#digitaleKirche

Ein Kommentar

von Michael Greder

Unter dem Hashtag #digitaleKirche hat sich ausgehend von einem kleinen Artikel Hannes Leitleins in einer Ausgabe der Christ&Welt eine Diskussion um die Zukunft der Kirche entwickelt. Ich finde das großartig. Bisher habe ich mich aus dieser Debatte herausgehalten und mich auf den Zaun gesetzt, um zu beobachten, wie sich die Angelegenheit formiert. Obwohl schon einiges geschrieben wurde und der Hashtag weiterhin fleißig auf Twitter Beiträge kennzeichnet, lässt er mich etwas ratlos zurück.

Der Blogger Sascha Lobo meinte einmal, dass die produktive Kraft von Twitterdebatten darin bestehe, auf Grund der gebotenen Kürze den Kern selbiger unnachgiebig freizulegen. Diese These kann ich von meinem Zaunpfahl aus in Bezug auf #digitaleKirche kaum bestätigen. Aus diesem Grund möchte ich einen sicherlich völlig unvollständigen Vorschlag machen, die Terminologie der Debatte zu ordnen und damit hoffentlich den Blick zu schärfen. Mir geht es dabei nicht in allen Punkten um eine Zustimmung zu dem Dargestellten. Für mich ist die Diskussion noch völlig offen und ich habe selbst noch keine starke Meinung dazu.

Bisher erkenne ich fünf Bereiche in denen #digitaleKirche eine Rolle spielt: Die persuasive Kommunikation (Mission), die Kommunikation als Selbszweck (allgemeines Priestertum), die damit verbundene Repräsentanz des Christentums in der Öffentlichkeit (Relevanz), die theologische Bearbeitung des digitalen Wandels und die Verwaltung. Auf die ersten beiden Dimensionen möchte ich im Folgenden eingehen und vorher noch auf zwei grundsätzliche Gemeinsamkeiten der Debattenbeiträge eingehen

Zwei Gemeinsamkeiten

Die oberflächliche Gemeinsamkeit der Debattenbeiträge besteht in der banalen Feststellung, dass digitale Kirche (noch) irgendetwas mit Bildschirmen zu tun hat. Nicht mehr und nicht weniger. Dieser Umstand führt dazu, dass sehr unterschiedliche Anliegen unter dem Schlagwort verhandelt werden. Die Reichweite erstreckt sich von Twitterandachten über Spendenverwaltungssoftware bis hin zu dienstrechtlichen Fragen wie z.B. nach einer Onlinepflicht für Pfarrerinnen. Für eine grobe Einsortierung taugt diese Beobachtung. Geht es ins Detail, kann sie aber für Verwirrung sorgen. Im schlimmsten Fall wird #digitaleKirche dann zu einem Gefälligkeitsbegriff, der coole und super angesagte Flyer, Plakate und Broschüren schmücken darf, weil er glattgeschliffen genug ist, dass sich niemand mehr an seinem kritischen Potenzial stoßen kann.

Darüber hinaus verbirgt sich hinter dem Hashtag die These, dass der gegenwärtige Zustand der Kirche mindestens suboptimal ist: Immer mehr Menschen treten aus, oder schlimmer noch: sie sterben, ohne dass genug junge Menschen nachkommen. Dadurch verliert die Kirche an Relevanz. Nicht nur im politischen Geschehen, sondern auch im Alltag. Wer glaubt, muss sich erklären. Die Rechtfertigung allein aus Gnaden wird zu einer Dauerrechtfertigung vor der Familie, Freunden, Bekannten und nicht selten auch vor Fremden, sofern man sich als Christ zu erkennen gibt. Das nervt. Christen schweigen vermehrt in der Öffentlichkeit über Glaubensfragen. Religion gehört mehr und mehr zum Peinlichkeits- und Schamrepertoire der Privatsphäre. Die verfasste Kirche tut dabei nicht nur zu wenig, sondern sogar das Falsche. Denn das Gegenteil von gut ist gut gemeint.

#digitaleMission

Damit landen wir auch schon bei der ersten Dimension mit der ich #digitaleKirche differenzieren will:

Ein zentrales Anliegen besteht in der digitalen Mission. Die #digitaleMission unterteilt sich wiederum in eine innere und eine äußere Mission.

Im Inneren geht es um das, was man inzwischen klassischerweise als Mitgliederbindung oder institutionstheoretisch als Pflege des „staying in“ bezeichnen könnte. Vor allem junge Menschen, die irgendwie im entferntesten noch etwas mit der Kirche am Hut haben, sollen erreicht werden. Sie sollen sich einerseits wohlbehalten fühlen und müssen dafür andererseits mit den Kommunikationsmitteln ihrer Generation angesprochen werden.

Bei der äußeren Mission geht es darum, Menschen zu erreichen, die mit der Kirche und vielleicht auch mit Glaube und Religion in ihrem persönlichen Alltag nichts mehr zu tun haben.

In beiden Bereichen fungiert Kommunikation als Mittel zum Zweck. Die Sprache der Mission verfolgt das Ziel, Menschen von der eigenen Haltung zu überzeugen und aus Sicht der verfassten Kirche auch an sich zu binden. Sie ist hochgradig persuasiv. Das wird in unseren Gefilden oft geleugnetIch möchte das an dieser Stelle nicht bewerten, aber komme nicht umhin anzufügen, dass man sich dies bewusstmachen sollte.

#PriestertumallerProsumenten[1]

Eine zweite Dimension spricht die theologische Auseinandersetzung direkter an. Sie handelt von der Kommunikation als Selbstzweck: Das allgemeine Priestertum. Leitlein hat diesen Aspekt als protestantischen Leitgedanken im Umgang mit den neuen Medien der Debatte eingeschrieben. Die Formel lautet Buchdruck+Reformation+Internet=Erneuerung. #digitaleKirche zeigt sich hierbei als eine typisch protestantische Bewegung: „Ad fontes“ lautet das Mantra und die Granden der Kirche werden an dem Fundament gepackt, dessen Bewahrung sie eigentlich versprechen.

Das allgemeine Priestertum als ultimativer Grund für Forderungen und zum Teil auch Grausamkeiten aller Art, hat in der Reformation schon für Irritation gesorgt. Nun möchte ich keinesfalls unterstellen, dass eine Gruppe von Digitalistinnen und Digitalisiten mit gezücktem Smartphone in der Hand und Daumen im Anschlag gen Münster zieht, um der sittlichen Verwirklichung des Reich Gottes in einem letzten großen Shitstorm nachzuhelfen. Ich möchte auf die einseitige Verwendung des allgemeinen Priestertums aufmerksam machen. In erster Linie handelt das allgemeine Priestertum nicht von der Kommunikation der Gläubigen untereinander und auch nur vermittelt von kirchlichen Organisationsformen, sondern von der persönlichen Beziehung zu Gott. Die Funktion des Priesters als Mittler zwischen Gott und der Welt kann von jeder und jedem selbst ausgelebt werden. Das betrifft neben der persönlichen Gottesbeziehung auch die theologische Urteilsbildung.

Im #PriestertumallerProsumenten mag man nun, wie Leitlein, das technische Potenzial einer absoluten weltlichen Verwirklichung des darin liegenden Gleichheitsanspruchs erblicken.

Das Anliegen in der digitalen Kirche die Verwirklichung eines urprotestantischen Versprechens zu erkennen, hat einiges für sich. So fordert auch Philipp Greifenstein in einem Blogpost von der Kirche: „Sie muss die Passwörter für die Kirchenaccounts demokratisieren.“ Damit würden Machtstrukturen gebrochen. Ein so gelebtes #PriestertumallerProsumenten ermögliche „[o]ffene Diskussionen“ und „freie Teilhabe“.

Die bloße Behauptung von absoluter Gleichheit und damit verbundener freier Teilhabe entspricht aber keinesfalls ihrer praktischen Verwirklichung. Der Ruf nach absoluter Gleichheit und Freiheit sorgte in der Geschichte schon häufig genug dafür, dass die Vorredner am Ende wieder gleicher waren als die Allgemeinheit. Denn die Behauptung besserer Gleichheit verdeckt neu entstehende Strukturen.

Im modernen Kampf um Anerkennung und der Aufmerksamkeitsökonomie kuratierter Identitäten ist es nicht nur Zufall, wer in der neuen Kommunikationslandschaft Gehör findet und wer nicht.

(By the way: Wie Leitlein, Wikipedia als Paradebeispiel für die Gleichheit der Kommunikation im Internet heranzuziehen halte ich für sehr sportlich.)

#digitaleKirche verliert ihr kritisches Potenzial, wenn es ihr nicht gelingt die eigenen Strukturen der Einflussnahme und die neuen Hierarchien des Netzes offenzulegen. Das Leugnen von Macht stärkt die Mächtigen. Wir können im innerkirchlichen Bereich doch nicht wieder einmal hinter die Diskussionen und Erkenntnisse der letzten Jahre zurückfallen und später behaupten wir wären die Erfinderinnen des Rads.

 

Michael Greder ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im DFG-Projekt „Der Protestantismus in den ethischen Debatten der Bundesrepublik 1949-1989“

 

Das Beitragsbild zeigt den Supercomputer „MareNostrum“, der in einer ehemaligen Kapelle untergebracht ist. (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/MareNostrum)

[1]Anmerkung der Redaktion: Prosument (engl. Prosumer) ist ein Kunstwort und bezeichnet (v.a. im Digitalen) Personen, die gleichzeitig Produzenten und Konsumenten sind. Zu denken ist dabei zunächst (aber eben nicht nur) an soziale Netzwerke.

Ist die bischöfliche Parteinahme für die Große Koalition angemessen?

