Vom Fetisch der fleischlichen Begegnung

Ein Plädoyer für mehr Engagement von #digitaleKirche in der Verwaltung

von Michael Greder (@HerrVikarin)

Seid ihr schon einmal in ein Pfarramtsbüro hineingestolpert und habt bei einem verstohlenen Blick am vergilbten Kastenmonitor vorbei in der Ecke einen kleinen Arbeitsplatz erblickt, auf dem ein sperriges, graues Kästchen stand? Oder musstet ihr schon einmal Formulare für die kirchliche Verwaltung ausfüllen – z.B. die Anmeldung zur Konfirmation? Wer diesem Unterfangen bereits seine Lebenszeit widmen durfte, tat dies sehr wahrscheinlich unter seelischen Schmerzen. „Der Taufspruch des Paten! Für was genau wollen die das jetzt Wissen? Und wie zum Teufel soll meine E-Mailadresse in das zwei Millimeter kleine Kästchen passen?“

Weil man teilweise irgendwie doch nicht auf ein „modernes“ Verwaltungsangebot verzichten möchte, hat sich das Hase-Igel-Verfahren etabliert. Ein PDF kann heruntergeladen, mit dem Stift ausgefüllt, eingescannt und wieder zurückgemailt werden – das Original muss natürlich unterschrieben nur noch eingetütet, frankiert und zur Post gebracht werden.

Wer sich in Bayern für den Vorbereitungsdienst beworben hat, saß vermutlich examenskrank über einem lebenswegentscheidenden Papierbogen, hat mit aller Mühe spätnachts wichtige Entscheidungen eigetragen und sich auf den verdienten Feierabend gefreut. „Aber Moment! Wofür sind die anderen beiden Formulare? Die sehen ja identisch aus! Ich muss alles dreimal handschriftlich ausfüllen? Auch meine persönlichen Daten, die die Landeskirche schon seit Jahr und Tag von mir hat?“ Ja, das muss ich.

Die unleidliche Liste unattraktiver Verwaltungsakte – und deren Anbahnung – ließe sich unschwer fortsetzen. Das Murren und Knurren über Berührungspunkte mit der kirchlichen Verwaltung ist vermutlich so alt wie der Einzug des sprichwörtlichen Preußentums ins bayerische Kirchenwesen. Am Ende des Tages sind wir alle aber doch unendlich dankbar dafür, dass Menschen in der landeskirchlichen Verwaltung und im Pfarramt daran arbeiten, den Laden am Laufen zu halten. Diese meist unsichtbare Arbeit kann gar nicht hochgenug geschätzt werden. Man muss sich nicht gleich Max Webers Überlegungen zur Bürokratie unter das Kopfkissen legen, um einzusehen, dass eine ordentliche Verwaltung Signum landeskirchlicher Praxis ist, die letztlich viele Vorteile bietet. Dies gilt, obgleich die Verwaltung für die Allgemeinheit meist im Verborgenen stattfindet. Wenn die Verwaltung funktioniert, entschwindet sie dem Bewusstsein, sowie der Brief, der im Postkasten landet. Wenn aber ein Problem auftritt, brennt sich dieses umso fester ein. Das ist das Los der Administration.

Im Gegensatz zu Forderungen nach experimentierfreudiger und professioneller Kommunikation der Kirche im Netz, kommt das Thema der Verwaltung äußerst schnöde daher. Allein schon das begleitende Framing mit Worten wie Effizienz legt in kirchlichen Kreisen einen verruchten Mantel über den unbeliebten Komplex.

Ich habe mich in diesem Blog bereits zum Thema #digitaleKirche geäußert und bei meinen Überlegungen die Dimension der Verwaltung bisher ausgespart. Dies lag vor allem an meinem fehlenden Wissen um die pfarramtliche Verwaltungspraxis. Mein gesichertes Wissen ist in den letzten Monaten kaum anstiegen, allerdings konnte ich aufgrund meiner ehrenamtlichen Tätigkeit und vieler Gespräche einige durchwachsene Eindrücke gewinnen. In mir hat sich die Überzeugung verfestigt, dass die #digitaleKirche das Problem an der Wurzel nicht tief genug anpackt. Die Geisteshaltung gegenüber der Digitalisierung wird zuvorderst in der Organisation und Ausstattung der Verwaltung offenbar – nicht in ihrem Umgang mit den Sozialen Medien.

