Rezension: Wolfgang Thönissen, Luther. Katholik und Reformator

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Thönissen, Wolfgang, Luther. Katholik und Reformator, Paderborn / Leipzig 2017.

Rezensiert für www.nthk.de von Jonathan Reinert am 9. Oktober 2017, veröffentlicht am 14. Dezember 2017.

 

Während ich im Zug sitze und diese Rezension schreibe, spricht mich die neben mir sitzende Mitreisende, die das Cover des Buches entdeckt, an: „Ich bin gerade etwas verwirrt … Luther – war der nicht evangelisch?“ Gute Frage. Und entsprechend hat auch der Autor in seinem Vorwort die Frage umgekehrt vorweggenommen: „Luther – katholisch?“ (7) 2017, im Jahr des Reformationsjubiläums, das die evangelischen Kirchen groß feiern – so erkläre ich meiner Sitznachbarin –, fragt sich auch die katholische Kirche (und die evangelischen ebenso), wie sie sich zur Reformation und zu Luther verhält.

Wolfgang Thönissen, Direktor des (katholischen) Johann-Möhler-Instituts für Ökumenik in Paderborn, antwortet: Luther zeigt gewissermaßen zwei Gesichter, die im Titel wie auf dem Cover des Buches festgehalten sind. Er ist beides – Katholik und Reformator. Das eine soll aber nicht gegen das andere ausgespielt werden: „Wenn wir auch nicht leugnen können oder wollen, dass Luther der Reformator ist, so bleibt doch bedenkenswert, dass er in seinem Selbstbild katholisch sein wollte.“ (10) Katholisch zu sein müsse nicht bedeuten, „Mitglied der konfessionell identifizierbaren römisch-katholischen Konfessionskirche“ (10) zu sein, sondern könne wie im Falle Luthers anhand einer „katholischen Denkart“ (10) abgelesen werden. Wie soll das geschehen? Nach Lektüre des Buches scheinen mir vier Aspekte wesentlich:

(1.) Das angesprochene ‚katholische‘ Selbstverständnis Luthers sei ernst zu nehmen. Thönissen spricht im Anschluss an Augustinus Sander von Luthers ‚konfessorischer Katholizität‘ (vgl. 115), also dass sich Luther selbst auf Grundlage der Heiligen Schrift im Rahmen der altkirchlichen Bekenntnisse als Theologe der einen, christlichen, d.h. katholischen Kirche verstand und als solcher dachte.

(2.) Für die Verortung in der Tradition hält der Autor den Weg, den Melanchthon in seiner ‚Historia Lutheri‘ 1546 nach Luthers Tod gewiesen hat, für besonders geeignet: Von Luther zu Bernhard von Clairvaux, von Bernhard zu Paulus und von Paulus zu Augustinus (vgl. 34-41). Auf diesem Weg können man das „Beziehungsgefüge Christus, Evangelium und Glaube“ (40) als den „Anker, das Prinzip und den Ansatz der Theologie Luthers“ (40) in der kirchlich-theologischen Tradition über die Jahrhunderte hinweg verorten.

(3.) Methodisch unterscheidet Thönissen zwischen der in der genannten Tradition verwurzelten Denkart Luthers (‚der Katholik‘; vgl. 115-121) und der Wirkung seines Denkens (‚der Reformator‘), welche als Reformation incl. Kirchenspaltung bekannt ist und ein Ergebnis (kirchen-)politischer Vorgänge gewesen sei: „Luther mag als Reformator von der katholischen Kirche verbannt worden sein, seine reformerische Theologie, sein Denken ist es keineswegs.“ (41)

(4.) Schließlich seien die zahlreichen ökumenischen Gespräche und Erfolge der letzten Jahrzehnte zu würdigen und ernst zu nehmen, wodurch auch ersichtlich geworden sei, dass Luther auf dem Konzil von Trient nicht nur verurteilt, sondern auch implizit rezipiert worden sei (vgl. 102-114). Neben der Rechtfertigungslehre und dem Verhältnis von Schrift und Tradition versucht Thönissen auch an den Themen Eucharistie und Amt darzustellen: „Indem man die Denkformen, die nicht identisch sind, komplementär aufeinander bezieht, ohne sie gegenseitig zu reduzieren, werden Verständigungen zwischen ihnen möglich, die einen Konsens in Grundwahrheiten zu formulieren erlauben. Der Konsens trägt differenzierende Urteile, die sich nicht kontradiktorisch ausschließen. […] der Streit des sechzehnten Jahrhunderts [ist] zu Ende.“ (114) Das klingt toll und für die Rechtfertigungslehre hat man dies auch offiziell festgestellt. Aber sind nicht gerade Eucharistie und Amt nach wie vor die Knackpunkte der gegenwärtigen lutherisch-katholischen Diskussion? Thönissens kurzer Hinweis, im Zusammenhang der Amtsfrage seien „freilich […] noch viele Fragen ungeklärt“ (110) liest sich jedenfalls so, als handle es sich dabei nur Nebensächlichkeiten.

Das Buch ist erkennbar ein Ergebnis jahrelanger, intensiver Überlegungen. Sein Ziel ist es, theologisch Interessierten darzulegen, was es heißt, dass ‚Luther keine Spaltung, sondern eine Reform der Kirche wollte‘ – wie der quasi-offizielle Programmspruch für die Ökumene zwischen evangelischer und katholischer Kirche für das Reformationsjubiläum lautet. Geschrieben scheint es von einem Katholiken für Katholiken, die eben diese Frage beschäftigt, wie sich die (römisch-)katholische Kirche zu Luther und den Kirchen der Reformation verhalten soll. Ökumenisch engagiert und mit großer Kenntnis zeigt Thönissen: Von Luther kann man auch als guter Katholik eine Menge lernen, denn er selbst war in gewisser Hinsicht auch Katholik; sich mit ihm zu beschäftigen lohnt sich. Den evangelischen Rezensenten freut dies, weil er derselben Meinung ist.

In Endnote Nr. 6 ist im Übrigen die Information versteckt, dass es sich bei dem Büchlein um eine überarbeitete Kurzfassung des ein Jahr zuvor bei denselben Verlagen erschienenen Werkes „Gerechtigkeit oder Barmherzigkeit? Das ökumenische Ringen um die Rechtfertigung“ handelt. Obwohl das vorliegende Buch tatsächlich weitgehend in den dortigen Rahmenkapiteln eins bis drei und acht enthalten ist, hat es mit der Frageperspektive auf Luthers Katholizität durchaus etwas konzeptionell Eigenständiges.

 

Jonathan Reinert hat in Jena, Göttingen und Tübingen evangelische Theologie studiert und arbeitet derzeit an einer kirchenhistorischen Dissertation über Passionspredigten im 16. Jahrhundert in Jena. Er ist Geschäftsführer des Evangelischen Bundes Württemberg und Schriftleiter der Zeitschrift „ichthys“.

Gottesdienst für die ganze Gemeinde oder: Kinder willkommen?

von Claudia Kühner-Graßmann

Prolog: Dieser Beitrag entstand aufgrund von Wut und Enttäuschung. Wut und Enttäuschung darüber, dass unser dreijähriger Sohn quasi aus dem Gottesdienst geworfen wurde. Es handelte sich um einen großen Festgottesdienst zum Reformationsjubiläum. Unser Kind geht gerne in die Kirche, liebt Orgelmusik und ist als Pfarrerskind sehr vertraut mit dem Setting. Er ist aber auch ein Kind, das alles besprechen muss und viele Fragen hat. So will er alles über den Gottesdienst wissen und singt fleißig mit (eigene Melodie und Text, versteht sich). Als er bei der Predigt etwas aufgedreht wurde, suchte mein Mann mit ihm die Spielecke auf. Dort spielte er und plapperte dabei mit anderen Kindern. Sie diskutierten über die richtige Anordnung von Puzzleteilen und schauten sich gemeinsam Wimmelbücher an. Die Konsequenz: einige Gottesdienstbesucher beschwerten sich bei meinem Mann und hielten ihn an, das Kind bitte ruhig zu stellen. In der Spielecke. Ja, unser Sohn war nicht das einzige Kind, mein Mann aber das einzige Elternteil. Der Küster blieb zwar freundlich, machte aber durch sein Verhalten deutlich, dass das Kind eine Störung sei.

Das Ergebnis: wir verließen während des Abendmahls den Gottesdienst. Mit einem weinenden Kind, das gerne in der Kirche geblieben wäre. Noch während des Aufbruchs wurde mein Mann von mehreren Gottesdienstbesuchern mit Beschwerden und Erziehungsratschlägen konfrontiert.

Anlässlich dieses Erlebnisses, das uns sehr ärgerte, möchte ich ein paar Überlegungen zum Gottesdienst, seinem Sinn und (gerechtfertigten) Erwartungen an ihn anstellen, die in der Frage nach Kindern im Gottesdienst münden sollen.

