Rezension zu: Kristin Merle, „Religion in der Öffentlichkeit“

von Claudia Kühner-Graßmann

Merle, Kristin: Religion in der Öffentlichkeit. Digitalisierung als Herausforderung für kirchliche Kommunikationskulturen (Praktische Theologie im Wissenschaftsdiskurs, Bd. 22), Berlin/Boston 2019.

Der Titel des Buches ist verheißungsvoll. Endlich beschäftigt sich mal jemand praktisch-theologisch so ausführlich mit der Digitalisierung! Und das mit dem selbstbewussten Anspruch, „einen theologischen Beitrag zu den gegenwärtigen gesellschaftlichen Debatten über Mediatisierung und einen neuerlichen ‚Strukturwandel der Öffentlichkeit‘ zu leisten“ (24).

Die Habilitationsschrift der Hamburger Praktischen Theologin, die in Tübingen entstanden ist, will dabei zugleich „einen Beitrag zur Integration von Methoden der Online-Forschung […] in das Methodenensemble theologisch-empirischer Religionsforschung“ (24) leisten. Dem kommt die Studie auch nach.

Ausgangspunkt ist die These, dass Religion kommunikativ verfasst und Kirche auf Öffentlichkeit bezogen ist. Hier zeigt sich schon ein erstes Ensemble an Anfragen, denn diese These ist zwar nicht falsch, aber sie wird letztlich gesetzt. Auch der Überschritt von Religion zu Kirche wird nicht näher ausgeführt. Obgleich Merle mit Kirche in der Regel „die empirische Kirche als sozial verfasste Größe“ (2, Anm. 4) meint, schillert der Kirchenbegriff in der Studie leider zwischen normativer Abgrenzungsfolie und einer empirischen Verwendungsweise. Deutlich wird, dass der Kirchenbegriff eingebettet ist in ein Religionsverständnis, das insbesondere in Kapitel 3 dargelegt wird.

Doch davor skizziert Merle in Kapitel 2 einen neuerlichen Strukturwandel der Öffentlichkeit unter dem Mantel der Digitalisierung. Dass sie dabei Habermas’ bekannte Thesen zugrunde legt, bringt gewisse – von der Autorin freilich bemerkte – Schwierigkeiten mit sich, da die eigentlich empirische Studie damit das Vorverständnis einer ideengeschichtlich-soziologischen Analyse übernimmt. Dieses Kapitel ist dennoch so dicht wie informativ und absolut lesenswert! Merle erläutert hier nicht nur ihre These vom neuerlichen Strukturwandel der Öffentlichkeit, sondern unterzieht diesen Begriff einer umfassenden Analyse. Es läuft darauf hinaus, in der partizipativen, netzartigen und interaktiven Kommunikation, die das Internet ermöglicht, sowohl einen Strukturwandel der Öffentlichkeit als auch einen subjektiven Bedeutungswandel von Partizipation festzuhalten. Das Internet vereine verschiedene Öffentlichkeitsebenen, deren Grenzen dabei zugleich durchlässiger werden. Öffentlichkeit wird dabei als intermediäre Struktur mit Netzwerkcharakter gesehen, als „gesellschaftlicher Aushandlungsprozess“ (26). Dem Anspruch nach bewegt sich Merle dabei auf der Ebene der empirischen Darstellung von Öffentlichkeit. Normative Aspekte des Begriffs sollen weniger beachtet werden, wobei die Frage offen bleiben muss., ob sie nicht doch unter der Hand mitgeführt werden.

Kapitel 3 legt den Fokus auf den Zusammenhang von religiöser Kommunikation und Digitalisierung. In einem ersten Teil beschreibt Merle die Struktur digitaler Kommunikation näher. Für die flüchtige Weise der Kommunikation im Internet entwickelt sie den Begriff der „passageren Kommunikation“ (vgl. 145), der von da an als ein zentrales Schlagwort fungiert. Für den Fortgang der Argumentation ist wichtig, dass von der Entwicklung hin zu einer „Kultur der Digitalität“ ausgegangen wird, in der wiederum – wie beim Öffentlichkeitsbegriff – Aushandlungsprozessen eine wichtige Rolle zukommt.

Der zweite Abschnitt des Kapitels befasst sich mit „Transformationen von Religiosität in der Gegenwart“. Stichworte dieser Transformation des Religiösen sind Individualisierung, Pluralisierung und Synkretisierung, Popularisierung und Spiritualisierung, Eventisierung. Dieser Abschnitt ist eher überraschungsarm, ist man mit den Thesen des Kreises um Wilhelm Gräb und Birgit Weyel bereits vertraut. Zudem referiert Merle religionssoziologische Thesen, die in der Debatte ebenfalls nicht ganz unbekannt sind (Luckmann, Knoblauch). Wie vor diesem Hintergrund zu erwarten ist, läuft die Entwicklung auf eine Krise der Institutionen hinaus, weil die Verbindlichkeit von Religiosität abnimmt, weil es eine Konkurrenzsituation im Bereich der Religion gibt etc. Für den weiteren Verlauf sind hier wiederum vor allem zwei Aspekte von Interesse: zunächst die Grundbewegung des Transzendierens, die mit Luckmann und Knoblauch erläutert wird. Hier etabliert Merle das Konzept einer „transzendierungsoffenen Kommunikation“, unter der sie Kommunikation versteht, „die mittels des Gebrauchs von Zeichen und Symbolen als eine solche erkennbar wird, in der der Eine eine Bereitschaft signalisiert, durch die Kommunikation mit dem Anderen in einen kommunikativen Austausch involviert zu werden, der gegebebenfalls den eigenen Standpunkt beziehungsweise die die eigene Perspektive auf etwas verändert. Anders ausgedrückt: Die Auseinandersetzung mit dem Anderen, die mich selbst involviert, führt in eine Bewegung des Transzendierens hinein, deren Ausgang noch offen ist“ (184). Wichtig ist, dass Transzendenzerfahrungen vom Alltag ausgehen. Zweitens erläutert Merle den Aspekt der Mediatisierung von Religion und Religiosität, denn die Entgrenzung der Kommunikation führe zu einer Sichtbarkeit der Religion, die wiederum in vielen Fällen auch „Entprivatisierung“ bedeute (203). „Religion ist öffentliche Religion geworden“ (ebd.) – allerdings auf nicht-institutioneller Ebene, so die These. Die Grundperspektive bleibt dabei gebunden an die individuelle Religiosität des Einzelnen, und von da aus wird – als unpersönlich-allgemeines Gegenüber – die in der Kirche institutionalisierte Religion betrachtet und bewertet.

