It’s the theology, stupid!

Ein Kommentar von Tobias Graßmann (@luthvind)

Der Kirchentag 2017 ist vorbei und er hat mich irgendwie nicht genug interessiert, um dafür mein Seminar abzusagen und meine Familie einzupacken. Kann sein, dass ich da was verpasst habe.

Das bedeutet allerdings nicht, dass ich gar nichts mitbekommen hätte. Denn so ein Kirchentag sorgt ja auch für Debattenstoff. Debatten sind erst einmal gut. Wenn ich meiner Twitter-Timeline trauen darf, drehten die sich dieses Mal vor allem um den richtigen Umgang mit der AFD. Aber irgendwie ging es auch um Früchtetee und Tassengrößen, was dann mit der großen Frage zu tun haben soll, wieso zu Kirche die falschen Leute kommen und die richtigen entsprechend wegbleiben. Wobei das mit falsch und richtig natürlich niemand so deutlich ausspricht. Muss man auch nicht, ist ja Allen klar.

Man kann diese Fragen immer wieder einmal stellen. Aber man wird in der Diskussion kaum weiterkommen, wenn man das zentrale Problem unserer Kirche ausklammert. Dazu ein kleines Gedankenspiel:

Gehen wir davon aus, ein Mensch „verirrt“ sich in eine evangelische Kirche. Er, nein besser: sie hat auf einer grässlich unübersichtlichen Homepage tatsächlich den Termin eines Gottesdienstes gefunden, hat sich Sonntagmorgen aus dem Bett gequält, sich von der mürrischen Mesnerin ebenso wenig abschrecken lassen wie von dem Kirchenvorsteher, der in seinem missionarischen Eifer dem neuen Gesicht gleich ein wenig übergriffig zu Leibe rückt. Nun sitzt sie da im Gottesdienst und weiß nicht so recht, was sie sich davon eigentlich erwartet.

Wir auch nicht. Aber egal, was sie sich erwartet – was erlebt diese Person in unserer (ok, etwas klischeehaft gezeichneten) Gemeinde? Lieder, bei denen die Gemeinde eher zaghaft mitsingt, eine beliebig zusammengestückelte Liturgie und dann endlich die Predigt. Deren Plot lässt sich in etwa so zusammenfassen: „Wer den Nächsten lieben will, muss erst einmal sich selbst lieben. Gott liebt uns so, wie wir sind. Wenn man das ganz fest glaubt, dann wird alles gut.“ Dazu noch irgendwelche privaten Erlebnisse des Pfarrers, die man im Telefongespräch mit der besten Freundin wohl kaum berichtenswert fände. Irgendwie haben sie es trotzdem in die Predigt geschafft, wahrscheinlich für den Lebensweltbezug.

Falls sich diese Person davon angesprochen fühlt, kommt sie nächste Woche wieder. Und hört mehr oder weniger das Gleiche. Und wieder. Und wieder. Wie lange tut man sich das als vernünftiger Mensch eigentlich an? Weshalb war sie nochmal genau gekommen?

Und hier sind wir an dem Punkt, weshalb die Suche nach fresh expressions of church eben zu kurz greift. Es geht bei der Krise unserer Kirche nicht oder zumindest nicht nur um den Ausdruck, der frisch und modern werden muss. Es geht nur am Rande um Gottesdiensformen, um Milieuverengung, um Kekse und Früchtetee.

Zu oft servieren wir den Menschen in unseren Gemeinden ein theologisches Sparmenü. Wir köcheln es zusammen in den Geschmacksvariationen „Großvater erzählt“, „Frauen in der Mitte des Lebens“ oder „Kindermutmachgottesdienst“. Wenn wir unserer Menükarte jetzt noch ein paar neue Gerichte dieser Art hinzufügen, zugeschnitten etwa auf die „urbanen Twentysomethings“ oder so, dann sprechen wir vielleicht eine Handvoll neuer Leute an. Ein paar Müde und Beladene werden schon kommen; solche, denen die Botschaft erst einmal egal ist, weil sie einfach Anschluss und Trost suchen. Tolle, wertvolle Menschen, gewiss – aber was ist mit den Anderen?

Das schwarze theologische Loch, das viele Predigten so austauschbar und banal macht, lässt sich nicht mit Beamerunterstützung, neuen Songs, professionellen Homepages, stylischen Plakaten, schicken pastoralen Outfits und abgefahrenen Veranstaltungstformaten stopfen. Auch nicht durch tätige Nächstenliebe oder diese „ganz besondere Gemeinschaft“, die immer bloße Behauptung war. Und schon gar nicht durch billiges Moralisieren, das sich politisch gibt, aber genau das Gegenteil bedeutet. Denn wenn wir uns versichern, dass wir irgendwie Aalle gegen Krieg, Klimakatastrophe und Kinderarbeit sind, ist damit für die politische Orientierung mündiger Christenmenschen halt wenig gewonnen. Oder?

