durchweg überzeugend.[2] Passend zum Profil des Ausstellungsprojektes thematisiert ein eigenes Themenfeld den nordamerikanischen Protestantismus vor allem, aber nicht ausschließlich lutherischer Prägung („Luther in den Vereinigten Staaten von Amerika“, 370-429).

Dem Anliegen des Ausstellungsprojektes entsprechend ist es auch das Anliegen des Begleitbandes, „von der sowohl geographischen als auch geistigen Herkunft Luthers über die wichtigsten Ereignisse und Aspekte der Reformationsgeschichte und ihrem kunst- und kulturgeschichtlichen Kontext bis hin zum Luthertum in Nordamerika […] den aktuellen Kenntnisstand“ zu repräsentieren (11). Schon ein Blick auf die Verfasser der einzelnen Beiträge zeigt, dass dies gelungen ist: das Autorenverzeichnis liest sich wie ein „Who’s Who“ der gegenwärtigen Reformations- und Frühneuzeitforschung. Louise Schorn-Schütte ist ebenso vertreten wie Thomas Kaufmann. Johannes Schilling und Volker Leppin geben Dorothea Wendebourg und Christopher Spehr die Klinke in die Hand; Stefan Michel ist ebenso vertreten wie Heinz Schilling. Die US-amerikanische Lutherforschung ist ebenso vertreten wie die deutsche Frühneuzeithistorie und die schweizerische Reformationsforschung (diese freilich nur mit einem Vertreter, was dem ansonsten betont internationalen Charakter des Bandes nicht vollends gerecht wird). Wie ernst es der Redaktion damit war, die ganze Breite der Forschung abzudecken, zeigt auch die Tatsache, dass mit Brad S. Gregory sogar ein entschiedener Kritiker der Reformation und des protestantischen Christentums überhaupt zu Wort kommt[3]. Der intendierten breiten Leserschaft wird neben den wissenschaftlichen Abhandlungen durch informative Grafiken und Übersichten die Möglichkeit gegeben, sich einen schnellen Überblick etwa über die Heiratspolitik des 16. Jahrhunderts (84) oder den Briefwechsel der wichtigsten Akteure (190) zu verschaffen. Ob verstreut zur Veranschaulichung eingesetzten Cartoons einen vergleichbaren Informationswert haben, mag indes bezweifelt werden.

Mit den beiden ansprechend gestalteten Bänden ist dem Ausstellungsprojekt „Here I stand“ eine weit über das Ende der eigentlichen Ausstellungen andauernde Rezeption garantiert. Insbesondere der wissenschaftliche Begleitband empfiehlt sich als breitenwirksame Präsentation aktueller Forschung in Bezug auf die allgemeinhistorischen, religionsphänomenologischen und kulturellen Voraussetzungen, Kontexte und Folgen der Reformation vor allem Wittenberger Prägung. Schade nur, dass das sprachliche Niveau der Beiträge sehr unterschiedlich  ist. Die Übersetzung der englischsprachigen Essays scheint um besondere Treue zur Ausgangssprache bemüht gewesen zu sein. Durch den großen Unterschied zwischen englischer und deutscher Wissenschaftssprache entsteht so leider bisweilen zu Unrecht der Eindruck, es mit fachlich naiven Texten zu tun zu haben. Der mit englischer Fachliteratur bekannte Leser wird darüber hinwegsehen können – es bleibt zu hoffen, dass dies auch dem anvisierten breiteren Publikum möglich ist. Denn: dieses Doppelwerk repräsentiert nicht nur die Pluralität gegenwärtiger Reformationsforschung. Es ist zugleich ein schöner Ausdruck für die Potentiale, welche die Reformationsdekade gerade in interdisziplinärer Hinsicht freigesetzt hat.

 

Tobias Jammerthal, Redakteur für „Klassiker und Rezensionen“

[1] Zwei Beispiele: S. 198 „Seit dem Hochmittelalter war in der lateinischen Kirche die Transsubstantiationslehre gängig“. Richtig ist, dass das Lateranum IV 1215 zur Beschreibung des Konsekrationsvorgangs auf dieses Theorem zurückgriff. Der Blick auf die theologische Literatur des 13.-15. Jahrhunderts zeigt aber eine Vielzahl an alternativen Konzepten, um die reale Gegenwart Christi denkerisch zu plausibilisieren. Erst mit Trient wird die Transsubstantiationstheorie zur herrschenden Lehre. – Ferner ist es sachlich doch etwas übertrieben, wenn (S. 247) behauptet wird, Luther habe das Wittenberger Augustinerkloster bei seiner Rückkehr von der Wartburg „geplündert“ vorgefunden.