Allzu häufig fordert die #digitaleKirche von Pfarrer:innen mindestens implizit ein Engagement, das dem physischen und psychischen Workload einige Schippen oben draufpackt. Wo soll da die Muße für einen Geisteswandel entstehen, der die digitale Welt als Raum von Möglichkeiten erschließt? Wo soll hier der Platz für das sein, was Pfarrer:innen als „das Eigentliche“ ihrer Arbeit beschreiben und zugeschrieben bekommen. Stattdessen werden sie mit immer weiteren Anforderungen und Erwartungshaltungen konfrontiert, die im Wochenplan einfach keinen Platz finden.

Dabei bietet gerade die #digitaleKirche das Potenzial, für eine effizientere Verwaltung einzutreten und damit Platz für das Eigentliche zu schaffen. An dieser Stelle kann digitalen Abstinenzler:innen die neue Welt in geeigneterer Weise schmackhaft gemacht werden als durch die immer wieder neueingekleideten Diskussionen um die Geist- und Heilswirkung von Telegottesdiensten und Fernsakramenten.

Im Zuge der zahlreichen Beiträge zur pastoralen Verfasstheit der Kirche während der Coronasituation mahnte der Systematiker Lukas Ohly mit Blick ins Netz eine Katholisierung der Glaubenspraxis an.

So gerne ich das von Ohly geschliffene Kantholz in den letzten Wochen im Privaten meinen Gesprächspartner*innen in die Speichen geworfen habe, ist diese Perspektive doch symptomatisch für einen zu engen Blickwinkel auf das unmittelbar Sichtbare. Es geht um Reichweite, Likes und Views, einen zeitlichen Return on Investment und vor allem um die Frage, wie viel von der reformatorischen Lehre dem Fortschritt anheimfällt.

Nicht unbedingt bei Ohly, aber bei vielen anderen Gelegenheiten hat sich im kirchlichen Diskursraum ein Fetisch der fleischlichen Begegnung herausgebildet. Körperliche Nähe wird gleichgesetzt mit Unmittelbarkeit, Authentizität und emotionaler Nähe. Alles Handeln muss sich daran messen wie „nah am Menschen“ Kirche ist – wobei „nah“ hier sehr eng gefasst wird. Die fleischliche Begegnung gilt als Archetyp der kirchlichen Kommunikation und umso weiter (durchaus im geografischen Sinne) sich die Pfarrperson entfernt, desto weniger Qualität wird einer Beziehung beigemessen. Technisch vermittelte Kommunikation kann zur völligen Entfremdung des Menschen gereichen. Handlungen, die sich nicht in vermeintlich unmittelbaren, fleischlichen Begegnung, vollziehen lassen, gelten als unvollständig oder Notlösungen. Man könnte meinen, die fleischliche Begegnung sei alleine sich selbst genüge.

Berüchtigte Zitate von Kirchenvertreter:innen aus den letzten Jahren, die den Geist dieses Fetisch der fleischlichen Begegnung atmeten, riefen jeweils erwartbar heftige Reaktionen der #digitalenKirche hervor. Das digitale Wir wartet nur auf die nächste Gelegenheit, „denen da oben“ wieder Bescheid geben zu können. Das gehört zur Identität von #digitaleKirche, wie das Confiteor zum lutherischen Gottesdienst. Die in diesem Ritus gefeierte Kritik ist verständlich. Greift doch der Fetisch der fleischlichen Begegnung die eigene religiöse Identität an.

Meist haben diese Auseinandersetzungen vermutlich nur zum Ergebnis, dass sich jeder seiner Sache ideologisch noch sicherer ist. Dies ist umso mehr der Fall, wenn die Debatten rein theoretischer Natur sind und die Konsequenzen für die kirchliche Praxis kaum Beachtung finden. Dabei zeitigt die Skepsis am Fortschritt und die ideologisierende Kritik an dieser Skepsis durchaus handfeste Probleme. Der Fetisch der fleischlichen Begegnung führt zum vergilbten Röhrenmonitor im Pfarramt. Die überschwängliche Einverleibung alles Neuen überrollt praktische Notwendigkeiten.