Was also ist zu tun? Es wäre erst einmal einzugestehen, dass Gemeindeglieder an kirchliche Veranstaltungen Erwartungen haben. Legitime Erwartungen. Der Einwand, dass da eine theologisch anspruchsvolle Predigt ja wohl nicht dazu gehöre, überzeugt mich nicht im Geringsten. Denn Theologie meint eben nicht verkopftes Geschwafel, sondern Arbeit an Lebens- und Glaubensproblemen. Es geht um die Fragen, die in den Texten der Bibel, aber auch den theologischen Klassikern von Paulus über Augustin und Luther bis hin zu Karl Barth vibrieren – aber heute aus unseren Gottesdiensten weitgehend verbannt sind! Wem das alles zu „churchy“ ist, der oder die wird freilich auch in Film, Musik und Literatur fündig. Auch da begegnen Heil und Verderben, Schuld und Vergebung, Zorn und Versöhnung, Glück und sein Scheitern, Zweifel und neue Gewissheit – all die Eisen halt, die anzufassen wir Prediger oft zu hitzeempfindlich sind!

Wirklich, ich habe hohen Respekt vor Pfarrerinnen und Pfarrern, die sich der Herausforderung stellen, fast wöchentlich in der Predigt etwas Interessantes und Geistreiches über Gott, die Welt und den Menschen sagen zu müssen! Ich kann mir halt nicht vorstellen, wie das gehen soll mit einer Theologie, die sich auf drei Sätze eindampfen lässt. Denn die Wenigsten von uns haben ein so spannendes Leben, dass unsere privaten Erlebnisse Woche für Woche eine Predigt tragen. Und selbst dann interessiert mich Biografie auf der Kanzel eigentlich nur, wenn sie mir etwas über das Leben mit Gott erschließt. Was bitte erschließt es mir, dass Pfarrerinnen und Pfarrer Blumenzwiebeln einpflanzen, im Wald spazieren gehen oder abends mal ein gutes Buch lesen? Wobei – ich stelle mir bei solchen Banalitäten manchmal die Frage, ob das nicht als best practice aus irgendeiner Predigtmeditation stammt. In dem Fall wären es die Verfasser dieser wenig hilfreichen Hilfen, die mein Zorn trifft.

Denn es macht mich zornig! Es erfüllt mich mit Ärger, dass die Menschen mit ihren Fragen alleine gelassen werden. Etwa Fragen wie: „Wie bekomme ich meinen Glauben mit meinem naturwissenschaftlich geprägten Weltbild zusammen? Wie erkläre ich meinem muslimischen Freund, warum wir an einen dreieinigen Gott glauben? Wie gehe ich mit Texten in der Bibel um, die mir Angst machen oder mich ratlos zurücklassen?“ Und da ist noch keine große Krise dabei, noch keine Theodizee, keine der letzten Fragen, die sich an der Grenze zwischen Leben und Tod stellt.

Wer die Kirche wieder „relevant“ machen will, muss ihr die theologische Substanz zurückgeben. Und damit wir uns verstehen: Ich habe hier das Beispiel Predigt gewählt, aber das ließe sich für andere Handlungsfelder genauso durchspielen. Für die Schülerinnen und Schüler, die im Hormongewitter der Pubertät mit betulichen Geschichtchen abgespeist werden. Oder Senioren, die sich für die mittelalterliche Geschichte ihrer Kirche interessieren würden, doch geboten wird einmal mehr nur „Fröhlich durch alle Jahreszeiten“.

Theologinnen und Theologendürfen das Negative nicht länger aussparen, das Sperrige, das Dunkle und Fragwürdige, das Spannende. Gebannt hören die Leute nur zu, wenn sie merken, dass die bekannten, die einfachen, allzu rechtgläubigen und bieder moralischen Antworten nicht mehr greifen. Und wir müssen dafür eine Sprache suchen, die nicht museal und pastoral klingt, aber auch nicht zulässt, dass so große Worte wie Heil und Seligkeit, Barmherzigkeit und Gnade sich auflösen in die belanglose Nettigkeit, die in unseren Gemeinden so oft herrscht.

Das kann man dann meinetwegen auch „Fresh X“ nennen.

14 Gedanken zu „It’s the theology, stupid!“

  1. Durch den freshX Hashtag bin ich auf deinen Blog gestoßen. Du beschreibst die bohrende Langeweile, die deiner Erfahrung nach Kirche evangelischer Provenienz auszeichnet. Und im Blick auf solche Erfahrungen gebe ich dir Recht: Langeweile, Beliebigkeit und Wiederholung kann nicht durch frische Ausdrucksformen geheilt werden. Ich kann nicht zuverlässig einschätzen, wo auf der Skala zwischen „Einzelfall“ und „repräsentativ“ die von dir gemachte Erfahrung wirklich steht, aber nicht zuletzt der Kirchentag macht mir Mut, dass es ganz viel „Leben“ in der Kirche gibt, dass auch theologisch tief verwurzelt ist. In aller Pluralität. Die FreshX-Bewegung ist nach meiner Erfahrung übrigens weit mehr als eine neue Äußerlichkeit, die man durchs Dorf treibt. Insofern ist zu hoffen, dass diese Bewegung eine andere Rezeption findet als die einer Toolbox für hübsche Aktionen. Von Seiten der Akteure von FreshX habe ich da keine Sorge, aber natürlich schützt das nicht davor, dass auch Langweiler sich den Aufkleber auf die Kirchentür kleben…

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  2. Irgendwie wird an dem Format Gottesdienst immer wieder einmal herumgewerkelt. Als ich klein war und zur Kirche ging, fand ich die Modernisierungsversuche unglaublich langweilig. Für mich war am Gottesdienst das Rituelle spannend, das den Bezug zu vergangenen Jahrhunderten herstellte und das Gefühl herstellte, eingeweihter Teil von etwas altem, ehrwürdigen zu sein. – Gitarre spielende, nasal singende, versonnen bärtig lächelnde Pastorlehrlinge (ich hab‘ ihre Bezeichnung vergessen) die versuchen, mit einer für solche Lieder nicht ausgelegten Kirchenakustik die Gemeinde mitzureißen, deren Mitglieder sich mit einem querformatig gefalteten bunten A4-Blatt zufrieden gaben, um textunsicher die immer gut zwei Ganztöne zu hoch angestimmten neuen Lieder abzulesen, waren damals mein Greuel.

