Might also be ethics, honey!

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(Noch eine Anmerkung zu “It’s the theology, stupid!”)

Gastbeitrag von Christian Stritzelberger, Tübingen

 

Vorweg: Die offene Diskussion über Theologie und Kirche ist großartig! Denn wenn wir als evangelische Kirche einen Vorwurf nicht loswerden, dann den der Beliebigkeit oder Belanglosigkeit. Was kann die Theologie belanglos machen? Und wie kann bei Pfarrerinnen und Pfarrern der Eindruck entstehen, sie hätten theologisch nichts gelernt, was ihnen weiterhilft? Zu dieser Debatte hier eine, hoffentlich weiterführende, Ergänzung.

 

„Sprachfähigkeit“ ist so etwas wie ein Grundwert des Protestantismus. Die Kirche soll zum Leben, zur Wirklichkeit etwas zu sagen haben. Dafür werden Pfarrerinnen theologisch ausgebildet. Aber welche Wirklichkeit ist das eigentlich, in der sie sich auskennen sollen?

Die für die heutige Theologie immer noch unverzichtbare „dialektische“ Theologie, auch z. B. die einst zum Grundinventar gezählte Seelsorgetheorie nach Thurneysen verbindet man (zu Recht oder zu Unrecht) mit dem Anspruch, eine „wirklichere“ Wirklichkeit zu durchschauen, die uns dann auch die alltägliche Wirklichkeit überhaupt erst verständlich macht.

Diese harte Alternative von „Wirklichkeit Gottes“ und dem, was „der kleine Mann“ für sich als Wirklichkeit erlebt, hatte natürlich gerade in Deutschland ihre historische Berechtigung. Wenn jeder im Land im Stechschritt in die falsche Richtung marschiert, muss man notfalls eben auf dem Wasser gehen, um nicht mitgeschleift zu werden. Diese Sicht ist aber für die evangelische Theologie auch gefährlich, wenn sie zur Grundhaltung wird. Schnell wird dann die „normale“ Wirklichkeit ignoriert, weil nur die „theologische“ wirklich zählt. So wird die beste Christologie, die klarste Trinitätslehre zum Herrschaftswissen: Würde ich das nur verstehen, dann könnte ich auch den Leuten in meiner Gemeinde helfen. Und so geht man dann nach dem Studium frustriert in eine Wirklichkeit, zu der man nichts zu sagen hat.

Wem ist aber überhaupt geholfen, wenn man die Probleme ihres Lebens als Unterthema der Christologie erklärt? Sicher Einigen, wenn das wirklich die Frage war. Ist es aber nicht immer. Und dann ist es mit einer Wirklichkeitsverschiebung nicht getan, denn das Problem liegt dann in dieser Wirklichkeit, in der wir nun einmal alle leben. Will man dazu etwas sagen, dann braucht es auch andere Mittel. Ein zentrales nennt man „Ethik“.

Wir stecken alle, als Theologinnen und als Christen überhaupt, schon im Leben. Und das besteht nicht nur aus Meditationen darüber, was das alles bedeutet. Das besteht auch aus Entscheidungen, ob man das eine oder das andere tut. Ob man eine Flüchtlingsfamilie aufnehmen muss, ob man Kinderkrankenpfleger werden darf, wenn auf der Station auch Abtreibungen geschehen, ob man Kinder haben sollte, und so weiter. Das Auftragen von Bibelstellenextrakten auf solche ethischen Entzündungen lindert kaum. Vor allem, weil man nicht einfach so schon weiß, wo eigentlich die Stelle ist, die man behandeln müsste; was Symptom und was Auslöser ist.

Menschliche Wünsche, Absichten und die damit verwobenen Glaubensvorstellungen schaffen die Wirklichkeit, die sich jeden Tag ereignet. Um Krankheiten in dieser Wirklichkeit mit dem richtigen Mittel verarzten zu können, braucht man oft erst einmal eine gute Anatomie des Handelns – sprich: „Ethik“. Anders gesagt: Man muss in der Lage sein, zu entwirren, was einen Menschen umtreibt. Und ob das eine Entscheidung bräuchte, oder einen „Zuspruch des Evangeliums“. Wer aber nur verkündigen kann, degradiert alle anderen leicht zu permanenten Zuhörern – als hätten sie kein Leben zu führen.

Für ihre theologische Arbeit müssen Pfarrerinnen sich also (auch!) gut und bequem in der Ethik auskennen, so die These. Das ist nicht mit einer Reclam-Lektüre von Mills „Utilitarismus“ fürs Examen erledigt. Was man mit der Ethik lernt ist nämlich nicht bloß Theorie, oder eine Sammlung von fertigen Inhalten, sondern vor allem eine geübte Fertigkeit, technische Kompetenz. Es ist die Kunst, nachzuvollziehen und handhabbar zu machen, was im Leben verworren daherkommt. Schon deshalb geht Ethik also nicht mit dem Gestus der wirklicheren Wirklichkeit, sondern nur gut lutherisch mit dem Wissen, Gott und die Welt am Ende nicht verstehen zu können – und trotzdem ernsthaft drin zu stecken. Ohne Herrschaftswissen oder Sonderoffenbarungen darüber, was nun gerade richtig ist.

Das ist nicht fakultativ. Ethik gibt keine „Extrapunkte“ für den Wahlbereich. Im Gegenteil: Wer das nicht kann, riskiert, an völlig falschen Stellen mit dem Evangelium um sich zu werfen. Wenn da der Eindruck entsteht, Theologie sei irgendwie bedeutungslos, muss sich keiner wundern. Im falschen Licht scheint die schönste Dogmatik fahl, und schlechte Ethik lässt dümmstenfalls das Evangelium gleich mit schlecht aussehen. Besser also, wenn es da aufscheinen kann, wo es wirklich strahlt. Das kann durchaus in ethischen Diskussionen passieren – muss es aber nicht.

Kurz gesagt hat man als Berufstheologe ein echtes theologisches Defizit, wenn man nur Evangelium „kann“, aber keine Ethik. Das ist eine Herausforderung für die Universitäten, aber auch für die Studierenden. Das heißt nämlich für die Studienplanung, über der Begeisterung für raffinierte Dogmatik nicht die echte Auseinandersetzung mit der „gutbürgerlichen“ Ethik zu vergessen. Beide, das letztlich unbegreifliche Evangelium und die im Leben unvermeidbare Verantwortung, machen evangelische Theologie aus. Gut also, wenn man mit ihr lernt, zu beiden etwas zu sagen zu haben.

 

Christian Strizelberger ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Systematische Theologie II/Ethik (Prof. Dr. Elisabeth Gräb-Schmidt) in Tübingen.

Study of Theology Revisited

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Randnotizen zu „It’s the theology, stupid

von Niklas Schleicher (@megadakka)

Tobias Graßmann hat auf nthk.de neulich einen Kommentar zu einer Debatte verfasst, woran es der Kirche eigentlich krankt. Der Artikel stieß und stößt auf viel Zustimmung, und an seiner Analyse ist nicht nur nichts verkehrt, sondern es ist ihr zuzustimmen: Theologie ist das, was Menschen (auch) erwarten, wenn sie Gottesdienste unserer Kirchen besuchen. Theologie als Arbeit an Lebens- und Glaubensproblemen ist es, was gerade auch die reformatorische Tradition auszeichnen sollte. Und es ist richtig: Ein Problem der Kirche ist es, dass es im Gottesdienst (aber nicht nur dort) an Theologie fehlt. Auch wenn mehr Theologie nicht alle Probleme auf einmal löst, ist es doch ein Schritt in die richtige Richtung. Die Forderung nach mehr Theologie steht im Raum und weist auf ein Problem hin: Anscheinend mangelt es an solcher. Hier ist der Punkt, an dem im Folgenden nochmal kurz anzusetzen ist.

Denn freilich: Oftmals ist es der Zwang des Berufs und eine gewisse Prioritätensetzung, die es Pfarrern und Pfarrerinnen schwermacht, Theologie zu treiben und ‚drin im Fach‘ zu bleiben. Dies ist ein entscheidender Punkt, lässt aber wohl doch nur darauf schließen, dass im Studium und in der Phase des Vikariats nicht deutlich genug wurde, dass der Beruf auch und ganz entscheidend von Theologie lebt. Dies ist natürlich auch deshalb eine interessante Diagnose, weil es der Evangelischen Kirche an vielen mangelt, aber sicher nicht an Ausbildungsorten, die Theologie und theologische Wissenschaft groß schreiben. Ohne Zweifel ist die deutschsprachige akademische Theologie immer noch sehr gut ausgestattet und sollte alles bereitstellen, um zukünftige Pfarrer und Pfarrerinnen theologisch so zuzurüsten, dass diese aus ihrer Ausbildung für ihre zukünftige Praxis profitieren können.

