Rezension zu: Werner Thiede, Karl Barths Theologie der Krise Heute

Werner Thiede (Hrsg.), Karl Barths Theologie der Krise Heute. Transfer-Versuche zum 50. Todestag, Leipzig 2018.

Rezensiert von Martin Böger

Pünktlich zum 50. Todestag Karl Barths am 10. Dezember 1968 und dem 100-jährigen Jubiläum des Erscheinens seines Römerbriefkommentars 1919 ist es mehr als angemessen, diesen umtriebigen und prägenden Theologen des 20. Jahrhunderts auf verschiedenste Arten und Weisen zu würdigen.

In den Reigen dieser Festivitäten reihen sich erfreulicherweise neue Publikationen. Werner Thiede versammelt als Herausgeber unter dem vielversprechenden Titel „Karl Barths Theologie der Krise Heute. Transfer-Versuche zum 50. Todestag“ verschiedene Autoren, die sich jeweils einem Teilaspekt der barth‘ schen Theologie annähern.

Die einzelnen Beiträge bilden in ihrer Breite die zentralen theologischen Topoi ab, mit denen sich Barth Zeit seines Lebens auseinandergesetzt hat und die in besonderem Maße für seine Theologie stehen: Theologie der Krise, Dialektische Theologie, Abgrenzung zur Liberalen, Offenbarungstheologie, Schriftverständnis; Sünde und Versöhnung, Ethik, Christologische Zentrierung, Theologie, Pneumatologie, Ekklesiologie, Taufe und Eschatologie.[1]

Die einzelnen Beiträge bewegen sich zwischen einer Darstellung der barth’ schen Theologie und einem darauf aufbauenden Transferversuch für ein »Heute«. So vergleichen Harald Seubert und ebenso Christofer Frey die gesellschaftlichen Herausforderungen des beginnenden 20. Jahrhunderts mit denjenigen des 21. Jahrhunderts und kommen zum Schluss, dass Barths Theologie wahrscheinlich weder damals noch heute dem Zeitgeist entsprechen will, sondern eher zur kritischen Spiegelfigur der eigenen postmodernen Selbst- und Wirklichkeitsdeutung wird. In diese Kerbe schlagen zurecht auch zahlreiche andere Beiträge: Gerade für die pluralistische-postmoderne Gesellschaft in ihrem Diskurs um Wahrheit und Sinn kann die Theologie Barths ein bedenkenswerter Gesprächspartner werden, der so manche postmoderne Denkweisen und Wahrheit(en) kritisch hinterfragen lässt, die um die Begriffe der Autonomie, der Individualität und der Freiheit kreisen.

Für einen lohenden weiterführenden theologischen Diskurs ist Wolf Krötkes Beitrag zu erwähnen, der sich im Gegenüber zu aktuellen Verlautbarungen der EKD zum Thema Taufe mit den für ihn bleibenden Anfragen Barths an die gängige Taufpraxis beschäftigt.

Etwas fragend lassen einen jedoch die Beiträge von Ralf Frisch und Werner Thiede zurück. Frisch deshalb, weil er mit dem kecken Anspruch antritt, die Sündenlehre Barths in drei aktuelle Diskussionslagen zu übertragen: „Die Sünde des Islams“, „Die Sünde der identitären Rechten“ und „Die Sünde der postfaktischen Kultur“. Ob jedoch der Übertragungsversuch auf den islamischen Bereich in irgendeiner Form hilfreich bzw. lehrreich sein könnte, soll hier mindestens mit einem großen Fragzeichen versehen werden, hinterlässt der entsprechende Abschnitt doch viel eher den Anschein, dass das Religionsverständnis des Islams von außen und für die These des Abschnitts einseitig vereinnahmend behandelt wird. Hier wäre für den wichtigen Ansatz des Beitrages ein Beispiel aus dem aktuellen (fundamentalistischen) christlichen Kontext m.E. sprechender und erhellender gewesen. Thiedes Mutmaßungen in Teilen seines Beitrages über den genauen Sterbezeitpunkt Barths, den er über die genaue Sterbehaltung Barths herausgefunden haben will, haben eher etwas mit einer Hagiografie als einem wissenschaftlichen theologischen Diskurs zu tun.

Dem Herausgeber ist in seinem Vorwort zuzustimmen: Barths Theologie lohnt sich – gerade auf dem Hintergrund unserer pluralen, ambiguen und postmodernen Gesellschaft. Und ja, vielleicht hat die Theologie Barths ihre beste Zeit noch vor sich (man schaue nur in den angloamerikanischen Raum, wo Barth als deutlich hipper und anschlussfähiger gilt als hierzulande). In diesen für die Theologie herausfordernden Zeiten sind noch nicht alle Schätze gehoben, die sich in Barths weitverzweigten Werk aufspüren lassen, wenn es um die Sache des Menschen, die Sache Gottes geht; was Kirche ausmacht und wie sich in ihrer Zeitgenossenschaft für die Welt einzusetzen hat.

Treffend schreibt Frey in seinem Beitrag: „Soll Karl Barths Theologie weitergedacht werden, darf sie nicht nur theologisch eingeordnet werden.“ (S. 48) An der einen oder anderen Stelle hätte man den Autoren des Bandes jedoch etwas mehr Mut zu dieser Einsicht gewünscht. So bleiben doch einige Transferversuche zu stark in einer historisch-theologischen Darstellung der Theologie Barths verhaftet.

Daher hinterlässt es einen besonderen faden Beigeschmack, dass keine einzige Frau unter den Autoren zu finden ist und daneben auch niemand, der sich der jüngeren bis jüngsten Generation des wissenschaftlich-theologischen Standes zurechnen könnte (der jüngste Autor ist Jahrgang 1971). Gerade ein solch junger Blick hätte beweisen können: Ja, die Theologie Barths bleibt eine Inspiration und Herausforderung für eine gegenwärtige Theologie im Diskurs für Gegenwart und Zukunft.

 

[1] Harald Seubert, Zwischen den Zeiten: Karl Barths Krisis-Theologie und die Krise der gegenwärtigen Theologie; Christofer Frey, Karl Barth und die »Dialektik der Aufklärung«; Ulrich Beuttler, Radikale Theologie der Offenbarung: Karl Barth und die postmoderne Phänomenologie und Hermeneutik; Matthias Gockel, Barths offenbarungstheologischer Ansatz im heutigen Kontext pluralistischer Religionstheologie; Günter Thomas, Karl Barths pneumatologischer Realismus und operativer Konstruktivismus; Volker Leppin, Karl Barth, die Mystik und das Wort; Christoph Raedel, Barths Schriftverständnis und die historisch-kritische Methode in der Krise; Ralf Frisch, Der nichtige Widerstand gegen die Gnade Gottes: Karl Barths Sündentheologie heute; Hans G. Ulrich, Karl Barths Ethik – Rückblick und Ausblick; Hans Schwarz, Barths Christologie und liberale Dekonstruktionen der Gegenwart; Matthias Heesch, hat die liberale Theologie Karl Barth besiegt?; Eberhard Busch, Karl Barths Lehre von der Kirche – eine notwendige Erinnerung; Wolf Krötke, Der »Dienstantritt« der Partnerinnen und Partner Gottes – die Taufe; Werner Thiede, Karl Barths individuelle Eschatologie und die Krise der Ganztod-Theologie.

Rezension zu: Praktische Theologie. Ein Lehrbuch

Fechter, Kristian/Hermelink, Jan/Kumlehn, Martina/Wagner-Rau, Ulrike: Praktische Theologie. Ein Lehrbuch (Theologische Wissenschaft, Bd. 15), Stuttgart 2017.