[2] Die sogenannte „Zwei-Reiche-Lehre“ wird beispielsweise auf einer einzigen Seite statt in einem wissenschaftlichen Aufsatz abgehandelt (322). Dort liest der ob solcher Kooperation dann doch überraschte Theologe, dass das Lexem eine Wortschöpfung von Emmanuel Hirsch und Karl Barth „zusammen“ gewesen sei. Der vorangehende Aufsatz über „Luther und die Politik“ aus der Feder von Benjamin Hasselhorn ist nicht vorrangig an Luthers Obrigkeitstheologie interessiert – was man dem Verfasser nicht zum Vorwurf machen kann. Gerade deshalb hätte jedoch eine theologische Einordnung dieses wichtigen Gebiets reformatorischer Theologie not getan.

[3] Zur Auseinandersetzung mit den aus protestantischer Sicht überaus problematischen Thesen dieses Gelehrten sei dringend verwiesen auf die treffende Rezension von Strohm, Christoph, Brad S. Gregory, The Unintended Reformation. How a Religious Revolution Secularized Society, in: Evangelische Theologie 75 (2015), Heft 2, S. 156-160.

Rezension zu Irene Dingel: Reformation

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Rez. zu.: Dingel, Irene, Reformation. Zentren – Akteure – Ereignisse, Göttingen 2016.

von Jonathan Reinert, den 3. Dezember 2016 .

 

In den vergangenen 500 Jahren wurde wahrscheinlich noch nie so viel über Luther und die Reformation geschrieben wie in der aktuellen Luther- bzw. Reformationsdekade. Für Reformationshistorikerinnen und -historiker ist es zur Selbstverständlichkeit geworden, (mindestens) ein Luther- und/oder Reformationsbuch zu verfassen – Nachfrage und Angebot bedingen sich. Zu Beginn des Jubiläumsjahres veröffentlichte nun auch die Direktorin des Leibniz-Instituts für Europäische Geschichte in Mainz (IEG), Irene Dingel, ihre Darstellung der Reformation. Was dieses Buch ausmacht, lässt sich am besten im Vergleich mit anderen deutschprachigen ‚Reformationsgeschichten‘ der letzten Jahre verdeutlichen. Ertragreich sind dabei folgende Vergleichspunkte, die sich natürlich vielfach wechselseitig bedingen: (1) der Stil und die Perspektive sowie (2) der Aufbau und die Schwerpunktsetzung der Darstellung.

 

(1) Ein „Lese-Buch“ mit theologiegeschichtlichem Fokus

Wer noch eine Marktlücke im Bereich der Reformationsgeschichte sucht, muss irgendetwas anders machen als die anderen. Es gibt gute, aktuelle Lehrbücher z.B. von Gottfried Seebaß[1]  oder Volker Leppin[2]  und es gibt profilierte Entwürfe, wie den C.H. Beck-Kassenschlager von Thomas Kaufmann[3]. Irene Dingel formuliert in ihrem Vorwort, sie hoffe, ein Lese-Buch „im Sinne einer gut lesbaren, sich leicht erschließenden Darstellung“ (9) vorzulegen. Das ist ihr gelungen. Die Autorin beschreibt Ereignisse, Meinungen und Zusammenhänge außerordentlich abgewogen und sachlich; ihr Stil ist gewissermaßen das Gegenteil von reißerisch. Der aktuell aufgeheizten Frage, was wir warum 2017 feiern oder nicht, scheint sie mit einer dem Unparteilichkeitsideal verpflichteten Informationsbereitstellung zu begegnen. Weder ist die Darstellung dabei kleinteilig von Literaturangaben oder Infokästchen durchzogen (wie die Lehrbücher von Seebaß und Leppin), noch wird ein Großnarrativ angelegt und gezeigt, was die Reformation für die europäische Neuzeit alles bedeutet (wie der Entwurf von Kaufmann). Es handelt sich eben um ein informatives Lese-Buch.