Nun ist es doch aber so, dass genau von dieser theologischen Ausbildung, die alle Pfarrerinnen und Pfarrer erfahren, bei vielen wenig hängen bleibt. Meines Erachtens liegt das an mindestens drei unterschiedlichen Gruppen, die mit der theologischen Ausbildung zu tun haben. Möglicherweise kann man, wenn man gewillt ist, an diesen Stellschrauben drehen, um die Analyse von Tobias Graßmann mit ein paar praktischen Forderungen zu ergänzen.

Zunächst zu den Studierenden. Es ist faktisch so, dass viele Menschen, die das Studium der Theologie beginnen, dies mit dem Ziel tun, später Pfarrer oder Pfarrerin zu werden. Anders formuliert: Der Berufswunsch steht zuerst und das Studium ist der Weg, diesen Wunsch zu erfüllen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber: Im Studium muss irgendwann der Punkt kommen, an dem man ein eigenes Interesse an theologischen Fragen und Themen entwickelt. Es muss zum eigenen Anliegen werden, zu verstehen, wieso man denn jetzt dieses Fach studieren muss. Man muss selbst Schwerpunkte setzen und sich vertiefen, denn nur so kann man eigenes theologisches Denken lernen. Freilich, der Einwand, der unter gegenwärtigen Bedingungen naheliegt, beginnt mit „B“ und endet mit „olonga“. Zugegebenermaßen ist die Modularisierung der Theologie nicht und ich wage zu behaupten auch sonst keinem geisteswissenschaftlichen Studium angemessen, aber genauso wenig kann sie eine Ausrede sein, eigenes theologisches Denken zu vermeiden. In jedem Seminar, in jeder Vorlesung, egal wie gut oder wie schlecht der Dozierende ist, geht es um theologische Fragen, um das Nachdenken darüber, wie einzelne Inhalte des christlichen Glaubens gedacht werden und wurden. Es ist das Mindeste und nicht zu viel verlangt, von Studierenden zu fordern, diese Gedanken nachzuvollziehen, sich dazu eigene Gedanken zu machen und sich auf das gemeinsame Denken einzulassen. Das fordert hier noch keine große Textlektüre, ist aber der Eingangspunkt zur eigenen theologischen Existenz. Denn auch wenn es nützlich und wichtig ist, über das Seminar hinaus theologische Literatur zu lesen, ist das nicht das Entscheidende. Das Entscheidende ist schlicht und ergreifend: Den eigenen Kopf einzuschalten.

Nun schreibe ich diesen Text quasi von der anderen Seite des Seminarraums und arbeite an der theologischen Ausbildung als Dozierender mit. Auch wir Dozierenden tragen entscheidend dazu bei, dass zukünftige Pfarrer und Pfarrerinnen Theologen sind und bleiben. Zwei Punkte sind hier anzudeuten, die miteinander zusammenhängen und an denen es durchaus mangelt. Erstens: Wir müssen deutlich machen können, wieso unser theologisches Fach, das Seminar oder die Übung, die wir gerade geben, von Bedeutung für die theologische Existenz und damit für den Beruf des zukünftigen Pfarrers ist. Es mag nämlich freilich für die Seminararbeit oder für das Examen reichen, wenn ich z.B. nach der Lektüre von Ritschls „Unterricht“ nachzeichnen kann, was denn nun seine Reich-Gottes-Vorstellungen für den Kulturprotestantismus des 19. Jhd. bedeutet und wo sich seine Lehre von der „klassischen“ Eschatologie unterscheidet. Für die eigene theologische Existenz bringt es aber überhaupt nichts, wenn man keine Idee davon bekommt, wie sich das zum christlichen Glauben verhält und inwieweit uns Ritschl hilft, mit „Glaubens- und Lebensfragen“ umzugehen. Für mich ganz konkret im Seminar bedeutet das, genau diese Art des Nachdenkens zu fördern. Denn freilich: Der erste Schritt ist das Verstehen des Textes, der zweite ist seine Interpretation, der dritte aber muss darin bestehen, wenigstens in Ansätzen darüber nachzudenken, inwieweit dieses Konzept hier und heute für meine Theologie, also mein reflektiertes Reden über Gott hilft. Und, auch wenn ich hier aus der Warte des Systematikers spreche, würde ich diese Forderung unumwunden auch an die anderen Fächer erheben.

Dies führt zu dem zweiten Punkt: Wir brauchen wenigstens eine Idee, was die Sache der Theologie ist. Man kann es nicht oft genug sagen: Die Differenzierung in unterschiedliche Fächer und Fachkulturen ist für die Professionalisierung der Theologie ein Segen. Aber gerade für den Beruf des Pfarrers oder der Pfarrerin, also für den Beruf eines „Allgemein-Theologen“, ist es notwendig, eine Idee zu haben, wie sich die unterschiedlichen Fächer gegenseitig beeinflussen. Es bedeutet eben für mein Reden vom Reich Gottes in der Dogmatik etwas, wenn meine Beschäftigung mit dem Neuen Testament ergibt, dass die Reich-Gottes-Predigt Jesu von der Naherwartung geprägt war usw. Das ist keine einfache Aufgabe, aber für eine ordentliche theologische Grundausbildung halte ich es für unumgänglich, dass wir uns wieder Gedanken um dasjenige Teilfach machen, dass den Zusammenhang der theologischen Fächer untersucht: Wir brauchen eine Wiedergewinnung der theologischen Enzyklopädie.

Neben der Studierendenschaft und der Dozierendenseite ist eine dritte Partei in die theologische Ausbildung der Pfarrer und Pfarrerinnen involviert: Die Landeskirchen. Hier möchte ich gar nicht groß argumentieren, sondern das Ganze etwas offener formulieren. Ich gewinne den Eindruck, dass die Kirchen zwar irgendwie das erste Examen wollen und auch Zeit in die Prüfungen investieren, danach aber die theologische Weiterbildung (und auch Forschung) rein in der Hand und vor allem in der Freizeit der Pfarrerinnen und Pfarrer liegen sehen. Vielleicht muss man hieran auch weiterdenken, dass Theologie und theologische Weiterbildung nicht der Privatspaß der Pfarrer und Pfarrerinnen ist (Spaß macht es hoffentlich auch!), sondern für den Beruf jedenfalls, wenn das stimmt, was Tobias Graßmann schreibt von eminenter Bedeutung zu sein scheint. Man muss hier gar nicht unbedingt große neue Programme schaffen, die gibt es mit Studienseminaren wie das der VELKD in Pullach oder anderen bereits. Sondern man muss Pfarrer und Pfarrerinnen ermutigen, es ihnen ermöglichen, aber auch fordern, dass sie in ihr Berufsleben Theologie integrieren.

Wenn die drei angesprochenen Gruppen kooperativ und ernsthaft an der Sache arbeiten, dann gelingt es vielleicht, dass der Beruf des Pfarrers, der Pfarrerin wieder zu einem sogenannten theologischen Beruf wird. Hinsichtlich der Herausforderungen, vor die die Kirche gestellt ist, wäre das zu begrüßen.

It’s the theology, stupid!

Ein Kommentar von Tobias Graßmann (@luthvind)

Der Kirchentag 2017 ist vorbei und er hat mich irgendwie nicht genug interessiert, um dafür mein Seminar abzusagen und meine Familie einzupacken. Kann sein, dass ich da was verpasst habe.

Das bedeutet allerdings nicht, dass ich gar nichts mitbekommen hätte. Denn so ein Kirchentag sorgt ja auch für Debattenstoff. Debatten sind erst einmal gut. Wenn ich meiner Twitter-Timeline trauen darf, drehten die sich dieses Mal vor allem um den richtigen Umgang mit der AFD. Aber irgendwie ging es auch um Früchtetee und Tassengrößen, was dann mit der großen Frage zu tun haben soll, wieso zu Kirche die falschen Leute kommen und die richtigen entsprechend wegbleiben. Wobei das mit falsch und richtig natürlich niemand so deutlich ausspricht. Muss man auch nicht, ist ja Allen klar.

Man kann diese Fragen immer wieder einmal stellen. Aber man wird in der Diskussion kaum weiterkommen, wenn man das zentrale Problem unserer Kirche ausklammert. Dazu ein kleines Gedankenspiel:

Gehen wir davon aus, ein Mensch „verirrt“ sich in eine evangelische Kirche. Er, nein besser: sie hat auf einer grässlich unübersichtlichen Homepage tatsächlich den Termin eines Gottesdienstes gefunden, hat sich Sonntagmorgen aus dem Bett gequält, sich von der mürrischen Mesnerin ebenso wenig abschrecken lassen wie von dem Kirchenvorsteher, der in seinem missionarischen Eifer dem neuen Gesicht gleich ein wenig übergriffig zu Leibe rückt. Nun sitzt sie da im Gottesdienst und weiß nicht so recht, was sie sich davon eigentlich erwartet.