1. Gottesdienst als Wort-Antwort-Geschehen der ganzen Gemeinde

Da es sich bei dem Gottesdienst, der Anlass zu diesen Überlegungen gibt, um einen Gottesdienst zum Reformationsjubiläum handelte, bietet es sich an, einen Blick auf denjenigen zu werfen, der in diesem Zusammenhang am meisten gefeiert wurde: Martin Luther.

Luthers sog. Torgauer Formel beschreibt den Gottesdienst als Wort-Antwort-Geschehen zwischen Gott und Gemeinde.1 Dabei betont er, dass der Gottesdienst eine „ordentliche, allgemeine, öffentliche Versammlung sei, weil man nicht für jeden einen besonderen Ort bestellen kann und auch nicht in heimliche Winkel gehen soll, auf daß man sich dort verstecke.“2 Es handelt sich also um eine öffentliche Versammlung der ganzen Gemeinde. Natürlich ist die Antwort der Gemeinde für Luther keine chaotische Rede aller. Vor Augen steht ihm eine geordnete Veranstaltung, bei der ein ordentlich Berufener predigt und die Gemeinde gemeinsam in geordneter Weise einstimmt mit Gebet und Gesang. Als öffentliche Versammlung aller Glaubenden gibt es, das sei zuerst festzuhalten, keine Voraussetzungen für die Teilnahme außer dem Glauben (und wer möchte diesen schon seinem Nächsten absprechen?).

Wie sieht es dann mit der Ordnung dieses Gottesdienstes aus, der Liturgie? Diese wird häufig ehrfurchtsvoll behandelt und Störungen im Geschehen als besonders frevelhaft wahrgenommen. Luther ist hier pragmatisch: an den äußeren Ordnungen sei nichts gelegen. Sie sollen lediglich dem Nächsten und einem pädagogischen Zweck dienen, etwa auch um des „jungen Volks willen“.3 Die Liturgie ist also nichts Göttliches. Vielmehr dienen die Ordnungen der Versammlung der Glaubenden. Nimmt man dazu Luthers dialogisches Gottesdienstverständnis, dann handelt es sich nicht um ein rein rezipierendes Geschehen. Nein, die Gemeinde soll aktiv dabei sein – in Gebet und Gesang. Alles geordnet, aber aus praktisch-pragmatischen und pädagogischen Gründen.

Mit Luther kann also etwas von dem ehrfürchtigen Ernst genommen werden, der für einige Gottesdienstbesucher korrektes Gottesdienstverhalten charakterisiert. Hinzu kommt eine immer noch existierende besondere Ehrfurcht vor der Pfarrperson. Bleibt man auch hier bei Luther, so fällt der qualitative Unterschied von Pfarrern und Laien weg – Priestertum aller Getauften eben. Natürlich existiert ein Unterschied, der aber als funktionaler zu beschreiben ist, da die Pfarrerin als Theologin quasi Profi und durch ihr Amt in besonderer Weise verantwortlich ist.

Entspannt sich der Umgang mit Liturgie und Pfarrern dahingehend, dass ihre Rolle pragmatisch und funktional verstanden wird sie verstanden werden, können wir Protestanten eine Sache ernst nehmen: Gottesdienst feiern. Und zwar feiern als zum Gotteslob versammelte Gemeinde aller Gläubigen. Dafür gibt es keine menschlich überprüfbare Eintrittskarte und kein Mindestalter. Natürlich unterliegt diese Versammlung einigen Regeln, die das gemeinsame Gotteslob ordnen. Dazu gehört auch der Respekt vor der Pfarrerin, der etwa verbietet, während der Predigt ständig dazwischenzurufen. So gilt es, die Waage zwischen Respektlosigkeit und überernster Ehrfurcht zu wahren. Es geht um Gottes Wort (und Sakrament) und nicht um die richtige Gebetshaltung oder besonders konformes Verhalten, denn dafür gibt es kein Fleißbildchen! Wäre dem so, handelte es sich letztlich nicht um Gottesdienst, sondern um Werkgerechtigkeit. Diese ist aber mit der reformatorischen Erkenntnis der Rechtfertigung allein aus Gnaden obsolet.

2. Erwartungen an den Gottesdienst

Es scheint so zu sein – von empirischen Untersuchungen gestützt4 –, dass bei all den unterschiedlichen Erwartungen an den Gottesdienst diejenige hervorsticht, dass er etwas „Anderes“ zu sein habe. Ein bisschen weg vom Alltag, aber diesen aufnehmend und in diesen hinein scheinend. Was das konkret heißt, divergiert wiederum stark. Es zeigt sich, dass man mit einer Vielzahl von Erwartungen konfrontiert wird, die nicht alle erfüllt werden können. Dabei wird aber vor allem eines deutlich: Man wird es nie Allen Recht machen können! Jeder Gottesdiensteilnehmer geht wiederum einen Kompromiss ein, denn nicht jedes spirituelle Bedürfnis wird gestillt. Jeder nimmt aber auch etwas anderes mit: ein bestimmtes Lied, die Predigt, eine besondere Gebetsformulierung, den Hall der Kirche…

Bei gar nicht so wenigen Gottesdienstteilnehmern scheint eine gewisse Furcht davor zu bestehen, etwas falsch zu machen, etwa an der falschen Stelle aufzustehen. Gemeindegottesdienste sind meistens gut eingespielte Veranstaltungen der Kerngemeinde – so jedenfalls der Eindruck. Genau diese Furcht davor, etwas falsch zu machen, vielleicht gar etwas zu verpassen, was für das Seelenheil wichtig sein könnte, auf der einen Seite und die gut eingespielte Kenner auf der anderen, die nicht selten als Wächter des rechten Gottesdienstverhaltens auftreten – dieses Zusammenspiel der Rollen lässt die Szenerie häufig steif und streng wirken, gerade für Außenstehende und weniger versierte Gottesdienstbesucher.

Wie kann dem entgegnet werden? Ich möchte hier keine konkreten praktischen Ratschläge ausbreiten, sondern vielmehr dazu anhalten, den Gottesdienst zu entmythologisieren und als Gemeinde der Gläubigen zu feiern. Die Verantwortung liegt hierbei beim Pfarrer, bei der Pfarrerin, anderen Hauptamtlichen und beim leitenden Kreis der Gemeinde. Willkommenskultur statt Kirchenzucht gilt es zu proklamieren. Konkreter gehört dazu auch, zu hohen Erwartungen etwa an den Geräuschpegel entgegen zu wirken. Leiterinnen und Leiter einer Gemeinde müssen dafür einstehen, dass Gottesdienste eine Veranstaltung für alle ohne Eintrittskarte sind! Selbstverständlich sind sie auch dafür verantwortlich, die Ordnung einzuhalten. Von deren Sinn und Status war bereits die Rede. Aber es spricht nichts dagegen, zwischendurch die Toilette aufzusuchen, dem Nachbarn einen Gedanken mitzuteilen oder ein Kind zu stillen. Es darf nicht vergessen werden, dass gerade durch die Öffentlichkeit des Gottesdienstes und seine zentrale Stellung, die ihm doch im Gemeindeleben zukommen sollte, die Gemeinde sich hier durch ihre engsten Glieder, der sog. Kerngemeinde, und ihrer Mitarbeiter präsentiert. Der Eindruck, den ein Gottesdienst hinterlässt, so meine These, wird nicht nur durch Predigt und Gestaltung durch den Pfarrer oder die Pfarrerin geprägt. Auch die Gestaltung des Raumes und nicht zuletzt die Haltung der Gemeinde gegenüber dem Gottesdienst spielen ebenfalls wichtige Rollen. Dieses Setting als Ganzes ist so einzurichten, dass man sich willkommen und nicht als Störer fühlt.5

Gottesdienst ist Raum für Besinnung, aber in erster Linie gemeinsames Gotteslob der Gemeinde unter Leitung einer Pfarrerin (oder einer anderen berufenen Person). Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Überhöhte Erwartungen müssen nicht bedient werden. Das bedeutet nun aber nicht, dass Gottesdienste unprofessionell und nett-verkruscht sein sollen. Nein! Man darf vom theologischen Profi ruhig eine gut vorbereitete Performance verlangen und einklagen. Aber das Setting selbst ist kein Göttliches. Der Geist weht, wo er will, und kommt nicht nur dann, wenn alle besonders ehrfurchtsvoll erschaudern.

Noch eine kleine ekkelsiologische Bemerkung: der einzelnen Gemeinde muss bewusst sein, dass sie als Teil der gesamtem Kirche agiert. D.h. auch, dass schlechte Erfahrungen zumeist auf die Kirche als ganze projiziert werden. Die einzelne Gemeinde ist immer mehr als ihre konkret versammelte Gestalt. Das wird im Gottesdienst ja gerade deutlich. Zwar feiert eine Gemeinde gemeinsam Gottesdienst, aber es geht nicht darum, sich selbst zu feiern. Gottesdienst ist eine öffentliche Veranstaltung der Gemeinde, die diese zugleich im Sinne der Gemeinde aller Gläubigen transzendiert.