Rezensiert von Claudia Kühner Graßmann

Lehrbücher zur Praktischen Theologie gibt es viele auf dem Markt, sei es als Entwurf (Grethlein oder Rössler1), Arbeits- und Studienbuch (Meyer-Blanck/Weyel2) oder als Behandlung einer Subdisziplin (Klessmann3). Dennoch schafft es das hier zu besprechende Lehrbuch, eine Lücke zu füllen, indem es die Varianz praktisch-theologischen Arbeitens schon durch die Mehrautorenschaft4 darstellt, indem es explizit auf akademische Prüfungen zuspitzt, aber auch die praktische theologische Ausbildungsphase im Blick behält (vgl. S. 16) und nicht zuletzt durch seinen problemorientierten Zugriff. Allgemein gesagt, geht es den Autor*innen um einen Überblick über die Praktische Theologie, ihren Aufgaben und Problemen vor dem Hintergrund empirischer Befunde und (theologie)geschichtlicher Einsichten.

Praktische Theologie wird als „Theorie pluraler christlich-religiöser Praxis in der Gegenwart“ definiert, die auf „Zeitgenossenschaft“ (S. 16) aus sei. Damit wird der Gegenwartsbezug deutlich, der die Gliederung sowie den Zugriff auf die Subdisziplinen Praktischer Theologie durchzieht. Deren Behandlung geht zunächst ein Abschnitt zu Querschnittsthemen (I.) voraus. Ulrike Wagner-Rau erläutert dabei den Begriff der Praktischen Theologie als Theorie christlicher Religionspraxis. Sodann wird das Verhältnis von Christentum und moderner Gesellschaft, von Religion und Gegenwartskultur dargestellt (Kristian Fechtner). Das Kapitel endet mit Martina Kumlehns Ausführungen zu Religion und Individuum. Es kommt hier also allgemein das Setting in den Blick, in und mit dem es die Praktische Theologie zu tun hat. Dem informierten Theologen mag hier einiges schon selbstverständlicher sein als die Darstellungen mit ihrem gewissen Moderne-Pathos verraten. Die Skizzierung der Grundlagen Praktischer Theologie sind dennoch wichtig und hilfreich für das Verständnis der weiteren Abschnitte. Zudem geben die angeführten Literaturverweise Theorien und Namen an die Hand, mit deren Hilfe sich gegenwärtige Diskussionen erschließen.

Herzstück und Hauptteil des Buches bilden die sog. Handlungsfelder (II.), in denen die Autorinnen und Autoren jeweils einen Überblick über Probleme und Debatten geben. Der Anspruch des Lehrbuchs ist, diese Kapitel als selbstständig zu betrachten. Kohärent und vergleichbar werden sie durch ihren Aufbau: Ausgangspunkt der Abschnitte bildet die Betrachtung von exemplarischen Herausforderungen. Der Blick geht dabei auf Probleme der Gegenwart, denen ebenfalls an manchen Stellen ein eigentümliches Modernepathos entgegentritt. Es folgt eine Orientierung im jeweiligen Handlungsfeld, in dem es wiederum erst einmal nicht um praktisch-theologische Theoriebildung, sondern um Erläuterungen von Bedingungen, Typisierungen und Vorkommnissen geht. Im dritten Abschnitt werden empirische Befunde erläutert, bevor viertens nach historisch-systematischen Anschlussstellen gefragt wird. Es folgen fünftens praktisch-theologische Grundbestimmungen, sechstens eine Darstellung aktueller Diskurse und schließlich siebtens ein Ausblick auf Zukunftsfragen. Die Abschnitte fallen je nach Handlungsfeld und Autor*in ausführlicher oder kürzer aus. Hier liegt eben ein Reiz dieses Lehrbuchs: die Gewichtung der einzelnen Abschnitte bzw. Herangehensweisen findet in jedem Kapitel anders statt. Durch die gleiche Gliederung wird allerdings ein Blickwinkel vorgegeben, der einen organisierenden Blick auf die jeweiligen Disziplinen Praktischer Theologie (mit Ausnahme des Themas „Frömmigkeit/Spiritualität [II.10] handelt es sich dabei um die gängige Unterteilung der Praktischen Theologie) ermöglicht. Dieser läuft, wie in der Darstellung der Gliederung angedeutet wurde, über die Einbettung in den praktischen Vollzug – wie der Begriff „Handlungsfelder“ ebenfalls zeigt. Dahinter steht die Intention, praktisch-theologische Debatten problemorientiert zu erläutern (vgl. S. 15). Das mag einer eher historisch und akademisch ausgerichteten Praktischen Theologin zunächst fremd sein, aber die Herangehensweise bringt gerade in ihrer anwendungsorientierten Perspektive durchaus interessante Impulse mit sich. Sie lenkt dadurch auf Probleme und bringt exemplarisch und durchaus jeweils perspektivisch und konzeptionell (vgl. S. 15f.) Anregungen für die theologische Auseinandersetzung. Nimmt man die eigene Grenzwahrnehmung der Autor*innen ernst, das eigene Studium nicht ersetzen zu wollen, wofür rein äußerlich schon die Literaturangaben am Ende jedes Kapitels und die Kürze der jeweiligen Beiträge spricht, ist dieses Buch eine wunderbare Einführung und Bündelung zugleich, die zu weiterer Auseinandersetzung, Problemstellungen und Theoriearbeit anregt. Zudem nimmt man gleichzeitig durch die Varianz der Autor*innen exemplarisch die Breite praktisch-theologischer Arbeit und Herangehensweisen wahr. Durch die Kürze, das sei extra betont, stellt die Lektüre auch keine allzugroße Zumutung für Theolog*innen im Pfarrdienst dar, die mit diesem Buch ihre Wahrnehmung auf die Handlungsfelder hinterfragen können. Dabei zeigt die aus dem zugrundeliegenden Begriff der Praktischen Theologie als „Theorie pluraler christlich-religiöser Praxis in der Gegenwart“ (S. 15) Chance und Gefahr zugleich auf. Aber der exemplarische Blick auf die Problemlage kirchlicher Praxis kann mit diesem Buch geschult und geschärft werden – in Zustimmung, Abgrenzung und Weiterarbeit.

1Vgl. Grethlein, Christian: Praktische Theologie, Berlin/Boston 2012 und Rössler, Dietrich: Grundriß der Praktischen Theologie, 2., erw. Aufl., Berlin/New York 1994.
2Vgl. Meyer-Blanck, Michael/Weyel, Birgit: Studien- und Arbeitsbuch Praktische Theologie, Göttingen 2008.
3Vgl. Klessmann, Michael: Seelsorge. Begleitung, Begegnung, Lebensdeutung im Horizont des christlichen Glaubens. Ein Lehrbuch, Neukirchen-Vluyn 42012.
4Hierbei sei zudem noch Tobias Braune-Krickau genannt, der den Abschnitt zur Diakonik (II.8) beisteuert.

Die NThK-Weihnachtsbücherei

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Eigentlich stehen wir Theologinnen und Theologen ja völlig ironisch über dem kommerziellen Teil des Weihnachtsfestes. Klar, Geschenke für die Kinder und die Familie, aber alles nicht so kommerziell und bitte mit gutem Gewissen! Anders sieht es mit Büchern aus. Die kann man ja immer brauchen, oder? Weihnachten bietet eine gute Gelegenheit, sich selbst (oder auch einer anderen Person) ein gutes Buch zu schenken. Mit etwas Schützenhilfe von uns, dem Team des NThK, findet sich sicherlich schnell das richtige.