Kapitel 3 endet mit einem Abschnitt zur Resonanz. Merle nimmt dabei die Theorie Hartmut Rosas auf und ergänzt sie mit Martin Altmeyer, der der digitalen Kommunikation, anders als Rosa, eine positive Funktion zugesteht. Neben der Resonanzaffinität religiöser Kommunikation ist Merle wichtig hervorzuheben, dass digitale Kommunikation selbst wiederum transzendierungsoffen und resonanzaffin sei. Ihr Stichwort ist die „resonanzsensible Kommunikation“ (216). Merle geht dabei nicht vom Inhalt der Kommunikation, sondern von der Form aus, in der sich eine „religiöse Grundhaltung“ ausdrücke, „als mit der transformatorischen Kraft eines antwortenden Gegenübers gerechnet wird“ (217, H.i.O.). Diese Grundhaltung wiederum sei eine Voraussetzung für Erfahrungen der Resonanz.

Das geht am Ende fast schon zu gut auf. Nach der Lektüre dieses Kapitels bleiben bei der Rezensentin viele Fragen offen, die vor allem die Validität und Belastbarkeit der verwendeten Theorien betrifft.

Kapitel 4 bildet schließlich den empirischen Hauptteil der Arbeit. Merle untersucht hier gesteuerte Onlinekonversationen, um diese nach ihrem religiösen Gehalt – vor dem Hintergrund des in Kapitel 3 entwickelten formalen Religionsbegriffs – zu befragen. Sie hat sich dabei für die Kommentare unter Artikel zur Sterbehilfe entschieden. Das praktisch-theologische Interesse liegt darin, Konsequenzen für kirchliche Kommunikationskulturen aufzuzeigen und zugleich auch Methoden der Online-Forschung in die praktische Theologie zu integrieren. Ihre Methode beschreibt sie als qualitative Inhaltsanalyse der Erhebung und Auswertung. So ausführlich und aufschlussreich die Analyse ist, zu der Merle auch noch christliche Blogs zum Thema Sterbehilfe hinzuzieht – eine Vorannahme mag der Rezensentin nicht einleuchten: Der individuellen Religiosität wird „die“ Kirche gegenübergestellt. Kirche fungiert quasi als Gegenbegriff zu freier Religiosität. Wobei hier eine genauere Klärung, was darunter zu verstehen ist, sehr hilfreich gewesen wäre. Der Verdacht liegt nahe: Die Suche nach „kirchlichen“ Argumentationsmustern in den Onlinekommentaren muss schon deswegen erfolglos sein, weil Merle darunter primär die kirchenleitenden Positionierungen in Form von Denkschriften oder Äußerungen des EKD-Ratsvorsitzenden versteht. Polemisch-überspitzt gefragt: Hat sie wirklich erwartet, dass sich diese Positionen direkt als Argument und Autorität in den untersuchten Onlinekommentaren finden? Umfasst Kirche nicht mehr Akteure als die Kirchenleitung? Unter diesen Voraussetzungen wundert es fast kaum, dass die Untersuchung ergibt, dass „kirchliche“ Argumentationsmuster keine Rolle spielen (vgl. 304). Interessant ist zwar, dass es auch keinen Bezug in abgrenzender Funktion auf diese kirchlichen Positionen gibt. Allerdings bleibt weiter die Frage offen, inwiefern diese von Merle zugrunde gelegten Positionen überhaupt rezipiert werden, welchen Stellenwert diese Schriften und Äußerungen überhaupt haben? Welcher Stellenwert dagegen könnte der Kirche und ihren Institutionen als Diskursraum zukommen, der zur Bildung von Positionen beiträgt, ohne die Teilnehmer zugleich auf normierende Äußerungen der Kirchenleitung zu verpflichten? Merle ist zuzugestehen, dass sich hier gravierende methodische Schwierigkeiten anmelden und die Einschränkung auf explizit-kirchliche Stellungnahmen nahe liegt, doch bleibt die Erkenntnis so eben begrenzt.

Das Kapitel endet mit der Feststellung: „Die gesellschaftliche wie kirchliche Herausforderung besteht darin, Räume für Deliberationsprozesse zu öffnen, die unterschiedliche Meinungen (und Frömmigkeiten) in einen produktiven Austausch miteinander bringen“ (378, H.i.O.). Dem ist gerade hinsichtlich der genannten Anfragen voll zuzustimmen.

Kapitel 5 „Kirche und Öffentlichkeit: die medialen Transformationsprozesse und die Kommunikationskulturen der Kirche“ schließt an die bisherigen Thesen an und beginnt mit einer Zusammenschau der bisherigen Ergebnisse. Diese verweisen so auf die Frage, worin die Effekte der Digitalisierung für die kirchliche Kommunikation besteht. Merle legt einen dynamischen Begriff von Öffentlichkeit zugrunde und konstatiert: Kirche „kommuniziert auf Öffentlichkeit hin, vernetzt sich mit konkreten Öffentlichkeiten und schafft durch ihr kommunikativen [sic!] Handeln selbst Öffentlichkeiten“ (382). Der erste Abschnitt führt auf eine Untersuchung der Public Relations hin als Beziehungsgestaltung zwischen Organisation und Netzwerköffentlichkeit. Dies führt sich im zweiten Abschnitt zu einer Aufzählung von Anforderungen an (Volks)Kirche und christlicher Publizistik. Übergreifend kann man sagen, dass Kirche sich Netzstrukturen anverwandeln soll. Aber außer dem Hinweis, dass diese Kommunikation als spontane und persönliche, unkontrolliert und dezentral stattfinden soll, finden sich wenige konkrete Ausführungen (Stichworte wie Community-Building und Community-Management, Online-Monitoring, Crowdsourcing und Audience Engagement, Datenschutz und Datensouveränität fallen). Es bleibt für die Rezensentin die Frage, wie sich diese Anforderungen am Besten mit der Eigenlogik der Kirche und ihrer Kommunikation, die es ja durchaus gibt, vereinbaren lassen. Aber das wären wohl Überlegungen, die über die vorliegende Studie hinausgehen.