3. Kinder im Gottesdienst – Qual oder Freude?

Eine Veranstaltung, die dem gilt, der die Kinder eigens zu sich ruft und der ihre Fähigkeit zu voraussetzungsloser Liebe zum Vorbild des Glaubens macht, kann ja eigentlich nicht anders gedacht werden, als einladend für Kinder. Einfach gesagt, aber schwierig umzusetzen. Denn Gottesdienst mit Kindern bedeutet vor allem für Eltern Stress. Selbstverständlich existiert ein Druck, das Kind „ruhig“ zu halten. Was das bedeutet und wie das geht, wissen vor allem ältere Gottesdienstbesucher ganz genau. Natürlich kann ein gewisser Grad an Anpassung verlangt werden, etwa sollte kreischendes Fangenspielen im Kirchenschiff während der Predigt unterbunden werden. Aber darum geht es nicht. Das dürfte den Meisten klar sein. Es geht vielmehr darum, Kinder nicht nur zu dulden, sondern als Teil der Gemeinde wahrzunehmen. Und als solche gehören sie selbstverständlich zu den Teilnehmern des Gottesdienstes. Neben den vielen Forderungen nach mehr zielgruppenorientierten Angeboten sollte daher an der Zielvorstellung des Sonntagsgottesdienstes als Mitte der Gemeinde zumindest als Idee festgehalten werden6 (Überlegungen zur angemessenen Gestaltung stehen auf einem anderen Blatt).

Meiner Meinung nach entbindet dies aber auf der anderen Seite nicht vom Angebot des Kindergottesdienstes. Schon allein aus pädagogischen Gründen ist es sinnvoll, kindgerechte Formen von Liturgie und Verkündigung zu finden. Aber diese sollen letztlich einen Mehrwert für die Kinder haben und eben nicht die Kinder aus dem Gottesdienst fernhalten, damit etwa Eltern einmal ihre Ruhe haben (was für mich als Mutter natürlich verlockend ist) oder andere Gottesdienstbesucher nicht gestört werden. Lässt sich ein regelmäßiger Kindergottesdienst nicht realisieren, dann ist eine Spielecke eine Möglichkeit, wie es sie in vielen Kirchen gibt. Das ist durchaus sinnvoll, denn für viele Kinder ist es eine Zumutung, so lange zu sitzen. Allerdings kann deren Zweck lediglich sein, Kinder zu beschäftigen und damit ihre Laune zu heben.Wie und wo dies gestaltet wird, muss im Einzelfall beraten werden. Aber der Grundton sollte in jedem Fall ein einladender und nicht ein ausladender sein.

Von dieser einladenden Haltung wird die Kirche als Ganze hoffentlich lange zehren. Denn wie soll sich jemand für die Kirche begeistern, wenn er oder sie in der Kindheit erfahren hat, dort nicht willkommen zu sein? Besteht dieses diffuse Gefühl, nicht willkommen sein, dann helfen der beste Konfirmandenunterricht und andere Eingliederungsmaßnahmen nicht. Verantwortlich dafür ist dabei die konkrete Ortsgemeinde.

Ich plädiere dafür, Kinder nicht nur als Störenfriede oder notwendiges Übel wahrzunehmen, sondern auch von ihnen zu lernen. Von ihrer Unbedarftheit in Glaubenssachen. Vom unverkrampften Verhalten im Gottesdienst. Von der Begeisterungsfähigkeit für viele Dinge. Andersherum sollte man sich dessen gewiss sein, dass wir Erwachsene zugleich Vorbilder für diese Kinder sind. Sie schauen sich von uns ab, wie man sich im Gottesdienst verhält. Wie man mit Mitmenschen umgeht. Und wollen wir wirklich motzende, moralisch überhebliche Erwachsene heranziehen (sofern sie dann überhaupt noch in die Kirche kommen und nicht vertrieben werden)? Der Umgang mit Kindern im Gottesdienst ist viel mehr als ein Empfindlichkeitsproblem. An ihm entscheidet sich – natürlich nicht nur, aber zu entscheidenden Teilen – die Zukunft der Kirche. Für diese Zukunft sind wir Gott sei Dank nicht allein verantwortlich, aber wir als erwachsene Gottesdiensteilnehmer tragen dazu bei, ob die jungen Gläubigen sich wohl oder fremd in der Kirche fühlen. Lasst die Kinder dazukommen! Gottesdienst kann Auszeit vom Alltag bedeuten – aber nicht Auszeit vom Leben. Und Gottesdienst als Feier der Gemeinde muss lebendig sein, soll er nicht zu werkgerechtem Lippenbekenntnis, bildungsbürgerlicher Kulturpflege oder einer rein formalen Angelegenheit verkommen.

Epilog: Wir sind immer noch sauer. Vor allem angesichts der Tatsache, dass die Gemeinde ein solch kinderfeindliches Verhalten an den Tag legte. Der Sohn bekam im Anschluss an das frustrierende Erlebnis ein Eis. Die Eiswaffel teilte er freiwillig mit seiner kleinen Schwester – vorbildlich! Wir werden ihn aber weiterhin in den Gottesdienst mitnehmen, wenn kein Kindergottesdienst stattfindet oder ein besonderes Fest gefeiert wird, an dem wir als Familie teilnehmen wollen. Und wird werden uns weiterhin genervte Blicke und übergriffige Kommentare anhören müssen. Das wird sich leider wohl nicht ändern. Aber es wäre erträglicher, wenn wir wüssten, dass die Gemeinde, ihre Leitung und ihre Mitarbeiter hinter uns stünden, Kinder im Gottesdienst ausdrücklich begrüßten und sie nicht als Störenfriede wahrnehmen würden.

Wir werden trotzdem bei jedem Gottesdienstbesuch gestresst sein und das Kind dazu anhalten, zumindest zu flüstern. Wir werden ihm aber auch weiterhin geduldig seine Fragen beantworten. Seine Fragen nach Formulierungen in Gebeten, Liedern und Bibeltexten. Seine Fragen nach der Kleidung des Pfarrers. Seinen Fragen nach anderen Gottesdienstbesuchern. Und hoffen, dass seine Begeisterung für Jesus und biblische Geschichten anhält und nicht durch solch negative Ereignisse getrübt wird.

 

 


1 Vgl. Luther, Martin: Kirchweihpredigt zur Einweihung der Schloskirche in Torgau (1544), in: Michael Meyer-Blanck, Liturgie und Liturgik. Der evangelische Gottesdienst aus Quellentexten erklärt, Göttingen 22009, S. 32-35.

2 A.a.O., S. 33.

3 Luther, Martin: Deutsche Messe und Ordnung des Gottesdienstes (1526), in: Meyer-Blanck 2009, S. 45-60: 46.

4 Vgl. Pohl-Patalong, Uta: „Eine Stunde etwas Anderes“. Empirische Einsichten und konzeptionelle Überlegungen zum evangelischen Gottesdienst, in: PTh 101 (2012), S. 214-230 und Dies.: Gottesdienst erleben. Empirische Einsichten zum evangelischen Gottesdienst, Stuttgart 2011.

5 Dass ein Willkommenskultur-Defizit besteht, wird in einigen Diskussionen, vor allem in sozialen Netzwerken, deutlich. Die Gründe hierfür werden an unterschiedlicher Stelle gesucht und reichen von fehlerhafter Zielgruppenorientierung bis zu ungenießbarem Filterkaffee und zu kleinen Tassen.

6 Vgl. dazu Pohl-Patalong, Eine Stunde etwas Anderes, S. 230.

Rezension: Kirchenmusik als sozioreligiöse Praxis

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Koll, Julia, Kirchenmusik als sozioreligiöse Praxis. Studien zu Religion, Musik und Gruppe am Beispiel des Posaunenchores (Arbeiten zur Praktischen Theologie, Bd. 63), Leipzig 2016.[1]

Rezensiert für www.nthk.de von Claudia Kühner-Graßmann am 6. November 2017, veröffentlicht am 15. November 2017.

Julia Koll legt mit dieser Studie, der überarbeiteten Version ihrer Habilitationsschrift, einen interessanten Beitrag vor, wie kirchliche Praxis theologisch einzuholen ist. Dabei wendet sie sich einer sozialen Gruppierung zu, die für den Protestantismus prägend und typisch ist: dem Posaunenchor. Die methodische Grundlage ihrer Überlegungen bildet eine Fragebogenuntersuchung aus dem Jahr 2012, die an norddeutschen Posaunenchören durchgeführt wurde.[2] Posaunenchor soll als sozioreligiöse Praxis der Kirchenmusik aber nicht nur theologisch, sondern auch kirchenmusiktheoretisch untersucht werden. So formuliert Koll als Ziel der Untersuchung, einen  „empirisch fundierten Beitrag zur Kirchenmusiktheorie zu leisten, indem der Topos des gruppenförmigen Musizierens theologisch reflektiert wird“ (13). Dabei spielen, wie der Untertitel verrät, die Kategorien Religion, Musik und Gruppe eine Rolle.