    Virtuosität beim Vorauswählen der angeschlagenen Liedstellen mit Lesebändchen und Fingern, aufstehen, niedersetzen und die alten Formeln der Liturgie auswendig gemeinsam sprechen, besonders schön, wenn sie der Pastor intonierte, – ja und dann für eine ziemlich endlos lang erscheinende Zeit Quadrate der Buntglasfenster zählen oder spannendere Anschauungsobjekte im Kirchenschiff finden bis die Predigt zu ende war und die Liturgie wieder los ging, das hatte mir früher gefallen. Am liebsten las ich die Bibel auch in Fraktur. Nicht, wegen ihrer braunen Komponente für manche – die ja ohnehin historisch nicht haltbar ist. Sondern einfach weil die Schrift so alt wirkte. Und sie lesen zu können gab mir das Gefühl, Gralshüter alter Tradition zu sein, yeah. (Heute ist mein Verhältnis zu gebrochenen Schriften insbesondere diese zwiegespalten, wie passend. Schlicht, weil Schönheit bei Schriften von mir fast nur noch im Zusammenhang mit guter Lesbarkeit empfunden wird.)

    Ökumene habe ich aus dieser Zeit zumindest mitgenommen, die in immer wieder neuer Form in meinem Denken zum Ausdruck kommt. Nicht zuletzt sie machte es leicht zu unterscheiden zwischen identitätsstiftenden Elementen religiöser Gemeinschaften und notwendigen Elementen des individuellen Glaubens. So kommt es etwa nicht darauf an, ob die Dreifaltigkeit befriedigend erläuterbar ist oder nicht. Sie ist gleichgültig für den Glauben an Gott. Aber Christen bedeutet sie etwas, schließlich bauen sie darauf ihr Glaubenssystem auf. Und wenn es ihnen hilft auf dem individuellen Weg zum Glauben dann ist das gut, aber nicht notwendig.

    Ich kann mir vorstellen, dass mir später gefallen hätte, eine*n idealtypische*n Pastor*in in der Gemeinde zu haben mit Sonntagspredigten die als Grundlage einer agnostischen Diskussion der Folgewoche hervorglänzend dienen könnte, die in den verschiedenen übrigen Veranstaltungen, angepasst an die jeweiligen Teilnehmer*innen fortgeführt würde – ob Kindergottesdienst, Jungschar, Bibellesekreis der Senioren … keine Ahnung Debattierzirkel der Mit-Vierziger und Argument-Slam der End-Zwanziger usw.

    Aber ich habe mich heraus entwickelt. Und war nie so richtig für ein intensives Gemeindeleben geschaffen. Aber ich denke, das ist die Herausforderung: Die Gemeindearbeit attraktiv zu machen oder zu halten und sich nicht auf das Format Gottesdienst zu konzentrieren. Denn diese Arbeit findet an 7 Tagen statt und der (evangelische) sonntägliche Gottesdienst ist nur eine Etappe davon.

    Letztlich sind solche Überlegungen aus meiner Warte natürlich lediglich akademisch. Aber, wenn hier darüber gesprochen wird, dann kann ich mich nicht zurückhalten, dazu etwas zu sagen. Wenn beispielsweise so etwas wie „freshX“ jetzt schick ist, dann ist das nichts neues. Und wenn es Leuten Spaß macht, dann ist das für diese Leute gut. Es ist aber nicht zu erwarten, dass alle Gemeindemitglieder dieselben Gelüste haben. Und nach guter – ja, ich glaube schon deutscher Manier – neigt man gerne zur Übertreibung: Das NEUE ist das BESTE und muss von ALLEN gleich gewollt werden. Und wenn nicht ALLE der gleichen Meinung sind, werden die andere solange dazu gezwungen, bis sie erkennen, dass sie eigentlich die ganze Zeit dasselbe wollten.

    Aber wahrscheinlich weiß mensch das ja.

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  3. Dort wo ich Englisch gelernt habe, versteht man unter „It’s the theology, stupid!“ so viel wie „Knackpunkt ist die Theologie, du Depp“ und wenn es das bedeutet sollte, macht mich die Überschrift schon ziemlich fassungslos über die Ignoranz die dahinter steckt!

    Dem stimme ich definitiv nicht uneingeschränkt zu. Viel mehr halte ich den massenhaften Austritt aus Kirche und den vielerorts geringen Gottesdienstbesuch für ein multikausales Problem. Darunter halte ich, sowohl mangelhafte evangelische Theologie einerseits, als auch mangelnde Übersetzungskompetenz der Prediger von der Ausgangssprache Theologie in „Ottonormalsprech“ für die wichtigsten Gründe!

