Rez.: Gott – Woran glauben Christen?

Rezension: Doris Nauer, Gott – Woran glauben Christen? Verständlich erläutert
für Neugierige, Kohlhammer: Stuttgart 2017. 239 Seiten. (25 Euro)

Rezensiert von Dr. Katrin Juschka, Kassel. Hochgeladen am 20. Oktober 2018.

Bunte Fotos, Diagramme, Schaubilder, Statistiken, grafisch hervorgehobene Zitate: Das kürzlich erschienene Buch hält auf 239 Seiten einiges für die bereit, die sich einen Überblick darüber machen wollen, wer oder wie Gott aus christlicher Sicht ist.

Die Zielgruppe ist recht genau im Untertitel und auf den ersten Seiten eingefasst: Das Werk ist für Neugierige, Interessierte und Suchende, die sich auf dem aktuellen wissenschaftlichen Stand der Forschung informieren bzw. ihr vorhandenes Wissen vertiefen möchten. Nauer nennt explizit haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitende sowie Leitungskräfte von christlichen Hilfswerken (z.B. Diakonie oder Caritas, S. 11; 213f.), die sich über das „christliche“ Profil ihrer Einrichtung informieren möchten, das mindestens im Gründungsgedanken steckt. Letztlich sind es über 1 Mio. Menschen, die in diakonischen Bereichen kirchlicher Trägerschaft arbeiten und für die der christliche Glaube nicht mehr selbstverständlich ist. Insofern ist Buch ein wirklich zu begrüßender Beitrag für speziell diese Zielgruppe.

Das Unterfangen, eine Darstellung auf möglichst verständliche Art und Weise zu gestalten, frei von wissenschaftlichen Fachbegriffen, aber auch frei von frommen, kircheninternen oder konfessionellen Bestrebungen, ist ein hoher Anspruch. Ein solches Werk ohne Fachwörter und fachliche Diskussionen zu vollbringen, gelingt der Autorin streckenweise mal mehr, mal weniger gut – ist als Ziel letztlich auch unnötig hoch angesetzt, wenn wissenschaftliches Fachwissen einbezogen werden soll. Im Großen und Ganzen ist vor allem aber ihr ökumenisches Anliegen besonders gut umgesetzt, fachlich hochkarätiges Wissen konfessions-barrierefrei für Laien aufzubereiten.

Wenn erst der schwierige, etwas holprige Einstieg mit Zahlen, Namen und der Ursachensuche nach Kirchenaustritten geschafft ist, gibt Nauer einen guten Überblick über die Bibel als Grundlage des Glaubens, speziell ihre Entstehung über die Jahrhunderte hinweg und inwiefern sie als „Heilige Schrift“ von und über Gott ernst genommen werden kann. „Ernst nehmen“, so folgert sie schlussendlich, „bedeutet, es sich nicht auf biblizistisch-fundamentalistische Art und Weise wortwörtlich leicht zu machen, sondern sich der Anstrengung zu unterziehen, den eigentlichen Aussagegehalt begreifen zu wollen“ (S. 27).

Ab S. 29 nimmt das Buch Fahrt auf, mit Gottes-Erfahrungen und -Bildern wird es praktischer: „Gottesbilder sind weder unbedeutende Konstruktionen noch harmlose Gebilde, denn 🙂 Gottesbilder können sich heilsam auf unser Leben auswirken und unseren Lebensalltag enorm bereichern, ☹️ Gottesbilder können aber auch pathologische Nebenwirkungen entfalten, indem sie uns psychisch krank oder zu einem gewalttätigen Risikofaktor für unsere Mitmenschen machen“ (S. 30).

Kaum ein Gedanke zieht sich so konsequent durch die Bibel wie der, dass der Mensch sich von Gott kein Bildnis machen kann und soll (Bilderverbot Ex 20,4-6, Lev 19,4). Dennoch ist die Bibel voller Bilder und Metaphern von Gott bzw. wie Menschen Gott erlebt haben. Dass diese teilweise gegensätzlich sind und eine große Spanne an unterschiedlichen Gottesvorstellungen aufweisen, ist ein wichtiger Hinweis; ebenso, dass auch die persönlichen Gottesbilder, die wir alle unweigerlich haben, „dynamische Gebilde“ bleiben, die sich weiterentwickeln und offen bleiben für Veränderung und Weiterentwicklung – nie sind sie endgültige Gotteserkenntnis (S. 30). Im Judentum führte diese Einsicht dazu, dass es tatsächlich keine künstlerischen Darstellungen und Bildnisse von Gott geben sollte und soll, weil die Gefahr der bildlichen Prägung bis hin zu Anbetung der Bilder/Statuen als solcher zu groß empfunden wurde. Im Christentum dagegen entwickelte sich in den meisten Traditionen eine ausgiebige Geschichte an Darstellungen von Gott in der Kunst- und Kirchengeschichte, speziell in der Sakralarchitektur. Hier ist besonders hervorhebenswert, dass Nauer auch die Prägungen durch Sprache, Liturgie, Lieder, Frömmigkeitsprägungen etc. einbezieht.