Informativ ist es nicht lediglich dahingehend, dass die wichtigen Ereignisse und Vorgänge angehandelt werden; informativ ist es insbesondere hinsichtlich der „theologie- und ideengeschichtliche[n]“ (12) Perspektive, die Dingel gewählt hat. Kontroversen und Einigungsbemühungen der Zeit werden entsprechend nicht lediglich funktional im Blick auf die gesellschaftlichen und politischen Konstellationen, sondern vor allem inhaltlich dargestellt. So erfahren die Leser beispielsweise, welche prägenden „ zwei Prinzipien“ die Auseinandersetzung mit der Wittenberger Bewegung von 1521/22 „ins Bewusstsein gebracht“ (105) hatte; es wird nicht nur gesagt, dass Luther 1525 die Obrigkeit aufrief, die Bauernaufstände niederzuschlagen, sondern auch was er den Bauern vorwarf und welche rechtlichen und theologischen Beweggründe ihn veranlassten (vgl. 211f.); und bei der Abendmahlskontroverse zwischen Luther(anern) und Zwingli(anern) wird nicht nur die in den Marburger Artikeln 1529 festgeschriebene Uneinigkeit hervorgehoben, sondern auch dargelegt, über welche fünf Punkte man in dieser Frage eine Übereinkunft erzielen konnte (vgl. 115). Deratiges kommt beispielsweise bei Kaufmann nicht oder nur am Rande zur Sprache, der dafür ausführlicher auf die druckhistorischen Kontexte des Medienereignisses Reformation und ihre sozialen Trägergruppen Bezug nimmt. Das wiederum steht bei Dingel eher im Hintergrund.

 

(2) Vier Zentren innerhalb einer vielfältigen Bewegung 

Gegliedert ist das Buch in drei Großkapitel: „Hintergründe“ (15-44), „Die Reformation“ (45-248) und „Ausstrahlung“ (249-276) und wird von Personen-, Orts- und Bibelstellenregister abgerundet. Das erste Kapitel beschreibt die politischen, gesellschaftlichen und rechtlichen Strukturen um 1500 (15-24) sowie das religiöse Leben an der Schwelle von Spätmittelalter und Früher Neuzeit (25-45). Obgleich ein solches Hintergrundkapitel zum Standard einer jeden Reformationsgeschichte gehört und Neues kaum zu erwarten ist, ist die gleichzeitige Dichte und Verständlichkeit hervorzuheben, mit der gerade auf den ersten zehn Seiten die komplexen Strukturen beschrieben werden.

Auch ein Blick auf die europäischen Dimensionen der Reformation, hier im dritten Kapitel, gehört inzwischen zum Normalfall einer Reformationsgeschichte und ist ebenso bei Seebaß, Leppin und Kaufmann vorhanden. Bei Kaufmann ist die „Europäizität der Reformation“ (Kaufmann, 10) sogar zum Programm der Darstellung geworden, nachdem er bereits 2009 eine eher klassische Darstellung vorgelegt hat, die auf Deutschland beschränkt war.[4] Daneben gibt es aber auch weiterhin auf Deutschland beschränkte Darstellungen, wie beispielsweise von Rolf Decot[5].

Die eigentliche konzeptionelle Besonderheit von Dingels Lese-Buch besteht im mittleren Hauptteil. Er wird strukturiert durch die Darstellung von vier Zentren der Reformation mit ihren Hauptakteuren, nämlich Wittenberg mit Luther und Melanchthon (47-76), Zürich mit Zwingli (85-99), Straßburg mit Bucer (149-162) und schließlich Genf mit Calvin (229-248). Dass Bucers Wirken und die Straßburger Reformation nicht lediglich als (dogmatisch) zwischen Zwingli und Luther befindlich erwähnt, sondern als eine eigene, den oberdeutschen Raum prägende Gestalt der Reformation herausgestellt werden, unterscheidet Dingels Buch von allen anderen erwähnten Reformationsgeschichten. Ebenfalls ungewöhnlich ausführlich (und darin am ehesten mit Seebaß vergleichbar) wird auf den „Reformatorische[n] Dissent“ (120-148) eingegangen, d.h. auf Täufer, Spiritualisten und Antitrinitarier, die – der theologie- und ideengeschichtlichen Perspektive Dingels entsprechend – mit ihren eigenen Anliegen vorgestellt werden. Ansonsten werden die Vorgänge der Reformation in thematische Kapitel aufgeteilt, wobei insgesamt, d.h. von Wittenberg am Anfang bis Genf in der Mitte des 16. Jahrhunderts, auch in der Anordnung der Themenkapitel eine gewisse chronologische Linie versucht wird. Aktuelle Modethemen wie Wege und Medien der Reformation (77-84) oder Reformation und Bildung (163-172) kommen dabei ebenso zur Sprache wie klassische Aspekte, z.B. Kontroversen und Abgrenzungen (100-119), die Bedeutung der Reichspolitik (173-194) und die militärischen Auseinandersetzungen und Friedensverträge (206-228). Dass auch das Ringen um Konsens (195-205), d.h. Religionsverhandlungen als zwar letztlich gescheiterte, aber doch beachtenswerte Versuche von Ausgleich relativ breit vorgestellt werden, ist wiederum eine Besonderheit.

