Klaas Huizings „Zu dritt“ – Ein Leseeindruck

von Claudia Kühner-Graßmann

Klaas Huizing: Zu dritt. Karl Barth, Nelly Barth, Charlotte von Kirschbaum. Roman, Tübingen: Klöpfer und Meyer 2018.

Unter den vielen Veröffentlichungen zum Karl-Barth-Jahr, die teilweise auch hier besprochen wurden und werden, sticht Huizings Roman doch besonders hervor. Schon die Idee, das vielfach angedeutete, aber immer wieder auch durch sog. Barthianer zur Seite geschobene Dreiecksverhältnis Karl Barths mit seiner Ehefrau Nelly und Charlotte von Kirschbaum als Roman zu verarbeiten und dabei zugleich theologische Erkenntnisse durch Verweise auf Werke Karl Barths, biographische Ereignisse durch das Abdrucken von Briefen und gesellschaftliche Ereignisse einzubeziehen, scheint genial zu sein.

Zunächst möchte ich meinen Leseeindruck darstellen und in einem zweiten Schritt (nicht-)mögliche Auswirkungen auf das Bild Karl Barths, die sich aus der Lektüre ergeben könnten, erläutern. Dabei handelt es sich, das soll ebenso im Bewusstsein bleiben wie der Romancharakter des Buches, um meinen persönlichen Eindruck.

I. Der Leseeindruck

Huizing zeichnet ein (literarisches) Bild der Ereignisse, Szenerie, Personenkreise, Gedanken der einzelnen Personen, sexuellen Annäherungen und Vollzüge, das zuweilen beunruhigend wirkt. Beunruhigend nicht, weil hier vermeintlich das Bild Karl Barths auf dem Spiel steht, nein, beunruhigend wegen der permanenten Spannung in diesem Dreiecksverhältnis, das von den Beteiligten als Notgemeinschaft bezeichnet wird. Diese Spannung wird, das ist eine große Leistung des Buches, nicht aufgelöst. Das macht es teilweise fast unerträglich. Aber eben auch gut, zumal das Verhalten der Einzelnen kaum bewertet wird bzw. die Bewertung durch den Kontext indirekt und wechselseitig geschieht. Niemand kommt hier einseitig schlecht oder gut weg. Die romantische, sexuelle Anziehung zwischen Lollo, wie Charlotte von Kirschbaum immerzu genannt wird, und Barth wird nicht gegen die Ehe der Barths ausgespielt, obgleich man zugleich auch den Wunsch nach Ausleben dieser Beziehung nachzuvollziehen vermag. Charlotte, die als geniale, schöne rechte Hand Barths zuweilen besser wegkommen könnte, wird eben nicht verklärt, sondern auch als eifersüchtige, zu cholerischen Anfällen neigende Frau gezeigt. Während Nelly weder nur die biestige noch nur die rein barmherzige, verständnisvolle Ehefrau ist. Wobei Nelly deutlich weniger direkt vorkommt, als indirekt durch ihren Status als Ehefrau und ihre Handlungen, von denen berichtet wird. Karl Barth hingegen wirkt in der Darstellung Huizings zwar zerrissen, aber durchaus gockelhaft und seiner Frau gegenüber stellenweise unfair, was vielleicht angesichts des zeitlichen Kontextes als meine Deutung anachronistisch sein mag. Aber daraus spricht ein Zug, der mir aus Karl Barths theologischen Schriften durchaus bekannt ist: die gewisse Hybris, die ihm zu eigen ist. Die Hybris, alles unter „die“ richtige Sache zu stellen – auch die verhinderte Scheidung oder die eigene Gesundheit. Alles soll hinter der Sache, zu der sich Barth gesandt weiß, zurückstehen bzw. sich ihr beugen. Das wird vor allem an den Passagen, die die Bearbeitung der Kirchlichen Dogmatik mit thematisieren, deutlich.

Es ist schon stellenweise sehr bewundernswert, wie Huizing Theologie und Roman hier miteinander verknüpft. Das wird nicht nur durch Heranziehen einzelner Schriften, sondern auch durch die Art und Weise wie etwa Personen bewertet werden – am deutlichsten an Brunner oder Gogarten zu sehen – deutlich. Die schriftlich geführten Auseinandersetzungen werden hier geschickt in persönliche Gedanken (meistens als Gespräch zwischen Lollo und Karl) übertragen. Freilich mag das an manchen Stellen einigen Lesern* zu gezwungen wirken, aber mir scheint das in den meisten Fällen sehr gelungen zu sein.