 

Quelle Bild: BR-Mainfranken/Marcus Filzek

Hintergrund und Anlass dieses Klärungsversuchs

Kaum ein Lehrstück des lutherischen Protestantismus hat in den letzten fünfzig Jahren soviel Kritik erfahren wie die sogenannte Zwei-Reiche-Lehre. Diese besagt, ganz grob, dass Gottes Weltregierung zwei Regimenter, also Regierweisen kennt. Ein geistliches Regiment zur Rechten, welches dazu da ist, das Evangelium zu verkünden und die Sakramente zu verwalten, und daneben das weltliche Regiment zur Linken, welches dazu da ist, die allgemeine Ordnung und den Frieden aufrecht zu erhalten. Wird das geistliche Regiment in der und durch die Kirche ausgeübt, so kann das weltliche Regiment mehr oder weniger direkt mit der Staatsgewalt identifiziert werden.

Die Kritik an diesem Lehrstück entzündete sich vor allem im Rückblick auf die Erfahrungen während der Herrschaft der Nationalsozialisten im sog. „Dritten Reich“, wobei die Bekennende Kirche der Zwei-Reiche-Lehre das Gegenmodell einer universalen Königsherrschaft Christi entgegengehalten hatte: Es gebe keine zwei unterscheidbaren Sphären, durch die Gott seinen ordnenden Einfluss ausübt, sondern auch die staatliche Macht unterstehe direkt seiner Autorität.

Hier soll es jetzt nicht darum gehen, ob die Deutschen Christen Luther sachgemäß interpretiert haben (eher nicht) oder ob sich die Zwei-Reiche-Lehre in Luthers Sinne so stark von der Lehre der Königsherrschaft Christi unterscheidet (eher nicht). Was jedenfalls während des Kaiserreichs, im sog. „Dritten Reich“ und auch später von konservativen Lutheranern (nach dem zweiten Weltkrieg am deutlichsten: Walter Künneth) vertreten wurde, ist folgende Sicht auf das Verhältnis von Kirche und Politik: Die Kirche und die kirchliche Öffentlichkeit haben sich politischer Äußerungen zu enthalten, denn: Das Reich zur Linken sei eben auch von Gott eingesetzt. Dagegen setzten die Theologen, die sich in der Nachfolge der Bekennenden Kirche wussten, unter anderem die aus Hes 33,1-9 stammende Vorstellung eines kirchlichen Wächteramts: Kirchliche Stellungnahmen dienen demzufolge dazu, die Politik von allem abzuhalten, was wider Gottes Willen und die Prinzipien des christlichen Glaubens steht.

Beide Positionen werden in dieser Reinform heute eher nicht mehr vertreten. Sowohl die Öffentliche Theologie, die sich in der Nachfolge Wolfgang Hubers sieht, als auch andere ethische Schulen, die etwa mehr der Linie Trutz Rendtorffs folgen, sind sich – ganz grob – darin einig, dass weder politische Enthaltsamkeit, noch die Vorstellung einer religiösen „Oberaufsicht“ über die Politik sachgemäß sind. Ja, selbst parteipolitisches Engagement sei nicht mehr in jedem Fall unschicklich für Menschen, die als Pfarrer und Pfarrerinnen arbeiten. Dabei wird auch deutlich: Es gibt nicht die eine christliche Position, die politisch zu vertreten ist. Vielmehr sind die je Einzelnen zur Verantwortung und zur Stellungnahme gerufen, wobei es freilich Positionen geben kann, die jenseits des Korridors liegen, welchen der christliche Glaube vorgibt. Dass wiederum eine solche Grenzbestimmung theologisches und ethisches Nachdenken erfordert, bedarf wohl keiner gesonderten Begründung.

Nach dem Abschluss der Koalitionsverhandlungen schrieb nun der bayerische Landesbischof und Ratsvorsitzende der EKD Heinrich Bedford-Strohm auf Facebook:

„Ich begrüße es ausdrücklich, dass die Koalitionsverhandlungen zu einem Ergebnis geführt haben, auf das sich alle beteiligten Parteien einigen konnten. Alle, die nun über Annahme oder Ablehnung dieses Ergebnisses zu entscheiden haben, müssen gründlich abwägen, wie sie ihrer Verantwortung am besten gerecht werden können. Denn Verantwortung ist jetzt gefragt. Es geht nicht darum, wie man sich persönlich besser fühlt, sondern es geht darum, wie den Menschen, um die es geht, insbesondere den Schwächsten und Verletzlichsten, am besten geholfen ist. Es kann jetzt auch nicht zuerst um Parteiinteressen gehen sondern es geht um Verantwortung für das ganze Land, für Europa und, gerade im Hinblick auf die uns so wichtigen globalen Gerechtigkeitsfragen, auch für die Welt. Wer jetzt eine verantwortliche Entscheidung zu treffen hat, muss sich genau Rechenschaft darüber ablegen, was die realistischen Alternativen zur Bildung dieser Koalition sind und bei welcher der Alternativen die Wahrscheinlichkeit am größten ist, dass Schritte in die richtige Richtung getan werden. Jetzt wünsche ich denen, die die Nacht durchverhandelt haben, aber vor allem eine dicke Portion Schlaf!“

Eigentlich entspricht dieses Posting auf den ersten Blick genau dem, was soeben skizziert wurde: Bedford-Strohm lobt den politischen Kompromiss und empfiehlt die Abwägung des Koalitionsvertrags durch diejenigen, die darüber zu entscheiden haben. Er spricht sich auf den ersten Blick nicht für eine Richtung aus, sondern appelliert an die Verantwortung des Einzelnen. Spätestens beim zweiten Lesen kam bei uns allerdings die Intuition auf, dass hier etwas durcheinander geht.

Zunächst: Wer sind die Angesprochenen? Bedford-Strohm spricht zu denen, die „über Annahme oder Ablehnung dieses Ergebnisses zu entscheiden haben“. Dies sind natürlich bei den Unionsparteien die Parteispitzen. Diese haben allerdings den Vertrag mit ausgehandelt, eine Ablehnung erscheint somit eher ausgeschlossen. Also richtet sich der Beitrag mehr oder weniger explizit an die Parteibasis der SPD, die in einer Mitgliederbefragung über Ja oder Nein zum Vertrag entscheiden darf.

Im zweiten Argumentationsschritt nennt er dann die Verantwortung als Maßstab für die Entscheidung, und zwar Verantwortung für die Schwächsten und Verletzlichsten – in nationaler und globaler Perspektive. Diese und nicht persönliche Befindlichkeiten oder „Parteiinteressen“ sollen im Vordergrund stehen. Wer allerdings dann gegen den Koalitionsvertrag stimmt, müsse „sich genau Rechenschaft darüber ablegen, was die realistischen Alternativen zur Bildung dieser Koalition sind“.

Der implizite Argumentationsgang ist deutlich: Verantwortung sei zu übernehmen, diese benötige eine handlungsfähige Regierung, alles außerhalb der GroKo scheint dabei nicht denkbar oder zumindest nicht realistisch und von daher sei diese alternativlos. Im Ergebnis wird eine Ablehnung der GroKo zumindest in die Nähe der Verantwortungslosigkeit gerückt.

Dies wird alles vorgetragen über den offiziellen Account des Bischofs und in einem Sprachduktus, der in seiner emotionalen Rhetorik und moralischen Verbindlichkeit nicht zu unterscheiden ist von geistlichen Worten des Bischofs. So wird in einer vordergründigen Unparteilichkeit doch deutlich für eine Richtung argumentiert. Versucht der Bischof hier etwa, die Gewissen der evangelischen Christinnen und Christen in der SPD zu binden?

Zurück zum Anfang: Es ist für uns unbestritten, dass sich Vertreter der Kirche politisch äußern dürfen und sollen – zum Beispiel, wenn es darum geht, Menschlichkeit in der Politik anzumahnen. Es ist für uns auch klar, dass sich Kirchenvertreterinnen und -vertreter durchaus parteipolitisch betätigen dürfen. Das allerdings sollten sie in der gleichen Art und Weise tun, wie andere Akteure des politischen Diskurses – sich also hier nicht aufgrund ihres Amts eine höhere Legitimation zuweisen. Wenn Kirchenvertreter für eine ganz bestimmte parteipolitische Entscheidung in einer Art und Weise das Wort ergreifen, die nicht von anderen Äußerungen unterscheidbar ist, ja, die in gewisser Weise als Verlautbarung ihres Amts und nicht ihrer Person zu verstehen ist, dann widerspricht dies einer grundlegenden Auffassung protestantischer Ethik: Nämlich derjenigen, dass die Entscheidung über eine politische Option etwas ist, das der Einzelne zu verantworten hat, und dass es für diese keinen durch die Kirchenleitung vorgegebenen ‚richtigen‘ Weg gibt. Zudem stellt sich die Frage, ob nicht die Kraft kirchlicher Stellungnahmen gegenüber der Politik geschwächt wird, wenn solche Kommentare und implizite Weisungen in zu vielen, auch – wie wir meinen – eher undramatischen, Fällen ergehen.

Ob nun dem Koalitionsvertrag zuzustimmen ist, muss jede Protestantin und jeder Protestant, der Mitglied der SPD ist, selbst entscheiden. Es gibt sowohl gute Gründe dafür als auch gute Gründe dagegen. Die Parteinahme für die Schwachen und Schutzbedürftigen taugt hier gerade nicht als eindeutige Orientierung, wie viele kritische Stimmen zum Koalitionsvertrag etwa aus den Reihen der Pflege oder der Flüchtlingshilfe dokumentieren. Das Votum des Bischofs, das ganz deutlich eine Richtung präferiert, ist jedenfalls nach unserem protestantischen Verständnis nicht die maßgebliche Instanz der Entscheidungsfindung und vermischt in problematischer Weise private politische Stellungnahmen, geistliches Wort und kirchenamtliche Verlautbarung.

Niklas Schleicher

Verhältnisbestimmung von Theologie und Politik

Vor diesem Hintergrund gelangen wir zu folgenden zehn Thesen zur Verhältnisbestimmung von Theologie, kirchenleitendem Amt und Politik:

1. Wir vertreten die Ansicht, dass Kirche und Theologie immer und unausweichlich politisch Stellung beziehen.

2. Prophetische Kritik an Gesellschaft und Politik gehört zur Aufgaben der Verkündigung, die allen Christenmenschen gemeinsam aufgetragen ist und von den Amtsträgern in diesem Sinne gestaltet wird.