In einem zweiten Abschnitt geht Merle auf die Pluralität der Volkskirche und ihre Öffentlichkeitsrelevanz ein. Dabei arbeitet sie mit Pohl-Patalongs und Hauschildts Bild der Kirche als Hybrid. Die sicherlich richtigen Anliegen, Kirche auch jenseits von Institution und Organisation zu begreifen sowie die individuelle religiöse Erfahrung ernst zu nehmen, werden durch eine unterschwellige Polemik gegen „die“ Kirche untermauert. Hierbei ist aber erneut zu fragen, was eigentlich unter Kirche verstanden wird. Gegen was wird sich konkret abgegrenzt? Wessen pfarrherrlicher Kirchenbegriff steht denn im Hintergrund der Kritik? Die Idee, Volkskirche als „Konzeptbegriff in praktisch-ekklesiologischer Perspektive“ (413) zu entfalten, die durchaus interessant ist, steht ohne eine theologische Klärung ebenfalls etwas unvermittelt im Raum. Auch das Konzept intermediärer Konzeptionen wird eher angedeutet. Was schade ist, denn die Punkte, die Merle nennt, sind durchaus verheißungsvoll: Kirche selbst sollte intermediär werden, womit sie dann dem Partizipationsbedürfnis der Menschen entspräche. Diese Aspekte sind interessant, werden aber rein als empirische Anforderungen mit normativen Implikationen für die Kirche kommuniziert. Interessant wäre eine Auseinandersetzung mit theologischen Aspekten, die aus der Eigenlogik des protestantischen Kirchenverständnisses selbst erwachsen.

Zum Schluss von Kapitel 5 beschäftig sich Merle dann noch mit der Strömung der Gegenwartstheologie, die sich unter dem Begriff der sog. Öffentlichen Theologie sammelt. Nach einer Darstellung stellt sie drei Anfragen an die Öffentliche Theologie: Wer ist das Subjekt dieser Theologie? Wie könnte Öffentliche Theologie unter einem gesteigerten Pluralismus und einer religiös-weltanschaulichen Selbstbestimmung der Subjekte zu fassen sein? Und wie kann auf das Problem der Bedingung öffentlicher Artikulation von Positionen im weiteren Sinne rekurriert werden? Hier sind sicher zentrale Anfragen formuliert.

Das Buch endet mit einem Kurzen Epilog (Kapitel 6), in dem Merle den Bogen der Studie nochmals erläutert. Dieser ist eindrucksvoll – doch bleibt bei der Rezensentin am Ende die Frage, in welchem Verhältnis die ausführliche sozialwissenschaftliche Analyse zur dezidiert theologischen Reflexion steht. Ist eine solche überhaupt noch vorgesehen? Ja, hier wird ein Punkt berührt, der über dieses Buch hinausgeht: inwieweit ist Praktische Theologie Theologie? Allein durch die Arbeit an einem gewissen Gegenstand, etwa christlich-religiöser Kommunikation? Oder auch durch ihre Methode? Und ist Praktische Theologie am Ende die Anwältin einer von ihr erhobenen Empirie gegenüber Theologie und Kirche? Wünschenswert wäre doch ein Gespräch zwischen dem, was empirisch erhoben wird und dem, was dazu theologisch zu sagen ist. Die vorliegende Studie neigt dazu, sich an einem polemisch verzeichneten Kirchenbegriff abzuarbeiten, der wohl nicht völlig falsch ist, aber doch in einem gewissen Spannungsverhältnis zum Anspruch einer solchen empirischen Untersuchung steht.

Nichtsdestotrotz bietet die Studie viele interessante Aspekte dar, die zum Nachdenken anregen. Und das wäre zu hoffen: dass die Ergebnisse zum kirchlichen Diskurs über die Öffentlichkeitspräsenz unter den Bedingungen der Digitalisierung beitragen, Und dass dieser Diskurs sich auch durch wissenschaftliche, nicht zuletzt empirisch und soziologisch fundierte Sichtweisen irritieren lässt. Wünschenswert wären auf Grundlage dieser Studie weitere theologische Beiträge zu diesem Thema, die das Verhältnis von Kirche und digitaler Öffentlichkeit noch einmal von der anderen Seite aus in den Blick nehmen. Anknüpfungspunkte gibt es, das zeigt Merles Buch, ja genügend.

Mehr offene als geklärte Fragen beim digitalen Abendmahl

(Beitragsbild gefunden via Twitter bei @AmhKlassen; Urheber*in unbekannt.)

Neben brisanten ethischen Fragen wirft die gegenwärtige, durch das Coronavirus Sars-CoV-2, seine rapide Ausbreitung und notwendige Bekämpfung ausgelöste Krise für uns als Kirche auch die Frage nach der angemessenen Feier des Abendmahls auf.

Wortgottesdienste und Tauffeiern sind derzeit ausgesetzt. Mit dem Verbot gottesdienstlicher und andere Zusammenkünfte ist den Kirchen auch die Feier des Abendmahls in seiner üblichen Form faktisch untersagt. Wenn nun die Kirche – auch protestantisch – als sakramentale Wirklichkeit bezeichnet werden kann, ist diese Einschränkung gravierend, sofern sie an ein Lebensprinzip der Kirche als sichtbarer Manifestation des Leibes Christi in der Welt rührt. Denn unser Glaube lebt aus dem Versprechen, dass Jesus Christus insbesondere dort wirksam und erfahrbar gegenwärtig ist, wo wir als Gemeinde sein Gründonnerstagsgebot erfüllen. Wir setzen im Abendmahl Jesu Mahlgemeinschaft mit den Sündern fort, hören die Einsetzungsworte als konzentrierte Form des Evangeliums, teilen Brot und Wein. In diesem Vollzug bezeugen wir seinen Heilstod in der Welt und erwarten das ewige Freudenmahl.

