Die Kirche des Worts gegen die Bilder im Kopf

von Tobias Graßmann (@luthvind)

Es ist nun schon etwas Zeit vergangen, seit ein kurzes Zitat einer Bischöfin auf Twitter Diskussionen ausgelöst hat. Auch wenn eine kurze Internetrecherche ausreichen sollte, um das Zitat zuzuordnen, kann die Person hier ungenannt bleiben, da es mir nicht um eine Auseinandersetzung mit einer bestimmten Amtsträgerin einer fremden Landeskirche geht. Von verschiedener Seite wurde mir versichert, dass die betreffende Person mit der hier vertretenen Position in weiten Teilen übereinstimmen würde. Gerade das scheint mir freilich typisch für ein Problem zu sein, auf das ich in den Tagen vor Weihnachten einmal die Aufmerksamkeit lenken will. Ich greife also diese Äußerung als ein prägnantes Beispiel heraus, um den Blick auf ein grundlegendes Problem zu lenken.

Das betreffende Zitat stammt aus einem Segenswort, formuliert im Rückblick auf das Reformationsjubiläum und die abschließenden Gottesdienste zum Reformationstag. Es wird die Frage aufgeworfen, „wie’s denn mit der Kirche weitergeht und mit dem Glauben“. Als Antwortversuch formuliert die Bischöfin:

„Heißt: wir müssen runtersteigen von den Kanzeln und Bühnen, eher fragen und zuhören als antworten, predigen oder gar belehren. Uns hinwenden und suchen, was verloren gegangen ist.“

Was mich daran unmittelbar geärgert hat, ist natürlich nicht der positive Vorsatz: mehr fragen und zuhören, sich zu Menschen hinwenden. Es geht mir um das Bild von Kirche und Verkündigung, das diesem Vorsatz als dunkle Kontrastfolie unterlegt ist. Es ist das Bild einer Kirche, die normalerweise von oben herab antwortet, predigt und belehrt.

Verzichtbare Negativfolien

In Abgrenzung wird so ein durchaus verbreitetes Bild von Kirche aufgegriffen. Ein Bild, das in der Vergangenheit wohl einmal schlechthin bestimmend und vielleicht auch angemessen war. Eines, mit dem sich viele Pfarrerinnen und Pfarrer heute aber nicht mehr identifizieren können und wollen.

Indem dieses Bild von der Bischöfin als Folie für ihre positiven Anliegen verwendet wird, setzt sie es faktisch ins Recht. Der unbefangene Hörer muss verstehen: Es gibt in der Kirche einen Normalzustand, der sich als Belehrung von der Kanzel herab beschreiben lässt. Aber hier tritt eine Einzelperson an, die sich gegen diesen Normalzustand stellt. Verstärkt wird der Effekt dadurch, dass es offenbar nicht um konkrete blinde Flecken, bestimmte Anliegen oder Sorgen geht, die überhört werden. Das Problem bleibt unkonkret – und damit tendenziell allgegenwärtig!

Diese Abgrenzungsfigur begegnet mir häufiger, und zwar nicht nur als gesprochenes Wort. Ich bin immer wieder irritiert über die vielen Kolleginnen und Kollegen, deren gesamtes Auftreten vor allem die Botschaft senden soll: Ich bin kein typischer Pastor, keine typische Pastorin. So wird im eigenen Auftreten die Negativfolie eines Pastorenbildes mitgeschleppt: „langweilig“, „konservativ“, „weltfremd“, „verknöchert“ und „verkopft“. Aber an welchen Kollegen ist dabei eigentlich gedacht? Wen trifft die Beschreibung, wen möchte man in einer Pfarrkonferenz mit diesem Vorwurf konfrontieren? Dieser Unhold im Talar hat keinen Namen und keine Adresse, so dass man vermuten muss: Er treibt eigentlich überall sein Unwesen. Nur hier nicht!

Ich glaube ja nicht, dass die Bilder, die so in der Fantasie der Menschen aufgerufen und fortgepflanzt werden, die Wirklichkeit unserer Gemeinden angemessen widerspiegeln. Vor allem aber meine ich, dass wir uns als Kirche so jede Chance nehmen, diese Bilder endlich loszuwerden. Wollen wir in einer Zeit, in der viele Menschen gar keine klaren Erwartungen an Kirche und nur noch vage Bilder von Pastoren haben, selbst unsere Negativklischees mitschleppen und weiterverbreiten?

Futter für das Vorurteil

Es gibt noch einen weiteren Punkt, der mein Unbehagen weckt. Das Zitat ist nämlich dazu geeignet, eine verbreitete anti-theologische Stimmung zu bedienen. Ich glaube, dass nur in seltenen Fällen diese Ressentiments bewusst geschürt werden. Aber da sie nun einmal in den Köpfen vorhanden sind, passiert es fast unvermeidlich, dass die Negativfolie der belehrenden Kirche mit bestimmten Klischees von Universitätstheologie verschmilzt.

Denn in kirchlichen Kontexten, besonders im Internet, begegnet mir häufig eine Erzählung, die sich etwas überspitzt so zusammenfassen lässt: Gefragt für das Pfarramt wären „normale“ Menschen, die freundlich und interessiert, lebensnah und zugewandt sind. Das Studium an der Universität bringe nun aber eine Kaste blutleerer Streber hervor, die sich mit alten Sprachen und kirchengeschichtlichen Daten und dogmatischen Lehrgebäuden auskennen, aber die echten Menschen aus dem Blick verloren haben. Ja, sie verstehen weder deren Fragen noch können sie sich ihnen verständlich machen. Daher der himmelweite Abstand zwischen der Kanzel, dem Außenposten des akademischen Elfenbeinturms, und dem Leben der Menschen – die aus diesem nachvollziehbaren Grund wegbleiben.

Wie verbreitet solche Bilder der akademischen Ausbildung sind, illustriert nicht nur ein jüngst veröffentlichter Text von Pastorin Carola Scherf, sondern auch ein Erlebnis, das ich mit einem Oberkirchenrat hatte. Der Mann schleuderte mir den überraschend ehrlichen Satz entgegen: „Ich kann der Synode nicht erklären, warum Leute an der Uni rumhängen, während in Oberfranken Pfarrstellen unbesetzt bleiben!“ Könnte die Theologie an der Universität irgendwie damit zu tun haben, dass ländliche Pfarrstellen mit kompetenten Menschen besetzt werden? Nun, ein Zitat wie das eingangs zitierte ist kaum geeignet, Synodale und Oberkirchenräte von der Unverzichtbarkeit theologischer Ausbildung zu überzeugen.

Natürlich kann man bei Kritik an der verkopften Unitheologie immer mit Zustimmung rechnen, mit dem Applaus so mancher Pastoren und dem Kopfnicken vieler Gemeindeglieder. Schnell sind ein paar Beispiele für die Praxisferne der Ausbildung zusammengetragen. Aber diese Kritik tut nicht nur vielen Theologinnen und Theologen unrecht, die sich ernsthaft bemühen, ihre Forschung und die kirchliche Praxis fruchtbar zu verknüpfen. Sie ist auch falsch. Denn ein Theologiestudium entfremdet Menschen nicht dem wahren Leben. Stattdessen bedeutet es meistens eine Horizonterweiterung.

Der Mythos des sinkenden Theologiebedarfs

Wer ein theologisches Studium durchläuft, begegnet Texten, Personen, Lebensproblemen und philosophischen Argumenten aus etwa 3000 Jahren. Mit den Sprachen sind tiefe Einblicke in andere Kulturen verbunden. Sie oder er hat im Idealfall gelernt, die Fremdheit der biblischen Texte anzuerkennen und sie dennoch fruchtbar auf das eigene Leben zu beziehen. Theologinnen und Theologen haben sich kritisch mit dem eigenen Glauben auseinandergesetzt. Sie haben sich klar gemacht, dass schon unter Christen viele ihrer religiösen und moralischen Überzeugungen alles andere als unhinterfragbar sind. Sie laufen weniger Gefahr, die eigene Ortsgemeinde mit der ganzen Kirche Jesu Christi zu verwechseln. All das wird ihnen in der Begegnung mit Menschen eher helfen als schaden.

Ich glaube daher nicht an einen inneren Zusammenhang von Theologiestudium, Weltfremdheit und pastoraler Selbstherrlichkeit. Ebenso wenig überzeugt mich die Einschätzung, dass heute sowieso kaum mehr Bedarf an Theologie besteht und bloße Mitmenschlichkeit genügt. Ich meine eher: Theologieverachtung kann man sich vielleicht leisten, wenn man von einer überwiegend kirchlich geprägten Kultur ausgeht. Wenn die Autorität der Kirche und ihrer Amtspersonen unhinterfragt ist, kommt man mit einem Minimum an Theologie aus. Wenn jede und jeder als guter Christenmensch erzogen ist und das Wort des Pastors sowieso Gesetz, dann dürften Menschenkenntnis und christliche Allgemeinbildung tatsächlich ausreichen.

Aber heute brauchen wir eher mehr Theologie als früher. Die Selbstverständlichkeit ist dahin. Wir müssen unsere christlichen Überzeugungen erklären und begründen. Wir haben es ständig mit anderen Weltbildern, Religionen und Konfessionen zu tun. Vielen Menschen fehlt eine eigene Sprache für die religiösen Bedürfnisse, mit denen sie zu uns kommen. So muss oft erst einmal Verstehensarbeit geleistet werden. Theologie meint nicht Belehrung, die an die Gemeinde weiterzugeben wäre – sie schult Wahrnehmung und Sprachfähigkeit.

Kompass im Dickicht menschlicher Bedürfnisse

Pastorinnen und Pastoren werden heute nicht mehr dazu ausgebildet, von der Kanzel herab die Massen zu belehren. Von ihnen wird erwartet, die Bedürfnisse der Menschen wahrzunehmen. Das ist gut so. Aber diese Bedürfnisse gehen weit auseinander und sind in der Summe unmöglich zu bedienen. Manchen Menschen reicht tatsächlich ein offenes Ohr – für die Sorgen ihres Alltags oder ihre Thesen zum Islam. Andere wollen selbst erst einmal hören und suchen Worte für einen Glauben, der irgendwie verschüttet oder gerade erst im Wachsen ist. Wieder andere erhoffen sich Rat in Lebensfragen. Und manche interessieren sich für die Wurzeln unserer Kultur oder die Welt der Bibel. Die Liste ließe sich fortsetzen. Im Pfarramt braucht es kommunikative Kompetenz, aber auch einen klaren theologischen Kompass, um bezüglich der Fülle von Erwartungen sinnvolle Prioritäten zu setzen.

Deshalb ist mir ein Leitbild kirchlichen Handelns zu dünn, das sich auf Zuhören und Fragen beschränkt. Deshalb wünsche ich mir, dass die Kirchenleitung sich klar zur Theologie bekennt. Und es wäre schön, wenn man auf manche der gängigen Negativfolien verzichten könnte. Auf die Abgrenzung von den Kolleginnen und Kollegen, auf die beliebten Klischees von akademischer Theologie.