Es ist meiner Meinung nach an der Zeit, konstruktiver mit der Institution und ihren Mitarbeitern ins Gespräch zu kommen. Die Bürokratie als ein Arbeitsfeld der Kirchen scheint mir aus den genannten Gründen ein geeigneter Ausgangspunkt dafür zu sein.

Jeder Verwaltungsakt für sich genommen stellt aus Sicht der Antragstellerin letztlich keine große Herausforderung dar. Es muss nun mal gemacht werden, was gemacht werden muss. Die Pfarrämter stehen allerdings inmitten der Gesamtheit der Verwaltungstätigkeiten. Zwischen Erwartungen der Gemeindemitglieder, Regelungen des Dekanats und Ansprüchen der Landeskirche.

Der Fetisch der fleischlichen Begegnung verführt zu falschen Prioritäten, ebenso wie der Drang einer Digitalisierung der Kirche, das Digitale nachgerade als Selbstzweck erscheinen lässt. Das Eigentliche fällt in beiden hinten runter oder geht im Rauschen des organisierenden Geschäfts unter. Das sperrige graue Kästchen – die Schreibmaschine im Pfarramt, deren Farbband noch nicht ausgetrocknet ist, steht mahnend im Raum: War sie einst ein Indiz für den Fortschritt, der mit einem Effizienzversprechen Einzug gehalten hat, steht sie nun als Objekt gewordener Anachronismus dem Eigentlichen im Weg wie es einst die Feder im Tintenfass tat. Den Verkündigungsauftrag ernst zu nehmen, bedeutet nicht nur, auf dem Pfad des Bekenntnisses zu wandeln. Den Verkündigungsauftrag nimmt man vor allem dadurch ernst, dass ihm Zeit eingeräumt wird. Ein kleiner Baustein dabei ist, Taufurkunden nicht mehr an der Schreibmaschine ausfüllen zu müssen.  Eine moderne, effiziente Verwaltung auf allen Ebenen ist dazu ein wichtiger, wenngleich auch nicht so sichtbarer Schritt. Die damit einhergehenden Entlastungen schaffen neuen Raum fürs Eigentliche, wobei die Frage nach online oder doch fleischlich dann sekundär wird.

[Titelbild: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2010-07-27_IBM_Selectric_Kugelkopfschreibmaschine.JPG, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

Rezension: Cord Aschenbrenner, Das evangelische Pfarrhaus

Aschenbrenner, Cord, Das evangelische Pfarrhaus. 300 Jahre Glaube, Geist und Macht: Eine Familiengeschichte, München 2015.

Rezensiert für www.nthk.de von Jonas Milde am 8. Januar 2018, veröffentlicht am 20. Juni 2018.

„Pfarrers Kinder, Müllers Vieh gedeihen selten oder nie.“ – Neun Generationen an Pfarrern und Pfarrerskindern der Familie Hoerschelmann stellt der Journalist und Historiker Cord Aschenbrenner, selbst ein „Pfarrersenkelkind“, in seinem 2015 erschienen Buch vor. „Selten“ hat seit dem Aufkommen des Sprichwortes einen Bedeutungswandel erfahren. Meinte es ursprünglich „,besonders‘ oder ,außergewöhnlich‘“ (55), meint es heute „,nicht häufig‘“. Einen Bedeutungswandel hat auch das evangelische Pfarrhaus erfahren. Lange Zeit war es etwas „seltenes“, also etwas besonderes. Das Pfarrhaus unterschied sich von anderen Häusern, war doch der Hausherr – und nicht etwa nur seine wohl oder weniger wohl geratenen Kinder – kraft seines Amtes etwas „seltenes“.

Bei aller Idealisierung, die man dem Pfarrhaus angedeihen lassen hat, und den daraus möglicherweise hervorgehenden Vorbehalten dem Vorhaben A.s gegenüber – seine Bedeutung kann man dem evangelischen Pfarrhaus nicht absprechen; in Deutschland und Estland ebenso wenig wie im weltweiten Protestantismus. Und wer mit der Lektüre von A.s Buch beginnt, merkt schnell, dass es den Autor keinesfalls um die Verklärung einer untergegangenen Welt geht; denn „[d]as deutsche evangelische Pfarrhaus im Baltikum gibt es längst nicht mehr“ (16). Das Erbe jedoch lohnt die Betrachtung – nicht nur für die unmittelbaren Erben, die gegenwärtig evangelische Pfarrhäuser bewohnen.

