Rezension: Ulrich Körtner, Für die Vernunft

(Quelle Bild: Homepage des Verlags http://www.eva-leipzig.de/)

Rezension zu: Ulrich H.J. Körtner, Für die Vernunft. Wider Moralisierung und Emotionalisierung in Politik und Kirche, Leipzig 2017. 172 Seiten.

Es scheint am derzeitigen theologisch-gesellschaftlichen Debattenhimmel eine neuerliche Diskussion um ein altbekanntes Thema aufzuscheinen: Das Verhältnis von Staat und Kirche und deren gegenseitige Beeinflussung. Als profiliertester Kritiker der derzeitigen politischen und gesellschaftlichen Verlautbarungen der EKD und ihres Spitzenvertreters Heinrich Bedford-Strohm zeigt sich der Wiener Systematiker Ulrich H.J. Körtner, der nun in der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig eine Studie mit Titel: »Für die Vernunft. Wider Moralisierung und Emotionalisierung in Politik und Kirche« veröffentlicht hat.

Allein der Titel zeigt, welches Programm Körtner verfolgt und – das sei jetzt schon gesagt – auf eine sehr erfrischende und kluge Art ausbuchstabiert! Körtner versucht die Hintergründe zu klären, die zu einer derart starken Moralisierung und Emotionalisierung der politischen und gesellschaftlichen Debatten geführt haben und will gleichzeitig seine Vorstellung einer gesellschaftsorientierenden, weil zukunftsermöglichenden Verhältnissetzung von Politik und Theologie darlegen.

Ausgehend von einer über die allgemeine Larmoyanz hinausgehende und damit erhellenden Analyse zeigt Körtner unter dem Begriff der »Fuzzylogik« als der Diskussion subjektiver Empfindungen jenseits faktenbasierender Erkenntnisse die entscheidenden Charakteristika des Postfaktischen auf.

Als Signum moderner Gesellschaften, in denen dieses postfaktische Denken Fuß fassen konnte, benennt Körtner deren pluralistische Moralvorstellungen bei gleichzeitiger Suche nach moralischen Leuchttürmen, die in der Undurchsichtigkeit und Komplexität Orientierung versprechen. Den Kirchen unterstellt Körtner, dem Ruf nach Moral- und Wertevermittlung nur zu gern zu entsprechen, da sie für so manche eine Kompensationsstrategie der schwindenden gesellschaftlichen Relevanz bilde.

Die Gefahr dieses Rufs nach Moral- und Ethikagenturen beschreibt Körtner unter dem Stichwort der »Hypermoral«, die die Ansicht suggeriere, allein den Menschen in der Verantwortung für die Welt und ihr Schicksal zu sehen. Wenn sich nun die Hypermoralisierung des Politischen mit den postfaktischen Diskussionslinien verbinde, führe dies einerseits zu einer »Politik der Gefühle«, in der über menschliche (!) und damit korrumpierbare Emotionen, Werte, Abscheu und Hoffnungen (54) abgestimmt würde und andererseits letzten Endes allein in menschlichen Handlungen und Moralvorstellungen die Welterlösung vermutet werden müsse.

Doch wie kann es nun für Körtner zu einer »vernünftigen« Verbindung zwischen Politik und Kirche kommen? Unter dem Signum »Verlust der Zukunft« führt Körtner die handlungsleitende Maxime der »Zukunft« als hoffnungsvolle Kategorie ein, die in der Moderne Politik und Christentum dort verbinde, wo sie die Welt verändern und sie zum Besseren kehren wolle.

Für den Weg in diese Zukunft greift Körtner auf die klassische Unterscheidung von Staat und Kirche in Luthers Zwei-Reiche-Lehre und Barths Barmer Theologischen Erklärung zurück und definiert die Unterscheidung von Politik und Kirche funktional, als unterschiedliche Möglichkeitsräume und Handlungsbereiche mit jeweils unterschiedlichen Bereichsethiken. Für den theologischen Bereich verweist Körtner entscheidend auf das »Paradox von Inkarnation, Kreuz und Auferstehung« (93), das wiederum zum kritischen Umgang mit menschlichen Gefühlen und Emotionen anleite. In dieser Logik müsse sich die Theologie leiten lassen und komme so zu einer Unterscheidung des vermeintlich Guten in letzten und vorletzten Dingen. Religion werde so gerade nicht zur Moralagentur, sondern zur Unterscheiderin zwischen »Gott und Mensch, Handeln Gottes und Handeln des Menschen« (98), zwischen Moral und Religion.

Die Kirche müsse ausgehend von dieser Einsicht vielmehr eine Ethik der Selbstbegrenzung einfordern, da alles menschliche Streben, Denken und Handeln als »Fragment«, theologisch als sündiges Sein, aufgefasst werden müsse. So sei gerade nicht in das zweifelhafte Unterfangen einer grundsätzlich korrumpierbaren Moralisierung zu verfallen, sondern mit der essentiellen Einsicht in die Unterscheidung von Religion und Moral die Hoffnung auf Gottes Zukunft wach zu halten, die dem Menschen einen bis dato unbekannten Möglichkeitsraum jenseits seiner eigenen Handlungsspielräume – gerade in seinem politischen Streben und Handeln – eröffne.

Körtners Studie liest sie sehr erfrischend und bereichernd, da er sich nicht scheut, eine klare Position zu beziehen und diese systematisch klug zu untermauern. Die besondere tagespolitische Bezugnahme der Studie erweist sich dabei als ihre Stärke und ihre Schwäche. Die Schwäche dort, wo er genau jene tagespolitischen Ereignisse im Genre eines politischen Feuilletonisten zu bewerten sucht und teilweise etwas ermüdende, weil altbekannte Worthülsen und Vorschläge liefert. Die Stärke dort, wo er anhand der aktuellen Ereignisse grundsätzliche systematische Fragen des Verhältnisses von Politik und Kirche als unterschiedliche Möglichkeitsräume in der selben Wirklichkeit beleuchten kann.

Körtner offeriert ein Plädoyer. Das Plädoyer mit »engagierter Vernunft« sich der Aufgabe zu stellen »der Stadt Bestes zu suchen (Jer 29,7), […] in der rechten Verhältnisbestimmung von Glaube, Hoffnung und Liebe, von Herz und Verstand, politischer und theologischer Vernunft« (161).

Martin Böger ist Pfarrer und Repetent am Evangelischen Stift in Tübingen.

Veröffentlicht auf www.nthk.de am 19.09.2017

Fußnoten zu Leitlein

Quelle Foto: http://www.ekhn.de

Eine Replik von Tobias Graßmann (@luthvind)

Hannes Leitlein hat zusammen mit Fabian Klask einen Blick auf die Veranstaltungen des Reformationssommers 2017 geworfen und ausgehen davon 9 beziehungsweise 9,5 Thesen formuliert. Auf Twitter habe ich angemerkt, dass ich diesen Thesen grundsätzlich zustimme, aber den Beschreibungen im Detail widersprechen sowie vermutlich andere Konsequenzen ziehen würde. Aus dem Urlaub in Südtirol antworte ich daher mit ein paar hastig hingeworfenen Zeilen.

Was Leitlein betrifft, so schreibt dieser mittlerweile sehr regelmäßig für Christ&Welt sowie Die Zeit. Wer etwa seinem Twitter-Account folgt (#ff @hannesleitlein), der erkennt, dass er sich als engagierter Vertreter einem urbanen, linken Moralprotestantismus zuordnen lässt. Neben dieser klaren Positionierung bemerke ich bei ihm allerdings ein journalistisches Ethos, das sich um jene Unparteilichkeit bemüht, die man Objektivität nennen könnte. Es ist diese Spannung zwischen Idealen und journalistischer Sorgfaltspflicht, die Leitlein zu einer interessanten Figur macht. Ob wir es hier mit der künftigen Evelyn Finger zu tun haben oder er doch irgendwann ein Start-Up für Lastenfahrräder gründet, vermag ich nicht zu prognostizieren – ich tauge auch wenig als Prophet. Aber jedenfalls ist er ein protestantischer Akteur, bei dem es sich lohnt, ihn auf dem Schirm zu behalten.

Nun zu den Thesen, die Leitlein zusammen mit Klask formuliert hat: Was die Leitsätze selbst (die ja eigentlich keine Thesen. sondern Imperative sind) betrifft, so sollten diese uneingeschränkt zustimmungsfähig sein. Grundsätzlich, so meine ich, haben die Autoren die Lage recht präzise erfasst und der Protestantismus sollte sich ihre Anregungen zu Herzen nehmen. Aber bei unter den konkreten Ausführungen zu den Imperativen scheint mir doch manches fragwürdig, anderes reizt mich zu Widerspruch.

So etwa die Aussage, dass die evangelische Kirche wenig zu lachen habe und vor allem nie über sich selbst lache (These 1). Sicher, man kann über den komödiantischen Wert des Kirchenkabaretts streiten, wie es etwa vom weißblauen Beffchen seit Urzeiten verkörpert wird. Auch über den der zahlreichen, mehr oder minder stark sächselnden Lutherparodien, die ich in den letzten Jahren erleben durfte und bei denen ja auch immer sehr gegenwärtige Pfarrherlichkeit verhandelt wird. Ob alles zum Lachen ist, was in der evangelischen Kirche witzig gemeint ist? Nun ja, eher nicht. Aber wer die Bereitschaft, über sich selbst zu lachen, grundlegend in Frage stellt, ist entweder der Konfessionspropaganda des rheinischen Katholizismus aufgesessen oder treibt sich in den falschen Diakonissenkonventen rum. Was nicht bedeuten soll, dass in Sachen Humor und Selbstironie keine Luft nach oben wäre!

