Paralyse.

Warum es in der Kirche nicht vorwärts geht

Ein Erklärungsversuch von Tobias Graßmann

Its on you, its your mind. Its a complex plan that keeps us confined.“

Thievery Corporation – Ghetto Matrix

Die Situation innerhalb der evangelischen Kirche stellt sich paradox dar: Einerseits wird man in der Pfarrerschaft und auch unter den Laien kaum jemanden finden, der die Aussage nicht bejaht, dass grundlegende Reformen in naher Zukunft unausweichlich sind. Andererseits liest sich die Kette der Reformbemühungen als eine lange Kette von Misserfolgen. Woher kommt die Unmöglichkeit, in einer Kirche, die sich affirmativ als „semper reformanda“ – also ständig reformbedürftig – versteht, auch nur kleine Reformen anzugehen und erfolgreich zur Durchführung zu bringen?1

Das scheinbare Paradox wird noch einmal gesteigert, wenn man sich vor Augen führt, dass die Zielvorstellung, wohin sich Kirche zukünftig entwickeln soll, gar nicht einmal so kontrovers diskutiert wird. Ich vermute, dass ein großer Konsens besteht, wie die Kirche der Zukunft aussehen soll. Und zwar durch alle Lager der kirchlichen Öffentlichkeit hindurch, von evangelikal bis säkular und wohl selbst über die Grenzen der Kirche hinaus! Geschärftes Profil der Berufsgruppen, diakonisches Engagement, lebendiger Traditionsbezug, Offenheit für verschiedene Milieus und Lebenssituationen, Bürokratieabbau sowie eine Verschlankung mit Augenmaß – das sind Eckpfeiler einer Reform, auf die man sich gewiss einigen könnte.

Nun hat das Problem der Reformmüdigkeit und des Reformstaus verschiedene Facetten. Viele haben wir hier auf nthk.de bereits behandelt oder angesprochen. Eine ganz zentrale Facette soll im Folgenden genauer beleuchtet werden: die Krisennarrative, die besonders in der Pfarrerschaft, aber auch ganz allgemein in den Gemeinden verbreitet sind. Unter Narrativ will ich hier eine bestimmte Art verstehen, wie von der Krise erzählt wird. Jede dieser Erzählungen setzt bestimmte Handlungsmöglichkeiten aus sich heraus und verhindert andere.

All diese Narrative haben Vorbilder und Wurzeln in der christlichen Tradition. Deshalb habe ich sie bewusst im Anklang an biblische Sprache benannt. Sie alle formulieren berechtigte Anliegen, verstricken sich aber auch in Widersprüche mit teils zerstörerischen, teils zumindest lähmenden Folgen für die Kirche.

Der Messias – Wir warten auf den Heilsbringer!

Die Erzählung: „Sicher sind die Probleme in der Kirche gravierend! Was fehlt, ist jemand, der die zerstrittenen Flügel einen kann. Jemand, der die Menschen begeistert. Der eine neue Theologie bringt, mit wirklich innovativen Ideen. Bis das kommt, müssen wir abwarten…“

Die Kraftquelle: Hoffnung

Das Problem: Auf wen oder was wird gewartet? Wenn man etwa den charismatischen EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm betrachtet, stellt man sich schnell die Frage, wie der Spagat zwischen evangelikalen und säkularen Kräften noch virtuoser verkörpert werden könnte. Was das ebenfalls verbreitete Narrativ von einer ausstehenden theologischen Innovation betrifft, stellt sich die Frage: Nimmt man spannende, neue Theologie in der Kirche denn ausreichend wahr? Ist theologische Innovation nur in Gestalt eines theologischen Großdenkers vorstellbar? Sind die heutigen Strukturen in Ausbildung und Lehre überhaupt geeignet, einen neuen Barth oder Bultmann, Jüngel oder Pannenberg hervorzubringen? (Und ja: Meistens ist der Heilsbringer männlich vorgestellt.)

Die Konsequenz: Faktisch führt die messianische Erwartung dazu, sich selbst für Reformen nicht zuständig zu fühlen. Man legt also die Hände in den Schoß oder macht vorerst weiter wie bisher. Ohne genau zu wissen, was man eigentlich erwartet.

Die Erleuchteten – Versteht doch endlich!

