Rezension zu: Werner Thiede, Karl Barths Theologie der Krise Heute

Werner Thiede (Hrsg.), Karl Barths Theologie der Krise Heute. Transfer-Versuche zum 50. Todestag, Leipzig 2018.

Rezensiert von Martin Böger

Pünktlich zum 50. Todestag Karl Barths am 10. Dezember 1968 und dem 100-jährigen Jubiläum des Erscheinens seines Römerbriefkommentars 1919 ist es mehr als angemessen, diesen umtriebigen und prägenden Theologen des 20. Jahrhunderts auf verschiedenste Arten und Weisen zu würdigen.

In den Reigen dieser Festivitäten reihen sich erfreulicherweise neue Publikationen. Werner Thiede versammelt als Herausgeber unter dem vielversprechenden Titel „Karl Barths Theologie der Krise Heute. Transfer-Versuche zum 50. Todestag“ verschiedene Autoren, die sich jeweils einem Teilaspekt der barth‘ schen Theologie annähern.

Die einzelnen Beiträge bilden in ihrer Breite die zentralen theologischen Topoi ab, mit denen sich Barth Zeit seines Lebens auseinandergesetzt hat und die in besonderem Maße für seine Theologie stehen: Theologie der Krise, Dialektische Theologie, Abgrenzung zur Liberalen, Offenbarungstheologie, Schriftverständnis; Sünde und Versöhnung, Ethik, Christologische Zentrierung, Theologie, Pneumatologie, Ekklesiologie, Taufe und Eschatologie.[1]

Die einzelnen Beiträge bewegen sich zwischen einer Darstellung der barth’ schen Theologie und einem darauf aufbauenden Transferversuch für ein »Heute«. So vergleichen Harald Seubert und ebenso Christofer Frey die gesellschaftlichen Herausforderungen des beginnenden 20. Jahrhunderts mit denjenigen des 21. Jahrhunderts und kommen zum Schluss, dass Barths Theologie wahrscheinlich weder damals noch heute dem Zeitgeist entsprechen will, sondern eher zur kritischen Spiegelfigur der eigenen postmodernen Selbst- und Wirklichkeitsdeutung wird. In diese Kerbe schlagen zurecht auch zahlreiche andere Beiträge: Gerade für die pluralistische-postmoderne Gesellschaft in ihrem Diskurs um Wahrheit und Sinn kann die Theologie Barths ein bedenkenswerter Gesprächspartner werden, der so manche postmoderne Denkweisen und Wahrheit(en) kritisch hinterfragen lässt, die um die Begriffe der Autonomie, der Individualität und der Freiheit kreisen.

Für einen lohenden weiterführenden theologischen Diskurs ist Wolf Krötkes Beitrag zu erwähnen, der sich im Gegenüber zu aktuellen Verlautbarungen der EKD zum Thema Taufe mit den für ihn bleibenden Anfragen Barths an die gängige Taufpraxis beschäftigt.

Etwas fragend lassen einen jedoch die Beiträge von Ralf Frisch und Werner Thiede zurück. Frisch deshalb, weil er mit dem kecken Anspruch antritt, die Sündenlehre Barths in drei aktuelle Diskussionslagen zu übertragen: „Die Sünde des Islams“, „Die Sünde der identitären Rechten“ und „Die Sünde der postfaktischen Kultur“. Ob jedoch der Übertragungsversuch auf den islamischen Bereich in irgendeiner Form hilfreich bzw. lehrreich sein könnte, soll hier mindestens mit einem großen Fragzeichen versehen werden, hinterlässt der entsprechende Abschnitt doch viel eher den Anschein, dass das Religionsverständnis des Islams von außen und für die These des Abschnitts einseitig vereinnahmend behandelt wird. Hier wäre für den wichtigen Ansatz des Beitrages ein Beispiel aus dem aktuellen (fundamentalistischen) christlichen Kontext m.E. sprechender und erhellender gewesen. Thiedes Mutmaßungen in Teilen seines Beitrages über den genauen Sterbezeitpunkt Barths, den er über die genaue Sterbehaltung Barths herausgefunden haben will, haben eher etwas mit einer Hagiografie als einem wissenschaftlichen theologischen Diskurs zu tun.

Dem Herausgeber ist in seinem Vorwort zuzustimmen: Barths Theologie lohnt sich – gerade auf dem Hintergrund unserer pluralen, ambiguen und postmodernen Gesellschaft. Und ja, vielleicht hat die Theologie Barths ihre beste Zeit noch vor sich (man schaue nur in den angloamerikanischen Raum, wo Barth als deutlich hipper und anschlussfähiger gilt als hierzulande). In diesen für die Theologie herausfordernden Zeiten sind noch nicht alle Schätze gehoben, die sich in Barths weitverzweigten Werk aufspüren lassen, wenn es um die Sache des Menschen, die Sache Gottes geht; was Kirche ausmacht und wie sich in ihrer Zeitgenossenschaft für die Welt einzusetzen hat.

Treffend schreibt Frey in seinem Beitrag: „Soll Karl Barths Theologie weitergedacht werden, darf sie nicht nur theologisch eingeordnet werden.“ (S. 48) An der einen oder anderen Stelle hätte man den Autoren des Bandes jedoch etwas mehr Mut zu dieser Einsicht gewünscht. So bleiben doch einige Transferversuche zu stark in einer historisch-theologischen Darstellung der Theologie Barths verhaftet.

Daher hinterlässt es einen besonderen faden Beigeschmack, dass keine einzige Frau unter den Autoren zu finden ist und daneben auch niemand, der sich der jüngeren bis jüngsten Generation des wissenschaftlich-theologischen Standes zurechnen könnte (der jüngste Autor ist Jahrgang 1971). Gerade ein solch junger Blick hätte beweisen können: Ja, die Theologie Barths bleibt eine Inspiration und Herausforderung für eine gegenwärtige Theologie im Diskurs für Gegenwart und Zukunft.

 

[1] Harald Seubert, Zwischen den Zeiten: Karl Barths Krisis-Theologie und die Krise der gegenwärtigen Theologie; Christofer Frey, Karl Barth und die »Dialektik der Aufklärung«; Ulrich Beuttler, Radikale Theologie der Offenbarung: Karl Barth und die postmoderne Phänomenologie und Hermeneutik; Matthias Gockel, Barths offenbarungstheologischer Ansatz im heutigen Kontext pluralistischer Religionstheologie; Günter Thomas, Karl Barths pneumatologischer Realismus und operativer Konstruktivismus; Volker Leppin, Karl Barth, die Mystik und das Wort; Christoph Raedel, Barths Schriftverständnis und die historisch-kritische Methode in der Krise; Ralf Frisch, Der nichtige Widerstand gegen die Gnade Gottes: Karl Barths Sündentheologie heute; Hans G. Ulrich, Karl Barths Ethik – Rückblick und Ausblick; Hans Schwarz, Barths Christologie und liberale Dekonstruktionen der Gegenwart; Matthias Heesch, hat die liberale Theologie Karl Barth besiegt?; Eberhard Busch, Karl Barths Lehre von der Kirche – eine notwendige Erinnerung; Wolf Krötke, Der »Dienstantritt« der Partnerinnen und Partner Gottes – die Taufe; Werner Thiede, Karl Barths individuelle Eschatologie und die Krise der Ganztod-Theologie.