Wir auch nicht. Aber egal, was sie sich erwartet – was erlebt diese Person in unserer (ok, etwas klischeehaft gezeichneten) Gemeinde? Lieder, bei denen die Gemeinde eher zaghaft mitsingt, eine beliebig zusammengestückelte Liturgie und dann endlich die Predigt. Deren Plot lässt sich in etwa so zusammenfassen: „Wer den Nächsten lieben will, muss erst einmal sich selbst lieben. Gott liebt uns so, wie wir sind. Wenn man das ganz fest glaubt, dann wird alles gut.“ Dazu noch irgendwelche privaten Erlebnisse des Pfarrers, die man im Telefongespräch mit der besten Freundin wohl kaum berichtenswert fände. Irgendwie haben sie es trotzdem in die Predigt geschafft, wahrscheinlich für den Lebensweltbezug.

Falls sich diese Person davon angesprochen fühlt, kommt sie nächste Woche wieder. Und hört mehr oder weniger das Gleiche. Und wieder. Und wieder. Wie lange tut man sich das als vernünftiger Mensch eigentlich an? Weshalb war sie nochmal genau gekommen?

Und hier sind wir an dem Punkt, weshalb die Suche nach fresh expressions of church eben zu kurz greift. Es geht bei der Krise unserer Kirche nicht oder zumindest nicht nur um den Ausdruck, der frisch und modern werden muss. Es geht nur am Rande um Gottesdiensformen, um Milieuverengung, um Kekse und Früchtetee.

Zu oft servieren wir den Menschen in unseren Gemeinden ein theologisches Sparmenü. Wir köcheln es zusammen in den Geschmacksvariationen „Großvater erzählt“, „Frauen in der Mitte des Lebens“ oder „Kindermutmachgottesdienst“. Wenn wir unserer Menükarte jetzt noch ein paar neue Gerichte dieser Art hinzufügen, zugeschnitten etwa auf die „urbanen Twentysomethings“ oder so, dann sprechen wir vielleicht eine Handvoll neuer Leute an. Ein paar Müde und Beladene werden schon kommen; solche, denen die Botschaft erst einmal egal ist, weil sie einfach Anschluss und Trost suchen. Tolle, wertvolle Menschen, gewiss – aber was ist mit den Anderen?

Das schwarze theologische Loch, das viele Predigten so austauschbar und banal macht, lässt sich nicht mit Beamerunterstützung, neuen Songs, professionellen Homepages, stylischen Plakaten, schicken pastoralen Outfits und abgefahrenen Veranstaltungstformaten stopfen. Auch nicht durch tätige Nächstenliebe oder diese „ganz besondere Gemeinschaft“, die immer bloße Behauptung war. Und schon gar nicht durch billiges Moralisieren, das sich politisch gibt, aber genau das Gegenteil bedeutet. Denn wenn wir uns versichern, dass wir irgendwie Aalle gegen Krieg, Klimakatastrophe und Kinderarbeit sind, ist damit für die politische Orientierung mündiger Christenmenschen halt wenig gewonnen. Oder?

Was also ist zu tun? Es wäre erst einmal einzugestehen, dass Gemeindeglieder an kirchliche Veranstaltungen Erwartungen haben. Legitime Erwartungen. Der Einwand, dass da eine theologisch anspruchsvolle Predigt ja wohl nicht dazu gehöre, überzeugt mich nicht im Geringsten. Denn Theologie meint eben nicht verkopftes Geschwafel, sondern Arbeit an Lebens- und Glaubensproblemen. Es geht um die Fragen, die in den Texten der Bibel, aber auch den theologischen Klassikern von Paulus über Augustin und Luther bis hin zu Karl Barth vibrieren – aber heute aus unseren Gottesdiensten weitgehend verbannt sind! Wem das alles zu „churchy“ ist, der oder die wird freilich auch in Film, Musik und Literatur fündig. Auch da begegnen Heil und Verderben, Schuld und Vergebung, Zorn und Versöhnung, Glück und sein Scheitern, Zweifel und neue Gewissheit – all die Eisen halt, die anzufassen wir Prediger oft zu hitzeempfindlich sind!

Wirklich, ich habe hohen Respekt vor Pfarrerinnen und Pfarrern, die sich der Herausforderung stellen, fast wöchentlich in der Predigt etwas Interessantes und Geistreiches über Gott, die Welt und den Menschen sagen zu müssen! Ich kann mir halt nicht vorstellen, wie das gehen soll mit einer Theologie, die sich auf drei Sätze eindampfen lässt. Denn die Wenigsten von uns haben ein so spannendes Leben, dass unsere privaten Erlebnisse Woche für Woche eine Predigt tragen. Und selbst dann interessiert mich Biografie auf der Kanzel eigentlich nur, wenn sie mir etwas über das Leben mit Gott erschließt. Was bitte erschließt es mir, dass Pfarrerinnen und Pfarrer Blumenzwiebeln einpflanzen, im Wald spazieren gehen oder abends mal ein gutes Buch lesen? Wobei – ich stelle mir bei solchen Banalitäten manchmal die Frage, ob das nicht als best practice aus irgendeiner Predigtmeditation stammt. In dem Fall wären es die Verfasser dieser wenig hilfreichen Hilfen, die mein Zorn trifft.

Denn es macht mich zornig! Es erfüllt mich mit Ärger, dass die Menschen mit ihren Fragen alleine gelassen werden. Etwa Fragen wie: „Wie bekomme ich meinen Glauben mit meinem naturwissenschaftlich geprägten Weltbild zusammen? Wie erkläre ich meinem muslimischen Freund, warum wir an einen dreieinigen Gott glauben? Wie gehe ich mit Texten in der Bibel um, die mir Angst machen oder mich ratlos zurücklassen?“ Und da ist noch keine große Krise dabei, noch keine Theodizee, keine der letzten Fragen, die sich an der Grenze zwischen Leben und Tod stellt.

Wer die Kirche wieder „relevant“ machen will, muss ihr die theologische Substanz zurückgeben. Und damit wir uns verstehen: Ich habe hier das Beispiel Predigt gewählt, aber das ließe sich für andere Handlungsfelder genauso durchspielen. Für die Schülerinnen und Schüler, die im Hormongewitter der Pubertät mit betulichen Geschichtchen abgespeist werden. Oder Senioren, die sich für die mittelalterliche Geschichte ihrer Kirche interessieren würden, doch geboten wird einmal mehr nur „Fröhlich durch alle Jahreszeiten“.

Theologinnen und Theologendürfen das Negative nicht länger aussparen, das Sperrige, das Dunkle und Fragwürdige, das Spannende. Gebannt hören die Leute nur zu, wenn sie merken, dass die bekannten, die einfachen, allzu rechtgläubigen und bieder moralischen Antworten nicht mehr greifen. Und wir müssen dafür eine Sprache suchen, die nicht museal und pastoral klingt, aber auch nicht zulässt, dass so große Worte wie Heil und Seligkeit, Barmherzigkeit und Gnade sich auflösen in die belanglose Nettigkeit, die in unseren Gemeinden so oft herrscht.

Das kann man dann meinetwegen auch „Fresh X“ nennen.

Rezension zu: Handbuch der Seelsorge

Wilfried Engemann (Hg.), Handbuch der Seelsorge. Grundlagen und Profile, 3. Völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2016.

Für www.nthk.de rezensiert von Annette Haußmann am 28. Februar 2017.

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Das von Wilfried Engemann herausgegebene „Handbuch der Seelsorge“ hat sich nach zwei unveränderten Auflagen (erschienen 2007 und 2009) mit einigen Neuerungen deutlich gewandelt. Beinahe 10 Jahre nach seiner Ersterscheinung ist nicht nur der Umfang angewachsen, auch die Anzahl der Autoren ist beträchtlich gestiegen. Unter Beibehaltung der grundsätzlichen Struktur der älteren Auflagen folgt das Handbuch dem Ziel, einen „stärkeren inneren Zusammenhang“ (5) herzustellen. Seelsorgende finden in diesem Handbuch in insgesamt sechs Kapiteln eine umfangreiche Grundlage zur Information und Reflexion der eigenen Praxis und können sich zu Diskursen innerhalb der Seelsorgelehre breit informieren. Die Prolegomena (Kap.1) und christliche Praxis (Kap.2) werden den Strukturen und Elementen des seelsorgerlichen Gesprächs vorangestellt (Kap.3), ehe verschiedene Ansätze der Seelsorge (Kap.4) vorgestellt werden. Zwei weitere Kapitel reflektieren Anlässe und Situationen (Kap.5) sowie spezifische Bedingungen und institutionelle Kontexte der Seelsorge (Kap.6).

Die Neuauflage ist gleichsam Zeugnis der poimenischen Entwicklungen, die auf aktuelle Herausforderungen in einer individualisierten und pluralisierten Gesellschaft reagieren. Zwei Tendenzen fallen besonders ins Auge: Zum einen lässt sich eine Differenzierung der Seelsorgelehre feststellen, die sich in Spezialisierung und Professionalisierung niederschlägt. Weiterhin ist eine Rückbesinnung auf christliche Wurzeln evangelischer Seelsorge zu erkennen. Beide Tendenzen, die in der zweiten Auflage bereits angedeutet waren, haben sich nun vertieft. Sie zeugen von einer Auflösung der Gräben zwischen therapeutischer und kerygmatischer Poimenik, die heute vorwiegend von historischer Bedeutung sind, und in ein pluralistisches Seelsorgeverständnis übergegangen sind.