3. Eine politische Enthaltsamkeit durch Kirche und Theologie läuft faktisch auf eine religiöse Legitimation für die jeweils hegemoniale Politik hinaus.

4. Daraus ziehen wir die Konsequenz, dass Theologinnen und Theologen zu politischem, auch parteipolitischem Engagement durchaus zu ermutigen sind.

5. Bedingung ist, dass dieses Engagement transparent gemacht wird und der Verantwortung für den Frieden in der Kirche nicht zuwider läuft.

6. Aus den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts verbietet sich jeder Versuch, die Lehre der Kirche und das Evangelium Jesu Christi einem politischen Projekt unterzuordnen und so für politische Zwecke zu missbrauchen.

7. Politische Betätigung von Amtsträgern darf nicht zu einer verschleierten politischen Missionierung führen, sondern sollte vielmehr die eigenständige Meinungsbildung anregen und politische Streitkultur innerhalb wie außerhalb der Kirche fördern.

8. Zurückgewiesen wird jeder Anspruch einer Partei, die allein zulässige christliche Position in politischen Fragen zu vertreten.

9. Wenn einzelne Theologinnen oder Theologen bzw. die Kirchenleitung ausdrücklich und unmittelbar zu politischen Themen Stellung nehmen, so treten sie nicht allein als Dienerinnen und Diener des Verkündigungswortes, sondern als politische Akteure auf.

9. Solche Stellungnahmen sind nicht den Regeln des politischen Diskurses enthoben und ihre Meinung ist nicht in besonderem Maße vor Kritik geschützt, sondern anderen weltanschaulichen oder wissenschaftlichen Stellungnahmen prinzipiell gleichgestellt.

10. Niemand ist befugt, mit theologischen oder kirchenleitenden Stellungnahmen die Gewissen in politischen Entscheidungen binden zu wollen.

Niklas Schleicher und Tobias Graßmann

Kritische Bewertung der zitierten Stellungnahme

Auf der Grundlage unserer Thesen sowie in Bekräftigung der lutherischen Unterscheidung zwischen weltlichem und geistlichem Regiment kommen wir zu folgender Feststellung:

Die Einflussnahme des Landesbischofs und EKD-Ratsvorsitzenden Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm auf den Mitgliederentscheid der SPD verwischt tendenziell die Unterscheidung der Regimenter. Eine so direkte Einflussnahme der Kirchenleitung auf die Politik wäre unseres Erachtens nur geboten in Fällen, in denen die freie Religionsausübung oder die Menschenwürde unmittelbar gefährdet sind. Dies ist im Fall der aktuellen Bemühungen um eine Koalitionsbildung nicht gegeben.

Wir sehen daher bei Herr Bedford-Strohm kein hinreichendes Mandat für die Einmischung in den Mitgliederentscheid der SPD. Wir warnen vor einer Interpretation des prophetischen Wächteramts der Kirche, welche das Amt des oder der leitenden Geistlichen mit einem politischen Repräsentationsamt verwechselbar macht. Wir kritisieren ein Verständnis von öffentlicher Theologie, demzufolge nahezu jede politische Einzelentscheidung (und entsprechend auch die Verfahren der innerparteilichen Willensbildung) in den Bereich kirchenleitender Weisungen fallen. Angesichts solcher Grenzverwischungen befürchten wir langfristig eine verhängnisvolle Vermischung von kirchlicher und politischer Sphäre auf der Ebene der Kirchenleitung.

Es steht Herrn Bedford-Strohm selbstverständlich die Möglichkeit offen, als Theologe, Christenmensch und Sozialdemokrat mit ruhender Parteimitgliedschaft seine eigene Meinung zum Mitgliederentscheid kundzutun. Dabei hätte er unseres Erachtens aber einen Kommunikationsweg zu wählen, der klar von einer offiziellen kirchenleitenden Verlautbarung unterschieden ist, sowie seine Sprache ihres bischöflichen Ornats zu entkleiden.

Tobias Graßmann

Für diesen Beitrag zeichnen:

Tobias Graßmann, Pfarrer der ELKB, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Systematische Theologie (Dogmatik) in Göttingen und Sozialdemokrat

Tobias Jammerthal MA (Dunelm.), theologischer Doktorand in
Tübingen und Sozialdemokrat

Claudia Kühner-Graßmann, Doktorandin der ev. Theologie, Stipendiatin der Friedrich-Ebert-Stiftung und Sozialdemokratin

Julian Scharpf, Vikar der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und Sozialdemokrat

Niklas Schleicher, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Systematische Theologie und Ethik an der Ev-Theol. Fakultät der LMU und Sozialdemokrat

 

Weitere Unterstützer:

Philipp Kurowski, Dr.theol., Pastor der ev.-luth. Kirchengemeinde Großsolt-Kleinsolt, Nordkirche

Rezension: Ulrich Körtner, Für die Vernunft

(Quelle Bild: Homepage des Verlags http://www.eva-leipzig.de/)

Rezension zu: Ulrich H.J. Körtner, Für die Vernunft. Wider Moralisierung und Emotionalisierung in Politik und Kirche, Leipzig 2017. 172 Seiten.

Es scheint am derzeitigen theologisch-gesellschaftlichen Debattenhimmel eine neuerliche Diskussion um ein altbekanntes Thema aufzuscheinen: Das Verhältnis von Staat und Kirche und deren gegenseitige Beeinflussung. Als profiliertester Kritiker der derzeitigen politischen und gesellschaftlichen Verlautbarungen der EKD und ihres Spitzenvertreters Heinrich Bedford-Strohm zeigt sich der Wiener Systematiker Ulrich H.J. Körtner, der nun in der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig eine Studie mit Titel: »Für die Vernunft. Wider Moralisierung und Emotionalisierung in Politik und Kirche« veröffentlicht hat.

Allein der Titel zeigt, welches Programm Körtner verfolgt und – das sei jetzt schon gesagt – auf eine sehr erfrischende und kluge Art ausbuchstabiert! Körtner versucht die Hintergründe zu klären, die zu einer derart starken Moralisierung und Emotionalisierung der politischen und gesellschaftlichen Debatten geführt haben und will gleichzeitig seine Vorstellung einer gesellschaftsorientierenden, weil zukunftsermöglichenden Verhältnissetzung von Politik und Theologie darlegen.

Ausgehend von einer über die allgemeine Larmoyanz hinausgehende und damit erhellenden Analyse zeigt Körtner unter dem Begriff der »Fuzzylogik« als der Diskussion subjektiver Empfindungen jenseits faktenbasierender Erkenntnisse die entscheidenden Charakteristika des Postfaktischen auf.

Als Signum moderner Gesellschaften, in denen dieses postfaktische Denken Fuß fassen konnte, benennt Körtner deren pluralistische Moralvorstellungen bei gleichzeitiger Suche nach moralischen Leuchttürmen, die in der Undurchsichtigkeit und Komplexität Orientierung versprechen. Den Kirchen unterstellt Körtner, dem Ruf nach Moral- und Wertevermittlung nur zu gern zu entsprechen, da sie für so manche eine Kompensationsstrategie der schwindenden gesellschaftlichen Relevanz bilde.

Die Gefahr dieses Rufs nach Moral- und Ethikagenturen beschreibt Körtner unter dem Stichwort der »Hypermoral«, die die Ansicht suggeriere, allein den Menschen in der Verantwortung für die Welt und ihr Schicksal zu sehen. Wenn sich nun die Hypermoralisierung des Politischen mit den postfaktischen Diskussionslinien verbinde, führe dies einerseits zu einer »Politik der Gefühle«, in der über menschliche (!) und damit korrumpierbare Emotionen, Werte, Abscheu und Hoffnungen (54) abgestimmt würde und andererseits letzten Endes allein in menschlichen Handlungen und Moralvorstellungen die Welterlösung vermutet werden müsse.

Doch wie kann es nun für Körtner zu einer »vernünftigen« Verbindung zwischen Politik und Kirche kommen? Unter dem Signum »Verlust der Zukunft« führt Körtner die handlungsleitende Maxime der »Zukunft« als hoffnungsvolle Kategorie ein, die in der Moderne Politik und Christentum dort verbinde, wo sie die Welt verändern und sie zum Besseren kehren wolle.

Für den Weg in diese Zukunft greift Körtner auf die klassische Unterscheidung von Staat und Kirche in Luthers Zwei-Reiche-Lehre und Barths Barmer Theologischen Erklärung zurück und definiert die Unterscheidung von Politik und Kirche funktional, als unterschiedliche Möglichkeitsräume und Handlungsbereiche mit jeweils unterschiedlichen Bereichsethiken. Für den theologischen Bereich verweist Körtner entscheidend auf das »Paradox von Inkarnation, Kreuz und Auferstehung« (93), das wiederum zum kritischen Umgang mit menschlichen Gefühlen und Emotionen anleite. In dieser Logik müsse sich die Theologie leiten lassen und komme so zu einer Unterscheidung des vermeintlich Guten in letzten und vorletzten Dingen. Religion werde so gerade nicht zur Moralagentur, sondern zur Unterscheiderin zwischen »Gott und Mensch, Handeln Gottes und Handeln des Menschen« (98), zwischen Moral und Religion.

Die Kirche müsse ausgehend von dieser Einsicht vielmehr eine Ethik der Selbstbegrenzung einfordern, da alles menschliche Streben, Denken und Handeln als »Fragment«, theologisch als sündiges Sein, aufgefasst werden müsse. So sei gerade nicht in das zweifelhafte Unterfangen einer grundsätzlich korrumpierbaren Moralisierung zu verfallen, sondern mit der essentiellen Einsicht in die Unterscheidung von Religion und Moral die Hoffnung auf Gottes Zukunft wach zu halten, die dem Menschen einen bis dato unbekannten Möglichkeitsraum jenseits seiner eigenen Handlungsspielräume – gerade in seinem politischen Streben und Handeln – eröffne.