Huizing umgeht es nicht, neben der geistig-intellektuellen auch die körperliche Anziehung zwischen Karl und „Lollo“ zu beschreiben. Bei den diversen Darstellungen des sexuellen Kontakts scheint zwar mitunter die Phantasie mit ihm durchzugehen, aber es wird nie eine Ebene überschritten, die es zu pornographisch oder voyeuristisch werden lässt.i Es kann ihm positiv angerechnet werden, die körperliche Ebene nicht auszublenden. Das betrifft nicht nur das Sexuelle, sondern auch die Darstellung von Leiden und Krankheit, die häufig mit psychischen Stressfaktoren einhergehen und eine weitere Darstellungsebene des Romans bilden. Über die Ebene des Körpers gelingt es Huizing, die Spannung innerhalb dieser Dreierkonstellation umfassender zu präsentieren. Besondere Eindringlichkeit kommt dem am Ende zu, wenn Lollos Erkrankung aufkommt. Aber auch hier schafft es Huizing, nicht die Grenze der Schaulust oder gar Schadenfreude zu übertreten. Im Gegenteil.

Das Buch ist es wert, gelesen zu werden. Neben den gleich näher zu beleuchtenden Implikationen für das Bild Karl Barths, ist es ein guter Roman, der seine Spannungsbögen hält – auch in den Details.ii Aber die Lektüre lohnt sich auch trotz und gerade wegen der Schwächen, die diese ungewöhnliche Mischung aus Historie, Romandarstellung, Fiktion und theologischer Werkerschließung enthält.

II. Konsequenzen für das Bild Karl Barths?

Bringt die Lektüre dieses biographischen Romans Implikationen für das Bild Karl Barths mit sich? Zunächst einmal handelt es sich um einen Roman. Das sollte beachtet werden, auch wenn es unnötig zu erwähnen scheint. Es lassen sich aus den Einzelheiten, den einzelnen Gedanken und Handlungen daher keine Erkenntnisse über Karl Barth gewinnen.

Für die Barth-Rezeption ergeben sich aber dennoch gewisse, wenngleich indirekte und keineswegs ganz neue Einsichten. Zunächst zeigt der Roman deutlich auf, dass das Dreiecksverhältnis zwischen Karl, Nelly und Lollo kein Geheimnis war, wie es strenge Barthianer gerne dargestellt haben. Im Gegenteil: es wurde nicht verheimlicht, was etwa auch die – bekannte! – Vermittlung durch Thurneysen oder die durch die Kinder Barths erlaubte Veröffentlichung der Liebesbriefe Charlottes und Karls zeigen.

Der Roman birgt also in der Sache nichts Neues, obgleich für manche die Erkenntnis, dass Karl Barths Lebensstil nicht immer seinen strengen ethischen und moralischen Maßstäben entsprach, nicht nur zuträglich sein wird. Das ist umso brisanter als Barth manchen als – ich übertreibe nun bewusst etwas – der schlechthin gute Theologe gilt. Barth hat durch sein Eintreten für die Bekennende Kirche zwar viel geleistet, das bleibt unbestritten, aber wurde dadurch eben auch ab und zu zu einer moralisch unnahbaren Person stilisiert. Huizings Roman trägt nun nicht zu einer Abwertung der Person Karl Barths bei. Das nicht. Aber zu einer Vermenschlichung, wenn man das so sagen will. Diese hat zwar keine direkten Implikationen für die Interpretation seiner Werke. Aber es kann dazu beitragen, die Barth-Rezeption zu entmystifizieren, was auch einer vermeintlichen Heiligkeit seiner theologischen Texte wehren kann. Barth als Mensch mit und in aller Klugheit, Körperlichkeit und Sturheit, das zeigt Huizings Romanfigur. Darin besteht auch das Provokationspotential.

Es wundert daher nicht, dass für einige Barthianer der Roman einen Anstoß bedeuten könnte. Für viele wird es kaum zu ertragen sein, wie „ihr“ Barth sich mit schnalzendem Geräusch ein Kondom überzieht. Aber es wäre ein arges Missverständnisses, würde das als Beschmutzung des Andenkens betrachtet werden. Das Buch stellt gerade in dieser vermeintlichen Absurdität einen wahrlich kulturprotestantischen Clou zum Barth-Jahr dar, dessen Lektüre anempfohlen wird – auch wenn die Gefahr besteht, bezüglich Karl Barths Begeisterung für Mozart zu kichern oder bei Äußerungen zum Abendmahl an eine post-koitalen Szene denken zu müsseniii. Aber das dürfte es wert sein.

 

i Ein Beispiel für eine solche gewöhnungsbedürftige Szenerie, die zugleich Barths Liebe zu Mozart einspielt: „Mit der linken Hand drehte er ganz vorsichtig an ihren harten Brustwarzen, fand einen Sender, der Mozart im Programm hatte, kitzelte mit der Zunge ihren Bauchnabel“ (S. 116).

ii Hierbei sei etwa auf das „Odol“ zu verweisen, das Lollo und Karl beim gemeinsamen Besuch einer Gesundheitsmesse zu Beginn des Buches erstehen und das am Ende, wenn Nellys Hang zum Alkoholismus angedeutet wird, wieder eine Rolle spielt.

iii Bei letzterem beziehe ich mich auf die Szene auf S. 53. Ob die Assoziationsmöglichkeiten der Kelchmetaphorik hier durch die schwäbisch-prüde Phantasie der Rezensentin überspannt wird oder nicht, sollte jeder* Leser* selbst herausfinden.

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