Rezension zu: Martin Luther. Here I stand.

Rez. zu: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt u. a. (Hg.), Martin Luther. Aufbruch in eine neue Welt / Schätze der Reformation. Essays und Kataloge im Schuber, 2 Bände, Dresden 2016.

Für www.nthk.de rezensiert von Tobias Jammerthal am 4. Januar 2017 .

Die Reformation des 16. Jahrhunderts ist ein Phänomen mit eminenter Gegenwartsrelevanz. Nirgends wird dies deutlicher als in den Auseinandersetzungen um die ihr gewidmete Dekade, die 2017 kulminieren soll. Dass diese Dekade von den einen energisch gefeiert, von den anderen ebenso energisch verachtet, angegriffen oder verspottet wurde, zeigt unabhängig von den jeweils konkret berührten Sachfragen vor allem eines: wie hoch die Erwartungen an dieses Jubiläum waren und sind – was wiederum nur vor dem Hintergrund dessen erklärbar erscheint, dass sich mit der Erinnerung der Reformation Identitätskonzepte unterschiedlichster Couleur eng verknüpfen.

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Die beiden hier zu besprechenden Bände bilden den Katalog und den wissenschaftlichen Begleitband des Ausstellungsprojektes „Here I stand“, das selbst für die Reformationsdekade, die durch eine Vielzahl von ambitionierten, gut finanzierten und museumspädagogisch wie wissenschaftlich hervorragend konzipierten musealen Projekten gekennzeichnet ist, außergewöhnlich ist. Zwischen Frühherbst 2016 und Anfang 2016 werden in drei renommierten nordamerikanischen Museen verschiedenste Leihgaben gezeigt. Jedes der drei Museen zeigt eine andere Ausstellung, zusammen ergibt sich, wie der Katalog und der Essayband zeigen, ein bewundernswert facettenreiches Bild der Lebensrealitäten in Mitteldeutschland in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, in das Martin Luther pars pro toto für andere Reformatoren eingezeichnet wird. Das Projekt wird auf deutsche Seite vom Landesmuseum für Vorgeschichte (Halle), der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, dem Deutschen Historischen Museum in Berlin und der Stiftung Schloss Friedenstein verantwortet und vom Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland unterstützt; eine umfangreiche Homepage begleitet die Ausstellung.

Der Katalog organisiert das in den drei Ausstellungen dargebotene Material thematisch nach acht Themenbereichen: unter „Fundsache Luther“ (20-45) wird Luthers Herkunft thematisiert, wobei die seit 2003 erfolgten archäologischen Arbeiten in Mansfeld eine zentrale Rolle spielen. Die Themengebiete „Weltliche Macht und höfische Kunst“ (46-90) und „Vorreformatorische Frömmigkeit“ (92-134) bieten ein buntes Panorama der mitteldeutschen kirchlichen und politischen Landschaft des frühen 16. Jahrhunderts, bevor das Leben des Reformators präsentiert wird („Luther als Mönch, Gelehrter und Prediger“, 136-178, „Luthers Theologie“, 180-234, „Luther in Wittenberg“, 226-294). Der obligatorische Blick auf „Polemik und Konflikte“ (296-356) darf nicht fehlen, bevor anknüpfend an Luthers Tod die sich an den Reformator knüpfende Erinnerungskultur in den Blick rückt („Luthers Vermächtnis“, 358-392). Abschließend gehen Jürgen Gröschl und Louis Nebelsick Spuren der Reformation in den Vereinigten Staaten von Amerika nach (396-409), Jan Scheunemann bietet einen summarischen Überblick über die wichtigsten Lutherstätten (410-422). Durchweg sichtbar ist das Bemühen der Verantwortlichen, bei aller erkennbaren Lutherzentrierung ein ausgewogenes Bild der Reformationszeit zu zeichnen. Das Leben Luthers dient hier als eine Art Schaufenster in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts. Kleinere Unrichtigkeiten im Katalogtext fallen da nicht ins Gewicht, so unnötig sie im Einzelfall auch sein mögen.[1]

Der wissenschaftliche Begleitband ist in sieben Themenfeldern organisiert, auf ein eigenes Themenfeld über die Theologie(n) der Reformation wurde verzichtet, statt dessen finden sich Aufsätze zu theologischen Fragestellungen verstreut in allen Themenfeldern. Das mag sich den Herausgebern nahegelegt haben, ist aber nicht durchweg überzeugend.[2] Passend zum Profil des Ausstellungsprojektes thematisiert ein eigenes Themenfeld den nordamerikanischen Protestantismus vor allem, aber nicht ausschließlich lutherischer Prägung („Luther in den Vereinigten Staaten von Amerika“, 370-429).