Körtners Studie liest sie sehr erfrischend und bereichernd, da er sich nicht scheut, eine klare Position zu beziehen und diese systematisch klug zu untermauern. Die besondere tagespolitische Bezugnahme der Studie erweist sich dabei als ihre Stärke und ihre Schwäche. Die Schwäche dort, wo er genau jene tagespolitischen Ereignisse im Genre eines politischen Feuilletonisten zu bewerten sucht und teilweise etwas ermüdende, weil altbekannte Worthülsen und Vorschläge liefert. Die Stärke dort, wo er anhand der aktuellen Ereignisse grundsätzliche systematische Fragen des Verhältnisses von Politik und Kirche als unterschiedliche Möglichkeitsräume in der selben Wirklichkeit beleuchten kann.

Körtner offeriert ein Plädoyer. Das Plädoyer mit »engagierter Vernunft« sich der Aufgabe zu stellen »der Stadt Bestes zu suchen (Jer 29,7), […] in der rechten Verhältnisbestimmung von Glaube, Hoffnung und Liebe, von Herz und Verstand, politischer und theologischer Vernunft« (161).

Martin Böger ist Pfarrer und Repetent am Evangelischen Stift in Tübingen.

Veröffentlicht auf www.nthk.de am 19.09.2017

Fußnoten zu Leitlein

Quelle Foto: http://www.ekhn.de

Eine Replik von Tobias Graßmann (@luthvind)

Hannes Leitlein hat zusammen mit Fabian Klask einen Blick auf die Veranstaltungen des Reformationssommers 2017 geworfen und ausgehen davon 9 beziehungsweise 9,5 Thesen formuliert. Auf Twitter habe ich angemerkt, dass ich diesen Thesen grundsätzlich zustimme, aber den Beschreibungen im Detail widersprechen sowie vermutlich andere Konsequenzen ziehen würde. Aus dem Urlaub in Südtirol antworte ich daher mit ein paar hastig hingeworfenen Zeilen.

Was Leitlein betrifft, so schreibt dieser mittlerweile sehr regelmäßig für Christ&Welt sowie Die Zeit. Wer etwa seinem Twitter-Account folgt (#ff @hannesleitlein), der erkennt, dass er sich als engagierter Vertreter einem urbanen, linken Moralprotestantismus zuordnen lässt. Neben dieser klaren Positionierung bemerke ich bei ihm allerdings ein journalistisches Ethos, das sich um jene Unparteilichkeit bemüht, die man Objektivität nennen könnte. Es ist diese Spannung zwischen Idealen und journalistischer Sorgfaltspflicht, die Leitlein zu einer interessanten Figur macht. Ob wir es hier mit der künftigen Evelyn Finger zu tun haben oder er doch irgendwann ein Start-Up für Lastenfahrräder gründet, vermag ich nicht zu prognostizieren – ich tauge auch wenig als Prophet. Aber jedenfalls ist er ein protestantischer Akteur, bei dem es sich lohnt, ihn auf dem Schirm zu behalten.

Nun zu den Thesen, die Leitlein zusammen mit Klask formuliert hat: Was die Leitsätze selbst (die ja eigentlich keine Thesen. sondern Imperative sind) betrifft, so sollten diese uneingeschränkt zustimmungsfähig sein. Grundsätzlich, so meine ich, haben die Autoren die Lage recht präzise erfasst und der Protestantismus sollte sich ihre Anregungen zu Herzen nehmen. Aber bei unter den konkreten Ausführungen zu den Imperativen scheint mir doch manches fragwürdig, anderes reizt mich zu Widerspruch.

So etwa die Aussage, dass die evangelische Kirche wenig zu lachen habe und vor allem nie über sich selbst lache (These 1). Sicher, man kann über den komödiantischen Wert des Kirchenkabaretts streiten, wie es etwa vom weißblauen Beffchen seit Urzeiten verkörpert wird. Auch über den der zahlreichen, mehr oder minder stark sächselnden Lutherparodien, die ich in den letzten Jahren erleben durfte und bei denen ja auch immer sehr gegenwärtige Pfarrherlichkeit verhandelt wird. Ob alles zum Lachen ist, was in der evangelischen Kirche witzig gemeint ist? Nun ja, eher nicht. Aber wer die Bereitschaft, über sich selbst zu lachen, grundlegend in Frage stellt, ist entweder der Konfessionspropaganda des rheinischen Katholizismus aufgesessen oder treibt sich in den falschen Diakonissenkonventen rum. Was nicht bedeuten soll, dass in Sachen Humor und Selbstironie keine Luft nach oben wäre!

Die Kirche sollte, so die Autoren, angesichts der Kritik von Seiten der „spießigen Sprachpolizisten“ (These 3) vom Verein Deutsche Sprache höchstens belustigt mit den Achseln zucken. Dem ist zuzustimmen. Keine Scheu vor Anglizismen, wo sie griffig sind und Wiedererkennungswert haben! Gleichzeitig ist ein Anglizismus allein natürlich noch kein Garant dafür, dass etwas frisch, modern und weltläufig klingt. Aber das dürfte mittlerweile allen außer ein paar in die Jahre gekommenen Jugendpfarrern bewusst sein. Ich sehe allerdings die Gefahr eher von einer anderen Seite und rechne dabei mit wenig Zustimmung bei Leitlein, der ja erklärter Fan der Bibel in gerechter Sprache ist. Denn der „Klartext“, den die Autoren fordern, ist nicht nur bedroht durch spießigen Sprachpurismus oder den „Jargon der Betroffenheit“ (E. Flügge). Aktuell ist es auch das Bemühen um inklusive und geschlechtsneutrale Sprache, das verlässlich eine bürokratisch-abstrakte Diktion hervorbringt und aus einer Rede schnell eine unfreiwillig komische Kaskade mitgelesener Sonderzeichen und gestelzter Partizipialkonstruktionen macht. In diesen Zusammenhang gehört auch das Liederheft des letzten Kirchentages, dessen Eingriffe in den Text traditioneller Lieder vielen unmotiviert schienen oder schlicht zu weit gingen. Dabei sind – das sei hier noch einmal betont – die Anliegen der „gerechten“ Sprache ja berechtigt: Eine Sprache, die etwa Frauen lediglich „mitmeint“, entspricht nicht unseren gesellschaftlichen Verhältnissen. Aber es geht eben auch um Verständlichkeit, Schönheit und nicht zuletzt Verhältnismäßigkeit – nicht um möglichst umfassende Sprachregelungen, an die man sich hoffentlich irgendwann schon gewöhnen wird. Oft kann die Predigerin mit einfachen Mitteln eingeschliffene Hörgewohnheiten irritieren, Geschlechterstereotype oder andere Vorurteile unterlaufen, ohne dass die Eleganz der Sprache leidet. Hier die richtige Balance zu finden, ist eine Kunst. Sprachbereinigung ist dagegen auch da ein Ärgernis, wo sie nicht reaktionär, sondern progressiv daherkommt!

Was den Personenkult (These 5) betrifft, so scheint mir die Beobachtung prinzipiell richtig, aber auch eine Engführung zu sein: Es muss nicht immer Personenkult sein, sondern es geht allgemein um Konkretheit und Greifbarkeit in der Erinnerungs- und Feierkultur. Man muss also nicht immer Dr. Lutherus in den Mittelpunkt stellen, aber in Wittenberg liegt ein Fokus auf Luther, sein Leben und die Ursprünge der Reformation eben nahe. An anderen Erinnerungsorten lassen sich jeweils andere Gestalten, Ereignisse und Themen aufgreifen, in Szene setzen und mit Leben füllen. Aber immer gilt: Für breite Menschengruppen jenseits des Fachpublikums wird Geschichte greifbar, wenn man sie an symbolkräftigen Orten und mit konkreten Identifikationsangeboten zum Thema macht. Diesen Effekt sollte man nicht überdehnen, indem man zu viel oder Gegenläufiges erreichen will.

Das Bekenntnis zum Osten (These 4) und zur Provinz (These 6), das die Autoren von der Kirche einfordern, trifft auf meine volle Zustimmung. Gerne wüsste ich nun, wie die Autoren vor diesem Hintergrund die – wie mir scheint, immer stärkere – Tendenz der jüngeren Pfarrerschaft bewerten, ihre Präferenzen für einen urbanen Lebensstil über den Dienstgedanken und faktisch das Wohl der Gemeinden abseits der Metropolregionen zu stellen. So kommt es dazu, dass die Provinz und die gerade östlichen Landeskirchen mit ihren vergleichsweise unattraktiven Arbeitsbedingungen voll unter dem Pfarrermangel zu leiden haben, während sich auf den freizeitfreundlichen Funktionsstellen und in den Innenstadtgemeinden die Leute drängeln. Das Gesetz von Angebot und Nachfrage bedeutet: Je weniger Pfarrerinnen und Pfarrer es gibt, desto stärker kann die Pfarrerlobby ihre Interessen durchsetzen. Gegensteuern ließe sich nur durch eine Kombination aus Solidaritätsprinzip, sanftem Druck und echten Anreizen. Denn nein – es wird wohl kaum reichen, einfach eine Ideologie des Ehrenamts an die Stelle der Personalplanung zu setzen. Die Gemeinden werden es kaum als neuartige Chance für das Priestertum aller Getauften sehen, wenn Frau Müller aus dem Singkreis auch die Geschäftsführung und alle zwei Wochen einen Gottesdienst macht.

Die Thesen 7 und 8 sind meines Erachtens voll und ganz zu unterstützen.

Am stärksten dürften die Autoren und ich voneinander abweichen bezüglich der Konsequenzen, die aus der 9. und letzten These zu ziehen sind. Ich würde den Appell „Seid nicht so nett!“ zunächst als Aufforderung interpretieren, etwas mehr theologisches Profil zu wagen und sich nicht immer den Erwartungen vorzugreifen, welche man in Teilen der Gesellschaft zu spüren meint. Auch würde ich daraus die Lehre ableiten, innerkirchlich mehr Diskurs und offenen Streit zuzulassen. Wie oft wird unter dem Mantel einer alle Differenzen deckenden Nettigkeit jede Diskussion im Keim erstickt, um dann hinter dem Rücken der anderen zu lästern, zu intrigieren oder ihre Vorhaben zu blockieren? Das ist kein Verhalten, das einer christlichen Kirche gut ansteht – aber leider weit verbreitet, wie mir scheint!