Methodisch besteht also eine Zweiteilung: zunächst erfolgt die Auswertung der Umfrage (II. Empirische Erkundung) und dann auf dieser Grundlage die religionstheoretische, kirchenmusiktheoretische und kirchentheoretische Perspektive (III. Theoretische Erkundungen).

Es stellt sich die Frage, wie dieser empirische Ansatz sich zur (Praktischen) Theologie verhält. Koll greift diese Frage auf und hält fest, dass Praktiken auf ihre möglichen religiösen Gehalte oder ihre implizite Theologie hin zu untersuchen seien (vgl. 63). Die quantitativen Daten sollen der Ausgangspunkt der Theoriebildung sein. So wird als Ziel der Untersuchung formuliert, „die Praxis des Posaunenchors und ihre implizite Logik möglichst sachgemäß zu beschreiben – und dies auf eine Weise, die auch Erträge für weiterreichende praktisch-theologische Diskurse“ zutage fördert (67). Theologisch sei dies auf eine dreifache Weise: Erstens sei der Gegenstand ein Beispiel kirchenmusikalischer Praxis. Zweitens sei das Erkenntnisinteresse, den zugrundeliegenden christlichen Glauben zu reformulieren. Und drittens sei der Forschungsprozess von einem theologischen Wirklichkeitsinteresse geprägt (vgl. 68f.). Dabei verweist Koll auf eine These von Dirk Evers, der die „dezidiert empiriebezogene Wirklichkeitswahrnehmung“ als „theologia viatorum“ (69) versteht. Bei aller Ausführlichkeit, mit der Koll ihre Methodik offenlegt, erscheint diese theologische Einordnung vage und lässt für die systematisch-theologisch interessierte Leserin viele Fragen offen. Praktisch-theologisch wiederum verortet Koll ihre Studie zwischen wahrnehmungs- und handlungswissenschaftlichem Verständnis (69).

In Verbindung mit der theoretischen Reflexion kommt Koll zu interessanten Beobachtungen, die einige in der Theologie weit verbreitete Grundsätze ins Wanken bringen können: zum einen bricht sie mit ihrer Untersuchung einen verbreiteten, individualistisch eng geführten Religionsbegriff auf und plädiert für einen Religionsbegriff, der der sozialen Komponente – die beim Posaunenchor eben auch immer eine Rolle spielt, ja gar konstitutiv ist – Rechnung trägt. Sodann zeigt sie, dass es sinnvoll sein kann, eine religiöse Motivation für das Musizieren musiktheoretisch zu erforschen. Dabei solle die Kirchenmusiktheorie nicht nur den Gesang, sondern auch die instrumentelle Kirchenmusik beachten. Schließlich sei weiterhin die Bedeutung des Posaunenchors als solch musikalisch-sozioreligiöser Praxis zu untersuchen.

Neben der Erweiterung des Religionsbegriffs um jene soziale Ebene kann die hervorgehobene Bedeutung von Praktiken als zweite starke Grundthese dieses Buches gelten. Darunter werden verstetigte und eingeübte Formen des Handelns verstanden (vgl. 354f.). Leider verbleibt die Thesenbildung dieses materialreichen Buches nur in Ansätzen und die Programmatik erschöpft sich in Ausblicken, was vermutlich der empirischen Ausrichtung des Buches geschuldet ist. Nichtsdestotrotz bietet dieses Werk auf vielen Ebenen einen interessanten Beitrag zu Methode und Gegenstand praktisch-theologischer Arbeit. Gerade die Verbindung verschiedener Methoden und Aspekte zeigt, wie ertragreich dieser Blick auf (soziale) Praktiken im Rahmen kirchlicher Praxis sein kann. Aber auch Freundinnen und Freunde des Posaunenchors kommen auf ihre Kosten: die Auswertung der Untersuchung bietet ihnen interessante Einblicke.

 

Claudia Kühner-Graßmann ist auf www.nthk.de zuständig für „Religion und Gesellschaft“.

 

[1] Vgl. ergänzend zu dieser die Rezension von Tobias Braune-Krickau in: Zeitzeichen 11 (2016).

[2] Verf.in dieser Rezension nahm als damaliges Mitglied des Posaunenchor St. Johannis in Göttingen auch an dieser Umfrage teil und füllte einen Fragebogen aus. Obgleich sich erschließt, warum Koll sich auf die norddeutsche Posaunenarbeit konzentriert, ist zu fragen, ob sich die Untersuchung etwa auf Württemberg oder andere Regionen, in denen die Posaunenarbeit immer noch großen Zulauf findet, übertragen lässt. Gerade Württemberg mit seiner pietistischen Prägung stellte sicherlich einen (weiteren) interessanten Forschungsgegenstand dar, zumal die religiöse Pointe, das Musizieren „zu Gottes Ehr`“, dort häufiger zu finden ist.

 

Rezension: Peter Neuner, Luthers Reformation

Neuner, Peter, Martin Luthers Reformation: Eine katholische Würdigung, Freiburg / Basel / Wien 2017.

Rezensiert für www.nthk.de von Tobias Jammerthal am 29. August 2017.
Veröffentlicht am 26.10.2017

Das Reformationsjubiläum 2017 soll in ökumenischer Verbundenheit als Christusfest gefeiert werden: ihrer sonstigen Meinungsverschiedenheiten ungeachtet, stimmen alle maßgeblichen mit diesem Jubiläum befassten Stellen und Personen hierin überein. Entsprechend hat der Ökumenische Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologen unter dem Titel „Reformation 1517-2017: Ökumenische Perspektiven“ ein schon allein der beteiligten Personen wegen hochkarätiges und gewichtiges Dokument vorgelegt; bereits 2015 hatten sich der Ratsvorsitzende der EKD und der Vorsitzende der römisch-katholischen deutschen Bischofskonferenz in einem Briefwechsel auf Eckpunkte eines gemeinsamen Wegs hin auf den 31. Oktober 2017 verständigt. Auch der Verfasser der hier vorzustellenden Studie ist kein Unbekannter: Peter Neuner, von 1985-2006 Ordinarius für Dogmatik und (seit 2000) ökumenische Theologie an der römisch-katholischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität zu München und Leiter des Ökumenischen Forschungsinstituts daselbst, ist durch seine zahlreichen Veröffentlichungen zur Ökumene bekannt, unter denen die erstmals 1997 erschienene „Ökumenische Theologie“ sicherlich nicht den letzten Platz einnimmt.

Mit „Martin Luthers Reformation“ unternimmt Neuner nun den Versuch, sich aus römisch-katholischer Perspektive theologisch positiv mit dem Denken des Reformators auseinanderzusetzen. Die Studie besteht aus einem historischen und einem systematischen Hauptteil: Neuner beschreibt zunächst die evangelische Rezeption Luthers durch die Jahrhunderte (30-66) und stellt ihr einen Gang durch die römisch-katholische Lutherrezeption zur Seite (66-107). Da die konfessionelle Aufnahme und Weiterführung der Anliegen des Reformators auf der einen und seine nicht minder konfessionelle Zurückweisung auf der anderen Seite keine Verständigungsperspektive zu bieten scheinen (27, vgl. 107), unternimmt es Neuner sodann – deutlich in der Schule Otto Hermann Peschs, dessen Andenken die Studie nicht umsonst mit gewidmet ist (15) –, auf Luther selbst zu rekurrieren: der vorkonfessionelle Theologe ist es, von dem sich Neuner Perspektiven für die Ökumene erhofft. Entsprechend widmet er sich unter der verheißungsvollen Überschrift „Worum es Luther ging“ (107-128) der Rekonstruktion der Rechtfertigungslehre und ihrer Rolle im lutherisch-römisch-katholischen Dialog seit dem Zweiten Vatikanum. Sie hatte Neuner bereits in seiner Einleitung zum Lackmustest jeder Lutherdeutung erklärt: „Sie […] hat Luthers Lehre und seinen Lebensweg zentral bestimmt. Alle anderen Aspekte seines Lebens und seiner Wirkungsgeschichte können von dieser Mitte her plausibel werden. Was ihr widerspricht, beruft sich nicht zu Recht auf ihn.“ (27). Entsprechend kann nur von der Rechtfertigungslehre aus die Frage beantwortet werden, „wer Luther war, was ihn im Tiefsten bewegt hat, was auch heute die Kirchen prägt, die sich auf ihn berufen.“ (107). – Angesichts dieser starken Worte hätte sich der Rezensent im entsprechenden Teil der Studie dann freilich auch gewünscht, dass dieses Lehrstück stärker positiv bestimmt worden wäre: während Neuner „Die Botschaft von der Rechtfertigung“ auf dreieinhalb Seiten abhandelt (118-121) und ihr im gleichen Umfang eine Kurzbesinnung zu Luthers theologia crucis folgen lässt (121-123), breitet er vergleichsweise ausführlich das aus, wogegen sich die Rechtfertigungslehre richtete (108-117) und was vor allem das Konzil von Trient gegen sie geltend machte (123-128). – Der Besinnung auf Luthers Rechtfertigungslehre folgt eine Darstellung der ökumenischen Gespräche seit dem zweiten vatikanischen Konzil (129-153), die inhaltlich in der als „Durchbruch in der amtskirchlichen Ökumene“ gefeierten Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre (GER) von 1997 / 1999 kulminiert, mit der in den Augen Neuners das Verhältnis zwischen evangelischer und römisch-katholischer eine neue Qualität erhalten hat (147). Gemeinsam gelte es nun, die Sache der Rechtfertigung angesichts aktueller Herausforderungen der Säkularisierung und einer tendenziell gnadenlosen Leistungs- und Konsumgesellschaft zur Geltung zu bringen (148-153).