Im darauf folgenden Grundlagenkapitel über die Trinität (die auch den Aufbau des Buches in drei Teilen vorbildet) listet Nauer mutig Argumente für eine endgültige Verabschiedung von der Dreieinigkeit auf, mit der es sich um ein komplexe metaphorische Denkfigur handelt, die für heutige Menschen kaum noch Relevanz hat. Die Begründung: Die Dreieinigkeit hat letztlich keine entfaltete Grundlage in der Bibel, erschwert den Dialog zu Judentum und Islam und sie ist insbesondere von Laien kaum zu erklären (ohne andere Sprachmetaphern heranzuziehen kommt leider Nauer auch nicht aus und bringt das herkömmliche Beispiel von den Aggregatszuständen des Wassers als flüssig, gefroren, dampfend, um die Dreigestalt zu erklären).

Dennoch sieht sie in der Trinität ein faszinierendes Markenzeichen und einen „Kern des christlichen Gottesbildes“ (S. 36) darin, angesichts des Leids überhaupt noch Gott im Munde zu führen. Das der Aspekt des Leidens im trinitarischen Gedanke von der beziehungswilligen, mitgehenden Gottheit grundangelegt ist, erläutert sie bedauerlicherweise nicht so anschaulich und überzeugend wie das meines Erachtens schlagkräftigere Argument der liturgisch geprägten Formel „im Namen des Vater, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ im Gottesdienst, in der Taufe oder beim Bekreuzigungsritual (S. 38).

Gottesbilder

Das Kapitel „Einziger Jahwe“, eröffnet die Zusammenstellung der alttestamentlich-biblischen Gottesbilder „im Namen des Vaters“, die das erste Drittel des Buchs füllt. Nauer geht gezielt auf die polytheistischen Wurzeln der Glaubens (sowohl von Israel, als auch für das frühe Christentum) ein. Durch diese rein religionsgeschichtliche Darstellung schafft sie es leider nicht, der komplexen und zugleich faszinierenden Struktur auf die Spur zu kommen, die gerade der Gottesname JHWH für den jüdischen und christlichen Glauben bereit hält. Zur Herkunft und Bedeutung des Namens JHWH stellt sie nur eine der möglichen Theorien dar und verkürzt damit leider den Forschungsstand auf eine sehr vereinfachte Darstellung, bei der das Geheimnis des Namens und seine Bedeutung als Offenbarung für Israel unerwähnt bleiben.

Die folgenden Kapitel über den allmächtigen Schöpfer, tatkräftigen Befreier, treuen Bundespartner, liebenden Vater, fürsorgliche Mutter etc. sind detaillierter in ihrer Aufarbeitung der biblischen Grundlagen und machen schon eher neugierig auf weitere, eigene Beschäftigung mit den Ur-Erfahrungen Israels, die sich in diesen Gottesbildern verdichtet haben. Ausführlich gibt sie hier Verständnismöglichkeiten zu den biblischen Geschichten, die für die meisten Lesende garantiert einige Highlights und neue Sichtweisen bereithalten.

Den Bildern des „gewalttätigen Kriegers“ und „zornigen Richter“ Gottes für Israel, die für heutige Menschen Brennpunkte in den Aversionen gegen das Alte Testament sind und der Auseinandersetzung bedürfen, wird besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Nauer stellt hier die politische Situation der Entstehungszeit dieser Texte ins Zentrum als eine von Unterdrückungserfahrungen geprägte Zeit, womit Gewalt und Krieg auch Einzug in die Bibel und den Gottesglauben erhielten – weil sie alltägliche Realität und Erfahrung waren. Auch die menschliche Logik prägte diese Gottesbilder: Wenn Gott als absolute Liebe und Gerechtigkeit erscheint, ist die notwendige Kehrseite dazu einerseits der Absolutheitsanspruch und die Eifersucht bzw. dass Ungerechtigkeit und Lieblosigkeit andererseits nicht geduldet werden können. Ihr Schlusssatz zum Abschnitt über Gott als „gewalttätigen Krieger“ hält eindrücklich vor Augen (S. 62): „Christen, die versuchen, eigenes oder fremdes gewalttätiges Handeln in Rekurs auf Gott legitimieren zu wollen, müssen deshalb mit theologischen Argumenten widerlegt und praktisch von ihrem Vorhaben abgehalten werden!“ Ähnlich warnend endet das Kapitel über den „zornigen Richter“ ganz praktisch-ethisch: Weder sei verharmlosend nur vom „lieben“ Gott zu reden und z.B. in der Seelsorge demnach auch alles „gut sein [zu] lassen“, noch sei der Richtermetapher mit der manipulierenden Angst vor Hölle und Bestrafung ein zu hoher Stellenwert in der Gemeindetheologie einzuräumen, wie es sich leider auch heutzutage nicht selten beobachten lasse. Sondern: die Gottheit, die nach ultimativen Gerechtigkeitskriterien richte, erwarte zum einen auch von Menschen verantwortungsvolles Handeln, zum anderen liege es aber vor allem nicht in der Zuständigkeit von Menschen, Unrecht mit Sühne zu beantworten und Recht mit allen Mitteln und Urteilen aufrecht zu erhalten (S. 71).

