Rezension: Cord Aschenbrenner, Das evangelische Pfarrhaus

Aschenbrenner, Cord, Das evangelische Pfarrhaus. 300 Jahre Glaube, Geist und Macht: Eine Familiengeschichte, München 2015.

Rezensiert für www.nthk.de von Jonas Milde am 8. Januar 2018, veröffentlicht am 20. Juni 2018.

„Pfarrers Kinder, Müllers Vieh gedeihen selten oder nie.“ – Neun Generationen an Pfarrern und Pfarrerskindern der Familie Hoerschelmann stellt der Journalist und Historiker Cord Aschenbrenner, selbst ein „Pfarrersenkelkind“, in seinem 2015 erschienen Buch vor. „Selten“ hat seit dem Aufkommen des Sprichwortes einen Bedeutungswandel erfahren. Meinte es ursprünglich „,besonders‘ oder ,außergewöhnlich‘“ (55), meint es heute „,nicht häufig‘“. Einen Bedeutungswandel hat auch das evangelische Pfarrhaus erfahren. Lange Zeit war es etwas „seltenes“, also etwas besonderes. Das Pfarrhaus unterschied sich von anderen Häusern, war doch der Hausherr – und nicht etwa nur seine wohl oder weniger wohl geratenen Kinder – kraft seines Amtes etwas „seltenes“.

Bei aller Idealisierung, die man dem Pfarrhaus angedeihen lassen hat, und den daraus möglicherweise hervorgehenden Vorbehalten dem Vorhaben A.s gegenüber – seine Bedeutung kann man dem evangelischen Pfarrhaus nicht absprechen; in Deutschland und Estland ebenso wenig wie im weltweiten Protestantismus. Und wer mit der Lektüre von A.s Buch beginnt, merkt schnell, dass es den Autor keinesfalls um die Verklärung einer untergegangenen Welt geht; denn „[d]as deutsche evangelische Pfarrhaus im Baltikum gibt es längst nicht mehr“ (16). Das Erbe jedoch lohnt die Betrachtung – nicht nur für die unmittelbaren Erben, die gegenwärtig evangelische Pfarrhäuser bewohnen.

Ausgehend von einem Zeitungsartikel, den A. 2011 für die Süddeutsche Zeitung verfasste (11), weitete und vertiefte er seine Recherchen zur Familien- und Pfarrhausgeschichte und reiht sich so selbstbewusst in die „[s]eit den 1970er Jahren [entstandenen] Untersuchungen […] zum evangelischen Pfarrhaus“ (23) ein. Er legt sein Hauptaugenmerk hierbei nicht auf eine „Pastorendynastie“ in Deutschland, sondern auf eine deutsche Familie, deren Wirkungskreis in den betrachteten Jahrhunderten vorwiegend im Baltikum lag. Die Hoerschelmanns, unter Katharina II. in den erblichen Adelsstand erhoben, waren Teil jener deutschbaltischen Elite, die das Land an der Ostsee in seiner wechselvollen Geschichte bis ins 20. Jahrhundert hinein prägte. Ein Ende fand dies mit der „,diktierten Option‘“, der „[f]ormal zwar freiwilligen, dennoch unter Zwang, wenigstens aber unter starkem Druck“ (268) vollzogenen Abwanderung der Deutschen aus dem Baltikum ins „Großdeutsche Reich“ während der NS-Herrschaft.

Damit endete eine Geschichte, die 1768 begann, als Ernst August Wilhelm (von) Hoerschelmann, 1743 geboren als Sohn des Großrudestedter Superintendenten, seine thüringische Heimat verließ und über Lübeck per Schiff nach Reval / Tallin kam. Vier seiner sechs Söhne wurden wie schon ihr Großvater – der Begründer der Hoerschelmann’schen Pastorendynastie – Theologen und begründeten die vier „,Häuser‘, benannt nach den Wohnorten oder dem Ort der Pastorate“ (19), aus denen zahlreiche Pfarrer und Pfarrfrauen hervorgingen.

Über diese – in treffender Auswahl – berichtet A. und führt den Leser in 27 Kapiteln durch die bald dreihundertjährige Geschichte: beginnend im Kernland der Reformation, rund 170 Jahre in Estland fortgeführt, zu ihrem – vorläufigen – Ziel kommend in Norddeutschland und Hongkong. Mit Seitenblicken, etwa auf die Entstehung des evangelischen Pfarrhauses (Martin Luther oder Die ideale Familie, 47–56) und die deutschbaltische Geschichte, werden die Familiengeschichten in einen ideellen und kulturhistorischen Rahmen eingeordnet, den ihre Protagonisten mitgeprägt haben.

Auch Blicke auf andere Pfarrer und Pfarrhauskinder werden geboten; teils als Spiegel zu den Hörschelmanns. So tauchen Gestalten wie der westfälische Posaunengeneral Johannes Kuhlo auf, dessen befremdlicher Kleidungsstil „gegen die ungeschriebenen Anstandsregeln seines Berufsstandes“ verstieß (143), ebenso die großen Geister des lutherischen Pietismus‘ Spener (100f.), Francke (64.99.101ff.) und Zinzendorf (99.103.136), deren Theologie viele Pastoren und „Pastorinnen“, also Pfarrfrauen, der Familie Hoerschelmann prägten.
Mit den theologischen Entwicklungen werden anhand der deutschbaltischen Pfarrhäuser auch die kirchlichen Verhältnisse in Deutschland gespiegelt, vor allem diejenigen Preußens und des Deutschen Reiches ab 1871. So etwa die Zeit des Kulturkampfes (171ff.) und die des Dritten Reiches (249ff.), das für die Hoerschelmanns die Rückkehr ins Land der Reformation, in dem viele ihrer – männlichen – Mitglieder studiert hatten, bedeutete. Die Verteilung des Stoffes der dreihundertjährigen Familiengeschichte erfolgt angenehm ausgewogen, wenngleich das 20. Jahrhundert den weitesten Raum einnimmt.

In zahlreichen Familienlegenden und -geschichten, die die Ursprünge der Familie mit einem Mose gleichenden, aus dem Wasser der Hörsel geretteten Baby, das man „Hörselmann“ nannte, sehen wollen (25), gelingt es A., Landes-, Pfarrhaus- und Familiengeschichte in Estland und Deutschland miteinander zu verbinden und die einzelnen Charaktere der Familie profiliert zu beschreiben. Dabei greift er auf vielerlei Material zurück, das Mitglieder der Familie, allen voran der Familienchronist Constantin – er ist einer der Theologen der 5. Generation – und der beide Weltkriege miterlebt habende Gotthard Hoerschelmann – er gehört zur 7. Generation – niedergeschrieben hatten. Von unverhofften Wendungen zum Guten – etwa einen aus Armut befreienden Blitzschlag (146) – ebenso wie von harten Plagen, Anfechtungen und Prüfungen – so beispielsweise die mehr als zehnjährige Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion, in der Gotthard Hoerschelmann heimlich in Lagern Abendmahl „mit wässriger Kohlsuppe oder mit Kwas und einem aufgesparten Brotkanten“ (311) feierte, – erzählt A.s etwa 350 Seiten langes Werk. Die zahlreichen Fotographien und Abbildungen helfen, die Pfarrer der neun Generationen und ihre oftmals die gleichen Namen tragenden Verwandten nicht zu verwechseln, ebenso die Karte und der Stammbaum, die dem Buch im Einband mitgegeben sind.

Selbstredend ist es gewagt, von dieser einen Pastorenfamilie pars pro toto auf das evangelische Pfarrhaus zu schließen. Doch das diesem Buch gespendete Lob hat es zurecht erhalten – in einer Vielzahl von Rezensionen sowie durch den Georg Dehio-Buchpreises 2016. Die Liste der bereits von anderen Rezensenten des Werkes angemerkten „Ungenauigkeiten und Fehler“, die sich eingeschlichen haben, (so Christopher Speer, Rez. in ThLZ 142 (2017), Sp. 242-244) und für das Ende des 18. Jahrhunderts bereits belegt wurden, schmälert diesen Erfolg nicht, könnte an wenigen Stellen auch in Bezug auf das 16. und das 20. Jahr fortgesetzt werden; etwa dort, wo A. Kirche und Pfarrhaus im Dritten Reich schildert. So bestand die Idee einer „Reichskirche“, die die Nationalsozialisten zu verwirklichen suchten, genau genommen nicht erst seit der Reichsgründung 1871 (251), das Wirken der lutherischen Bischöfe Hannovers, Bayerns und Württembergs in den 1930er und 40er Jahren, August Marahrens, Hans Meiser und Theophil Wurm, wird zu Lasten der Renommees dieser Kirchenmänner unausgewogen beleuchtet (252.327), und Otto Dibelius völlig zu Unrecht unterstellt, dass „[m]it Repräsentanten wie [ihm] die evangelische Kirche bereits vor 1933 vor den Nationalsozialisten freiwillig in die Knie“ gegangen sei (251).