Erzählung: „Es ist doch ganz klar, wo das Problem liegt. Das schreibe ich übrigens schon seit Jahren! Ich verstehe nicht, warum wir nicht längst so weit sind. Wir müssen als Kirche doch einfach nur endlich… “

Die Kraftquelle: Begeisterung

Das Problem: Manche Menschen machen die befreiende Erfahrung, dass eine bestimmte Erkenntnis, Methode oder auch Liturgieform ihnen einen völlig neuen Zugang zu Kirche erschließt. Von dieser Erfahrung schließen sie auf das Grundproblem, an dem die Kirche leidet. Aber es ist kaum plausibel, dass sich die Zukunft der Kirche an praktischen Detailfragen entscheidet wie der, ob man sich beispielsweise im Gottesdienst bekreuzigt oder im Gebet die Vateranrede für Gott meidet. Kaum wird es langfristige Trends stoppen oder gar umkehren, wenn sich alle Pfarrerinnen und Pfarrer eine bestimmte Seelsorgemethodik aneignen oder vom Schulunterricht befreit werden. Oft tauscht man auch nur ein Problem gegen ein anderes aus. Ein Beispiel bietet der Vorschlag, den Abendgottesdienst als Normalform zu etablieren: Gehen die Leute am Sonntagvormittag lieber zum Brunch als zum Gottesdienst, wollen sie Sonntagabend eben Tatort schauen. Die Wirklichkeit ist deutlich komplexer, als diese praktischen Heilslehren glauben machen.

Die Konsequenz: Es ist nicht leicht, eine Mehrheit in der Kirche für einen bestimmten Reformvorschlag zu begeistern. Das führt in der Regel dazu, dass die Vertreter einer solchen praktischen Innovation ihre Heilslehre immer mehr gegen Kritik immunisieren. Was scheinbar nicht funktioniert, war eben nur nicht konsequent genug umgesetzt! Statt die eigenen Ideen zu erproben und zu hinterfragen, verlegt man sich darauf, die kirchliche Öffentlichkeit mit Stellungnahmen und Leserbriefen zu überschwemmen.

Die barmherzigen Samariter – Kirche für die Menschen sein!

Erzählung: „Wir dürfen als Kirche nicht immer um uns selbst kreisen. Kirche sein bedeutet, für die Menschen da zu sein! Es geht doch um tätige Nächstenliebe! Und Umfragen sagen, dass das diakonische und soziale Engagement der Kirchen die meiste Akzeptanz in der Bevölkerung findet…“

Die Kraftquelle: Barmherzigkeit

Das Problem: Diese Erzählung ist mit der vorigen eng verwandt. Aber sie hat ihre eigene Logik und ihren eigenen Grundwiderspruch. Der wurzelt darin, dass man sich so die Erwartungen von außen zu eigen macht. Wer Religion und insbesondere Kirche in seinem Leben nicht braucht, der gesteht vielleicht doch zu, dass man gegen sozialdiakonisches Engagement frommer Leute nichts haben kann. Aber es ist ein Unterschied, ob man den Kirchen diese gesellschaftliche Rolle gestattet oder sich selbst mit einer Kirche identifiziert, sich dort einbringt und sozial engagiert. Das Problem einer solchen Verweltlichung sieht man in der organisierten Diakonie: Ständig steht sie in der Spannung, der Eigenlogik eines ökonomisierten Sozialbetriebs noch so etwas wie ein christliches Profil abzuringen. Soziales und diakonisches Engagement der Kirchen lebt von Voraussetzungen, die es nicht schaffen kann: lebendige Gemeinden, die dieses Engagement tragen und begleiten.

Die Konsequenz: Das Gemeinwohl rückt in den Vordergrund, der Bezug zum Ganzen der Kirche tritt dagegen zurück. Letztlich handeln die meisten dieser christlichen Sozialarbeiter als Einzelkämpfer. Sie leben vom unmittelbaren Zuspruch in der Öffentlichkeit und kümmern sich nicht um strukturelle Probleme. Dabei laufen sie Gefahr, die Bedingungen der eigenen Handlungsfähigkeit zu untergraben: Kirche wird so verwechselbar mit anderen wohltätigen Organisationen und verliert ihre gesellschaftliche Relevanz.

Die Apokalypse – Es muss krachen!