Warum nicht einfach so: Ich will Fragen stellen, zu schnelle Antworten vermeiden, den Menschen genau zuhören und das Verlorene suchen. Und in diesem Geist predigen und lehren.

Rezension: Wolfgang Thönissen, Luther. Katholik und Reformator

9783897107014

Thönissen, Wolfgang, Luther. Katholik und Reformator, Paderborn / Leipzig 2017.

Rezensiert für www.nthk.de von Jonathan Reinert am 9. Oktober 2017, veröffentlicht am 14. Dezember 2017.

 

Während ich im Zug sitze und diese Rezension schreibe, spricht mich die neben mir sitzende Mitreisende, die das Cover des Buches entdeckt, an: „Ich bin gerade etwas verwirrt … Luther – war der nicht evangelisch?“ Gute Frage. Und entsprechend hat auch der Autor in seinem Vorwort die Frage umgekehrt vorweggenommen: „Luther – katholisch?“ (7) 2017, im Jahr des Reformationsjubiläums, das die evangelischen Kirchen groß feiern – so erkläre ich meiner Sitznachbarin –, fragt sich auch die katholische Kirche (und die evangelischen ebenso), wie sie sich zur Reformation und zu Luther verhält.

Wolfgang Thönissen, Direktor des (katholischen) Johann-Möhler-Instituts für Ökumenik in Paderborn, antwortet: Luther zeigt gewissermaßen zwei Gesichter, die im Titel wie auf dem Cover des Buches festgehalten sind. Er ist beides – Katholik und Reformator. Das eine soll aber nicht gegen das andere ausgespielt werden: „Wenn wir auch nicht leugnen können oder wollen, dass Luther der Reformator ist, so bleibt doch bedenkenswert, dass er in seinem Selbstbild katholisch sein wollte.“ (10) Katholisch zu sein müsse nicht bedeuten, „Mitglied der konfessionell identifizierbaren römisch-katholischen Konfessionskirche“ (10) zu sein, sondern könne wie im Falle Luthers anhand einer „katholischen Denkart“ (10) abgelesen werden. Wie soll das geschehen? Nach Lektüre des Buches scheinen mir vier Aspekte wesentlich:

(1.) Das angesprochene ‚katholische‘ Selbstverständnis Luthers sei ernst zu nehmen. Thönissen spricht im Anschluss an Augustinus Sander von Luthers ‚konfessorischer Katholizität‘ (vgl. 115), also dass sich Luther selbst auf Grundlage der Heiligen Schrift im Rahmen der altkirchlichen Bekenntnisse als Theologe der einen, christlichen, d.h. katholischen Kirche verstand und als solcher dachte.

(2.) Für die Verortung in der Tradition hält der Autor den Weg, den Melanchthon in seiner ‚Historia Lutheri‘ 1546 nach Luthers Tod gewiesen hat, für besonders geeignet: Von Luther zu Bernhard von Clairvaux, von Bernhard zu Paulus und von Paulus zu Augustinus (vgl. 34-41). Auf diesem Weg können man das „Beziehungsgefüge Christus, Evangelium und Glaube“ (40) als den „Anker, das Prinzip und den Ansatz der Theologie Luthers“ (40) in der kirchlich-theologischen Tradition über die Jahrhunderte hinweg verorten.

(3.) Methodisch unterscheidet Thönissen zwischen der in der genannten Tradition verwurzelten Denkart Luthers (‚der Katholik‘; vgl. 115-121) und der Wirkung seines Denkens (‚der Reformator‘), welche als Reformation incl. Kirchenspaltung bekannt ist und ein Ergebnis (kirchen-)politischer Vorgänge gewesen sei: „Luther mag als Reformator von der katholischen Kirche verbannt worden sein, seine reformerische Theologie, sein Denken ist es keineswegs.“ (41)

(4.) Schließlich seien die zahlreichen ökumenischen Gespräche und Erfolge der letzten Jahrzehnte zu würdigen und ernst zu nehmen, wodurch auch ersichtlich geworden sei, dass Luther auf dem Konzil von Trient nicht nur verurteilt, sondern auch implizit rezipiert worden sei (vgl. 102-114). Neben der Rechtfertigungslehre und dem Verhältnis von Schrift und Tradition versucht Thönissen auch an den Themen Eucharistie und Amt darzustellen: „Indem man die Denkformen, die nicht identisch sind, komplementär aufeinander bezieht, ohne sie gegenseitig zu reduzieren, werden Verständigungen zwischen ihnen möglich, die einen Konsens in Grundwahrheiten zu formulieren erlauben. Der Konsens trägt differenzierende Urteile, die sich nicht kontradiktorisch ausschließen. […] der Streit des sechzehnten Jahrhunderts [ist] zu Ende.“ (114) Das klingt toll und für die Rechtfertigungslehre hat man dies auch offiziell festgestellt. Aber sind nicht gerade Eucharistie und Amt nach wie vor die Knackpunkte der gegenwärtigen lutherisch-katholischen Diskussion? Thönissens kurzer Hinweis, im Zusammenhang der Amtsfrage seien „freilich […] noch viele Fragen ungeklärt“ (110) liest sich jedenfalls so, als handle es sich dabei nur Nebensächlichkeiten.

Das Buch ist erkennbar ein Ergebnis jahrelanger, intensiver Überlegungen. Sein Ziel ist es, theologisch Interessierten darzulegen, was es heißt, dass ‚Luther keine Spaltung, sondern eine Reform der Kirche wollte‘ – wie der quasi-offizielle Programmspruch für die Ökumene zwischen evangelischer und katholischer Kirche für das Reformationsjubiläum lautet. Geschrieben scheint es von einem Katholiken für Katholiken, die eben diese Frage beschäftigt, wie sich die (römisch-)katholische Kirche zu Luther und den Kirchen der Reformation verhalten soll. Ökumenisch engagiert und mit großer Kenntnis zeigt Thönissen: Von Luther kann man auch als guter Katholik eine Menge lernen, denn er selbst war in gewisser Hinsicht auch Katholik; sich mit ihm zu beschäftigen lohnt sich. Den evangelischen Rezensenten freut dies, weil er derselben Meinung ist.

In Endnote Nr. 6 ist im Übrigen die Information versteckt, dass es sich bei dem Büchlein um eine überarbeitete Kurzfassung des ein Jahr zuvor bei denselben Verlagen erschienenen Werkes „Gerechtigkeit oder Barmherzigkeit? Das ökumenische Ringen um die Rechtfertigung“ handelt. Obwohl das vorliegende Buch tatsächlich weitgehend in den dortigen Rahmenkapiteln eins bis drei und acht enthalten ist, hat es mit der Frageperspektive auf Luthers Katholizität durchaus etwas konzeptionell Eigenständiges.

 

Jonathan Reinert hat in Jena, Göttingen und Tübingen evangelische Theologie studiert und arbeitet derzeit an einer kirchenhistorischen Dissertation über Passionspredigten im 16. Jahrhundert in Jena. Er ist Geschäftsführer des Evangelischen Bundes Württemberg und Schriftleiter der Zeitschrift „ichthys“.

Gottesdienst für die ganze Gemeinde oder: Kinder willkommen?

von Claudia Kühner-Graßmann

Prolog: Dieser Beitrag entstand aufgrund von Wut und Enttäuschung. Wut und Enttäuschung darüber, dass unser dreijähriger Sohn quasi aus dem Gottesdienst geworfen wurde. Es handelte sich um einen großen Festgottesdienst zum Reformationsjubiläum. Unser Kind geht gerne in die Kirche, liebt Orgelmusik und ist als Pfarrerskind sehr vertraut mit dem Setting. Er ist aber auch ein Kind, das alles besprechen muss und viele Fragen hat. So will er alles über den Gottesdienst wissen und singt fleißig mit (eigene Melodie und Text, versteht sich). Als er bei der Predigt etwas aufgedreht wurde, suchte mein Mann mit ihm die Spielecke auf. Dort spielte er und plapperte dabei mit anderen Kindern. Sie diskutierten über die richtige Anordnung von Puzzleteilen und schauten sich gemeinsam Wimmelbücher an. Die Konsequenz: einige Gottesdienstbesucher beschwerten sich bei meinem Mann und hielten ihn an, das Kind bitte ruhig zu stellen. In der Spielecke. Ja, unser Sohn war nicht das einzige Kind, mein Mann aber das einzige Elternteil. Der Küster blieb zwar freundlich, machte aber durch sein Verhalten deutlich, dass das Kind eine Störung sei.

Das Ergebnis: wir verließen während des Abendmahls den Gottesdienst. Mit einem weinenden Kind, das gerne in der Kirche geblieben wäre. Noch während des Aufbruchs wurde mein Mann von mehreren Gottesdienstbesuchern mit Beschwerden und Erziehungsratschlägen konfrontiert.

Anlässlich dieses Erlebnisses, das uns sehr ärgerte, möchte ich ein paar Überlegungen zum Gottesdienst, seinem Sinn und (gerechtfertigten) Erwartungen an ihn anstellen, die in der Frage nach Kindern im Gottesdienst münden sollen.

1. Gottesdienst als Wort-Antwort-Geschehen der ganzen Gemeinde

Da es sich bei dem Gottesdienst, der Anlass zu diesen Überlegungen gibt, um einen Gottesdienst zum Reformationsjubiläum handelte, bietet es sich an, einen Blick auf denjenigen zu werfen, der in diesem Zusammenhang am meisten gefeiert wurde: Martin Luther.

Luthers sog. Torgauer Formel beschreibt den Gottesdienst als Wort-Antwort-Geschehen zwischen Gott und Gemeinde.1 Dabei betont er, dass der Gottesdienst eine „ordentliche, allgemeine, öffentliche Versammlung sei, weil man nicht für jeden einen besonderen Ort bestellen kann und auch nicht in heimliche Winkel gehen soll, auf daß man sich dort verstecke.“2 Es handelt sich also um eine öffentliche Versammlung der ganzen Gemeinde. Natürlich ist die Antwort der Gemeinde für Luther keine chaotische Rede aller. Vor Augen steht ihm eine geordnete Veranstaltung, bei der ein ordentlich Berufener predigt und die Gemeinde gemeinsam in geordneter Weise einstimmt mit Gebet und Gesang. Als öffentliche Versammlung aller Glaubenden gibt es, das sei zuerst festzuhalten, keine Voraussetzungen für die Teilnahme außer dem Glauben (und wer möchte diesen schon seinem Nächsten absprechen?).

Wie sieht es dann mit der Ordnung dieses Gottesdienstes aus, der Liturgie? Diese wird häufig ehrfurchtsvoll behandelt und Störungen im Geschehen als besonders frevelhaft wahrgenommen. Luther ist hier pragmatisch: an den äußeren Ordnungen sei nichts gelegen. Sie sollen lediglich dem Nächsten und einem pädagogischen Zweck dienen, etwa auch um des „jungen Volks willen“.3 Die Liturgie ist also nichts Göttliches. Vielmehr dienen die Ordnungen der Versammlung der Glaubenden. Nimmt man dazu Luthers dialogisches Gottesdienstverständnis, dann handelt es sich nicht um ein rein rezipierendes Geschehen. Nein, die Gemeinde soll aktiv dabei sein – in Gebet und Gesang. Alles geordnet, aber aus praktisch-pragmatischen und pädagogischen Gründen.

