Über religiöse Menschen. An die vermeintlich Gebildeten unter ihren Spöttern

 

Ein Kommentar von Claudia Kühner-Graßmann

 

Als christlich-religiöser Mensch hat man es zur Zeit wahrlich nicht leicht: vom alljährlichen Angriff an Karfreitag, ausgelöst durch das sog. Tanzverbot, über das Urteil des EuGH zum kirchlichen Arbeitsrecht bis zur bayerischen Kreuzaffäre. Neben viel berechtigter Kritik und richtig gestellten Fragen nach dem Verhältnis von Kirche und Staat kommt es dabei immer auch zu einer Abrechnung mit der Religion, vornehmlich mit der christlichen (konfessionsindifferent). In maßloser Überheblichkeit wird die intellektuelle Unterlegenheit von Religion und damit ineins die eigene Überlegenheit herausgekehrt. Man selbst habe ja keine Vorurteile – im Gegensatz zu den Religionen; wie blöd müsse man sein, um einen Menschen zu betrauern, der vor 2000 Jahren gekreuzigt wurde und der behauptet, Gottes Sohn zu sein; wie uncool sei man bitte, wenn man in diese Kirche geht.

Ich nehme diese Polemik vor allem aus eher gebildeten Kreisen wahr, so wird etwa auch die Wissenschaftlichkeit der eigenen areligiösen Position besonders hervorgehoben. Wenn gegen Kirche, Religion und immer wieder auch Geistliche gewettert wird, scheint es um Stellvertreterkämpfe zu gehen, denn das, was die Damen und Herren beschreiben, hat mit meiner Wahrnehmung religiöser Menschen wenig zu tun. Gut, ich bin ja auch mittendrin und sogar Theologin! Deutlich wird, dass es oft in irgendeiner Form mehr oder weniger schlimme, vielleicht eher lächerliche Erfahrungen mit Kirche und religiösen Verwandten gegeben hat. Das tut mir Leid, aber die Verallgemeinerung und das Projizieren eigener Erfahrungen auf alle lebende Christinnen und Christen zeugt nicht gerade von differenziertem Reflexionsvermögen – was ja gerade in Anspruch genommen wird. Zudem gibt es immer diffuse Ausnahmen, weil der ein oder die andere Religiöse dann doch eigentlich ganz ok ist. Ich könnte so weiter machen, aber mein Punkt dürfte deutlich geworden sein.

Ich nehme zudem wahr, dass das, was die Kritiker an unterstufiger Religiosität der Gegenseite unterstellen, nicht über die Ebene eines „Kinderglaubens“ hinausgekommen ist. Hierbei kann und vermutlich muss man Versagen beim kirchlichen Katechumenat, v.a. in seiner Form als Religions- und Konfirmandenunterricht konstatieren. Aber, und darauf kommt es mir wiederum an, das hat halt mit dem, was in vielen Gottesdiensten (jaja, es gibt auch da andere!) verbreitet wird und was viele Erwachsene glauben, doch überraschend wenig zu tun. Glaube wird irgendwie auch erwachsen.

Es zeugt also nicht gerade von Intellekt, wenn auf dieser undifferenzierten Grundlage eine ganze Gruppe von Menschen angegangen wird. Es ist mühselig, auf dieser Grundlage das Gespräch zu suchen und zu führen. Man bleibt halt doch in einer Verteidigungshaltung gefangen. Aber warum? Gerade wir Theologinnen und Theologen brauchen uns eigentlich nicht zu verstecken!  Unser Studium ist so breit angelegt, dass wir – nicht ohne Stolz – von uns behaupten können, Generalisten zu sein. Wir lernen zudem eine wichtige Sache: die Reflexion auf unsere eigenen Voraussetzungen. Im besten Fall sind wir dazu fähig, über unseren Glauben einigermaßen allgemeinverständlich Auskunft geben zu können. Pfarrerinnen und Pfarrer sollten diesen katechetischen Aspekt auch in ihren Predigten bedenken, um der Gemeinde Hilfe zur eigenen Sprachfähigkeit zu geben.