Ausgehend von einem Zeitungsartikel, den A. 2011 für die Süddeutsche Zeitung verfasste (11), weitete und vertiefte er seine Recherchen zur Familien- und Pfarrhausgeschichte und reiht sich so selbstbewusst in die „[s]eit den 1970er Jahren [entstandenen] Untersuchungen […] zum evangelischen Pfarrhaus“ (23) ein. Er legt sein Hauptaugenmerk hierbei nicht auf eine „Pastorendynastie“ in Deutschland, sondern auf eine deutsche Familie, deren Wirkungskreis in den betrachteten Jahrhunderten vorwiegend im Baltikum lag. Die Hoerschelmanns, unter Katharina II. in den erblichen Adelsstand erhoben, waren Teil jener deutschbaltischen Elite, die das Land an der Ostsee in seiner wechselvollen Geschichte bis ins 20. Jahrhundert hinein prägte. Ein Ende fand dies mit der „,diktierten Option‘“, der „[f]ormal zwar freiwilligen, dennoch unter Zwang, wenigstens aber unter starkem Druck“ (268) vollzogenen Abwanderung der Deutschen aus dem Baltikum ins „Großdeutsche Reich“ während der NS-Herrschaft.

Damit endete eine Geschichte, die 1768 begann, als Ernst August Wilhelm (von) Hoerschelmann, 1743 geboren als Sohn des Großrudestedter Superintendenten, seine thüringische Heimat verließ und über Lübeck per Schiff nach Reval / Tallin kam. Vier seiner sechs Söhne wurden wie schon ihr Großvater – der Begründer der Hoerschelmann’schen Pastorendynastie – Theologen und begründeten die vier „,Häuser‘, benannt nach den Wohnorten oder dem Ort der Pastorate“ (19), aus denen zahlreiche Pfarrer und Pfarrfrauen hervorgingen.

Über diese – in treffender Auswahl – berichtet A. und führt den Leser in 27 Kapiteln durch die bald dreihundertjährige Geschichte: beginnend im Kernland der Reformation, rund 170 Jahre in Estland fortgeführt, zu ihrem – vorläufigen – Ziel kommend in Norddeutschland und Hongkong. Mit Seitenblicken, etwa auf die Entstehung des evangelischen Pfarrhauses (Martin Luther oder Die ideale Familie, 47–56) und die deutschbaltische Geschichte, werden die Familiengeschichten in einen ideellen und kulturhistorischen Rahmen eingeordnet, den ihre Protagonisten mitgeprägt haben.

Auch Blicke auf andere Pfarrer und Pfarrhauskinder werden geboten; teils als Spiegel zu den Hörschelmanns. So tauchen Gestalten wie der westfälische Posaunengeneral Johannes Kuhlo auf, dessen befremdlicher Kleidungsstil „gegen die ungeschriebenen Anstandsregeln seines Berufsstandes“ verstieß (143), ebenso die großen Geister des lutherischen Pietismus‘ Spener (100f.), Francke (64.99.101ff.) und Zinzendorf (99.103.136), deren Theologie viele Pastoren und „Pastorinnen“, also Pfarrfrauen, der Familie Hoerschelmann prägten.
Mit den theologischen Entwicklungen werden anhand der deutschbaltischen Pfarrhäuser auch die kirchlichen Verhältnisse in Deutschland gespiegelt, vor allem diejenigen Preußens und des Deutschen Reiches ab 1871. So etwa die Zeit des Kulturkampfes (171ff.) und die des Dritten Reiches (249ff.), das für die Hoerschelmanns die Rückkehr ins Land der Reformation, in dem viele ihrer – männlichen – Mitglieder studiert hatten, bedeutete. Die Verteilung des Stoffes der dreihundertjährigen Familiengeschichte erfolgt angenehm ausgewogen, wenngleich das 20. Jahrhundert den weitesten Raum einnimmt.