 

Was die evangelische Kirchenhistorikerin Dingel herausstellt, was sie in ihrer Darstellung weglässt und was entsprechend das von ihr gezeichnete Bild der Reformation ausmacht, wird besonders deutlich in Kontrastierung mit der Reformationsgeschichte des katholischen Frühneuzeithistorikers Decot. Bei diesem stellt sich die Reformation im Wesentlichen als die große Frage zwischen Luther mit seinen Impulsen und der bestehenden Kirche dar. Luther, seine Theologie und der Ablassstreit werden dort auf über 50 Seiten entfaltet und nach Kapiteln über Einführung und Durchsetzung der Reformation (Decot, 109-116 und 134-155) sowie dem Ringen um Einheit, Konzil und Religionsfrieden (156-179) geht es ausführlich um „Die Reform der katholischen Kirche“ (180-218), wobei altgläubige Reformansätze und ihre Protagonisten, die sich mit der aufgekommenen reformatorischen Bewegung auseinandersetzen, ebenso vorgestellt werden wie die Konzilsbemühungen und schließlich der Verlauf und die Beschlüsse des Konzils von Trient. Von all dem, d.h. von den Rückwirkungen der reformatorischen Bewegung auf die bestehende Kirche und die Auseinandersetzung jener Theologen mit der Reformation, die die Reformbedürftigkeit der Kirche ebenfalls sahen, aber den Bruch mit ihr nicht vollzogen haben, erfährt man in Dingels ‚Reformation‘ fast nichts. Dabei wäre es ihr konzeptionell insofern nicht fremd, als sie im ersten Satz der Einleitung die Reformation als „ein[en] historische[n] Prozess, der auf eine umfassende kirchlich-theologische Erneuerung zielte“ (Dingel, 10) definiert. Dass dagegen die reformatorische Bewegung verschiedene Zentren mit verschiedenen Gestaltungen ausbildete und dabei eine große Stimmenvielfalt vorhanden war, die nicht auf einen Nenner zu bringen ist, davon bekommt man bei Dingel ein lebendiges Bild, während es bei Decot im Grunde nur erwähnt, aber nicht ausgeführt wird (auf 17 Seiten handelt er unter dem Titel „Vielfalt der Reformatoren“ Karlstadt, Müntzer, Täufer, Spiritualisten, Zwingli und Calvin ab). Folgerichtig handelt das letzte Kapitel von Decot von der „Reformation als Ausdifferenzierung der Kirche in verschiedene Konfessionen“ (Decot, 219-250) während bei Dingel, wie erwähnt, die europäische Verbreitung der Reformation am Ende steht.

Dingel und Decot stehen unter den aktuellen ‚Reformationsgeschichten‘ somit beispielhaft für zwei Großperspektiven: Luther und die Kirche einerseits und Vielfalt der Reformation andererseits. Beide Perspektiven ergänzen m.E. einander notwendig.

Fazit: Wer die Vielstimmigkeit und Vielgestaltigkeit der Reformation wahrnehmen möchte, der ist mit Irene Dingels Buch bestens beraten!

 

Jonathan Reinert hat in Jena, Göttingen und Tübingen evangelische Theologie studiert und arbeitet derzeit an einer kirchenhistorischen Dissertation über Passionspredigten im frühen Luthertum in Jena. Er ist Geschäftsführer des Evangelischen Bundes Württemberg und Schriftleiter der Zeitschrift „ichthys“

 

[1] Geschichte des Christentums III. Spätmittelalter – Reformation – Konfessionalisierung, ThW 7, Stuttgart 2006.

[2] Die Reformation, Geschichte kompakt, Darmstadt 2013.