    Ich will nicht behaupten, dass eine dt. Version der fresh expressions of church alle Probleme lösen wird, oder gar, dass es nicht neue (wie bspw. mangelhafte Theologie) mit sich bringen könnte! Ich habe aber genügend Theologiekollegen auf der Kanzel erlebt, denen ich inhaltlich-theologisch durchaus zugestimmt habe, die mich jedoch damit auf die Palme bringen, dass sie einfach nicht zielgruppenorientiert formulieren in ihrer Predigt!

    Und das schlimme ist, ich merke es ja z.T. selber, wenn ich mich bspw. mit meiner Familie unterhalte, von denen keiner akademische Erfahrung hat. Und zu dieser Gruppe gehören (ohne jetzt tatsächliche Zahlen zu kennen!) vermutlich 60+% der Kirchenmitglieder in unserem Land. Und das! macht mich doch schon mitunter ziemlich wütend! Weil es hier an den Menschen vorbei geht. Und die Evangelien von Jesu Predigt ein anderes Bild zeichnen.

    Mich nervt das „…, stupid“ in Ihrer Überschrift. Das macht es sich nämlich zu leicht!

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    1. Zur Erläuterung: Die Überschrift ist ein Spiel mit der Parole „It’s the economy, stupid!“, die aus dem Umfeld Bill Clintons stammt.
      Vgl. hier: https://en.wikipedia.org/wiki/It%27s_the_economy,_stupid

      Die These, die damit verbunden ist, ist, dass die Theologie sozusagen „wahlentscheidend“ für viele Menschen ist. Sicher ist das Problem darüber hinaus multikausal, es gibt auch andere Faktoren. Ich würde nur vorschlagen, diese anderen sozio-kulturellen Faktoren (die wir als Kirche zu großen Teilen nicht in der Hand haben), nicht ins Zentrum unserer „Kampagnen“ zu stellen. Dass wir unsere Theologie den Menschen auch sprachlich (besser) vermitteln müssen, damit sie uns verstehen, will ich keinesfalls bestreiten.

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      1. Zuerst: Danke für die Antwort.

        Zum einen macht Ihre Erklärung die polemischen Anrede nicht weniger provokant und dadurch auch arrogant!
        Mir ist Ihre These durchaus verständlich (und ich unterstütze Ihren Ruf nach Schwarzbrottheologie sogar). Ich bestreite Ihre Implikation, dass sprachliche Sorgsamkeit als sozio-kultureller Faktor etwas ist, den „wir als Kirche zu großen Teilen nicht in der Hand haben“?* Und ebenso bestreite ich, dass immer die weichgespülte Theologie das Problem sei – und so ja Ihre Kernthese. Es gibt wunderbare Predigten von bspw. Karl Barth, deren Massentauglichkeit allein daran leidet, dass Lieschen Müller sie nicht versteht. Jetzt könnte man einführen, naja, das ist immerhin der große, wenn nicht größte, theologische Kopf des 20. Jhds gewesen. Was soll man den belangen, wenn ihn jemand ohne akademisch Grad nicht versteht?
        Aber an ihm und solchen Personen orientiert sich doch aktuell unsere gesamte akademische Ausbildung! 13, 14 Semester lesen und sprechen wir so in Seminaren und Vorlesungen.

        Und meine Erfahrung ist, dass ein Großteil der Theologen das einfach nicht nachvollziehen kann**, dass die allerwenigsten Menschen diese Sprache verstehen. Und genau hier setzt mein Verständnis und meine Unterstützung für fresh x-Arbeit ein.
        Ich habe selbst einmal ein vierwöchiges Praktikum in einer fresh-x in einem Plattenbau gemacht.
        Ok! – Auch das ist wieder nicht Durchschnittszielgruppe. Es soll nur als Beispiel dienen, dass Landeskirche an solchen Orten u.a. sprachlich und damit in ihrem selbstgesteckten Ziel „Volkskirche“ zu sein versagt, weil sich die Kirche dort weder dem Kontext anpasst, noch dem Volk auf´s Maul schaut***.
        (Ich persönlich tendiere insgesamt zu einer stärkeren Milieusensibilität für die Landeskirche, die es so, wie die Kirche sich selbst gerne betrachtet, in den nächsten Jahrzehnten schon nicht mehr geben, sondern zu einer kleineren Bekenntniskirche schrumpfen wird.)

        Meine These ist also: Beides, der theologische Inhalt und die sprachliche Formulierung, muss mit Blick auf die Zielgruppe Hand in Hand gehen! Ihre These kann ich also zur Hälfte unterstützen, sehe ihre Schwäche jedoch in der Einseitigkeit der Kausalitätssuche. Mehr sprachliche Selbstkritik unter den theologischen Akademikern auf der Kanzel ist ebenso essentiell wie eine „mixed economy“ begrüßenswert ist!

        *Hallo!? Wir haben im Studium quasi drei antike Sprachen nebst philosophischer Grundkenntnisse gemeistert, und nebenbei in chaotischen WGs gelebt.
        ** Woher auch, wenn der Austausch über theologische Inhalte zu Menschen außerhalb von Theologie und Campus oft 7 Jahre fehlt?
        *** Für dieses konkrete Beispiel weiß ich, dass die örtliche landeskirchliche Gemeinde andere Möglichkeiten der Unterstützung dieser fresh-x im Rahmen ihrer Möglichkeiten anbietet und sich eine z.T. fruchtbare Zusammenarbeit ergeben hat.

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  4. Nun, der Wille zur Provokation lässt sich kaum bestreiten und mit dem Vorwurf der Arroganz muss ich leben.