Die Vorschläge sind in drei Kategorien unterteil: Zunächst widmen wir uns den im engeren Sinne theologischen Werken, sodann den für die kirchliche Praxis nützlichen Büchern und schließlich der Kategorie „Sonstiges“, in der philosophische oder gesellschaftsrelevante Bücher zusammengefasst werden. Die Auswahl ist subjektiv und spiegelt Interessen des NThK-Teams wider.[1]

1. Theologische Bücher

1) Robert Kolb: Martin Luther and the Enduring Word of God. The Wittenberg School and Its Scripture-Centered Proclamation, Grand Rapids 2016: 27,90€

Tobias Jammerthal: Robert Kolb gehört zu den profiliertesten Reformationshistorikern und Lutherforschern des englischen Sprachgebiets. Kurz vor dem Beginn des Reformationsjubeljahrs 2017 erschien diese Sammlung mit einigen der wichtigsten Aufsätze aus seiner Feder rund um die Schriftauslegung als Zentrum von Luthers Theologie und der Wittenberger Reformation. Ich finde, dieser Aufsatzband gehört in die Hand all derer, die sich für einen gleichermaßen kenntnisreichen wie unaufgeregt-sachlichen Zugang zur Reformation als einem theologischen Gruppenereignis interessieren!

2) Jörg Lauster: Religion als Lebensdeutung. Theologische Hermeneutik heute, Darmstadt 2005: 49,90€

Tobias Graßmann: Lauster stellt in diesem programmatischen Buch –  für Sympathisanten und Kritiker gleichermaßen beeindruckend – die Leistungskraft hermeneutischer Theologie in der Tradition des sog. Kulturprotestantismus unter Beweis. Dabei macht gerade auch die luzide Auseinandersetzung mit individualistischen Verengungen der liberalen Theologie das Buch lesenswert. Im Anschluss an den cultural turn und insbesondere Jan Assmanns Konzeption des kulturellen Gedächtnisses verflüssigt Lauster nicht nur konfessionelle Gegensätze, sondern lotet als einer der wenigen gegenwärtigen Theologen auch Wege zur Bewältigung des nicht nur kirchlichen, sondern gesamtkulturellen Traditionsabbruchs aus. Dabei sticht besonders die zentrale Stellung ins Auge, die Lauster den nicht im klassischen Sinne lehrhaften Vermittlungsformen religiöser Erfahrung zumisst: Musik, Kunst und Architektur.

3) Michael Roth und Markus Held (Hgg.): Was ist theologische Ethik? Grundbestimmungen und Grundvorstellungen, Berlin und New York  2018: 29,95 €

Niklas Schleicher: Das Buch gibt den aktuellen Lehrstuhlinhabern und Lehrstuhlinhaberinnen für evangelisch-theologische Ethik das Wort. Diese beschreiben in ca. 15 bis 20-seitigen Beiträgen ihre jeweilige Vorstellung vom Fach. So ergibt sich ein sehr differenziertes Bild der Zugriffe auf protestantische Ethik. Ergänzt wird das Ganze von Beiträgen von Vertretern und Vertreterinnen anderer theologischer Fächer, der Philosophie und der katholischen theologischen Ethik, die jeweils ihren Beitrag zur evangelischen Ethik darstellen. Ein Buch, dass sich gerade im Studium eignet, aber auch, um sich über den aktuellen Stand der Debatte zu informieren. [Eine ausführlichere Rezension folgt im kommenden Jahr.]

4) Kristian Fechtner/Jan Hermelink/Martina Kuhmlehn/Ulrike Wagner-Rau: Praktische Theologie. Ein Lehrbuch (Theologische Wissenschaft, Bd. 15), Stuttgart 2017: 30€

Claudia Kühner-Graßmann: Dieses Lehrbuch will einen Überblick geben über die Praktische Theologie, ihre Aufgaben und Probleme vor dem Hintergrund empirischer Befunde und (theologie)geschichtlicher Einsichten. Das alles geschieht anhand konzentrierter Darstellungen von Querschnittsthemen auf der einen und kirchlichen Handlungsfeldern auf der anderen Seite. In dieser Kürze bietet es Gelegenheit, den Blick auf die Problemlagen kirchlicher Praxis und ihrer wissenschaftlichen Bearbeitung zu schärfen. Durch die feste, aber nicht steife Gliederung kann es auch gut zu dein einzelnen Themengebieten herangezogen werden. Eine gute Grundlage zur Auffrischung, zum Bündeln oder zum Weiterdenken. [Eine ausführlichere Rezension folgt im kommenden Jahr.]

2. Bücher für die kirchliche Praxis

1) Otto Dietz: Unser Gottesdienst – ein Hilfsbuch zum Hauptgottesdienst nach Agende 1 für evangelisch-lutherische Kirchen und Gemeinden, München  21983 [antiquarisch günstig zu erwerben]

Tobias Jammerthal: Ein „Klassiker“, den jeder, der (zumindest lutherische) Gottesdienste zu leiten hat, meiner Meinung nach einmal gelesen haben sollte. Dieses Lesebüchlein ist kein fachwissenschaftlicher Agendenkommentar, sondern will einfach nur erzählen, warum was im „normalen“ Sonntagsgottesdienst an welcher Stelle und wie passiert. Sprachlich ist es schlicht und geht runter wie Butter – ungeheuer bildend ist es dennoch.

2) Karl-Heinrich Bieritz: Das Kirchenjahr. Feste, Gedenk- und Feiertage in Geschichte und Gegenwart (Neu bearbeitet von Christian Albrecht), München 92014: 14,95 €

Niklas Schleicher: Ein extrem nützlicher und gut lesbarer Klassiker das Buch „Das Kirchenjahr“ von Karl Heinrich Bieritz, das in einer neuen Auflage herausgegeben von Christian Albrecht vorliegt. In komprimierter Form wird darin das Kirchenjahr, seine Zeiten und Feste beschrieben und auf besondere Bräuche verwiesen. Gerade auch für den Einstieg z.B. ins Vikariat, aber auch im Studium ist das Buch sehr zu empfehlen.

3) Fulbert Steffensky (Hg.): Ein seltsamer Freudenmonat. 24 Adventsgedichte, 24 Adventsgeschichten, Stuttgart 2011: 16€

Julian Scharpf: Fulbert Steffensky, der Säulenheilige des Kirchentags-Protestantismus, hat vor sieben Jahre dieses hübsch gestaltete Adventsbuch auf den Markt gebracht. Dessen Verdienst ist, dass sich mit seinen 24 Gedichten und 24 Geschichten von Fontane bis Kreisler die vielen Advents- und Weihnachtsfeiern bestreiten lassen, die in dieser Kirchenjahreszeit vor einem liegen. Für die Auswahl gilt Steffenskys Satz: „Das Sentiment muss nicht sentimental sein, und wenn es dies gelegentlich ist, dann ist das nicht weiter schlimm.“

4) Niklaus Peter: Schachfigur – oder Schachspieler: Denkmodelle und Spielzüge auf den Feldern des Lebens und der Religion, Stuttgart 2018: 15€

Martin Böger: Niklaus Peter ist Pfarrer am Fraumünster in Zürich und nebenher ein ziemlich umtriebiger Theologe, der stets versucht, beides zusammenzubringen ohne das Eine gegen das Andere auszuspielen: Die theologische Wissenschaft und die pfarramtliche Praxis. Im vorliegenden Bändchen schafft er diese Verschmelzung auf sehr eindrückliche Art und Weise. Denn dieses Büchlein fasst Kolumnentexte zusammen, die Niklaus Peter für das wöchentliche Magazin einer großen schweizerischen Tageszeitung verfasst hat. Kolumnen, die auf eine katechetische Art die Grund- und Eckpfeiler des christlichen Glaubens auf gleichzeitig kluge wie inspirierende Art und Weise für eine (post)moderne Gesellschaft bedenken. Ein Büchlein, das zum Nachdenken anregen und vielleicht sogar die eine oder andre eigene Andacht inspirieren kann.