Klask und Leitlein dagegen geht es weniger um den innerkirchlichen Umgang miteinander als um eine Kirche, die sich in Politik und Wirtschaft einmischt. Dagegen ist nun auch nichts einzuwenden, im Gegenteil! Doch dass sie gerade das berüchtigte Afghanistan-Diktum der früheren Bischöfin und Ratsvorsitzenden Käßmann als positives Beispiel anführen, verwundert dann schon.

Käßmann-Bashing liegt mir fern. Aber der Satz, der da als „präzise kritisch“ gelobt wird, steht doch eher für die Unkultur einer Kirche, die moralisch unangreifbar sein will und deshalb die Untiefen der Politik scheut. Keiner hat von der EKD verlangt, eine Entscheidung über mögliche Bündnisverpflichtungen Deutschlands zu treffen. Man kann von Käßmann auch nicht erwarten, sich ein detailliertes Bild von der Lage am Hindukusch zu machen und eine Antwort darauf zu finden, wie mit der instabilen Sicherheitslage, den Verbündeten und ihren Interessen sowie dem Leiden der Zivilbevölkerung umzugehen ist. Wenn aber seither der Bundestag den betreffenden Einsatz über die Grenzen mehrerer Fraktionen hinweg regelmäßig verlängert hat, weist das wohl darauf hin, dass es ganz so einfach eben nicht ist. Käßmanns Leistung besteht darin, ihr moralisches Gefühl, das sich als solches um Grautöne naturgemäß nicht zu scheren braucht, in eine bildzeitungsgerechte Kurzformel gebracht zu haben. Mit fragwürdigen Erfolg. Denn es wurde keine Wende zum Guten in der Afghanistanpolitik herbeigeführt, sondern lediglich der überwunden geglaubten Gegensatz von Gesinnungs-und Verantwortungsethik wiederbelebt. Schönen Dank auch!

Hier kann nun nicht im Detail aufgezeigt werden, wie politisches Handeln der Kirche aussehen kann und soll, das sich nicht auf moralische Weisungen der Kirchenprominenz beschränkt, sondern eine lebendige politische Kultur innerhalb der Kirche zur Basids hat. Es wäre sicher lohnenswert, dem einen oder mehrere Artikel zu widmen und dabei auch die neuesten Impulse der EKD-Kammer für Öffentliche Verantwortung zu diskutieren. So Gott will findet sich jemand, der sich für nthk.de dieser Aufgabe annimmt.

Doch vielleicht hilft hier vorerst ein positives Beispiel, das ich dem Käßmann-Diktum entgegenstellen möchte. Als ein solches steht mir aktuell das Handeln der Kirchen angesichts der sog. Flüchtlingskrise vor Augen. Jenseits der Stellungnahmen von Seiten der Kirchenleitung – diese dürften manches befördert haben – sehe ich dabei die große Leistung bei den Gemeinden. Dort hatten notwendige gesellschaftliche Debatten einen Raum, die hier auch über die Grenzen der politischen Lager hinweg geführt wurden. So wurden bei vielen Menschen Vorurteile und Ängste sichtbar gemacht, bearbeitet und abgebaut. Schließlich hat man vielerorts ganz praktisch die Verantwortung übernommen für Flüchtlinge und deren Integration hier in Deutschland. Menschen haben sich für das Gemeinwohl eingebracht und sind dabei überzeugend für ihren Glauben eingestanden. Dabei wurde, wie die Reaktionen einiger meist konservativer Politiker zeigen, durchaus auch mit den Erwartungen von Seiten des Staates und der Politik gebrochen. Insofern ist den Autoren zuzustimmen: Nur Nettigkeit führt nicht weiter!

Grundsätzlich sollten sich die evangelischen Kirchen in politischen Fragen zunächst darauf besinnen, was ihnen von ihrem Auftrag und von ihrer Botschaft her aufgetragen ist. Dazu braucht es einen lebendigen Diskurs, der auch kontroverse Positionen zulässt. Nur auf dieser Grundlage lässt sich dann eine breite Mehrheit der Mitglieder für ein bestimmtes Vorgehen gewinnen und mobilisieren. Die Verständigung über das, was hier und heute geboten ist, dauert vielleicht einmal etwas länger als wünschenswert. Es könnte sein, dass sich in manchen Fragen keine eindeutige kirchliche Position gewinnen lässt. Aber wäre das so schlimm? Vielleicht ist gerade das ein wichtiger Beitrag zur politischen Kultur unserer Gesellschaft. Die Fähigkeit, Spannungen und Meinungsverschiedenheiten auszuhalten, scheint mir durchaus ausbaufähig.

Ach, und was den Segensroboter und die Aufforderung „Traut euch!“ (These 2) betrifft: Mit Blick auf die kommende Bundestagswahl melde ich Interesse an bezüglich eines Roboters, der Klagepsalmen rezitiert…

Might also be ethics, honey!

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(Noch eine Anmerkung zu “It’s the theology, stupid!”)

Gastbeitrag von Christian Stritzelberger, Tübingen

 

Vorweg: Die offene Diskussion über Theologie und Kirche ist großartig! Denn wenn wir als evangelische Kirche einen Vorwurf nicht loswerden, dann den der Beliebigkeit oder Belanglosigkeit. Was kann die Theologie belanglos machen? Und wie kann bei Pfarrerinnen und Pfarrern der Eindruck entstehen, sie hätten theologisch nichts gelernt, was ihnen weiterhilft? Zu dieser Debatte hier eine, hoffentlich weiterführende, Ergänzung.

 

„Sprachfähigkeit“ ist so etwas wie ein Grundwert des Protestantismus. Die Kirche soll zum Leben, zur Wirklichkeit etwas zu sagen haben. Dafür werden Pfarrerinnen theologisch ausgebildet. Aber welche Wirklichkeit ist das eigentlich, in der sie sich auskennen sollen?

Die für die heutige Theologie immer noch unverzichtbare „dialektische“ Theologie, auch z. B. die einst zum Grundinventar gezählte Seelsorgetheorie nach Thurneysen verbindet man (zu Recht oder zu Unrecht) mit dem Anspruch, eine „wirklichere“ Wirklichkeit zu durchschauen, die uns dann auch die alltägliche Wirklichkeit überhaupt erst verständlich macht.

Diese harte Alternative von „Wirklichkeit Gottes“ und dem, was „der kleine Mann“ für sich als Wirklichkeit erlebt, hatte natürlich gerade in Deutschland ihre historische Berechtigung. Wenn jeder im Land im Stechschritt in die falsche Richtung marschiert, muss man notfalls eben auf dem Wasser gehen, um nicht mitgeschleift zu werden. Diese Sicht ist aber für die evangelische Theologie auch gefährlich, wenn sie zur Grundhaltung wird. Schnell wird dann die „normale“ Wirklichkeit ignoriert, weil nur die „theologische“ wirklich zählt. So wird die beste Christologie, die klarste Trinitätslehre zum Herrschaftswissen: Würde ich das nur verstehen, dann könnte ich auch den Leuten in meiner Gemeinde helfen. Und so geht man dann nach dem Studium frustriert in eine Wirklichkeit, zu der man nichts zu sagen hat.

Wem ist aber überhaupt geholfen, wenn man die Probleme ihres Lebens als Unterthema der Christologie erklärt? Sicher Einigen, wenn das wirklich die Frage war. Ist es aber nicht immer. Und dann ist es mit einer Wirklichkeitsverschiebung nicht getan, denn das Problem liegt dann in dieser Wirklichkeit, in der wir nun einmal alle leben. Will man dazu etwas sagen, dann braucht es auch andere Mittel. Ein zentrales nennt man „Ethik“.

Wir stecken alle, als Theologinnen und als Christen überhaupt, schon im Leben. Und das besteht nicht nur aus Meditationen darüber, was das alles bedeutet. Das besteht auch aus Entscheidungen, ob man das eine oder das andere tut. Ob man eine Flüchtlingsfamilie aufnehmen muss, ob man Kinderkrankenpfleger werden darf, wenn auf der Station auch Abtreibungen geschehen, ob man Kinder haben sollte, und so weiter. Das Auftragen von Bibelstellenextrakten auf solche ethischen Entzündungen lindert kaum. Vor allem, weil man nicht einfach so schon weiß, wo eigentlich die Stelle ist, die man behandeln müsste; was Symptom und was Auslöser ist.

Menschliche Wünsche, Absichten und die damit verwobenen Glaubensvorstellungen schaffen die Wirklichkeit, die sich jeden Tag ereignet. Um Krankheiten in dieser Wirklichkeit mit dem richtigen Mittel verarzten zu können, braucht man oft erst einmal eine gute Anatomie des Handelns – sprich: „Ethik“. Anders gesagt: Man muss in der Lage sein, zu entwirren, was einen Menschen umtreibt. Und ob das eine Entscheidung bräuchte, oder einen „Zuspruch des Evangeliums“. Wer aber nur verkündigen kann, degradiert alle anderen leicht zu permanenten Zuhörern – als hätten sie kein Leben zu führen.

Für ihre theologische Arbeit müssen Pfarrerinnen sich also (auch!) gut und bequem in der Ethik auskennen, so die These. Das ist nicht mit einer Reclam-Lektüre von Mills „Utilitarismus“ fürs Examen erledigt. Was man mit der Ethik lernt ist nämlich nicht bloß Theorie, oder eine Sammlung von fertigen Inhalten, sondern vor allem eine geübte Fertigkeit, technische Kompetenz. Es ist die Kunst, nachzuvollziehen und handhabbar zu machen, was im Leben verworren daherkommt. Schon deshalb geht Ethik also nicht mit dem Gestus der wirklicheren Wirklichkeit, sondern nur gut lutherisch mit dem Wissen, Gott und die Welt am Ende nicht verstehen zu können – und trotzdem ernsthaft drin zu stecken. Ohne Herrschaftswissen oder Sonderoffenbarungen darüber, was nun gerade richtig ist.