Erzählung: „Die kirchlichen Strukturen sind völlig verrottet. Es braucht den totalen Zusammenbruch der Amtskirche, dieses Kirchensteuerkartells. Und der universitären Ausbildung, die nur abgehobene Klerikaleliten produziert. Dann erst kann etwas Neues wachsen, von unten, aus den Gemeinden, durch den Geist.“

Die Kraftquelle: Zorn

Das Problem: Hinter dieser Erzählung steht eine riskante Wette. Gesetzt, dass der Zusammenbruch kommt. Die entsprechenden Szenarien sind ja leider alles andere als unwahrscheinlich. Aber folgt dem Kollaps dann auch die befreiende Wende zum Guten? Möglich, aber höchst unwahrscheinlich. Zu erwarten ist eher, dass mit dem Zusammenbruch der kirchlichen Strukturen auch das Christentum in die Bedeutungslosigkeit versinkt, mittelfristig sogar die Offenheit für Religiosität schwindet. Angesichts dieser Gefahren ist eine Wette auf die Katastrophe schlicht unverantwortlich. Ganz abgesehen von den vernichteten Existenzen, die sie wie jede Revolutionstheorie billigend in Kauf nimmt.

Die Konsequenz: Interessanterweise sind die, die den radikalen Umbruch ersehnen, am wenigsten für Reformvorhaben zu gewinnen. Reform könnte ja nur die ersehnte Revolution herauszögern. Faktisch führt dieses Narrativ zu passiv-aggressiver Verweigerungshaltung und gemeinschaftschädlichem Verhalten, um dem verhassten System und seinen Schergen eins’ auszuwischen.

Der erwählte Rest – Dann eben ohne verdammte Volkskirche!

Erzählung: „Diese Großkirchen, wie wir sie in Deutschland haben, sind doch überholt! In diesen Kirchen kommt die Gemeinschaft viel zu kurz. Die meisten Leute sind ja nur auf dem Papier dabei. Wir müssen neue Formen von Gemeinschaft schaffen, die unmittelbarer und direkt erfahrbar sind.“

Die Kraftquelle: Heilsgewissheit

Das Problem: Diese Erzählung findet vor allem dort Zuspruch, wo sich Menschen in traditionellen Gemeinden nicht wohl fühlen – weil sie zu fromm oder zu kritisch, zu traditionell, zu modern oder einfach zu individuell für dieses Massenchristentum sind. Manche begegnen der schmerzlich empfundenen Verengung der Kerngemeinden auf bestimmte Milieus damit, sich eigene kleine Gemeinschaftsformen zu schaffen und damit gerade die Milieuverengung auf die Spitze zu treiben. Diese freundschaftlichen Cliquen werden dann durch die Abgrenzung von der Masse stabilisiert: als besonders eng, verlässlich, christlich, modern. Von der Mehrheit werden diese Zirkel entsprechend skeptisch wahrgenommen. Teilweise werden innovative Ideen produziert und erprobt – aber sie finden nicht den Weg zurück in die Kirche.

Die Konsequenz: Das Programm lautet Entweltlichung – und dazu gehört nach diesem Narrativ auch Entkirchlichung. Alle Probleme der Institution Kirche können daher scheinbar gleichgültig hingenommen werden. Aber sie reproduzieren sich im Kleinen. Auch hier kommt es mit der Zeit zu eingeschliffenen Denkmustern und Ritualen, die nach außen abgrenzend und nach innen ermüdend wirken. Richtungskonflikte brechen auf, sobald die Gruppenstruktur sich ändert. Viele der Kleingruppen lösen sich nach kurzer Zeit auf oder können sich nur durch erheblichen Sozialdruck am Leben erhalten.

Der verhängnisvolle Sog der Einfachheit

All diese Narrative können authentisch-christliche Traditionen aktivieren. Sie lassen sich auf biblische und kirchengeschichtliche Vorbilder zurückführen. Sie reduzieren die Komplexität der Wirklichkeit und geben so Orientierung. Sie beziehen ihre Kraft aus christlichen Tugenden – aber sie tun dies, indem sie diese gleichzeitig gegen die Kirche wenden. So wie der Krieg in Brechts Theaterstück Mutter Courage, der alle persönlichen Tugenden zum Verhängnis der Menschen pervertiert.