Auch dort, wo die Ursprünge des Pfarrhauses im Reformationszeitalter liegen, liest sich einiges schief. So wird Luthers Haltung im Bauernkrieg nur mit seiner „blutrünstigen“, ursprünglich jedoch als Anhang zur Ermahnung zum Frieden verfassten und erst später als Separatdruck verbreiteten Schrift Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern deutlich verzerrt widergegeben (49). Möglicherweise wird es dem Rezensenten auch als kleinliche Spitzfindigkeit gewertet, wenn er anmerkt, dass die Rechtfertigungslehre des Wittenberger Reformators nicht „ein zentrales Element der Reformation“ (329, Kursivsatz J.M.) ist, sondern deren Mitte, Zentrum und Kern.

Doch ging und geht es Lutheranern – nicht nur denen der Familie Hoerschelmann und nicht nur Pfarrhausbewohnern – genau um dies: Leben und Handeln als Christenmenschen aus der Gnade der Rechtfertigung. Dass dieses auch gegenwärtig an Bewohnern von Pfarrhäusern – aber zweifellos nicht nur bei solchen – erkennbar ist, dazu gebe dieses Buch durch die von ihm gewirkte Lesefreude einen Anstoß.

 

Jonas Milde ist Examenskandidat der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Schaumburg-Lippe.

Von den 90 Prozent, Hausbesuchen und der Zukunft der Kirche

Rezension zu: Erik Flügge und David Holte: Eine Kirche für Viele (statt heiligem Rest), Freiburg im Breisgau 2018.

von Niklas Schleicher

Erik Flügge kann man zurzeit ohne Übertreibung als shooting-star der aktuellen kirchlichen Debatten bezeichnen. Sein Buch über die Sprache der Kirche1 war ein Verkaufserfolg und seitdem ist Flügge ein gern gesehener Referent in Fortbildungsveranstaltungen. Zwischendurch verfasst er immer mal wieder viel beachtete Artikel zur Zukunft der Kirche. Interessanterweise genießt Flügge für seine Arbeit, wenn ich das richtig sehe, breite Zustimmung und stößt auf wenig harsche Kritik.

Vor zwei Wochen erschien Flügge neues Buch, zu dem David Holte ein Kapitel beigesteuert hat. Buch ist dabei freilich etwas hoch gegriffen, erweiterter Essay trifft es vielleicht eher; so entfaltet Flügge seine Thesen auf 78 Seiten im Kleinformat bei Herder. Das Buch ist erneut ein Verkaufsschlager, die erste Ausgabe ist bereits vergriffen und die Rezeption wieder äußerst positiv.

Ich wiederum lese gerne Bücher, die Verkaufsschlager sind, positiv rezipiert werden und Ideen beisteuern, wie man denn die Kirche(n) reformieren könnte. Meistens bin ich dann enttäuscht und manchmal lasse ich mich auch zu einer Rezension hinreißen.

„Eine Kirche für viele (statt heiligem Rest)“ lautet der Titel des Buches. Das Grundanliegen ist dabei ein gänzlich anderes, als es beispielsweise „Vom Wandern und Wundern“ hat. Ich erwähne das deshalb, weil dieses Buch, jedenfalls in meiner Filterblase, von den gleichen Personen ähnlich euphorisch begrüßt wurde. Flügge geht es nicht um Rückzugsorte oder Klientelkirchen, die ganz bestimmte Menschen in ganz bestimmten Situationen (mit ganz bestimmten Vorlieben für koffeinhaltige Heißgetränke) bedienen, sondern in gewisser Weise um eine Kirche, die alle Menschen erreicht – also im besten Sinne um so etwas wie Volkskirche. Ich finde diese Idee jedenfalls schon einmal gut und interessant. Löst das Buch auch ein, was es verspricht?

Der Ausgangspunkt der Überlegungen ist im ersten Satz des Buches grundgelegt:

„90 Prozent der Kirchenmitglieder nehmen nicht am Gemeindeleben Teil. Sie zahlen nur für den Rest. Kann das wirklich die Idee einer Kirche sein? (S. 9)“2

Der Anstoß ist also, wie so oft, die Kirchensteuer. Viele zahlen, wenige nehmen die Angebote der Kirche wahr, gehen also regelmäßig in den Gottesdienst oder besuchen die Veranstaltungen, die in der Gemeinde angeboten werden. Dadurch verliert die Kirche an Relevanz im Leben derjenigen, die sie eigentlich finanzieren, und über kurz oder lang führt das zum Rückgang oder Verschwinden von volkskirchlichen Strukturen. Dabei ist es egal, ob es um das evangelische oder katholische Christentum geht; in dieser Frage unterscheiden sich beide nur um Nuancen.

Der Vorschlag, mit denen Flügge die 90 Prozent erreichen will, wird in einer Art Gedankenexperiment dargeboten, ist aber erstaunlich handfest: Man sollte die Arbeitszeit, die durch die Kirchensteuer finanziert wird nutzen, um Hausbesuche zu machen; und zwar nicht nur die üblichen 70+ Geburtstagsbesuche, sondern um alle Menschen der Gemeinde einmal im Jahr aufzusuchen und mit ihnen zu sprechen. Dies ist erstmal, wenn man so will, die formale Seite des Vorschlags: Weniger Geld investieren in Erhalt der Häuser, Kirchen, usw., sondern als Kirche zu den Menschen gehen. Flügge zieht einen Vergleich aus seiner Arbeit für die SPD heran: Auch im Wahlkampf ist das Besuchen von Menschen von gutem Erfolg gekrönt.

Die Kehrseite der Medaille ist dann allerdings die Anschlussfrage, die der zweite Teil des Buches behandelt: Was soll denn bei den Hausbesuchen geschehen, was gesprochen werden? In Flügges Worten: „Für wen ist das katholische beziehungsweise evangelische Christentum überhaupt noch relevant?“ Denn, so weiter: „[U]nd wenn man an diese Frage herangeht, dann sieht es düster aus.“ (S. 47) Die Streitfragen, um die es in den Kirchen gerade geht, sei es Sexualmoral oder die Frage nach Laien, sind reine Kulturfragen und reines Marketing. Um das Christentum zu reanimieren, ist, so Flügge weiter, eine Rückbesinnung auf die Wurzeln nötig; und zwar weniger in einem inhaltlichen Sinne, sondern in einem formalen Sinne: Man spricht mit anderen Menschen über seinen christlichen Glauben, nicht (allein) um sie zu überzeugen, sondern um im Gespräch mit ihnen und von ihnen neues über das Christentum zu lernen, eben genauso, wie es die frühe Christenheit in Aufnahme der griechischen Philosophie getan hat.

Der zweite Modellversuch, den Flügge dann vorschlägt, ist ein Schritt unter den Hausbesuchen bei allen Kirchenmitgliedern und sieht vor, dass die gesamte Gemeinde mit selbst geschriebenen Karten z.B. anlässlich wichtiger Feste kontaktiert wird. Diese Karten sollen Ehrenamtliche und Hauptamtliche gemeinsam in einer konzertieren Aktion verfassen.

Das Buch schließt mit der Hoffnung, dass die Eindrücke und Einsichten, die man durch die Gespräche im Rahmen einer solchen Haustürmission Gewinnt , Eingang in den Glauben und die Lehre der Kirche finden und es so zu einer Revitalisierung kommt.

Flügges Vorschläge klingen auf den ersten Blick sehr plausibel und einleuchtend. Aber ich meine: Sie sind auch etwas einfach. Nun muss Einfachheit per se nichts Schlechtes sein. Aber trotzdem sollte sie wenigstens ein bisschen stutzig machen. Sollte die Forderung, dass „Kirche zu den Menschen kommen muss“, Theologinnen und Theologen wirklich noch nicht in den Sinn gekommen sein?