    Was das Verhältnis von akademisch-theologischer Ausbildung und Sensibilität für sprachlichen Ausdruck betrifft, so nehme ich die Situation tatsächlich anders wahr. Ich habe es selten erlebt, dass Pfarrerinnen und Pfarrer so hochgestochen sprechen, dass die Gemeindeglieder nichts verstehen. Und wenn, dann war das im Kontext von Unigottesdiensten, die halt eh oft verschleierte Ringvorlesungen sind (was allen Beteiligten mehr oder weniger bewusst ist). Vielleicht rutscht manchmal ein Fachbegriff in die Predigt, aber das klärt sich dann entweder aus dem Kontext oder ist sowieso nicht weiter wichtig…

    Würde mich jetzt für meine Predigten allerdings nie an Theologen wie Barth, Tillich oder Pannenberg orientieren. Nicht jeder gute Systematiker ist deshalb auch ein guter Prediger und gerade die „Großtheologen“ wussten ja, dass man von Ihnen immer eine Art Vorlesung erwartet. Die Ausbildung und das Erlernen einer angemessen präzisen Begriffssprache ist dagegen wichtig. Schon, weil die Probleme, an denen sich die systematische Theologie klassisch abarbeitet, heute keineswegs mehr Elfenbeinturm-Spielereien sind, sondern die einfachen Glaubenden täglich damit umgehen. Die Plausibilität des christlichen Gottesgedankens, die Bedeutung des Christusgeschehens, die richtige Auslegung der Schrift usw. sind ja lebensweltlich so stark in Frage gestellt, dass man sich immer irgendwie dazu verhalten muss. (Ich finde das gar nicht schlecht!)

    Theologische Probleme sollten also einmal in ihrer Tiefe durchdacht und die Fähigkeit zu einer angemessenen Formulierung gegeben sein. Das kann ein gutes Studium leisten. Die Fähigkeit, das dann auch in eine Sprache zu übersetzen, die für die Hörer verständlich ist (und im Idealfall plastisch, unterhaltsam), gehört zur Ausbildung dazu, ist aber eine der Kernherausforderungen der 2. Ausbildungsphase (Predigerseminar, Vikariat). Wir haben da relativ viel praktische Übungen dazu gemacht, ich würde sagen, mit einigem Erfolg. Ob man das weiter ausbauen müsste ist ein anderes Thema. Aber nur, wenn die theologische Kompetenz vorhanden ist, kann man auch beurteilen, ob das, was man in einer schönen Sprache formuliert hat, auch wirklich die Botschaft ist, die man predigen wollte. Oder ob unterwegs etwas wichtiges verlorengegangen ist bzw. sich die Aussage verschoben hat.

    Arbeit in Plattenbausiedlungen finde ich sehr unterstützenswert und prinzipiell auch das Ideal einer Mixed-Economy — solange man auch darauf achtet, dass das Bewusstsein dafür, gemeinsam über die Milieus hinweg eine Kirche zu sein, nicht verloren geht.

    So weit in aller Kürze.
    T.G.

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  5. Irgendwie ist es ja ganz interessant, Zaungast dieser kurzen Debatte zu sein. Aber das Interessante liegt auch im Befremdlichen. Mir scheint, authentisch werden Geisteswissenschaftler*innen kaum „dem Volk auf’s Maul schauen“ können. Wenn mir Menschen begegnet sind, die mit einer total frischen, frechen und volksnahen Art jemanden für ihren Glauben erreichen wollten, dann fühlte ich mich stets erinnert an 1980er-Jahre-Jugendliteratur, in der steril und anbiedernd ein Vokabular gepflegt worden ist, das mit den gewünschten Adressaten rein gar nichts zu tun hatte.

    Aber auch wenn es jemanden erreicht, fühlte ich nicht nur mich davon beleidigt. Auch die Religion, nicht zuletzt die Kulturleistung, die sie bedeutet, fühlte ich dadurch mit Füßen getreten.

    Oh je. Ich denke beispielsweise an aggressive Werbekampagnen von Jesus Freaks vor rund zehn Jahren. Und ich denke an dieses (in meinen Augen) unsägliche Machwerk „Volxbibel“. Natürlich denke ich auch an diverse total lockere Religionslehrer, Jugendgruppenleiter und Vikare (schön, an dieses Wort wieder erinnert worden zu sein) vorheriger Zeiten.

    Ob nun Juden, Christen oder Muslim – die Religionsstiftung und -entwicklung hatte einst zur kulturellen Entwicklung außerordentlich beigetragen, zur Alphabetisierung, sprachlichen Ausdrucksfähigkeit, zu philosophischen Betrachtungen angeregt.

    Naja, je institutionalisierter, desto limitierter soll sicherlich der Zugang zur eigenständigen Auseinandersetzung mit dem Stoff sein. Dann schafft man Geheimsprachen und wirft dem Publikum nur vereinfachte Knöchelchen vor, die es nicht weiterbringen. Ob nun Latein, oder etwa veraltetes Hocharabisch, oder etwa Disziplinen-Jargon, man nimmt ein „Lieschen Müller“ an oder vielleicht einen „Kevin“, begibt sich „auf ihr Niveau hinab“, gesteht ihnen gönnerhaft zu in ihrer Welt „echt tolle Wahrheiten erkennen zu können“, schaut auf irgendwelche Mäuler und radebrecht sich einen dabei zusammen, das Gesehene irgendwie nachzuplappern und für den eigenen missionarischen Eifer nutzbar zu machen.