[3] Erlöste und Verdammte. Eine Geschichte der Reformation, München 2016.

[4] Geschichte der Reformation, Berlin 2009; die zweite Auflage erschien 2016 im Suhrkamp-Verlag, wobei im Titel einschränkend „in Deutschland“ ergänzt wurde.

[5] Geschichte der Reformation in Deutschland, Freiburg im Breisgau 2015.

Rezension zu Armin Kohnle: Luther, Calvin und die andern

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Rez. zu: Kohnle, Armin: Luther, Calvin und die andern. Die Reformation und ihre Folgen (Theologie für die Gemeinde VI/2), Leipzig 2016.

von Martin Böger, den 28. November 2016.

Die örtliche Kirchengemeinde und wissenschaftliche Theologie gelten gemeinhin als zwei völlig verschiedene Universen, deren Bewohner sich gegenseitig kaum verstehen können und es gar – so mutmaßen böse Zungen – am Willen des gegenseitigen Verständnisses mangeln könnte.

Attempto! Dachte sich wohl Prof. Dr. Armin Kohnle, selbst Ordinarius für Spätmittelalter, Reformation und territoriale Kirchengeschichte an der Universität Leipzig und beweist mit seinem kleinen, aber feinen Bändchen „Luther, Calvin und die anderen. Die Reformation und ihre Folgen“, dass diese verschiedenen Welten kein unabwendbares Schicksal zu sein haben, sondern das Wagnis der Kontaktaufnahme glücken kann.

Als profunder Kenner der Materie führt Kohnle den Leser wie eine Art Museums- oder Reiseführer behände und leichtfüßig durch die unübersichtlich wirkenden Welten der reformatorischen Epoche mit ihren verschiedenen Verästelungen, Verzweigungen, imposanten Gestalten und Hintergründen.

Von der „Kirche am Vorabend der Reformation“, über „Martin Luther“, „Einheit und Vielfalt reformatorischer Theologie“ (diese drei Kapitel sind besonders gut gelungen), „Die Entstehung evangelischer Landeskirchen“, „Wirkungen“ (hier scheint Kohnle manchmal seiner lesenden Reisegruppe fast etwas davonzueilen) und „Ausblick“ (mit dem wichtigen Hinweis, Luther nicht als Heiligen, sondern Mensch seiner Zeit zu betrachten) entfaltet und ordnet Kohnle den Kosmos der Reformation.

Dabei verliert er sich nicht in Kleinigkeiten, sondern zieht in großen Linien das Zeitalter der Reformation und ihrer Taktgeber nach, ohne dabei wichtige Details oder Hintergründe völlig außer Acht zu lassen. Solche baut er entweder sehr geschickt und manchmal beinahe fast unbemerkt ein oder aber informiert über „Infoblöcke“, die, sich abhebend vom Fließtext, wichtige Begriffe und Zusammenhänge kurz und bündig darstellen. An der einen oder anderen Stelle, hätte man sich evt. noch ein paar mehr dieser „Infoblöcke“ gewünscht.

Kohnle schreibt erfrischend klar und deutlich, ohne in der gebotenen Kürze einseitig zu werden und die großen Diskussionslinien heutiger Forschungen rund um dieses epochemachende Ereignis zu verschweigen, wie beispielsweise die Datierung des sogenannten Turmerlebnisses Luthers oder die Bewertung der Reformation als ein plötzlich-revolutionäres Ereignis oder doch eher das fast schon zwangsläufige Ergebnis des Verlaufs der mittelalterlichen Geschichte.

Auf 93 Seiten das Phänomen der Reformation zu beschreiben, ist ein Wagnis. Ein Wagnis, bei dem sich beschränkt und pointiert formuliert werden muss. Beides gelingt Kohnle auf eine gute Art und Weise. Selbstverständlich ersetzt dieses Büchlein nicht die Standardwerke zur Reformationsgeschichte und versucht es auch gar nicht. Und doch bietet sich dieses Büchlein als ein guter und profunder Reiseführer für die Beschäftigung mit der Reformation und ihrer Auswirkungen für heute an.

Theologie für die Gemeinde.“ Man wünscht diesem Bändchen und dem dahinterstehenden Vorhaben eine breite Rezeption und viele Leserinnen und Leser. Denn es ist ein gelungener Versuch, wissenschaftliche Theologie für die Gemeindearbeit fruchtbar zu machen. In unseren Zeiten, in der es zunehmend an grundlegendem Wissenshintergrund und an der Fähigkeit zum Verständnis der eigenen und fremder religiöseren Identitäten mangelt, mehr als notwendig.