Mit Luther kann also etwas von dem ehrfürchtigen Ernst genommen werden, der für einige Gottesdienstbesucher korrektes Gottesdienstverhalten charakterisiert. Hinzu kommt eine immer noch existierende besondere Ehrfurcht vor der Pfarrperson. Bleibt man auch hier bei Luther, so fällt der qualitative Unterschied von Pfarrern und Laien weg – Priestertum aller Getauften eben. Natürlich existiert ein Unterschied, der aber als funktionaler zu beschreiben ist, da die Pfarrerin als Theologin quasi Profi und durch ihr Amt in besonderer Weise verantwortlich ist.

Entspannt sich der Umgang mit Liturgie und Pfarrern dahingehend, dass ihre Rolle pragmatisch und funktional verstanden wird sie verstanden werden, können wir Protestanten eine Sache ernst nehmen: Gottesdienst feiern. Und zwar feiern als zum Gotteslob versammelte Gemeinde aller Gläubigen. Dafür gibt es keine menschlich überprüfbare Eintrittskarte und kein Mindestalter. Natürlich unterliegt diese Versammlung einigen Regeln, die das gemeinsame Gotteslob ordnen. Dazu gehört auch der Respekt vor der Pfarrerin, der etwa verbietet, während der Predigt ständig dazwischenzurufen. So gilt es, die Waage zwischen Respektlosigkeit und überernster Ehrfurcht zu wahren. Es geht um Gottes Wort (und Sakrament) und nicht um die richtige Gebetshaltung oder besonders konformes Verhalten, denn dafür gibt es kein Fleißbildchen! Wäre dem so, handelte es sich letztlich nicht um Gottesdienst, sondern um Werkgerechtigkeit. Diese ist aber mit der reformatorischen Erkenntnis der Rechtfertigung allein aus Gnaden obsolet.

2. Erwartungen an den Gottesdienst

Es scheint so zu sein – von empirischen Untersuchungen gestützt4 –, dass bei all den unterschiedlichen Erwartungen an den Gottesdienst diejenige hervorsticht, dass er etwas „Anderes“ zu sein habe. Ein bisschen weg vom Alltag, aber diesen aufnehmend und in diesen hinein scheinend. Was das konkret heißt, divergiert wiederum stark. Es zeigt sich, dass man mit einer Vielzahl von Erwartungen konfrontiert wird, die nicht alle erfüllt werden können. Dabei wird aber vor allem eines deutlich: Man wird es nie Allen Recht machen können! Jeder Gottesdiensteilnehmer geht wiederum einen Kompromiss ein, denn nicht jedes spirituelle Bedürfnis wird gestillt. Jeder nimmt aber auch etwas anderes mit: ein bestimmtes Lied, die Predigt, eine besondere Gebetsformulierung, den Hall der Kirche…

Bei gar nicht so wenigen Gottesdienstteilnehmern scheint eine gewisse Furcht davor zu bestehen, etwas falsch zu machen, etwa an der falschen Stelle aufzustehen. Gemeindegottesdienste sind meistens gut eingespielte Veranstaltungen der Kerngemeinde – so jedenfalls der Eindruck. Genau diese Furcht davor, etwas falsch zu machen, vielleicht gar etwas zu verpassen, was für das Seelenheil wichtig sein könnte, auf der einen Seite und die gut eingespielte Kenner auf der anderen, die nicht selten als Wächter des rechten Gottesdienstverhaltens auftreten – dieses Zusammenspiel der Rollen lässt die Szenerie häufig steif und streng wirken, gerade für Außenstehende und weniger versierte Gottesdienstbesucher.

Wie kann dem entgegnet werden? Ich möchte hier keine konkreten praktischen Ratschläge ausbreiten, sondern vielmehr dazu anhalten, den Gottesdienst zu entmythologisieren und als Gemeinde der Gläubigen zu feiern. Die Verantwortung liegt hierbei beim Pfarrer, bei der Pfarrerin, anderen Hauptamtlichen und beim leitenden Kreis der Gemeinde. Willkommenskultur statt Kirchenzucht gilt es zu proklamieren. Konkreter gehört dazu auch, zu hohen Erwartungen etwa an den Geräuschpegel entgegen zu wirken. Leiterinnen und Leiter einer Gemeinde müssen dafür einstehen, dass Gottesdienste eine Veranstaltung für alle ohne Eintrittskarte sind! Selbstverständlich sind sie auch dafür verantwortlich, die Ordnung einzuhalten. Von deren Sinn und Status war bereits die Rede. Aber es spricht nichts dagegen, zwischendurch die Toilette aufzusuchen, dem Nachbarn einen Gedanken mitzuteilen oder ein Kind zu stillen. Es darf nicht vergessen werden, dass gerade durch die Öffentlichkeit des Gottesdienstes und seine zentrale Stellung, die ihm doch im Gemeindeleben zukommen sollte, die Gemeinde sich hier durch ihre engsten Glieder, der sog. Kerngemeinde, und ihrer Mitarbeiter präsentiert. Der Eindruck, den ein Gottesdienst hinterlässt, so meine These, wird nicht nur durch Predigt und Gestaltung durch den Pfarrer oder die Pfarrerin geprägt. Auch die Gestaltung des Raumes und nicht zuletzt die Haltung der Gemeinde gegenüber dem Gottesdienst spielen ebenfalls wichtige Rollen. Dieses Setting als Ganzes ist so einzurichten, dass man sich willkommen und nicht als Störer fühlt.5

Gottesdienst ist Raum für Besinnung, aber in erster Linie gemeinsames Gotteslob der Gemeinde unter Leitung einer Pfarrerin (oder einer anderen berufenen Person). Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Überhöhte Erwartungen müssen nicht bedient werden. Das bedeutet nun aber nicht, dass Gottesdienste unprofessionell und nett-verkruscht sein sollen. Nein! Man darf vom theologischen Profi ruhig eine gut vorbereitete Performance verlangen und einklagen. Aber das Setting selbst ist kein Göttliches. Der Geist weht, wo er will, und kommt nicht nur dann, wenn alle besonders ehrfurchtsvoll erschaudern.

Noch eine kleine ekkelsiologische Bemerkung: der einzelnen Gemeinde muss bewusst sein, dass sie als Teil der gesamtem Kirche agiert. D.h. auch, dass schlechte Erfahrungen zumeist auf die Kirche als ganze projiziert werden. Die einzelne Gemeinde ist immer mehr als ihre konkret versammelte Gestalt. Das wird im Gottesdienst ja gerade deutlich. Zwar feiert eine Gemeinde gemeinsam Gottesdienst, aber es geht nicht darum, sich selbst zu feiern. Gottesdienst ist eine öffentliche Veranstaltung der Gemeinde, die diese zugleich im Sinne der Gemeinde aller Gläubigen transzendiert.

3. Kinder im Gottesdienst – Qual oder Freude?

Eine Veranstaltung, die dem gilt, der die Kinder eigens zu sich ruft und der ihre Fähigkeit zu voraussetzungsloser Liebe zum Vorbild des Glaubens macht, kann ja eigentlich nicht anders gedacht werden, als einladend für Kinder. Einfach gesagt, aber schwierig umzusetzen. Denn Gottesdienst mit Kindern bedeutet vor allem für Eltern Stress. Selbstverständlich existiert ein Druck, das Kind „ruhig“ zu halten. Was das bedeutet und wie das geht, wissen vor allem ältere Gottesdienstbesucher ganz genau. Natürlich kann ein gewisser Grad an Anpassung verlangt werden, etwa sollte kreischendes Fangenspielen im Kirchenschiff während der Predigt unterbunden werden. Aber darum geht es nicht. Das dürfte den Meisten klar sein. Es geht vielmehr darum, Kinder nicht nur zu dulden, sondern als Teil der Gemeinde wahrzunehmen. Und als solche gehören sie selbstverständlich zu den Teilnehmern des Gottesdienstes. Neben den vielen Forderungen nach mehr zielgruppenorientierten Angeboten sollte daher an der Zielvorstellung des Sonntagsgottesdienstes als Mitte der Gemeinde zumindest als Idee festgehalten werden6 (Überlegungen zur angemessenen Gestaltung stehen auf einem anderen Blatt).

Meiner Meinung nach entbindet dies aber auf der anderen Seite nicht vom Angebot des Kindergottesdienstes. Schon allein aus pädagogischen Gründen ist es sinnvoll, kindgerechte Formen von Liturgie und Verkündigung zu finden. Aber diese sollen letztlich einen Mehrwert für die Kinder haben und eben nicht die Kinder aus dem Gottesdienst fernhalten, damit etwa Eltern einmal ihre Ruhe haben (was für mich als Mutter natürlich verlockend ist) oder andere Gottesdienstbesucher nicht gestört werden. Lässt sich ein regelmäßiger Kindergottesdienst nicht realisieren, dann ist eine Spielecke eine Möglichkeit, wie es sie in vielen Kirchen gibt. Das ist durchaus sinnvoll, denn für viele Kinder ist es eine Zumutung, so lange zu sitzen. Allerdings kann deren Zweck lediglich sein, Kinder zu beschäftigen und damit ihre Laune zu heben.Wie und wo dies gestaltet wird, muss im Einzelfall beraten werden. Aber der Grundton sollte in jedem Fall ein einladender und nicht ein ausladender sein.

Von dieser einladenden Haltung wird die Kirche als Ganze hoffentlich lange zehren. Denn wie soll sich jemand für die Kirche begeistern, wenn er oder sie in der Kindheit erfahren hat, dort nicht willkommen zu sein? Besteht dieses diffuse Gefühl, nicht willkommen sein, dann helfen der beste Konfirmandenunterricht und andere Eingliederungsmaßnahmen nicht. Verantwortlich dafür ist dabei die konkrete Ortsgemeinde.

Ich plädiere dafür, Kinder nicht nur als Störenfriede oder notwendiges Übel wahrzunehmen, sondern auch von ihnen zu lernen. Von ihrer Unbedarftheit in Glaubenssachen. Vom unverkrampften Verhalten im Gottesdienst. Von der Begeisterungsfähigkeit für viele Dinge. Andersherum sollte man sich dessen gewiss sein, dass wir Erwachsene zugleich Vorbilder für diese Kinder sind. Sie schauen sich von uns ab, wie man sich im Gottesdienst verhält. Wie man mit Mitmenschen umgeht. Und wollen wir wirklich motzende, moralisch überhebliche Erwachsene heranziehen (sofern sie dann überhaupt noch in die Kirche kommen und nicht vertrieben werden)? Der Umgang mit Kindern im Gottesdienst ist viel mehr als ein Empfindlichkeitsproblem. An ihm entscheidet sich – natürlich nicht nur, aber zu entscheidenden Teilen – die Zukunft der Kirche. Für diese Zukunft sind wir Gott sei Dank nicht allein verantwortlich, aber wir als erwachsene Gottesdiensteilnehmer tragen dazu bei, ob die jungen Gläubigen sich wohl oder fremd in der Kirche fühlen. Lasst die Kinder dazukommen! Gottesdienst kann Auszeit vom Alltag bedeuten – aber nicht Auszeit vom Leben. Und Gottesdienst als Feier der Gemeinde muss lebendig sein, soll er nicht zu werkgerechtem Lippenbekenntnis, bildungsbürgerlicher Kulturpflege oder einer rein formalen Angelegenheit verkommen.