    Wenn das Theologie-Studium so gut ist – was ich mir bei den ganzen spannenden Inhalten ja durchaus vorstellen kann – dann müsste es doch eigentlich Bildungslaune wecken. Dann müsste doch eigentlich mehr Bildungsarbeit zur Befähigung zu Dialog und Diskussion zur kritischen aber fruchtbaren Auseinandersetzung mit dem Glauben das Herz angehender Pastor*innen bewegen – wozu dann auch die Inspiration zum Erwerb einer differenzierten Sprache, eines differenzierten Denkens gehört – als Überlegungen zum richtigen Dialekt für die Sonntagspredigt, in der dem auf’s Maul geschauten Lieschen-Müller/Kevin-Volk nach dem Mund geredet wird, einfache vermeintliche Wahrheiten kolportiert werden wie: „Du, es is‘ doch total klar: Wir alle sind Sünder und werden nur sauber durch Dschieses, Mann!“ – Alta‘, Jesus ist einfach der Geilste – und ich bin voll traurig für die Leute die das. noch nicht erkennen konnten. Aber ich weiß genau – das Gott, Mann, der is‘ so genial gnädig, Mann, das wird auch noch ein Muslim kapieren.“

    Ich kann insoweit dem Verfasser nur zustimmen, soweit ich ihn richtig interpretiert habe: Eine weit gefasste Ökumene, Respekt für alle Glaubensrichtungen, Diskussionsfreude, Auseinandersetzung mit allen Aspekten des Glaubens auch – und insbesondere sogar – mit den Zweifeln, vielleicht nicht einmal den Versuch unternehmen, für irgendjemand Zweifel zerstreuen zu können, sondern sich gemeinsam mit den Zweifeln zu befassen und eben dazu ermutigen, dafür auch seinen Horizont zu erweitern, das würde – soweit es bereits so gehalten wird, dann wird es – der Glaubenspraxis ganz gut tun.

    Vor allem dann wenn es erlaubt, Hrenzen verschwimmen zu lassen. Eine Gelassenheit gegenüber den Besonderheiten der einzelnen Gemeinschaften, eine Konzentration auf die Gemeinsamkeiten und eine Freude daran, die Unterschiede als willkommene Anlässe zum Dialog und zum fruchtbaren und friedlichen Streitgespräch zu nehmen, das alles könnte echt was bringen.

    Momentan scheint mir allerdings, Lagerdenken ist wieder richtig in.

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  6. Wo in meinem Beitrag lesen Sie Lagerdenken heraus und v.a. für welches Lager? Ich stimme dem Autor ausdrücklich zu darin, dass viele Predigten theologisch zu oberflächlich sind.
    Nehmen Sie bspw. den aktuellen Beitrag „7 Tage im Auftrag des Herrn“, einem aktuellen ARD-Beitrag zur Themenwoche, die in einem mecklenburgischen Dorf gedreht wurde. Die Predigt zum Schluss mit der Botschaft „Du bist voll ok, optimier dich bloß nicht“ ist unter aller Kanone.

    Ich bestreite lediglich die Annahme, dass es NUR an der mangelnden Theologie liegt.

    Ich sprach außerdem bereits von Milieusensibilität, mir ist nämlich klar, dass es nicht „den Hörer“ gibt, dementsprechend auch nicht „das Lieschen Müller“. Deswegen finde ich Kontextualisierung von Predigt und Sprache absolut wichtig. Dass -Sie- die Volxbibel obsolet finden ist genauso ok, wie es Tatsache ist, dass sich gewisse Milieus davon angesprochen fühlen. Und das Wachsen bspw. der ICF-Bewegung zeigt, dass sich Leute mit der Sprache vom Evangelium gewinnen lassen, die wir nicht erreichen.
    (Am Rande: Ich will damit nicht der Theologie des ICF bewerben, das ist ein anderes Thema!)

    Bedenklich finde ich, dass Landeskirchen sich recht selbstbewusst als Volkskirchen bezeichnen, aber einen Großteil des Volkes nicht nur nicht mehr erreichen, sondern seit 1990 11 Mio Christen aus den großen Kirchen ausgetreten sind, während Gemeinschaften wie der ICF wachsen – ohne Kirchensteuern.
    Angesichts dessen wünsche ich mir lediglich ein bisschen mehr Demut und vor der eigenen Tür zu kehren.

    Ich habe das Gefühl unser theologisches Kirchenpersonal führt sich häufig wie der ältere Bruder im Gleichnis vom verlorenen Sohn auf.
    Ich will gar nicht, dass ein Prediger sich verstellt um dann „frech und fröhlich“ zu predigen, wie Sie es nannten. Aber wir waren doch nicht immer die humanistisch hoch gebildeten Geisteswissenschaftler mit eigenen Sprachcodes. Wir können doch auch normal reden über das, was uns so tief getroffen hat, dass wir mal den Entschluss gefasst haben Gottes Wort verkünden zu wollen. Wir reden doch beim Feierabendbier auch ganz normal mit unseren Freunden. Warum eigentlich? Ich finde diese überwältigende Botschaft vom Kreuz verdient, dass wir uns Mühe geben sie verständlich zu rüberzubringen.