Bereits am Inhaltsverzeichnis bildet sich die Tendenz der heutigen Seelsorgelehre zur Spezialisierung ab. Die drei letzten Kapitel zeigen die Vielfalt und Diskussionsbreite der Ansätze, Situationen und Kontexte der Seelsorge und weisen darin zugleich die Ausdifferenzierung dieses praktisch-theologischen Faches auf. Kapitel 5 zeigt, wie vielfältig seelsorgerliche Situationen sind, ist aber auch Zeugnis davon, dass seelsorgerliche Hilfe zumeist in existenziellen Lebenssituationen mit Kasualcharakter von Relevanz ist (Taufe, Sterben, Krankheit, Trauer, Krise). Ein neues Kapitel 6, das den Schluss des Buches bildet, beschreibt „Spezifische Bedingungen und institutionelle Kontexte der Seelsorge“ und bietet von Telefonseelsorge über Notfallseelsorge bis zur Gefängnis-, Polizei- und Militärseelsorge eine breite Darstellung der Seelsorge in speziellen Kontexten. Begrüßenswert ist, dass auch neuere Phänomene wie die Urlaubsseelsorge aufgenommen wurden. Auch die Schulseelsorge hat hier nun einen neuen Platz gefunden, nachdem das in den vorigen Auflagen heterogen anmutende Kapitel 5 zu Ressourcen der Seelsorge aufgelöst und dessen Artikel in neue Zusammenhänge eingegliedert wurde [vgl. die Kritik in der Rezension von Isolde Karle in ThLZ Okt. 2008, Sp. 1141–1143]. All diesen Spezialisierungen liegt ein professionalisiertes Grundverständnis der Seelsorge zugrunde, demzufolge methodisch und inhaltlich geschulte Seelsorger in bestimmten Lebenszusammenhängen und Lebensformen agieren.

Eine weitere aktuelle Tendenz der Seelsorge bildet die Frage nach dem christlichen Glauben innerhalb der Seelsorge. Der programmatische Beginn des Handbuchs mit dem Artikel „ Zum Proprium der Seelsorge“, neu verfasst von Christiane Burbach, zeigt bereits an, wie zentral die Auseinandersetzung um das christliche Profil evangelischer Seelsorge geworden ist. Während der Beitrag in den früheren Auflagen vorher im Rahmen der Ansätze notiert war, zeigt dieser Einstieg ins Handbuch: Im pluralen Gesellschaftskontext versteht sich die spezifisch kirchliche, theologische und christliche Ausrichtung der Seelsorge nicht mehr von selbst, sondern muss expliziert werden. Denn auf die neu entdeckten Bedürfnisse nach Spiritualität, Sinn, Ganzheitlichkeit und Wohlbefinden reagieren auch andere Anbieter mit multiprofessionell ausgerichteten Sinn-Angeboten. Diese programmatische Tendenz einer Besinnung der Seelsorge auf ihre christliche Grundlagen spiegelt sich auch im neu eingefügten Kapitel 2 „Praxis des Christentums als Kontext und Impuls der Seelsorge“, das nun die Grundlagen des christlichen Glaubens aufzeigt, die „vor jeglicher Theoriebildung oder gar Professionalisierung“ (7) liegen, weil Menschen „durch die Glaubenskultur des Christentums in ihren vielfältigen Ausprägungen Hilfe empfangen“ (8). In diesem Sinne werden das Evangelium als Lebenskunde (Wilfried Engemann), die Kirchengemeinde (Eike Kohler) und die Beichte als christliche Praxis (Corinna Dahlgrün) dargestellt. All dies folgt den im Handbuch durchgehaltenen diskursiven Charakter, der Positionen nebeneinander stellt, aber diese gleichzeitig auch innerhalb der Artikel kritisch miteinander ins Gespräch bringt. Gleichzeitig liegt damit ein gewisser Gegenpol zur Konzentration auf Professionalität vor. Im weiteren Verlauf kommt diese ‚vorprofessionelle‘ Perspektive auf Seelsorge als Aufgabe aller Glaubenden, z.B. in der Berücksichtigung von ehrenamtlich Seelsorgenden, leider nur noch selten zur Sprache.

Trotz angestrebter Methoden- und Konzeptvielfalt ist der Fokus auf pastoralpsychologische Konzeptionen nicht von der Hand zu weisen. Bereits Burbach beginnt mit der definitorischen Bestimmung: „Seelsorge ist heute pastoralpsychologisch-methodisch verantwortete Seelsorge“ (34). Im Kapitel 5 werden aus den pastoralpsychologischen Perspektiven, die noch 2009 als solche zusammengefasst waren, acht verschiedene Ansätze zusammen mit Christlicher Tradition und Seelsorge (Bukowski), systemischer (Morgenthaler) und praktisch-philosophischer (Engemann) Seelsorge. Zugleich ist dies Zeichen der positiv aufgenommenen Vielfältigkeit innerhalb der Pastoralpsychologie, aber auch eine Verkürzung aktueller Entwicklungen. Vergeblich sucht man Artikel zu Alltagsseelsorge, interkulturellen oder feministischen Konzepten, die mittlerweile auch in pastoralpsychologischen Standardlehrbüchern (vgl. Ziemer, Seelsorgelehre 2015; Klessmann, Seelsorge 2015) als etabliert gelten. Solche erfrischenden neuen Impulse und Ansätze hätten dem Standardwerk sicher gut gestanden. Zudem vermisst man in manchen Artikeln eine Aktualisierung in punkto aktuelle Debatten und die ausführlichere Einbindung von Forschungs- und Grundlagenliteratur.

In der Seelsorge-Landschaft tummeln sich viele Publikationen, aber nur wenige bieten einen umfassenden Überblick über verschiedene Konzepte und Grundfragen der Seelsorge abseits der Einbettung in eine bestimmte Konzeption. Große Stärke des Handbuchs ist außerdem seine Nutzungsmöglichkeit als Nachschlagewerk und die Konzentration auf kommunikative Aspekte der Seelsorge. Dies macht das Handbuch zum unverzichtbaren Klassiker evangelischer Seelsorgeliteratur.

Annette Haußmann ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Praktische Theologie 1 der Evanglisch-theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Ökumene – mehr als Männerfreundschaft?

Ein Kommentar von Claudia Kühner-Graßmann (@audacior)

Achtung: Kann Spuren von Zuspitzung und Zickigkeit enthalten

In den letzten Wochen und Monaten gab es viele Bilder dieser Art: Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm trifft sich mit hohen Vertretern der katholischen Kirche. Die Bilder sollen vor allem Eines zeigen: Wir verstehen uns. Nimmt man die medial gekonnt inszenierte Verbrüderung von Kardinal Marx und Bedford-Strohm während ihrer gemeinsamen Pilgerreise ins Heilige Land hinzu, scheint es in der Ökumene so gut zu laufen wie nie. Im Gegenteil: Man fragt sich, was uns denn überhaupt noch trennen sollte.

Doch jenseits dieser Euphorie bleibt ein „Geschmäckle“ zurück – gerade bei mir als Frau. Denn was ist mit den trennenden Lehrstücken, der von katholischer Seite noch nicht möglichen Abendmahlsgemeinschaft und auch den Pfarrerinnen, die mitunter durchaus noch unter dem patriarchalen Habitus mancher katholischer Kollegen zu leiden haben?i Vergessen wir auch nicht die bis heute andauernden Vorwürfe an die evangelische Seite, den Bruch mit der una sancta vollzogen zu haben. Gerade im Rahmen des diesjährigen Reformationsjubiläums gibt es Tendenzen, im Zusammenhang mit der Reformation von Versöhnung oder gar Entschuldigung zu sprechen. Da scheint es nun gerade recht, dass die Kirchenleitung feierlich ihre Einträchtigkeit inszeniert.

Ja, auch ich finde Ökumene und den Zusammenhalt der christlichen Kirchen wichtig. Aber die Zusammenarbeit muss auch immer die charakteristischen Unterschiede wahren. „Nun sollen die beiden Kirchen versöhnt werden, nicht ‚homogenisiert‘, aber angenähert, so Bedford-Strohm.“ii Steht „versöhnt“ für die Versöhnung angesichts vieler gegenseitiger Verwerfungen in den letzten fünf Jahrhunderten, möchte ich dem uneingeschränkt zustimmen. Ich spreche mich aber vehement gegen eine Versöhnung aus, die die Abspaltung der Kirche Luthers per se als wiedergutzumachendes Ereignis wahrnimmt.