Grundlegend für Neuners Darstellung ist die Hypothese, dass im 16. Jahrhundert „Fragen der Vermittlung des Heils, nicht das Heil in Christus und in der eschatologischen Gemeinschaft mit Gott“ (318) umstritten waren; er sieht insbesondere in der Confessio Augustana von 1530, aber auch in den gemeinhin als antirömisch-polemisch interpretierten Schmalkaldischen Artikeln Luthers von 1536 / 1537 klare Anzeichen dafür, „dass die Kontroversen nicht das Zentrum des Glaubens betrafen, sondern eher an dessen Rand angesiedelt waren“ (314; vgl. 317f).

Der aus der Sprache des Zweiten Vatikanum bekannte Begriff der „Hierarchie der Wahrheiten“ ist, wie Neuner offen zugibt (318f), sein hermeneutischer Schlüssel, um die Verwerfungen der letzten 500 Jahre einzuordnen und zu heilen. Wie das konkret aussehen kann, demonstriert er im zweiten Hauptteil seiner Studie unter dem neugierig machenden Titel „Die Relevanz der Botschaft Luthers für das ökumenische Gespräch heute“ (154-313). Neuner versucht, diese Relevanz herauszuarbeiten, indem er die ökumenisch traditionell umstrittenen Fragen der Schriftautorität und -auslegung (156-176), der Ekklesiologie (177-197), des kirchlichen Amts (197-230) sowie im Besonderen des Papstamtes (230-247), der allgemeinen Sakramentslehre (247-252) mit vertiefenden Betrachtungen zu Taufe (252-261), Abendmahl (261-281) und Ehe (281-291) auf Möglichkeiten eines differenzierten Konsenses hin durchforscht. Dieses Verfahren legt sich Neuner nicht zuletzt durch das Diktum Joseph Ratzingers, dass nicht die Einheit der Kirche, sondern ihre Trennung in jedem Einzelfall der Begründung bedürfe, nahe. 1

Das Ergebnis ist in seinen Augen eindeutig: die klassischen Kontroversthemen haben keine trennende Kraft mehr; die noch bestehenden Unterschiede rechtfertigten keine Trennung (314 u.ö.). Dennoch wäre das Anliegen Neuners missverstanden, wenn man ihm Indifferentismus unterstellen wollte: wie seine den zweiten Hauptteil abschließenden Reflexionen über „ökumenische Zielvorstellungen“ (291-313) zeigen, wenn er etwa davor warnt, unter Verzicht auf Lehrgespräche nur eine Ökumene der (ethischen) Praxis zu propagieren (307-309), die letztlich nicht halten kann, was man sich von ihr verspricht. Demgegenüber greift Neuner auf Überlegungen seines Lehrers Heinrich Fries zurück, dessen mit Karl Rahner gemeinsam erarbeiteter Text „Einigung der Kirchen – Reale Möglichkeit“ (Freiburg 1983) nach Neuner „als katholische Antwort auf das ‚satis est‘ von CA VII“ zu verstehen ist (307): Hat man sich in sorgfältiger theologischer Arbeit davon überzeugen können, dass die jeweils andere Seite auf dem Boden des in der Schrift bezeugten und in den altkirchlichen Symbolen beschriebenen Glaubens stehe, so genüge dies zur Aufnahme kirchlicher Gemeinschaft, während Meinungsverschiedenheiten, die in der Hierarchie der Wahrheiten die unteren Ränge bekleiden, durch vorläufige „Urteilsenthaltung“ (306) entschärft und zum Gegenstand weiterer theologischer Gespräche gemacht werden könnten.

Im Einzelnen wäre mancherlei zu hinterfragen. Dennoch: Es ist energisch zu begrüßen, dass mit Neuner einer der bedeutendsten deutschsprachigen römisch-katholischen Theologen der Gegenwart zeigt, wie eine positive römisch-katholische Rezeption der Impulse der Reformation aussehen könnte – und, dass er damit zugleich in Erinnerung ruft, dass es diese positiven Impulse unstreitig gibt. Reizvoll erscheint dem Rezensenten aber insbesondere folgender Gedanke Neuners: Allenthalben beklagt man, dass die Praxis der Theorie der Ökumene voraus sei, dass die Theologen nicht vorankämen, während man in den Gemeinden doch schon viel weiter wäre. Neuner hält dagegen: für ihn sind zentrale Stolpersteine der Ökumene gerade in einer unreflektierten Frömmigkeitspraxis zu finden (vgl. bes. 323). Sie führen dazu, dass sich ein strukturelles Misstrauen gegenüber den versöhnlichen Worten des Gegenübers ausbreitet. Damit legt er den Finger in die Wunde: die Ökumene kommt nicht durch Theologenschelte weiter, sondern durch die Bereitschaft, von der Theologie auch liebgewonnene Gewohnheiten in Frage stellen zu lassen. Den Anspruch darauf, die eigene Praxis immer wieder neu auf ihre Sachgemäßheit zu überprüfen, sollte in der Tat gerade der Protestantismus nicht fahren lassen. Würde die Gewohnheit zum Maßstab des Richtigen, dann wäre man theologisch wieder dort angelangt, von wo die Reformation ihren Anfang nahm – freilich nicht auf der Seite Luthers.

Tobias Jammerthal ist Redakteur der Rubrik „Klassiker und Rezensionen“.

1 Vgl. 132 mit dem entsprechenden Zitat aus Ratzinger, Joseph, Theologische Prinzipienlehre, München 1982, 21; 213.

Die mangelnde Believingness der abstrakten Allmacht

Eine theologische Lektüre der „Holygen Bimbel“. Von Tobias Graßmann

 

Passend zum Reformationsjubiläum hat sich der Satiriker, Hummusfreund und PARTEIsoldat Shahak Shapira eine Auswahl biblischer Geschichten vorgenommen und sie – mit gehöriger künstlerischer Freiheit – in der „vong-Sprache“ nacherzählt. Für alle, denen der Name Shahak Shapira nichts sagt (wtf wo lebt ihr???), sei dieser Artikel verlinkt, der einen guten Überblick über sein Schaffen gibt. Erste Reaktionen aus dem kirchlichen und kirchennahen Umfeld auf Shapiras „Holyge Bimbel. Storys vong Gott und S1 Crew“ liegen bereits vor, etwa die ausführliche Rezension von P. Greifenstein in Der Eule (eulemagazin.de).

Soweit ich es wahrgenommen habe, wurde dabei fast ausschließlich auf den humoristischen Wert des Werks abgestellt. Kann man machen, ist aber auch ein bisschen harmlos! Was dagegen bisher sträflich unterbelichtet wurde, ist die Frage nach dem theologischen Wert dieser furiosen Bibelparaphrase. Lässt sich dieses Buch für Gemeinde und Religionsunterricht nutzen? Wenn Satire manchmal einfach bedeutet, Dinge ernst zu nehmen (#yolocaust anyone?), dann könnte man diesen Versuch einer theologischen Vereinnahmung als Meta-Satire bezeichnen. Oder auch nicht. Keine Ahnung, ist ja egal…

Erst einmal muss ein Missverständnis verhindert werden. Wie sollte man die Bimbel auf keinen Fall nutzen? Ich sehe vor meinem geistigen Auge den Kollegen fortgeschrittenen Alters, der „I bims d1 pfahrer“ an die Tafel schmiert und sich dabei total jugendlich fühlt. Und die angewidert-skeptischen Blicke seiner Schüler, die deutlicher als jedes Wort sagen: „Scheiße, wie peinlich ist der denn?“ Wenn Kirche cool sein will, geht es halt immer schief! Und besonders in diesem Fall darf man nicht den Anfängerfehler machen und Shapiras Bimbel missverstehen als ein Kompendium dafür, „wie die jungen Leute heute so ticken“. Die vong-Sprache ist eine Kunstform und damit dem barocken Sonett enger verwandt als der real praktizierten Jugendsprache. 100 mal abschreiben, Kollege! Das bedeutet nebenbei, dass das hier nicht der Untergang des Abendlands und seiner ehrwürdigen Grammatiktraditionen ist. Puh!