Attemptemus! Mehr wissenschaftliche Theologie für die Gemeinde. Ganz entsprechend dem Vorhaben dieses Netzwerks (NThK).

Martin Böger ist derzeit Pfarrer in Stuttgart-Vaihingen.

Reformatorische Theologie heute

Im Namen des Netzwerks Theologie in der Kirche formuliert von Claudia Kühner-Graßmann, Julian Scharpf, Tobias Jammerthal, Niklas Schleicher und Tobias Graßmann

Vorbemerkung

Seit einem Jahrzehnt bereitet sich die EKD auf das Reformationsjubiläum 2017 vor, das unter anderem feierlich mit verschiedenen Aktionen an historischen Stätten der Reformation begangen werden soll. Diese Feierlichkeiten und das Jubiläum als solches sind von unterschiedlichen Seiten der Kritik unterzogen worden: So wird gerade von katholischer Seite eingewandt, dass eine Feier der Reformation grundsätzlich nicht angebracht sei, da diese für die Spaltung der abendländischen Christenheit verantwortlich wäre. Eine andere Art der Kritik legt darauf Wert, festzustellen, dass das Datum und der damit verbundene Fokus auf den Wittenberger Thesenanschlag durch Martin Luther schlecht gewählt seien, weil die Reformation vielschichtiger und differenzierter sei.

Diese Kritikpunkte lenken den Blick auf zentrale Fragen des Reformationsgedenkens, sind in der vorgebrachten Schärfe jedoch zurückzuweisen. Die protestantischen Kirchen, die wie auch die heutige Gestalt der römischen Kirche aus der Reformation hervorgegangen sind, können sich selbstbewusst als eine eigentümliche Verwirklichung der wahren Kirche Jesu Christi begreifen, ohne anderen Kirchen diese Rolle streitig zu machen. Damit bedeutet die Reformation mehr als das Ende der einen, abendländischen Kirche. Wenn das Jubiläum dieses „Mehr“ fokussiert und so das bleibende und wertvolle Erbe der Reformation vergegenwärtigt, dann ist es gerechtfertigt, dies auch als Feier zu begehen.

Im Folgenden stellen wir sechs Thesen zur Diskussion, die unser Verständnis der Reformation, der reformatorischen Kirchen und der Bedeutung des Reformationsjubiläums umreißen. Wir tun dies in der Hoffnung auf Zustimmung, Widerspruch und eine konstruktive Diskussion.

Thesen anlässlich des Reformationsjubiläums 2017

1. Reformatorische Theologie gestaltet kirchliches Leben.

Das zentrale Anliegen der Reformation bestand darin, kirchliches Leben neu am Evangelium Jesu Christi auszurichten und zu gestalten. Dies sollte auch ein zentrales Anliegen gegenwärtiger reformatorischer Theologie sein. Die Gestaltung verläuft aber nicht linear von der Theologie zur Kirche, sondern im Wechselspiel von Impulsen aus Wissenschaft und Praxis, Tradition und aktuellen Herausforderungen. Theologische Reflexion finden auf verschiedenen Ebenen statt, die zu vermitteln sind: von der universitären Theologie bis hin zur kirchlichen Praxis einzelner Gemeinden. Hauptträger dieser Vermittlung sind Pfarrerinnen und Pfarrer als Theologen. So müssen die Ebenen zwar unterschieden werden, sind aber nicht zu trennen.

2. Reformatorische Kirche bedarf der theologischen Gestaltung.

Die Gestaltung kirchlichen Lebens durch eine in diesem Sinn reformatorische Theologie ist für das kirchliche Leben unverzichtbar. Das bedeutet nicht, dass die geschichtlichen Bedingungen der Reformationszeit innerhalb der Kirche konserviert werden sollen. Andererseits ist damit auch keine Dauerreform der kirchlichen Strukturen und Verkündigungsformen gemeint, die sich in oft vorschneller Anpassung an sich wandelnde gesellschaftliche Bedingungen vollzieht. Vielmehr gilt es, die kirchliche Praxis kritisch zu überprüfen und ein geeignetes Verhältnis von Traditionsbindung und Neugestaltung zu finden. Die Kirche ist dabei auf die Theologie als reflexives Moment angewiesen.