Epilog: Wir sind immer noch sauer. Vor allem angesichts der Tatsache, dass die Gemeinde ein solch kinderfeindliches Verhalten an den Tag legte. Der Sohn bekam im Anschluss an das frustrierende Erlebnis ein Eis. Die Eiswaffel teilte er freiwillig mit seiner kleinen Schwester – vorbildlich! Wir werden ihn aber weiterhin in den Gottesdienst mitnehmen, wenn kein Kindergottesdienst stattfindet oder ein besonderes Fest gefeiert wird, an dem wir als Familie teilnehmen wollen. Und wird werden uns weiterhin genervte Blicke und übergriffige Kommentare anhören müssen. Das wird sich leider wohl nicht ändern. Aber es wäre erträglicher, wenn wir wüssten, dass die Gemeinde, ihre Leitung und ihre Mitarbeiter hinter uns stünden, Kinder im Gottesdienst ausdrücklich begrüßten und sie nicht als Störenfriede wahrnehmen würden.

Wir werden trotzdem bei jedem Gottesdienstbesuch gestresst sein und das Kind dazu anhalten, zumindest zu flüstern. Wir werden ihm aber auch weiterhin geduldig seine Fragen beantworten. Seine Fragen nach Formulierungen in Gebeten, Liedern und Bibeltexten. Seine Fragen nach der Kleidung des Pfarrers. Seinen Fragen nach anderen Gottesdienstbesuchern. Und hoffen, dass seine Begeisterung für Jesus und biblische Geschichten anhält und nicht durch solch negative Ereignisse getrübt wird.

 

 


1 Vgl. Luther, Martin: Kirchweihpredigt zur Einweihung der Schloskirche in Torgau (1544), in: Michael Meyer-Blanck, Liturgie und Liturgik. Der evangelische Gottesdienst aus Quellentexten erklärt, Göttingen 22009, S. 32-35.

2 A.a.O., S. 33.

3 Luther, Martin: Deutsche Messe und Ordnung des Gottesdienstes (1526), in: Meyer-Blanck 2009, S. 45-60: 46.

4 Vgl. Pohl-Patalong, Uta: „Eine Stunde etwas Anderes“. Empirische Einsichten und konzeptionelle Überlegungen zum evangelischen Gottesdienst, in: PTh 101 (2012), S. 214-230 und Dies.: Gottesdienst erleben. Empirische Einsichten zum evangelischen Gottesdienst, Stuttgart 2011.

5 Dass ein Willkommenskultur-Defizit besteht, wird in einigen Diskussionen, vor allem in sozialen Netzwerken, deutlich. Die Gründe hierfür werden an unterschiedlicher Stelle gesucht und reichen von fehlerhafter Zielgruppenorientierung bis zu ungenießbarem Filterkaffee und zu kleinen Tassen.

6 Vgl. dazu Pohl-Patalong, Eine Stunde etwas Anderes, S. 230.

Rezension: Kirchenmusik als sozioreligiöse Praxis

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Koll, Julia, Kirchenmusik als sozioreligiöse Praxis. Studien zu Religion, Musik und Gruppe am Beispiel des Posaunenchores (Arbeiten zur Praktischen Theologie, Bd. 63), Leipzig 2016.[1]

Rezensiert für www.nthk.de von Claudia Kühner-Graßmann am 6. November 2017, veröffentlicht am 15. November 2017.

Julia Koll legt mit dieser Studie, der überarbeiteten Version ihrer Habilitationsschrift, einen interessanten Beitrag vor, wie kirchliche Praxis theologisch einzuholen ist. Dabei wendet sie sich einer sozialen Gruppierung zu, die für den Protestantismus prägend und typisch ist: dem Posaunenchor. Die methodische Grundlage ihrer Überlegungen bildet eine Fragebogenuntersuchung aus dem Jahr 2012, die an norddeutschen Posaunenchören durchgeführt wurde.[2] Posaunenchor soll als sozioreligiöse Praxis der Kirchenmusik aber nicht nur theologisch, sondern auch kirchenmusiktheoretisch untersucht werden. So formuliert Koll als Ziel der Untersuchung, einen  „empirisch fundierten Beitrag zur Kirchenmusiktheorie zu leisten, indem der Topos des gruppenförmigen Musizierens theologisch reflektiert wird“ (13). Dabei spielen, wie der Untertitel verrät, die Kategorien Religion, Musik und Gruppe eine Rolle.

Methodisch besteht also eine Zweiteilung: zunächst erfolgt die Auswertung der Umfrage (II. Empirische Erkundung) und dann auf dieser Grundlage die religionstheoretische, kirchenmusiktheoretische und kirchentheoretische Perspektive (III. Theoretische Erkundungen).

Es stellt sich die Frage, wie dieser empirische Ansatz sich zur (Praktischen) Theologie verhält. Koll greift diese Frage auf und hält fest, dass Praktiken auf ihre möglichen religiösen Gehalte oder ihre implizite Theologie hin zu untersuchen seien (vgl. 63). Die quantitativen Daten sollen der Ausgangspunkt der Theoriebildung sein. So wird als Ziel der Untersuchung formuliert, „die Praxis des Posaunenchors und ihre implizite Logik möglichst sachgemäß zu beschreiben – und dies auf eine Weise, die auch Erträge für weiterreichende praktisch-theologische Diskurse“ zutage fördert (67). Theologisch sei dies auf eine dreifache Weise: Erstens sei der Gegenstand ein Beispiel kirchenmusikalischer Praxis. Zweitens sei das Erkenntnisinteresse, den zugrundeliegenden christlichen Glauben zu reformulieren. Und drittens sei der Forschungsprozess von einem theologischen Wirklichkeitsinteresse geprägt (vgl. 68f.). Dabei verweist Koll auf eine These von Dirk Evers, der die „dezidiert empiriebezogene Wirklichkeitswahrnehmung“ als „theologia viatorum“ (69) versteht. Bei aller Ausführlichkeit, mit der Koll ihre Methodik offenlegt, erscheint diese theologische Einordnung vage und lässt für die systematisch-theologisch interessierte Leserin viele Fragen offen. Praktisch-theologisch wiederum verortet Koll ihre Studie zwischen wahrnehmungs- und handlungswissenschaftlichem Verständnis (69).

In Verbindung mit der theoretischen Reflexion kommt Koll zu interessanten Beobachtungen, die einige in der Theologie weit verbreitete Grundsätze ins Wanken bringen können: zum einen bricht sie mit ihrer Untersuchung einen verbreiteten, individualistisch eng geführten Religionsbegriff auf und plädiert für einen Religionsbegriff, der der sozialen Komponente – die beim Posaunenchor eben auch immer eine Rolle spielt, ja gar konstitutiv ist – Rechnung trägt. Sodann zeigt sie, dass es sinnvoll sein kann, eine religiöse Motivation für das Musizieren musiktheoretisch zu erforschen. Dabei solle die Kirchenmusiktheorie nicht nur den Gesang, sondern auch die instrumentelle Kirchenmusik beachten. Schließlich sei weiterhin die Bedeutung des Posaunenchors als solch musikalisch-sozioreligiöser Praxis zu untersuchen.

Neben der Erweiterung des Religionsbegriffs um jene soziale Ebene kann die hervorgehobene Bedeutung von Praktiken als zweite starke Grundthese dieses Buches gelten. Darunter werden verstetigte und eingeübte Formen des Handelns verstanden (vgl. 354f.). Leider verbleibt die Thesenbildung dieses materialreichen Buches nur in Ansätzen und die Programmatik erschöpft sich in Ausblicken, was vermutlich der empirischen Ausrichtung des Buches geschuldet ist. Nichtsdestotrotz bietet dieses Werk auf vielen Ebenen einen interessanten Beitrag zu Methode und Gegenstand praktisch-theologischer Arbeit. Gerade die Verbindung verschiedener Methoden und Aspekte zeigt, wie ertragreich dieser Blick auf (soziale) Praktiken im Rahmen kirchlicher Praxis sein kann. Aber auch Freundinnen und Freunde des Posaunenchors kommen auf ihre Kosten: die Auswertung der Untersuchung bietet ihnen interessante Einblicke.

 

Claudia Kühner-Graßmann ist auf www.nthk.de zuständig für „Religion und Gesellschaft“.

 

[1] Vgl. ergänzend zu dieser die Rezension von Tobias Braune-Krickau in: Zeitzeichen 11 (2016).

[2] Verf.in dieser Rezension nahm als damaliges Mitglied des Posaunenchor St. Johannis in Göttingen auch an dieser Umfrage teil und füllte einen Fragebogen aus. Obgleich sich erschließt, warum Koll sich auf die norddeutsche Posaunenarbeit konzentriert, ist zu fragen, ob sich die Untersuchung etwa auf Württemberg oder andere Regionen, in denen die Posaunenarbeit immer noch großen Zulauf findet, übertragen lässt. Gerade Württemberg mit seiner pietistischen Prägung stellte sicherlich einen (weiteren) interessanten Forschungsgegenstand dar, zumal die religiöse Pointe, das Musizieren „zu Gottes Ehr`“, dort häufiger zu finden ist.

 

Fußnoten zu Leitlein

Quelle Foto: http://www.ekhn.de

Eine Replik von Tobias Graßmann (@luthvind)

Hannes Leitlein hat zusammen mit Fabian Klask einen Blick auf die Veranstaltungen des Reformationssommers 2017 geworfen und ausgehen davon 9 beziehungsweise 9,5 Thesen formuliert. Auf Twitter habe ich angemerkt, dass ich diesen Thesen grundsätzlich zustimme, aber den Beschreibungen im Detail widersprechen sowie vermutlich andere Konsequenzen ziehen würde. Aus dem Urlaub in Südtirol antworte ich daher mit ein paar hastig hingeworfenen Zeilen.

Was Leitlein betrifft, so schreibt dieser mittlerweile sehr regelmäßig für Christ&Welt sowie Die Zeit. Wer etwa seinem Twitter-Account folgt (#ff @hannesleitlein), der erkennt, dass er sich als engagierter Vertreter einem urbanen, linken Moralprotestantismus zuordnen lässt. Neben dieser klaren Positionierung bemerke ich bei ihm allerdings ein journalistisches Ethos, das sich um jene Unparteilichkeit bemüht, die man Objektivität nennen könnte. Es ist diese Spannung zwischen Idealen und journalistischer Sorgfaltspflicht, die Leitlein zu einer interessanten Figur macht. Ob wir es hier mit der künftigen Evelyn Finger zu tun haben oder er doch irgendwann ein Start-Up für Lastenfahrräder gründet, vermag ich nicht zu prognostizieren – ich tauge auch wenig als Prophet. Aber jedenfalls ist er ein protestantischer Akteur, bei dem es sich lohnt, ihn auf dem Schirm zu behalten.