Jede dieser Erzählungen enthält Wahrheitsmomente. Natürlich ist Kirche auf innovative Ideen und charismatische Führungspersönlichkeiten angewiesen. Soziales Engagement gehört unverzichtbar und zentral zum christlichen Glauben. Viele interessante Reformvorschläge liegen auf dem Tisch, die man ernsthaft und flächendeckend erproben sollte. Dazu braucht es auch Gruppen, die neue Wege suchen und christliche Gemeinschaft jenseits des Sonntagsgottesdienstes pflegen. Und ja: Vielleicht muss auch so manche Struktur zerbrechen, um Raum für Neues zu schaffen.

Selbst die Konsequenzen, die regelmäßig aus diesen Erzählungen gezogen werden, sind nicht schlechthin falsch. Jede dieser Handlungsmöglichkeiten hat in bestimmten Situationen ihre Berechtigung. Manchmal ist Abwarten und der Rückzug ins Vertraute angesagt, manchmal Verweltlichung, hin und wieder vielleicht sogar ein Sabotageakt. Das Problem liegt in der inneren Dynamik dieser Narrative, eine begrenzte Überlebensstrategie zu einer großen Erzählung zusammenzufassen. Dieser Erzählung wird dann die kirchliche Wirklichkeit eingepasst. Die Offenheit für Irritationen und die Flexibilität im Umgang mit konkreten Herausforderungen gehen verloren.

Allen Erzählungen gemeinsam ist dabei der Versuch, die komplexe kirchliche Wirklichkeit auf einen Nenner zu bringen. Als handle es sich bei Kirche um ein altes Auto, bei dem nur Zündung , Kupplung oder Vergaser zu reparieren wäre, um es wieder auf die Straße zu bringen. Man kann dann trefflich streiten, welches Teil auszutauschen ist oder ob die Reparatur überhaupt lohnt. Aber vermutlich ist dieses Bild grundlegend verfehlt. Denn es gibt keine einfache Erklärung, keine einzelne Ursache. Das kann man der praktisch-theologischen Forschung entnehmen, wenn man sie denn zu Kenntnis nehmen möchte.

„Break the wheel“ – den Kreislauf durchbrechen!

Gerade in ihrem Zusammenspiel entfalten diese Narrative ihr lähmendes Gift, das die Kirche paralysiert und reformunfähig hält. Solange man ernsthaft einem dieser Narrative anhängt, ist man für die Umgestaltung der Kirche verloren. Ich sage das selbstkritisch, denn ich bin wohl jedem einzelnen dieser Narrative schon verfallen.

Gerade dort, wo man sich um Aufbruch und frischen Ausdruck bemüht, sich gemeinsam auf W@nderschaft begibt oder eine Kirche neuer Potenz anstrebt, sollte man deshalb immer wieder selbstkritisch fragen: Welche Narrative ziehen uns in den Bann? Wie erzählen wir von der Krise und welche Handlungsmöglichkeiten versperren wir uns damit? Dabei sollte man nicht vergessen, dass diese Krisennarrative auch dort im Hintergrund wirksam sein können, wo man die Krise gar nicht explizit thematisiert und sich scheinbar auf einzelne Erfolgsgeschichten konzentriert.

Wo man sich nicht vollständig aus dem Bann dieser Erzählungen löst, kann keine Reform gelingen! Gleichzeitig sind die betreffenden Wahrheitsmomente zu bewahren. Die Tugenden, aus denen hier Kraft gezogen wird, lassen sich aus dem pervertierenden Erzählzusammenhang lösen und in produktive Reformenergie umwandeln.

Ganz egal, wie man zu einzelnen Reforminitiativen steht und wo man sich im Raum der Kirche positioniert:

Lasst uns diese Narrative und ihr lähmendes Gift entschlossen bekämpfen. Respektvoll, aber unerbittlich.

Es geht um christliche Freiheit, es geht um die Zukunft der Kirche.

Don’t just stop the wheel. Let’s break the wheel.

 Anmerkungen

1 Der folgende Text bezieht sich zunächst auf die großen evangelischen Kirchen. Inwiefern sich Ähnliches auch in der römisch-katholischen Kirche und in manchen Freikirchen beobachten lässt, soll dabei nicht diskutiert werden. Dies ist meiner Ansicht nach sehr wahrscheinlich. Man kann hier im Anschluss an Christiane Florin von einer „Ökumene der Probleme“ sprechen.

Ein Gedanke zu “Paralyse.”

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