Dass es unterschiedliche Kirchen auf Erden gibt, darf an sich noch kein Grund für große Versöhnungsgesten sein.iii Es wäre eine Illusion, wenn man meinte, die Kirche sei zunächst eine Einheit gewesen und dann erst im Laufe der Geschichte – mit dem Höhepunkt der Reformation – zersplittert. Im Gegenteil: das Christentum war von vornherein eine heterogene Gruppe. Und das ist auch gut so. Denn zum einen muss eine Kirche, die ja immer auch in die Welt eingeht, den jeweiligen Gegebenheiten ein Stück weit entgegenkommen (Sprache, kulturelle Begebenheiten etc.). Zum anderen kann die Existenz verschiedener Konfessionskirchen uns davor bewahren zu meinen, wir hätten hier die „richtige“ Gemeinde aller Gläubigen auf Erden.iv So kann uns vergegenwärtigt werden, dass diese Kirche der Gläubigen niemals deckungsgleich mit unserer sichtbaren Kirche ist. Das heißt nicht, dass wir eine falsche Kirche, sondern: dass wir eben jeweils nur einen konkreten menschlichen Teil dieser Kirche auf Erden in unseren Kirchen verwirklicht haben. Im Eingeständnis dieser Endlichkeit kann der Blick auf die anderen Konfessionen auch in Respekt und (Männer-)Freundschaft erfolgen – aber immer im Bewusstsein heilsamer Unterschiedenheit. Kirche geht nun mal nicht anders.

Dies Erkenntnis bringt mit sich, dass auch wir Protestanten selbstbewusst in den ökumenischen Diskurs treten können.v Sind die wechselseitigen Entschuldigungen bezüglich der unschönen Auseinandersetzung vergangener Jahrhunderte akzeptiert, müssen wir uns nicht für die Ausdifferenzierung (und Spezialisierung) in verschiedene Kirchen als solche schämen. Nun ist es so, dass die persönliche Ebene immer hineinspielt. Diese ist einerseits positiv und kann befördernd wirken. Andererseits kann sie auch hemmen. Und wäre Ökumene nicht produktiver ohne diese negativen Faktoren, wenn man sich einfach auf der Sachebene begegnen könnte? Ohne Neid auf die schöneren Gewänder; ohne permanenten Minderwertigkeitskomplex der Protestanten; ohne Pfarrerinnen, die ihre Stellung gefährdet sehen; ohne katholische Theologinnen, die beim Thema Ordination sofort beleidigt sind; die – zugegebenermaßen überspitzte – Liste ließe sich beliebig verlängern. Das ist sicherlich – und das gilt wohl für jegliche Kommunikation – utopisch, aber was ich meine: Diskussion muss auf einer Ebene stattfinden, in der man sich auch einmal kritisch in Frage stellen lässt und zwar auf inhaltliche Art. Denn das gehört auch zur Ökumene: das Eigene im Angesicht des Anderen zu überdenken.vi

Wünschenswert wäre in jedem Fall, wenn sich die inhaltliche Auseinandersetzungen ein Stück weit von der persönlichen Ebene entkoppeln würde. Dazu würde auch gehören, dass die mediale Inszenierung sich wegbewegt von der „Ökumene als Männerfreundschaft“. Schön, wenn das auf oberer Ebene so gut funktioniert! Aber Ökumene ist mehr als die Umarmung zweier Männer (die die Unterschiede schon allein durch ihre Kleidung hervorheben) und der Beteuerung von Einheit. Ökumene sollte sich auch nicht daran entscheiden, ob man den jeweiligen Papst sympathisch findet oder nicht. Ökumene ist harte (theologische) Arbeit, die im gegenseitigen Respekt und auf sachlicher Ebene nicht nur der Gesamtchristenheit einen Dienst erweist.

Nein, auch die eigenen Ansichten dürfen gestärkt oder erneuert werden. Aber dazu müssen wir Evangelischen zunächst das Selbstbewusstsein haben, uns als ebenbürtige Partnerinnen zu präsentieren. Ob das gelingt? Das zeigen uns die schönen Bilder leider nicht, – trotz aller gegenseitigen Sympathie der Akteure, die dabei sichtbar wird. Vor der Kamera bleibt Ökumene (auf dieser Ebene zumindest) eben doch Männerfreundschaft. Dies mag bei der nächsten Gelegenheit beachtet werden, wenn mal wieder Durchbrüche in der Ökumene angesichts neuer Kumpelszenen gefeiert werden. Und dies mag uns daran erinnern, dass wir um der Ökumene willen auch mal über unseren Schatten springen müssen, gerade wenn diese starken Sympathien nicht vorhanden sind. Denn Ökumene findet nicht nur zwischen Einzelpersonen, sondern gerade in theologischen und – ! – sachlichen Diskursen statt!vii

Lasst uns schließlich die Bilder immer auch als das würdigen, was sie zeigen: zwei Amtsträger unterschiedlicher Konfessionen verstehen sich auf persönlicher Ebene gut. Das kann helfen. Aber es kann und muss im Zweifel auch mit respektvollem, vielleicht distanziertem Handschlag gehen.

Wir kommen nicht drumherum: Ökumene ist (auch) Arbeit und muss auch ohne diese begrüßenswerten Sympathien funktionieren!


i Es soll dabei nicht übergangen werden, dass dies auch Männer trifft und dass auch evanglische Pfarrer nicht per se Unschuldslämmer sind. Auch ich durfte mir in während meines Gemeindepraktikums schräge Kommentare eines Priester anhören. Und ja, das ist nicht immer der Fall. Mir scheint es aber so, als ob gerade diese Seite der ökumenischen Zusammenarbeit angesichts der Verbrüderungstendenzen gerne vergessen wird,

iii Die folgenden Ausführungen sind dezidiert aus evangelischer Perspektive geschrieben.

v Natürlich ist hier auch immer die Kenntnis der eigenen theologischen Grundlagen gefordert.

vi Auch wenn es bedeutet, eine Frau als Gegenüber zu „akzeptieren“.

vii Dies möchte ich Bedford-Strohm und anderen auch nicht absprechen. Es geht hier aber vor allem um medial inszenierte Bilder, die die öffentliche Wahrnehmung leiten.

Wie wir die Digitalisierung angehen!

Genau nach dem Plan, den ich dir von der Wohnung

und ihrem ganzen Gerät zeige, sollt ihr’s machen.“

(Ex 25,9)

Ein Beitrag zu #DigitaleKirche von Tobias Graßmann (@luthvind).

Letzte Woche hat Hannes Leitlein einen viel beachteten Text geschrieben, in dem er die evangelischen Kirchen an ihre reformatorischen Wurzeln erinnert. Ausgehend davon wirft er den Kirchen mangelnde Offenheit für die Chancen von Digitalisierung und sozialen Medien vor. Niklas Schleicher hat an diesem Ort bereits einige theologische Anfragen an diesen Text geäußert. Dieser Weg soll hier nicht weiter beschritten werden.

Ich bin der Meinung: Das Problem ist jetzt doch auf dem Tisch. Wir haben genug Appelle gehört. Die Ermunterungen, neben der Realität doch auch die digitale Welt und ihre mysteriösen Bewohner der kirchlichen Verkündigungstätigkeit zu unterwerfen. Die kritischen Einwände, bitte endlich die leidige Unterscheidung von „realer“ und „digitaler“ Welt aufzugeben – und, ach, letztere bitte nicht nur als Missionsgebiet zu beackern, sondern als Raum für echte Begegnungen wahr- und ernstzunehmen. Der Weg von der Absichtserklärung hin zu konkreten Maßnahmen wurde, während ich noch an diesem Text sitze, schon von den Jugenddelegierten der EKD beschritten.

Um das Ganze noch ein Stück weiter zu treiben, nun ein kleines Gedankenexperiment:

Nehmen wir einmal an, bei mir klingelt das Telefon. „Herr Graßmann? Hier spricht Frau Sowienoch aus dem Landeskirchenamt. Der Landesbischof möchte mit Ihnen sprechen. Er hat da letztens diesen Text von einem Zeit-Journalisten gelesen und war tief erschüttert. Er meint, die Evangelisch-Lutherische Landeskirche in Bayern muss das mit der Digitalisierung jetzt echt einmal konsequent angehen! Wir brauchen wen, der für den Landeskirchenrat eine passende Strategie für digitale Entwicklung ausarbeitet. Und da sind wir beim googeln halt irgendwie auf Sie gekommen… (Gedankenexperiment!)“ Und, wie ich halt so bin, sage ich: „Natürlich, ich könnte gleich morgen in der Katharina-von-Bora-Straße vorbeikommen. Ich hab da zufällig schon was auf der Festplatte.“

Wie sähe der Plan aus, mit dem ich in den ICE steige?