Ich, und das ist meine persönliche Meinung, halte viele Spielarten des Atheismus und Humanismus für deutlich unterstufiger, weil diese Reflexion über die eigenen Voraussetzungen und Grundlagen ausbleibt. Die eigenen Ansichten werden als so evident betrachtet, dass Kritik und Prüfung ausbleiben können (das ist übrigens auch ein Grund, warum ich den Laizismus für einen Trugschluss halte: wir alle leben im Horizont solcher Voraussetzungen, die auch thematisiert werden müssen). Häufig sind dazu Ersatz-Glaubenshandlungen zu beobachten, wenn etwa das Schicksal oder Murphy’s Law für das Wetter, das kaputte Auto o.ä. verantwortlich gemacht werden – immer ironisch gemeint, versteht sich…

Liebe Spötter: mir ist es im Grunde egal, ob ihr glaubt oder nicht glaubt. Wirklich. Aus meiner christlichen Sicht mag das bedauerlich sein, aber ich weiß ja auch, dass der Geist weht wie und wo er will. Aber unterlasst doch bitte diese unterstufige Kritik an allen religiösen Menschen. Ihr fühlt euch intellektuell überlegen? Dann zeigt das doch bitte auch. Reflektiert Eure Motive und Eure eigenen weltanschaulichen Grundlagen.

Liebe Theologinnen und Theologen, liebe Christinnen und Christen: bitte seid nicht immer so apologetisch. Versucht nicht immer zu zeigen, dass Ihr cooler und klüger seid als „die“ Kirche, da springt Ihr doch nur auf diesen Zug auf (abgesehen davon, dass ihr ebenfalls „die“ Kirche seid). Konzentrieren wir uns doch darauf, unseren Glauben reflektiert darzustellen und uns selbstbewusst des Evangeliums nicht zu schämen!

Denn, ich zitiere einen Tweet von @hrmnn01:

 

Glaube-Leben-Theologie 1: Gott

von Tobias Graßmann

Mit diesem Blogartikel beginnt unsere neue Reihe „Glaube – Leben – Theologie“, die sich lose am Apostolischen Glaubensbekenntnis als dem altkirchlichen Grundbekenntnis der westlichen Christenheit entlang hangeln soll. In dieser Reihe werden traditionelle christliche Glaubensaussagen pointiert vorgestellt und mit der heutigen Lebenswirklichkeit ins Gespräch gebracht. Anschließend sollen die theologischen Probleme, die sich aus diesem Kontakt von Tradition und Gegenwart ergeben, von den Autorinnen und Autoren knapp, konkret und subjektiv bearbeitet werden. Dieser Eröffnungsartikel beschäftigt sich mit der Aussage: „Ich glaube an Gott.“

Glaube

Wer an Gott glaubt, der setzt (trivial gesprochen) voraus, dass es diesen bzw. einen Gott gibt. Die meiste Zeit seit Entstehung des Christentums war das für den überwältigenden Teil der Menschen in ihren mehrheitlich christlich geprägten Gesellschaften ganz unstrittig. Glaubensaussagen wie die, dass Gott existiert, einer und schlechthin einzigartig ist, konnten sogar als allgemein vernünftig betrachtet werden.

Wo man sich unter Theologen trotzdem die Mühe machte, Gottes Existenz mit Hilfe von Gottesbeweisen zu untermauern, ging es weniger darum, echte Zweifel auszuräumen. Es mag sein, dass diese Beweise auch einmal einen nervösen Verstand beruhigen sollten, der sich im Bemühen um Gotteserkenntnis ein wenig zu weit in schwindelnde Höhen aufgeschwungen hatte. Aber in der Regel ging es eher darum, die Reichweite des menschlichen Verstandes auszuloten und begriffliche Voraussetzungen zu schaffen, diesen Gott und seine Eigenschaften denkend näher zu bestimmen. Atheismus war theoretisch denkbar, aber praktisch keine Option.

Wenn das Glaubensbekenntnis also anhebt: „Ich glaube an Gott“, dann war lange Zeit damit noch nicht besonders viel bekannt. Dass es eine letzte, göttliche Wirklichkeit gibt, die unserer Lebenswelt verborgen zugrunde liegt, und dass man sich zur göttlichen Macht wie zu einem persönlichen Gegenüber verhalten kann, war in der Regel vorausgesetzt. Die Idee, dass man Natur und Geschichte einmal auch „etsi deus non daretur“ (Hugo Grotius), also ohne jede Bezugnahme auf Gottes Wirken, erklären könnte, musste selbst kritischen Menschen lange als absurd oder utopisch erscheinen.

Zweifel und Anfechtung des Glaubens brachen an anderer Stelle auf – innerhalb des Rahmens dieser vorausgesetzten Existenz einer göttlichen Wirklichkeit. So hatte schon Epikur die Frage aufgeworfen, ob sich die Götter in ihrer unwandelbaren Glückseligkeit denn eigentlich für die Welt und uns Menschen interessieren. Martin Luther ist dann fast irre geworden an der Frage, warum man diesem unter dem Wüten der Welt verborgenen Gott denn abnehmen soll, dass er es mit uns Menschen letztlich gut meint.