3. Sonstiges

1) Johannes Burkhardt: Der Dreißigjährige Krieg, Neue Historische Bibliothek, Frankfurt a.M. 92015: 16€

Tobias Graßmann: An neuen Darstellungen des Dreißigjährigen Krieges herrscht kein Mangel. Angesichts dieser unterschiedlich akzentuierten, mehr oder weniger ausführlichen Darstellungen lohnt sich dennoch der Blick in einen Klassiker. Denn wer über die grundlegenden Vorkommnisse informiert ist, findet in diesem Buch eine klare, knappe und unbestechliche Interpretation dieser traumatischen Epoche. Burkhardt erweist einige der klassischen Frontstellungen (z.B.: Religionskrieg oder nicht?) als Scheinalternativen und präsentiert den Dreißigjährigen Krieg als Ergebnis sich überlappender Staatenbildungskonflikte. Religion, Wirtschaft, technische Entwicklungen, Mediendynamik, dynastische Herrschaftsform und historisch hergeleitete Universalmachtansprüche werden auf ihre kriegstreibenden, aber auch friedensförderlichen Potentiale befragt und so manches Vorurteil gerade gerückt. Das Buch verschließt sich jeder raschen Verzweckung zur politischen oder gesellschaftlichen Sinnstiftung – und regt gerade darin zum Denken über den Frieden an!

2) Paul Feyerabend: Zeitverschwendung, Frankfurt a.M. 61997: 14,00 €

Niklas Schleicher: Ich habe eine große Schwäche für Autobiographien und eine genauso große für Paul Feyerabend. Seine Autobiographie mit dem Titel Zeitverschwendung ist, auch wenn man ihn, freilich zu Unrecht, für einen Scharlatan hält, großartig, zumal sie alles erhält: Krieg, Liebe, Operngesang, Wissenschaftstheorie und Harnack. Ja, genau, Feyerabend rezeptiert Adolf von Harnack, eine detaillierte Forschung dazu steht aber noch aus. Das Buch stellt einen guten Einstieg in das Denken Feyerabends dar, danach kann man sich dann dem nicht minder spannenden Hauptwerk „Wider dem Methodenzwang“ widmen. Oder sich von @luthvind erklären lassen, dass der @megadakka mit seiner Feyerabend-Besessenheit ein bisschen verrückt ist.

3) Michel Foucault: Die Ordnung des Diskurses. Mit einem Essay von Ralf Konersmann, Frankfurt a.M.  142017: 10€

Claudia Kühner-Graßmann: Wer immer schon einmal etwas von Foucault lesen wollte, aber weder wusste, was genau, noch viel Zeit hat, ist mit diesem schmalen Heftchen gut bedient. Und zwar nicht nur, weil man Einblicke in Foucaults Denken erhält, wozu der angehängte Essay von Konsersmann („Der Philosoph mit der Maske. Michel Foucaults Lʼordre du discours“) zusätzlich beiträgt. Die Lektüre schult wunderbar den Blick für die Produktion des Diskurses und vor allem deren Ausschließungsprozesse. Nach Lektüre der knapp 50 Seiten meint man den intellektuellen Gestus der Foucault-Anhänger zu durchschauen – oder eignet ihn sich gleich selbst an. Jedenfalls ein gutes Buch für einen kalten Winterabend auf dem Sofa mit Tee oder Wein.

4) Thomas Bauer: Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt, Stuttgart  82018: 6€

Julian Scharpf: Der Arabist und Leibniz-Preisträger Thomas Bauer hat  es 2011 mit  „Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams“ vermocht, das aus der Psychologie bekannte Konzept der Ambiguitätstoleranz nicht nur individuell aufzufassen, sondern auch als erstrebenswerte Errungenschaft einer Religionsgemeinschaft zu charakterisieren. Mit seinem aktuellen Essay weitet er seinen Blick im Grunde auf die ganze Welt und warnt davor, dass wir alle immer weniger bereit sind, Bedeutungsvielfalt anzuerkennen und uns fatalerweise nach Vereindeutigungen sehnen. Dieses Reclambüchle liest sich wie im Rausch.

Martin Böger: Wohl kaum ein Buch habe ich in letzter Zeit mit größerem Interesse und Gewinn gelesen. Der Leibniz-Preisträger und Professor für Islamische Theologie Thomas Bauer unternimmt einen überaus spannenden Parforceritt durch unsere Welt, ihre Wirklichkeit und wie wir über sie denken. Seine These lautet: Wir erliegen derzeit dem Verlangen, unsere Welt zu vereindeutigen und damit den Blick für die Vielfalt, für das Unerwartete, für das Einmalige zu verlieren. Die Religion spielt dabei für Bauer eine herausragende Rolle, da an ihr beides gelernt werden kann: Der Hang zur Vereinheitlichung zwischen schwarz und weiß, richtig und falsch und das große Potential der Ambiguität von Lebens- und Sinndeutungen. Thomas Bauer hält ein großes Plädoyer auf die Ambiguität, die er nicht als Drohung, sondern als große Chance erkennt. Ein Blick auf die Wirklichkeit, der spannend und der manchmal anstrengend ist, aber die Wirklichkeit so sein lässt wie sie ist: bunt, uneindeutig, dramatisch und manchmal auch herausfordernd.

 

[1]          Die angezeigten Preise dienen der Orientierung. Die tatsächlichen Preise können durchaus von den hier angegebenen abweichen.

Vom Predigen. Widersprüche zu #abkanzeln

von Niklas Schleicher

 

Wir haben vor zehn Jahren erfolgreich die Idole getötet
Und jetzt hängen wir im Zuckerbergwerk, labern nur Blödsinn
Und ich weiß ihr wollt ’ne Hymne und ’ne provokante Botschaft
Doch ich stolper‘ zwischen Prediger und kollektiver Ohnmacht
Scheiß auf Jugendrebellion, ich hab‘ die Faxen dick
(Disko Degenhardt: „Der Druck bleibt“)

 

cara

Heute predige ich darüber, dass man es nicht verhindern kann, Fehler zu machen, aber dass man bei allem versuchen kann, Mensch zu bleiben, denn das ist immer gut. (@PastoraCara)

Ich bin nicht der richtige für den Widerspruch zum Artikel von Hanna Jacobs (https://www.zeit.de/2018/44/religioese-reden-predigt-abschaffung-sermon-kanzel). Ich habe weder Erfahrungen im Vikariat oder im Pfarramt, noch bin ich Praktischer Theologe, der sich berufsmäßig mit der Geschichte und der Praxis protestantischer Predigt beschäftigt. Meine gehaltenen Predigten lassen sich bequem an zwei Händen abzählen. Und ja, auch ich rege mich mehr über Predigten (oder Predigtideen) auf, als dass ich diese gut finde. Also: Ich bin nicht der richtige für den Widerspruch. Es wird widersprochen und widersprochen werden: @FrauAuge hat in einem Tweet-Thread differenziert darauf hingewiesen, dass man mehr Freiräume für gute Predigten braucht. Der Blog „Homilia“ hat geantwortet und die richtigen Anliegen aufgenommen. Und die niedersächsische Landessuperintendentin Petra Bahr wird diese Woche bei „Christ und Welt“ respondieren. Alles berufenere Menschen, die sich gewählter ausdrücken und differenzierter argumentieren.

Ich sollte nicht widersprechen: Selbst hier bei NThK gibt es bessere: Claudia Kühner-Graßmann ist praktische Theologin und kann sehr differenziert die Praxis religiöser Rede reflektieren. Tobias Jammerthal ist Vikar und verfügt außerdem über breites geschichtliches Wissen. Die stilistische Schärfe von Tobias Graßmann erreiche ich kaum. Und lustiger wäre der Widerspruch sicherlich, wenn ihn Julian Scharpf verfassen würde.

buiting

Heute Nacht geträumt: Priester steigt von der Kanzel und fragt anstelle einer Predigt: “ Mal ehrlich: Wie geht’s euch, Leute?“ Und dann wird erzählt. Und zugehört. Und geweint. Und umarmt. Und die Kirchentür ist geöffnet dabei. Himmelweit. Ist mein Traum irgendwo Wirklichkeit? (@HannaBuiting)

Andere müssten widersprechen. Und warum überhaupt: Folgt Hanna Jacobs nicht ganz präzise einem Trend? Hat sie in ihrer Deskription recht? Ich meine, man muss nur auf den Powertweet einer anderen Hanna, Hanna Buiting, schauen: Runter von der Kanzel und zuhören, dass ist doch das, was die Menschen brauchen. Und dann: Trage ich hier wieder persönliche Aversionen ein? Bin ich nur neidisch, dass ich nicht in der „Christ und Welt“ schreiben kann, sondern nur ab und zu mal in einem kleinen Blog meine kleinen Dummheiten in die Welt schreibe?