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  7. Lieber Tobias, deiner Grundthese – It’s the theology, stupid – stimme ich voll zu. (Vom Wording würde ich’s dann für mich eher „geistliche Tiefe“, „Frömmigkeitsstil“ oder „Spiritualität“ nennen, nicht unbedingt Theologie, aber darum geht’s hier ja nicht).

    Deinen Zorn kann ich verstehen, ich hab ihn auch (auch wenn wir beiden uns inhaltlich sicherlich doch sehr unterscheiden, aber auch darum geht’s ja nicht). Schwierig finde ich aber einen abwerteneden Unterton bei etlichen deiner Beispiele und beim Grundsound des Artikels. Das muss nicht sein und bringen tut’s eh nix.

    Du fragst, was mit den Leuten ist, die religiöse Fragen haben, du zählst einige Fragen auf. Genau das beschäftigt mich auch sehr, denn: Wer von denen, die religiöse Fragen haben, suchen denn nach Antworten in/bei der Kirche? Ein inspirierender TEDTalk, ein kompetentes Angebot auf dem freien Seminarmarkt oder vielleicht das Portfolio der einen oder anderen Freikirche liegt da doch viel näher. Wo sollen denn die Leute in unseren Gemeinden hin, die sich spirituell/religiös interessieren? Der Gottesdienst spricht vielleicht 1% an (und ist in der Tat oft schlecht gemacht, ja, leider), Gesprächskreise sind oft bildungsbürgerliche Geselligkeitsrunden. Und so weiter. Ich schaue immer in Gemeindebriefe, was es da für spirituelle/geistliche Angebote gibt. Entweder nada, nix, rien oder in sehr homöopathische Dosen. Deshalb meine Frage an dich: Wo wäre denn die „theology, stupid“, deiner Meinung nach? Wo hat sie ihren Ort? Wo außerhalb des klassichen Gottesdienstes, wo es um genau die Fragen geht, die du nennst?

    Und damit bin ich dann bei dem, was ich an freshX sehr schätze (btw: ich kenne freshX nur medial, nicht fleischlich): Die Leute suchen mit großer Lust, Enrgie und Hartnäckigkeit nach neuen Gemeinschaftsformen. Für mich ist die traditionelle Parochie am Ende (nicht empirisch, aber konzeptionell). Was kommt danach? Hierzu brauchen wir Alternativen. Die gibt es aber nur, wenn man sie ausprobiert, erfindet, lebt. Und irgendjemand muss das machen. Diese Aufgabe übernehmen die freshX-Leute, auf ihre Art. Danke! Und jetzt die wirklich wichtige Frage: Wer denn bitteschön noch? Wer versucht ernsthaft neue Vergemeinschaftungsformen? Wer? Wo? Innerkirchlich vielleicht noch die Szene um „New Monasticism“ (aber davon hat man auch lange nichts mehr gehört, oder?). Anonsten in der EcoVillage-Szene (wesentlich größer, wirksamer und realomäßiger als viele wohl denken, wenn sie „Öko-Dorf“ hören), in der Szene rund um „Freie Schulen“. Mir geht’s nicht um die dortigen Themen, sondern um die Sozialformen, die dort neu entwickelt werden. Da werden echt Dinge neu erfunden, sehr spannend. Und sowas macht freshX im kirchlichen Kontext. Vielleicht entsteht dadurch ja etwas, was bleibt. Wäre doch toll.

    Ich frage mich also, welche Gemeinschaftsform braucht „theology, stupid“? Damit ist natürlich auch immer Ästhetik/Geschmack verbunden, ja, aus der Nummer kommt man nicht raus. Aber trotzdem halte ich es für falsch, deshalb auf Milieus (die ja Ästhetik/Geschmack prägen) als entscheidende Kategorie zu setzen. (Zumal – und das ärgert mich richtig! – dann auch noch meist die Sinus-Milieus herangezogen werden. Die stammen aus der Konsumforschung – d.h. es wird ein Instrumentarium genutzt, dass die Milieus so konstruiert (denn Mileius sind ja immer Konstruktionen, um irgendetwas zu verdeutlichen), um Konsumlebensstile zu identifizieren. Und dies soll eine leitende Idee für kirchliche/christliche Vergemeinschaftung sein!? Ich find’s schräg…).

    Ich glaube wie du, dass die Theologie tatsächlich wahlentscheidend ist – und nicht die Milieus! Aber „die Theologie“ gibt es ja nun nicht. Deshalb die Frage: Welche leitende Kategorien sind hier hilfreich? Konfessionelle Prägungen? Wohl kaum, allenfalls für absolute Insider, quantitiativ würde ich sie im Promillbereich verorten. Klassische Paradigmen wie konservativ, liberal, wasauchimmer? Da steckt man sofort in ideologischen Grabenkämpfen. Was denn dann? Was ich ja sehr schätze ist SpiralDynamics (deutsche Adaption, die den Ansatz aben auf Kirche überträgt ist Gott 9.0 von Küstenmacher/Küstenmacher/Haberer). Ich weiß, dass das in der Theologie entweder unbekannt oder völlig verbrähmt ist. Ich halte es aber dennoch für gut – wenn man es als Heuristik liest und nicht als Dogmatik! Hier werden Gottesbilder als Unterscheidung genutzt, also eine theologische Kategorie (und eben keine Ästehtik/Lebensstil-Kategorien, wie bei Milieuansätzen). Auch das ist nicht der Weisheits letzter Schluss und schon gar nicht die einzige udn richtige Möglichkeit, aber vielleicht wäre es mal ein Ansatz, um gerade der „theology, stupid“ (Frömmigkeit/Spiritualität…) einen Raum zu geben.