Dem Anliegen des Ausstellungsprojektes entsprechend ist es auch das Anliegen des Begleitbandes, „von der sowohl geographischen als auch geistigen Herkunft Luthers über die wichtigsten Ereignisse und Aspekte der Reformationsgeschichte und ihrem kunst- und kulturgeschichtlichen Kontext bis hin zum Luthertum in Nordamerika […] den aktuellen Kenntnisstand“ zu repräsentieren (11). Schon ein Blick auf die Verfasser der einzelnen Beiträge zeigt, dass dies gelungen ist: das Autorenverzeichnis liest sich wie ein „Who’s Who“ der gegenwärtigen Reformations- und Frühneuzeitforschung. Louise Schorn-Schütte ist ebenso vertreten wie Thomas Kaufmann. Johannes Schilling und Volker Leppin geben Dorothea Wendebourg und Christopher Spehr die Klinke in die Hand; Stefan Michel ist ebenso vertreten wie Heinz Schilling. Die US-amerikanische Lutherforschung ist ebenso vertreten wie die deutsche Frühneuzeithistorie und die schweizerische Reformationsforschung (diese freilich nur mit einem Vertreter, was dem ansonsten betont internationalen Charakter des Bandes nicht vollends gerecht wird). Wie ernst es der Redaktion damit war, die ganze Breite der Forschung abzudecken, zeigt auch die Tatsache, dass mit Brad S. Gregory sogar ein entschiedener Kritiker der Reformation und des protestantischen Christentums überhaupt zu Wort kommt[3]. Der intendierten breiten Leserschaft wird neben den wissenschaftlichen Abhandlungen durch informative Grafiken und Übersichten die Möglichkeit gegeben, sich einen schnellen Überblick etwa über die Heiratspolitik des 16. Jahrhunderts (84) oder den Briefwechsel der wichtigsten Akteure (190) zu verschaffen. Ob verstreut zur Veranschaulichung eingesetzten Cartoons einen vergleichbaren Informationswert haben, mag indes bezweifelt werden.

Mit den beiden ansprechend gestalteten Bänden ist dem Ausstellungsprojekt „Here I stand“ eine weit über das Ende der eigentlichen Ausstellungen andauernde Rezeption garantiert. Insbesondere der wissenschaftliche Begleitband empfiehlt sich als breitenwirksame Präsentation aktueller Forschung in Bezug auf die allgemeinhistorischen, religionsphänomenologischen und kulturellen Voraussetzungen, Kontexte und Folgen der Reformation vor allem Wittenberger Prägung. Schade nur, dass das sprachliche Niveau der Beiträge sehr unterschiedlich  ist. Die Übersetzung der englischsprachigen Essays scheint um besondere Treue zur Ausgangssprache bemüht gewesen zu sein. Durch den großen Unterschied zwischen englischer und deutscher Wissenschaftssprache entsteht so leider bisweilen zu Unrecht der Eindruck, es mit fachlich naiven Texten zu tun zu haben. Der mit englischer Fachliteratur bekannte Leser wird darüber hinwegsehen können – es bleibt zu hoffen, dass dies auch dem anvisierten breiteren Publikum möglich ist. Denn: dieses Doppelwerk repräsentiert nicht nur die Pluralität gegenwärtiger Reformationsforschung. Es ist zugleich ein schöner Ausdruck für die Potentiale, welche die Reformationsdekade gerade in interdisziplinärer Hinsicht freigesetzt hat.

 

Tobias Jammerthal, Redakteur für „Klassiker und Rezensionen“

[1] Zwei Beispiele: S. 198 „Seit dem Hochmittelalter war in der lateinischen Kirche die Transsubstantiationslehre gängig“. Richtig ist, dass das Lateranum IV 1215 zur Beschreibung des Konsekrationsvorgangs auf dieses Theorem zurückgriff. Der Blick auf die theologische Literatur des 13.-15. Jahrhunderts zeigt aber eine Vielzahl an alternativen Konzepten, um die reale Gegenwart Christi denkerisch zu plausibilisieren. Erst mit Trient wird die Transsubstantiationstheorie zur herrschenden Lehre. – Ferner ist es sachlich doch etwas übertrieben, wenn (S. 247) behauptet wird, Luther habe das Wittenberger Augustinerkloster bei seiner Rückkehr von der Wartburg „geplündert“ vorgefunden.

[2] Die sogenannte „Zwei-Reiche-Lehre“ wird beispielsweise auf einer einzigen Seite statt in einem wissenschaftlichen Aufsatz abgehandelt (322). Dort liest der ob solcher Kooperation dann doch überraschte Theologe, dass das Lexem eine Wortschöpfung von Emmanuel Hirsch und Karl Barth „zusammen“ gewesen sei. Der vorangehende Aufsatz über „Luther und die Politik“ aus der Feder von Benjamin Hasselhorn ist nicht vorrangig an Luthers Obrigkeitstheologie interessiert – was man dem Verfasser nicht zum Vorwurf machen kann. Gerade deshalb hätte jedoch eine theologische Einordnung dieses wichtigen Gebiets reformatorischer Theologie not getan.

[3] Zur Auseinandersetzung mit den aus protestantischer Sicht überaus problematischen Thesen dieses Gelehrten sei dringend verwiesen auf die treffende Rezension von Strohm, Christoph, Brad S. Gregory, The Unintended Reformation. How a Religious Revolution Secularized Society, in: Evangelische Theologie 75 (2015), Heft 2, S. 156-160.

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