Besser scheint mir folgende Verwendungsweise: Das Shapira-Schibboleth! – Hey, Moment: Warum hat es Jeftah, dieser „Sohn einer Hure“ (Luther 2017), eigentlich nicht in die Bimbel geschafft? Großer Wunsch für die nächste Auflage! – Also, das Shapira-Schibboleth geht so: Einfach mal bei der nächsten Pfarrkapitelkonferenz, Kirchenvorstands- oder Fachkollegiumssitzung eine der Bimbel-Storys als Andacht vorlesen. An den unmittelbaren Reaktionen lässt sich zunächst ablesen, wer internetfähig ist und einen entsprechenden Humor hat. Und anhand der Beschwerden, die dann bei Oberkirchenrat, Rektorin oder sonst wo eingehen, lässt sich dann ermitteln, wo die unangenehmen Glaubensgenossen sitzen. Diese talibanoiden Frömmler, die nur darauf warten, sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt zu fühlen! Die schon bei „Life of Brian“ nicht lachen konnten, die insgeheim den Zeiten nachtrauern, als die Staatsgewalt einem noch freie Hand ließ, um vorwitzigen Juden und spöttischen Gottesleugnern zu zeigen, wo der Hexenhammer hängt! In dieser Richtung sind mannigfaltige Verwendungsweisen denkbar. Nutzt die Bimbel, um zu schocken, zu irritieren oder einfach nur eine dröge Veranstaltung aufzulockern!

Aber wie steht es nun um die theologische Substanz der Bimbel?

Zunächst einmal eine Bestandsaufnahme aus der Perspektive des Bibellesers: Shapira ist denkbar uninteressiert an all den frommen Rationalisierungen und erbaulichen Floskeln, die der biblische Text so bietet. Er nimmt sich die Geschichten mit dem Handwerkszeug des Satirikers zur Brust. Dessen Kunst besteht ja darin, den Finger in die Wunde zu legen, Schwächen und Widersprüche ans Licht zu zerren. Sicher sind die Miniaturen nicht alle gleich gut gelungen. Wenig verwunderlich, dass die alttestamentlichen Geschichten mehr Witz haben. Aber dort, wo Shapira zu seiner Bestform aufläuft, da arbeitet die Bimbel geradewegs die zentralen Spannungen der Geschichten heraus. Shapira hat ein Händchen dafür, in die Brüche zu stoßen, an denen sich die biblischen Autoren schon reiben und die seither die Theologie beschäftigt halten. Wer sich den Abgründen der Bibel stellen will, der findet in diesem Buch einen guten Wegweiser. Und wer darüber mit (vorzugsweise jungen) Menschen ins Gespräch kommen will, findet in der Bimbel sicher einige gute Aufhänger.

Und wie sieht es aus dogmatischer Perspektive aus? Nun, es fällt auf, dass sich die Theodizeefrage als eine Art roter Faden durch das Buch zieht. Schon die Benennung der Paradiesgeschichte mit „Adolf U Eva“ wirft das Problem auf, dass Gott mit der Schöpfung des Menschen eben letztlich auch Geschöpfe wie Adolf Hitler und Eva Braun in Kauf nimmt. Das „Unde malum?“ lässt grüßen! Und wenn Gott im Gespräch mit Moses der Frage nach der Shoah lieber ausweicht, dann stellt sich die Frage, ob die Erwählung der Israeliten unter den Bedingungen dieses Unheilszusammenhangs nicht doch eine höchst ambivalente Sache ist.

Mit dieser Grundorientierung am Theodizeeproblem hängt das im besten Sinne groteske Bild zusammen, das Shahak Shapira von Gott zeichnet. Es ist ein Gott nach dem Bild des Menschen, wie er sich im Spiegel der Satire zeigt. Der Gott der Bimbel übertrifft dabei die menschlichen Protagonisten noch, was die unschmeichelhaften Charakterzüge betrifft. Er ist meist schlecht informiert oder einfach desinteressiert, man weiß es nicht so genau. Er ist jähzornig, hinterhältig und wankelmütig. Er missbraucht eine Machtfülle, mit der er offenbar nichts Sinnvolles anzufangen weiß. Also ziemlich unsympatischer Typ, eine Art in den Himmel projizierter Donald Trump. Und damit dem Gottesbild mancher Fundamentalisten gar nicht so unähnlich…

Diese Gottesvorstellung könnte der geschulte Theologe als Apotheose der abstrakten Allmacht bezeichnen. Ein Gottesbild, bei dem eine schier unermessliche Machtfülle nicht durch die Selbstbindung an Moral, Bundestreue und Gerechtigkeit im Zaum gehalten wird. Ein himmlischer Despot, der sich dadurch auszeichnet, dass er immer wieder willkürlich ins Weltgeschehen eingreift, den Naturzusammenhang durchbricht und sich dabei jederzeit anders entscheiden kann. Ein Gott, der letztlich nur die in den Himmel projizierten Allmachtsphantasien unreifer Jungmänner bündelt. Leserinnen und Leser darauf zu stoßen, dass ein solcher Gott keine Verehrung verdient, ja nicht einmal den Namen Gott – das ist die theologische Leistung der „Holygen Bimbel“! Shapira legt die Axt des Satirikers an die abstrakte Allmacht. Ich könnte mir vorstellen, dass seine Texte durchaus geeignet sind, dieses Thema in Unterricht und Gemeindearbeit aufzuwerfen. Also ich jedenfalls würde das gerne mal versuchen!

Wie es Shahak Shapira mit den Mitteln der Satire und einer ordentlichen Portion Respektlosigkeit gelingt, diese abstrakte Allmacht satirisch zu dekonstruieren, holt mich mehr ab als „Der Gottesgedanke nach Auschwitz“ (H. Jonas). Tatsächlich ist sein Werk wohl als entfernter Cousin dieser Art Theologie zu betrachten – aber halt ungleich witziger! Nach christlicher Tradition muss für die Selbst-Dekonstruktion der abstrakten Allmacht letztlich Gottes Sohn ans Kreuz. So gesehen, kommt Shapira mit ein bisschen Internethumor und ohne Blutvergießen doch recht weit…

Aber vielleicht sagt man uns Christen ja zurecht nach, den Humor immer unterschätzt zu haben…

Rezension: Ulrich Körtner, Für die Vernunft

(Quelle Bild: Homepage des Verlags http://www.eva-leipzig.de/)

Rezension zu: Ulrich H.J. Körtner, Für die Vernunft. Wider Moralisierung und Emotionalisierung in Politik und Kirche, Leipzig 2017. 172 Seiten.

Es scheint am derzeitigen theologisch-gesellschaftlichen Debattenhimmel eine neuerliche Diskussion um ein altbekanntes Thema aufzuscheinen: Das Verhältnis von Staat und Kirche und deren gegenseitige Beeinflussung. Als profiliertester Kritiker der derzeitigen politischen und gesellschaftlichen Verlautbarungen der EKD und ihres Spitzenvertreters Heinrich Bedford-Strohm zeigt sich der Wiener Systematiker Ulrich H.J. Körtner, der nun in der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig eine Studie mit Titel: »Für die Vernunft. Wider Moralisierung und Emotionalisierung in Politik und Kirche« veröffentlicht hat.

Allein der Titel zeigt, welches Programm Körtner verfolgt und – das sei jetzt schon gesagt – auf eine sehr erfrischende und kluge Art ausbuchstabiert! Körtner versucht die Hintergründe zu klären, die zu einer derart starken Moralisierung und Emotionalisierung der politischen und gesellschaftlichen Debatten geführt haben und will gleichzeitig seine Vorstellung einer gesellschaftsorientierenden, weil zukunftsermöglichenden Verhältnissetzung von Politik und Theologie darlegen.

Ausgehend von einer über die allgemeine Larmoyanz hinausgehende und damit erhellenden Analyse zeigt Körtner unter dem Begriff der »Fuzzylogik« als der Diskussion subjektiver Empfindungen jenseits faktenbasierender Erkenntnisse die entscheidenden Charakteristika des Postfaktischen auf.

Als Signum moderner Gesellschaften, in denen dieses postfaktische Denken Fuß fassen konnte, benennt Körtner deren pluralistische Moralvorstellungen bei gleichzeitiger Suche nach moralischen Leuchttürmen, die in der Undurchsichtigkeit und Komplexität Orientierung versprechen. Den Kirchen unterstellt Körtner, dem Ruf nach Moral- und Wertevermittlung nur zu gern zu entsprechen, da sie für so manche eine Kompensationsstrategie der schwindenden gesellschaftlichen Relevanz bilde.