Gerade jetzt, während der für viele Menschen beängstigenden und mit Einschränkungen verbundenen Krise, läuft das Kirchenjahr auf die höchsten christlichen Festtage zu: das Ende der Passionszeit und das Osterfest. Das Bedürfnis der Glaubenden, das Mahl Jesu Christi zu feiern, ist dort, wo es besteht und geäußert wird, ernst zu nehmen. Vor diesem Hintergrund ist sehr verständlich, dass die Frage nach alternativen Formen der Abendmahlsfeier aufbricht und in der Pfarrerschaft sowie den Gemeinden kontrovers diskutiert wird. Dabei kreist die Diskussion vielerorts um die Kernfrage, ob das Abendmahl trotz vermittelt durch digitale Medien gefeiert werden kann. Das seelsorgerliche Interesse ist ernstzunehmen, schon deshalb ist die Beschäftigung mit dieser Frage nicht einfach als theologische Selbstbeschäftigung abzutun.

Nicht ausreichend geklärt erscheint mir dabei bei vielen Beiträgen, ob sie sich als seelsorgerlich begründete Notordnung verstehen oder eine grundsätzliche Entwicklung im Abendmahlsverständnis und der liturgischen Praxis anstreben. Aber diesbezüglich ist eine Klärung notwendig, weil die Tragweite einer solchen Entscheidung unter Umständen beeinflusst, welche Entscheidungen man persönlich mittragen möchte oder nicht. Ganz nebenbei sei erwähnt, dass es kaum angemessen wäre, gerade jetzt im Windschatten der Krise eine theologische Agenda zur Entkoppelung von Ortsgemeinde, Gottesdienst und Kirche voranzutreiben…

Unerlässlich für eine sachgemäße Behandlung der Fragen ist, dass die Theologie von den Suche nach biblisch begründeten Wesensmerkmalen der Abendmahlsfeier ausgeht. Man kann leider derzeit den Eindruck bekommen, dass viele Stellungnahmen sich primär am – tatsächlichen oder vermuteten – Bedürfnis orientieren und auf dieses hin passende Begründungen konstruieren. Wenn für so eine Begründung einzelne Bibelstellen aus dem Kontext der Schrift isoliert und mit fragwürdiger Bedeutung aufgeladen, wenn Bekenntnisse einer abstrakt-buchstäblichen Lesart unterzogen werden, ist das keine hinreichende Grundlage. Bevor auf so einer Grundlage liturgische Fakten geschaffen werden, ist die Frage lieber offenzulassen und in Hoffnung auf eine künftige Klärung den Gewissen der Einzelnen freizustellen.

Zentrales Kriterium muss bleiben, ob das Mahl stiftungsgemäß, das heißt: mit all seinen wesentlichen Grundzügen gefeiert wird. Innerhalb dieses Rahmens sind bereits viele Varianten der Abendmahlfeier üblich, die sich zum Teil auch aus hygienischen Bedenken herleiten. Wenn man nun aber von einer theologischen Bestimmung des Abendmahls und der üblichen liturgischen Praxis der evangelischen Kirchen ausgeht, stellen sich hinsichtlich digital vermittelter Formen des Abendmahls einige noch nicht hinreichend beantwortete Fragen.

Unstrittig dürfte sein, dass für eine Abendmahlsfeier die gesprochenen Einsetzungsworte ebenso unverzichtbar sind wie der tatsächliche Verzehr von Brot und Wein (bzw. Traubensaft).

Mit guten Gründen spendet sich nun in den evangelischen Kirchen – unabhängig von der Form der Feier – normalerweise niemand selbst das Abendmahl. Wenn der Gabecharakter der Elemente („für euch gegeben“) zeichenhaft für die Hingabe Jesu Christi und das radikale Empfangen des Glaubens zu verstehen sein sollte, dann stellt sich die Frage, ob diese Zeichenhandlung angemessen realisiert ist, wenn jede Person sich selbst vor dem Monitor die Elemente bereitet und zu sich nimmt. Dabei wird faktisch auch das Sprechen der Einsetzungsworte stärker aufgeladen, insofern auf diesen Worten allein und ohne Geste der Austeilung die wirksame Vergegenwärtigung zu ruhen scheint.

Wenn die Deutung des einen Brotes und des einen Kelchs auf die Einheit und Gemeinschaft der christlichen Gemeinde, die Paulus in 1Kor 10,16f. vornimmt, theologisch noch immer plausibel ist, dann stellt sich die Frage, ob diese Gemeinschaft in den alternativen, medial vermittelten Formen angemessen zur Darstellung kommt. Tritt hier nicht diese Einheit so weit zurück, dass sie gar nicht mehr erfahrbar ist? Ist der Beschwörung digitaler Gemeinschaftlichkeit, die der Gemeinschaft der Ortsgemeinde gleichwertig (oder gar überlegen) sei, zu trauen?

Diese beide Punkte ergeben zusammen eine kritische Sicht auf die digitale Abendmahlsfeier: Die nur medial versammelte Gemeinde handelt hier nicht als das eine Subjekt der Feier, aus der sich eine besonders beauftragte Person heraushebt. Stattdessen handelt eine Person, woraufhin andere Person reagieren. Um auf dieses Problem zu reagieren, müsste die Einsetzung und digital vermittelte Leitung zumindest durch mehrere Personen vollzogen werden. Auch wäre darauf zu achten, dass die Gemeindeglieder in der Feier, die sie gemeinsam vollziehen, wechselseitig füreinander präsent werden. Technisch ist dies nicht so einfach zu realisieren.

Der besondere Wert des Sakraments über die bloße Wortverkündigung hinaus liegt zudem – zumindest nach traditionell-lutherischem Verständnis – in der Leiblichkeit des Vollzugs, der den ganzen Menschen mit Sinnen, Gefühlswelt, Willen und Verstand noch einmal anders einbezieht als die bloße Anrede von Mund zu Ohr. Die Sinnlichkeit des Schmeckens bliebe zwar gewahrt, wenn jede Person einzeln die Elemente zu sich nimmt. Doch stellt sich doch die Frage, ob zur Leiblichkeit des Abendmahls nicht doch auch leibliche Präsenz im Raum gehört. Können einzelne Elemente der liturgischen Handlung – etwa der Friedensgruß oder das Geben der Hände zum Schlusssegen – aus hygienischen Bedenken zweifellos entfallen und das Abendmahl weitgehend „kontaktlos“ gefeiert werden, könnte trotzdem die Vermittlung durch Bildschirme oder Telefone zu viel Distanz bedeuten. Dass die medial vermittelte Selbstinszenierung digitaler Avatare eine Form persönlicher Präsenz darstellt, die von der körperlich vermittelten gar nicht kategorial unterschieden wäre, ist eine zumindest noch der Plausibilisierung bedürftige These.