Nein, andere sollten widersprechen: Die Exegeten und Exegetinnen vielleicht. Sie sollten bemerken, dass die biblischen Bücher zu einem guten Teil von Reden berichten oder sogar in stilisierter Redeform abgefasst sind. Dass Jesus vor allem auch als Lehrer wirkte, als einer der sprach, ja, der auch monologisierte. Und Paulus. Und auch die Propheten. Und Mose. Sie sollten darauf hinweisen, dass die christliche Religion und ihre Wurzel, das Judentum ganz eminent auf gesprochene und verschriftlichte Rede angewiesen war. Ja: Schon im Ursprung war das Christentum eine Religion des Wortes, und das gilt auch ohne das man auf den Johannesprolog aufmerksam machen müsste.

elektropastor

@hannagelb Werde am Reformationstag die Gemeinde über Gal 5 diskutieren lassen. 30-45 Minuten, mit alkfreien Cocktails. Kurzes Minifazit am Ende mit den Ergebnissen der Leute. Leserbrief zum dk-Artikel: Ohne Predigt kein Gottesdienst. Finde den Fehler. #abkanzeln (@elektropastor)

Es sollten andere widersprechen. Die Kirchengeschichtler und Kirchengeschichtlerinnen bestimmt. Mit Luther zum Beispiel. Denn freilich: Reformation war ein Medienereignis. Der Buchdruck und die Bibelübersetzung waren wichtig. Aber durch welche Schriften wurde Luthers Lehre verbreitet? Was war das, was wirkte? Es waren: Predigten. Entweder gehaltene oder eben: Gedruckte. Aber es waren Predigten. Klar, Luther ist vorbei. Aber danach Schleiermacher und seine Reden. Oder im Kirchenkampf. Oder. Oder.

knuuut

Jede Predigt muss bis 2021 auf einen Bierdeckel passen. #abkanzeln (@knuuut)

Oder möglicherweise die Dogmatiker oder Dogmatikerinnen: Sie sollten darauf hinweisen, was in der Schrift zur Rechtfertigungslehre der EKD (https://www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/2014_rechtfertigung_und_freiheit.pdf) nochmal deutlich hervorgehoben wurde: Es sind eben nicht nur vier reformatorische Exklusivpartikel (gratia, fide, christus, scriptura), sondern fünf. Solo verbo: Das zugesprochene, ja, eben auch das verkündigte Wort ist es, so Gott und sein Geist will, das den Sünder in die Gnade ruft. Vielleicht müsste der Dogmatiker oder die Dogmatikerin auch sagen, dass hier bei Hanna Jacobs der Rahmen des lutherischen Bekenntnisses, wenn nicht verlassen, so doch wenigstens herausgefordert ist. Aber gut, möglicherweise ist das auch altertümlicher Blödsinn und heute muss es anders gedacht werden.

Aber vielleicht widersprechen auch die praktischen Theologen und Theologinnen und machen deutlich, dass die Predigt eben auch ein unverzichtbarer Teil der Kommunikation des Evangeliums ist. Ich weiß nicht, vielleicht irre ich mich, aber die Homiletik als Teildisziplin ist eine, die einen relativ hohem Innovationsgrad hat. Sei es szenisches Predigen oder die Semiotik. Vieles Neue findet den Einlass in die Praktische Theologie und damit auch in die Theologie als Ganzes über den Trichter der Homiletik.

gayk

Statt einer Predigt gab es heute eine Frage: Was gibt dir Kraft? #abkanzeln (@julegayk)

Nun ja, das sind alles fachwissenschaftliche Debatten. Dann sollten vielleicht die Pfarrer und Pfarrerinnen widersprechen. Sie müssten sagen, dass Sie sich der Abständigkeit vieler Predigttexte durchaus bewusst sind, ja daran auch oft fast verzweifeln, aber Sonntag für Sonntag, Predigt für Predigt ihr Bestes geben, um das, was diese Texte auch in der (Post/Spät/Wasauchimmer-)Moderne dem Hörer oder der Hörerin bedeuten kann, auszulegen.

Es geht im Artikel ja aber um die Menschen, vielleicht müssten diese, die Menschen, die Sonntag für Sonntag im Gottesdienst sitzen, widersprechen. Sie müssten sagen: Woher, im Namen des Allmächtigen, weißt du denn, was meine Fragen sind? Glaubst du, nur weil du deine Probleme kennst, kennst du auch meine? Oder Sie müssten sagen: Nur weil du die Predigt, ja selbst deine Predigt nicht gut findest, weißt du noch gar nicht, was Sie in diesem Moment für mich bedeutet. Sei es, weil es für mich eine Tradition ist. Sei es, weil mich diese Auslegung trifft. Sei es, weil mich nur ein Satz berührt.

marthori

Mir spricht das aus dem Herzen, weil ich mich längst von der Predigt verabschiedet habe. Ich gehe kaum noch in Gottesdienste – vor allem wegen der Predigt. Ich ertrage sie einfach nicht mehr. (@marthori)

Oder sie müssten sagen: Klar, wenn ein Pfarrer von der Kanzel steigt und fragt, wie es geht, ist schön. Aber kann es sein, dass dann eh nur die gleichen reden? Oder dass ich vielleicht in diesem Moment nichts zu sagen haben, nicht reden will oder reden kann, sondern einfach nur hören will. Vielleicht Zuspruch, Aufmunterung oder auch Ermahnung brauche?

Vielleicht müssten Sie widersprechen und sagen: Klar, es ist die konkrete Person, um den es im Protestantismus geht, aber die konkrete Person ist eben nicht nur eine Pfarrerin in einem neuen Gemeindeprojekt in einer deutschen Großstadt, sondern auch der Rentner, die Küsterin, der Konfirmand oder ich. Und vielleicht, ja vielleicht, geht es eben auch manchmal um mich und nicht nur um Pioniere und Wanderer und Raumschiffpiloten.

jacobs

Für meinen Glauben brauche ich regelmäßig Predigten. [Umfrage] #abkanzeln (@hannagelb)

Irgendwie so, aber viel besser und differenzierter müssten es die klugen Menschen sagen. Sie werden, wenn sie es tun,  es differenziert und in Aufnahme der wichtigen und klugen Punkte sagen, die Hanna Jacobs anspricht. Ich nicht. Ich würde sagen: Wer die Abschaffung der Predigt fordert und denkt, dass er so eine protestantische Position vertritt, hat nicht Recht. Ich würde auch sagen: Wer so begründet wie im Artikel, stellt nur das eigene in den Fokus der Überlegungen und vergisst, dass es in der Kirche um mehr als nur mich und meine Richtigkeiten geht. Er sagt ein bisschen sehr viel „Ich“, auch wenn er denkt, dass es ihm immer um das „Du“ geht. Möglicherweise müssten wir nochmal darüber nachdenken, was das eigentlich heißt und von mir fordert, dieses „Kirche“. Aber das ist vielleicht eine andere Geschichte.