Die Gefahr dieses Rufs nach Moral- und Ethikagenturen beschreibt Körtner unter dem Stichwort der »Hypermoral«, die die Ansicht suggeriere, allein den Menschen in der Verantwortung für die Welt und ihr Schicksal zu sehen. Wenn sich nun die Hypermoralisierung des Politischen mit den postfaktischen Diskussionslinien verbinde, führe dies einerseits zu einer »Politik der Gefühle«, in der über menschliche (!) und damit korrumpierbare Emotionen, Werte, Abscheu und Hoffnungen (54) abgestimmt würde und andererseits letzten Endes allein in menschlichen Handlungen und Moralvorstellungen die Welterlösung vermutet werden müsse.

Doch wie kann es nun für Körtner zu einer »vernünftigen« Verbindung zwischen Politik und Kirche kommen? Unter dem Signum »Verlust der Zukunft« führt Körtner die handlungsleitende Maxime der »Zukunft« als hoffnungsvolle Kategorie ein, die in der Moderne Politik und Christentum dort verbinde, wo sie die Welt verändern und sie zum Besseren kehren wolle.

Für den Weg in diese Zukunft greift Körtner auf die klassische Unterscheidung von Staat und Kirche in Luthers Zwei-Reiche-Lehre und Barths Barmer Theologischen Erklärung zurück und definiert die Unterscheidung von Politik und Kirche funktional, als unterschiedliche Möglichkeitsräume und Handlungsbereiche mit jeweils unterschiedlichen Bereichsethiken. Für den theologischen Bereich verweist Körtner entscheidend auf das »Paradox von Inkarnation, Kreuz und Auferstehung« (93), das wiederum zum kritischen Umgang mit menschlichen Gefühlen und Emotionen anleite. In dieser Logik müsse sich die Theologie leiten lassen und komme so zu einer Unterscheidung des vermeintlich Guten in letzten und vorletzten Dingen. Religion werde so gerade nicht zur Moralagentur, sondern zur Unterscheiderin zwischen »Gott und Mensch, Handeln Gottes und Handeln des Menschen« (98), zwischen Moral und Religion.

Die Kirche müsse ausgehend von dieser Einsicht vielmehr eine Ethik der Selbstbegrenzung einfordern, da alles menschliche Streben, Denken und Handeln als »Fragment«, theologisch als sündiges Sein, aufgefasst werden müsse. So sei gerade nicht in das zweifelhafte Unterfangen einer grundsätzlich korrumpierbaren Moralisierung zu verfallen, sondern mit der essentiellen Einsicht in die Unterscheidung von Religion und Moral die Hoffnung auf Gottes Zukunft wach zu halten, die dem Menschen einen bis dato unbekannten Möglichkeitsraum jenseits seiner eigenen Handlungsspielräume – gerade in seinem politischen Streben und Handeln – eröffne.

Körtners Studie liest sie sehr erfrischend und bereichernd, da er sich nicht scheut, eine klare Position zu beziehen und diese systematisch klug zu untermauern. Die besondere tagespolitische Bezugnahme der Studie erweist sich dabei als ihre Stärke und ihre Schwäche. Die Schwäche dort, wo er genau jene tagespolitischen Ereignisse im Genre eines politischen Feuilletonisten zu bewerten sucht und teilweise etwas ermüdende, weil altbekannte Worthülsen und Vorschläge liefert. Die Stärke dort, wo er anhand der aktuellen Ereignisse grundsätzliche systematische Fragen des Verhältnisses von Politik und Kirche als unterschiedliche Möglichkeitsräume in der selben Wirklichkeit beleuchten kann.

Körtner offeriert ein Plädoyer. Das Plädoyer mit »engagierter Vernunft« sich der Aufgabe zu stellen »der Stadt Bestes zu suchen (Jer 29,7), […] in der rechten Verhältnisbestimmung von Glaube, Hoffnung und Liebe, von Herz und Verstand, politischer und theologischer Vernunft« (161).

Martin Böger ist Pfarrer und Repetent am Evangelischen Stift in Tübingen.

Veröffentlicht auf www.nthk.de am 19.09.2017

Fußnoten zu Leitlein

Quelle Foto: http://www.ekhn.de

Eine Replik von Tobias Graßmann (@luthvind)

Hannes Leitlein hat zusammen mit Fabian Klask einen Blick auf die Veranstaltungen des Reformationssommers 2017 geworfen und ausgehen davon 9 beziehungsweise 9,5 Thesen formuliert. Auf Twitter habe ich angemerkt, dass ich diesen Thesen grundsätzlich zustimme, aber den Beschreibungen im Detail widersprechen sowie vermutlich andere Konsequenzen ziehen würde. Aus dem Urlaub in Südtirol antworte ich daher mit ein paar hastig hingeworfenen Zeilen.

Was Leitlein betrifft, so schreibt dieser mittlerweile sehr regelmäßig für Christ&Welt sowie Die Zeit. Wer etwa seinem Twitter-Account folgt (#ff @hannesleitlein), der erkennt, dass er sich als engagierter Vertreter einem urbanen, linken Moralprotestantismus zuordnen lässt. Neben dieser klaren Positionierung bemerke ich bei ihm allerdings ein journalistisches Ethos, das sich um jene Unparteilichkeit bemüht, die man Objektivität nennen könnte. Es ist diese Spannung zwischen Idealen und journalistischer Sorgfaltspflicht, die Leitlein zu einer interessanten Figur macht. Ob wir es hier mit der künftigen Evelyn Finger zu tun haben oder er doch irgendwann ein Start-Up für Lastenfahrräder gründet, vermag ich nicht zu prognostizieren – ich tauge auch wenig als Prophet. Aber jedenfalls ist er ein protestantischer Akteur, bei dem es sich lohnt, ihn auf dem Schirm zu behalten.

Nun zu den Thesen, die Leitlein zusammen mit Klask formuliert hat: Was die Leitsätze selbst (die ja eigentlich keine Thesen. sondern Imperative sind) betrifft, so sollten diese uneingeschränkt zustimmungsfähig sein. Grundsätzlich, so meine ich, haben die Autoren die Lage recht präzise erfasst und der Protestantismus sollte sich ihre Anregungen zu Herzen nehmen. Aber bei unter den konkreten Ausführungen zu den Imperativen scheint mir doch manches fragwürdig, anderes reizt mich zu Widerspruch.

So etwa die Aussage, dass die evangelische Kirche wenig zu lachen habe und vor allem nie über sich selbst lache (These 1). Sicher, man kann über den komödiantischen Wert des Kirchenkabaretts streiten, wie es etwa vom weißblauen Beffchen seit Urzeiten verkörpert wird. Auch über den der zahlreichen, mehr oder minder stark sächselnden Lutherparodien, die ich in den letzten Jahren erleben durfte und bei denen ja auch immer sehr gegenwärtige Pfarrherlichkeit verhandelt wird. Ob alles zum Lachen ist, was in der evangelischen Kirche witzig gemeint ist? Nun ja, eher nicht. Aber wer die Bereitschaft, über sich selbst zu lachen, grundlegend in Frage stellt, ist entweder der Konfessionspropaganda des rheinischen Katholizismus aufgesessen oder treibt sich in den falschen Diakonissenkonventen rum. Was nicht bedeuten soll, dass in Sachen Humor und Selbstironie keine Luft nach oben wäre!

Die Kirche sollte, so die Autoren, angesichts der Kritik von Seiten der „spießigen Sprachpolizisten“ (These 3) vom Verein Deutsche Sprache höchstens belustigt mit den Achseln zucken. Dem ist zuzustimmen. Keine Scheu vor Anglizismen, wo sie griffig sind und Wiedererkennungswert haben! Gleichzeitig ist ein Anglizismus allein natürlich noch kein Garant dafür, dass etwas frisch, modern und weltläufig klingt. Aber das dürfte mittlerweile allen außer ein paar in die Jahre gekommenen Jugendpfarrern bewusst sein. Ich sehe allerdings die Gefahr eher von einer anderen Seite und rechne dabei mit wenig Zustimmung bei Leitlein, der ja erklärter Fan der Bibel in gerechter Sprache ist. Denn der „Klartext“, den die Autoren fordern, ist nicht nur bedroht durch spießigen Sprachpurismus oder den „Jargon der Betroffenheit“ (E. Flügge). Aktuell ist es auch das Bemühen um inklusive und geschlechtsneutrale Sprache, das verlässlich eine bürokratisch-abstrakte Diktion hervorbringt und aus einer Rede schnell eine unfreiwillig komische Kaskade mitgelesener Sonderzeichen und gestelzter Partizipialkonstruktionen macht. In diesen Zusammenhang gehört auch das Liederheft des letzten Kirchentages, dessen Eingriffe in den Text traditioneller Lieder vielen unmotiviert schienen oder schlicht zu weit gingen. Dabei sind – das sei hier noch einmal betont – die Anliegen der „gerechten“ Sprache ja berechtigt: Eine Sprache, die etwa Frauen lediglich „mitmeint“, entspricht nicht unseren gesellschaftlichen Verhältnissen. Aber es geht eben auch um Verständlichkeit, Schönheit und nicht zuletzt Verhältnismäßigkeit – nicht um möglichst umfassende Sprachregelungen, an die man sich hoffentlich irgendwann schon gewöhnen wird. Oft kann die Predigerin mit einfachen Mitteln eingeschliffene Hörgewohnheiten irritieren, Geschlechterstereotype oder andere Vorurteile unterlaufen, ohne dass die Eleganz der Sprache leidet. Hier die richtige Balance zu finden, ist eine Kunst. Sprachbereinigung ist dagegen auch da ein Ärgernis, wo sie nicht reaktionär, sondern progressiv daherkommt!