Wenn schließlich die liturgische Formel „sooft ihr von diesem Brot esst und von dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt“ (1Kor 11,16) auf das öffentliche Bekenntnis der Gemeinde vor der Welt verweist, stellt sich hinsichtlich der diskutierten Alternativen die Frage, inwiefern Öffentlichkeit und persönlicher Bekenntnischarakter festgehalten sind. Die Öffentlichkeit ist kaum gewahrt, sollte das Abendmahl in geschlossenen digitalen Räumen (etwa: unter den Abonnenten eines Channels) gefeiert werden. Der Bekenntnischarakter, der im Gottesdienstbesuch schon implizit gesetzt ist, wird fraglich, wenn das Abendmahl zwar in einer digitalen Öffentlichkeit (etwa: bei Twitter unter einem bestimmten Hashtag), aber von einer großen Zahl der Teilnehmer im Modus der Unsichtbarkeit, Anonymität oder Pseudonymität gefeiert wird.

Zusammengenommen ist zu fragen: Kehrt bei vielen, wenn nicht allen derzeit diskutierten Vorschlägen ein grundsätzlich überwundenes, individualistisch auf das Heil des Einzelnen verengtes und dem Bezug auf die Kirche sowie die Welt als Schöpfung Gottes entkleidetes Abendmahlsverständnis wieder? Wird zudem in der oft nur über die Person des oder der Einsetzenden vermittelten Kommunikation nicht auch ein klerikales Verständnis befördert, das die ganze Gemeinde als Subjekt der Mahlfeier zum Verschwinden bringt.

Nimmt man die theologisch gewichtigen Anfragen an die derzeit diskutierten Formen der Abendmahlsfeier zusammen und ist man daneben skeptisch bezüglich der Behauptung eines Bedürfnisses der Glaubenden, welches auf anderem Wege nicht befriedigt werden könne, dann gilt meines Erachtens: Die Praxis des digitalen Abendmahls erscheint mir theologisch derzeit nicht ausreichend durchdacht und begründet. Den Kirchen steht während der gegenwärtigen Ausnahmesituation frei, ihren Amtsträgerinnen, Amtsträgern und Gemeindegliedern eine individuelle Gewissensentscheidung bezüglich digitaler Abendmahlsfeiern zuzugestehen.

Von liturgischer und offizieller Rezeption solcher Vorschläge ist aber abzusehen, solange sich kein theologisch gut begründeter Konsens zugunsten solcher Versuche etablieren lässt.

Pfr. Tobias Graßmann

Unsere Eindrücke vom #bckirche Süd

Koordiniert und zusammengestellt von @andy_h_krumm(Felix Weise).
Mit Beiträgen von: @leiseleben, @FunforTimo, @mein_kla4 und @megadakka

Felix (@andy_h_krumm): Zuerst einmal: Was ist eigentlich ein barcamp?

Wer das schon weiß, kann diesen Abschnitt ja einfach mal überspringen. Ein barcamp ist eine Art Konferenz, die maßgeblich von den Teilnehmenden mitbestimmt wird. In diesem Fall hatten die Landeskirchen in Baden, Bayern und Würrttemberg eingeladen und weder Kosten und Mühen gescheut, um eine angenehme Arbeitsatmosphäre zu schaffen. Die Anmeldung war kostenfrei, nur um eine Übernachtung musste man sich selbst kümmern. Daneben wurde man hervorragend verpflegt. Kaffee und Brezeln, Bier, Saft, Limonade rund um die Uhr, sowie Mahlzeiten. Und die Räume! Das ganze fand nämlich im wizemann space statt. An der Kleinschreibung erkennt man schon: ein ganz schön hipper Ort. Aber in dem Fall: irgendwie auch ein Ort mit einer tollen Atmosphäre. In diesem Rahmen war es allen Teilnehmenden freigestellt, über das Wochenende irgendwas um die 100 Leute (keine Gewähr für die Zahlen), sessions anzubieten. Eine session kann ganz unterschiedlich sein: Ein vorbereiteter Vortrag, die Vorstellung einer App oder eines Instagram-Konzepts oder einfach das Angebot in einer kleinen Runde eine bestimmte Fragestellung zu diskutieren. Am Anfang des barcamps wird gesammelt, wer welche session anbieten möchte, erhoben, wie viele Leute noch an so einer session interessiert sind und dann ein  Zeitplan erstellt, wann wo welche session stattfindet.

Dann ging es also los. Die Auswahl an Veranstaltungen war fast größer als das Vorlesungsverzeichnis einer guten theologischen Fakultät. Es gab unglaublich viele versierte Menschen, die etwas zum Thema Kirche und Internet zu sagen hatten. Ein paar Blitzlicher findet ihr hier.

Alina (@leiseleben): Hatespeech macht uns nicht mehr sprachlos!

Schätzungsweise 30 Teilnehmende tauschen sich in der Session „Hatespeech macht mich sprachlos“ über Hasskommentare aus. Meist handelt es sich bei Hatespeech um sexistische, rassistische oder antisemitische Nachrichten oder Aufrufe zur Gewalt. Diese richten sich oft gegen einzelne Menschen oder Menschengruppen. In der Session, die von @CBoruttau initiiert und durchgeführt worden ist, wird der Umgang mit Hasskommentaren thematisiert.

Viele Teilnehmende haben die ernüchternde Erfahrung gemacht, dass das Melden von Hasskommentaren bei Social Media Plattformen meist folgenlos bleibt. Auf der Suche nach Reaktionsmöglichkeiten kamen die Teilnehmenden zu folgenden Ergebnissen:

Ein Weg, gegen massive Hatespeech vorzugehen, ist eine Anzeige bei der Polizei. Hatespeech kann ein Straftatbestand sein (Volksverhetzung § 130 StGB, Bedrohung § 241 StGB oder Öffentliche Aufforderung zu Straftaten, § 111 StGB) und Hater*innen können juristisch belangt werden. @ChBreit rät, am besten Screenshots von den Hasskommentaren zu machen, da diese vor Gericht als Beweismittel verwendet werden können.