Über religiöse Menschen. An die vermeintlich Gebildeten unter ihren Spöttern

 

Ein Kommentar von Claudia Kühner-Graßmann

 

Als christlich-religiöser Mensch hat man es zur Zeit wahrlich nicht leicht: vom alljährlichen Angriff an Karfreitag, ausgelöst durch das sog. Tanzverbot, über das Urteil des EuGH zum kirchlichen Arbeitsrecht bis zur bayerischen Kreuzaffäre. Neben viel berechtigter Kritik und richtig gestellten Fragen nach dem Verhältnis von Kirche und Staat kommt es dabei immer auch zu einer Abrechnung mit der Religion, vornehmlich mit der christlichen (konfessionsindifferent). In maßloser Überheblichkeit wird die intellektuelle Unterlegenheit von Religion und damit ineins die eigene Überlegenheit herausgekehrt. Man selbst habe ja keine Vorurteile – im Gegensatz zu den Religionen; wie blöd müsse man sein, um einen Menschen zu betrauern, der vor 2000 Jahren gekreuzigt wurde und der behauptet, Gottes Sohn zu sein; wie uncool sei man bitte, wenn man in diese Kirche geht.

Ich nehme diese Polemik vor allem aus eher gebildeten Kreisen wahr, so wird etwa auch die Wissenschaftlichkeit der eigenen areligiösen Position besonders hervorgehoben. Wenn gegen Kirche, Religion und immer wieder auch Geistliche gewettert wird, scheint es um Stellvertreterkämpfe zu gehen, denn das, was die Damen und Herren beschreiben, hat mit meiner Wahrnehmung religiöser Menschen wenig zu tun. Gut, ich bin ja auch mittendrin und sogar Theologin! Deutlich wird, dass es oft in irgendeiner Form mehr oder weniger schlimme, vielleicht eher lächerliche Erfahrungen mit Kirche und religiösen Verwandten gegeben hat. Das tut mir Leid, aber die Verallgemeinerung und das Projizieren eigener Erfahrungen auf alle lebende Christinnen und Christen zeugt nicht gerade von differenziertem Reflexionsvermögen – was ja gerade in Anspruch genommen wird. Zudem gibt es immer diffuse Ausnahmen, weil der ein oder die andere Religiöse dann doch eigentlich ganz ok ist. Ich könnte so weiter machen, aber mein Punkt dürfte deutlich geworden sein.

Ich nehme zudem wahr, dass das, was die Kritiker an unterstufiger Religiosität der Gegenseite unterstellen, nicht über die Ebene eines „Kinderglaubens“ hinausgekommen ist. Hierbei kann und vermutlich muss man Versagen beim kirchlichen Katechumenat, v.a. in seiner Form als Religions- und Konfirmandenunterricht konstatieren. Aber, und darauf kommt es mir wiederum an, das hat halt mit dem, was in vielen Gottesdiensten (jaja, es gibt auch da andere!) verbreitet wird und was viele Erwachsene glauben, doch überraschend wenig zu tun. Glaube wird irgendwie auch erwachsen.

Es zeugt also nicht gerade von Intellekt, wenn auf dieser undifferenzierten Grundlage eine ganze Gruppe von Menschen angegangen wird. Es ist mühselig, auf dieser Grundlage das Gespräch zu suchen und zu führen. Man bleibt halt doch in einer Verteidigungshaltung gefangen. Aber warum? Gerade wir Theologinnen und Theologen brauchen uns eigentlich nicht zu verstecken!  Unser Studium ist so breit angelegt, dass wir – nicht ohne Stolz – von uns behaupten können, Generalisten zu sein. Wir lernen zudem eine wichtige Sache: die Reflexion auf unsere eigenen Voraussetzungen. Im besten Fall sind wir dazu fähig, über unseren Glauben einigermaßen allgemeinverständlich Auskunft geben zu können. Pfarrerinnen und Pfarrer sollten diesen katechetischen Aspekt auch in ihren Predigten bedenken, um der Gemeinde Hilfe zur eigenen Sprachfähigkeit zu geben.

Ich, und das ist meine persönliche Meinung, halte viele Spielarten des Atheismus und Humanismus für deutlich unterstufiger, weil diese Reflexion über die eigenen Voraussetzungen und Grundlagen ausbleibt. Die eigenen Ansichten werden als so evident betrachtet, dass Kritik und Prüfung ausbleiben können (das ist übrigens auch ein Grund, warum ich den Laizismus für einen Trugschluss halte: wir alle leben im Horizont solcher Voraussetzungen, die auch thematisiert werden müssen). Häufig sind dazu Ersatz-Glaubenshandlungen zu beobachten, wenn etwa das Schicksal oder Murphy’s Law für das Wetter, das kaputte Auto o.ä. verantwortlich gemacht werden – immer ironisch gemeint, versteht sich…

Liebe Spötter: mir ist es im Grunde egal, ob ihr glaubt oder nicht glaubt. Wirklich. Aus meiner christlichen Sicht mag das bedauerlich sein, aber ich weiß ja auch, dass der Geist weht wie und wo er will. Aber unterlasst doch bitte diese unterstufige Kritik an allen religiösen Menschen. Ihr fühlt euch intellektuell überlegen? Dann zeigt das doch bitte auch. Reflektiert Eure Motive und Eure eigenen weltanschaulichen Grundlagen.

Liebe Theologinnen und Theologen, liebe Christinnen und Christen: bitte seid nicht immer so apologetisch. Versucht nicht immer zu zeigen, dass Ihr cooler und klüger seid als „die“ Kirche, da springt Ihr doch nur auf diesen Zug auf (abgesehen davon, dass ihr ebenfalls „die“ Kirche seid). Konzentrieren wir uns doch darauf, unseren Glauben reflektiert darzustellen und uns selbstbewusst des Evangeliums nicht zu schämen!

Denn, ich zitiere einen Tweet von @hrmnn01:

 

Rezension: Ulrich Körtner, Dogmatik

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Ulrich H.J. Körtner, Dogmatik, in Lehrwerk Evangelische Theologie (LETh) Bd. 5, Leipzig 2018.

Rezensiert für www.nthk.de von Martin Böger am 23. Februar 2018, veröffentlich am 08. März 2018

 

Der christliche Glaube gibt zu denken. Er ist denkender und verstehender Glaube, der nicht nur den Glaubenden selbst, sondern auch die Welt und die Wirklichkeit im Ganzen in bestimmter Weise zu sehen und zu verstehen lehrt.“ (1)

Mit diesen programmatischen Sätzen beginnt Körtner seine Dogmatik und beschreibt den christlichen Glauben als einen allumfassenden Modus der Wirklichkeitserfassung, der einer Reflexion bedarf. Körtner legt im Genre des dogmatischen Lehrbuches einen eigenständigen dogmatischen Versuch vor, der sich in einer informativen und pointierten Art und Weise an der bisherigen Theologie- und Philosophiegeschichte orientiert ohne sich darin zu verlieren, um von dort aus eine eigene engagierte Rede vom christlichen Glauben und seiner Deutung der Wirklichkeit in der Gegenwart zu profilieren.

Körtner trägt diesem Vorhaben durch den Aufbau seiner Dogmatik in konsequenterweise Rechnung, der sich von einem klassischen Aufbau auf eine anregende Art zu unterscheiden weiß. Denn Körtner ordnet die klassischen dogmatischen Topoi unter dem Begriff der »Wirklichkeit« und benennt mit Gott – Mensch – Welt drei strukturierende Leitbegriffe, die die christliche Wirklichkeitsdeutung in einer engagiert-interessierten Bezogenheit aufeinander deutlich werden lassen.