Das ist nicht fakultativ. Ethik gibt keine „Extrapunkte“ für den Wahlbereich. Im Gegenteil: Wer das nicht kann, riskiert, an völlig falschen Stellen mit dem Evangelium um sich zu werfen. Wenn da der Eindruck entsteht, Theologie sei irgendwie bedeutungslos, muss sich keiner wundern. Im falschen Licht scheint die schönste Dogmatik fahl, und schlechte Ethik lässt dümmstenfalls das Evangelium gleich mit schlecht aussehen. Besser also, wenn es da aufscheinen kann, wo es wirklich strahlt. Das kann durchaus in ethischen Diskussionen passieren – muss es aber nicht.

Kurz gesagt hat man als Berufstheologe ein echtes theologisches Defizit, wenn man nur Evangelium „kann“, aber keine Ethik. Das ist eine Herausforderung für die Universitäten, aber auch für die Studierenden. Das heißt nämlich für die Studienplanung, über der Begeisterung für raffinierte Dogmatik nicht die echte Auseinandersetzung mit der „gutbürgerlichen“ Ethik zu vergessen. Beide, das letztlich unbegreifliche Evangelium und die im Leben unvermeidbare Verantwortung, machen evangelische Theologie aus. Gut also, wenn man mit ihr lernt, zu beiden etwas zu sagen zu haben.

 

Christian Strizelberger ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Systematische Theologie II/Ethik (Prof. Dr. Elisabeth Gräb-Schmidt) in Tübingen.

Wandern ohne Stecken und Stab?

Notwendige Anmerkungen zu „Und wie wir wandern im finstern Digital“

von Niklas Schleicher

Ich sitze gerade vor meinem Laptop, und tippe diesen Text. Auf dem zweiten Bildschirm läuft nebenher eine gestreamte Serie. Ich schreibe hier eine Antwort auf einen Text von Hannes Leitlein, der online bei zeit.de (http://www.zeit.de/2017/13/digitalisierung-medien-martin-luther-kirchen-reformation-netz) erschienen ist. Erfahren habe ich von diesem Text per Twitter und mich dann kurz per Telegram mit einem Freund ausgetauscht, ob wir auf nthk.de darauf reagieren sollen. Also auf dem Blog, den ich mitbetreibe. Lange Rede, kurzer Sinn: Auch ich bin mir dem bewusst, dass die digitale Welt bestimmend für unsere Diskurse ist, dass das Internet ein Raum für Kommunikation mit bisher ungekannten Möglichkeiten ist.

Von daher müsste ich Leitlein für diesen Text, der sich wie ein flammendes Plädoyer liest, dass die EKD sich endlich positiv mit der Digitalisierung auseinandersetzt, danken. Ja, möchte man sagen, ja, recht hat er. Der Kommentar von Margot Käßmann bezüglich Facebook und Seelsorge ist wirklich ziemlich peinlich. Und Äußerungen von technologiekritischen Theologen wie z.B. Werner Thiede sind oft auch nicht auf der Höhe der Zeit. Und er trifft auch weitere Punkte, die durchaus richtig sind, die für eine Kirche, die auch in der Gegenwart relevant bleiben will, zu bedenken sind.

Aber, um es etwas pathetisch mit Karl Barth zu formulieren: Nein! So kann das mit der Digitalisierung in der Gesellschaft, aber dann eben auch in Theologie und Kirche nun auch wieder nicht sein.

Der Gedankengang Leitleins ist, soweit ich das richtig interpretiere, folgender: Die digitale Revolution ist analog zu sehen zum Buchdruck und stellt einen tiefgreifenden Wandel unseres Kommunikationsverhaltens dar. Luther hat damals den Buchdruck für seine Reformation nutzen können und wurde erst durch diesen bekannt. Die evangelische Kirche, die sich in seiner Nachfolge sieht, sollte deshalb auch die Digitalisierung würdigen und mit ihr gehen, zumal die Kommunikation im Internet eine Form darstellt, die Ureigenes des Protestantismus zur Geltung bringt. Sie ist nämlich eine Form von Kommunikation, die das Dialogische, das Gespräch miteinander in den Fokus stellt. So entspricht sie dem Priestertum aller1. Von daher lösen sich im Digitalen dann auch Dinge wie geistiges Eigentum und so weiter auf und „Vielfalt, Beziehungen, Netzwerke, Interaktionen und Solidaritäten“ stehen im Vordergrund2. Kritisiert wird dann auch die Art der Internetkommunikation, wie sie z.B. der Ratsvorsitzende Bedford-Strohm betreibt, da diese noch ganz im Analogen verhaftet bleibt, in dem Sinne, dass Bedford-Strohm zwar viel auf Facebook postet, aber auf Kommentare nicht antwortet3. Die digitale Welt jedenfalls ist etwas, das theologisch gedeutet werden will, über das und mit dem die Kirche gesprächsfähig werden muss. Es gibt freilich schwierige Seiten, z.B. Datenschutz und Barrieren des Zugangs4, aber im Großen und Ganzen eröffnet das Internet eine große Chance für den Menschen. Diese besteht nicht zuletzt darin, die institutionellen Schranken der verfassten Kirche durch eine fluide christliche Community zu ersetzen.

Soweit in aller Kürze das Narrativ, dass ich aus verschiedenen Gründen nicht teile. Ich will nur drei Punkte nennen, an denen zumindest weiterzudenken wäre.

Zum ersten muss man sich nochmal die Interpretation des Priestertums aller Gläubigen näher anschauen, das hier (nicht ganz zu Unrecht) als Kernstück der Reformation bezeichnet wird und das sich anscheinend in der digitalen Welt erst vollends verwirklichen soll. Nun meint das Priestertum aller Gläubigen zunächst folgendes: Es gibt für die Würdigkeit des Christen in Bezug auf sein Gottesverhältnis keinen Unterschied zwischen Priestern, Bischöfen und Mönchen und den Laien. Jeder getaufte Christ hat direkten Zugang zu Gott, kann sich Gott im Gebet nähern und braucht keine Vermittlung durch Geweihte, Priester oder Heilige5. Aber: Für die öffentliche Verkündigung des Evangeliums, also dafür, dass Leute auch die Christusbotschaft hören können, die bei Menschen den Glauben wecken kann, bestimmt die Kirche Ämter. Diese Ämter beinhalten keinen Unterschied in der Würdigkeit, sondern beschreiben Funktionen. Die Amtsträger verkünden das Evangelium öffentlich. Dies sieht Luther übrigens schon recht früh, als Lektüre sei hier z.B. die Adelschrift empfohlen. Aus dem Priestertum aller Gläubigen zu schließen, dass im Internet jeder Christ gleichermaßen zur öffentlichen Verkündigung berufen ist, wäre genauso falsch, wie zu folgern, dass es im Priestertum aller Gläubigen um die Beziehung der Menschen zueinander geht. Dass Leitlein in dieser ganzen Passage zur Reformation ohne irgendeine Idee zum Gottesbezug auskommt, ist wenigstens als sportlich zu bezeichnen.

Zum zweiten wird hier etwas übersehen, dass meine Generation immer wieder gerne übersieht. Das Leben im Digitalen ist für viele selbstverständlich geworden, macht aber auch einigen Menschen Angst und überfordert andere. Die Kirche besteht eben nicht nur aus den jungen 15-40 jährigen, die fordern, dass endlich wieder alles neu werden soll. Einen großen Teil der wirklich Treuen machen eben diejenigen aus, für die das Abrufen einer Mail oder ein Skypekontakt mit dem Enkel schon das Höchste der Gefühle ist. Es ist irritierend, dass diese Menschen in Leitleins Vision von Kirche gar keine Rolle mehr spielen und offensichtlich längst abgeschrieben sind. Hinzu kommt: Nicht nur Menschen dieser Generation bevorzugen eben im Sonntagsgottesdienst eine Predigt, die von der Kanzel vorgetragen wird, und kein digitales Happening in der Twitter-Sphäre. Die digitale Avantgarde überschätzt notorisch ihr eigenes zahlenmäßiges Gewicht, Stichwort: Filterbubble. Gerade die Gottesdienste an Lebensübergängen werden noch immer gerne in Anspruch genommen. Hier ist nun aber die Ritualkompetenz und Verkündigungserfahrung von Spezialisten gefragt. Denn bei aller Liebe: Meine Hochzeit hätte ich nicht gerne im freien Gespräch mit der Gemeinde im Internet gestaltet. Da gehört die gelehrte und emphatische Auslegung des Trauspruches genauso dazu wie der Segen und der Ringetausch vor der im Analogen versammelten Gemeinde. Noch deutlicher wird das Ganze bei Beerdigungen. Bei aller Möglichkeit von Online-Kondolenz-Büchern ist doch hier das analoge Ritual m.M.n. kaum zu ersetzen6.

Und drittens: Wenn wir die digitale Welt theologisch deuten wollen, dann bitte ordentlich. Dann muss man notwendigerweise die Unterscheidung zwischen Schöpfung und Fall machen und darauf hinweisen, dass auch die Person, die digital unterwegs ist, immer simul iustus et peccator bleibt. Die digitale Welt bleibt genauso wie die analoge zwiespältig, es wird dort gute Dinge geben, aber es gibt dort auch schlechte. Mit Bonhoeffer gesprochen: Auch die neue, digitale Welt bleibt im Vorletzten, die digitale Welt der neuen Kirche bleibt immer noch die sichtbare Kirche und wird nicht plötzlich als Ganzes zu derjenigen, die die Dogmatik als unsichtbare Kirche, mithin als Reich Gottes bezeichnet. Es wird also auch in der digitalen Kirche Strukturen geben müssen, die ein gewisses Maß an Ordnung und Verlässlichkeit sichern. Man muss das dann nicht Hierarchie oder Lehramt nennen. Aber es wäre naiv zu glauben, dass in der digitalen Welt nicht viele Probleme analoger Kirche wiederkehren, meinetwegen in gewandelter Form.