Die meisten Teilnehmenden befürworten die Faustregel „Don’t feed the troll!“. Sinngemäß bedeutet das: Diskutiere nicht mit Trollen*. Es kostet Kraft, mit Trollen* und Hater*innen zu diskutieren und: Es ist sinnlos, da die Personen hinter den Hasskommentaren meist ohnehin kein Interesse an konstruktivem Austausch haben. @pfarr_mensch empfiehlt, auf einen Hasskommentar zum Beispiel mit Bildern von süßen Kätzchen zu antworten. Alternativ ginge auch das Jesus-liebt-Hater-GIF.

Ein außergewöhnlicher Tipp kommt von @ChBreit. Wenn man bestimmte Schriftzeichen schreibt, „verlängert“ sich der eigene Kommentar so, dass er die darunter stehende Nachricht überlagert und man jene nicht mehr lesen kann. So könne man Hasskommentare gewissermaßen durch Überschreiben unsichtbar machen.

Insgesamt war die Session für mich sehr lehrreich. Ich habe praktische Tipps mitgenommen – und den Vorsatz, auf Hasskommentare in Zukunft entsprechend zu reagieren.

Felix (@andy_h_krumm): Apps und Nerds

Gleich mehrere sessions gab es zu Apps, die für den Kirchenkontext entwickelt werden oder wurden. Die Stadtjugend in Ludwigshafen arbeitet gerade z.B. an einer App, über die die Jugendarbeit organisiert werden soll. Die App bündelt Terminkalender der Ludwigshafener Jugend, bietet einen eigenen Messenger und beinhaltet ein Spielearchiv. Die Gestaltung ist recht konservativ, dafür so konzipiert, dass sie von anderen Jugendwerken mit wenig großem Aufwand übernommen werden könnte. Aber, und die Frage stellte sich wohl bei jeder von der Kirche entwickelten Platform, wer nutzt das? Ist es realistisch, dass Konfis sich auf einen Messenger, der weit hinter WhatsApp zurücksteht, einlassen und hierüber Kommunikation untereinander und mit dem Jugendwerk entsteht? Im Fall der Evangelischen Jugend Ludwigshafen, so Stadtjugendpfarrerin Florentine Zimmermann (Instagram: @blueten_segen), kam der Wunsch nach Kommunikation und Terminplanung über eine eigene App von den Jugendmitarbeitenden. Und bei der Anzahl der Apps, die man installiert und später wieder löscht, ist zumindest die Hürde, eine EJL-App zu installieren, wohl eher gering. Es fragt sich nur, wie lange sie auf dem Handy bleibt. Im Verlauf des Gesprächs wurde neben der Rückfrage zum Umgang mit Pushnachrichten (werden sie weggelassen, um als Kirche nicht Suchtfaktoren zu unterstützen?), auch nachgefragt, inwiefern ein Nebeneinander von recht ähnlichen Angeboten nicht ressourcenraubend ist. Könnte nicht eine viel stärker aufgestellte App entwickelt werden, wenn sich Projekte wie die EJL-App, communi und KonApp zusammen tun.

Die Apps unterscheiden sich alle ein wenig in ihrem genauen Anwendungsfeld und auch im Funkionsumfang, dennoch bleibt die Frage, warum nicht mehr Kooperation und Bündelung der Kräfte möglich ist. Fallen wir Protestant*innen in der digitalen Welt unserer Freiheitsliebe und dem evangelischen Pluralismus zum Opfer?

Die Frage ist vermutlich noch grundsätzlicher zu stellen. Momentan versuchen viele Projekte noch, an vielen Punkten erfolgreiche Apps zu kopieren und eine kirchliche, sichere Version anzubieten. Die Budgets sind, wenn vorhanden, nicht besonders hoch, das Problem liegt aber eben viel grundlegender: Dort wo die Kirche versucht nachzumachen, was es schon gibt, kann sie meines Erachtens nur verlieren. Darum stechen für mich Projekte wie cantico (keine Ahnung wie erfolgreich die App ist) positiv heraus, weil hier kreativ eine eigene Idee entwickelt wurde. Cantico bietet ein Liederverzeichnis mit Audiodateien zu verschiedensten Gesangbüchern, so dass man auch als wenig musikalisch-praktischer veranlagter Mensch Handwerkszeug hat, um neue Lieder mit Hörproben schnell zu erlernen. Hier wurde nicht einfach eine App mit sehr viel niedrigeren Mitteln als die Großkonzerne zur Verfügung haben, versucht nachzumachen. Mehr Zusammenarbeit, mehr Innovation, und: Krass, wieviel es auch schon gibt, das waren die Eindrücke die vom Barcamp in Bezugs auf Kirchen-Apps mitnahm.

Ein Beispiel, wie man vorhandene Ressourcen im digitalen Bereich für die Kirche nutzbar machen kann bot Steffen Banhardt. Er stellte ein Skript im Textsatzprogramm LaTeX vor, mit der er quasi alle liturgischen Anlässe bestreitet. Seine Skript war für LaTeX-Anfänger wie mich: eine kleine Offenbarung. Es beinhaltete Funktionen wie das automatische Einsetzen von Wochenspruch und Predigttext oder das Einbinden von Liedern in die Gottesdienstvorlage über eine riesige Liederdatenbank. Ade, stundenlanges Formatieren von Liedblättern, weil man das Lied nicht richtig eingebunden bekommt, oder die Überschrift des Gottesdienstabschnitts einfach nicht über den Zeilenumbruch hinaus springen will. Das macht alles LaTeX. Mit Steffens Skript ist jeder Gottesdienstablauf eine Augenweide und er meinte, dass man nach einer etwas zeitintensiveren Einarbeitung, diese Zeit gut wieder reinholt. Diese LaTeX-Lösung ist vermutlich trotzdem ein Bereich der digitalen Kirche, der nur für wenige Menschen fruchtbar sein wird. Trotzdem hat es mir gezeigt, dass Kirche gerade im Bereich von Open-Source-Projekten, wo selbst mitentwickelt werden kann, großes Potential hat. Ein Teilnehmer formulierte: Die Kirche muss endlich aufhören, alles selbst machen zu wollen. Warum investiert sich nicht viel Geld in Open-Source-Projekte, die für die kirchliche Arbeit fruchtbar gemacht werden können. Hier könnte wirklich Innovation entstehen und die Kirche als ressourcenreicher Player ein wichtiger Akteur werden. Die Partizipativität und Transparenz von Open-Source-Projekten ist darüberhinaus im höchsten Maße anschlussfähig für die Kirche und die christliche Botschaft. Priestertum aller Getauften. Programmierertum aller User.