Sohnesdarstellungen

Für eine praktische Theologin arbeitet Nauer sich sehr genau archäologisch und historisch an der aktuellen Jesusforschung ab und zeigt zum Beispiel auch Differenzen auf, wo der biblische Befund lückenhaft überliefert ist. Ihr durchgehendes Begründen der Verwurzelung von Jesu Botschaft und Praxis im Judentum ist bemerkenswert sorgfältig. Wenn sie das Zentrale der Botschaft Jesu auf den Punkt bringt (S. 91), stellt sie
allerdings dar, dass im Judentum die „die Feindesliebe seinen [Jesu] jüdischen Zeitgenossen schlichtweg fremd war“, was eine pauschale und unkorrekte Aussage ist. Die Gnade und Liebe der Frohbotschaft Jesu steht in Nauers Ausführungen im Zentrum, kurz geht sie auch auf die schwierigeren und radikalen Aussagen Jesu ein, übergeht diese dann jedoch leider mehr oder weniger beiläufig (S. 94). Für sie steht die motivierende Reich-Gottes-Botschaft so im Mittelpunkt, dass sie nicht von „Nachfolgenden“ oder „Jesus-Bewegung“ spricht, sondern von einer „Reich-Gottes-Bewegung“ (S. 98), in der familiäre Gleichberechtigung aller Glieder gilt und die gesellschaftliche Hierarchien in Frage stellt. Insofern wird der Rolle Maria Magdalas und der Frage, in welcher Beziehung Jesus zu ihr stand, viel Raum gegeben. Positiv ist überdies die Aufarbeitung und Rehabilitierung des Judas und seiner Rolle bei der Auslieferung Jesu – hier räumt Nauer mit vielen alten Klischees auf.

Die verschiedenen Titel und Zuschreibungen, die Jesus im frühen Christentum erhält, werden jeweils eigens dargestellt. Inwiefern Jesus Gottes Sohn ist, die jungfräuliche Geburt und die Auferstehung zu verstehen sind, wird ausführlich erläutert: Die Beschreibung des Lebens und Wirkens Jesu nimmt den Hauptteil des Buchs ein. Insbesondere Kirchendistanzierte werden hier eine motivierende Möglichkeit finden, angesichts der schwer zu akzeptierenden Inhalte des Christentums trotzdem Wege zu finden, diese für sich zu interpretieren und mit ihrem Glauben und Verstand zu vereinbaren. Da diese Aspekte sich in der Volksfrömmigkeit zu großen Teilen noch nicht niedergeschlagen haben und die wenigsten Glaubenden konsequent für sich die schwierigeren Glaubensinhalte des Christentums durchdacht haben, ist die Aufführung von den verschiedenen Möglichkeiten, Jesu Lehre und Leben für sich zu deuten und glauben, eine gute Zusammenfassung, die eine Weite des Glaubens eröffnet.

Diese Weite wird lediglich an einer Stelle eingeengt, wo Nauer vehement eine Wiederkunft Christi scharf ablehnt und sogar den Glauben an den wiederkehrenden Jesus als Weltenrichter unnötig karikiert (S. 156). Im Großen und Ganzen ist es jedoch ausgesprochen wertvoll, dass und wie Nauer immer wieder Zitate aus dem traditionellen Glaubensbekenntnis einbringt, ihnen (historisch und biblisch) auf den Zahn fühlt – sicherlich einige davon dekonstruiert, aber vor allem: die tiefgründigen Grundaussagen des Christentums dahinter erklärt und somit Verständnismöglichkeiten anbietet.

Erfahrungen mit dem Heiligen Geist

Als praktische, reale Begegnungs-Erfahrbarkeit Gottes auf Erden, in der Geschichte seiner Schöpfung und in jedem einzelnen, auch alltäglichen Menschenleben – so definiert Nauer den Heiligen Geist (S. 190ff.). Anhand des biblischen Bilds des Winds, der laut Schöpfungstradition Leben einhaucht und als Naturkraft Menschen berührt und in Bewegung bringt, der Gestalt als Taube, in der der Geist als Bote für die Taufe Jesu Form annimmt, sowie als Feuer, mit dem der Funke zu anderen Menschen überspringt, wird der Geist mit Hilfe von Naturbildern/-elementen erklärt, die allesamt biblische Basis haben und als Motive die kirchliche Kunstgeschichte durchziehen.

Mit dem Kapitel „Frau – Gott als weibliche Person?“ wird die Sichtweise aufgetan, dass der Geist aus christlich-trinitarischer Sicht in der Malerei auch als weibliche Gestalt zwischen männlichem Vatergott und Sohn dargestellt wurde. Der Grund darin liegt im hebräischen Wort ruach, das feminin ist und daher auch als eine der Traditionslinien weiblich gedacht werden kann, als Gottes Wirk- oder Geistkraft (die Geistkraft hätte dann auch in Deutsch einen femininen Ausdruck). Als solche findet sich die Person des Geistes tatsächlich in der Malerei als weibliches Wesen zwischen Vater und Sohn und sorgt dafür, dass die menschliche Vorstellung von Gott als männlich regelmäßig in Frage gestellt, dass damit sogar komplett die geschlechtliche Festlegung Gottes aufgelöst werden kann.

Mit den abschließenden Kapiteln macht sich Nauer auf eine interessante Spurensuche, warum der Heilige Geist so gern von den Großkirchen verschwiegen und verdrängt (bzw. z.B. im Symbol der Taube als Zuchttier domestiziert) wurde und ihm in manchen Freikirchen dagegen teilweise ekstatisch Raum gegeben wird, in non-kirchlichen Kreisen wiederum völlige Ratlosigkeit herrscht und mit Geist eher Gespenst assoziiert wird. Meiner Meinung nach gelingt es, Barrieren vor dem Heiligen Geist als etwas Befremdlichem abzubauen und hierin stattdessen eine begeisternde Kraft für das Leben, Glaubensfreude, neue Gotteserfahrung in Geistritualen (die z.B. zum Pfingstfest eine Rolle einnehmen könnten) zu entdecken.