Nun zu den Thesen, die Leitlein zusammen mit Klask formuliert hat: Was die Leitsätze selbst (die ja eigentlich keine Thesen. sondern Imperative sind) betrifft, so sollten diese uneingeschränkt zustimmungsfähig sein. Grundsätzlich, so meine ich, haben die Autoren die Lage recht präzise erfasst und der Protestantismus sollte sich ihre Anregungen zu Herzen nehmen. Aber bei unter den konkreten Ausführungen zu den Imperativen scheint mir doch manches fragwürdig, anderes reizt mich zu Widerspruch.

So etwa die Aussage, dass die evangelische Kirche wenig zu lachen habe und vor allem nie über sich selbst lache (These 1). Sicher, man kann über den komödiantischen Wert des Kirchenkabaretts streiten, wie es etwa vom weißblauen Beffchen seit Urzeiten verkörpert wird. Auch über den der zahlreichen, mehr oder minder stark sächselnden Lutherparodien, die ich in den letzten Jahren erleben durfte und bei denen ja auch immer sehr gegenwärtige Pfarrherlichkeit verhandelt wird. Ob alles zum Lachen ist, was in der evangelischen Kirche witzig gemeint ist? Nun ja, eher nicht. Aber wer die Bereitschaft, über sich selbst zu lachen, grundlegend in Frage stellt, ist entweder der Konfessionspropaganda des rheinischen Katholizismus aufgesessen oder treibt sich in den falschen Diakonissenkonventen rum. Was nicht bedeuten soll, dass in Sachen Humor und Selbstironie keine Luft nach oben wäre!

Die Kirche sollte, so die Autoren, angesichts der Kritik von Seiten der „spießigen Sprachpolizisten“ (These 3) vom Verein Deutsche Sprache höchstens belustigt mit den Achseln zucken. Dem ist zuzustimmen. Keine Scheu vor Anglizismen, wo sie griffig sind und Wiedererkennungswert haben! Gleichzeitig ist ein Anglizismus allein natürlich noch kein Garant dafür, dass etwas frisch, modern und weltläufig klingt. Aber das dürfte mittlerweile allen außer ein paar in die Jahre gekommenen Jugendpfarrern bewusst sein. Ich sehe allerdings die Gefahr eher von einer anderen Seite und rechne dabei mit wenig Zustimmung bei Leitlein, der ja erklärter Fan der Bibel in gerechter Sprache ist. Denn der „Klartext“, den die Autoren fordern, ist nicht nur bedroht durch spießigen Sprachpurismus oder den „Jargon der Betroffenheit“ (E. Flügge). Aktuell ist es auch das Bemühen um inklusive und geschlechtsneutrale Sprache, das verlässlich eine bürokratisch-abstrakte Diktion hervorbringt und aus einer Rede schnell eine unfreiwillig komische Kaskade mitgelesener Sonderzeichen und gestelzter Partizipialkonstruktionen macht. In diesen Zusammenhang gehört auch das Liederheft des letzten Kirchentages, dessen Eingriffe in den Text traditioneller Lieder vielen unmotiviert schienen oder schlicht zu weit gingen. Dabei sind – das sei hier noch einmal betont – die Anliegen der „gerechten“ Sprache ja berechtigt: Eine Sprache, die etwa Frauen lediglich „mitmeint“, entspricht nicht unseren gesellschaftlichen Verhältnissen. Aber es geht eben auch um Verständlichkeit, Schönheit und nicht zuletzt Verhältnismäßigkeit – nicht um möglichst umfassende Sprachregelungen, an die man sich hoffentlich irgendwann schon gewöhnen wird. Oft kann die Predigerin mit einfachen Mitteln eingeschliffene Hörgewohnheiten irritieren, Geschlechterstereotype oder andere Vorurteile unterlaufen, ohne dass die Eleganz der Sprache leidet. Hier die richtige Balance zu finden, ist eine Kunst. Sprachbereinigung ist dagegen auch da ein Ärgernis, wo sie nicht reaktionär, sondern progressiv daherkommt!

Was den Personenkult (These 5) betrifft, so scheint mir die Beobachtung prinzipiell richtig, aber auch eine Engführung zu sein: Es muss nicht immer Personenkult sein, sondern es geht allgemein um Konkretheit und Greifbarkeit in der Erinnerungs- und Feierkultur. Man muss also nicht immer Dr. Lutherus in den Mittelpunkt stellen, aber in Wittenberg liegt ein Fokus auf Luther, sein Leben und die Ursprünge der Reformation eben nahe. An anderen Erinnerungsorten lassen sich jeweils andere Gestalten, Ereignisse und Themen aufgreifen, in Szene setzen und mit Leben füllen. Aber immer gilt: Für breite Menschengruppen jenseits des Fachpublikums wird Geschichte greifbar, wenn man sie an symbolkräftigen Orten und mit konkreten Identifikationsangeboten zum Thema macht. Diesen Effekt sollte man nicht überdehnen, indem man zu viel oder Gegenläufiges erreichen will.

Das Bekenntnis zum Osten (These 4) und zur Provinz (These 6), das die Autoren von der Kirche einfordern, trifft auf meine volle Zustimmung. Gerne wüsste ich nun, wie die Autoren vor diesem Hintergrund die – wie mir scheint, immer stärkere – Tendenz der jüngeren Pfarrerschaft bewerten, ihre Präferenzen für einen urbanen Lebensstil über den Dienstgedanken und faktisch das Wohl der Gemeinden abseits der Metropolregionen zu stellen. So kommt es dazu, dass die Provinz und die gerade östlichen Landeskirchen mit ihren vergleichsweise unattraktiven Arbeitsbedingungen voll unter dem Pfarrermangel zu leiden haben, während sich auf den freizeitfreundlichen Funktionsstellen und in den Innenstadtgemeinden die Leute drängeln. Das Gesetz von Angebot und Nachfrage bedeutet: Je weniger Pfarrerinnen und Pfarrer es gibt, desto stärker kann die Pfarrerlobby ihre Interessen durchsetzen. Gegensteuern ließe sich nur durch eine Kombination aus Solidaritätsprinzip, sanftem Druck und echten Anreizen. Denn nein – es wird wohl kaum reichen, einfach eine Ideologie des Ehrenamts an die Stelle der Personalplanung zu setzen. Die Gemeinden werden es kaum als neuartige Chance für das Priestertum aller Getauften sehen, wenn Frau Müller aus dem Singkreis auch die Geschäftsführung und alle zwei Wochen einen Gottesdienst macht.

Die Thesen 7 und 8 sind meines Erachtens voll und ganz zu unterstützen.

Am stärksten dürften die Autoren und ich voneinander abweichen bezüglich der Konsequenzen, die aus der 9. und letzten These zu ziehen sind. Ich würde den Appell „Seid nicht so nett!“ zunächst als Aufforderung interpretieren, etwas mehr theologisches Profil zu wagen und sich nicht immer den Erwartungen vorzugreifen, welche man in Teilen der Gesellschaft zu spüren meint. Auch würde ich daraus die Lehre ableiten, innerkirchlich mehr Diskurs und offenen Streit zuzulassen. Wie oft wird unter dem Mantel einer alle Differenzen deckenden Nettigkeit jede Diskussion im Keim erstickt, um dann hinter dem Rücken der anderen zu lästern, zu intrigieren oder ihre Vorhaben zu blockieren? Das ist kein Verhalten, das einer christlichen Kirche gut ansteht – aber leider weit verbreitet, wie mir scheint!

Klask und Leitlein dagegen geht es weniger um den innerkirchlichen Umgang miteinander als um eine Kirche, die sich in Politik und Wirtschaft einmischt. Dagegen ist nun auch nichts einzuwenden, im Gegenteil! Doch dass sie gerade das berüchtigte Afghanistan-Diktum der früheren Bischöfin und Ratsvorsitzenden Käßmann als positives Beispiel anführen, verwundert dann schon.

Käßmann-Bashing liegt mir fern. Aber der Satz, der da als „präzise kritisch“ gelobt wird, steht doch eher für die Unkultur einer Kirche, die moralisch unangreifbar sein will und deshalb die Untiefen der Politik scheut. Keiner hat von der EKD verlangt, eine Entscheidung über mögliche Bündnisverpflichtungen Deutschlands zu treffen. Man kann von Käßmann auch nicht erwarten, sich ein detailliertes Bild von der Lage am Hindukusch zu machen und eine Antwort darauf zu finden, wie mit der instabilen Sicherheitslage, den Verbündeten und ihren Interessen sowie dem Leiden der Zivilbevölkerung umzugehen ist. Wenn aber seither der Bundestag den betreffenden Einsatz über die Grenzen mehrerer Fraktionen hinweg regelmäßig verlängert hat, weist das wohl darauf hin, dass es ganz so einfach eben nicht ist. Käßmanns Leistung besteht darin, ihr moralisches Gefühl, das sich als solches um Grautöne naturgemäß nicht zu scheren braucht, in eine bildzeitungsgerechte Kurzformel gebracht zu haben. Mit fragwürdigen Erfolg. Denn es wurde keine Wende zum Guten in der Afghanistanpolitik herbeigeführt, sondern lediglich der überwunden geglaubten Gegensatz von Gesinnungs-und Verantwortungsethik wiederbelebt. Schönen Dank auch!

Hier kann nun nicht im Detail aufgezeigt werden, wie politisches Handeln der Kirche aussehen kann und soll, das sich nicht auf moralische Weisungen der Kirchenprominenz beschränkt, sondern eine lebendige politische Kultur innerhalb der Kirche zur Basids hat. Es wäre sicher lohnenswert, dem einen oder mehrere Artikel zu widmen und dabei auch die neuesten Impulse der EKD-Kammer für Öffentliche Verantwortung zu diskutieren. So Gott will findet sich jemand, der sich für nthk.de dieser Aufgabe annimmt.

Doch vielleicht hilft hier vorerst ein positives Beispiel, das ich dem Käßmann-Diktum entgegenstellen möchte. Als ein solches steht mir aktuell das Handeln der Kirchen angesichts der sog. Flüchtlingskrise vor Augen. Jenseits der Stellungnahmen von Seiten der Kirchenleitung – diese dürften manches befördert haben – sehe ich dabei die große Leistung bei den Gemeinden. Dort hatten notwendige gesellschaftliche Debatten einen Raum, die hier auch über die Grenzen der politischen Lager hinweg geführt wurden. So wurden bei vielen Menschen Vorurteile und Ängste sichtbar gemacht, bearbeitet und abgebaut. Schließlich hat man vielerorts ganz praktisch die Verantwortung übernommen für Flüchtlinge und deren Integration hier in Deutschland. Menschen haben sich für das Gemeinwohl eingebracht und sind dabei überzeugend für ihren Glauben eingestanden. Dabei wurde, wie die Reaktionen einiger meist konservativer Politiker zeigen, durchaus auch mit den Erwartungen von Seiten des Staates und der Politik gebrochen. Insofern ist den Autoren zuzustimmen: Nur Nettigkeit führt nicht weiter!