Leben

Heute hat sich die Situation in Deutschland umgekehrt. Die Existenz Gottes und damit auch der Glaube an Gott sind keine allgemein geteilten Selbstverständlichkeiten mehr. Stattdessen herrscht lebensweltlich der Atheismus, teilweise auch völlige Areligiosität vor.

Viele Argumente der klassischen Religionskritik (z.B. Feuerbach, Marx, Nietzsche, Freud) sind so weit zu Allgemeingut geworden, dass man entsprechende Argumente in ihrer populär gewordenen Form bereits in Grundschulklassen zu hören bekommt. So gilt Gott als eine Erfindung der Kirche, um die Menschen wahlweise zu erziehen, abzukassieren oder zu unterdrücken. Andere betrachten den Gottesgedanken als Notbehelf zur Welterklärung aus vorwissenschaftlicher Zeit. Mit dem Fortschritt der Wissenschaft, die an die Stelle der Religion trete, sei auch die „Arbeitshypothese: Gott“ (Dietrich Bonhoeffer) verzichtbar geworden. Wieder andere bekämpfen den Glauben an Gott aktiv als Wurzel von Intoleranz und Terror. Meist jedoch herrscht einfach Indifferenz und Desinteresse vor: Man darf natürlich schon an Gott glauben, aber wieso sollte man?

War noch für Georg Büchner die Frage „Warum leide ich?“ der „Fels des Atheismus“, so hat sich auch bezüglich dessen Motivation die Situation verändert. Diese Frage setzt in Dantons Tod schließlich noch einen Gottesgedanken voraus, der sich dann mit der im Schmerz als unperfekt und grausam erfahrenen Welt nicht vereinbaren lässt. Stattdessen kann man sagen: Der alltägliche und gewohnheitsmäßige Atheismus ist heute selbst zum Fels des Atheismus geworden. Das offene Reden über Gott ist außerhalb streng religiöser Milieus, jenseits gottesdienstlicher Handlungen und theologischer Seminare weitgehend verklungen. Die jüngste Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung hat diesen Befund bestätigt.

Diese Veränderungen bleiben dem Christentum nicht äußerlich. Denn auch Menschen, die sich als gläubig bezeichnen und die Existenz Gottes unbedingt bejahen, leben ihren Alltag weitgehend unter den Bedingungen eines praktischen Atheismus. Wir alle haben unser Denken an mechanistische, naturwissenschaftliche, historistische, medizinische und nicht zuletzt ökonomische Strukturen angepasst. In unseren alltäglichen Lebensvollzügen kommt Gott heute nur noch vor, wenn man ihn bewusst in das eigene Denken einbezieht und zum Thema macht.

Gläubige Menschen leben damit in einer unauflöslichen Spannung: Ihr Glaube an Gott sollte eigentlich das ganze Leben bestimmen und sich im Selbst- und Weltverständnis entscheidend auswirken, ja: den Unterschied machen. Der Gottesgedanke erhebt Anspruch darauf, als Gottesbewusstsein immer und überall mitgeführt zu werden. Aber faktisch stellt sich solches Gottesbewusstsein nur punktuell und unvollkommen ein. Es bleibt die Ausnahme und oft auf spezielle Zeiten religiöser Einkehr beschränkt (z.B. im Gemeindegottesdienst oder während eines familiären Rituals).

„Ich glaube an Gott“ wird so zu einem Grundbekenntnis, demgegenüber der ganze Rest konkreter Glaubensüberzeugungen gar nicht mehr so stark ins Gewicht zu fallen scheint. Die größten Verständigungsschwierigkeiten in Glaubensdingen gibt es nicht mehr zwischen den Religionen oder Konfessionen, sondern zwischen denen, die trotz allem noch irgendwie mit einer göttlichen Wirklichkeit rechnen, und all jenen, die als Areligiöse in dieser Hinsicht vollkommen „unmusikalisch“ (Max Weber) sind.

Theologie

Damit befindet sich die Theologie in einer paradoxen Situation, die sich treffend mit einem Zitat Bonhoeffers umschreiben lässt: „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.“ Es ist offensichtlich, dass man von Gott nicht sprechen kann wie von einem beliebigen Gegenstand der Alltagswelt. Gott kann nicht mehr als allgemein geteilte Grundannahme betrachtet werden. Auch die Theologie kann den Gottesgedanken und die Wahrheit ihrer Gottesbilder nicht einfach voraussetzen.