Im Fazit thematisiert Nauer abschließend noch die Gottesferne und den Zweifel, die auch von den Frömmsten und Überzeugtesten erlebt werden können und nicht unbedingt als selbstverschuldeter Zustände bekämpft werden müssen. Dass die Entzogenheit und Unverfügbarkeit zum Wesen Gottes unauflösbar dazugehört, ist eine Spannung, die viele Glaubende aushalten mussten und die dem biblischen Gottesbild inhärent ist. Dass insbesondere in solchen Phasen Zweifel auftreten, ist nichts, was verurteilt werden sollte, und führt auch nicht unweigerlich zu Unglauben. Eine tiefere Erkenntnis Gottes kann ein Resultat sein, ein reiferer Glaube daraus erwachsen, durch den naive und allzumenschliche Wunschvorstellungen von Gott abgelegt werden können, die der Einsicht Platz geben, dass Gott letztlich ein attraktives Geheimnis bleibt.

Glaubensbekenntnisse versuchen dies auf dem Stand und der Theologie der jeweiligen Kultur und Zeit auszudrücken. Nauer ermutigt, diese nicht als absolut feststehende Texte zu übernehmen, sondern sich auf die Suche nach eigenen und neuen gemeinschaftlichen Glaubensaussagen zu machen.

In Sachen Layout hätte ich mir mehr Einheitlichkeit und Sorgfalt gewünscht: Im Buch tut sich ein wilder Auswuchs an verschiedenartigen Gliederungs- und Aufzählungszeichen (von Smileys bis hin zu thematischen Symbolen), Grafikelementen und Word-Schaubildern auf. Dennoch weist Nauers Ambition gerade hiermit ironischerweise in eine sehr gute Richtung, in die sich Sachbücher bewegen sollten (und was Nauer selbst definitiv erreicht hat), nämlich die Lektüre kurzweilig zu gestalten, verschiedenen Lern- und Lesetypen gerechter zu werden und ggf. auch durch humorvolle Sprachspiele, Fotos und Schaubilder den gehaltvollen Inhalt für Laien aufzubereiten.

Schlussendlich ist das Buch eine gelungene Darstellung über die Grundlehren, wie Gott christlicherseits zu begreifen ist. Besonders gefällt mir der Anspruch, dabei auch kritische Fragen und Zweifel nicht schönzureden oder zu übergehen, sondern gerade für zweifelnde, forschende Gemüter das Christentum von Grund auf zu durchdenken – jenseits der Volksfrömmigkeit und auch der oft platten, vereinfachten Gemeindetheologie der Ortsgemeinden. Insofern wünschte ich, das Buch würde tatsächlich in viele Bücherregale gelangen.

Die adressierte Zielgruppe von Menschen, die in christlichen Hilfswerken und Verbänden arbeiten, deren Ursprungsgedanke ein christliches Anliegen hat, ist ein lobenswertes Anliegen. Der Preis von 25 Euro spricht jedoch bedauerlicherweise dagegen, dass Menschen dieser Zielgruppe sich selbst dieses inhaltsvolle Buch anschaffen werden, falls sie auf der Suche sind, sich mit den christlichen Wurzeln des Unternehmens, für das sie arbeiten, auseinander zu setzen. Als Geschenk für die Mitarbeitenden wäre es dennoch eine Investition, für die sich die Werke und Verbände finanziell zwar durchringen müssten, was aber auch eine sinnvolle Investition in die Zukunft der Verbände als „christliche“ Hilfswerke darstellen könnte.

Als Geschenk für Suchende und Fragende, die dem christlichen Glauben auf den Grund gehen wollen, ist es jedenfalls sehr gut geeignet.

Die Autorin

Katrin Juschka, Jahrgang 1982, ist promovierte Neutestamentlerin und als Bildungsreferentin für Theologie, Ökologie und (inter-)kulturelle Kompetenzen in den Freiwilligendiensten bei netzwerk-m tätig. Nebenberuflich doziert sie an der CVJM-Hochschule in Kassel und in der Ev. Kirche von Kurhessen-Waldeck über Themen der biblischen und praktischen Theologie. Online betreibt sie unter www.facebook.com/praxis.dr.katrin eine theologische „Praxis Dr. Katrin“ für mehr Inspiration, Tiefgang und kirchlichen Humor im Alltag der sozialen Medien.

Rezension: Ulrich Körtner, Dogmatik

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Ulrich H.J. Körtner, Dogmatik, in Lehrwerk Evangelische Theologie (LETh) Bd. 5, Leipzig 2018.

Rezensiert für www.nthk.de von Martin Böger am 23. Februar 2018, veröffentlich am 08. März 2018

 

Der christliche Glaube gibt zu denken. Er ist denkender und verstehender Glaube, der nicht nur den Glaubenden selbst, sondern auch die Welt und die Wirklichkeit im Ganzen in bestimmter Weise zu sehen und zu verstehen lehrt.“ (1)

Mit diesen programmatischen Sätzen beginnt Körtner seine Dogmatik und beschreibt den christlichen Glauben als einen allumfassenden Modus der Wirklichkeitserfassung, der einer Reflexion bedarf. Körtner legt im Genre des dogmatischen Lehrbuches einen eigenständigen dogmatischen Versuch vor, der sich in einer informativen und pointierten Art und Weise an der bisherigen Theologie- und Philosophiegeschichte orientiert ohne sich darin zu verlieren, um von dort aus eine eigene engagierte Rede vom christlichen Glauben und seiner Deutung der Wirklichkeit in der Gegenwart zu profilieren.