Tatsächlich haben sich Theologie und Kirche diesbezüglich schon einige Gedanken gemacht. Und der Vergleich mit dem Straßenwahlkampf hat eben seine Grenzen: Auch die SPD und die CDU/CSU erholen sich ja durch Hausbesuche nicht in dem Sinne, dass sie mehr oder besser gebundene Mitglieder gewinnen. Vielmehr funktioniert die Mobilisierung in der konkreten Wahlkampfsituation. Rübergespiegelt auf die Kirche trifft diese Parallele m.E. auch zu: Für ein konkretes Projekt oder eine konkrete Veranstaltung könnte so ein Hausbesuch oder ein direktes Ansprechen durchaus kirchenferne Mitglieder aktivieren, sei es, weil die Kirchturmuhr repariert werden soll, oder weil die Kirchgemeinde eine Brauereiführung organisiert hat. Einfach mal so zu kommen und über den Glauben zu reden, scheint mir demgegenüber schwieriger; zumal die Haustürmission der Zeugen Jehovas hier keine guten Assoziationen wecken dürfte.

Flügge schlägt zudem vor, dass die Mission mehr von gemeinsamen Gespräch geprägt sein soll und der Besuchende etwas von den Besuchten lernen soll. Dies klingt zunächst gut, aber wirft Fragen auf, zu deren Beantwortung Flügges Buch wenig beiträgt. Wenn das Christentum aus den Stimmen erneuert werden soll, die mit der christlichen Kirche und dem christlichen Glauben bislang wenig zu tun haben, was ist dann das, was der christliche Glaube dort finden und integrieren soll? Aus welcher Mitte heraus wird bestimmt, welche Anliegen aufgenommen werden? Gerade die frühe Christenheit hat sich in der Auseinandersetzung mit der Philosophie fest an ihr Bekenntnis zum auferstandenen Gekreuzigten gehalten. Nicht zuletzt erscheint das Unternehmen mit einer doppelten Agenda verbunden: Die Kirche soll vordergründig zu den Menschen, um diese zu erreichen und diesen was zu bieten. Allerdings ist dieser Besuch hintergründig für die Kirche selbst verzweckt, steht nämlich im Dienst der eigenen Erneuerung. Geht es im Endeffekt geht es dann gar nicht um die Besuchten, sondern um die Kirche, ihren Bestand und und ihr Bedürfnis nach Erneuerung?

Das Problem scheint mir allgemein weniger der Wille zu sein, mit Menschen und ihrer Lebenswelt in Kontakt zu kommen. Sondern es scheint darin zu liegen, wie mit diesen Menschen über den Glauben gesprochen und ihnen dabei auch glaubwürdig vom den Glauben erzählt werden kann. Theologen und Theologinnen sind in der Regel keine lebensweltfremden Fachidioten, die völlig fern von jeder Lebenswelt stehen und keine Ahnung von den Ideen und religiösen Bedürfnissen anderer Menschen haben. Im Gegenteil: Manchmal erscheint es mir vielmehr notwendig, zunächst einen Blick auf das zu werfen, was die eigene Botschaft ausmacht und was das Christentum von allgemeiner Religiosität unterscheidet.

Ein zweiter Punkt betrifft das Bild von Kirche, dass hier gezeichnet wird: Kirche erscheint dabei eine ganz konkrete, abgeschlossene Organisation mit ihren angestellten Mitarbeitenden. Als Gegenüber dieser Kirche gibt es dann die zahlenden Mitglieder, die etwas von ihrer Mitgliedschaft haben sollen. Mir scheint diese Betrachtungsweise zu verkennen, dass diese zahlenden Mitglieder selbst die Kirche sind. Daher könnte man darauf verweisen, dass es im freien Belieben der Einzelnen liegt, wo sie sich und wie beteiligen. Gerade z.B. bei der evangelischen Kirche sind die Strukturen so beschaffen, dass sie viele Möglichkeiten der Beteiligung bieten. Die meisten Hauptamtlichen sind für Ideen und Projekte aufgeschlossen und bieten Räume zur Verwirklichung. Aber andersherum gilt auch: Wenn ich meine Mitgliedschaft in der Kirche sozusagen „ruhen“ lassen möchte, weiter meine Kirchensteuer zahle, aber mich jenseits bestimmter biografischer Schwellensituationen nicht beteilige, dann ist das genauso legitim.

Möglicherweise wäre hier ein Punkt, den man vertiefen sollte: Möglichkeiten der Beteiligung an Konzeption und Umsetzung neuer Ideen innerhalb der Kirche aufzeigen. Das ist vielleicht weniger radikal, als mit der Erfahrung von Hausbesuchen im Rücken einen Großumbau der kirchlichen Lehre vorzunehmen. Aber man muss dafür dann auch keine Kirchen abreißen, weil man sie vielleicht noch brauchen kann.

Und wenn wir die Debatte darüber führen, was Kirchen leisten sollen und was nicht, sollte man nie vergessen, dass die Kirche auch eine Solidargemeinschaft ist. Manche Dinge, wie Sozialarbeit, Kinderbibelwochen oder Altenheimseelsorge finanzieren eben viele, während nur wenige sie in Anspruch nehmen, weil sie das entsprechende Angebot eben gerade brauchen. Das muss nicht ungerecht sein, ich jedenfalls kann gut damit leben.

Es gibt ausgehend vom vorliegenden Buch also viele Fäden, die man aufgreifen kann. Interessant ist der Ansatz allemal – auch wenn ich glaube, dass die Erneuerung der Volkskirche mehr braucht als Hausbesuche.

Niklas Schleicher

2Wie genau Flügge auf diese Prozentzahl kommt, wird leider nicht aufgeschlüsselt.

Schiffbruch, Profil und Konzentration

(Quelle: http://www.pixabay.com Lizenz: CC0)

von Tobias Graßmann (@luthvind)

Im erbitterten Streit, den er mit dem Hamburger Hauptpastor Goeze um die Bedeutung der Heiligen Schrift führt, versucht der Aufklärungsdichter Lessing, seinen Gegner mit einem kleinen Gedankenexperiment in Bedrängnis zu bringen. So erzählt er eine unerhörte und erfundene, aber doch mögliche Begebenheit. Diese kleine, hintersinnige Modellerzählung, lässt sich in Kürze folgendermaßen zusammenfassen:

Ein lutherischer Pfarrer, der zur Auswanderung gezwungen ist, strandet schiffbrüchig mit seiner Familie auf einem kleinen Karibikatoll. Angeschwemmt wird er mit nur ein paar Besitztümern und einem Buch: Luthers kleinem Katechismus. Mit diesem unterweist er seine Kinder und Enkel. Sie lernen die Worte auswendig und geben sie mündlich weiter, auch wenn bald niemand mehr lesen kann. Die Gruppe pflanzt sich fort und lebt nach der Lehre des Katechismus, die ihren Alltag und ihre Sprache prägt. Bald ist das Büchlein bis auf die Buchdeckel zerlesen, die als eine Art Reliquie aufbewahrt werden. Nach mehreren Generationen verirrt sich schließlich ein Prediger auf die Insel und trifft auf dieses „nackte, fröhliche Völkchen“.

Nun stellt Lessing seinem Gegenüber eine Fangfrage: Kann der Prediger diese Menschen  wohl als Christen erkennen? Wo sie doch keine Bibel haben?

Man kann in Goeze durchaus einen aufrechten Verteidiger seiner Kirche sehen. Man muss auch Lessings argumentative Zielsetzung nicht befürworten, die lutherische Katechismusfrömmigkeit und die Lehre von der Heilswirksamkeit der Bibel gegeneinander auszuspielen. Aber unmittelbar – darauf setzt Lessings Gedankenspiel und darauf kommt es mir an! – ist man wohl geneigt, diese Inselbewohner mit Lessing als Christinnen und Christen anzusehen.

Der Verweis auf den Katechismus Luthers liegt im Streit mit einem spätorthodoxen Pastor natürlich nahe. Hier könnte man stattdessen auch an ein Gesangbuch oder ein heutiges Religionslehrbuch denken. Wäre das Ergebnis vergleichbar? Vermutlich schon. Aber wie sähe es eigentlich aus, wenn der Pfarrer mit einem Tischkicker aus seinem Jugendraum angeschwemmt worden wäre? Mit dem Kaffeeservice des Seniorenkreises? Mit einer Posaune vom Posaunenchor, ein paar Orgelpfeifen oder auch einem Stapel Kirchenvorstandsprotokolle?

Ich finde: All die Menschen, die an kirchlichen Strukturprozessen wie dem bayerischen Profil und Konzentration (PuK) beteiligt sind, sollten sich einmal gemeinsam die Zeit nehmen, über Lessings kleines Gedankenspiel nachzudenken! Vielleicht würde sich endlich der Fokus von den nachrangigen Organisationsfragen auf die wesentlichen Aufgaben der Kirche verschieben!

Denn die Beteiligten müssten dann, so meine ich, erkennen, dass es bei allen Diskussionen um die Zukunft der Kirche im Kern um diese eine Frage geht: Wie geben wir die christliche Lehre – man könnte auch von einer christlichen Elementarbildung sprechen – an unsere Nachkommen weiter?

Was muss alles gegeben sein, dass Menschen wie die Inselbewohner Lessings unmittelbar als Christinnen und Christen erkannt werden können? Welche Geschichten und Texte, welche Formeln und Gebete, welche Praktiken und Überzeugungen gehören zum Kernbestand? Und in welcher Form werden diese Gehalte am Besten vermittelt? Über all das ist damit ja noch nichts ausgemacht. Aber für die Reformatoren, ja noch für Lessing und seinen Kontrahenten waren diese Fragen schlechthin zentral. Sie wussten, dass es hier ums Ganze geht.

Warum werden sie dann, allem Anschein nach, in den entsprechenden Gesprächsprozessen kaum gestellt? Das hängt wahrscheinlich auch mit einer langen Tradition an Begründungsversuchen zusammen, warum Ballpumpen und Kaffeemaschinen für den Auftrag der Kirche mindestens ebenso wichtig sind wie Bibel und Bekenntnis. Lessings Gedankenexperiment führt die Haltlosigkeit dieser Versuche vor. Dennoch gehe ich auf ein paar typische Erwiderungen ein.

Geht es nicht eigentlich um den Glauben? Ja, aber dieser Glaube ist für kirchliches Handeln strikt unverfügbar. Wir können keinen Glauben vermitteln. Was wir als Kirche tun können und müssen, ist, unsere Lehre weiterzugeben. Für den Glauben sorgt der Heilige Geist, wann und wo er will.

Geht es nicht eigentlich um Ethik und Gemeinschaft? Jein. Die christliche Ethik ist eben eine solche, die an der Bergpredigt und den Paulusbriefen, an der Geschichte vom Samariter oder von der Ehebrecherin geschult ist. Und eine Gemeinschaft ist christlich, weil und insofern sie in diesem Horizont der christlichen Lehre lebt.

Aber läuft Lehre nicht darauf hinaus, Menschen nach theoretischen Bestimmungen ihr Christsein abzusprechen? Nein. Es mag durchaus Menschen geben, die auf nahezu alles verzichten können, was der Theologie an Lehrgehalten vorschwebt, und die trotzdem „ihren Glauben“ haben. Es gibt gar keinen Grund und kein Recht, ihnen das Christsein abzusprechen. Aber diese Fälle sind die Ausnahme, nicht die Regel und schon gar nicht der Maßstab für kirchliches Handeln! Warum sollte ein abstrakter Minimalbestand an Christlichkeit uns das Ziel vorgeben?

Wenn man die Frage nach der christlichen Lehre und ihrer Vermittlung ins Zentrum rückt, dann lassen sich die Zuständigkeit, der Auftrag, das Profil der Kirche endlich klar bestimmen. Damit ergibt sich aber die notwendige und gewünschte Konzentrationen fast schon von alleine. Die Prioritäten rücken sich zurecht. Konzentrationsprozesse werden dann nicht mehr danach geplant, wer im Vorfeld besonders furchterregend auftritt und mutmaßlich den meisten Schaden anrichtet, sollte man seine kirchlich finanzierte Spielwiese antasten. Und die Gesprächsprozesse kreisen auch nicht primär um die Bedürfnisse der Amtsträgerinnen und Amtsträger sowie die Ängste der Kerngemeinde.

Was mit Blick auf die Vermittlung der christlichen Lehre an die folgenden Generationen nichts oder wenig austrägt, ist für uns als Kirche nachrangig. So einfach ist das! Kindergottesdienst und Konfirmandenarbeit, Religionsunterricht und Glaubenskurse treten dann neben Verkündigung und Liturgie in die vorderste Reihe. Es kann von diesem Standpunkt aus nur verwundern, dass auch viele Theologinnen und Theologen den Religionsunterricht lieber heute als morgen in allgemeine Religions- und Wertekunde auflösen würden!

Die Kritik betrifft bei weitem nicht nur das sogenannte „Gemeindehausleben“ oder den bürokratischen Apparat der Kirchenämter. Alle kirchlichen Handlungsfelder muss man kritisch durchleuchten, auch grundsätzlich in Frage stellen oder gegebenenfalls umgestalten: Was muss Kirche selbst machen? Und was können Christinnen und Christen jenseits kirchlicher Strukturen genauso leisten?

Warum bieten wir etwa offene Jugendarbeit an, wenn die Stadt mit ihrem Jugendzentrum die besseren Räume hat und breitere Zielgruppen anspricht? Wollen wir die kirchliche Presselandschaft erhalten oder stärker darauf setzen, dass bei den großen Zeitungen Journalistinnen mit Kirchenbindung und theologischer Bildung schreiben? Verstehen wir Kirchenleitungen als politische Taktgeber oder braucht es nicht vielmehr Politikerinnen und Politiker in den Parteien, die sich zum Christentum bekennen und danach handeln? Wo unterhalten wir diakonische Unternehmen, welches christliche Profil können wir der Marktlogik abtrotzen und wie stärken wir Christinnen und Christen, die bei nichtkirchlichen Arbeitgebern ihren Beruf und tätige Nächstenliebe ausüben?

Die Orientierung an der Lehre schafft Raum, solche Fragen zu stellen. Und wir müssen diese Fragen jetzt stellen. Wir müssen sie viel radikaler stellen, als das bisher geschieht! Betrachten wir uns als Schiffbrüchige! Damit in ein-, zweihundert Jahren ein verirrter Prediger – vielleicht aus Afrika, China oder Indien – in Deutschland auf Menschen treffen müsste, die er unmittelbar als Christinnen und Christen wiedererkennt!

Über religiöse Menschen. An die vermeintlich Gebildeten unter ihren Spöttern

 

Ein Kommentar von Claudia Kühner-Graßmann

 

Als christlich-religiöser Mensch hat man es zur Zeit wahrlich nicht leicht: vom alljährlichen Angriff an Karfreitag, ausgelöst durch das sog. Tanzverbot, über das Urteil des EuGH zum kirchlichen Arbeitsrecht bis zur bayerischen Kreuzaffäre. Neben viel berechtigter Kritik und richtig gestellten Fragen nach dem Verhältnis von Kirche und Staat kommt es dabei immer auch zu einer Abrechnung mit der Religion, vornehmlich mit der christlichen (konfessionsindifferent). In maßloser Überheblichkeit wird die intellektuelle Unterlegenheit von Religion und damit ineins die eigene Überlegenheit herausgekehrt. Man selbst habe ja keine Vorurteile – im Gegensatz zu den Religionen; wie blöd müsse man sein, um einen Menschen zu betrauern, der vor 2000 Jahren gekreuzigt wurde und der behauptet, Gottes Sohn zu sein; wie uncool sei man bitte, wenn man in diese Kirche geht.

Ich nehme diese Polemik vor allem aus eher gebildeten Kreisen wahr, so wird etwa auch die Wissenschaftlichkeit der eigenen areligiösen Position besonders hervorgehoben. Wenn gegen Kirche, Religion und immer wieder auch Geistliche gewettert wird, scheint es um Stellvertreterkämpfe zu gehen, denn das, was die Damen und Herren beschreiben, hat mit meiner Wahrnehmung religiöser Menschen wenig zu tun. Gut, ich bin ja auch mittendrin und sogar Theologin! Deutlich wird, dass es oft in irgendeiner Form mehr oder weniger schlimme, vielleicht eher lächerliche Erfahrungen mit Kirche und religiösen Verwandten gegeben hat. Das tut mir Leid, aber die Verallgemeinerung und das Projizieren eigener Erfahrungen auf alle lebende Christinnen und Christen zeugt nicht gerade von differenziertem Reflexionsvermögen – was ja gerade in Anspruch genommen wird. Zudem gibt es immer diffuse Ausnahmen, weil der ein oder die andere Religiöse dann doch eigentlich ganz ok ist. Ich könnte so weiter machen, aber mein Punkt dürfte deutlich geworden sein.

Ich nehme zudem wahr, dass das, was die Kritiker an unterstufiger Religiosität der Gegenseite unterstellen, nicht über die Ebene eines „Kinderglaubens“ hinausgekommen ist. Hierbei kann und vermutlich muss man Versagen beim kirchlichen Katechumenat, v.a. in seiner Form als Religions- und Konfirmandenunterricht konstatieren. Aber, und darauf kommt es mir wiederum an, das hat halt mit dem, was in vielen Gottesdiensten (jaja, es gibt auch da andere!) verbreitet wird und was viele Erwachsene glauben, doch überraschend wenig zu tun. Glaube wird irgendwie auch erwachsen.

Es zeugt also nicht gerade von Intellekt, wenn auf dieser undifferenzierten Grundlage eine ganze Gruppe von Menschen angegangen wird. Es ist mühselig, auf dieser Grundlage das Gespräch zu suchen und zu führen. Man bleibt halt doch in einer Verteidigungshaltung gefangen. Aber warum? Gerade wir Theologinnen und Theologen brauchen uns eigentlich nicht zu verstecken!  Unser Studium ist so breit angelegt, dass wir – nicht ohne Stolz – von uns behaupten können, Generalisten zu sein. Wir lernen zudem eine wichtige Sache: die Reflexion auf unsere eigenen Voraussetzungen. Im besten Fall sind wir dazu fähig, über unseren Glauben einigermaßen allgemeinverständlich Auskunft geben zu können. Pfarrerinnen und Pfarrer sollten diesen katechetischen Aspekt auch in ihren Predigten bedenken, um der Gemeinde Hilfe zur eigenen Sprachfähigkeit zu geben.

Ich, und das ist meine persönliche Meinung, halte viele Spielarten des Atheismus und Humanismus für deutlich unterstufiger, weil diese Reflexion über die eigenen Voraussetzungen und Grundlagen ausbleibt. Die eigenen Ansichten werden als so evident betrachtet, dass Kritik und Prüfung ausbleiben können (das ist übrigens auch ein Grund, warum ich den Laizismus für einen Trugschluss halte: wir alle leben im Horizont solcher Voraussetzungen, die auch thematisiert werden müssen). Häufig sind dazu Ersatz-Glaubenshandlungen zu beobachten, wenn etwa das Schicksal oder Murphy’s Law für das Wetter, das kaputte Auto o.ä. verantwortlich gemacht werden – immer ironisch gemeint, versteht sich…

Liebe Spötter: mir ist es im Grunde egal, ob ihr glaubt oder nicht glaubt. Wirklich. Aus meiner christlichen Sicht mag das bedauerlich sein, aber ich weiß ja auch, dass der Geist weht wie und wo er will. Aber unterlasst doch bitte diese unterstufige Kritik an allen religiösen Menschen. Ihr fühlt euch intellektuell überlegen? Dann zeigt das doch bitte auch. Reflektiert Eure Motive und Eure eigenen weltanschaulichen Grundlagen.

Liebe Theologinnen und Theologen, liebe Christinnen und Christen: bitte seid nicht immer so apologetisch. Versucht nicht immer zu zeigen, dass Ihr cooler und klüger seid als „die“ Kirche, da springt Ihr doch nur auf diesen Zug auf (abgesehen davon, dass ihr ebenfalls „die“ Kirche seid). Konzentrieren wir uns doch darauf, unseren Glauben reflektiert darzustellen und uns selbstbewusst des Evangeliums nicht zu schämen!

Denn, ich zitiere einen Tweet von @hrmnn01:

 

Rezension: Ulrich Heckel – Wozu Kirche gut ist

Heckel, Ulrich: Wozu Kirche gut ist. Beiträge aus neutestamentlicher und kirchenleitender Sicht. Mit einem Geleitwort von Wolfgang Huber, Göttingen 2017.

Rezensiert für www.nthk.de von Tobias Graßmann am 21. November 2017, veröffentlicht am 11. April 2018.

Ein verbreitetes Vorurteil besagt, dass sich die Menschen in kirchenleitender Position über der Beschäftigung mit Haushaltsplänen und Stellenbesetzungsverfahren höchstens noch eine vage Vorstellung von der geistlichen Dimension der Kirche bewahrt hätten. Und gegenüber der akademischen Theologie erklingt der Vorwurf, diese habe im Zuge der Ausdifferenzierung eines hochspezialisierten Wissenschaftsbetriebs das Ganze ihrer Aufgabe und die kirchliche Wirklichkeit aus dem Blick verloren.

Wolfgang Huber greift diese Vorbehalte in seinem Geleitwort auf, um dann zu urteilen: Das hier besprochene Buch des Oberkirchenrats und apl. Prof. Ulrich Heckel sei geeignet, das Gegenteil zu belegen. Dieses zeige nämlich, dass und wie „ausgeprägte Kompetenz in der wissenschaftlichen Exegese des Neuen Testaments für die Wahrnehmung kirchenleitender Aufgaben fruchtbar gemacht werden kann“ (VIII). In diesem Urteil ist dem früheren Ratsvorsitzenden zuzustimmen.

Dabei ist zunächst hervorzuheben, dass Heckels Aufsatzsammlung mit dem Titel „Wozu Kirche gut ist“ erfreulich unaufgeregt geraten ist. Heckel erspart dem Leser die Beschwörung des Niedergangs, die bekannten Referate von Austrittsstatistiken und Abbruchserscheinungen, mit denen viele Theologinnen und Theologen rhetorisch die Bühne bereiten für ihre schmerzhaften, aber alternativlosen Reformprogramme. Das Buch atmet das Selbstvertrauen, dass Kirche nun eben gut und wichtig ist – und diese Tatsache dem unbefangenen Leser auch einsichtig gemacht werden kann!

I

Heckels Buch gliedert sich in thematische Teile, wobei sich die Beiträge wiederum grob auf zwei Blöcke aufteilen lassen. Der erste Block ist – sachgemäß für eine biblisch fundierte Theologie in kirchenleitender Verantwortung – den alt- und neutestamentlichen Grundlagen gewidmet (Beiträge 1-5, sowie 7 und 9). Diese Vergewisserung der biblischen Grundlagen des kirchlichen Lebens geschieht aus der konfessionellen Perspektive lutherischer Theologie (vgl. bes. Beitrag 6 zu Luthers Taufverständnis). Heckels Zugriff zeichnet sich dadurch aus, dass er durch die Orientierung am biblischen Text die Engführungen einer allein auf die Rechtfertigungsbotschaft zugespitzten Theologie vermeidet. Der Lesbarkeit ist zuträglich, dass sich Heckel nicht mit Hypothesen zur Vorgeschichte der Texte oder den notorisch strittigen, aber theologisch wenig ergiebigen Einleitungsfragen nach Verfassern, Abfassungszeitpunkten und Entstehungsorten der neutestamentlichen Schriften aufhält. Charakteristisch und durchaus überzeugend ist auch, wie stark er die deuteropaulinischen Briefe (Eph, Kol, Pastoralbriefe) einbezieht, wobei er diese nicht als Verfallsgestalt, sondern als sachgemäße Aktualisierung paulinischer Theologie unter veränderten Bedingungen betrachtet (vgl. 47 und 56-58).

Die verschiedenen Beiträge zur paulinischen Theologie, zu Taufe und Bestattung fügen sich in ein erstaunlich kohärentes Bild: Christliches Leben ist für Heckel – gut lutherisch! – in der Taufe begründet (vgl. bes. Beiträge 4-6). In der Taufe wird die Heilstat Gottes: die Auferweckung Jesu Christi vom Tod, nachvollzogen und dem Einzelnen vergegenwärtigt. Sie ist Fundament des Glaubens als „objektive Größe“, „andauernder Bezugspunkt“ und „verlässliche Grundlage“ (106). Das christliche Leben ist daher als ganzes Aneignung der Taufe (vgl. 98, 107), diese zugleich Initiationsakt in die Gemeinschaft der Kirche.1

Auf dieser Grundlage skizziert Heckel in seinen Beiträgen ansatzweise eine Theorie der Kasualien (zur Taufe die Beiträge 5 und 6, zur Bestattung Beitrag 7, zudem Beitrag 9). Diese kirchlichen Segenshandlungen versteht er als Aktualisierungen der Taufe. Sie erinnern die Taufe als den „Ur-Segen“ (109; 164), den Christinnen und Christen für ihr Leben empfangen haben. Das öffentliche Leben der Kirche ist zentriert um die gottesdienstliche Verkündigung des Evangeliums von Gottes Heilshandeln in Tod und Auferstehung Jesu Christi (vgl. Beitrag 14 zu Schrift, Geist und Kirche).

Heckel bewegt sich nahe an den biblischen Texten und ausgewählten kirchengeschichtlichen Quellen. Die exegetischen Ausführungen sind gut lesbar und lehrreich. Gerade diese Teile des Buches sind allen Pfarrerinnen und Pfarrern, aber auch Laien mit einer grundlegenden theologischen Bildung sehr zu empfehlen. Sie regen dazu an, die kirchliche Praxis von ihrer biblischen Grundlage her vertieft zu verstehen.

II

Einige dieser Alltags- und Organisationsfragen kommen im zweiten Block als gegenwärtige Herausforderungen in den Blick. Das Feld reicht dabei von der Ordnung des württembergischen Predigtgottesdienstes (Beitrag 8) über die Kirchenmusik (Beiträge 10-11) bis hin zu den ökumenischen Beziehungen (Beitrag 15-16) und dem interreligiösen Dialog (Beitrag 18). Eine Rezension und eine Predigt schließen den Band ab. Die Texte sind als Gelegenheitsschriften von unterschiedlicher Länge, sie variieren auch in der Tiefe der Überlegungen. Besonders stechen zwei ausführliche und grundlegende Abhandlungen zur Bedeutung der Schrift für die Kirchenleitung (Beitrag 14) sowie zu Luthers Lehre von den zwei Reichen (Beitrag 17) heraus.

Am ehesten enttäuscht der Beitrag zum interreligiösen Dialog. Wenn Heckel pluralistische Konzeptionen mit der Aussage zusammenfasst, diese gingen von der Voraussetzung aus, „dass alle Religionen gleichberechtigt und gleich gültig“ (266) seien, so trifft das keinen der renommierteren Vertreter einer pluralistischen Religionstheologie (etwa J. Hick oder P. Schmidt-Leukel). Vermutlich liegt es auch an dieser oberflächlichen und von Klischees durchsetzten Betrachtung alternativer Positionen (etwa die angebliche „Marsmännchenperspektive“ der Religionswissenschaften, vgl. 267; 275), dass das Ergebnis unbefriedigend ausfällt. Es bleibt bei einem Bekenntnis zu Respekt und Toleranz sowie der Ermahnung, den eigenen Exklusivitätsanspruch nicht zu verwässern (vgl. 277f.).

Als zusammenhängender Block erscheinen zwei Texte zu Glaubenskursen im Spannungsfeld von Erwachsenenbildung und missionarischem Handeln (Beiträge 12 und 13). Hintergrund ist das Projekt „Erwachsen glauben“ mit dem Ziel der Erprobung und Evaluation von Glaubenskursen für Erwachsene. Heckel ordnet diese Kurse biblisch und historisch ein (176-183), bilanziert die Erprobungsversuche und formuliert Erwartungen für die Weiterarbeit (185-193; 196-204). Er lenkt den Blick darauf, dass die erprobten Glaubenskurse von Ehrenamtlichen und regelmäßigen Gottesdienstbesuchern sehr gut angenommen wurden (vgl. 198), während die Teilnahme kirchenferner Menschen eher die Ausnahme war. Daher wird eine stärkere Entflechtung von fortbildender und missionarischer Zielsetzungen und die Entwicklung spezifischer Formen angeregt (vgl. 188-192, 198f.).

Heckel zeigt sich offensichtlich beeindruckt von der Leistungskraft der Sinus-Milieustudien für die Analyse und Evaluation kirchlichen Handelns (vgl. 147f., 190-192). Gerade, wenn man dieses Instrument skeptischer bewertet als Heckel, muss man ihm zugestehen: Nie verliert er aus dem Blick, dass kirchliches Handeln sich nicht in maßgeschneiderten Angeboten für einzelne Milieus erschöpfen darf. Immer ist auch „zentrifugalen Entwicklungen“ (213, vgl. 205-207) entgegenzusteuern und die Einheit der Gemeinde über die Milieugrenzen hinweg zur Darstellung zu bringen. Das Evangelium zeige seine Attraktivität auch darin, dass es „Menschen unterschiedlichster Milieus in Gottesdiensten nicht nur zusammenführt, sondern auch als Leib Christi vereint“ (148).

Gleichzeitig werden hier auch die Grenzen des Perspektive des Autors deutlich. Wo Heckel beispielsweise kirchliche Angebote für verschiedene Milieus (vgl. 147f.), Fortbildungsprogramme (vgl. 192f.) oder ein Evaluationswesen für Glaubenskurse (vgl. 204) anregt, ist das Bild einer handlungsfähigen, mit Personal und Mitteln komfortabel ausgestatteten und intern vernetzten Großinstitution leitend. Ob sich die evangelischen Kirchen jenseits der süddeutschen Ballungszentren, die Heckel unmittelbar vor Augen stehen dürften, auf Dauer solche Strukturen leisten können? Christinnen und Christen aus stärker entkirchlichten Gebieten werden in Heckels Buch möglicherweise eine Vision vermissen, wie kirchliches Leben in ihren Kontexten gestaltet und entwickelt werden könnte. Hinzu kommt, dass die diakonische Dimension kirchlichen Handelns in den Beiträgen höchstens indirekt eine Rolle spielt und der Umfang der politischen Verantwortung der Kirche vage bleibt (vgl. 262-264). Hier könnte der Rezensent sich durchaus noch mehr vorstellen, „wozu Kirche gut ist“…

Alles in allem ist das Buch sehr zu empfehlen. Vor allem in den biblisch-theologischen Ausführungen finden Interessierte eine so solide wie elegante theologische Besinnung auf das, was Kirche ist und ihrem Auftrag gemäß zu sein hat. Nicht die schlechteste Grundlage – auch und gerade, wenn man Kirche jenseits der vertrauten Strukturen neu denken will!

Tobias Graßmann ist Mitglied der Zentralredaktion.

1 Lesenswert ist die pointierte Argumentation für die Praxis der Kindertaufe.

Rezension: Ulrich Körtner, Dogmatik

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Ulrich H.J. Körtner, Dogmatik, in Lehrwerk Evangelische Theologie (LETh) Bd. 5, Leipzig 2018.

Rezensiert für www.nthk.de von Martin Böger am 23. Februar 2018, veröffentlich am 08. März 2018

 

Der christliche Glaube gibt zu denken. Er ist denkender und verstehender Glaube, der nicht nur den Glaubenden selbst, sondern auch die Welt und die Wirklichkeit im Ganzen in bestimmter Weise zu sehen und zu verstehen lehrt.“ (1)

Mit diesen programmatischen Sätzen beginnt Körtner seine Dogmatik und beschreibt den christlichen Glauben als einen allumfassenden Modus der Wirklichkeitserfassung, der einer Reflexion bedarf. Körtner legt im Genre des dogmatischen Lehrbuches einen eigenständigen dogmatischen Versuch vor, der sich in einer informativen und pointierten Art und Weise an der bisherigen Theologie- und Philosophiegeschichte orientiert ohne sich darin zu verlieren, um von dort aus eine eigene engagierte Rede vom christlichen Glauben und seiner Deutung der Wirklichkeit in der Gegenwart zu profilieren.

Körtner trägt diesem Vorhaben durch den Aufbau seiner Dogmatik in konsequenterweise Rechnung, der sich von einem klassischen Aufbau auf eine anregende Art zu unterscheiden weiß. Denn Körtner ordnet die klassischen dogmatischen Topoi unter dem Begriff der »Wirklichkeit« und benennt mit Gott – Mensch – Welt drei strukturierende Leitbegriffe, die die christliche Wirklichkeitsdeutung in einer engagiert-interessierten Bezogenheit aufeinander deutlich werden lassen.

  1. Christliche Dogmatik als soteriologische Interpretation der Wirklichkeit (Prolegomena)
  2. Die Erschließung der Wirklichkeit
    1. Mensch: Der Glaube
    2. Gott: Die Botschaft des Glaubens als Wort Gottes
    3. Welt: Enthüllung der Wirklichkeit
  3. Die von Gott geschaffene Wirklichkeit
    1. Gott: Der deinige Gott
    2. Mensch: Der Mensch als Geschöpf Gottes
    3. Welt: Die Welt als Schöpfung Gottes
  4. Die erlösungsbedürftige Wirklichkeit
    1. Mensch: Die Sünde
    2. Welt: Das Übel und das Böse
    3. Gott: Die Gerechtigkeit Gottes
  5. Die Wirklichkeit der Erlösung
    1. Gott: Gottes Handeln in Jesus Christus
      Das Wirken des göttlichen Geistes
    2. Mensch: Die Rechtfertigung des Sünders
    3. Welt: Die Heilsmittel
      Die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
      Die Erneuerung der Welt

Körtner verfolgt so den Ansatz, den Glauben und dessen Inhalte nicht in erster Linie als theologische abstracta zu beschreiben, sondern deren wirklichkeitserschließende Kraft darin zu profilieren, dass dogmatische Einsichten in existentieller Beziehung zum menschlichen Leben zu profilieren sind. In dieser Ausgangslage beschreibt er die theologischen Methoden und Einsichten nicht als wertneutrale Annäherungen an die Wirklichkeit, sondern als die tröstliche Wahrheit des christlichen Glaubens für das menschliche Leben.

Körtner baut die einzelnen Kapitel so auf, dass er zu Beginn eines jeden Kapitels einen systematisierenden Abriss dessen bietet, was die Grundfragen und -entscheidungen des folgenden Abschnitts sind. Nach einem übersichtlichen und pointierten darstellenden Teil der bisherigen prägenden Meinungen der Theologiegeschichte kommt Körtner zu einer eigenen konsistenten Sichtweise. Dabei gelingt es Körtner komplexe theologische Systeme in einem leicht verständlichen und erzählhaften Sprachstil zu beschreiben, wobei er mit seiner Meinung zu dem jeweiligen Theorem nicht hinterm Berg hält, sondern in erfrischender Art und Weise die eigene Meinung einzuflechten weiß.

Körtners Dogmatik wird so dem Anspruch gerecht, ein einführendes Werk zu sein und ist doch gleichzeitig erheblich mehr. Es ist ein dogmatischer Entwurf, der m.E. auf derzeitige Herausforderungen einer zunehmend entkirchlichten und damit der christlichen dogmatischen Symbolsprache verlustig gehenden Generation zu begegnen versucht. Körtner macht in der gegenwärtigen Ausgangslage für den christlichen Glauben damit ernst, dass evangelische Dogmatik nicht im luftleeren Raum schwebt und möglichst um objektive Neutralität bemüht zu sein hat, sondern engagiert und selbstbewusst in eine plurale Gegenwart verschiedenster Konfessionen, Religionen und atheistischen Weltanschauungen eingebettet ist, mit denen es sich angemessen auseinanderzusetzen gilt und daneben der Welt und ihrer Wirklichkeit ein tröstliches und hoffnungsvolles Zukunftsbild ihrer selbst zu malen. Die Aufgabe evangelischer Dogmatik – das wird in der Lektüre dieser Dogmatik sehr deutlich – ist nie nur das fromme rezitieren traditionsreicher und epigonenhafter Glaubenssätze, sondern die individuelle und existentielle Aneignung christlicher Überzeugungen für die eigene Wirklichkeitsdeutung und damit Lebensgestaltung.

Körtner bewältigt den einer Dogmatik wohl grundsätzlichen innewohnenden Spagat zwischen objektiv darstellendem Stil und dabei als eigenständiger und aussagekräftiger Theologe erkennbar zu bleiben mit Bravour. Körtners Werk überzeugt auf ganzer Linie und beweist, dass Dogmatik nicht als ein abstrakter metaphysischer Überbau des Religiösen zu verstehen ist, sondern als deren Versuch, auf die existentielle Frage eine konkrete Antwort zu geben: „Was ist Dein Trost im Leben und im Sterben?“. Dogmatik macht daher sprachfähig in der christlichen Deutung der Wirklichkeit – Nicht mehr und nicht weniger ist der Anspruch dieser Dogmatik, die allen dogmatisch interessierten Theolog*innen und Pfarrer*innen zum Lesen und Stöbern ans Herz gelegt sei.

 

Pfarrer Martin Böger ist Repetent am Evangelischen Stift in Tübingen

 

Korridor, Kritik und Konstruktives. Die gegenwärtige Aufgabe und Gestalt des Öffentlichen Protestantismus

Rezension zu: Albrecht, Christian/Anselm, Reiner: Öffentlicher Protestantismus. Zur aktuellen Debatte um gesellschaftliche Präsenz und politische Aufgaben des evangelischen Christentums (Theologische Studien NF 4), Zürich 2017.

von Claudia Kühner-Graßmann

Der 2017 erschienene Essay der beiden Münchner Theologen Christian Albrecht und Reiner Anselm reiht sich zum einen ein in ihre an anderen Stellen bereits geäußerten Ansichten zur Einmischung des Protestantismus in politische Debatten.1 Zum anderen stehen die Ausführungen im Zusammenhang mit der von ihnen geleiteten Forschergruppe „Der Protestantismus in den ethischen Debatten der Bundesrepublik Deutschland 1949-1989“.2 Das Interesse an der öffentlichen Dimension des Protestantismus erscheint hier also nicht allein als Reaktion auf gegenwärtige Fragestellungen, sondern ist gleichzeitig historisch wie theologisch fundiert. Daher stellt der Essay einen wichtigen Beitrag zu der Diskussion dar, die in der letzten Woche hier anlässlich eines politischen Statements des EKD-Ratsvorsitzenden und Landesbischofs der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern, Heinrich Bedford-Strohm, geführt wurde.3

Im Kern geht es um eine liberale, zeitgemäße Fassung der Gesellschaftsfunktion des Protestantismus, die unter gegenwärtigen Bedingungen die Potentiale des Protestantismus selbstbewusst hervorhebt. Ausgangspunkt der Überlegungen bildet der an Dietrich Rösslers dreifache Gestalt des Christentums angelehnte Dreiklang der Dimensionen des Protestantismus: öffentlich, individuell und kirchlich. Für die weiteren Ausführungen bedeutet dies zweierlei: Einerseits ist hier die Rede vom Protestantismus. Das mag auf den ersten Blick zu banal für eine eigene Erwähnung klingen, erweist sich aber als grundlegend für die Perspektive des Essays. Andererseits heben Albrecht und Anselm mit ihrem Fokus auf die öffentliche Dimension des Protestantismus die anderen beiden Dimensionen nicht auf. Vielmehr gehören die drei Dimensionen untrennbar zusammen, finden sich aber jeweils in anderer Schwerpunktsetzung wieder (vgl. S. 17 u.ö.).

Unter „öffentlich“ wird die Ausrichtung auf das Gemeinwohl verstanden – aber auch die gleichzeitige Orientierung an der kirchlichen Situation (vgl. S. 7f.). Dabei kommt dieser Dimension des Protestantismus eine besondere Verantwortung für das Verbindende der Gesellschaft, für die Formulierung eines gemeinsam geteilten Guten zu. Pointiert fassen es Albrecht und Anselm in einem abgewandelten Zitat Richard von Weizsäckers zusammen: „Der öffentliche Protestantismus will nicht Politik machen, sondern er will Politik möglich machen“ (S. 43). Dabei seien die Bedingungen zu beachten, unter denen dies geschieht. Die Autoren gewinnen ihr Bild der gegenwärtigen Gesellschaftsstruktur sowie die veränderte gesellschaftliche Bedeutung des protestantischen Christentums aus einer Analyse der historischen Veränderungen während des 20. Jahrhunderts, vor allem seit 1945.

Zu ihren Thesen kommen Albrecht und Anselm, indem sie zunächst die gegenwärtigen Herausforderungen des Protestantismus (I.) beleuchten. Dabei ist ihnen besonders daran gelegen, die unhintergehbare Orientierung am Individuum und die damit einhergehende Pluralität aufzuzeigen. „Die protestantische Praxis bleibt unhintergehbar an das Individuum gebunden, weshalb es diese Praxis immer nur in vielgestaltiger Weise geben kann. Dass diese pluralen Praxisformen aber zugleich auf die Kirche als Gemeinschaft bezogen sind und sich in ihr entfalten, markiert zugleich die Grenze der Pluralität“ (S. 22).

In einem weiteren Schritt setzen sich die Münchner Theologen vom Konzept der Öffentlichen Theologie ab (II.). Neben einer drohenden Gefahr der religiösen Aufwertung bestimmter politischer Positionen oder der damit einhergehenden Berechenbarkeit politischer Positionierung von Kirchenvertretern bestehe bei der Öffentlichen Theologie die Gefahr einer Vermischung von öffentlichem und kirchlichem Bezugsrahmen der Theologie. „Es droht die Gefahr, dass der reklamierte Weltbezug des Protestantismus und damit auch die Auseinandersetzung mit konkurrierenden Positionen ebenso unterbelichtet bleibt wie die Einsicht, dass der Glaube immer auch als individueller Glaube thematisch wird, was die für den Protestantismus typische Pluralität bildet“ (S. 33). Dagegen fordern Anselm und Albrecht eine Unterscheidung von notwendiger und legitimer kirchlicher Lobbyarbeit einerseits und politisch-gesellschaftlichen Stellungnahmen andererseits. „Diese bilden vielmehr eine eigenständige Form evangelischer Gesellschaftsverantwortung, genauer: den Ausdruck einer in der individuellen Frömmigkeit wurzelnden, im kirchlichen Rahmen zur öffentlichen Wirksamkeit gebrachten Zuwendung zu der im Glauben zu ihrer Weltlichkeit befreiten Welt“ (S. 34).

Sodann werden Aufgaben des Öffentlichen Protestantismus beschrieben (III.). Dabei wird zunächst das jeweils eigentümliche Profil der drei Dimensionen des Protestantismus beschrieben. Der individuellen Dimension entspreche das Engagement des einzelnen Christen als Bürger oder Politiker; der kirchlichen Dimension das bereits mehrfach angesprochene lobbyistische Handeln und der öffentliche Protestantismus habe eben die Verantwortung für das gesellschaftlich Verbindende sowie die ermöglichenden Rahmenbedingungen der Politik (vgl. S. 42f.). „Seine Bedeutung besteht in der Markierung eines Korridors für mögliche Verständigungen und damit in der Eröffnung, nicht der positionellen Schließung des politischen Diskurses“ (S. 43). Er hat demnach auch eine Korrektivfunktion. So zeigen Albrecht und Anselm zwei große Aufgabengebiete des Öffentlichen Protestantismus auf: Zunächst gelte es, einer Sakralisierung der Welt sowie der religiösen Aufladung gesellschaftlicher Entscheidungskonflikte und der gesellschaftlichen Strukturen entgegen zu wirken. Damit wird die reformatorische Unterscheidung von Gott und Welt aufgenommen und die berechtigten Anliegen der lutherischen Zwei-Reiche-Lehre sowie der reformierten Königsherrschaft Christi zur Geltung gebracht (vgl. S. 45).

Die zweite Aufgabe bestehe darin, die gemeinsamen gesellschaftlichen Überzeugungen, die einerseits wandelbar sind, andererseits immer schon vorausgesetzt werden, zu formulieren und präsent zu halten (vgl. S. 48f.). Es geht dabei um die geteilten Vorstellungen vom guten Zusammenleben, wobei zwischen Aussagen, die auf den Glauben bezogen sind, und solche, die auf die Lebensführung bezogen werden, unterschieden werden sollte. Dabei ist den Autoren der spezifische Bezug auf die konkreten Umstände wichtig. Dieses Eingebettetsein in umgebende Lebensformen bewahre dabei vor individualistischer Verengung – trotz und gerade wegen dieses Kontextbezugs. Besonders der Vergleich mit dem Verkündigungsgeschehen der Predigt im Rahmen des Gottesdienstes ist hier erhellend. Denn am Beispiel Gottesdienst lässt sich das Zusammenspiel von verbindenden, rahmenden Elementen der Liturgie und den verkündigenden Teilen, innerhalb derer individuelle Äußerungen und damit die Freiheit des Einzelnen ermöglicht werden, beobachten.

Nach diesen Aufgaben widmen sich Albrecht und Anselm dem Programm des Öffentlichen Protestantismus (IV.), konkreter: den Kriterien des vom Öffentlichen Protestantismus eröffneten Korridors. Dabei changieren sie zwischen normativen Vorgaben und geschichtlicher Vorläufigkeit. Sie ordnen die gegenwärtigen Bedingungen ein in den breiteren Kontext der protestantischen Tradition und sorgen zugleich dafür, dieses Gegenwärtige eben als geschichtlich Gewordenes nicht normativ zu überhöhen.4 Ihr Changieren zwischen Normativität und liberaler Relativierung zeichnet die Ausführungen aus und führt sie zugleich über „klassisch“ liberale Positionen hinaus. Liberal ist dieser Entwurf aber dennoch, was sich besonders am Anliegen der Ermöglichung von Freiheit zeigt. „Liberalität bedeutet nicht nur die Anerkennung von Pluralität, sondern die Anerkennung der Legitimität von Konflikten – unter der Voraussetzung allerdings, dass es einen verbindenden Rahmen gibt, innerhalb dessen die Konflikte ausgetragen werden“ (S. 59). Gerade angesichts populistischer Klagen darüber, dass die eigene Position marginalisiert werde, kommt dem Öffentlichen Protestantismus die Aufgabe zu, einen Rahmen für solche Konflikte aufzustellen. Mit den Worten der Autoren: „Öffentlicher Protestantismus zielt auf die Befreiung der Politik zu ihrem Politisch-Sein“ (S. 59).

Dazu werden drei Grundsätze formuliert, welche die drei Artikel des Credos aufnehmen und sich als Konkretisierung des christlichen Freiheitsgedankens verstehen lassen (vgl. S. 51):

  1. Gott der Schöpfer: Stellungnahmen des Öffentlichen Protestantismus haben die Weltlichkeit der Welt zu respektieren.

  2. Gott der Versöhner: Es soll Freiheit in der Gemeinschaft ermöglicht werden.

  3. Gott der Erlöser: Schließlich soll die Zukunftsfähigkeit menschlichen Lebens gewährleistet werden.

„Die Ausrichtung des Öffentlichen Protestantismus auf das Gemeinwohl zielt nach dem hier Ausgeführten gerade nicht darauf, einen festen Kanon konkreter Forderungen mit der Autorität des Glaubens aufzustellen.“ (S. 54).5 Es geht folglich darum, gesellschaftliche Rahmenbedingungen des Politischen zu stabilisieren. Aber darin erschöpfe sich das Potential des Öffentliche Protestantismus nicht. Vielmehr bringt er auch – wie bereits oben gezeigt – konkrete Vorschläge in die politische Diskussion ein.

Diese sehr kurz gehaltenen Bemerkungen zu Inhalt und Vorgehen möchten in ihrer Grobheit nun nicht die Lektüre dieses Essays ersetzen, sondern vielmehr zu selbiger anregen. Die hier vorgelegte Fassung des Öffentlichen Protestantismus wird nicht nur den Bedingungen der gegenwärtigen Gesellschaft gerecht, sondern ermöglicht dem Protestantismus ein selbstbewusstes Auftreten. Für die Analyse gegenwärtiger Diskussionen sowie die Formulierung eigener Beiträge können die Ausführungen Albrechts und Anselms einen wichtiger Beitrag und ein heilsames Korrektiv darstellen – gerade in ihrem Fokus auf der Ermöglichung von Freiheit. Es ist gerade dieses Ernstnehmen des Individuums bei gleichzeitiger Ermöglichung eines normativen – dabei immer auch situativen! – Agierens als Öffentlicher Protestantismus, das diesen Essay in seiner Differenziertheit über bisherige Überlegungen zum Thema der Öffentlichkeitswirksamkeit des Protestantismus hinaushebt und die Lektüre ungemein lohnend macht.

3Hierbei sei auch eigens nochmals darauf hingewiesen, dass der Artikel von Tobias Graßmann und Niklas Schleicher von der WELT aufgegriffen wurde: https://www.welt.de/politik/deutschland/article173487086/Heinrich-Bedford-Strohm-EKD-Chef-bekommt-Kritik-von-links.html

4Hierbei ist eine Orientierung an Ernst Troeltsch erkennbar, die bei Albrecht und Anselm wenig überraschen dürfte.

5Vgl. auch: „Öffentlicher Protestantismus ist diejenige Dimension des Protestantismus, die gerade unter modernen Bedingungen sich dem bonum commune verpflichtet weiß, indem es sich an dessen Herstellung ebenso wie an deren Tradierung beteiligt. Nur auf der Grundlage einer solchen Orientierung am Gemeinwohl wird der Freiheitsanspruch, für den der Protestantismus steht, konkret“ (S. 62).