Einen Ausweg suchen manche Theologinnen und Theologen darin, sich die Religionskritik teilweise zu eigen zu machen. Sie verabschieden sich von der Vorstellung, dass mit Gott ein wirkliches, gar personales Gegenüber des Menschen gemeint ist. Stattdessen verstehen sie den Gottesgedanken als ein Instrument der Lebensdeutung unter anderen, mit dessen Hilfe Menschen ihr Leben und dessen Sinn interpretieren. Allerdings führt dieses Verfahren meiner Ansicht nach nicht zu einer Lösung des Problems.

Warum dieses Vorgehen nicht weiter führt, lässt sich mit Hilfe der Gottesbeweise erhellen. Diese scheitern zwar mit ihrem Versuch, die Existenz Gottes vernunftnotwendig zu beweisen. Bleibenden Wert für die Theologie haben sie dennoch, insofern sie auf überzeugende Weise Bedingungen formulieren, wie ein angemessener Gottesgedanke beschaffen sein muss. So kann der Gottesgedanke, wenn er denn ernsthaft gedacht werden soll, nur an der Spitze (Anselm von Canterbury) oder als Fundament (Thomas von Aquin) des gesamten Vernunftgebäudes zu stehen kommen. Ein Gottesgedanke, der als eine mögliche Sinndeutung des Lebens dem bzw. der Einzelnen beliebig zur Verfügung steht, muss diese Ehrenplätze dem Menschen überlassen. Allerdings fehlt mir ohne die Annahme, dass Gott auch unabhängig von menschlicher Lebensdeutung existiert, jeder plausible Grund, mein Leben mit Bezucg auf diesen Gott zu deuten. So eine Deutung muss als unnötig oder schlimmstenfalls als Selbstbetrug der Vernunft erscheinen.

Weiterführend finde ich dagegen Gedanken, die im Kontext der Tod-Gottes-Theologie entwickelt wurden. Theologinnen wie Dorothee Sölle verstanden den Skandal des Kreuzes als Aufgabe und Möglichkeit, ein atheistisches Christentum zu denken. Man kann dieser Strömung der Theologie sicher vorwerfen, oftmals modischen Radikalismus an die Stelle klarer Gedanken gesetzt zu haben. Aber auf dreifache Weise wurden hier wichtige Einsichten ermöglicht:

Zunächst wurden so auf produktive Weise die scheinbar klaren Fronten zwischen christlichem Glaube und Atheismus aufgebrochen und verflüssigt. Es war nun möglich, mit dem Tod Gottes ein atheistisches Element im Christentum selbst zu entdecken und sogar zu würdigen. Zweitens wurde das Problem des neuzeitlichen Atheismus, indem man es als Tod Gottes reformulierte, in den Gottesgedanken selbst zurückgespiegelt. Drittens wurde nun das Kreuz Jesu Christi ins Zentrum aller Lösungsversuche gestellt. Damit war ein Weg eröffnet, der erst einmal beim christlichen Glauben selbst ansetzt und sich zumindest teilweise von philosophischen Problemen (z.B. der Erkenntnistheorie, Ontologie oder Kosmologie) entlastet.

Der Skandal des Kreuzes, welches gerade dem Glauben zunächst als drastischer Beweis gegen Gottes Existenz erscheint, stößt auf die Erkenntnis, dass über Gottes Existenz nicht mit den Mitteln menschlicher Vernunft entschieden werden kann. Vielmehr kann diese nicht anders bewiesen werden als durch Selbstoffenbarung Gottes in einem endgültigen göttlichen Machterweis. Zum christlichen Glauben gehört nun die Paradoxie, dass Gott am Kreuz gerade diesen Machterweis verweigert hat. Der christliche Glaube lebt daher selbst immer mit der Strittigkeit Gottes und kann dem Atheismus daher das Recht zugestehen, diese Strittigkeit in der Welt zu realisieren.

Freilich stellt es sich im Licht des Osterglaubens so dar, dass Gott uns trotz dieses verweigerten Machterweises am Kreuz Jesu mit der Auferstehung ein Hoffnungszeichen aufgerichtet hat, welches die Glaubenden auf die letztgültige Zukunft Gottes ausrichtet. Hier trennt sich die christliche Perspektive von der atheistischen Sicht, die beim Kreuz verharren muss. Doch Glaubende, Zweifelnde und Atheisten haben so in je unterschiedlicher Weise Teil an dem geschichtlichen Existenzkampf Gottes mit sich selbst, der all diese Perspektiven umgreift.

Das bedeutet für Christinnen und Christen: Es ist weder verwunderlich noch verwerflich, wenn auch Glaubende hin und wieder vom Zweifel an Gottes Existenz bedrängt werden. Glaube meint gerade nicht unverbrüchliche Gewissheit, sondern das ständige Ringen um Gewissheit in der Hoffnung, dass dieser Kampf in Gott einmal ein Ende findet.