Körtner trägt diesem Vorhaben durch den Aufbau seiner Dogmatik in konsequenterweise Rechnung, der sich von einem klassischen Aufbau auf eine anregende Art zu unterscheiden weiß. Denn Körtner ordnet die klassischen dogmatischen Topoi unter dem Begriff der »Wirklichkeit« und benennt mit Gott – Mensch – Welt drei strukturierende Leitbegriffe, die die christliche Wirklichkeitsdeutung in einer engagiert-interessierten Bezogenheit aufeinander deutlich werden lassen.

  1. Christliche Dogmatik als soteriologische Interpretation der Wirklichkeit (Prolegomena)
  2. Die Erschließung der Wirklichkeit
    1. Mensch: Der Glaube
    2. Gott: Die Botschaft des Glaubens als Wort Gottes
    3. Welt: Enthüllung der Wirklichkeit
  3. Die von Gott geschaffene Wirklichkeit
    1. Gott: Der deinige Gott
    2. Mensch: Der Mensch als Geschöpf Gottes
    3. Welt: Die Welt als Schöpfung Gottes
  4. Die erlösungsbedürftige Wirklichkeit
    1. Mensch: Die Sünde
    2. Welt: Das Übel und das Böse
    3. Gott: Die Gerechtigkeit Gottes
  5. Die Wirklichkeit der Erlösung
    1. Gott: Gottes Handeln in Jesus Christus
      Das Wirken des göttlichen Geistes
    2. Mensch: Die Rechtfertigung des Sünders
    3. Welt: Die Heilsmittel
      Die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
      Die Erneuerung der Welt

Körtner verfolgt so den Ansatz, den Glauben und dessen Inhalte nicht in erster Linie als theologische abstracta zu beschreiben, sondern deren wirklichkeitserschließende Kraft darin zu profilieren, dass dogmatische Einsichten in existentieller Beziehung zum menschlichen Leben zu profilieren sind. In dieser Ausgangslage beschreibt er die theologischen Methoden und Einsichten nicht als wertneutrale Annäherungen an die Wirklichkeit, sondern als die tröstliche Wahrheit des christlichen Glaubens für das menschliche Leben.

Körtner baut die einzelnen Kapitel so auf, dass er zu Beginn eines jeden Kapitels einen systematisierenden Abriss dessen bietet, was die Grundfragen und -entscheidungen des folgenden Abschnitts sind. Nach einem übersichtlichen und pointierten darstellenden Teil der bisherigen prägenden Meinungen der Theologiegeschichte kommt Körtner zu einer eigenen konsistenten Sichtweise. Dabei gelingt es Körtner komplexe theologische Systeme in einem leicht verständlichen und erzählhaften Sprachstil zu beschreiben, wobei er mit seiner Meinung zu dem jeweiligen Theorem nicht hinterm Berg hält, sondern in erfrischender Art und Weise die eigene Meinung einzuflechten weiß.

Körtners Dogmatik wird so dem Anspruch gerecht, ein einführendes Werk zu sein und ist doch gleichzeitig erheblich mehr. Es ist ein dogmatischer Entwurf, der m.E. auf derzeitige Herausforderungen einer zunehmend entkirchlichten und damit der christlichen dogmatischen Symbolsprache verlustig gehenden Generation zu begegnen versucht. Körtner macht in der gegenwärtigen Ausgangslage für den christlichen Glauben damit ernst, dass evangelische Dogmatik nicht im luftleeren Raum schwebt und möglichst um objektive Neutralität bemüht zu sein hat, sondern engagiert und selbstbewusst in eine plurale Gegenwart verschiedenster Konfessionen, Religionen und atheistischen Weltanschauungen eingebettet ist, mit denen es sich angemessen auseinanderzusetzen gilt und daneben der Welt und ihrer Wirklichkeit ein tröstliches und hoffnungsvolles Zukunftsbild ihrer selbst zu malen. Die Aufgabe evangelischer Dogmatik – das wird in der Lektüre dieser Dogmatik sehr deutlich – ist nie nur das fromme rezitieren traditionsreicher und epigonenhafter Glaubenssätze, sondern die individuelle und existentielle Aneignung christlicher Überzeugungen für die eigene Wirklichkeitsdeutung und damit Lebensgestaltung.

Körtner bewältigt den einer Dogmatik wohl grundsätzlichen innewohnenden Spagat zwischen objektiv darstellendem Stil und dabei als eigenständiger und aussagekräftiger Theologe erkennbar zu bleiben mit Bravour. Körtners Werk überzeugt auf ganzer Linie und beweist, dass Dogmatik nicht als ein abstrakter metaphysischer Überbau des Religiösen zu verstehen ist, sondern als deren Versuch, auf die existentielle Frage eine konkrete Antwort zu geben: „Was ist Dein Trost im Leben und im Sterben?“. Dogmatik macht daher sprachfähig in der christlichen Deutung der Wirklichkeit – Nicht mehr und nicht weniger ist der Anspruch dieser Dogmatik, die allen dogmatisch interessierten Theolog*innen und Pfarrer*innen zum Lesen und Stöbern ans Herz gelegt sei.