1. Einrichtung einer „Abteilung G: Internet“ im Landeskirchenamt

Als erstes richten wir eine neue Abteilung im Landeskirchenamt ein! (Natürlich ohne Oberkirchenrat an der Spitze, um das Gleichgewicht von Kirchenkreisen und Abteilungen innerhalb des Landeskirchenrats nicht zu gefährden…)

Diese Abteilung G: Internet hat den Auftrag, die Präsenz der Landeskirche im Internet neu zu konzipieren und konsequent weiterzuentwickeln, zu administrieren, zu moderieren und mit theologisch gehaltvollem Content zu füllen. Konkret wäre zunächst an informative und katechetische Angebote zu denken, eine Berichterstattung über Kirchen- und Religionspolitik, regelmäßige Updates für die Kirchenleitung bezüglich relevanter Diskurse in den sozialen Medien sowie eine niederschwellige Ansprechbarkeit durch gut gepflegte Accounts. Die Liste lässt sich natürlich erweitern. Was definitiv nicht zu den Aufgaben dieser Abteilung gehören wird, sind Fortbildungen und die Betreuung der Gemeinden in technischen Fragen – dafür sind eigene Stellen zu schaffen oder externe Spezialisten hinzuzuziehen.

Dazu erhält die Abteilung eine passende Personalausstattung, ich denke an zunächst einmal elf volle Stellen. Fünf davon sollten mit theologisch oder religionspädagogisch ausgebildeten Amtsträgern besetzt sein, fünf mit Informatikern1, Webdesignern oder Spezialisten aus anderen einschlägigen Berufen. Die letzte Stelle wird besetzt von einem Juristen mit besonderer Qualifikation in Urheberrechts- und Datenschutzfragen. Zwei dieser Stellen könnten auch erst einmal Praktikumsplätze sein. Die Stellen sind (wie bei Entsendungen in Partnerkirchen) auf maximal sechs Jahre, besser drei Jahre mit Möglichkeit einer Verlängerung um drei Jahre beschränkt. Gerade in diesem Feld wäre es fatal, wenn eine in der Kirche oft beobachtete Entwicklung einsetzt: Leute richten sich auf ihren Stellen ein und verweigern die nötigen Lernprozesse, um mit den Entwicklungen des Feldes Schritt zu halten.

An die Spitze der Abteilung stellen wir gleichberechtigt einen der Theologen, einen der Informatiker sowie den Juristen. Was die Entscheidungsfindung betrifft, schwanke ich, ob Grundsatzentscheidungen im Konsens gefasst werden müssen oder man lediglich ein Vetorecht bei schweren Bedenken einräumen sollte. Das können wir ja noch diskutieren!

Die nötigen Stellen könnten an anderer Stelle der Landeskirche problemlos eingespart werden. Ich hätte da unmittelbar einige Vorschläge – die ich an dieser Stelle freilich (noch) nicht äußere, damit die Debatte nicht in die falsche Richtung abdriftet. Die Personalkosten wären also neutral. Ich bin kein Spezialist, aber meine: Für die technische Ausstattung sollte zunächst der Preis einer mittelgroßen Orgel ausreichen. Räume stellt das Landeskirchenamt in München zur Verfügung. Man könnte diese Abteilung – das ist ja das Tolle an der Digitalisierung – zwar problemlos auch in Rummelsberg oder Neuendettelsau oder sonst wo ansiedeln. Aber eigentlich mag ich den Gedanken, dass die Informatiker und Webdesignerinnen durch das Landeskirchenamt schlurfen und über Techie-Kram reden…

2. Verpflichtende Fortbildung für alle Pfarrerinnen und Pfarrer

Für die zukünftigen Pfarrergenerationen wird das Thema Internet und Digitalisierung fest in die Ausbildung im Predigerseminar integriert, wobei das Thema eher kontinuierlich mitlaufen sollte, als in einer eigenen Kurswoche behandelt zu werden.

Zusätzlich werden alle derzeitigen Amtsträger der ELKB für eine fünftägige verpflichtende Fortbildung einberufen. Das bisherige Format der Aufklärung hat sich nämlich nicht bewährt: Man lädt sich als Gemeinde oder Pfarrkapitel aus aktuellem Anlass einen mit der Internetarbeit betrauten Spezialisten ein. Der hält einem dann in eineinhalb Stunden einen launigen Vortrag, argumentiert nach Kräften gegen die sogleich geäußerten Bedenken an, preist die Vorzüge des Internets, all das angereichert mit vielen Screenshots, Cliparts und anglophonen Nerdjokes. Der bleibende Eindruck bei großen Teilen der Pfarrerschaft: „Krass, dieses Internet! Da lass ich besser die Finger von!“ Aufklärung braucht Zeit und das Internet will erkundet werden.

(Trotzdem gilt natürlich: Daumen hoch für Christoph Breit und all die anderen Männer und Frauen auf dem verlorenen Posten!)

Am ersten Tag steht aber erst einmal Entmythologisierung an: Es ist mitnichten so, dass mit Einrichtung eines Twitteraccounts die NSA automatisch Zugriff auf meine Mikrowelle erhält. Es ist kaum zu befürchten, dass einem auf Facebook unvermittelt Drogen, Kindersklaven und Kriegswaffen angeboten werden. All der Seemannsgarn von Datenkraken und Darknet eben, der besonders von Leuten gesponnen wird, die es für unsittlich halten, ein anderes Betriebssystem als Windows XP zu nutzen. Wir sind im Internet nicht irgendwelchen finsteren Algorithmen ausgeliefert, sondern primär als kritische Individuen gefragt.

Der Tag zwei dreht sich dann um Netiquette. Eigentlich sollte es reichen, folgende Faustregel einzubläuen: Im Internet sind neben mehr oder weniger witzigen Spambots vor allem Menschen unterwegs. Deshalb ist im Internet all das nicht ok, was auch ansonsten im Umgang mit Menschen tabu ist. Hetzen, Stalken, Mobben, krumme Geschäfte oder das Herumzeigen von Penisbildern würde man im Umgang miteinander gewöhnlich nicht dulden. Also auch im Internet: Lasst es bleiben! Nicht, dass ich diesbezüglich in der Pfarrerschaft ein großes Problem vermute, aber sicher ist sicher. Mit dieser Faustregel kann man Pfarrerinnen und Pfarrer getrost auf die Netzwelt loslassen. Und ja, das Mäßigungsgebot bezüglich politischer Äußerungen gilt auch im Internet.

Der Tag drei dient dazu, grundlegende Internetanwendungen (Internettelefonie, Kalender), nützliche Apps (nicht nur die Bahn-App), die wichtigsten sozialen Netzwerke (Facebook, Twitter) und nicht zuletzt kirchliche Angebote im Netz vorzustellen und gemeinsam zu erkunden.

Am vierten Tag bekommt jede und jeder die Aufgabe, zumindest ein Projekt im Zusammenhang mit der Digitalisierung zu planen, umzusetzen und einen Monat weiterzubetreiben. Man könnte eine Page zusammenbasteln, einen Blog einrichten, Predigten streamen, Links zu einem Thema zusammentreiben, eine Gruppe in einem sozialen Netzwerk gründen usw. Danach gibt man sich wechselseitig Feedback, wertschätzend und bestärkend natürlich! Wir wollen ja keine Trolle ausbilden.

Am letzten Tag, wenn ein Großteil der unfreiwilligen Teilnehmer dann wider Willen ein bisschen Blut geleckt hat, kann man noch einmal ein paar rechtliche Details zu Datenschutz und Urheberrecht erläutern. Dann geht es wieder zurück in die Gemeinden. Der Erfolg wird nicht ausbleiben!

3. Änderung im Pfarrerdienstrecht: Internetpräsenzpflicht

In einem dritten Schritt fügen wir an geeigneter Stelle die folgenden Paragraphen ins Pfarrerdienstrecht ein:

(1) Pfarrerinnen und Pfarrer sind grundsätzlich verpflichtet, eine Präsenz in den sozialen Medien zu unterhalten und diese angemessen zu pflegen.

(2) Sie sind gehalten, in den sozialen Medien als Amtsträger erkennbar und für Fragen des christlichen Glaubens ansprechbar zu sein.

Dabei geht es natürlich nicht darum, diese „Pflicht“ zu kontrollieren und streng durchzusetzen. Der Kenner sieht auch gleich die faktische Einschränkung zu einer Soll-Bestimmung.

Das Ziel ist vielmehr, die Begründungslast umzukehren: Ich muss als guter Pfarrer vor niemandem rechtfertigen, dass ich mir einen Account in einem sozialen Netzwerk einrichte. Vielmehr muss ich vor meiner Gemeinde und meinen Vorgesetzten begründen, wenn ich mich prinzipiell aus dem Internet fern halte.

In der Logik des Pfarrerdienstrechts ist dies einfach die konsequente Fortführung der Residenzpflicht. Denn – unabhängig von der leidigen Pfarrhausthematik – hinter dieser verbirgt sich ja nicht einfach der Wille zur Schikane, sondern die tiefere Absicht, den Pfarrer zum lebensweltlichen Miteinander mit seinen Gemeindegliedern zu zwingen. Diese Pflicht muss heute selbstverständlich auch auf das Internet ausgedehnt werden, da dieses schließlich ebenso selbstverständlich zum Leben vieler Menschen gehört wie der Gang zum Friseur oder zum Bäcker an der Ecke.