Grundsätzlich sollten sich die evangelischen Kirchen in politischen Fragen zunächst darauf besinnen, was ihnen von ihrem Auftrag und von ihrer Botschaft her aufgetragen ist. Dazu braucht es einen lebendigen Diskurs, der auch kontroverse Positionen zulässt. Nur auf dieser Grundlage lässt sich dann eine breite Mehrheit der Mitglieder für ein bestimmtes Vorgehen gewinnen und mobilisieren. Die Verständigung über das, was hier und heute geboten ist, dauert vielleicht einmal etwas länger als wünschenswert. Es könnte sein, dass sich in manchen Fragen keine eindeutige kirchliche Position gewinnen lässt. Aber wäre das so schlimm? Vielleicht ist gerade das ein wichtiger Beitrag zur politischen Kultur unserer Gesellschaft. Die Fähigkeit, Spannungen und Meinungsverschiedenheiten auszuhalten, scheint mir durchaus ausbaufähig.

Ach, und was den Segensroboter und die Aufforderung „Traut euch!“ (These 2) betrifft: Mit Blick auf die kommende Bundestagswahl melde ich Interesse an bezüglich eines Roboters, der Klagepsalmen rezitiert…

Allein mit der Schrift.

Zur innerprotestantischen Ökumene

von Tobias Graßmann

 

Die Formulierung „innerprotestantische Ökumene“ hat den Beiklang des Paradoxen. Die meisten Christen dürften bei „Ökumene“ erst einmal an die Verständigung zwischen Protestanten und Katholiken, möglicherweise noch mit den Ostkirchen denken. Und selbst, wenn man die innerprotestantischen Differenzen zwischen Lutheranern und Reformierten im Blick hat, scheint es sich dabei um eine bloß historische Kategorie zu handeln. Schließlich haben die Entwicklungen, an deren Anfang die Barmer Theologische Erklärung steht und deren Höhepunkt die Leuenberger Konkordie von 1973 markiert, diesbezüglich zu einer Entschärfung der einst so drastisch empfundenen Lehrgegensätze geführt, zur Kirchengemeinschaft, zur gemeinsamen Feier des Abendmahls und vielerorts zu einer weitgehenden Vermischung der beiden evangelischen Konfessionen. Wo dieses Verhältnis überhaupt noch als Gegenüber erlebt wird, wird es selten als problematisch, sondern vielmehr als Bereicherung empfunden.

Aber wie sieht es aus mit der theologischen Verständigung und praktischen Kooperation zwischen dem landeskirchlichen Protestantismus und den vielfältigen Gestalten evangelikalen Christentums? Oft wird dieses Feld, das hier als innerprotestantische Ökumene in den Blick genommen werden soll, noch nicht einmal als Aufgabe und Herausforderung empfunden. Dieser Beitrag soll aus der Perspektive des landeskirchlichen Luthertums die Wichtigkeit dieser Aufgabe herausstreichen, die zentralen Herausforderungen nennen und mögliche Wege in den Dialog skizzieren.

Wer sind „die“ Evangelikalen?

Es ist umstritten, wer eigentlich korrekt als „evangelikal“ zu bezeichnen ist und wer für diese Gruppe sprechen kann. In letzter Zeit war diese Frage etwa auf Twitter immer wieder Gegenstand der Diskussion. Dabei weisen einige Personen, die sich selbst den Evangelikalen zurechnen würden, auf die Heterogenität dieser Gruppe hin und verwahren sich gegen die pauschale Zuschreibung bestimmter Eigenschaften. Diese Einwände sind im Kern sicher berechtigt. Trotzdem lässt sich eine einigermaßen präzise Beschreibung evangelikalen Christentums entwickeln – im Bewusstsein, dass diese Beschreibung eine weder erschöpfende, noch umfassende Definition bietet.

Zusätzlich ist auf der Ebene der Akteure zu beachten, dass es zwar verschiedene Organisationen und Institutionen mit der Selbstbeschreibung „evangelikal“ gibt, aber diese jeweils nur einen Ausschnitt des Spektrums vertreten. Die evangelikale Szene ist – schon der Begriff Szene drückt das ja aus! – aus Sicht der protestantischen und katholischen Großkirchen unübersichtlich und fluide.1

Hier soll unter „evangelikal“ eine bestimmte Frömmigkeitskultur begriffen werden, deren Grenzen naturgemäß nicht klar zu bestimmen sind. Sie lässt sich aber durch typische Merkmale charakterisieren, die nicht immer verwirklicht sein müssen, aber auf viele evangelikale Christen zutreffen.

Evangelikale, wie ich sie hier verstehe, pflegen tendenziell ein auf Einheitlichkeit und buchstäbliche Geltung der Schrift bedachtes Bibelverständnis. Ihre Frömmigkeit ist christus- bzw. jesuszentriert, wobei weder die christologischen Unterscheidungen noch die Trinitätslehre als theologisches Fundament der Christologie eine entscheidende Rolle spielt.2 Evangelikale verstehen sich als „entschiedene“, „bekehrte“, intensive und bewusste Christen, was häufig (aber nicht immer!) eine Präferenz für die freikirchliche Organisation von Gemeinden und die Mündigentaufe als bewusste Entscheidung für Christus bedeutet. Auch dort, wo sie in der Landeskirche beheimatet bleiben, hegen Evangelikale gewisse Skepsis gegenüber volkskirchlichen Strukturen und Institutionen. Ein starker Missionsdrang, der in einem exklusivistischem Heilsverständnis wurzelt (d.h. wer sich nicht zu Christus bekennt, ist vom Heil ausgeschlossen), ist ebenso charakteristisch wie eine rigide Individualethik, wobei oft eine Nähe zu politisch konservativen bis teilweise auch rechten Positionen (z.B. bezüglich Abtreibung, Eheverständnis, Homosexualität, Klimaschutz, Geschlechterrollen) zu konstatieren ist. Freilich ist hier vieles in Bewegung, ökologische Themen oder Gerechtigkeitsfragen scheinen aktuell wichtiger zu werden. Nicht selten begegnet die Erwartung eines Tun-Ergehens-Zusammenhangs: Erfüllung der göttlichen Gebote führt zu persönlichem Glück sowie Erfolg in Beruf und Familie. Die Gottesdienste orientieren sich am Vorbild amerikanischer Erweckungsprediger. Sie sind gekennzeichnet durch einen Vorrang von Lobpreis und freiem Gebeten, während Zweifel an und Klage gegenüber Gott kaum eine Rolle spielen.

Wenn man diese holzschnittartige (!) Charakterisierung der evangelikalen Frömmigkeit mit der Selbstbeschreibung der meisten landeskirchlichen Christinnen und Christen vergleicht, so ist das Konfliktpotential leicht ersichtlich. Moralischer Rigorismus trifft auf Individualismus in ethischen Fragen, das Bemühen um Eindeutigkeit auf das Ziel der Pluralismusfähigkeit, starker Missionsdrang und ein klares Bekenntnis zu Christus auf eine weitgehend privatisierte Religion.

Kurz und prägnant gefasst: Ein Christentum, das sich viel auf seine Modernität einbildet – und dafür so manchen Selbstwiderspruch sowie eine merkwürdig selektive Erinnerungskultur in Kauf nimmt –, trifft auf eines, das stolz darauf ist, sich dem modernen Zeitgeist zu verweigern und allein Jesus zu folgen – natürlich mit PowerPoint-Präsentation und Keyboard im Gottesdienst!

Diese Spannungen brechen freilich auch innerhalb der evangelischen Landeskirchen, teilweise auch der katholischen Kirche, auf. Die evangelikale Szene ragt in die großen Kirchen herein und vereinigt sich dort mit pietistischen Strömungen, die ihrerseits oftmals aus den Kerngemeinden an die Ränder der Landeskirchen wandern. In Hauskreisen, in der Sakropop-Szene und im Umkreis bestimmter Pfarrpersönlichkeiten kommt es so zur Vermischung von Personenkreisen, welche die Grenzen von freikirchlich und landeskirchlich nahezu unsichtbar macht.

Wollen wir das überhaupt?

An dieser Stelle höre ich nun förmlich die Vorbehalte vieler Gemeindeglieder, Pfarrerinnen und Pfarrer: Dialog und Kooperation mit den Evangelikalen – wollen wir das überhaupt? Handelt es sich dabei nicht um Fundamentalisten, um unsere christliche Variante des IS-Fanatikers? Sekten, innerhalb wie außerhalb der Kirche, vor denen unsere Sektenbeauftragten und Mütter uns immer gewarnt haben? Muss es da nicht heißen: Warnen und aufklären, aber bloß kein Dialog mit denen, kein Podium bieten?

Diese Vorbehalte und Berührungsängste sind da. Zum Teil erwachsen sie aus unangenehmen Begegnungen (von denen ich auch einige schildern könnte), zum Teil aus historisch gewachsenen Vorurteilen. Denn das Luthertum als Konfession ist in einer speziellen Konfliktkonstellation entstanden: Die Bekenntnisschriften sind Dokumente einer theologischen Klärung, im Zuge derer sich das Luthertum begreift als die Mitte zwischen der römischen Papstkirche zur Rechten, den radikalreformatorischen „Schwärmern und Rottengeistern“ zur Linken. Es liegt nahe, dass gerade mit Blick auf die Frei-Evangelischen unter den Evangelikalen die Polemik der Reformatoren gegen die „Rottengeister und Schwärmer“ nachwirkt. Und die Evangelikalen innerhalb der Kirche werden dann schnell als fünfte Kolonne dieser Schwarmgeister betrachtet, als reißende Wölfe im Schafspelz.

Aber diese doppelte Frontstellung der Reformationszeit ist heute überholt, will man sie als rein polemisches Verhältnis verstehen. Dagegen kann sie Orientierung bieten, wenn sie sich in ein doppeltes Verhältnis konstruktiver Kritik überführen lässt. Denn jede dieser Abgrenzungen zur einen Seite impliziert eine Gemeinsamkeit mit der anderen. Dafür sollte das Bewusstsein geschärft werden.

Freilich hat die ökumenische Bewegung der Vergangenheit vor allem dazu geführt, die Gemeinsamkeiten mit der römisch-katholischen Kirche und das geteilte mittelalterliche Erbe neu zu entdecken. Das ist sehr zu begrüßen, aber treibt mitunter merkwürdige Blüten. Mir klingt noch ein Gespräch im Ohr, das einmal am Rande einer Pfarrkonferenz geführt wurde. Dort äußerte ein ökumenisch gesinnter Kollege seine Hoffnung: Mit zunehmender Annäherung der großen Kirchen könne einmal gemeinsam „aufgeräumt“ werden mit den „fundamentalistischen“ Freikirchen. Diesem Ziel einer ökumenischen Waffenbruderschaft, das ein unseliges Vorbild in den Bauernkriegen hat und vermutlich auch bei einigen Katholiken auf Zustimmung stoßen würde, sollte sich das Luthertum auf keinen Fall verschreiben.