Timo (@FunforTimo): Pfarrer*innen auf Instagram

Die letzte Session des BC 2019 in Stuttgart behandelte die Frage was Pfarrer*innen in sozialen Netzwerken machen. Die Instagram-Influencer Jörg Niesner (@wasistdermensch) und Nicolai Opifanti (@pfarrerausplastik) stellten ihre Arbeit vor.

Opifanti verwies auf die milieuspezifische Nutzung der sozialen Netzwerke. Name und Gestaltung des Accounts habe Einfluss darauf, wer sich für einen Account interessiert.

Mit dem Account pfarrerausplastik präsentiert und kokettiert er mit seinem Pfarrberuf. Dabei achte er jedoch darauf, sich in natürlichen Alltagssituationen zu präsentieren. Denn so wird er als lebenszugewandter Experte in Sachen Glaubensfragen verstanden. Die Nutzer*innen wenden sich mit ihren Fragen zu Glaubensthemen deshalb an ihn.

Mit der Thematisierung von Social-Media-Pfarrer*innen im kirchlichen Raum besuchen aber zunehmend klassische Kirchenmenschen den Account. Dadurch verändert sich der Charakter der Unterhaltungen, denn die gestellten Fragen werden zunehmend in Kirchensprech gestellt. Das kann nichtkirchlich sozialisierte Menschen abschrecken. Für Opifanti bleibt es jedoch gerade das Ziel über den digitalen Raum mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die sonst keinen Zugang zu Kirche finden.

Niesner versteht seinen Account als digitales Pfarrhaus. D.h. dass er auf der Plattform einen Ort bereitstellen möchte, an dem Menschen Fragen zu ihrem Glauben stellen können. Zudem gibt er persönliche Einblicke in seinen Alltag. Die Einblicke sind also persönlich, haben aber nicht den Anspruch, das private Leben gläsern darzustellen. Vielmehr bilden sie einen ausgewählten Ausschnitt ab. Das Amt an sich weckt laut Niesner nicht das Interesse der Besucher*innen. Vielmehr entsteht Neugierde durch die dargestellte und gelebte Verbindung von Person und Amt. Vielleicht ist es die Pragmatik und Anwendbarkeit des Glaubens die für die Nutzer*innen entscheidend ist?

Seelsorgeangebote finden über die Plattform nicht statt, aber nicht weil kein Bedarf wäre, sondern weil im Gegenteil die Anfragen dafür einfach zu zahlreich sind. Allerdings verweist Niesner immer wieder auf die Plattform Tellonym. Hier gibt es die Möglichkeit Fragen zu stellen, die, sobald diese beantwortet werden, für alle öffentlich einsehbar sind. Damit entsteht online ein Ort, an dem lebenspraktische Glaubensfragen eine Antwort finden können.

Zudem stellte sich die Frage nach dem Zusammenhang von Geschlecht und ablehnenden Kommentaren im Netz: Die beiden Influencer beobachten, dass sie mit deutlich weniger Ablehnung im Netz zu kämpfen haben, als ihre weiblichen Influencerkolleginnen. Als Ursachen wurde zum einen die unterschiedlichen Themensetzung genannt. Zum anderen scheint es leider noch immer so zu sein, dass Frauen im Pfarramt polarisieren und teilweise abgelehnt werden.

Abschließend wurde deutlich, dass auch die kirchlichen Strukturen für die Herausforderungen im digitalen Raum weiterentwickelt werden müssen. Denn viele Fragen die die Arbeit der Pfarrer*innen online betroffen sind noch zu klären: Wieviel Zeit steht im Arbeitsalltag für Onlineangebote zur Verfügung? Soll es so etwas wie Onlinepfarrer*innen geben? Müssen die Betreiber*Innen von kirchlichen Kanälen ordiniert sein?

Jacob (@mein_kla4): Jesus treffen auf dem Barcamp

Zu meinen persönlichen Highlights auf dem Barcamp Kirche Online gehörte der Gottesdienst im jesustreff am Sonntagmorgen. Der jesustreff ist eine Gemeinde in Stuttgart, die zur Evangelischen Landeskirche gehört. Die Gottesdienste finden in einer Konzerthalle statt, mit entsprechender Licht- und Tontechnik. Das macht schon erst mal ordentlich Eindruck, wenn man reinkommt. Aber die Leute, die da sind, sind auch richtig nett. Weil wir zum ersten Mal da waren, haben wir sogar ein Päckchen Gummibärchen und ein paar Informationsbroschüren bekommen. Bekommt man anderswo ja auch nicht immer, und so weiß man gleich mal, was los ist. Was sonst noch anders ist im jesustreff: Der „Liturg“ heißt hier „Moderator“, die Lieder stammen eher aus den letzten 10 Jahren statt aus den letzten 1000 Jahren und die Leute, die kommen sind jünger als in Gottesdiensten, die in „normalen“ Kirchengebäuden stattfinden.

Aber der Reihe nach.

Der Gottesdienst war von seinem Aufbau her überraschend klassisch: Erst ein Part mit zum Ankommen mit Musik und Eingangsgebet, dann die Predigt und am Ende nochmal Musik, Fürbittengebet und Vaterunser und die Abkündigungen. Von daher hab ich mich ganz gut zurechtgefunden.

Die Lieder wurden von einer vierköpfigen Band mit solider Besetzung – Bass, E-Gitarre, Sänger mit Lead-Gitarre, Schlagzeug – begleitet, alle sahen sehr hipsterig aus. Und der Sänger war ein Bilderbuch-Singer-Songwriter, verstrubbelte Haare, verträumter Blick. Später erfuhr ich, dass sein Name Jonnes ist und dass man seine Songs auch bei Spotify anhören kann – kann man schon mal reinhören. Bei den Liedern wurden die gesungenen Strophen oft mehrmals wiederholt. War etwas ungewohnt, aber beim vierten Mal hab ich dann wenigstens mal drauf geachtet, was ich da so gesungen hab. Das war sehr erfrischend. Zwischen den Liedern hat der Sänger oft auch mal spontan gebetet. Bei so was kommt bei mir immer nicht so viel rum, aber ich hab eh meine Schwierigkeiten mit Gebet.