Was den Personenkult (These 5) betrifft, so scheint mir die Beobachtung prinzipiell richtig, aber auch eine Engführung zu sein: Es muss nicht immer Personenkult sein, sondern es geht allgemein um Konkretheit und Greifbarkeit in der Erinnerungs- und Feierkultur. Man muss also nicht immer Dr. Lutherus in den Mittelpunkt stellen, aber in Wittenberg liegt ein Fokus auf Luther, sein Leben und die Ursprünge der Reformation eben nahe. An anderen Erinnerungsorten lassen sich jeweils andere Gestalten, Ereignisse und Themen aufgreifen, in Szene setzen und mit Leben füllen. Aber immer gilt: Für breite Menschengruppen jenseits des Fachpublikums wird Geschichte greifbar, wenn man sie an symbolkräftigen Orten und mit konkreten Identifikationsangeboten zum Thema macht. Diesen Effekt sollte man nicht überdehnen, indem man zu viel oder Gegenläufiges erreichen will.

Das Bekenntnis zum Osten (These 4) und zur Provinz (These 6), das die Autoren von der Kirche einfordern, trifft auf meine volle Zustimmung. Gerne wüsste ich nun, wie die Autoren vor diesem Hintergrund die – wie mir scheint, immer stärkere – Tendenz der jüngeren Pfarrerschaft bewerten, ihre Präferenzen für einen urbanen Lebensstil über den Dienstgedanken und faktisch das Wohl der Gemeinden abseits der Metropolregionen zu stellen. So kommt es dazu, dass die Provinz und die gerade östlichen Landeskirchen mit ihren vergleichsweise unattraktiven Arbeitsbedingungen voll unter dem Pfarrermangel zu leiden haben, während sich auf den freizeitfreundlichen Funktionsstellen und in den Innenstadtgemeinden die Leute drängeln. Das Gesetz von Angebot und Nachfrage bedeutet: Je weniger Pfarrerinnen und Pfarrer es gibt, desto stärker kann die Pfarrerlobby ihre Interessen durchsetzen. Gegensteuern ließe sich nur durch eine Kombination aus Solidaritätsprinzip, sanftem Druck und echten Anreizen. Denn nein – es wird wohl kaum reichen, einfach eine Ideologie des Ehrenamts an die Stelle der Personalplanung zu setzen. Die Gemeinden werden es kaum als neuartige Chance für das Priestertum aller Getauften sehen, wenn Frau Müller aus dem Singkreis auch die Geschäftsführung und alle zwei Wochen einen Gottesdienst macht.

Die Thesen 7 und 8 sind meines Erachtens voll und ganz zu unterstützen.

Am stärksten dürften die Autoren und ich voneinander abweichen bezüglich der Konsequenzen, die aus der 9. und letzten These zu ziehen sind. Ich würde den Appell „Seid nicht so nett!“ zunächst als Aufforderung interpretieren, etwas mehr theologisches Profil zu wagen und sich nicht immer den Erwartungen vorzugreifen, welche man in Teilen der Gesellschaft zu spüren meint. Auch würde ich daraus die Lehre ableiten, innerkirchlich mehr Diskurs und offenen Streit zuzulassen. Wie oft wird unter dem Mantel einer alle Differenzen deckenden Nettigkeit jede Diskussion im Keim erstickt, um dann hinter dem Rücken der anderen zu lästern, zu intrigieren oder ihre Vorhaben zu blockieren? Das ist kein Verhalten, das einer christlichen Kirche gut ansteht – aber leider weit verbreitet, wie mir scheint!

Klask und Leitlein dagegen geht es weniger um den innerkirchlichen Umgang miteinander als um eine Kirche, die sich in Politik und Wirtschaft einmischt. Dagegen ist nun auch nichts einzuwenden, im Gegenteil! Doch dass sie gerade das berüchtigte Afghanistan-Diktum der früheren Bischöfin und Ratsvorsitzenden Käßmann als positives Beispiel anführen, verwundert dann schon.

Käßmann-Bashing liegt mir fern. Aber der Satz, der da als „präzise kritisch“ gelobt wird, steht doch eher für die Unkultur einer Kirche, die moralisch unangreifbar sein will und deshalb die Untiefen der Politik scheut. Keiner hat von der EKD verlangt, eine Entscheidung über mögliche Bündnisverpflichtungen Deutschlands zu treffen. Man kann von Käßmann auch nicht erwarten, sich ein detailliertes Bild von der Lage am Hindukusch zu machen und eine Antwort darauf zu finden, wie mit der instabilen Sicherheitslage, den Verbündeten und ihren Interessen sowie dem Leiden der Zivilbevölkerung umzugehen ist. Wenn aber seither der Bundestag den betreffenden Einsatz über die Grenzen mehrerer Fraktionen hinweg regelmäßig verlängert hat, weist das wohl darauf hin, dass es ganz so einfach eben nicht ist. Käßmanns Leistung besteht darin, ihr moralisches Gefühl, das sich als solches um Grautöne naturgemäß nicht zu scheren braucht, in eine bildzeitungsgerechte Kurzformel gebracht zu haben. Mit fragwürdigen Erfolg. Denn es wurde keine Wende zum Guten in der Afghanistanpolitik herbeigeführt, sondern lediglich der überwunden geglaubten Gegensatz von Gesinnungs-und Verantwortungsethik wiederbelebt. Schönen Dank auch!

Hier kann nun nicht im Detail aufgezeigt werden, wie politisches Handeln der Kirche aussehen kann und soll, das sich nicht auf moralische Weisungen der Kirchenprominenz beschränkt, sondern eine lebendige politische Kultur innerhalb der Kirche zur Basids hat. Es wäre sicher lohnenswert, dem einen oder mehrere Artikel zu widmen und dabei auch die neuesten Impulse der EKD-Kammer für Öffentliche Verantwortung zu diskutieren. So Gott will findet sich jemand, der sich für nthk.de dieser Aufgabe annimmt.

Doch vielleicht hilft hier vorerst ein positives Beispiel, das ich dem Käßmann-Diktum entgegenstellen möchte. Als ein solches steht mir aktuell das Handeln der Kirchen angesichts der sog. Flüchtlingskrise vor Augen. Jenseits der Stellungnahmen von Seiten der Kirchenleitung – diese dürften manches befördert haben – sehe ich dabei die große Leistung bei den Gemeinden. Dort hatten notwendige gesellschaftliche Debatten einen Raum, die hier auch über die Grenzen der politischen Lager hinweg geführt wurden. So wurden bei vielen Menschen Vorurteile und Ängste sichtbar gemacht, bearbeitet und abgebaut. Schließlich hat man vielerorts ganz praktisch die Verantwortung übernommen für Flüchtlinge und deren Integration hier in Deutschland. Menschen haben sich für das Gemeinwohl eingebracht und sind dabei überzeugend für ihren Glauben eingestanden. Dabei wurde, wie die Reaktionen einiger meist konservativer Politiker zeigen, durchaus auch mit den Erwartungen von Seiten des Staates und der Politik gebrochen. Insofern ist den Autoren zuzustimmen: Nur Nettigkeit führt nicht weiter!

Grundsätzlich sollten sich die evangelischen Kirchen in politischen Fragen zunächst darauf besinnen, was ihnen von ihrem Auftrag und von ihrer Botschaft her aufgetragen ist. Dazu braucht es einen lebendigen Diskurs, der auch kontroverse Positionen zulässt. Nur auf dieser Grundlage lässt sich dann eine breite Mehrheit der Mitglieder für ein bestimmtes Vorgehen gewinnen und mobilisieren. Die Verständigung über das, was hier und heute geboten ist, dauert vielleicht einmal etwas länger als wünschenswert. Es könnte sein, dass sich in manchen Fragen keine eindeutige kirchliche Position gewinnen lässt. Aber wäre das so schlimm? Vielleicht ist gerade das ein wichtiger Beitrag zur politischen Kultur unserer Gesellschaft. Die Fähigkeit, Spannungen und Meinungsverschiedenheiten auszuhalten, scheint mir durchaus ausbaufähig.

Ach, und was den Segensroboter und die Aufforderung „Traut euch!“ (These 2) betrifft: Mit Blick auf die kommende Bundestagswahl melde ich Interesse an bezüglich eines Roboters, der Klagepsalmen rezitiert…