Statt dessen sollte sich das Luthertum als Vermittlerin begreifen, die zwischen den Weltkirchen der römisch-katholischen und anglikanischen Kirchen auf der einen, den protestantischen Freikirchen reformierter, baptistischer und charismatischer Prägung auf der anderen Seite steht. Befähigt ist es dazu, weil sich das doppelte polemische Verhältnis in ein doppelt konstruktives überführen lässt. Dann wären Gesprächskanäle in beide Richtungen zu öffnen und zu pflegen.3 Für diesen Dienst an der Einheit der Kirche Jesu Christi könnte das Luthertum aus seiner Geschichte heraus und von seiner Organisationsstruktur her besonders befähigt sein. Ist dies der Fall, dann muss es im Interesse des Luthertums sein, die innerprotestantische Ökumene voranzutreiben.

Worüber müssen wir reden?

Soll die Verständigung zwischen landeskirchlichem Protestantismus und evangelikalen Christen ein Erfolg werden, so muss man erst einmal versuchen, aus der Fülle der Differenzen zentrale Streitpunkte einzukreisen. Diese dürften sich alle um eine gemeinsame Mitte gruppieren lassen: das Verständnis der Bibel als Heiliger Schrift, ihre angemessene Auslegung und ihre Bedeutung für das christliche Leben.

In der Begegnung mit evangelikalen Christen erleben Theologen des evangelischen Mainstreams häufig einen Umgang mit der Bibel, der als „fundamentalistisch“ oder „biblizistisch“ bezeichnet werden kann. Sie sehen sich mit einer Fülle an Zitaten konfrontiert, die das laue Volkskirchentum ins Unrecht setzen und die evangelikale Frömmigkeit als überlegene Form des Christentums erweisen sollen. Man kann daher sagen: Einerseits ist die Bibel die geteilte Grundlage, auf der strittige theologische Fragen diskutiert werden könnten. Als eine solche Entscheidungsinstanz wird sie insbesondere von den evangelikalen Seite ins Spiel gebracht. Allerdings wird in der Regel schnell deutlich, dass die Schrift diese Funktion nur einnehmen könnte, falls man sich auf gemeinsame Kriterien ihrer Auslegung einigt. Aber welche Kriterien kommen dafür in Frage?

Es wäre nun so übergriffig wie sinnlos, als Bedingung für den Dialog evangelikale Gesprächspartner erst einmal auf die „modernen“ Methoden der historisch-kritischen Bibelwissenschaften verpflichten zu wollen. Dieses normative Verständnis bedeutet nicht zuletzt ein tiefgreifendes Missverständnis der historisch-kritischen Methode.4 Als Bündel von philologischen und historischen Interpretationstechniken sowie impliziten theologischen Vorannahmen ist sie gerade kein Glaubensgegenstand, dem man sich verschreiben und zu dem man sich bekennen müsste. Es handelt sich um wissenschaftliche Hypothesen und Instrumente, die sich im akademischen Kontext für die Interpretation und Auslegung der biblischen Texte in besonderem Maße bewährt haben. Als solche müssen (und ich meine auch: können!) sie ihre Plausibilität im ökumenischen Dialog allererst unter Beweis stellen.

Falsch verstanden ist die historisch-kritische Methode auch, wenn sie lediglich dazu benutzt wird, die Geltung bestimmter Schriftstellen oder die Bedeutung der Schrift als ganzer zu relativieren. Dazu ist nur theologische Sachkritik imstande. Stattdessen wäre herauszustellen, dass die historisch-kritische Erforschung nach Verständnis einer liberalen Theologin erst dazu befähigt, das Gotteswort der Bibel in seiner Unterschiedenheit von unseren eigenen Vorurteilen und Prägungen ernst zu nehmen.

Etwas absurd erscheint eine solche Forderung nach „konsequenter Historisierung“ der Schrift zudem, wenn man ehrlicherweise zugibt, dass viele evangelische Theologinnen und Theologen in ihrem beruflichen Alltag keineswegs immer die entsprechenden historisch-kritischen Methoden anwenden. Vielmehr herrscht wohl ein Umgang mit der Schrift vor, der sich von evangelikaler Bibelauslegung kaum unterscheidet. So werden Bibeltexte relativ unbefangen von den eigenen Vorannahmen her gedeutet und ihr jeweiliger Sinn eher „erfühlt“ als mit wissenschaftlich kontrollierter Methodik erhoben. Das ist nicht schlimm, aber man sollte es offen zugeben.

Wenn man trotzdem zu ganz anderen Ergebnissen kommt, hängt das an der (oft theologisch wenig durchdachten!) Unterscheidung zwischen einem überschaubaren Bestand an Bibelstellen, die jeweils als besonders relevant erachtet werden („Kanon im Kanon“), und dem weniger verbindlichen Rest an Texten. Eine solche Unterscheidung treffen faktisch die evangelikalen Gesprächspartner, aber unter anderen Voraussetzungen.

Ja, ich würde noch weiter gehen: Man kann teilweise den Verdacht haben, dass wir den Vorwurf des Fundamentalismus oder Biblizismus vor allem deshalb so schnell zur Hand haben, weil wir die ehrliche Auseinandersetzung auf der Basis der Schrift fürchten. Es ist kein Geheimnis: Um die Bibelkenntnisse vieler evangelischer Theologinnen und Theologen ist es nicht gut bestellt. Wie steht es mit den klaren theologischen Kriterien und transparenten Regeln, welchen Bibelstellen welches Gewicht zukommt und wie sie auf heutige Problemlagen anzuwenden sind? Wenn wir uns einer Diskussion mit bibelfesten Evangelikalen nicht gewachsen fühlen, sollte nun aber eher Grund sein, die eigenen Kenntnisse zu erweitern und die biblischen Fundamente der eigenen Theologie zu klären, als Schriftargumente pauschal zu diskreditieren.

Weiterführend wäre gerade eine Besinnung auf das reformatorische Prinzip sola scriptura. Diese Exklusivpartikel ist, wie ich meine, als eine Diskursregel zu verstehen. Sie sichert auch allen Nicht-Theologen die Beteiligung am theologischen Diskurs und die Überprüfung theologischer Entscheidungen, weil diese sich als Auslegung der Schrift begründen und bewähren müssen. Damit verbürgt sie Evangelikalen wie landeskirchlichen Christen das Recht und die Pflicht, von der anderen Gruppe die gemeinsame Überprüfung theologischer Streitthemen am Zeugnis der Bibel einzufordern. Die Geltung der Schrift als Regel und Richtschnur allein ist Voraussetzung für die Diskussion – wobei es zunächst offen bleiben kann, worin genau diese Geltung besteht und wie sie sich auswirkt!

Der Streit um die Wahrheit der Schrift ist der angemessene Weg, theologische Aussagen zu entwickeln und zu prüfen – darin müssten sich reformatorisches und evangelikales Selbstverständnis eigentlich treffen. So scheint mir sinnvoll, mit dem gemeinsamen Lesen der Bibel zu beginnen. Welche Texte sind uns besonders wertvoll und warum? Was für einen Einfluss haben sie für unser Selbstverständnis, unser Gottesbild und unsere Lebensführung? Woran stoßen wir uns in der Bibel und wie gehen wir damit um?

Was erwartet uns?

Was wird uns passieren, wenn wir uns neu auf dieses Feld ökumenischer Begegnungen einlassen?

Wir werden Menschen treffen, die unsere Gemeinden als Missionsgebiete betrachten. Menschen, die uns und unsere Lebenswirklichkeit als Feindbild und dunkle Gegenfolie brauchen, um innerhalb ihrer Gemeinden den Psychodruck und eine repressive Moral aufrecht zu erhalten. Auch solche, deren zunächst überschwängliche Freundlichkeit plötzlich einfriert oder ins glatte Gegenteil kippt, sobald wir mit unseren Positionen zu Frauen, Homosexuellen, Juden und Muslimen herausrücken. Wir werden unseren Anspruch, Kirche Jesu Christi zu sein, verteidigen müssen.

Aber das ist nur die eine Seite. Wir werden sicher auch Menschen treffen, die uns unmittelbar nahe sind. Die aus einer tiefen, überzeugenden Gottesbeziehung leben. Deren Bekenntnis zu Jesus Christus uns ansteckt und herausfordert. Die uns sanft zwingen, unsere fragmentarischen Bibelkenntnisse aufzufrischen. Die im Gegenzug vielleicht sogar dankbar sind, wenn wir im Umgang mit der Bibel neue, befreiende Perspektiven eröffnen können.

Und das wird unsere Theologie beeinflussen. Denn wir müssen sie plötzlich Menschen erklären, die einige unserer Selbstverständlichkeiten in Frage stellen – aber die uns trotzdem nicht erlauben, theologischen Fragen auszuweichen, uns auf die Ebene der allgemein menschlichen Richtigkeiten und Gefühligkeiten zurückzuziehen. Vielleicht färbt ein wenig von dem evangelikalen Glaubenseifer ab, der sich des Evangeliums auch in einer weitgehend säkularen Öffentlichkeit nicht schämt.

Das wird spannend und bereichernd! Bestimmt!

 

 

1 In gewisser Weise entspricht das der Situation im interreligiösen Dialog mit den Muslimen. Es dürfte zu den ersten Herausforderungen innerprotestantischer Ökumene gehören, die repräsentativen Strukturen zu stärken oder überhaupt zu schaffen, welche dann für den Dialog benötigt werden. Dies dürfte am Besten gelingen, indem vor Ort Formen der ökumenischen Begegnung geschaffen werden, die dann schrittweise erweitert und überregional vernetzt werden. Auch kann man auf bestehende Foren wie die Evangelische Allianz aufbauen.

 

2 Ob es nicht auch charismatische Formen gibt, bei denen der Heilige Geist im Vordergrund steht, kann hier außer Acht bleiben.

 

3 Ausgeblendet kann hier die Verhältnisbestimmung zu den Ostkirchen bleiben. Vermutlich kommt in diesem Zusammenhang der römisch-katholischen Kirchen eine analoge Vermittlerfunktion zu, wobei die historisch gewachsenen lutherisch-orthodoxen Beziehungen im Baltikum und in Rumänien ebenfalls fruchtbar sein können.