 

Pfarrer Martin Böger ist Repetent am Evangelischen Stift in Tübingen

 

Glaube-Leben-Theologie 3: Schöpfer

von Christian Kamleiter

In der Reihe Glaube Leben Theologie“ – die sich lose am Apostolischen Glaubensbekenntnis als dem altkirchlichen Grundbekenntnis der westlichen Christenheit entlang hangeln soll – werden traditionelle christliche Glaubensaussagen pointiert vorgestellt und mit der heutigen Lebenswirklichkeit ins Gespräch gebracht. Anschließend sollen die theologischen Probleme, die sich aus diesem Kontakt von Tradition und Gegenwart ergeben, von den Autorinnen und Autoren knapp, konkret und subjektiv bearbeitet werden. Bisher sind erschienen: Gott (von Tobias Graßmann) und Vater (von Micha Thiedmann). Der dritte Artikel dieser Reihe widmet sich nun der Glaubensaussage ‚Gott als Schöpfer des Himmels und der Erde’.

Glaube

„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde…“ Beim Begriff „Schöpfung“ denken die meisten Menschen vermutlich zuallererst an die Schöpfungserzählung am Beginn der Bibel. Auch unser Glaubensbekenntnis stellt durch die Wendung „Ich glaube an Gott, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde“ einen Bezug zu diesem Bibeltext her.

Und in der Tat sind die Grundlagen des christlichen Verständnisses von Gott als dem Schöpfer vor allem in den ersten drei Kapiteln der Bibel zu suchen. Genesis 1 beschreibt die Schöpfung als Entstehungsgeschichte der Welt. Und zwar als eine Entstehungsgeschichte, die klar gestaffelt ist und eine klare Richtung hat: von der Unordnung, der Erde, die „wüst war“, hin zu einer durch Tag- und Nachtwechsel wohlgeordneten Wirklichkeit, in der alles seinen Platz hat. Von der „leeren“ Welt über die Trennung von Wasser und Land, die Entstehung von Pflanzen und Tieren hin zum Menschen, der als Ebenbild Gottes geschaffen ist. Der Kosmos wird hier als ein wohlgeordnetes System verstanden, in dem der Mensch eine gesonderte Stellung einnimmt. Er ist einerseits Geschöpf Gottes wie alles andere auch, gleichzeitig steht er aber über seiner Umwelt, er soll die Erde „beherrschen“ (Gen 1,28).

Den meisten Menschen wird dagegen nicht bewusst sein, dass die Entstehung der Welt im ersten Buch der Bibel gleich zweimal geschildert wird. Einmal im eben erwähnten sog. „Ersten Schöpfungsbericht“ (Gen 1,1,-2,4a) und gleich darauf im sog. „Zweiten Schöpfungsbericht“ (Gen 2,2b-3,24) noch einmal in anderer Form. Hier steht nicht die Entstehung der wohldurchdachten Ordnung der Welt (Kosmogonie) im Vordergrund, sondern die Erschaffung des Menschen (Anthropogonie). Dessen Abhängigkeit von Gottes Lebensatem und damit auch seine Vergänglichkeit kommen hier stärker in den Blick. Außerdem ist in der dazu gehörigen Paradieserzählung (Gen 2 – 3) der Auftrag an den Menschen anders akzentuiert: Nicht beherrschen, sondern „bebauen und bewahren“ soll er seine Mitwelt.

Sowohl die Geschichte von der Erschaffung der Welt in sieben Tagen, als auch die Paradieserzählung kann zum prägenden Grundbestand des christlichen Glaubens gerechnet werden. Christliche Rede von der Schöpfung geht also davon aus, dass die Schöpfung die ganze Wirklichkeit als etwas von Gott Unterschiedenes umfasst, das aus Gottes Kreativität entspringt. Dieser Wirklichkeit, die als Schöpfung erfahren wird, wohnt nach christlichem Verständnis eine Ordnung inne. Sie ist strukturiert nach grundlegenden Gesetzen der Natur – in Gen 1 etwa ausgedrückt durch den Lauf der Himmelskörper und den Tag-Nacht-Wechsel.

Gleichzeitig wird diese Schöpfung aber als zutiefst von Gottes Handeln abhängig verstanden, wie sich exemplarisch im Schöpfungspsalm 104 zeigt, in dem der ganze Weltenlauf als auf Gottes Interaktion bezogenes Leben geschildert wird. Gott der Schöpfer ist also neben dem kreativen Ursprung auch Erhalter dieser Ordnung und in ihr erfahrbar.

Dieses Verständnis der Umwelt als gottgegebenes und von Gottes Handeln erhaltenes Gesamtgefüge schlägt sich im kirchlichen Alltag besonders im Erntedankfest nieder. An dieser Stelle im Kirchenjahr kommt die Welt als gottgegebene Grundlage unseres Lebens in den Blick (symbolisiert von der Fülle der Nahrungsmittel, der „Ernte“). Dass an Erntedank Gott für diese Lebensgrundlage gedankt wird, beinhaltet das Bewusstsein, dass diese Grundlagen nicht von uns Menschen selbst geschaffen und erhalten werden können. Dank bedeutet immer auch Einsicht in die eigenen Grenzen zu haben.