Nochmal zurück zu Luther: Freilich nutzte er die neuen Medien, den Buchdruck für die Verbreitung seiner Reformation. Aber er hatte auch andere Äußerlichkeiten auf seiner Seite: Die politischen Verhältnisse im Reich und gewisse aufstrebende Schichten. Und trotz dieser Äußerlichkeiten brauchte es eben dennoch so jemanden wie Luther (oder Zwingli oder Bucer) der die treibenden Ideen hatte. Auch im Internet entstehen Ideen nicht qua Offenbarung ins Nichts. Und welche Kirche genau „Luther verdient“ hat, entscheidet zum Glück kein Redakteur der Zeit.

Die Digitalisierung ist von Seiten der Kirche als Faktum anzunehmen, kreativ mitzugestalten und keinesfalls kulturpessimistisch zu verteufeln. Aber ob wir die Digitalisierung für die Möglichkeit feiern wollen, die verfasste Kirche mit ihren spezialisierten Ämtern abzuräumen und durch eine Cloud fluider Cybersekten zu ersetzen?

Mit Luthers Bibelübersetzung gesprochen: Das sei ferne!

1Das bei Leitlein nicht vom Priestertum aller Gläubigen bzw. aller Getaufen die Rede ist, könnte ein Flüchtigkeitsfehler sein. Bestimmt meint er „aller Gläubigen“. Oder?

2Hier bin ich persönlich recht angefressen. Freilich kann jemand die Abschaffung geistigen Eigentums als Gewinn bezeichnen, der Geld für seinen Journalismus bekommt. Wissenschaftliche Theologen, die sich mit ihren Veröffentlichungen und entsprechend auch mit ihrer geistigen Arbeit später eventuell auf Stellen bewerben also solche Leute wie ich, sollte ich einmal nicht den Weg ins Pfarramt einschlagen , sind schon ein bisschen drauf angewiesen, dass mit den von ihnen produzierten Texten nicht einfach als beliebiges Allgemeingut umgegangen wird. Oder aber: Wenn wir schon den Kommunismus fordern, dann bitte richtig!

3Nun muss man allerdings auch zugestehen: Wer sich mal die Kommentare unter manchen Posts von Bedford-Strohm angeschaut hat, kommt vielleicht zu dem Ergebnis dass darauf sachlich zu antworten mehr gute Nerven erfordert, als ein Mensch haben kann.

4Das Barrieren übrigens nicht nur Sehbehinderungen betrifft, sondern auch die Tatsache, dass viele Leute sich Internet bzw. die notwendigen Endgeräte immer noch nicht leisten können, nun, dass kann man schon mal übersehen.

5Kann aber, um diese einfache Gegenüberstellung etwas einzuordnen, auch nicht mehr auf die Fürsprache von Heiligen vor Gott bauen. Jede Person ist vor Gott unvertretbar.

6Mich hat bis jetzt noch kein online-basiertes Ritual oder noch keine Form des Online-GDs auch nur halbwegs überzeugt. Mit Blick auf die absoluten Zahlen dürfte sich die Gruppe derer, die solche Angebote regelmäßig in Anspruch nehmen, als recht begrenzt herausstellen. Und es ist kaum zu erwarten, dass sich das in näherer Zukunft kategorial ändert.

Ja zu gelebter Menschenfreundlichkeit Gottes. Ein Tagungsbericht.

von Michael Greder

Fremdenfeindlichkeit hat Konjunktur. Von Dresden bis Washington wird das spürbar. Der Esprit des Münchener Bahnhofs erscheint wie eine schöne Geschichte aus längst vergangenen Tagen. Dabei ist es gar nicht lange her, dass Bürgerinnen und Bürger aus ganz Deutschland ihre Hilfsbereitschaft in die Tat umsetzten und in die bayerische Landeshauptstadt strömten. Mit unglaublich großem Engagement wurden Menschen in Deutschland mit Wort und Tat willkommen geheißen. Damals gab es viel Lob für die Bundeskanzlerin. Inzwischen mehren sich aber die Stimmen, die ihr Planlosigkeit und Untätigkeit vorwerfen. Durch dieses Merkel-Vakuum und aufkeimenden Fremdenhass sind immer mehr Menschen dazu geneigt, das demokratische System an sich in Frage zu stellen.

Mit Blick auf diese gesellschaftliche Großwetterlage stellt sich die Frage: Welche Rolle soll die Kirche einnehmen?

Auf der Tagung „Die Menschenfreundlichkeit Gottes leben – aber wie? Rechtsextremismus, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und Kirche“ wurde sich dieser Frage angenommen. Damit das theoretische Fundament sogleich gelegt ist, wurde die Tutzinger Tagung von den Organisatoren Udo Hahn, Reiner Schübel und Martin Becher bereits im Flyer unter das bekannte Böckenförde Diktum[1] gestellt. Mit diesem Kniff konnte die Konzentration der ReferntInnen und der TelnehmerInnen auf handlungsleitende Fragestellungen gelenkt werden.

Die Tagung wurde – nicht ganz ohne Pathos – vom Akademieleiter Hahn eröffnet. Das Thema der Tagung zeige, wie wichtig es ist, dass sich die Kirche als Akteur in die Zivilgesellschaft einbringt.

Selten oder noch nie wurde nach Aussage der Verantwortlichen ein Beschluss der Synode mit so großer Zustimmung gefasst, wie der zum Handlungskonzept „Ja zu gelebter Menschenfreundlichkeit Gottes. Nein zum Rechtsextremismus. Haltungen, Erfahrungen und Perspektiven der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB)“. Derart gestärkt konnten die Protagonisten der Steuerungsgruppe stolz und selbstbewusst auf die wohl schon ein paar Jahre andauernde Entstehungsphase des Konzepts zurückblicken. Schübel und Becher vermochten durch die Expertise der Rechtsextremismusforscherin Britta Schellenberg, die gebotene Ordnung in die Sachlage zu bringen. Dadurch konnte ein präsentables Ergebnis erzielt werden. Auf dieser Basis stellte Schellenberg fünf Kernpunkte vor, aus denen sich das Konzept speist:

Erstens soll das bereits vorhandene breite Engagement vieler kirchlicher Akteure gesichtet und gebündelt werden. Zweitens müssen dabei eigene Probleme der Kirche in den Blick kommen. Drittens muss die Kirche zeigen, was sie zu bieten hat. Das umfasst ihr weltanschauliches Fundament, ebenso wie Erkenntnisse aus der Bildungs- und Sozialarbeit. Zudem soll viertens das Praxisangebot der ELKB beleuchtet werden. Fünftens wird die kontinuierliche Verständigung und Weiterentwicklung betont.

Aus diesen Kernpunkten ergibt sich das Ziel, eine kritische Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zu fördern, nachhaltig dagegen zu wirken und eigene Grundsätze zu stärken.

Insbesondere wurde in einem Koreferat von Schübel der dritte Kernpunkt hervorgehoben. Natürlich lag das an einem Ort wie der evangelischen Akademie Tutzing auf der Hand. Gelebtes protestantisches Bildungsideal trifft dort auf fruchtbaren Boden. Zudem kamen die meisten Zuhörerinnen und Zuhörer aus der hervorgehobenen kirchlichen Bildungs- und Sozialarbeit.

Doch worin besteht nun das weltanschauliche Fundament, das die ELKB den engagierten Menschen bietet? Die Hauptverantwortlichen sehen die Antwort in einer „Ethik der Einfühlung“ (s. auch Handlungspapier 12f). Dieser Ethik liegt unter anderem eine Interpretation von Ex 23, 9 zugrunde: „Die Fremdlinge sollt ihr nicht unterdrücken; denn ihr wisset um der Fremdlinge Herz, weil ihr auch Fremdlinge in Ägyptenland gewesen seid“. Natürlich hat Jesus selbst die im Alten Testament angelegte „Ethik der Einfühlung […] in der sogenannten goldenen Regel auf den Punkt gebracht“ (ebd. 13). Auf Grund der eher marginalen theologischen Auseinandersetzung haftete dieser Argumentation ein biblizistischer Beigeschmack an. Bei der anschließenden Diskussion musste ein engagierter katholischer Kollege gegenüber einer überwiegend evangelischen Zuhörerschaft an die Tugenden des kritischen Bibelstudiums appellieren. Zu leicht ließen sich zahlreiche Stellen in der Schrift finden, in denen der Umgang mit „dem Fremden“ weniger wohlwollend vonstattengeht. Eine wirkliche Antwort oder ernsthafte Erörterung auf dem Podium gab es nicht. Mehr noch wurde die von der Steuerungsgruppe offenbar erwartete subjektive Aneignung und affirmative Evidenz (Joas) dieser Ethik angesichts der Schriftautorität weiter geschmälert: Aus dem empirische Befund von zweitausend Jahren Kirchengeschichte entspringt nicht unbedingt eine „Ethik der Einfühlung“. Die Irrungen und Wirrungen, oder in der Sprache Schleiermachers, „krankhafte Erscheinungen“ (z.B. KD2 §54) des Christentums sprechen eine andere Sprache: Kreuzfahrer, Hexenjäger, Antisemiten, NS-Pfarrer. Sie alle haben sich auch auf die Schrift berufen und sind „dem Fremden“ feindselig gegenübergetreten.

Im weiteren Verlauf sollte die Tagung jedoch jene Stärke demonstrieren, die sich auch im Handlungspapier niederschlägt: Die Handlung wird größer geschrieben als das Papier. Unter der Überschrift „ökumenisch Handeln gegen Menschenfeindlichkeit“ stellten engagierte Ehren- und Hauptamtliche aus der kirchlichen Praxis ihre Projekte vor. Von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland, vertreten durch Karl Georg Ohse, bis zur katholischen Jugend, vertreten durch Thomas Andonie und Andreas Belz, über die Kommission „Justitia et Pax bei der Deutschen Bischofskonferenz“ (Andreas Lob-Hüdepohl) und die „Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche und Rechtsextremismus“ (Christian Steffa) wurde sichtbar, dass bereits seit Jahren viel gegen Rechtsextremismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit unternommen wird.