 

4 Zur Sackgasse einer „normativen Moderne“ vgl. auch diesen älteren Text von mir.

Zur Störung im Betriebsablauf

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Anmerkungen zu „Vom Wandern und Wundern“ (hg. von Maria Herrmann und Sandra Bils)

von Niklas Schleicher (@megadakka)

Was für eine Zeit! Was für, was für eine Zeit!
Was für, was für eine Zeit, um am Leben zu sein!
(Zugezogen Maskulin)

Ich muss gestehen, dass es durchaus oft vorkommt, dass ich Menschen und ihre Ideen grundsätzlich falsch einschätze und ohne Evidenz, nur durch Intuition negativ bewerte. Dann werde ich sarkastisch, zynisch, also mitunter recht verletzend und zurecht angepfiffen. Ich dachte: Möglicherweise geht es mir ja mit der Initiative Kirche² und verwandten Projekten auch so und ich tue den Protagonisten und Protagonistinnen in Worten, aber vor allem auch in Gedanken unrecht und ihre Ideen sind eigentlich ganz richtig und von großem Wert für die Kirche – natürlich spricht man in diesem Kontext immer von Kirche im Singular, konfessionelle Unterschiede sind in der Postmoderne doch eh überholt. Vielleicht müsste ich meine Meinung mal revidieren, Abbitte leisten und zugeben: „Ich habe mich geirrt, ihr liegt nicht so fundamental daneben.“ So einen Gesinnungswechsel könnte durchaus machbar sein, vor allem, weil jetzt einzelne Menschen, die ich nur aus kurzen Tweets oder Blogbeiträgen kannte, ihre Gedanken in einem Sammelband veröffentlicht haben. Und hey, ich als verkopfter Universitätstheologe lese nun mal gerne Bücher. Also habe ich das Buch, wie viele Andere es auch getan haben, bestellt. Ich habe zwar kein Bild vom Auspacken gemacht und getwittert, aber dafür gleich angefangen zu lesen. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Ich muss meine Meinung ändern.

Das Buch heißt „Vom Wandern und Wundern“ und trägt den Untertitel „Fremdsein und prophetische Ungeduld in der Kirche“. Herausgegeben wird es von Maria Herrmann und Sandra Bils, beide arbeiten für das Projekt Kirche². Die einzelnen Beiträge erzählen, mehr oder weniger, von jeweils eigenen Erfahrungen der Fremdheit in der Kirche und leiten daraus Ideen für Kirche von morgen ab.

Maria Herrmann schafft es auf der dritten Seite ihres Eröffnungsbeitrags die Verfasser und Verfasserinnen in eine Reihe mit „Franziskus, einer Teresa, eines Dietrich Bonhoeffer, einer Madleine Delbrel oder einer Dorothee Sölle“(9) zu stellen. Die Fallhöhe ist also denkbar hoch, waren doch jedenfalls Franziskus, Bonhoeffer und Sölle (die anderen beiden kenne ich zu wenig) hochgradig reflektierte und damit inspirierende Theologen*. Nun gut. Was also bekommt man in den einzelnen Beiträgen zu lesen?

Astrid Adler skizziert, nach einer kurzen persönlichen Anekdote, die Geschichte der Heilung des Gelähmten als Bild für Kirche. Sie ist „keine studierte Theologin“ aber „kann mit Menschen über Jesus reden“ (S. 20). Bei mir ist es ja andersherum. Ich bin zwar studierter Theologe, würde mir aber niemals selbst die Gabe bescheinigen, dass ich über Jesus reden kann. Jedenfalls nicht so, dass ich mir sicher wäre, dass „das Letzte was Jesus vor seiner Verhaftung getan hat, […] für die Einheit der Christen zu beten“ (29) war. Gut, ich bin vielleicht in diesem Zusammenhang auch eher den Schriftgelehrten zuzuordnen, denjenigen, „die mahnen und wachen über dem, was ihnen heilig ist“ (24).

Es wird besser. Hanna Buiting liefert im nächsten Beitrag eine autobiographische Skizze, über ihren Weg zur und mit der Kirche als Beispiel für produktive Fremdheit. Mit 24. Eine autobiographische Skizze. Neben der Forderung nach „richtig guten Kaffeemaschine[n]“ (38) für den Gottesdienstraum [sic!] schwingt sie sich am Schluss zu wahren Höhen auf, wenn Sie beschreibt, was ihre Gabe ist, nämlich das Schreiben: „Mehr als einmal musste ich mich zurückerinnern, wie glücklich mich das Schreiben gemacht hatte. […] Mein Gottes-Dienst war erfüllt. Heilige Momente lagen längst hinter mir[…] Texte voll Güte und voll Gnade entstanden so, voll Hoffnung und voll Heimat. […] In meiner Timeline, bei Facebook und Twitter tummelten sich zunehmend Christinnen und Christen, aus dem Rahmen gefallen, auf der Suche. Sie wurden zu meiner Leserschaft, meiner Netzgemeinde, meinen Stichwortgebenden und Nächsten“ (43). Mit 24. Hier nur ein vermessener Hinweis von mir: Eine solche Überhöhung des eigenen Tuns ist mir ja weder von Bonhoeffer noch von Sölle noch von Teresa geläufig. Aber gut, diese sind halt vielleicht auch schriftstellerisch nicht so begabt gewesen.

Mara Feßmann liefert im nächsten Beitrag eine autobiographische Skizze über ihren Weg zur Theologie, die, so jedenfalls die Überschrift, Punktheologie sei. Wer nun hofft, hier interessante oder kreative theologische Einsichten lesen zu dürfen, wird sich wundern. Das Thema ist auch hier vor allem die Autorin selbst, deren große Auszeichnung ist, dass sie neben Theologie auch Politkwissenschaften und Soziologie studiert, also einen viel weiteren Horizont als so normale Theologen wie ich hat.

Mathias Albracht beginnt mit einer kurzen Anekdote und liefert dann (Überraschung!) eine kurze autobiographische Skizze über seinen Weg in der Theologie und der Kirche. Immerhin werden hier wenigstens einige Stichwortgeber genannt: Lyotard, Levinas und einige Kirchenväter. Wer allerdings erwartet, dass jetzt unter Rückgriff auf Levinas das Fremde, das Andere reflektiert wird, wird auch hier eher enttäuscht, ist der Ertrag des Ganzen doch schlicht, dass der Verfasser kein Priester geworden ist, sondern als Laienseelsorger einen anderen Weg gegangen ist. Ach ja, und auch hier: Lyotard schrieb zwar „Das postmoderne Wissen“, den Begriff selbst hat er allerdings nicht entwickelt (71). Ja, ich weiß, jetzt bin ich wieder der spielverderbende Schriftgelehrte.

Steffi Krapf schreibt über ihre Theaterarbeit als Weg, Kirche und Gemeinschaft zu bauen. Im Theater können Menschen die Freiheit erfahren, die auch für den christlichen Glauben gilt. Sie können „einfach sein“ (90) und „spontan“ agieren. Das Theater könne so ein Ort der Präsenz Gottes sein: „Der Heilige Geist als Abgesandter Gottes zeigt sich für mich übrigens in der Spontaneität und Kreativität. Er wirkt wie Brausepulver, wobei wir Menschen das Wasser sind, und wenn er durch uns fährt, prickelt es so schön!“ (92) Die einzige Frage, die sich mir hier stellt, ist doch: Kann man dieses Brausepulver auch in gutem Kaffee (s.o.) auflösen?

In diesem Stil gehen die anderen Beiträge weiter. Ein kleines Anekdötchen am Anfang, dann ganz viel über sich selbst erzählen und diese eigene Erfahrung als Anker für gutes und neues Denken von Kirche hinstellen[1]. Dass es dafür dann, wie Sebastian Baer-Henney schreibt, eigentlich nicht unbedingt theologische Ausbildung braucht, sondern dass „geleistete Arbeit“ (149) als Einstieg in den hauptamtlichen Dienst in der Kirche reichen sollte, versteht sich dabei fast von selbst. Dass Kirche am besten, so er weiter, ein „Grundvertrauen darauf [hat], dass –  so unverständlich manche der neuen Wege auch sind – der Pionier weiß was er tut“ (153), ist dann in diesem Zusammenhang auch absolut klar.

Was ich, in meinem verklebten Universitäts- und Amtskirchen-Theologen-Sein, also bei der Lektüre gelernt habe, ist Folgendes: Im Kern des Aufbruchs der Kirche stehen einzelne Menschen, die sich selbst eine gewisse Autorität zuschreiben, die auf ihre eigenen Gaben verweisen, sich selbst als Propheten stilisieren und sich zu Pionieren machen. Eine Ausbildung oder wenigstens die Bereitschaft zur kritischen Selbstreflexion braucht es offensichtlich nicht. Hautpsache, man hat etwas Neues beizutragen. Worin dieses Neue besteht?  Im Aufbrechen der alten Formen jedenfalls, in der Feier des Eigenen, in gutem Kaffee. Christliche Inhalte sind nur dann relevant, wenn Sie sich in die Form eines Lifestyles bringen lassen: ja, Christentum muss in diesem Zusammenhang irgendwie hygge[2] sein. Den Rest können wir einfach kappen. Schließlich waren ja Bonhoeffer und Sölle und so auch einfach „Wandernde und Wundernde ihrer Zeit, mit einer heiligen Unruhe versehen und der Erfahrung einer Fremde“ (9). Sie waren eben im Prinzip genauso wie Herrmann und Buiting, Feßmann und Baer-Kenney. Und wenn Bonhoeffer nicht gegen die Nazis hätte Opposition ergreifen müssen und Sölle nicht gegen den Nato-Doppelbeschluss kämpfen wollen, dann hätten die bestimmt auch für besseren Kaffee und mehr Feier des Lebens Partei ergriffen.

Ich muss also, um nochmal zu Anfang zurück zu kommen, meine Meinung tatsächlich ändern. Bis jetzt hielt ich das Ganze irgendwie für eine seltsame Form, die mir nicht entspricht und die ich für nicht ganz richtig halte. Jetzt ist mir völlig klar, dass bloße Skepsis die falsche Antwort ist. Dieser ungefilterte Narzissmus, der sich mit dem Fehlen theologischer (oder irgendwelcher) Tiefe paart, und als Konsequenz das belanglose Feiern des Eigenen propagiert, sich dann dabei auch noch mit prophetischer Autorität versieht, hat nichts Anderes verdient als: Opposition und Widerspruch. Dann bin ich halt weiter ein arroganter Universitätstheologe, der kein Gespür für das Neue mitbringt. Damit kann ich leben, weil „[j]emand muss es tun.“Vielleicht liege ich auch komplett falsch. Kann sein. Aber jedenfalls werde ich mir keine guten Zitate aus meinen Texten auf T-Shirts drucken lassen.

Ein weiser Mann schrieb lange vor mir:

„Hass, damit das endlich klar ist, bedeutet Wahrheit – und etwas mehr Ehrlichkeit. Hass, so wie ich ihn verstehe, hilft unterscheiden: zwischen Gut und Böse, Freund und Feind. Wer diese Unterscheidung nicht will, kennt keine Moral und keine Prinzipien. Dem ist egal, wer an seinem Tisch sitzt, wer ihn unterrichtet, wer sein Land regiert. Der interessiert sich in Wahrheit nur für sich selbst“.
(Maxim Biller)

Diese Selbstbezüglichkeit wenigstens soll man mir nicht vorwerfen.

 

 

 

[1]Um die Herausgeberin zu zitieren: „So sind sie [die Aufsätze] auch als fragmentarische Momentaufnahmen im Prozessgeschehen zu verstehen, die zu großen Teilen fragil und in hohem Maße vergänglich aufmerksam machen auf konkrete Facetten der Veränderungsprozesse der Kirche. Daher lassen sich die Aufsätze untereinander kaum vergleichen und sind exemplarisch für einen Teil von gemachten Erfahrungen mit dem Wandern und Wundern.“ (14) Keine weiteren Fragen, euer Ehren.

[2]http://www.hygge-magazin.de/