  1. Christliche Dogmatik als soteriologische Interpretation der Wirklichkeit (Prolegomena)
  2. Die Erschließung der Wirklichkeit
    1. Mensch: Der Glaube
    2. Gott: Die Botschaft des Glaubens als Wort Gottes
    3. Welt: Enthüllung der Wirklichkeit
  3. Die von Gott geschaffene Wirklichkeit
    1. Gott: Der deinige Gott
    2. Mensch: Der Mensch als Geschöpf Gottes
    3. Welt: Die Welt als Schöpfung Gottes
  4. Die erlösungsbedürftige Wirklichkeit
    1. Mensch: Die Sünde
    2. Welt: Das Übel und das Böse
    3. Gott: Die Gerechtigkeit Gottes
  5. Die Wirklichkeit der Erlösung
    1. Gott: Gottes Handeln in Jesus Christus
      Das Wirken des göttlichen Geistes
    2. Mensch: Die Rechtfertigung des Sünders
    3. Welt: Die Heilsmittel
      Die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
      Die Erneuerung der Welt

Körtner verfolgt so den Ansatz, den Glauben und dessen Inhalte nicht in erster Linie als theologische abstracta zu beschreiben, sondern deren wirklichkeitserschließende Kraft darin zu profilieren, dass dogmatische Einsichten in existentieller Beziehung zum menschlichen Leben zu profilieren sind. In dieser Ausgangslage beschreibt er die theologischen Methoden und Einsichten nicht als wertneutrale Annäherungen an die Wirklichkeit, sondern als die tröstliche Wahrheit des christlichen Glaubens für das menschliche Leben.

Körtner baut die einzelnen Kapitel so auf, dass er zu Beginn eines jeden Kapitels einen systematisierenden Abriss dessen bietet, was die Grundfragen und -entscheidungen des folgenden Abschnitts sind. Nach einem übersichtlichen und pointierten darstellenden Teil der bisherigen prägenden Meinungen der Theologiegeschichte kommt Körtner zu einer eigenen konsistenten Sichtweise. Dabei gelingt es Körtner komplexe theologische Systeme in einem leicht verständlichen und erzählhaften Sprachstil zu beschreiben, wobei er mit seiner Meinung zu dem jeweiligen Theorem nicht hinterm Berg hält, sondern in erfrischender Art und Weise die eigene Meinung einzuflechten weiß.

Körtners Dogmatik wird so dem Anspruch gerecht, ein einführendes Werk zu sein und ist doch gleichzeitig erheblich mehr. Es ist ein dogmatischer Entwurf, der m.E. auf derzeitige Herausforderungen einer zunehmend entkirchlichten und damit der christlichen dogmatischen Symbolsprache verlustig gehenden Generation zu begegnen versucht. Körtner macht in der gegenwärtigen Ausgangslage für den christlichen Glauben damit ernst, dass evangelische Dogmatik nicht im luftleeren Raum schwebt und möglichst um objektive Neutralität bemüht zu sein hat, sondern engagiert und selbstbewusst in eine plurale Gegenwart verschiedenster Konfessionen, Religionen und atheistischen Weltanschauungen eingebettet ist, mit denen es sich angemessen auseinanderzusetzen gilt und daneben der Welt und ihrer Wirklichkeit ein tröstliches und hoffnungsvolles Zukunftsbild ihrer selbst zu malen. Die Aufgabe evangelischer Dogmatik – das wird in der Lektüre dieser Dogmatik sehr deutlich – ist nie nur das fromme rezitieren traditionsreicher und epigonenhafter Glaubenssätze, sondern die individuelle und existentielle Aneignung christlicher Überzeugungen für die eigene Wirklichkeitsdeutung und damit Lebensgestaltung.

Körtner bewältigt den einer Dogmatik wohl grundsätzlichen innewohnenden Spagat zwischen objektiv darstellendem Stil und dabei als eigenständiger und aussagekräftiger Theologe erkennbar zu bleiben mit Bravour. Körtners Werk überzeugt auf ganzer Linie und beweist, dass Dogmatik nicht als ein abstrakter metaphysischer Überbau des Religiösen zu verstehen ist, sondern als deren Versuch, auf die existentielle Frage eine konkrete Antwort zu geben: „Was ist Dein Trost im Leben und im Sterben?“. Dogmatik macht daher sprachfähig in der christlichen Deutung der Wirklichkeit – Nicht mehr und nicht weniger ist der Anspruch dieser Dogmatik, die allen dogmatisch interessierten Theolog*innen und Pfarrer*innen zum Lesen und Stöbern ans Herz gelegt sei.

 

Pfarrer Martin Böger ist Repetent am Evangelischen Stift in Tübingen

 

Die Kirche des Worts gegen die Bilder im Kopf

von Tobias Graßmann (@luthvind)

Es ist nun schon etwas Zeit vergangen, seit ein kurzes Zitat einer Bischöfin auf Twitter Diskussionen ausgelöst hat. Auch wenn eine kurze Internetrecherche ausreichen sollte, um das Zitat zuzuordnen, kann die Person hier ungenannt bleiben, da es mir nicht um eine Auseinandersetzung mit einer bestimmten Amtsträgerin einer fremden Landeskirche geht. Von verschiedener Seite wurde mir versichert, dass die betreffende Person mit der hier vertretenen Position in weiten Teilen übereinstimmen würde. Gerade das scheint mir freilich typisch für ein Problem zu sein, auf das ich in den Tagen vor Weihnachten einmal die Aufmerksamkeit lenken will. Ich greife also diese Äußerung als ein prägnantes Beispiel heraus, um den Blick auf ein grundlegendes Problem zu lenken.

Das betreffende Zitat stammt aus einem Segenswort, formuliert im Rückblick auf das Reformationsjubiläum und die abschließenden Gottesdienste zum Reformationstag. Es wird die Frage aufgeworfen, „wie’s denn mit der Kirche weitergeht und mit dem Glauben“. Als Antwortversuch formuliert die Bischöfin:

„Heißt: wir müssen runtersteigen von den Kanzeln und Bühnen, eher fragen und zuhören als antworten, predigen oder gar belehren. Uns hinwenden und suchen, was verloren gegangen ist.“

Was mich daran unmittelbar geärgert hat, ist natürlich nicht der positive Vorsatz: mehr fragen und zuhören, sich zu Menschen hinwenden. Es geht mir um das Bild von Kirche und Verkündigung, das diesem Vorsatz als dunkle Kontrastfolie unterlegt ist. Es ist das Bild einer Kirche, die normalerweise von oben herab antwortet, predigt und belehrt.

Verzichtbare Negativfolien

In Abgrenzung wird so ein durchaus verbreitetes Bild von Kirche aufgegriffen. Ein Bild, das in der Vergangenheit wohl einmal schlechthin bestimmend und vielleicht auch angemessen war. Eines, mit dem sich viele Pfarrerinnen und Pfarrer heute aber nicht mehr identifizieren können und wollen.

Indem dieses Bild von der Bischöfin als Folie für ihre positiven Anliegen verwendet wird, setzt sie es faktisch ins Recht. Der unbefangene Hörer muss verstehen: Es gibt in der Kirche einen Normalzustand, der sich als Belehrung von der Kanzel herab beschreiben lässt. Aber hier tritt eine Einzelperson an, die sich gegen diesen Normalzustand stellt. Verstärkt wird der Effekt dadurch, dass es offenbar nicht um konkrete blinde Flecken, bestimmte Anliegen oder Sorgen geht, die überhört werden. Das Problem bleibt unkonkret – und damit tendenziell allgegenwärtig!

Diese Abgrenzungsfigur begegnet mir häufiger, und zwar nicht nur als gesprochenes Wort. Ich bin immer wieder irritiert über die vielen Kolleginnen und Kollegen, deren gesamtes Auftreten vor allem die Botschaft senden soll: Ich bin kein typischer Pastor, keine typische Pastorin. So wird im eigenen Auftreten die Negativfolie eines Pastorenbildes mitgeschleppt: „langweilig“, „konservativ“, „weltfremd“, „verknöchert“ und „verkopft“. Aber an welchen Kollegen ist dabei eigentlich gedacht? Wen trifft die Beschreibung, wen möchte man in einer Pfarrkonferenz mit diesem Vorwurf konfrontieren? Dieser Unhold im Talar hat keinen Namen und keine Adresse, so dass man vermuten muss: Er treibt eigentlich überall sein Unwesen. Nur hier nicht!