Leben

Unser heutiges Weltbild ist zutiefst von einem naturwissenschaftlichen Verständnis geprägt. Grundlage dieses Verständnisses ist eine seit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts angelegte Trennung von Mensch und Natur. Der naturwissenschaftlich aufgeklärte Mensch versteht sich zuallererst nicht als begrenztes Geschöpf, sondern als grundsätzlich freies Subjekt im Gegenüber zu einer Umwelt, welche Objekt seines Handelns ist. Der moderne Mensch ist also Herr und Gestalter seiner Wirklichkeit, die kreative Macht konzentriert sich in diesem Weltbild ganz bei ihm.1

Zwar hat sich auch dieses aufgeklärt-naturwissenschaftliche Weltbild in den letzten Jahrzehnten davon verabschiedet, den Menschen als allmächtiges Subjekt zu verstehen. Spätestens seit die menschengemachte Klimaerwärmung größtenteils als Tatsache anerkannt wird, ist ein Bewusstsein entstanden, in dem der Mensch sich zunehmend als Teil einer sensiblen Ordnung der Natur versteht. Diese Einsicht führt zwar zum Eingeständnis menschlicher Grenzen, nicht jedoch zu der Annahme, jenseits dieser Grenzen der eigenen Kreativität einen Schöpfergott anzunehmen. Diverse Erklärungsmodelle wie die Evolutionstheorie oder der Urknall sowie die Einsicht in grundlegende Naturgesetze, etwa den Energieerhaltungssatz, erklären zur Genüge die Entstehung, Entwicklung und innere Logik unserer Wirklichkeit. Das naturwissenschaftlich-aufgeklärte Weltbild fühlt sich durch die Erkenntnis von Grenzen vielmehr dazu herausgefordert, diese Grenzen durch noch tiefergehende Forschung zu verschieben und so mehr und mehr zu überwinden.

Es lässt sich also festhalten: Die Vorstellung von einem göttlichen Gestalter und Erhalter scheint keinen Platz in der Lebenswirklichkeit des heutigen Menschen zu haben. Zwar gibt es verschiedene Versuche, diesen Zwiespalt zu lösen, doch wirklich überzeugend ist keiner davon:

a) Ein wörtliches Verständnis der Bibel zu verteidigen und damit von einer siebentägigen Erschaffung der Welt vor etwa 6000 Jahren auszugehen (sog. Kreationismus) kommt für einen durchschnittlich aufgeklärten modernen Menschen nicht in Frage. Dies würde bedeuten, sämtliche Grundlagen eines logischen, naturwissenschaftlichen Weltverständnisses einer stumpfen Buchstabengläubigkeit zu opfern.

b) Die andere Möglichkeit wäre, einen Schöpfergott „vor“ dem Urknall anzunehmen. Die durch seine freie Kreativität angestoßene Entwicklung der Wirklichkeit wäre dann sich selbst überlassen und er würde nur noch indirekt durch die von ihm angelegten Naturgesetze wirken. Gott an einen Ort jenseits aller menschlich erfahrbaren raum-zeitlichen Wirklichkeit zu stellen, würde jedoch der christlichen Glaubenserfahrung widersprechen, die Gott als personales, direkt mit dem Menschen interagierendes Gegenüber versteht (vgl. die Anrede als „Vater“). Gott wird nicht durch den Ablauf der Naturgesetze erfahren, sondern durch Erlebnisse direkter Offenbarung, also Erfahrungen von Sinnhaftigkeit im Leben.2

c) Eine dritte Möglichkeit spricht Gott eine freie Kreativität überall dort zu, wo die Wissenschaft die Abläufe und Zusammenhänge der Wirklichkeit nicht erklären kann. Dies führt allerdings zu endlosen Rückzugsgefechten, bei denen der Glaube nur verlieren kann, da eine Lücke nach der anderen mit logischen Naturgesetzen erklärt werden kann. Ein souveränes Handeln Gottes fällt damit dort dann weg.

Wie also lässt sich auch heute noch Gott als „Schöpfer des Himmels und der Erde“ bekennen, ohne damit das eigene Selbstverständnis als moderner, aufgeklärter Mensch in Frage zu stellen?

Theologie

Letztendlich handelt es sich bei der Frage, ob der Glaube an einen Schöpfergott und moderne naturwissenschaftliche Erkenntnis miteinander vereinbar sind, um eine erkenntnistheoretische Frage. Naturwissenschaft und Glaube haben einen unterschiedlichen Blick auf die Wirklichkeit und finden auch unterschiedliche Formen, diesen Blick sprachlich auszudrücken. Die Naturwissenschaft beschreibt mit empirischen Mitteln und Theorien die Wirklichkeit. Sie drückt sie in einer Sprache aus, die Aussagen in objektiv richtig und falsch unterteilt. Der Glaube dagegen ist ein subjektiver Blick auf die Wirklichkeit. Er beschreibt ein Selbstverständnis, das bei jedem Menschen verschieden ist und das nicht in objektiven Wahrheitssätzen, sondern in bildhafter und symbolischer Sprache seinen Ausdruck findet.

Wenn ein Christ Gott als Schöpfer des Himmels und der Erde bekennt, dann ist dies eine Glaubensaussage, die symbolisch verstanden werden will. Diese Aussage entspringt der Erfahrung, dass die Welt, in der ich lebe, für mich sinnvoll ist. Ein naturwissenschaftlicher Kausalzusammenhang ist zwar in sich logisch, aber er ist nicht aus sich heraus sinnvoll. Sinnvoll wird er erst, wenn sich einem Menschen darin ein Sinn erschließt.

Wer beim Erntedankfest etwa von der Güte des Schöpfergottes redet, die die Pflanzen so gut wachsen hat lassen, stellt ja nicht in Frage, dass die Pflanzen aufgrund von ausreichendem Regen und Sonnenschein gewachsen sind. Aber er sieht in diesem empirisch beschreibbaren und auf Wetterkonstellationen zurückführbaren Phänomen mehr als nur den Ablauf eines in sich logischen Räderwerks; er schreibt aufgrund seiner christlichen Glaubenserfahrung3 diesem Kausalzusammenhang einen Sinn zu. Kurzum: Er sieht hinter den durch natürliche Phänomene erzeugten Lebensgrundlagen, einen lebensbejahenden Gott.