Der Moderator war ein freundlicher junger Mann, und auch er hat gebetet. Wir waren uns hinterher einig, dass er auch ruhig mal hätte vorher ausformulieren können, was er so beten will. Sonst fehlt irgendwie die Struktur und man weiß als Mitbetende*r gar nicht, wo das hinführen soll. Dass am Ende der Fürbitten das Vaterunser ganz klassisch gebetet wurde, hat mich aber dann doch versöhnt. Es war richtig schön, mit all diesen Menschen in der Konzerthalle zu stehen und diese Worte gemeinsam zu beten.

Und dann die Predigt: Zu Gast war Prälatin Gabriele Arnold. Eine Prälatin ist ein ziemlich hohes Tier in einer evangelischen Landeskirche, sie steht knapp unter dem Landesbischof. Vielleicht kommt Frank-Otfried ja auch mal zum jesustreff. Aber eigentlich kann man auch Frau Arnold gerne wieder einladen: Sie hat sehr erfrischend gepredigt, feministisch, klug – und am Ende hat sie den Text aus der Lutherbibel vorgelesen. Auch das hätte ich in einem Gottesdienst, der unter bunten Scheinwerfern stattfindet, gar nicht erwartet.

Der jesustreff in Verbindung mit dem Barcamp hat mir gezeigt, dass in der Kirche vieles möglich ist – wenn man den Menschen ihren Raum gibt, Neues auszuprobieren. Und das hat mich auf jeden Fall ermutigt. Der jesustreff sucht ab 2020 auch eine*n neue*n Pastor*in. In der Stellenbeschreibung steht, dass sie sich jemanden wünschen, der gnadenzentriert predigt: Das möchte ich mir als Vorsatz für mein eigenes Dasein als Pfarrer merken – egal ob in einer Gemeinde wie dem jesustreff oder woanders.

Niklas (@megadakka): Ändert die Digitalisierung unsere Vorstellung von Christentum. Reflexionen im Anschluss an das Barcamp Kirche.

Von Thomas Kuhn, dem Wissenschaftstheoretiker, gibt es den Begriff des Paradigmenwechsels. Im Bezug auf die Wissenschaftstheorie heißt das zunächst mal so viel wie, dass wissenschaftliche Konzepte auf Rahmenmodelle angewiesen sind. Nur innerhalb dieser funktionieren sie. Wenn sich das Rahmenmodell wechselt, dann spricht man eben von einem Paradigmenwechsel. Konzepte innerhalb des einen Rahmenmodells sind inkommensurabel, also in gewisser Weise unvereinbar, zum anderen.

Der Begriff des Paradigmenwechsels ist mittlerweile auch außerhalb der Wissenschaftstheorie zu finden und hat zum Beispiel seinen Ort im Nachdenken über Gesellschaft und gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Spricht man da allerdings von einem Paradigmenwechsel, dann ist das deutlich niederschwelliger. Im Endeffekt bedeutet der Begriff im normalen Sprachgebrauch nicht viel mehr als: Da ändert sich was und ich muss nochmal stärker drüber nachdenken, was das soll.

Szenenwechsel: Mitte November fand in Stuttgart das Barcamp Kirche Süddeutschland statt. Dort trafen sich Menschen, die irgendwie den Kirchen verbunden (Pfarrer*innen, Vikar*innen, Öffentlichkeitsarbeiter*innen, Datenschützer*innen, aber auch Ehrenamtliche und Interessierte) und gleichzeitig am Phänomen der Digitalisierung interessiert sind. Kurz: Es war ein Treffen der sogenannten „Digitalen Kirche“.

Beim exzellent organsierten Treffen (leider habe in den Freitag verpasst und rede deshalb vor allem von den selbstorganisierten Workshops) ging es dann vornehmlich um Themen, die in der Digitalisierung ein Werkzeug, in den neuen Kommunikationsmitteln ein Medium sehen. Da waren sehr aufschlussreiche und interessante Dinge dabei, vom Einsatz von LaTeX im Pfarramt, über Konfi-Apps bis zur Frage nach der Bedeutung von Instagram im Pfarramt. Auch die Frage danach, inwieweit Digitale Kirche ein Ort sein kann, der an die analoge Kirche heranführt, wurde diskutiert. Kurzum: Es war deutlich und klar, dass die Digitalisierung Dinge ändert, neue Möglichkeiten bietet und diese diskutiert werden müssen.

Um es mit dem oben eingeführten nochmal zu beschreiben: Wenn von einem Paradigmenwechsel die Rede sein kann, dann wurde vor allem die alltagssprachliche Dimension debattiert: Irgendwas ändert sich und man muss drüber nachdenken, wie es in unser Verständnis des Christlichen zu integrieren ist. Doch hat der Begriff des Paradigmenwechsels eben auch eine zweite Ebene. Diese wurde in Stuttgart nur am Rande angeschnitten, wäre aber wahrscheinlich auf einem zukünftigen Barcamp nochmal intensiver zu beleuchten. Denn möglicherweise ändert die Digitalisierung nicht nur etwas an der Art und Weise der Kommunikation der Botschaft, sondern stellt grundsätzlichere Fragen. Fragen nach der passenden Übersetzung christlichen Glaubens ins 21. Jahrhundert oder auch Fragen danach, inwiefern die zentralen Inhalte überhaupt Geltung beanspruchen kann. Was bedeutet Gottes Vorsehung und Allwissenheit unter den Bedingungen präzise prognostizierender Algorithmen? Was heißt Rechtfertigung des Sünders im Hinblick auf die Selbstkonstruktion unterschiedlicher Persönlichkeiten in den sozialen Netzen? Wie kann es eine Gemeinschaft der Heiligen geben ohne analoge Zusammenkunft?

Diese Fragen sind nicht mehr auf der Ebene des zu suchen, auf der es um das Nachdenken über neue Formen der Vermittlung geht. Sie gehen tiefer: Es geht darum, dass Digitaliserung, wie vorher wahrscheinlich die Reformation und die Aufklärung eine „Umformungskrise“ des Christentums hervorrufen wird, der man sich stellen muss. Dies ist eine Aufgabe der akademischen Theologie, aber genauso auch eine der Personen, die sich in der Praxis mit den Fragen des Glaubens im Netz beschäftigen. Dafür ist hoffentlich im kommenden Barcamp Süd ein Ort, dann vielleicht auch in einem Slot von uns.