Ich glaube ja nicht, dass die Bilder, die so in der Fantasie der Menschen aufgerufen und fortgepflanzt werden, die Wirklichkeit unserer Gemeinden angemessen widerspiegeln. Vor allem aber meine ich, dass wir uns als Kirche so jede Chance nehmen, diese Bilder endlich loszuwerden. Wollen wir in einer Zeit, in der viele Menschen gar keine klaren Erwartungen an Kirche und nur noch vage Bilder von Pastoren haben, selbst unsere Negativklischees mitschleppen und weiterverbreiten?

Futter für das Vorurteil

Es gibt noch einen weiteren Punkt, der mein Unbehagen weckt. Das Zitat ist nämlich dazu geeignet, eine verbreitete anti-theologische Stimmung zu bedienen. Ich glaube, dass nur in seltenen Fällen diese Ressentiments bewusst geschürt werden. Aber da sie nun einmal in den Köpfen vorhanden sind, passiert es fast unvermeidlich, dass die Negativfolie der belehrenden Kirche mit bestimmten Klischees von Universitätstheologie verschmilzt.

Denn in kirchlichen Kontexten, besonders im Internet, begegnet mir häufig eine Erzählung, die sich etwas überspitzt so zusammenfassen lässt: Gefragt für das Pfarramt wären „normale“ Menschen, die freundlich und interessiert, lebensnah und zugewandt sind. Das Studium an der Universität bringe nun aber eine Kaste blutleerer Streber hervor, die sich mit alten Sprachen und kirchengeschichtlichen Daten und dogmatischen Lehrgebäuden auskennen, aber die echten Menschen aus dem Blick verloren haben. Ja, sie verstehen weder deren Fragen noch können sie sich ihnen verständlich machen. Daher der himmelweite Abstand zwischen der Kanzel, dem Außenposten des akademischen Elfenbeinturms, und dem Leben der Menschen – die aus diesem nachvollziehbaren Grund wegbleiben.

Wie verbreitet solche Bilder der akademischen Ausbildung sind, illustriert nicht nur ein jüngst veröffentlichter Text von Pastorin Carola Scherf, sondern auch ein Erlebnis, das ich mit einem Oberkirchenrat hatte. Der Mann schleuderte mir den überraschend ehrlichen Satz entgegen: „Ich kann der Synode nicht erklären, warum Leute an der Uni rumhängen, während in Oberfranken Pfarrstellen unbesetzt bleiben!“ Könnte die Theologie an der Universität irgendwie damit zu tun haben, dass ländliche Pfarrstellen mit kompetenten Menschen besetzt werden? Nun, ein Zitat wie das eingangs zitierte ist kaum geeignet, Synodale und Oberkirchenräte von der Unverzichtbarkeit theologischer Ausbildung zu überzeugen.

Natürlich kann man bei Kritik an der verkopften Unitheologie immer mit Zustimmung rechnen, mit dem Applaus so mancher Pastoren und dem Kopfnicken vieler Gemeindeglieder. Schnell sind ein paar Beispiele für die Praxisferne der Ausbildung zusammengetragen. Aber diese Kritik tut nicht nur vielen Theologinnen und Theologen unrecht, die sich ernsthaft bemühen, ihre Forschung und die kirchliche Praxis fruchtbar zu verknüpfen. Sie ist auch falsch. Denn ein Theologiestudium entfremdet Menschen nicht dem wahren Leben. Stattdessen bedeutet es meistens eine Horizonterweiterung.

Der Mythos des sinkenden Theologiebedarfs

Wer ein theologisches Studium durchläuft, begegnet Texten, Personen, Lebensproblemen und philosophischen Argumenten aus etwa 3000 Jahren. Mit den Sprachen sind tiefe Einblicke in andere Kulturen verbunden. Sie oder er hat im Idealfall gelernt, die Fremdheit der biblischen Texte anzuerkennen und sie dennoch fruchtbar auf das eigene Leben zu beziehen. Theologinnen und Theologen haben sich kritisch mit dem eigenen Glauben auseinandergesetzt. Sie haben sich klar gemacht, dass schon unter Christen viele ihrer religiösen und moralischen Überzeugungen alles andere als unhinterfragbar sind. Sie laufen weniger Gefahr, die eigene Ortsgemeinde mit der ganzen Kirche Jesu Christi zu verwechseln. All das wird ihnen in der Begegnung mit Menschen eher helfen als schaden.

Ich glaube daher nicht an einen inneren Zusammenhang von Theologiestudium, Weltfremdheit und pastoraler Selbstherrlichkeit. Ebenso wenig überzeugt mich die Einschätzung, dass heute sowieso kaum mehr Bedarf an Theologie besteht und bloße Mitmenschlichkeit genügt. Ich meine eher: Theologieverachtung kann man sich vielleicht leisten, wenn man von einer überwiegend kirchlich geprägten Kultur ausgeht. Wenn die Autorität der Kirche und ihrer Amtspersonen unhinterfragt ist, kommt man mit einem Minimum an Theologie aus. Wenn jede und jeder als guter Christenmensch erzogen ist und das Wort des Pastors sowieso Gesetz, dann dürften Menschenkenntnis und christliche Allgemeinbildung tatsächlich ausreichen.

Aber heute brauchen wir eher mehr Theologie als früher. Die Selbstverständlichkeit ist dahin. Wir müssen unsere christlichen Überzeugungen erklären und begründen. Wir haben es ständig mit anderen Weltbildern, Religionen und Konfessionen zu tun. Vielen Menschen fehlt eine eigene Sprache für die religiösen Bedürfnisse, mit denen sie zu uns kommen. So muss oft erst einmal Verstehensarbeit geleistet werden. Theologie meint nicht Belehrung, die an die Gemeinde weiterzugeben wäre – sie schult Wahrnehmung und Sprachfähigkeit.

Kompass im Dickicht menschlicher Bedürfnisse

Pastorinnen und Pastoren werden heute nicht mehr dazu ausgebildet, von der Kanzel herab die Massen zu belehren. Von ihnen wird erwartet, die Bedürfnisse der Menschen wahrzunehmen. Das ist gut so. Aber diese Bedürfnisse gehen weit auseinander und sind in der Summe unmöglich zu bedienen. Manchen Menschen reicht tatsächlich ein offenes Ohr – für die Sorgen ihres Alltags oder ihre Thesen zum Islam. Andere wollen selbst erst einmal hören und suchen Worte für einen Glauben, der irgendwie verschüttet oder gerade erst im Wachsen ist. Wieder andere erhoffen sich Rat in Lebensfragen. Und manche interessieren sich für die Wurzeln unserer Kultur oder die Welt der Bibel. Die Liste ließe sich fortsetzen. Im Pfarramt braucht es kommunikative Kompetenz, aber auch einen klaren theologischen Kompass, um bezüglich der Fülle von Erwartungen sinnvolle Prioritäten zu setzen.

Deshalb ist mir ein Leitbild kirchlichen Handelns zu dünn, das sich auf Zuhören und Fragen beschränkt. Deshalb wünsche ich mir, dass die Kirchenleitung sich klar zur Theologie bekennt. Und es wäre schön, wenn man auf manche der gängigen Negativfolien verzichten könnte. Auf die Abgrenzung von den Kolleginnen und Kollegen, auf die beliebten Klischees von akademischer Theologie.

Warum nicht einfach so: Ich will Fragen stellen, zu schnelle Antworten vermeiden, den Menschen genau zuhören und das Verlorene suchen. Und in diesem Geist predigen und lehren.