Wozu braucht es dann ein Handlungskonzept? Immerhin stehen Personen auf dem Podium, die bereits in größere Netzwerke eingebunden sind. Alle Referenten begrüßten jedoch das Handlungskonzept und fanden lobenden Worte: Die ELKB zeigt hierin ihre Unterstützung von oberster Stelle. Sie ermutigt und stärkt Menschen in ihrem Engagement für Toleranz und Demokratie. Man kann also den Eindruck gewinnen, das Handlungskonzept entfalte schon aufgrund seiner Entstehung und Präsenz eine Wirkung. Die ausgewählten Beispiele zeigen, dass der Bedarf groß ist, die Vernetzung weiterauszubauen. Die Notwendigkeit einer öffentlich wirksamen Vernetzung von Initiativen, Verbänden, Institutionen und lokalem Engagement wurde nicht zuletzt an einem Beispiel evident, das Ohse mitbrachte: Eine Kirchengemeinde der Nordkirche hatte ein Grundstück an einen Bauern verpachtet, der dieses auch dafür nutzte rechte Symbole und Parolen aufzustellen – ein Zustand, der für die Kirchengemeinde unhaltbar war. Professionelle Hilfe, geschweige denn die Unterstützung durch ein Krisenmanagement, waren in den Strukturen der ELKN nicht vorhanden. Die anfängliche Hilflosigkeit der Gemeinde, die den Fall in Eigenregie lösen konnte, setzte einen Prozess in Gang. Die ELKN versucht heute, Projekte gegen Menschenfeindlichkeit und für Toleranz zu unterstützen. Ohse kritisiert in seiner Präsentation, dass es kein Handlungskonzept der ELKN gebe. Ein solches könnte Betroffenen eine Hilfestellung bieten. Das Beispiel zeigt: Häufig hat das Engagement seine Wurzeln in einer mehr oder weniger spontanen Reaktion, die von den Umständen aufgedrängt wird. Erst im Anschluss wird versucht, diesen Impuls zu verstetigen. Aus diesem Grund ist der Ansatz des Konzepts,  Bestehendes zu sichten, sinnvoll. Diese Orientierung an schon gelebtem Engagement ist auch im Layout des Handlungskonzepts zu finden. Lilafarbene Infoboxen enthalten Beispiele und nennen Anlaufstellen für Interessierte und Betroffene. Es bleibt zwar unausgesprochen, aber es scheint so, als wolle die ELKB zu einem Steuerungselement im Netzwerk werden. Dabei formuliert das Konzept zum jetzigen Zeitpunkt nicht den Anspruch, handlungsweisend Probleme lösen zu wollen.

Im Anschluss durften sich vor allem die kirchlichen Vertreter noch einmal ihre Relevanz von der Politik bescheinigen lassen. Der Mitarbeiter des Berliner Familienministeriums, Thomas Heppener, hob die Rolle der Kirchen und anderen Religionsgemeinschaften hervor: Sie können die Menschen erreichen und sind vor Ort. Besonders im ländlichen Raum könne die Kirche Extremismus entgegentreten. Darüber hinaus habe die Kirche andere Möglichkeiten, in den politischen Raum einzugreifen, da sie nicht an Parteigrenzen stößt. Im letzten Teil seines Vortrags kam Heppener auf eine noch völlig unbeachtete Frage zu sprechen: Das Geld. In seiner Behörde zeichnet sich Heppener für die Verteilung von Projektgeldern mitverantwortlich. Im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben“ verteilt er Mittel an einzelne Projekte und Initiativen. Diese Finanzierung bleibt aber stets zeitlich begrenzt – ein Defizit, das vom Referenten beklagt wurde. In der Anschlussdiskussion meldeten sich einige Stimmen zu Wort, um den Finger in eben jene Wunde zu legen. Wie die Vorstellung der einzelnen Projekte aufzeigte, liegt es allen Beteiligten an einer Verstetigung. Eine zeitlich begrenzte Förderung stellt zahlreiche Projekte vor gravierende Probleme. Heppener verwies darauf, dass die Rechtslage eine längerfristige finanzielle Unterstützung nicht erlaube. Für die Ermöglichung einer nachhaltigen Finanzierung stelle eine Änderung des Gesetzes eine große Hürde dar. Es liege auch an zivilgesellschaftlichen Akteuren, dafür einzutreten.

Auch eine Vertreterin aus dem Münchener Familienministerium war geladen. Christiane Nischler-Leibl organisiert die Radikalisierungsprävention ihres Hauses. Klarer als ihr Vorredner behandelte sie in ihrem Referat das eigentliche Kernproblem: Wie halten es Staat und Religion miteinander? Diese Frage wird mit jedem Euro drängender, der von der einen zur anderen Seite fließt. Nischler-Leibls Antwort fällt simpel, aber reflektiert aus. Der Staat darf keine bestimmte Religion aus sich heraus bevorzugen. Als Kriterium für eine Kooperation fungiert ihre Funktionalisierbarkeit für bestimmte Ziele des Staates. Die Referentin nennt als Beispiel die friedenstiftende Funktion der Religion im Allgemeinen und im Speziellen ihre individuell-stabilisierende Wirkung, was auf einer besonderen Motivationsbasis beruhe.

Eine Podiumsdiskussion schloss sich an. Zum Kreis bereits genannter Personen gesellte sich Irmgard Schwaetzer. Der noch ausstehende Vortrag über eine Studie zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit in Bayern warf seine Schatten voraus. Die Studie zeigt nämlich, dass auch Kirchenmitglieder vor gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit nicht gefeit sind. So musste Schwaetzer schon zu Beginn der Runde eine Antwort darauf finden, warum dieser Umstand in der Kirche lange nicht berücksichtigt wurde. Wohlgemerkt: Mit „Kirche“ ist hierbei die EKD gemeint. Die Antwort fiel klar und ehrlich aus. Das Thema sei von den Leitungsgremien tabuisiert und umschifft worden. Um den „Kreis der Tabuisierung“ zu durchbrechen, wurde eine Steuerungsgruppe eingesetzt und mehrere Veranstaltungen im laufenden Jahr werden sich offen mit dem Thema auseinandersetzen.

Christian Ganser stellte routiniert und kenntnisreich am zweiten Tag die Ergebnisse seiner Studie zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in Bayern vor. Zwei Erkenntnisse der öffentlich zugänglichen Studie verdienen besondere Erwähnung: Zum einen ist gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ein Problem, dass sich durch die gesamte Gesellschaft zieht. Die Unterschiede zwischen religiös und nicht-religiös, alt und jung, sowie deutschem und nicht-deutschem Staatsbürger sind marginal. Zum anderen lässt sich „klassischer“ Rechtsextremismus kaum noch beobachten. Eine allgemeine Ablehnung von Ausländern findet sich selten. Von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit sind besonders vier Gruppen betroffen: Flüchtlinge, Menschen muslimischen Glaubens, Sinti und Roma, sowie Langzeitarbeitslose.

Die Tagung schloss mit zwei Referaten zum Skandal um den NSU-Terror. Heike Kleffner berichtete aus der Arbeit in den unterschiedlichen Untersuchungsausschüssen. Sie machte an diesem drastischen Beispiel offensichtlich, wie wichtig alleine schon das Bewusstsein für Rechtsextremismus in einer Institution ist. Denn in Ermangelung eines solchen Bewusstseins wurden die rassistisch motivierten Taten des NSU nicht frühzeitig erkannt. Später wurden Missstände in den Behörden nicht aufgedeckt oder gar verschleiert, da es in Behörden Rechtsextremismus gar nicht geben könne.

Robert Andreasch lieferte ein schier unglaubliches Resümee über den bisherigen Verlauf des NSU-Prozesses. Dabei griff er den roten Faden Kleffners auf. An zahlreichen Beispielen belegte er, dass wesentliche Prozesserfolge, im Sinne der Nebenkläger und einer umfänglichen Aufarbeitung, weder von der Bundesanwaltschaft noch von der Polizei erzielt wurden. Tiefgreifende Erkenntnisse sind in den meisten Fällen persönlich engagierten Anwälten und Journalisten zu verdanken.

Im Großen und Ganzen führte die Tagung oberflächlich in das Thema Rechtsextremismus und Kirche ein. Eine tiefergehende theologische Auseinandersetzung fand nicht statt. Auf der Strecke blieb auch eine reflektierte Berücksichtigung des von Ganser untersuchten Phänomens gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Seine Ergebnisse hätten eigentlich einen differenzierten Blick auf das Thema ermöglicht. Es geht nicht nur um glatzköpfige und springerstiefeltragende Raufbolde, die Menschen anderer Hautfarbe verprügeln und es geht nicht nur um abgehängte Mitbürger, die plumpe Parolen aufstellen. Diesen Eindruck könnte man nach der Tagung und einer ersten Lektüre des Handlungskonzepts der ELKB jedoch gewinnen. Dieses Feindbild ist inzwischen schon so alt, dass es selbst den neuen Rechten als schrulliges Klischee erscheinen muss. Und hier zeigt sich das Problem: Die Linien zwischen Links, Mitte und Rechts haben sich innerhalb kürzester Zeit nicht nur verschoben, wie häufig zu lesen ist. Sie haben sich verknotet. Darin liegt meiner Meinung nach die gegenwärtige Herausforderung. In einem Handlungskonzept aus dem Jahr 2017 sollte diese berücksichtigt werden.

 

Michael Greder ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im DFG-Projekt „Der Protestantismus in der ethischen Debatten der Bundesrepublik Deutschland 1949-1989“ und bearbeitet dort im Projekt „Individualisierungsprozesse als Referenzpunkt theologisch-ethischer Theoriebildung“ (Prof. Dr. Reiner Anselm) das Unterprojekt „Die Bedrohung des Lebens durch die Gentechnik“.

 

[1] „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Anderseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.“ Böckenförde, Ernst-Wolfgang: Staat, Gesellschaft, Freiheit. Studien zur Staatstheorie und zum Verfassungsrecht, Frankfurt a. M. 1976, 60.