    Und jetzt muss ich erstmal frühstücken. Martin

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    1. Lieber Martin,

      vielen Dank für deinen ausführlichen und konstruktiven Kommentar. Ich greife ein paar Themen heraus, die ich für besonders wichtig halte.

      Zunächst: Was die Polemik des Artikels betrifft, nehme ich das Unbehagen ernst. Sicherlich ist das kein Selbstzweck, sondern dient der Zuspitzung und Provokation. Denn schließlich will ich ja, dass der Text gelesen wird und produktive Widerstände auslöst. Dieser Text wurde nun tatsächlich relativ breit und kontrovers rezipiert, während sich hier auf dem Blog auch zahlreiche (meines Erachtens kluge und erbauliche) Texte finden, die gänzlich unpolemisch daherkommen und halt die 20 Clicks nie überschreiten. Natürlich muss man immer abwägen, ob so etwas weiterführt oder die Diskussion verhärtet, behindert, auch Menschen unnötig verletzt. Es ist also kompliziert…

      Zweitens: Man könnte statt über Theologie auch über Frömmigkeit, geistliche Tiefe usw. schreiben. Ich meine, dass beides eng zusammenhängt und dieser Zusammenhang vielleicht etwas zu sehr aus dem Bewusstsein gerutscht ist. Daran sind sowohl die Theologie, als auch die kirchlichen „Anbieter“ entsprechender Angebote schuld. Dem Begriff der Spiritualität gegenüber bin ich immer skeptisch, weil ich damit ein bestimmtes Programm assoziiere, das Theologie/Theoriefeindlichkeit verbindet mit dem Versprechen, Frömmigkeitsformen irgendwie aus dem Zusammenhang christlichen Lebens zu lösen, als leicht konsumierbare Häppchen anzubieten und als irgendwie „gut-tuende“ Wellness in einen nicht-religiösen Alltag einzupassen. Aber natürlich muss man das nicht so verstehen und kann Spiritualität auch so definieren, dass diese „Perversion“ des ursprünglich ja jesuitisch-monastischen Begriffs ausgeschlossen ist.

      Drittens: Was die Kritik an der Orientierung an Milieus, insbesondere den Sinusmilieus, betrifft, kann ich das nur mit ganzem Herzen unterstreichen! Ich sehe in der Suche nach neuen Gemeinde- und Gemeinschaftsformen auch eine entscheidende Herausforderung. Leitend ist für mich dabei das theologische Kriterium, dass diese Formen der Gemeinschaft zumindest darauf zielen müssen, die Einheit und Verbundenheit des Leibes Christi in der gestalteten Vielfalt unterschiedlicher Menschen und ihrer Gaben zum Ausdruck zu bringen. Also letztlich die Liebe Gottes erfahrbar machen, die menschliche Grenzen überschreitet. Das verträgt sich schlecht mit der Suche nach irgendwie „bereinigten“ Kleinstgemeinschaften. Was das konfessionelle Moment betrifft, so glaube ich auch, dass die klassischen theologischen „Unterscheidungslehren“ an Bedeutung verlieren. Gleichzeitig würde ich meinen, dass die verschiedenen Konfessionen (und in ihnen noch einmal bestimmte Gruppen) für bestimmte Frömmigkeitskulturen stehen, die auch mit Theologie zusammenhängen (komplexes Thema) und die ich ungern verwässern würde. Eine schwäbische Bibelstund ist halt etwas anderes als ein benediktinisches Stundengebet und ein politisches Nachtgebet keine Deutsche Messe. So in etwa. Ziel wäre für mich, Potentiale der einzelnen Traditionen zu heben und herauszuarbeiten.

      Viertens: Ich sehe bei FreshX (ebenfalls nur aus der Warte des Beobachters) viele interessante Suchbewegungen und gute Ansätze. Gleichzeitig denke ich, dass diese Bewegung wie alle auf Überprüfung und Selbstkritik angewiesen ist. Diese kann nicht nur durch wirtschaftliche, soziologische oder kommunikationstheoretische Effizienzrechnung oder als gefühlsmäßige Selbstbespiegelung geleistet werden kann. Ich denke, das muss theologisch durchdacht werden. Die Theologie hat schon jetzt einen Katalog guter Instrumente zu bieten, diese Bewegungen an ihrem Anspruch zu messen und vielleicht auch zur Selbstklärung beizutragen. Und vielleicht ist es ja tatsächlich so, dass auch diese Bewegung schon bald vor Problemen steht, die in der Kirchengeschichte Parallelen haben? Es wäre eigentlich dumm, schon gemachte Erfahrungen mit Kirche nicht abzurufen, weil man meint, man sei grundsätzlich über alle Probleme der Vorzeit hinweg…

      Schade finde ich, dass von einigen Vertreter_innen bislang Anfragen, Diskussions- und Gesprächsangebote erst einmal als Angriffe empfunden und mit teilweise unverhältnismäßiger persönlicher Polemik erwidert werden. Aber nun gut – vielleicht ist das nur natürlich, wenn man ein gewisses Sendungsbewusstsein hat und die Begeisterung von einer bestimmten Methodik einen packt.

      So viel erst einmal! Beste Grüße,
      Tobias Graßmann

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