Von Schöpfung zu reden bedeutet, nicht das „Wie“ erklären zu wollen, sondern eine Antwort auf die Frage nach dem „Warum“ zu geben. Dies ist freilich eine rein subjektive Antwort, die sich in symbolisch-bildhafter Sprache ausdrückt. So lässt der Erste Schöpfungsbericht Gott sagen: „Und er sah, dass es gut war.“ Gut und schlecht sind keine naturwissenschaftlichen Kategorien, sondern subjektive Werturteile. Von der „guten“ Schöpfung zu reden, bedeutet anzuerkennen, dass die zum Dasein notwendigen Grundlagen und Bedingungen nicht von uns Menschen erzeugt oder erhalten werden können, und gleichzeitig zu bekennen, dass diese Grundlagen Gegebenheiten sind, die einem liebenden, uns positiv zugewandten Grund entspringen.

So sollten auch die Schöpfungserzählungen der Bibel nicht als Gegenentwurf zu naturwissenschaftlichen Theorien gelesen werden. Wichtiger als eine wissenschaftlich stichhaltige Erklärung war den damaligen Autoren, auszudrücken, dass dem gesamten Kosmos eine gottgegebene Ordnung innewohnt, die dem Wohl des Menschen (als letztes Schöpfungswerk) dient. Dass dieser Text spätestens von den folgenden Generationen nicht (mehr) wissenschaftlich verstanden wurde, sondern auf ihren symbolischen Gehalt hin gelesen wurde, zeigt sich allein schon in dem direkten Nebeneinander von zwei sich im Ablauf teilweise widersprechenden, bzw. doppelnden Schöpfungserzählungen. Es ging dabei nicht um den wissenschaftlichen Ausgleich zweier Theorien, sondern darum, zwei Geschichten mit unterschiedlichen Akzentsetzungen ergänzend nebeneinander zu stellen. Die Verfasser beschreiben – beide auf ihre Weise – die Welt als Gesamtkunstwerk, dessen Teil der Mensch ist.

Heute Gott als Schöpfer des Himmels und der Erde zu bekennen, bedeutet folglich zweierlei:

A) Erstens, in unserer Welt einen Sinn zu sehen, der über reine Kausalketten hinausgeht. Sich als „Geschöpf“ zu bezeichnen bedeutet, die Tatsache, lebendig und auf der Welt zu sein nicht als pure Gegebenheit, sondern als Gabe Gottes zu verstehen. Anders ausgedrückt: Nicht ich muss oder kann meinem Leben einen Sinn geben, sondern mein Lebenssinn kommt mir von außen zu. Da menschliches Leben immer im Zusammenhang mit der umgebenden Wirklichkeit steht, erschließt sich mir auch in der Natur, in meinem Nächsten, in der Welt an sich dieser Sinn. Oder anders: Ich kann meine Um- und Mitwelt als Zeichen der Zuwendung eines guten Gottes verstehen.

B) Sich selbst als Geschöpf zu verstehen, beinhaltet zweitens das Wissen um die eigenen Grenzen. Dieses Bewusstsein, nicht alles selbst in der Hand zu haben, kann davor bewahren, unsere Wirklichkeit als unendlich beeinflussbar und umgestaltbar zu verstehen. Sie setzt den Menschen an einen bestimmten Ort in der Welt: an den eines verantwortungsbewussten Gegenübers der Natur, das sich gleichzeitig als deren Teil versteht und in der gesamten Wirklichkeit einen sinnvollen und guten Gesamtzusammenhang sieht.

1 Diese Denkweise steht traditionsgeschichtlich in einem gewissen Zusammenhang mit dem Selbstverständnis des Menschen als von Gott beauftragter Herrscher (Gen 1). Dabei ging das ursprüngliche Bewusstsein verloren, dass diese Herrschaft immer verantwortliche und stellvertretende Herrschaft sein sollte. Spätestens mit dem völligen Vertrauen auf unendlichen technischen Fortschritt ab dem 18./19. Jahrhundert stand der Mensch als einziges kreatives Wesen da.

2 Die Frage, inwieweit man von „vor“ dem Urknall reden kann, wenn bei diesem ja auch die Zeit entstanden ist, sei hier dahingestellt. Es geht letztlich um einen „Ort“ außerhalb unserer zeitlichen und räumlichen Wirklichkeit.

3 Dieses Verständnis zeigt sich besonders in der zweiten Schöpfungserzählung, die zuerst die Gottesbeziehung und dann die Beziehung zwischen Mensch und Welt beschreibt: Die Welt als gute Schöpfung Gottes wahrzunehmen, erschließt sich nicht automatisch aus der mich umgebenden Wirklichkeit selbst. Vielmehr ist es anders herum: Weil ich mich durch die Frohe Botschaft als Wesen verstehen kann, dass gewollt und geliebt ist, das seinen Lebenssinn also von einem guten Gott her bezieht, kann ich die mich umgebende Wirklichkeit auch als sinnvoll, also gewollt und geliebt („gut“) verstehen.

Dieses Problem diskutiert die Theologie unter der Frage nach der „Natürlichen Gotteserkenntnis“ und dem Begriff der „Offenbarung“.