3. Die reformatorischen Kirchen erinnern sich an Martin Luther, weil und insofern er das Anliegen reformatorischer Theologie anschaulich macht.

Die aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen feiern 2017 kein Lutherjahr. Wir feiern den Beginn der tiefgreifenden Erneuerung der christlichen Kirche, die untrennbar mit Luther verbunden sind. Luthers Wortgewalt und Tatkraft, seine theologische Originalität und seine religiöse Tiefe sind wahrhaft Grund genug, ihn als Zentralgestalt aus der reformatorischen Bewegung herauszuheben. Dabei wird weder eine Dämonisierung, noch eine Heiligsprechung dem evangelischen Personenverständnis und der Person Luthers gerecht. Ein realistischer Blick auf Luthers Werk und Wirken, der auch Abgründe und dunkle Stellen benennt, sowie die kritische Würdigung der bisherigen Reformations- und Lutherjubiläen bieten die Chance, Nebensächlichkeiten beiseite zu schieben und so auch dem einen zentralen Anliegen Luthers gerecht zu werden: dem Wort von der Rechtfertigung des Gottlosen.

4. Die Reformation zu feiern heißt Christus zu feiern.

Gerade weil die evangelischen Kirchen sich an Martin Luther und die anderen Reformatoren des 16. Jahrhunderts im Anschluss an Hebr 13,7 als solche erinnern, die ihnen das Evangelium gepredigt haben, feiern sie mit den Verkündigern des Evangeliums Jesu Christi letztlich und eigentlich Christus selbst. Mit der Vergegenwärtigung des Rufs zur Sache, den reformatorische Theologie für die Kirche ihrer Zeit bedeutete, lässt sich die Kirche der Gegenwart selbst wieder aufs Neue zur Sache rufen: Jesus Christus heute und morgen, und derselbe auch in Ewigkeit (Hebr 13,8). Und so feiert sie in den Zeugen den Bezeugten und gelobt, sich immer wieder aufs Neue in seinen Dienst zu stellen.

5. Die Einheit der Kirche in Christus steht nicht im Widerspruch zur Vielgestalt christlicher Kirchen.

Gegenwärtig manifestiert sich die eine christliche Kirche in verschiedenen christlichen Kirchen und Gemeinschaften, von denen die Kirchen der Reformation nur einen Ausschnitt bilden. Aber auch innerhalb der protestantischen Kirchen gibt es verschiedene Spielarten evangelischer Frömmigkeit und konfessionelle Unterschiede. Dieser Pluralismus widerspricht keineswegs der Tatsache, dass die Kirchen Jesus Christus als den einen Herrn anerkennen, sondern ist vielmehr sowohl den Quellen des Neuen Testaments als auch der heutigen Situation angemessen. Bereits im Neuen Testament kannte die Gemeinde unterschiedliche Ausdrucksformen der Jesusnachfolge (vgl. nur Gal 2,9: Judenchristentum und Heidenchristentum) und so findet auch die heutige ausdifferenzierte Gesellschaft ihre Entsprechung in den unterschiedlichen Arten und Weisen, sich zur Kirche Jesu Christi zu bekennen.

6. Durch die Vergegenwärtigung der Reformation leisten die reformatorischen Kirchen ihren Dienst an der einen Kirche Jesu Christi.

Indem die reformatorischen Kirchen die Reformation feiern, bekennen sie, dass dieser eine bleibende Bedeutung für die gesamte Christenheit zukommt. Diese gründet nicht zuletzt darin, dass die Glaubensfragen des Einzelnen nicht mehr um der Einheit der Kirche willen zum Schweigen gebracht werden dürfen. So wird die Kirche erst befähigt, sich durch die Kritik Einzelner neu am Wort auszurichten. Wie können die biblischen Schriften uns zum Wort Gottes werden? Wie ist das Heilsgeschehen in Jesu Christi Kreuzestod und Auferstehung angemessen zur Sprache zu bringen? Wie werden wir als Menschen befähigt, Gottes Willen zu entsprechen? Wo die Reformation vergegenwärtigt wird, da sind Christen aller Konfessionen eingeladen, sich Fragen wie diesen zu stellen und so zu einem tieferen Verständnis ihres Glaubens zu gelangen –

„…bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollendeten Menschen, zum vollen Maß der Fülle Christi“. (Eph 4,13)