Die Kirche sollte, so die Autoren, angesichts der Kritik von Seiten der „spießigen Sprachpolizisten“ (These 3) vom Verein Deutsche Sprache höchstens belustigt mit den Achseln zucken. Dem ist zuzustimmen. Keine Scheu vor Anglizismen, wo sie griffig sind und Wiedererkennungswert haben! Gleichzeitig ist ein Anglizismus allein natürlich noch kein Garant dafür, dass etwas frisch, modern und weltläufig klingt. Aber das dürfte mittlerweile allen außer ein paar in die Jahre gekommenen Jugendpfarrern bewusst sein. Ich sehe allerdings die Gefahr eher von einer anderen Seite und rechne dabei mit wenig Zustimmung bei Leitlein, der ja erklärter Fan der Bibel in gerechter Sprache ist. Denn der „Klartext“, den die Autoren fordern, ist nicht nur bedroht durch spießigen Sprachpurismus oder den „Jargon der Betroffenheit“ (E. Flügge). Aktuell ist es auch das Bemühen um inklusive und geschlechtsneutrale Sprache, das verlässlich eine bürokratisch-abstrakte Diktion hervorbringt und aus einer Rede schnell eine unfreiwillig komische Kaskade mitgelesener Sonderzeichen und gestelzter Partizipialkonstruktionen macht. In diesen Zusammenhang gehört auch das Liederheft des letzten Kirchentages, dessen Eingriffe in den Text traditioneller Lieder vielen unmotiviert schienen oder schlicht zu weit gingen. Dabei sind – das sei hier noch einmal betont – die Anliegen der „gerechten“ Sprache ja berechtigt: Eine Sprache, die etwa Frauen lediglich „mitmeint“, entspricht nicht unseren gesellschaftlichen Verhältnissen. Aber es geht eben auch um Verständlichkeit, Schönheit und nicht zuletzt Verhältnismäßigkeit – nicht um möglichst umfassende Sprachregelungen, an die man sich hoffentlich irgendwann schon gewöhnen wird. Oft kann die Predigerin mit einfachen Mitteln eingeschliffene Hörgewohnheiten irritieren, Geschlechterstereotype oder andere Vorurteile unterlaufen, ohne dass die Eleganz der Sprache leidet. Hier die richtige Balance zu finden, ist eine Kunst. Sprachbereinigung ist dagegen auch da ein Ärgernis, wo sie nicht reaktionär, sondern progressiv daherkommt!

Was den Personenkult (These 5) betrifft, so scheint mir die Beobachtung prinzipiell richtig, aber auch eine Engführung zu sein: Es muss nicht immer Personenkult sein, sondern es geht allgemein um Konkretheit und Greifbarkeit in der Erinnerungs- und Feierkultur. Man muss also nicht immer Dr. Lutherus in den Mittelpunkt stellen, aber in Wittenberg liegt ein Fokus auf Luther, sein Leben und die Ursprünge der Reformation eben nahe. An anderen Erinnerungsorten lassen sich jeweils andere Gestalten, Ereignisse und Themen aufgreifen, in Szene setzen und mit Leben füllen. Aber immer gilt: Für breite Menschengruppen jenseits des Fachpublikums wird Geschichte greifbar, wenn man sie an symbolkräftigen Orten und mit konkreten Identifikationsangeboten zum Thema macht. Diesen Effekt sollte man nicht überdehnen, indem man zu viel oder Gegenläufiges erreichen will.

Das Bekenntnis zum Osten (These 4) und zur Provinz (These 6), das die Autoren von der Kirche einfordern, trifft auf meine volle Zustimmung. Gerne wüsste ich nun, wie die Autoren vor diesem Hintergrund die – wie mir scheint, immer stärkere – Tendenz der jüngeren Pfarrerschaft bewerten, ihre Präferenzen für einen urbanen Lebensstil über den Dienstgedanken und faktisch das Wohl der Gemeinden abseits der Metropolregionen zu stellen. So kommt es dazu, dass die Provinz und die gerade östlichen Landeskirchen mit ihren vergleichsweise unattraktiven Arbeitsbedingungen voll unter dem Pfarrermangel zu leiden haben, während sich auf den freizeitfreundlichen Funktionsstellen und in den Innenstadtgemeinden die Leute drängeln. Das Gesetz von Angebot und Nachfrage bedeutet: Je weniger Pfarrerinnen und Pfarrer es gibt, desto stärker kann die Pfarrerlobby ihre Interessen durchsetzen. Gegensteuern ließe sich nur durch eine Kombination aus Solidaritätsprinzip, sanftem Druck und echten Anreizen. Denn nein – es wird wohl kaum reichen, einfach eine Ideologie des Ehrenamts an die Stelle der Personalplanung zu setzen. Die Gemeinden werden es kaum als neuartige Chance für das Priestertum aller Getauften sehen, wenn Frau Müller aus dem Singkreis auch die Geschäftsführung und alle zwei Wochen einen Gottesdienst macht.

Die Thesen 7 und 8 sind meines Erachtens voll und ganz zu unterstützen.

Am stärksten dürften die Autoren und ich voneinander abweichen bezüglich der Konsequenzen, die aus der 9. und letzten These zu ziehen sind. Ich würde den Appell „Seid nicht so nett!“ zunächst als Aufforderung interpretieren, etwas mehr theologisches Profil zu wagen und sich nicht immer den Erwartungen vorzugreifen, welche man in Teilen der Gesellschaft zu spüren meint. Auch würde ich daraus die Lehre ableiten, innerkirchlich mehr Diskurs und offenen Streit zuzulassen. Wie oft wird unter dem Mantel einer alle Differenzen deckenden Nettigkeit jede Diskussion im Keim erstickt, um dann hinter dem Rücken der anderen zu lästern, zu intrigieren oder ihre Vorhaben zu blockieren? Das ist kein Verhalten, das einer christlichen Kirche gut ansteht – aber leider weit verbreitet, wie mir scheint!

Klask und Leitlein dagegen geht es weniger um den innerkirchlichen Umgang miteinander als um eine Kirche, die sich in Politik und Wirtschaft einmischt. Dagegen ist nun auch nichts einzuwenden, im Gegenteil! Doch dass sie gerade das berüchtigte Afghanistan-Diktum der früheren Bischöfin und Ratsvorsitzenden Käßmann als positives Beispiel anführen, verwundert dann schon.

Käßmann-Bashing liegt mir fern. Aber der Satz, der da als „präzise kritisch“ gelobt wird, steht doch eher für die Unkultur einer Kirche, die moralisch unangreifbar sein will und deshalb die Untiefen der Politik scheut. Keiner hat von der EKD verlangt, eine Entscheidung über mögliche Bündnisverpflichtungen Deutschlands zu treffen. Man kann von Käßmann auch nicht erwarten, sich ein detailliertes Bild von der Lage am Hindukusch zu machen und eine Antwort darauf zu finden, wie mit der instabilen Sicherheitslage, den Verbündeten und ihren Interessen sowie dem Leiden der Zivilbevölkerung umzugehen ist. Wenn aber seither der Bundestag den betreffenden Einsatz über die Grenzen mehrerer Fraktionen hinweg regelmäßig verlängert hat, weist das wohl darauf hin, dass es ganz so einfach eben nicht ist. Käßmanns Leistung besteht darin, ihr moralisches Gefühl, das sich als solches um Grautöne naturgemäß nicht zu scheren braucht, in eine bildzeitungsgerechte Kurzformel gebracht zu haben. Mit fragwürdigen Erfolg. Denn es wurde keine Wende zum Guten in der Afghanistanpolitik herbeigeführt, sondern lediglich der überwunden geglaubten Gegensatz von Gesinnungs-und Verantwortungsethik wiederbelebt. Schönen Dank auch!

Hier kann nun nicht im Detail aufgezeigt werden, wie politisches Handeln der Kirche aussehen kann und soll, das sich nicht auf moralische Weisungen der Kirchenprominenz beschränkt, sondern eine lebendige politische Kultur innerhalb der Kirche zur Basids hat. Es wäre sicher lohnenswert, dem einen oder mehrere Artikel zu widmen und dabei auch die neuesten Impulse der EKD-Kammer für Öffentliche Verantwortung zu diskutieren. So Gott will findet sich jemand, der sich für nthk.de dieser Aufgabe annimmt.

Doch vielleicht hilft hier vorerst ein positives Beispiel, das ich dem Käßmann-Diktum entgegenstellen möchte. Als ein solches steht mir aktuell das Handeln der Kirchen angesichts der sog. Flüchtlingskrise vor Augen. Jenseits der Stellungnahmen von Seiten der Kirchenleitung – diese dürften manches befördert haben – sehe ich dabei die große Leistung bei den Gemeinden. Dort hatten notwendige gesellschaftliche Debatten einen Raum, die hier auch über die Grenzen der politischen Lager hinweg geführt wurden. So wurden bei vielen Menschen Vorurteile und Ängste sichtbar gemacht, bearbeitet und abgebaut. Schließlich hat man vielerorts ganz praktisch die Verantwortung übernommen für Flüchtlinge und deren Integration hier in Deutschland. Menschen haben sich für das Gemeinwohl eingebracht und sind dabei überzeugend für ihren Glauben eingestanden. Dabei wurde, wie die Reaktionen einiger meist konservativer Politiker zeigen, durchaus auch mit den Erwartungen von Seiten des Staates und der Politik gebrochen. Insofern ist den Autoren zuzustimmen: Nur Nettigkeit führt nicht weiter!