Zu erwarten ist natürlich, dass sich die Pfarrerschaft über die zusätzliche Pflicht beklagt. Aber mal unter uns: Dann sollen die Kollegen sich halt an anderer Stelle eine Entlastung gönnen, eine ihrer angestammten Aufgaben abgeben oder zumindest herunterfahren! Welche das sein könnte, sollten sie selbst am Besten entscheiden können. Schließlich sind wir alle erwachsene, selbstverantwortliche Menschen …

Ein Wort noch zu der Ausgestaltung dieser Dienstpflicht: Die Landeskirche muss unbedingt Abstand von der aktuell empfohlenen Praxis der Dienstprofile nehmen. Das Resultat solcher „Vikarin Soundso“ und „Pfarrer Sowienoch“-Accounts ist, dass die sozialen Medien mit unspannenden Zombies bevölkert werden, denen selbst Kirchenvorstände nur widerwillig folgen. Wieso auch, wenn nur der Inhalt des (analogen) Gemeindebriefs und hin und wieder ein Blumenfoto aus dem Pfarrgarten gepostet wird? Was die Menschen interessiert, sind Personen mit Klarnamen und aus Fleisch und Blut, die auf ihren Glauben und ihre Kirchenzugehörigkeit ansprechbar sind, aber sich auch mal in anderen Debatten und banalen Alltagsfragen äußern, vielleicht sogar mit ihrer Meinung angreifbar machen.

Das soll natürlich nicht heißen, dass ein Zweitaccount nicht in manchen Fällen legitim wäre. Wer als Pfarrer weiterhin freizügige Fotos posten oder irgendwelchen bizarren Hobbies nachgehen will, ist mit einem Pseudonym gut bedient. Nur sollte eben der Pfarrdienst integriert in das allgemeine Leben sein, nicht das bizarre Hobby unter Gleichgesinnten, für das man sich einen Spezialaccount gönnt. Verstehen Sie meinen Punkt?

4. Langzeitziele

Tobias Jammerthal hat mich zu Recht darauf hingewiesen, dass die hier vorgeschlagenen Maßnahmen konsequenterweise in einem nächsten Schritt auch auf andere kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausgedehnt werden sollten. Dem stimme ich zu. Diese Vorschläge sind daher auch nur als erste Schritte hin zu einer umfassenden Vision von Kirche im Netz zu betrachten.

Wie sieht diese Vision aus? Es ist die einer Kirche, die sich im Internet ansprechend, professionell und ihrer Botschaft gemäß präsentiert. Eine Kirche, die einerseits als Institution über vielfältige qualitativ hochwertige Angebote verfügt, die aber andererseits von vielen Einzelpersonen – Hauptamtlichen, Ehrenamtlichen, Sympathisanten – getragen wird, die ihre jeweiligen Gaben einbringen und so ihren Glauben an Jesus Christus im Netz bezeugen.

Beides ist vielfältig vernetzt: So teilen Interessierte vielleicht eine kirchenoffizielle Bekanntmachung, welche dann in Onlinemedien und Blogartikeln kommentiert wird. Daraufhin entspinnt sich eine Diskussion, die neue Perspektiven, theologische Argumente sowie konkrete Verbesserungsvorschläge zu Tage fördert. Die Ergebnisse dieser Diskussion finden dann über die Internetabteilungen der Landeskirchen ihren Weg zurück in die kirchlichen Leitungsgremien.

Wer weiß, vielleicht wirkt sich dieses Feedback dann sogar auf die Entscheidungen der Kirchenleitung aus? Vielleicht erspart die Digitalisierung ja einmal Denkanstößen den Weg durch die Telefone und Vorzimmer, macht so manche ICE-Fahrt durch die halbe Republik unnötig?

Klingt, bei Lichte besehen, gar nicht so visionär…

Also los, an die Umsetzung! Wir schaffen das!


1 Da es sich hier um eine Skizze handelt und es bei den vielen Berufsbezeichnungen wirklich mühsam zu lesen wäre, verzichte ich auf geschlechtergerechte Sprache. Das bedeutet nicht, dass bei der Besetzung nicht unbedingt auf ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis zu achten wäre!

Rezension zu: Luther verstehen.

Markus Buntfuß, Friedemann Barniske (Hrsg.), Luther verstehen. Person – Werk – Wirkung, Leipzig 2016.

Für www.nthk.de rezensiert von Jonas Milde am 27. Januar 2017 .

luther

 

Mag auch die Kurzcharakterisierung des Protestantismus als einer eher an Personen denn an Institutionen orientierte Konfession (vgl. 203; Klappentext) so diskutabel sein wie diese Personen und Institutionen selber: Sie zu verstehen bleibt ein Ziel vieler Christen – nicht nur evangelischer. Allen voran meint dies, wie auch das gegenwärtige Reformationsjubiläum es zeigt, die Person Martin Luther, die nun allerorten ins Zentrum der Erinnerungskultur gerückt wird.

Die Augustana-Hochschule Neuendettelsau schrieb sich dieses Ziel auf die Fahne ihrer Studienwoche im Sommersemester 2016. Die in diesem Band versammelten Aufsätze – allesamt aus dem Kreise der Hochschuldozenten – geben einen vielseitigen Einblick in dieses Unternehmen. Das Ziel habe, so die Herausgeber, darin bestanden, aus Anlass des anstehenden Reformationsjubiläums einen Beitrag „zur konfessionellen Selbstvergewisserung“ (5) zu leisten, da „sich das dogmatische Interpretament des 16. Jahrhunderts entgegen allen Beteuerungen kaum mehr als tauglich erweist, um den Sinngehalt der christlichen Religion protestantischer Couleur für heutige Zeitgenossen zu erschließen.“ (ebd.)

Bekanntlich sind die Beiträge einer Studienwoche – vergleichbar denen eines Semesters – an einer theologischen Fakultät so unterschiedlich an Themenwahl, Qualität und Umfang, dass das sie einende Band so locker sitzt, dass einige aus dem Verbund herauszufallen drohen und man die thematische Anbindung kaum noch greifen kann. Und so kommt es auch, dass im Band der Neuendettelsauer einiges mehr und einiges weniger hilft, das selbstgesteckte Ziel – Luther verstehen – zu erreichen.

Nach der Einleitung Friedemann Barniskes (9-17) eröffnen die beiden Alttestamentler Michael Pietsch und Stefan Seiler den abgedruckten Vortragsreigen, worin sie sich mit Luthers Hermeneutik und seiner Übersetzung des Alten Testaments befassen. Mit dem Aufsatz „Mose ist der Jüden Sachsenspiegel“ (19-39) beteiligt sich Pietsch an der aktuellen hermeneutischen Diskussion um den Bezug des Alten Testamentes zur christlichen Verkündigung. Er wählt hierzu den reformatorischen Diskurs über die Funktion des Gesetzes für die Christen und versucht „Luthers Stellung zum Alten Testament auf dem Hintergrund seiner theologischen Hermeneutik exemplarisch nachzuzeichnen, um Eigenarten und Grenzen reformatorischer Schriftauslegung präziser zu bestimmen“ (21). Er tut dies anhand einer Predigt aus dem Jahr 1525. Pietsch meint, dass „eine christologische Lektüre des Alten Testaments nicht zwangsweise obsolet geworden“ (37) sei und spricht sich in einem doppelten Fazit für mehrere „gleichberechtigte Lesarten dieser Schriftensammlung“ (38) aus sowie dafür, [d]ie Christozentrik der reformatorischen Schrifthermeneutik […] um eine theozentrische Perspektive zu erweitern.“ (ebd.)

Seiler stellt im Folgenden Überlegungen aus philologischer und theologischer Perspektive (41) zu Luthers Übersetzung an. Er macht auf den häufigen Gebrauch solcher „Begriffe mit christologischen Bezügen“ in Luthers Übersetzung des Alten Testaments aufmerksam, „in denen sich zugleich seine reformatorische Erkenntnis verdichtet.“ (45) In einer Beurteilung kommt Seiler zu einem „zwiespältig[en]“, kurzen und ausgewogenem Urteil und gibt seinem Aufsatz einen zehnseitigen Anhang bei, in dem er Luthers Übersetzungsprozess anhand exemplarischer Beispiele gut ersichtlich veranschaulicht.