In zahlreichen Familienlegenden und -geschichten, die die Ursprünge der Familie mit einem Mose gleichenden, aus dem Wasser der Hörsel geretteten Baby, das man „Hörselmann“ nannte, sehen wollen (25), gelingt es A., Landes-, Pfarrhaus- und Familiengeschichte in Estland und Deutschland miteinander zu verbinden und die einzelnen Charaktere der Familie profiliert zu beschreiben. Dabei greift er auf vielerlei Material zurück, das Mitglieder der Familie, allen voran der Familienchronist Constantin – er ist einer der Theologen der 5. Generation – und der beide Weltkriege miterlebt habende Gotthard Hoerschelmann – er gehört zur 7. Generation – niedergeschrieben hatten. Von unverhofften Wendungen zum Guten – etwa einen aus Armut befreienden Blitzschlag (146) – ebenso wie von harten Plagen, Anfechtungen und Prüfungen – so beispielsweise die mehr als zehnjährige Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion, in der Gotthard Hoerschelmann heimlich in Lagern Abendmahl „mit wässriger Kohlsuppe oder mit Kwas und einem aufgesparten Brotkanten“ (311) feierte, – erzählt A.s etwa 350 Seiten langes Werk. Die zahlreichen Fotographien und Abbildungen helfen, die Pfarrer der neun Generationen und ihre oftmals die gleichen Namen tragenden Verwandten nicht zu verwechseln, ebenso die Karte und der Stammbaum, die dem Buch im Einband mitgegeben sind.

Selbstredend ist es gewagt, von dieser einen Pastorenfamilie pars pro toto auf das evangelische Pfarrhaus zu schließen. Doch das diesem Buch gespendete Lob hat es zurecht erhalten – in einer Vielzahl von Rezensionen sowie durch den Georg Dehio-Buchpreises 2016. Die Liste der bereits von anderen Rezensenten des Werkes angemerkten „Ungenauigkeiten und Fehler“, die sich eingeschlichen haben, (so Christopher Speer, Rez. in ThLZ 142 (2017), Sp. 242-244) und für das Ende des 18. Jahrhunderts bereits belegt wurden, schmälert diesen Erfolg nicht, könnte an wenigen Stellen auch in Bezug auf das 16. und das 20. Jahr fortgesetzt werden; etwa dort, wo A. Kirche und Pfarrhaus im Dritten Reich schildert. So bestand die Idee einer „Reichskirche“, die die Nationalsozialisten zu verwirklichen suchten, genau genommen nicht erst seit der Reichsgründung 1871 (251), das Wirken der lutherischen Bischöfe Hannovers, Bayerns und Württembergs in den 1930er und 40er Jahren, August Marahrens, Hans Meiser und Theophil Wurm, wird zu Lasten der Renommees dieser Kirchenmänner unausgewogen beleuchtet (252.327), und Otto Dibelius völlig zu Unrecht unterstellt, dass „[m]it Repräsentanten wie [ihm] die evangelische Kirche bereits vor 1933 vor den Nationalsozialisten freiwillig in die Knie“ gegangen sei (251).

Auch dort, wo die Ursprünge des Pfarrhauses im Reformationszeitalter liegen, liest sich einiges schief. So wird Luthers Haltung im Bauernkrieg nur mit seiner „blutrünstigen“, ursprünglich jedoch als Anhang zur Ermahnung zum Frieden verfassten und erst später als Separatdruck verbreiteten Schrift Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern deutlich verzerrt widergegeben (49). Möglicherweise wird es dem Rezensenten auch als kleinliche Spitzfindigkeit gewertet, wenn er anmerkt, dass die Rechtfertigungslehre des Wittenberger Reformators nicht „ein zentrales Element der Reformation“ (329, Kursivsatz J.M.) ist, sondern deren Mitte, Zentrum und Kern.

Doch ging und geht es Lutheranern – nicht nur denen der Familie Hoerschelmann und nicht nur Pfarrhausbewohnern – genau um dies: Leben und Handeln als Christenmenschen aus der Gnade der Rechtfertigung. Dass dieses auch gegenwärtig an Bewohnern von Pfarrhäusern – aber zweifellos nicht nur bei solchen – erkennbar ist, dazu gebe dieses Buch durch die von ihm gewirkte Lesefreude einen Anstoß.

 

Jonas Milde ist Examenskandidat der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Schaumburg-Lippe.