Grundsätzlich sollten sich die evangelischen Kirchen in politischen Fragen zunächst darauf besinnen, was ihnen von ihrem Auftrag und von ihrer Botschaft her aufgetragen ist. Dazu braucht es einen lebendigen Diskurs, der auch kontroverse Positionen zulässt. Nur auf dieser Grundlage lässt sich dann eine breite Mehrheit der Mitglieder für ein bestimmtes Vorgehen gewinnen und mobilisieren. Die Verständigung über das, was hier und heute geboten ist, dauert vielleicht einmal etwas länger als wünschenswert. Es könnte sein, dass sich in manchen Fragen keine eindeutige kirchliche Position gewinnen lässt. Aber wäre das so schlimm? Vielleicht ist gerade das ein wichtiger Beitrag zur politischen Kultur unserer Gesellschaft. Die Fähigkeit, Spannungen und Meinungsverschiedenheiten auszuhalten, scheint mir durchaus ausbaufähig.

Ach, und was den Segensroboter und die Aufforderung „Traut euch!“ (These 2) betrifft: Mit Blick auf die kommende Bundestagswahl melde ich Interesse an bezüglich eines Roboters, der Klagepsalmen rezitiert…

Allein mit der Schrift.

Zur innerprotestantischen Ökumene

von Tobias Graßmann

 

Die Formulierung „innerprotestantische Ökumene“ hat den Beiklang des Paradoxen. Die meisten Christen dürften bei „Ökumene“ erst einmal an die Verständigung zwischen Protestanten und Katholiken, möglicherweise noch mit den Ostkirchen denken. Und selbst, wenn man die innerprotestantischen Differenzen zwischen Lutheranern und Reformierten im Blick hat, scheint es sich dabei um eine bloß historische Kategorie zu handeln. Schließlich haben die Entwicklungen, an deren Anfang die Barmer Theologische Erklärung steht und deren Höhepunkt die Leuenberger Konkordie von 1973 markiert, diesbezüglich zu einer Entschärfung der einst so drastisch empfundenen Lehrgegensätze geführt, zur Kirchengemeinschaft, zur gemeinsamen Feier des Abendmahls und vielerorts zu einer weitgehenden Vermischung der beiden evangelischen Konfessionen. Wo dieses Verhältnis überhaupt noch als Gegenüber erlebt wird, wird es selten als problematisch, sondern vielmehr als Bereicherung empfunden.

Aber wie sieht es aus mit der theologischen Verständigung und praktischen Kooperation zwischen dem landeskirchlichen Protestantismus und den vielfältigen Gestalten evangelikalen Christentums? Oft wird dieses Feld, das hier als innerprotestantische Ökumene in den Blick genommen werden soll, noch nicht einmal als Aufgabe und Herausforderung empfunden. Dieser Beitrag soll aus der Perspektive des landeskirchlichen Luthertums die Wichtigkeit dieser Aufgabe herausstreichen, die zentralen Herausforderungen nennen und mögliche Wege in den Dialog skizzieren.

Wer sind „die“ Evangelikalen?

Es ist umstritten, wer eigentlich korrekt als „evangelikal“ zu bezeichnen ist und wer für diese Gruppe sprechen kann. In letzter Zeit war diese Frage etwa auf Twitter immer wieder Gegenstand der Diskussion. Dabei weisen einige Personen, die sich selbst den Evangelikalen zurechnen würden, auf die Heterogenität dieser Gruppe hin und verwahren sich gegen die pauschale Zuschreibung bestimmter Eigenschaften. Diese Einwände sind im Kern sicher berechtigt. Trotzdem lässt sich eine einigermaßen präzise Beschreibung evangelikalen Christentums entwickeln – im Bewusstsein, dass diese Beschreibung eine weder erschöpfende, noch umfassende Definition bietet.

Zusätzlich ist auf der Ebene der Akteure zu beachten, dass es zwar verschiedene Organisationen und Institutionen mit der Selbstbeschreibung „evangelikal“ gibt, aber diese jeweils nur einen Ausschnitt des Spektrums vertreten. Die evangelikale Szene ist – schon der Begriff Szene drückt das ja aus! – aus Sicht der protestantischen und katholischen Großkirchen unübersichtlich und fluide.1

Hier soll unter „evangelikal“ eine bestimmte Frömmigkeitskultur begriffen werden, deren Grenzen naturgemäß nicht klar zu bestimmen sind. Sie lässt sich aber durch typische Merkmale charakterisieren, die nicht immer verwirklicht sein müssen, aber auf viele evangelikale Christen zutreffen.

Evangelikale, wie ich sie hier verstehe, pflegen tendenziell ein auf Einheitlichkeit und buchstäbliche Geltung der Schrift bedachtes Bibelverständnis. Ihre Frömmigkeit ist christus- bzw. jesuszentriert, wobei weder die christologischen Unterscheidungen noch die Trinitätslehre als theologisches Fundament der Christologie eine entscheidende Rolle spielt.2 Evangelikale verstehen sich als „entschiedene“, „bekehrte“, intensive und bewusste Christen, was häufig (aber nicht immer!) eine Präferenz für die freikirchliche Organisation von Gemeinden und die Mündigentaufe als bewusste Entscheidung für Christus bedeutet. Auch dort, wo sie in der Landeskirche beheimatet bleiben, hegen Evangelikale gewisse Skepsis gegenüber volkskirchlichen Strukturen und Institutionen. Ein starker Missionsdrang, der in einem exklusivistischem Heilsverständnis wurzelt (d.h. wer sich nicht zu Christus bekennt, ist vom Heil ausgeschlossen), ist ebenso charakteristisch wie eine rigide Individualethik, wobei oft eine Nähe zu politisch konservativen bis teilweise auch rechten Positionen (z.B. bezüglich Abtreibung, Eheverständnis, Homosexualität, Klimaschutz, Geschlechterrollen) zu konstatieren ist. Freilich ist hier vieles in Bewegung, ökologische Themen oder Gerechtigkeitsfragen scheinen aktuell wichtiger zu werden. Nicht selten begegnet die Erwartung eines Tun-Ergehens-Zusammenhangs: Erfüllung der göttlichen Gebote führt zu persönlichem Glück sowie Erfolg in Beruf und Familie. Die Gottesdienste orientieren sich am Vorbild amerikanischer Erweckungsprediger. Sie sind gekennzeichnet durch einen Vorrang von Lobpreis und freiem Gebeten, während Zweifel an und Klage gegenüber Gott kaum eine Rolle spielen.

Wenn man diese holzschnittartige (!) Charakterisierung der evangelikalen Frömmigkeit mit der Selbstbeschreibung der meisten landeskirchlichen Christinnen und Christen vergleicht, so ist das Konfliktpotential leicht ersichtlich. Moralischer Rigorismus trifft auf Individualismus in ethischen Fragen, das Bemühen um Eindeutigkeit auf das Ziel der Pluralismusfähigkeit, starker Missionsdrang und ein klares Bekenntnis zu Christus auf eine weitgehend privatisierte Religion.

Kurz und prägnant gefasst: Ein Christentum, das sich viel auf seine Modernität einbildet – und dafür so manchen Selbstwiderspruch sowie eine merkwürdig selektive Erinnerungskultur in Kauf nimmt –, trifft auf eines, das stolz darauf ist, sich dem modernen Zeitgeist zu verweigern und allein Jesus zu folgen – natürlich mit PowerPoint-Präsentation und Keyboard im Gottesdienst!

Diese Spannungen brechen freilich auch innerhalb der evangelischen Landeskirchen, teilweise auch der katholischen Kirche, auf. Die evangelikale Szene ragt in die großen Kirchen herein und vereinigt sich dort mit pietistischen Strömungen, die ihrerseits oftmals aus den Kerngemeinden an die Ränder der Landeskirchen wandern. In Hauskreisen, in der Sakropop-Szene und im Umkreis bestimmter Pfarrpersönlichkeiten kommt es so zur Vermischung von Personenkreisen, welche die Grenzen von freikirchlich und landeskirchlich nahezu unsichtbar macht.

Wollen wir das überhaupt?

An dieser Stelle höre ich nun förmlich die Vorbehalte vieler Gemeindeglieder, Pfarrerinnen und Pfarrer: Dialog und Kooperation mit den Evangelikalen – wollen wir das überhaupt? Handelt es sich dabei nicht um Fundamentalisten, um unsere christliche Variante des IS-Fanatikers? Sekten, innerhalb wie außerhalb der Kirche, vor denen unsere Sektenbeauftragten und Mütter uns immer gewarnt haben? Muss es da nicht heißen: Warnen und aufklären, aber bloß kein Dialog mit denen, kein Podium bieten?

Diese Vorbehalte und Berührungsängste sind da. Zum Teil erwachsen sie aus unangenehmen Begegnungen (von denen ich auch einige schildern könnte), zum Teil aus historisch gewachsenen Vorurteilen. Denn das Luthertum als Konfession ist in einer speziellen Konfliktkonstellation entstanden: Die Bekenntnisschriften sind Dokumente einer theologischen Klärung, im Zuge derer sich das Luthertum begreift als die Mitte zwischen der römischen Papstkirche zur Rechten, den radikalreformatorischen „Schwärmern und Rottengeistern“ zur Linken. Es liegt nahe, dass gerade mit Blick auf die Frei-Evangelischen unter den Evangelikalen die Polemik der Reformatoren gegen die „Rottengeister und Schwärmer“ nachwirkt. Und die Evangelikalen innerhalb der Kirche werden dann schnell als fünfte Kolonne dieser Schwarmgeister betrachtet, als reißende Wölfe im Schafspelz.

Aber diese doppelte Frontstellung der Reformationszeit ist heute überholt, will man sie als rein polemisches Verhältnis verstehen. Dagegen kann sie Orientierung bieten, wenn sie sich in ein doppeltes Verhältnis konstruktiver Kritik überführen lässt. Denn jede dieser Abgrenzungen zur einen Seite impliziert eine Gemeinsamkeit mit der anderen. Dafür sollte das Bewusstsein geschärft werden.

Freilich hat die ökumenische Bewegung der Vergangenheit vor allem dazu geführt, die Gemeinsamkeiten mit der römisch-katholischen Kirche und das geteilte mittelalterliche Erbe neu zu entdecken. Das ist sehr zu begrüßen, aber treibt mitunter merkwürdige Blüten. Mir klingt noch ein Gespräch im Ohr, das einmal am Rande einer Pfarrkonferenz geführt wurde. Dort äußerte ein ökumenisch gesinnter Kollege seine Hoffnung: Mit zunehmender Annäherung der großen Kirchen könne einmal gemeinsam „aufgeräumt“ werden mit den „fundamentalistischen“ Freikirchen. Diesem Ziel einer ökumenischen Waffenbruderschaft, das ein unseliges Vorbild in den Bauernkriegen hat und vermutlich auch bei einigen Katholiken auf Zustimmung stoßen würde, sollte sich das Luthertum auf keinen Fall verschreiben.

Statt dessen sollte sich das Luthertum als Vermittlerin begreifen, die zwischen den Weltkirchen der römisch-katholischen und anglikanischen Kirchen auf der einen, den protestantischen Freikirchen reformierter, baptistischer und charismatischer Prägung auf der anderen Seite steht. Befähigt ist es dazu, weil sich das doppelte polemische Verhältnis in ein doppelt konstruktives überführen lässt. Dann wären Gesprächskanäle in beide Richtungen zu öffnen und zu pflegen.3 Für diesen Dienst an der Einheit der Kirche Jesu Christi könnte das Luthertum aus seiner Geschichte heraus und von seiner Organisationsstruktur her besonders befähigt sein. Ist dies der Fall, dann muss es im Interesse des Luthertums sein, die innerprotestantische Ökumene voranzutreiben.

Worüber müssen wir reden?

Soll die Verständigung zwischen landeskirchlichem Protestantismus und evangelikalen Christen ein Erfolg werden, so muss man erst einmal versuchen, aus der Fülle der Differenzen zentrale Streitpunkte einzukreisen. Diese dürften sich alle um eine gemeinsame Mitte gruppieren lassen: das Verständnis der Bibel als Heiliger Schrift, ihre angemessene Auslegung und ihre Bedeutung für das christliche Leben.

In der Begegnung mit evangelikalen Christen erleben Theologen des evangelischen Mainstreams häufig einen Umgang mit der Bibel, der als „fundamentalistisch“ oder „biblizistisch“ bezeichnet werden kann. Sie sehen sich mit einer Fülle an Zitaten konfrontiert, die das laue Volkskirchentum ins Unrecht setzen und die evangelikale Frömmigkeit als überlegene Form des Christentums erweisen sollen. Man kann daher sagen: Einerseits ist die Bibel die geteilte Grundlage, auf der strittige theologische Fragen diskutiert werden könnten. Als eine solche Entscheidungsinstanz wird sie insbesondere von den evangelikalen Seite ins Spiel gebracht. Allerdings wird in der Regel schnell deutlich, dass die Schrift diese Funktion nur einnehmen könnte, falls man sich auf gemeinsame Kriterien ihrer Auslegung einigt. Aber welche Kriterien kommen dafür in Frage?

Es wäre nun so übergriffig wie sinnlos, als Bedingung für den Dialog evangelikale Gesprächspartner erst einmal auf die „modernen“ Methoden der historisch-kritischen Bibelwissenschaften verpflichten zu wollen. Dieses normative Verständnis bedeutet nicht zuletzt ein tiefgreifendes Missverständnis der historisch-kritischen Methode.4 Als Bündel von philologischen und historischen Interpretationstechniken sowie impliziten theologischen Vorannahmen ist sie gerade kein Glaubensgegenstand, dem man sich verschreiben und zu dem man sich bekennen müsste. Es handelt sich um wissenschaftliche Hypothesen und Instrumente, die sich im akademischen Kontext für die Interpretation und Auslegung der biblischen Texte in besonderem Maße bewährt haben. Als solche müssen (und ich meine auch: können!) sie ihre Plausibilität im ökumenischen Dialog allererst unter Beweis stellen.

Falsch verstanden ist die historisch-kritische Methode auch, wenn sie lediglich dazu benutzt wird, die Geltung bestimmter Schriftstellen oder die Bedeutung der Schrift als ganzer zu relativieren. Dazu ist nur theologische Sachkritik imstande. Stattdessen wäre herauszustellen, dass die historisch-kritische Erforschung nach Verständnis einer liberalen Theologin erst dazu befähigt, das Gotteswort der Bibel in seiner Unterschiedenheit von unseren eigenen Vorurteilen und Prägungen ernst zu nehmen.

Etwas absurd erscheint eine solche Forderung nach „konsequenter Historisierung“ der Schrift zudem, wenn man ehrlicherweise zugibt, dass viele evangelische Theologinnen und Theologen in ihrem beruflichen Alltag keineswegs immer die entsprechenden historisch-kritischen Methoden anwenden. Vielmehr herrscht wohl ein Umgang mit der Schrift vor, der sich von evangelikaler Bibelauslegung kaum unterscheidet. So werden Bibeltexte relativ unbefangen von den eigenen Vorannahmen her gedeutet und ihr jeweiliger Sinn eher „erfühlt“ als mit wissenschaftlich kontrollierter Methodik erhoben. Das ist nicht schlimm, aber man sollte es offen zugeben.

Wenn man trotzdem zu ganz anderen Ergebnissen kommt, hängt das an der (oft theologisch wenig durchdachten!) Unterscheidung zwischen einem überschaubaren Bestand an Bibelstellen, die jeweils als besonders relevant erachtet werden („Kanon im Kanon“), und dem weniger verbindlichen Rest an Texten. Eine solche Unterscheidung treffen faktisch die evangelikalen Gesprächspartner, aber unter anderen Voraussetzungen.

Ja, ich würde noch weiter gehen: Man kann teilweise den Verdacht haben, dass wir den Vorwurf des Fundamentalismus oder Biblizismus vor allem deshalb so schnell zur Hand haben, weil wir die ehrliche Auseinandersetzung auf der Basis der Schrift fürchten. Es ist kein Geheimnis: Um die Bibelkenntnisse vieler evangelischer Theologinnen und Theologen ist es nicht gut bestellt. Wie steht es mit den klaren theologischen Kriterien und transparenten Regeln, welchen Bibelstellen welches Gewicht zukommt und wie sie auf heutige Problemlagen anzuwenden sind? Wenn wir uns einer Diskussion mit bibelfesten Evangelikalen nicht gewachsen fühlen, sollte nun aber eher Grund sein, die eigenen Kenntnisse zu erweitern und die biblischen Fundamente der eigenen Theologie zu klären, als Schriftargumente pauschal zu diskreditieren.

Weiterführend wäre gerade eine Besinnung auf das reformatorische Prinzip sola scriptura. Diese Exklusivpartikel ist, wie ich meine, als eine Diskursregel zu verstehen. Sie sichert auch allen Nicht-Theologen die Beteiligung am theologischen Diskurs und die Überprüfung theologischer Entscheidungen, weil diese sich als Auslegung der Schrift begründen und bewähren müssen. Damit verbürgt sie Evangelikalen wie landeskirchlichen Christen das Recht und die Pflicht, von der anderen Gruppe die gemeinsame Überprüfung theologischer Streitthemen am Zeugnis der Bibel einzufordern. Die Geltung der Schrift als Regel und Richtschnur allein ist Voraussetzung für die Diskussion – wobei es zunächst offen bleiben kann, worin genau diese Geltung besteht und wie sie sich auswirkt!

Der Streit um die Wahrheit der Schrift ist der angemessene Weg, theologische Aussagen zu entwickeln und zu prüfen – darin müssten sich reformatorisches und evangelikales Selbstverständnis eigentlich treffen. So scheint mir sinnvoll, mit dem gemeinsamen Lesen der Bibel zu beginnen. Welche Texte sind uns besonders wertvoll und warum? Was für einen Einfluss haben sie für unser Selbstverständnis, unser Gottesbild und unsere Lebensführung? Woran stoßen wir uns in der Bibel und wie gehen wir damit um?

Was erwartet uns?

Was wird uns passieren, wenn wir uns neu auf dieses Feld ökumenischer Begegnungen einlassen?

Wir werden Menschen treffen, die unsere Gemeinden als Missionsgebiete betrachten. Menschen, die uns und unsere Lebenswirklichkeit als Feindbild und dunkle Gegenfolie brauchen, um innerhalb ihrer Gemeinden den Psychodruck und eine repressive Moral aufrecht zu erhalten. Auch solche, deren zunächst überschwängliche Freundlichkeit plötzlich einfriert oder ins glatte Gegenteil kippt, sobald wir mit unseren Positionen zu Frauen, Homosexuellen, Juden und Muslimen herausrücken. Wir werden unseren Anspruch, Kirche Jesu Christi zu sein, verteidigen müssen.

Aber das ist nur die eine Seite. Wir werden sicher auch Menschen treffen, die uns unmittelbar nahe sind. Die aus einer tiefen, überzeugenden Gottesbeziehung leben. Deren Bekenntnis zu Jesus Christus uns ansteckt und herausfordert. Die uns sanft zwingen, unsere fragmentarischen Bibelkenntnisse aufzufrischen. Die im Gegenzug vielleicht sogar dankbar sind, wenn wir im Umgang mit der Bibel neue, befreiende Perspektiven eröffnen können.

Und das wird unsere Theologie beeinflussen. Denn wir müssen sie plötzlich Menschen erklären, die einige unserer Selbstverständlichkeiten in Frage stellen – aber die uns trotzdem nicht erlauben, theologischen Fragen auszuweichen, uns auf die Ebene der allgemein menschlichen Richtigkeiten und Gefühligkeiten zurückzuziehen. Vielleicht färbt ein wenig von dem evangelikalen Glaubenseifer ab, der sich des Evangeliums auch in einer weitgehend säkularen Öffentlichkeit nicht schämt.

Das wird spannend und bereichernd! Bestimmt!

 

 

1 In gewisser Weise entspricht das der Situation im interreligiösen Dialog mit den Muslimen. Es dürfte zu den ersten Herausforderungen innerprotestantischer Ökumene gehören, die repräsentativen Strukturen zu stärken oder überhaupt zu schaffen, welche dann für den Dialog benötigt werden. Dies dürfte am Besten gelingen, indem vor Ort Formen der ökumenischen Begegnung geschaffen werden, die dann schrittweise erweitert und überregional vernetzt werden. Auch kann man auf bestehende Foren wie die Evangelische Allianz aufbauen.

 

2 Ob es nicht auch charismatische Formen gibt, bei denen der Heilige Geist im Vordergrund steht, kann hier außer Acht bleiben.

 

3 Ausgeblendet kann hier die Verhältnisbestimmung zu den Ostkirchen bleiben. Vermutlich kommt in diesem Zusammenhang der römisch-katholischen Kirchen eine analoge Vermittlerfunktion zu, wobei die historisch gewachsenen lutherisch-orthodoxen Beziehungen im Baltikum und in Rumänien ebenfalls fruchtbar sein können.

 

4 Zur Sackgasse einer „normativen Moderne“ vgl. auch diesen älteren Text von mir.

Zur Störung im Betriebsablauf

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Anmerkungen zu „Vom Wandern und Wundern“ (hg. von Maria Herrmann und Sandra Bils)

von Niklas Schleicher (@megadakka)

Was für eine Zeit! Was für, was für eine Zeit!
Was für, was für eine Zeit, um am Leben zu sein!
(Zugezogen Maskulin)

Ich muss gestehen, dass es durchaus oft vorkommt, dass ich Menschen und ihre Ideen grundsätzlich falsch einschätze und ohne Evidenz, nur durch Intuition negativ bewerte. Dann werde ich sarkastisch, zynisch, also mitunter recht verletzend und zurecht angepfiffen. Ich dachte: Möglicherweise geht es mir ja mit der Initiative Kirche² und verwandten Projekten auch so und ich tue den Protagonisten und Protagonistinnen in Worten, aber vor allem auch in Gedanken unrecht und ihre Ideen sind eigentlich ganz richtig und von großem Wert für die Kirche – natürlich spricht man in diesem Kontext immer von Kirche im Singular, konfessionelle Unterschiede sind in der Postmoderne doch eh überholt. Vielleicht müsste ich meine Meinung mal revidieren, Abbitte leisten und zugeben: „Ich habe mich geirrt, ihr liegt nicht so fundamental daneben.“ So einen Gesinnungswechsel könnte durchaus machbar sein, vor allem, weil jetzt einzelne Menschen, die ich nur aus kurzen Tweets oder Blogbeiträgen kannte, ihre Gedanken in einem Sammelband veröffentlicht haben. Und hey, ich als verkopfter Universitätstheologe lese nun mal gerne Bücher. Also habe ich das Buch, wie viele Andere es auch getan haben, bestellt. Ich habe zwar kein Bild vom Auspacken gemacht und getwittert, aber dafür gleich angefangen zu lesen. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Ich muss meine Meinung ändern.

Das Buch heißt „Vom Wandern und Wundern“ und trägt den Untertitel „Fremdsein und prophetische Ungeduld in der Kirche“. Herausgegeben wird es von Maria Herrmann und Sandra Bils, beide arbeiten für das Projekt Kirche². Die einzelnen Beiträge erzählen, mehr oder weniger, von jeweils eigenen Erfahrungen der Fremdheit in der Kirche und leiten daraus Ideen für Kirche von morgen ab.

Maria Herrmann schafft es auf der dritten Seite ihres Eröffnungsbeitrags die Verfasser und Verfasserinnen in eine Reihe mit „Franziskus, einer Teresa, eines Dietrich Bonhoeffer, einer Madleine Delbrel oder einer Dorothee Sölle“(9) zu stellen. Die Fallhöhe ist also denkbar hoch, waren doch jedenfalls Franziskus, Bonhoeffer und Sölle (die anderen beiden kenne ich zu wenig) hochgradig reflektierte und damit inspirierende Theologen*. Nun gut. Was also bekommt man in den einzelnen Beiträgen zu lesen?

Astrid Adler skizziert, nach einer kurzen persönlichen Anekdote, die Geschichte der Heilung des Gelähmten als Bild für Kirche. Sie ist „keine studierte Theologin“ aber „kann mit Menschen über Jesus reden“ (S. 20). Bei mir ist es ja andersherum. Ich bin zwar studierter Theologe, würde mir aber niemals selbst die Gabe bescheinigen, dass ich über Jesus reden kann. Jedenfalls nicht so, dass ich mir sicher wäre, dass „das Letzte was Jesus vor seiner Verhaftung getan hat, […] für die Einheit der Christen zu beten“ (29) war. Gut, ich bin vielleicht in diesem Zusammenhang auch eher den Schriftgelehrten zuzuordnen, denjenigen, „die mahnen und wachen über dem, was ihnen heilig ist“ (24).

Es wird besser. Hanna Buiting liefert im nächsten Beitrag eine autobiographische Skizze, über ihren Weg zur und mit der Kirche als Beispiel für produktive Fremdheit. Mit 24. Eine autobiographische Skizze. Neben der Forderung nach „richtig guten Kaffeemaschine[n]“ (38) für den Gottesdienstraum [sic!] schwingt sie sich am Schluss zu wahren Höhen auf, wenn Sie beschreibt, was ihre Gabe ist, nämlich das Schreiben: „Mehr als einmal musste ich mich zurückerinnern, wie glücklich mich das Schreiben gemacht hatte. […] Mein Gottes-Dienst war erfüllt. Heilige Momente lagen längst hinter mir[…] Texte voll Güte und voll Gnade entstanden so, voll Hoffnung und voll Heimat. […] In meiner Timeline, bei Facebook und Twitter tummelten sich zunehmend Christinnen und Christen, aus dem Rahmen gefallen, auf der Suche. Sie wurden zu meiner Leserschaft, meiner Netzgemeinde, meinen Stichwortgebenden und Nächsten“ (43). Mit 24. Hier nur ein vermessener Hinweis von mir: Eine solche Überhöhung des eigenen Tuns ist mir ja weder von Bonhoeffer noch von Sölle noch von Teresa geläufig. Aber gut, diese sind halt vielleicht auch schriftstellerisch nicht so begabt gewesen.

Mara Feßmann liefert im nächsten Beitrag eine autobiographische Skizze über ihren Weg zur Theologie, die, so jedenfalls die Überschrift, Punktheologie sei. Wer nun hofft, hier interessante oder kreative theologische Einsichten lesen zu dürfen, wird sich wundern. Das Thema ist auch hier vor allem die Autorin selbst, deren große Auszeichnung ist, dass sie neben Theologie auch Politkwissenschaften und Soziologie studiert, also einen viel weiteren Horizont als so normale Theologen wie ich hat.

Mathias Albracht beginnt mit einer kurzen Anekdote und liefert dann (Überraschung!) eine kurze autobiographische Skizze über seinen Weg in der Theologie und der Kirche. Immerhin werden hier wenigstens einige Stichwortgeber genannt: Lyotard, Levinas und einige Kirchenväter. Wer allerdings erwartet, dass jetzt unter Rückgriff auf Levinas das Fremde, das Andere reflektiert wird, wird auch hier eher enttäuscht, ist der Ertrag des Ganzen doch schlicht, dass der Verfasser kein Priester geworden ist, sondern als Laienseelsorger einen anderen Weg gegangen ist. Ach ja, und auch hier: Lyotard schrieb zwar „Das postmoderne Wissen“, den Begriff selbst hat er allerdings nicht entwickelt (71). Ja, ich weiß, jetzt bin ich wieder der spielverderbende Schriftgelehrte.

Steffi Krapf schreibt über ihre Theaterarbeit als Weg, Kirche und Gemeinschaft zu bauen. Im Theater können Menschen die Freiheit erfahren, die auch für den christlichen Glauben gilt. Sie können „einfach sein“ (90) und „spontan“ agieren. Das Theater könne so ein Ort der Präsenz Gottes sein: „Der Heilige Geist als Abgesandter Gottes zeigt sich für mich übrigens in der Spontaneität und Kreativität. Er wirkt wie Brausepulver, wobei wir Menschen das Wasser sind, und wenn er durch uns fährt, prickelt es so schön!“ (92) Die einzige Frage, die sich mir hier stellt, ist doch: Kann man dieses Brausepulver auch in gutem Kaffee (s.o.) auflösen?

In diesem Stil gehen die anderen Beiträge weiter. Ein kleines Anekdötchen am Anfang, dann ganz viel über sich selbst erzählen und diese eigene Erfahrung als Anker für gutes und neues Denken von Kirche hinstellen[1]. Dass es dafür dann, wie Sebastian Baer-Henney schreibt, eigentlich nicht unbedingt theologische Ausbildung braucht, sondern dass „geleistete Arbeit“ (149) als Einstieg in den hauptamtlichen Dienst in der Kirche reichen sollte, versteht sich dabei fast von selbst. Dass Kirche am besten, so er weiter, ein „Grundvertrauen darauf [hat], dass –  so unverständlich manche der neuen Wege auch sind – der Pionier weiß was er tut“ (153), ist dann in diesem Zusammenhang auch absolut klar.

Was ich, in meinem verklebten Universitäts- und Amtskirchen-Theologen-Sein, also bei der Lektüre gelernt habe, ist Folgendes: Im Kern des Aufbruchs der Kirche stehen einzelne Menschen, die sich selbst eine gewisse Autorität zuschreiben, die auf ihre eigenen Gaben verweisen, sich selbst als Propheten stilisieren und sich zu Pionieren machen. Eine Ausbildung oder wenigstens die Bereitschaft zur kritischen Selbstreflexion braucht es offensichtlich nicht. Hautpsache, man hat etwas Neues beizutragen. Worin dieses Neue besteht?  Im Aufbrechen der alten Formen jedenfalls, in der Feier des Eigenen, in gutem Kaffee. Christliche Inhalte sind nur dann relevant, wenn Sie sich in die Form eines Lifestyles bringen lassen: ja, Christentum muss in diesem Zusammenhang irgendwie hygge[2] sein. Den Rest können wir einfach kappen. Schließlich waren ja Bonhoeffer und Sölle und so auch einfach „Wandernde und Wundernde ihrer Zeit, mit einer heiligen Unruhe versehen und der Erfahrung einer Fremde“ (9). Sie waren eben im Prinzip genauso wie Herrmann und Buiting, Feßmann und Baer-Kenney. Und wenn Bonhoeffer nicht gegen die Nazis hätte Opposition ergreifen müssen und Sölle nicht gegen den Nato-Doppelbeschluss kämpfen wollen, dann hätten die bestimmt auch für besseren Kaffee und mehr Feier des Lebens Partei ergriffen.

Ich muss also, um nochmal zu Anfang zurück zu kommen, meine Meinung tatsächlich ändern. Bis jetzt hielt ich das Ganze irgendwie für eine seltsame Form, die mir nicht entspricht und die ich für nicht ganz richtig halte. Jetzt ist mir völlig klar, dass bloße Skepsis die falsche Antwort ist. Dieser ungefilterte Narzissmus, der sich mit dem Fehlen theologischer (oder irgendwelcher) Tiefe paart, und als Konsequenz das belanglose Feiern des Eigenen propagiert, sich dann dabei auch noch mit prophetischer Autorität versieht, hat nichts Anderes verdient als: Opposition und Widerspruch. Dann bin ich halt weiter ein arroganter Universitätstheologe, der kein Gespür für das Neue mitbringt. Damit kann ich leben, weil „[j]emand muss es tun.“Vielleicht liege ich auch komplett falsch. Kann sein. Aber jedenfalls werde ich mir keine guten Zitate aus meinen Texten auf T-Shirts drucken lassen.

Ein weiser Mann schrieb lange vor mir:

„Hass, damit das endlich klar ist, bedeutet Wahrheit – und etwas mehr Ehrlichkeit. Hass, so wie ich ihn verstehe, hilft unterscheiden: zwischen Gut und Böse, Freund und Feind. Wer diese Unterscheidung nicht will, kennt keine Moral und keine Prinzipien. Dem ist egal, wer an seinem Tisch sitzt, wer ihn unterrichtet, wer sein Land regiert. Der interessiert sich in Wahrheit nur für sich selbst“.
(Maxim Biller)

Diese Selbstbezüglichkeit wenigstens soll man mir nicht vorwerfen.

 

 

 

[1]Um die Herausgeberin zu zitieren: „So sind sie [die Aufsätze] auch als fragmentarische Momentaufnahmen im Prozessgeschehen zu verstehen, die zu großen Teilen fragil und in hohem Maße vergänglich aufmerksam machen auf konkrete Facetten der Veränderungsprozesse der Kirche. Daher lassen sich die Aufsätze untereinander kaum vergleichen und sind exemplarisch für einen Teil von gemachten Erfahrungen mit dem Wandern und Wundern.“ (14) Keine weiteren Fragen, euer Ehren.

[2]http://www.hygge-magazin.de/

Mehr Theologie – wie geht das praktisch?

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Eine weitere Anmerkung zu “It’s the theology, stupid!

von Annette Haußmann

Homiletisches Seminar. „Also ich habe mich gar nicht angesprochen gefühlt.“ „Mir haben die Ecken und Kanten gefehlt“ „Ich frage mich, ob man auch den schwierigen Teil des Textes weglassen kann“. Es geht um die Vermittlung zwischen Predigttext, Predigerin, Predigthörenden. Aber eigentlich um viel mehr. Predigen, wie geht das? Und irgendwann in der Diskussion wird klar: es geht nicht um die Oma in Reihe fünf. Sondern um unsere eigenen theologischen Probleme mit dem Text – eine Grundfrage, der sich homiletische Theorien bereits angenommen haben, die wir nun weiter betrachten.

Angeregt durch den Beitrag von Tobias Graßmann – „It’s the theology stupid“ und den Folgebeitrag von Niklas Schleicher – „Study of theology revisited“ möchte ich hier eine praktisch-theologische Perspektive ergänzen. Weil ich glaube, dass hier das Problem besonders dringlich ist, und weil ich glaube, dass im Studium gelernt werden muss, was die „heißen Eisen“ sind – und wie man mit ihnen jongliert. Und dabei scheint mir auch ab und zu eine satte Polemik hilfreich – so sie denn gut argumentiert.

Das Problem ist altbekannt. Ein Vermittlungsproblem hatte die Theologie schon immer, eigentlich seit es sie gibt. Vom „Selig sind die geistig Armen“ über „dem Volk aufs Maul schauen“ bis hin zur milieusensiblen Kirche: Die sperrige Botschaft und wie sie zu den Menschen gelangen könnte ist seit je her eine Aufgabe, der sich Theologie stellen muss.

Das Fach der Praktischen Theologie wurde aus der Feststellung heraus etabliert, dass für den Übergang aus dem Studium in die praktische Tätigkeit des Pfarramts theologische Reflexionen notwendig sind. Historisch ist diese Disziplingründung nicht von ungefähr im Gefolge der Aufklärung entstanden. Jeder sollte sich seines Verstandes bedienen können und damit auch kritische theologische Fragen stellen. Und in der universitären Theologie bemerkte man, dass es für die Ausbildung nicht mehr genügte, einfache pastorale Handlungsanweisungen zu formulieren, die beinhalteten, was ein Pfarrer tun, lassen oder predigen sollte. Das Fach Praktische Theologie sollte fortan die Schnittstelle zwischen den biblischen Fächern, der Kirchengeschichte und der Systematischen Theologie sowie der kirchlichen Praxis ausfüllen und gesamtgesellschaftliche wie kirchliche Entwicklungen reflektieren. Eine Vielzahl von praktisch-theologischen Entwürfen, die das Pfarramt und seine Handlungsfelder beleuchten, ist seither entstanden. Wichtig scheint mir, dass diese Entwicklungen kontrovers diskutiert werden: Unter Theologen, zwischen Theologie und kirchlicher Praxis, unter Pfarrern und auch zwischen Studierenden und Dozierenden.

Wenn es um theologische Kompetenz geht, die allenthalben gefordert ist und von der eigentlich keiner so genau weiß, was das konkret sein soll, dann fasse ich mich zunächst einmal sanft aber bestimmt an die eigene Nase. Denn als dafür bin ich mit zuständig.

Denn Praktische Theologie ist die Reflexion der Praxis. Was bedeutet diese Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis für meine Tätigkeit als Lehrende an der Universität konkret? Warum ist es wichtig, theologisch zu studieren und zu reflektieren, bevor man sich der Frage „wie macht man das“ stellt? Arbeit an Theorien, die Grundprobleme behandeln, Probleme überhaupt erkennen, theologisch durchdringen, argumentieren. Das ist meine tägliche Aufgabe und die gilt es, Studierenden nahe zu bringen.

„Dem Volk aufs Maul schauen“, mit „Menschen außerhalb der Theologie sprechen“, „milieusensibel werden“, eine „neue Sprache statt der Kanzelsprache“. Das ist die weitverbreitete Antwort auf das Problem der Theologie: Übersetzungsleistungen sind gefordert. Das stimmt, aber es ist nur ein Teil des Problems. Das Problem beginnt dabei, dass wir mit diesen Formeln versuchen, unsere akademische Welt von der „normalen“ Welt des Predigthörers abzugrenzen. Wir leben in derselben Welt! Und vielleicht beginnen wir einmal damit, unsere eigenen Lebensprobleme theologisch zu befragen.

Die Theologie spricht eine komplizierte Sprache. Studierende müssen diese Fachsprache erst einmal lernen. Dann aber kommt ein zweiter Schritt, der der Rückübersetzung. Und das fängt ganz sicher nicht in der zweiten Ausbildungsphase an, sondern mitten im Studium. Was heißt es, dass Gott unter uns ist? Dass Jesus in die Welt gekommen ist? Jede Predigt könnte man von einer Menge Floskeln und leeren Phrasen befreien, wenn man sich die Mühe dieser Übersetzungsarbeit macht. Aber es ist harte theologische Arbeit.

Was ist also praktisch zu tun? Für mich stellt sich die Frage nach dem Theologiebezug als Frage der Vermittlung zwischen Theorie und Praxis, also als ein praktisch-theologisches Problem. Beide stehen zwangsläufig in einem Wechselverhältnis zueinander, was mir mitunter nicht genügend betont wird. Kirchliche Praxis in Predigt, Unterricht und Seelsorge geschieht auf der Basis der im Studium erworbenen theoretischen Grundlagen. Sie beeinflusst aber ihrerseits auch die Theorie. Probleme der Praxis werden ihrerseits wieder von der theologischen Theorie aufgegriffen – oder zumindest sollte das so sein.

Ich glaube also, es nützt nichts, wenn wir von den Studierenden eine Änderung ihrer Motivation zum Studium fordern. Sie wollen Pfarrer oder Lehrer werden, und das zu sagen, ist berechtigt. Weil sie uns immer wieder an Zweck und Ziel der theologischen Ausbildung, an der wir mitwirken, erinnern: die Ausbildung zum Pfarr- oder Lehrberuf. Und uns daher selbst hinterfragen müssen, was wir da tun und wo es zum Ganzen der Theologie und für die Praxis nützt. Nicht alles muss einen expliziten Praxisbezug haben und nicht zu jedem Thema ist die Frage „Wofür kann ich das konkret in der pfarramtlichen Praxis gebrauchen“ passend. Sonst landen wir schnell bei der Abschaffung der alten Sprachen und der Einführung von Betriebswirtschaftslehre. Aber es kann doch an einigen Punkten eine Verknüpfung hergestellt werden. Und unsere Aufgabe in der Lehre ist es, zu zeigen, wo und wie das der Fall ist:

  • Im Homiletikseminar überlegen wir, warum einigen Hörern mulmig geworden ist beim Hören der Predigt. Der Text beunruhigt und fordert gleichzeitig zum Nachdenken heraus. Was kann ich theologisch verantwortlich zu einem solchen Text sagen? Und wen spreche ich damit an? Ein Blick in den Urtext hilft beim Verständnis der entscheidenden Vokabel.
  • Im Seminar zu „Frömmigkeit“ geht es darum, welche verschiedenen Formen es gibt und warum uns manche gar abstoßen. Liegt das nur daran, dass dort andere Lieder gesungen werden? Oder Leinwand und Bühne den Raum dominieren, statt Taufstein, Kreuz und Kanzel? Oder liegt es vielleicht doch an den theologischen Inhalten, die dort vertreten werden? Solche Bewegungen der Erneuerung gab es in der Kirchengeschichte mehrfach, wie wurde damals damit umgegangen?
  • In Kirchentheorie frage ich die Studierenden, was an einem Gemeindeaufbaukonzept das dahinterliegende Kirchenverständnis ist: schließt es alle Christen ein? Oder nur die Kirchenmitglieder? Oder gar nur diejenigen, die aktiv mitarbeiten? Das berührt systematisch-theologische Fragen der Ekklesiologie und auch der Ethik.

Vielleicht haben wir es in der Praktischen Theologie leichter, Beispiele zu finden, weil unmittelbar deutlich ist, dass eine Pfarrerin später einmal predigen muss und ein Lehrer den Unterricht gestalten wird. Gleichzeitig halte ich die Frage auch in anderen Fächern für stell- und beantwortbar – eine Frage der theologischen Enzyklopädie in der Tat. Die Brücken zur Lebenswelt zu bauen, das ist seit jeher eine Theologenaufgabe. Und eine Übersetzungsleistung. Die Frage ist also nicht, ob wir mehr Theologie brauchen, sondern welche Theologie. Und auf welche Weise wir zu dieser theologischen Haltung finden. Im besten Fall überzeugen wir die Studierenden auf diese Weise, einen Moment von der Nützlichkeitsfrage zurückzutreten.

Zu Recht ruht das Pfarramt auf dem Fundament der akademischen Ausbildung. Meine Aufgabe ist es, plausibel zu machen, wozu sich Theologie treiben lohnt und dabei bei für die Relevanz einer theologische Reflexion zu werben. Das Pfund, mit dem wir wuchern können, ist unsere eigene Begeisterung für die Theologie als solche, die sie lehren. Dort, wo wir sie weitergeben können und der Funke überspringt, tritt die Frage nach der Anwendbarkeit für einen Moment in den Hintergrund.

 

 

Might also be ethics, honey!

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(Noch eine Anmerkung zu “It’s the theology, stupid!”)

Gastbeitrag von Christian Stritzelberger, Tübingen

 

Vorweg: Die offene Diskussion über Theologie und Kirche ist großartig! Denn wenn wir als evangelische Kirche einen Vorwurf nicht loswerden, dann den der Beliebigkeit oder Belanglosigkeit. Was kann die Theologie belanglos machen? Und wie kann bei Pfarrerinnen und Pfarrern der Eindruck entstehen, sie hätten theologisch nichts gelernt, was ihnen weiterhilft? Zu dieser Debatte hier eine, hoffentlich weiterführende, Ergänzung.

 

„Sprachfähigkeit“ ist so etwas wie ein Grundwert des Protestantismus. Die Kirche soll zum Leben, zur Wirklichkeit etwas zu sagen haben. Dafür werden Pfarrerinnen theologisch ausgebildet. Aber welche Wirklichkeit ist das eigentlich, in der sie sich auskennen sollen?

Die für die heutige Theologie immer noch unverzichtbare „dialektische“ Theologie, auch z. B. die einst zum Grundinventar gezählte Seelsorgetheorie nach Thurneysen verbindet man (zu Recht oder zu Unrecht) mit dem Anspruch, eine „wirklichere“ Wirklichkeit zu durchschauen, die uns dann auch die alltägliche Wirklichkeit überhaupt erst verständlich macht.

Diese harte Alternative von „Wirklichkeit Gottes“ und dem, was „der kleine Mann“ für sich als Wirklichkeit erlebt, hatte natürlich gerade in Deutschland ihre historische Berechtigung. Wenn jeder im Land im Stechschritt in die falsche Richtung marschiert, muss man notfalls eben auf dem Wasser gehen, um nicht mitgeschleift zu werden. Diese Sicht ist aber für die evangelische Theologie auch gefährlich, wenn sie zur Grundhaltung wird. Schnell wird dann die „normale“ Wirklichkeit ignoriert, weil nur die „theologische“ wirklich zählt. So wird die beste Christologie, die klarste Trinitätslehre zum Herrschaftswissen: Würde ich das nur verstehen, dann könnte ich auch den Leuten in meiner Gemeinde helfen. Und so geht man dann nach dem Studium frustriert in eine Wirklichkeit, zu der man nichts zu sagen hat.

Wem ist aber überhaupt geholfen, wenn man die Probleme ihres Lebens als Unterthema der Christologie erklärt? Sicher Einigen, wenn das wirklich die Frage war. Ist es aber nicht immer. Und dann ist es mit einer Wirklichkeitsverschiebung nicht getan, denn das Problem liegt dann in dieser Wirklichkeit, in der wir nun einmal alle leben. Will man dazu etwas sagen, dann braucht es auch andere Mittel. Ein zentrales nennt man „Ethik“.

Wir stecken alle, als Theologinnen und als Christen überhaupt, schon im Leben. Und das besteht nicht nur aus Meditationen darüber, was das alles bedeutet. Das besteht auch aus Entscheidungen, ob man das eine oder das andere tut. Ob man eine Flüchtlingsfamilie aufnehmen muss, ob man Kinderkrankenpfleger werden darf, wenn auf der Station auch Abtreibungen geschehen, ob man Kinder haben sollte, und so weiter. Das Auftragen von Bibelstellenextrakten auf solche ethischen Entzündungen lindert kaum. Vor allem, weil man nicht einfach so schon weiß, wo eigentlich die Stelle ist, die man behandeln müsste; was Symptom und was Auslöser ist.

Menschliche Wünsche, Absichten und die damit verwobenen Glaubensvorstellungen schaffen die Wirklichkeit, die sich jeden Tag ereignet. Um Krankheiten in dieser Wirklichkeit mit dem richtigen Mittel verarzten zu können, braucht man oft erst einmal eine gute Anatomie des Handelns – sprich: „Ethik“. Anders gesagt: Man muss in der Lage sein, zu entwirren, was einen Menschen umtreibt. Und ob das eine Entscheidung bräuchte, oder einen „Zuspruch des Evangeliums“. Wer aber nur verkündigen kann, degradiert alle anderen leicht zu permanenten Zuhörern – als hätten sie kein Leben zu führen.

Für ihre theologische Arbeit müssen Pfarrerinnen sich also (auch!) gut und bequem in der Ethik auskennen, so die These. Das ist nicht mit einer Reclam-Lektüre von Mills „Utilitarismus“ fürs Examen erledigt. Was man mit der Ethik lernt ist nämlich nicht bloß Theorie, oder eine Sammlung von fertigen Inhalten, sondern vor allem eine geübte Fertigkeit, technische Kompetenz. Es ist die Kunst, nachzuvollziehen und handhabbar zu machen, was im Leben verworren daherkommt. Schon deshalb geht Ethik also nicht mit dem Gestus der wirklicheren Wirklichkeit, sondern nur gut lutherisch mit dem Wissen, Gott und die Welt am Ende nicht verstehen zu können – und trotzdem ernsthaft drin zu stecken. Ohne Herrschaftswissen oder Sonderoffenbarungen darüber, was nun gerade richtig ist.

Das ist nicht fakultativ. Ethik gibt keine „Extrapunkte“ für den Wahlbereich. Im Gegenteil: Wer das nicht kann, riskiert, an völlig falschen Stellen mit dem Evangelium um sich zu werfen. Wenn da der Eindruck entsteht, Theologie sei irgendwie bedeutungslos, muss sich keiner wundern. Im falschen Licht scheint die schönste Dogmatik fahl, und schlechte Ethik lässt dümmstenfalls das Evangelium gleich mit schlecht aussehen. Besser also, wenn es da aufscheinen kann, wo es wirklich strahlt. Das kann durchaus in ethischen Diskussionen passieren – muss es aber nicht.

Kurz gesagt hat man als Berufstheologe ein echtes theologisches Defizit, wenn man nur Evangelium „kann“, aber keine Ethik. Das ist eine Herausforderung für die Universitäten, aber auch für die Studierenden. Das heißt nämlich für die Studienplanung, über der Begeisterung für raffinierte Dogmatik nicht die echte Auseinandersetzung mit der „gutbürgerlichen“ Ethik zu vergessen. Beide, das letztlich unbegreifliche Evangelium und die im Leben unvermeidbare Verantwortung, machen evangelische Theologie aus. Gut also, wenn man mit ihr lernt, zu beiden etwas zu sagen zu haben.

 

Christian Strizelberger ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Systematische Theologie II/Ethik (Prof. Dr. Elisabeth Gräb-Schmidt) in Tübingen.

Study of Theology Revisited

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Randnotizen zu „It’s the theology, stupid

von Niklas Schleicher (@megadakka)

Tobias Graßmann hat auf nthk.de neulich einen Kommentar zu einer Debatte verfasst, woran es der Kirche eigentlich krankt. Der Artikel stieß und stößt auf viel Zustimmung, und an seiner Analyse ist nicht nur nichts verkehrt, sondern es ist ihr zuzustimmen: Theologie ist das, was Menschen (auch) erwarten, wenn sie Gottesdienste unserer Kirchen besuchen. Theologie als Arbeit an Lebens- und Glaubensproblemen ist es, was gerade auch die reformatorische Tradition auszeichnen sollte. Und es ist richtig: Ein Problem der Kirche ist es, dass es im Gottesdienst (aber nicht nur dort) an Theologie fehlt. Auch wenn mehr Theologie nicht alle Probleme auf einmal löst, ist es doch ein Schritt in die richtige Richtung. Die Forderung nach mehr Theologie steht im Raum und weist auf ein Problem hin: Anscheinend mangelt es an solcher. Hier ist der Punkt, an dem im Folgenden nochmal kurz anzusetzen ist.

Denn freilich: Oftmals ist es der Zwang des Berufs und eine gewisse Prioritätensetzung, die es Pfarrern und Pfarrerinnen schwermacht, Theologie zu treiben und ‚drin im Fach‘ zu bleiben. Dies ist ein entscheidender Punkt, lässt aber wohl doch nur darauf schließen, dass im Studium und in der Phase des Vikariats nicht deutlich genug wurde, dass der Beruf auch und ganz entscheidend von Theologie lebt. Dies ist natürlich auch deshalb eine interessante Diagnose, weil es der Evangelischen Kirche an vielen mangelt, aber sicher nicht an Ausbildungsorten, die Theologie und theologische Wissenschaft groß schreiben. Ohne Zweifel ist die deutschsprachige akademische Theologie immer noch sehr gut ausgestattet und sollte alles bereitstellen, um zukünftige Pfarrer und Pfarrerinnen theologisch so zuzurüsten, dass diese aus ihrer Ausbildung für ihre zukünftige Praxis profitieren können.

Nun ist es doch aber so, dass genau von dieser theologischen Ausbildung, die alle Pfarrerinnen und Pfarrer erfahren, bei vielen wenig hängen bleibt. Meines Erachtens liegt das an mindestens drei unterschiedlichen Gruppen, die mit der theologischen Ausbildung zu tun haben. Möglicherweise kann man, wenn man gewillt ist, an diesen Stellschrauben drehen, um die Analyse von Tobias Graßmann mit ein paar praktischen Forderungen zu ergänzen.

Zunächst zu den Studierenden. Es ist faktisch so, dass viele Menschen, die das Studium der Theologie beginnen, dies mit dem Ziel tun, später Pfarrer oder Pfarrerin zu werden. Anders formuliert: Der Berufswunsch steht zuerst und das Studium ist der Weg, diesen Wunsch zu erfüllen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber: Im Studium muss irgendwann der Punkt kommen, an dem man ein eigenes Interesse an theologischen Fragen und Themen entwickelt. Es muss zum eigenen Anliegen werden, zu verstehen, wieso man denn jetzt dieses Fach studieren muss. Man muss selbst Schwerpunkte setzen und sich vertiefen, denn nur so kann man eigenes theologisches Denken lernen. Freilich, der Einwand, der unter gegenwärtigen Bedingungen naheliegt, beginnt mit „B“ und endet mit „olonga“. Zugegebenermaßen ist die Modularisierung der Theologie nicht und ich wage zu behaupten auch sonst keinem geisteswissenschaftlichen Studium angemessen, aber genauso wenig kann sie eine Ausrede sein, eigenes theologisches Denken zu vermeiden. In jedem Seminar, in jeder Vorlesung, egal wie gut oder wie schlecht der Dozierende ist, geht es um theologische Fragen, um das Nachdenken darüber, wie einzelne Inhalte des christlichen Glaubens gedacht werden und wurden. Es ist das Mindeste und nicht zu viel verlangt, von Studierenden zu fordern, diese Gedanken nachzuvollziehen, sich dazu eigene Gedanken zu machen und sich auf das gemeinsame Denken einzulassen. Das fordert hier noch keine große Textlektüre, ist aber der Eingangspunkt zur eigenen theologischen Existenz. Denn auch wenn es nützlich und wichtig ist, über das Seminar hinaus theologische Literatur zu lesen, ist das nicht das Entscheidende. Das Entscheidende ist schlicht und ergreifend: Den eigenen Kopf einzuschalten.

Nun schreibe ich diesen Text quasi von der anderen Seite des Seminarraums und arbeite an der theologischen Ausbildung als Dozierender mit. Auch wir Dozierenden tragen entscheidend dazu bei, dass zukünftige Pfarrer und Pfarrerinnen Theologen sind und bleiben. Zwei Punkte sind hier anzudeuten, die miteinander zusammenhängen und an denen es durchaus mangelt. Erstens: Wir müssen deutlich machen können, wieso unser theologisches Fach, das Seminar oder die Übung, die wir gerade geben, von Bedeutung für die theologische Existenz und damit für den Beruf des zukünftigen Pfarrers ist. Es mag nämlich freilich für die Seminararbeit oder für das Examen reichen, wenn ich z.B. nach der Lektüre von Ritschls „Unterricht“ nachzeichnen kann, was denn nun seine Reich-Gottes-Vorstellungen für den Kulturprotestantismus des 19. Jhd. bedeutet und wo sich seine Lehre von der „klassischen“ Eschatologie unterscheidet. Für die eigene theologische Existenz bringt es aber überhaupt nichts, wenn man keine Idee davon bekommt, wie sich das zum christlichen Glauben verhält und inwieweit uns Ritschl hilft, mit „Glaubens- und Lebensfragen“ umzugehen. Für mich ganz konkret im Seminar bedeutet das, genau diese Art des Nachdenkens zu fördern. Denn freilich: Der erste Schritt ist das Verstehen des Textes, der zweite ist seine Interpretation, der dritte aber muss darin bestehen, wenigstens in Ansätzen darüber nachzudenken, inwieweit dieses Konzept hier und heute für meine Theologie, also mein reflektiertes Reden über Gott hilft. Und, auch wenn ich hier aus der Warte des Systematikers spreche, würde ich diese Forderung unumwunden auch an die anderen Fächer erheben.

Dies führt zu dem zweiten Punkt: Wir brauchen wenigstens eine Idee, was die Sache der Theologie ist. Man kann es nicht oft genug sagen: Die Differenzierung in unterschiedliche Fächer und Fachkulturen ist für die Professionalisierung der Theologie ein Segen. Aber gerade für den Beruf des Pfarrers oder der Pfarrerin, also für den Beruf eines „Allgemein-Theologen“, ist es notwendig, eine Idee zu haben, wie sich die unterschiedlichen Fächer gegenseitig beeinflussen. Es bedeutet eben für mein Reden vom Reich Gottes in der Dogmatik etwas, wenn meine Beschäftigung mit dem Neuen Testament ergibt, dass die Reich-Gottes-Predigt Jesu von der Naherwartung geprägt war usw. Das ist keine einfache Aufgabe, aber für eine ordentliche theologische Grundausbildung halte ich es für unumgänglich, dass wir uns wieder Gedanken um dasjenige Teilfach machen, dass den Zusammenhang der theologischen Fächer untersucht: Wir brauchen eine Wiedergewinnung der theologischen Enzyklopädie.

Neben der Studierendenschaft und der Dozierendenseite ist eine dritte Partei in die theologische Ausbildung der Pfarrer und Pfarrerinnen involviert: Die Landeskirchen. Hier möchte ich gar nicht groß argumentieren, sondern das Ganze etwas offener formulieren. Ich gewinne den Eindruck, dass die Kirchen zwar irgendwie das erste Examen wollen und auch Zeit in die Prüfungen investieren, danach aber die theologische Weiterbildung (und auch Forschung) rein in der Hand und vor allem in der Freizeit der Pfarrerinnen und Pfarrer liegen sehen. Vielleicht muss man hieran auch weiterdenken, dass Theologie und theologische Weiterbildung nicht der Privatspaß der Pfarrer und Pfarrerinnen ist (Spaß macht es hoffentlich auch!), sondern für den Beruf jedenfalls, wenn das stimmt, was Tobias Graßmann schreibt von eminenter Bedeutung zu sein scheint. Man muss hier gar nicht unbedingt große neue Programme schaffen, die gibt es mit Studienseminaren wie das der VELKD in Pullach oder anderen bereits. Sondern man muss Pfarrer und Pfarrerinnen ermutigen, es ihnen ermöglichen, aber auch fordern, dass sie in ihr Berufsleben Theologie integrieren.

Wenn die drei angesprochenen Gruppen kooperativ und ernsthaft an der Sache arbeiten, dann gelingt es vielleicht, dass der Beruf des Pfarrers, der Pfarrerin wieder zu einem sogenannten theologischen Beruf wird. Hinsichtlich der Herausforderungen, vor die die Kirche gestellt ist, wäre das zu begrüßen.