Der Neutestamentler Christian Strecker stellt seinen Beitrag, den umfangreichsten des Bandes, unter den Titel Luther und die paulinische Rechtfertigungslehre und legt die Debatte über die „Entlutherisierung“ der paulinischen Soteriologie (71-126) dar. In Auseinandersetzung mit verschiedenen Paulusexegeten der näheren und ferneren Kirchengeschichte, von Origenes und Augustin bis zu den Vertretern der New Perspective on Paul und ihren lutherischen Kontrahenten, die an einer Deutung der paulinischen Rechtfertigungslehre im Anschluss an Luther festhalten und in dieser „gegenwartsorientierende Kraft“ (99) erkennen, zeigt Strecker „die vielen Facetten des Diskurses über die komplexen Beziehungen zwischen Luthers paulinisch gefärbter Theologie und der Rechtfertigungslehre des Völkerapostels“ (125).

Auf Streckers Beitrag folgen die der beiden Kirchengeschichtler Andreas Gößner und Ingo Klitzsch. Gößner widmet seinen Beitrag zur Studienwoche der weiten Perspektive von Universalgeschichte und Reichspolitik, wenn er [d]ie mittelalterlichen Kaiser aus der Sicht der Reformatoren darstellt (127-145). Er beleuchtet die Umwelt Luthers, vor allem die religionspolitischen Operationen von Kaiser und Papst im (Spät-)Mittelalter und deren Einfluss auf das Bild, das der Wittenberger Reformator von Imperium und Sacerdotium und ihren Repräsentanten hatte.

Klitzsch analysiert „Luthers Juden“ in Aurifabers Tischredensammlung (147-199). Damit aber springt er nicht auf den bekannten Zug auf, mit dem das Thema „Luther und die Juden“ zu dem Thema dieses 500. Reformationsjubiläums zu werden droht, sondern erfasst, wie der letzte Famulus Luthers dessen in den Colloquia vertretenen Positionen zuspitzt und somit maßgeblich die Wirkungsgeschichte der lutherschen Haltung zu den Juden mitbestimmt. Dies wird anhand mehrerer Beispiele und synoptisch angeordneter Quellenwiedergaben sehr gut nachvollziehbar und anschaulich präsentiert und eröffnet den Blick auf eine bereits im 16. Jahrhundert „,judenfeindlicher‘ zugespitzte[…] Lesart, die nicht nur fatale Äußerungen, sondern auch nicht minder fatale Handlungsmaximen mit umfasste und bis weit ins 19. Jahrhundert und darüber hinaus tradiert[…]“ (195) wurde, aber keinesfalls in eins zu setzen ist mit der Haltung des Reformators selbst.

Die Herausgeber des Bandes widmen sich als Systematische Theologen Luther als Genie der theologischen Reduktion (201-211) – so Markus Buntfuß – und Friedrich Brunstäds (neu)idealistische[r] Lutherdeutung (213-233) – so Friedemann Barniske. Buntfuß geht es „um die Frage, ob und inwiefern die geschichtliche Person Martin Luthers und sein Werk im Licht seiner Wirkung [Hervorhebung J.M.] zum Gegenstand einer verstehenden Aneignung werden können“ (202). Er charakterisiert den Protestantismus als eine an der Person Luthers „als ganz und gar menschliches Vorbild im Glauben“ (203) interessierte Form des Christentums, die sich neben ihrer dieser noch vorgeordneten Orientierung an den Personen (!) Jesus und Paulus nicht an dem, „was Kirche und Dogmatik vorschreiben“ ausrichtet, sondern an dem, „was ich als wahr und heilsam erkannt habe und was ich vor meinem Gewissen als richtig zu verantworten bereit bin“ (ebd). Luther habe zwar „die spekulativen Dogmen der Alten Kirche von der Dreieinigkeit Gottes und den zwei Naturen Christi [übernommen], obwohl sie seiner religiösen Erfahrung und Glaubenseinsicht nicht mehr“ entsprochen haben. Dieses sowie das hier insgesamt gezeichnete Bild eines nachaufklärerischen Protestantismus muss in der so präsentierten Form mit einigen deutlichen Fragezeichen versehen werden!

Der sich anschließende Aufsatz Barniskes zur Persönlichkeitsreligion des Religionsphilosophen und Rostocker Systematikers Friedrich Brunstäds präsentiert ergänzend eine Lutherdeutung aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert.

Die drei Praktischen Theologen Klaus Raschzok, Konstanze Kemnitzer und Andreas von Heyl widmen sich nacheinander folgenden Themen: Luther und die Folgen für das Theater (235-275), der Auseinandersetzung mit Erik Eriksons ,Young man Luther‘ (277-293) und den fünf reformatorischen ,Soli‘ als einem Beitrag zur Salutogenese (295-309).

Raschzok geht auf die in der Reformation grundgelegte „Emanzipation des Theaters vom Kultischen“ (275) und die beiden Wege, den des Gottesdienstdienstes und den der Bühne, sowie deren Kreuzungen ein. Dabei kommt einerseits Luthers tiefe Skepsis gegenüber den mittelalterlichen geistlichen Spielen zum Tragen, andererseits jedoch auch der für die Kinderkatechese und die Bildung erkannte Wert des Spielens biblischer Geschichten (239-243.245f), der im Luthertum wortwörtlich Schule gemacht hat.

Das von Erik Erikson 1958 vorgelegte psychoanalytische Verstehensmodell der Person Martin Luthers wird von Kemnitzer vorgestellt und als eine „kreative[…] Konstruktionsleistung“ (293) gewürdigt, das „uns“ dazu anleitet, „mit entwaffnend offenen Karten und in vollem Risiko gegenüber der Kritik anderer Fächerkulturen, Luther theologisch verstehen zu wollen“ (ebd). Ob die deutsche und internationale Lutherforscher hierfür Eriksons Modell benötigt, ist jedoch mehr als fraglich.

Von Heyl versucht eine spannende „Verknüpfung reformatorischer Gedanken mit dem Themenfeld der Gesundheit“ (295) und zeigt „die erstaunliche Nähe zwischen diesem Gesundheitskonzept [sc. Salutogenese] zu dem reformatorischen bzw. explizit lutherischen und darin wieder biblischen, Grundgedanken“ (296). Er greift dazu auf Äußerungen Luthers zurück und erkennt bei diesem einen Zusammenhang zwischen dem Glauben, dem „Herzstück der evangelischen Identität“ (304) und körperlicher wie seelischer Heilung. Luthers Theologie – heruntergebrochen auf die fünf reformatorischen Soli – wird also in ihrer auf das Wohl des Menschen zielenden Dimension dargestellt.

Der einzige Beitrag, der sich eingehend mit einer Schrift des Reformators auseinandersetzt, ist der Peter. L. Oesterreichs. Er betrachtet in seinem überaus knappen Aufsatz den Homo rhetoricus Luther anhand dessen Sendbrief vom Dolmetschen (323-333) und führt damit erweiternd das von Seiler eröffnete Thema der Bibelübersetzungen fort.

Inwieweit die Beiträge von Renate Jost„Vom Himmel hoch, da komm ich her…“ Vorläufige Überlegungen zu Gender, Christkind und Engeln (311-322) – und Jörg DittmerKein Lutheraner. Ein Hinweis auf Marcus Antonius de Dominis (1560-1624) (335-366) – dem Vorhaben der Studienwoche dienen, muss zweifelhaft bleiben. Denn auch wenn „das Kaleidoskop […] die Einheit der Vielfalt seiner Bilder für den Betrachter“ (16) verbürge – so Barniske in seiner Einleitung über die verschiedentlichen Ansätze der Lutherforschung – so kann man auch an einem Kaleidoskop vorbeischauen und völlig andere Dinge wahrnehmen. Darüber hinaus hinkt der Vergleich. Um ihn zu richten, müsste Luther ein Kaleidoskop in die Hand gegeben und ihm so der Blick auf das ermöglicht werden, was seine Erben mit seinem Werk anstellen. Ob der Reformator darin noch eine Einheit erkennen können würde, ist fraglich. Umso dringender sei es also wenigstens der evangelischen Theologie als Erbin empfohlen, den gemeinsamen Blick auf den Erblasser zu wagen, wie es die Dozenten der Augustana-Hochschule getan haben. Die „Einheit“ Luther aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und diese anderen Perspektiven neben der eigenen wahrzunehmen, ist den Autoren mehrheitlich wohl gelungen, wie der vorliegende Band bezeugt.

Doch auch dieses Bild vom Kaleidoskop in der Hand Luthers trägt nicht, kann ja kein Mensch, nicht einmal eine Person, um die ein Kult getrieben wird, wie es um Luther geschieht, zu Lebzeiten wissen, was aus ihrem Vermächtnis wird und für welche Zwecke es die Erben gebrauchen. Ein Kaleidoskop besaß er im Übrigen wohl auch nicht, mindestens kein patentiertes. Die amtliche Eintragung erfolgte erst im Jahr 1817, womit auch das optische Gerät in diesem Jahr ein großes Jubiläum feiert.

 

Jonas Milde, geb. 1991, studierte evangelische Theologie an den Universitäten in Münster, Basel, Zürich sowie der Humboldt-Universität zu Berlin und ist derzeit wissenschaftlicher Projektmitarbeiter am Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam.