Rezension: Peter Neuner, Luthers Reformation

Neuner, Peter, Martin Luthers Reformation: Eine katholische Würdigung, Freiburg / Basel / Wien 2017.

Rezensiert für www.nthk.de von Tobias Jammerthal am 29. August 2017.
Veröffentlicht am 26.10.2017

Das Reformationsjubiläum 2017 soll in ökumenischer Verbundenheit als Christusfest gefeiert werden: ihrer sonstigen Meinungsverschiedenheiten ungeachtet, stimmen alle maßgeblichen mit diesem Jubiläum befassten Stellen und Personen hierin überein. Entsprechend hat der Ökumenische Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologen unter dem Titel „Reformation 1517-2017: Ökumenische Perspektiven“ ein schon allein der beteiligten Personen wegen hochkarätiges und gewichtiges Dokument vorgelegt; bereits 2015 hatten sich der Ratsvorsitzende der EKD und der Vorsitzende der römisch-katholischen deutschen Bischofskonferenz in einem Briefwechsel auf Eckpunkte eines gemeinsamen Wegs hin auf den 31. Oktober 2017 verständigt. Auch der Verfasser der hier vorzustellenden Studie ist kein Unbekannter: Peter Neuner, von 1985-2006 Ordinarius für Dogmatik und (seit 2000) ökumenische Theologie an der römisch-katholischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität zu München und Leiter des Ökumenischen Forschungsinstituts daselbst, ist durch seine zahlreichen Veröffentlichungen zur Ökumene bekannt, unter denen die erstmals 1997 erschienene „Ökumenische Theologie“ sicherlich nicht den letzten Platz einnimmt.

Mit „Martin Luthers Reformation“ unternimmt Neuner nun den Versuch, sich aus römisch-katholischer Perspektive theologisch positiv mit dem Denken des Reformators auseinanderzusetzen. Die Studie besteht aus einem historischen und einem systematischen Hauptteil: Neuner beschreibt zunächst die evangelische Rezeption Luthers durch die Jahrhunderte (30-66) und stellt ihr einen Gang durch die römisch-katholische Lutherrezeption zur Seite (66-107). Da die konfessionelle Aufnahme und Weiterführung der Anliegen des Reformators auf der einen und seine nicht minder konfessionelle Zurückweisung auf der anderen Seite keine Verständigungsperspektive zu bieten scheinen (27, vgl. 107), unternimmt es Neuner sodann – deutlich in der Schule Otto Hermann Peschs, dessen Andenken die Studie nicht umsonst mit gewidmet ist (15) –, auf Luther selbst zu rekurrieren: der vorkonfessionelle Theologe ist es, von dem sich Neuner Perspektiven für die Ökumene erhofft. Entsprechend widmet er sich unter der verheißungsvollen Überschrift „Worum es Luther ging“ (107-128) der Rekonstruktion der Rechtfertigungslehre und ihrer Rolle im lutherisch-römisch-katholischen Dialog seit dem Zweiten Vatikanum. Sie hatte Neuner bereits in seiner Einleitung zum Lackmustest jeder Lutherdeutung erklärt: „Sie […] hat Luthers Lehre und seinen Lebensweg zentral bestimmt. Alle anderen Aspekte seines Lebens und seiner Wirkungsgeschichte können von dieser Mitte her plausibel werden. Was ihr widerspricht, beruft sich nicht zu Recht auf ihn.“ (27). Entsprechend kann nur von der Rechtfertigungslehre aus die Frage beantwortet werden, „wer Luther war, was ihn im Tiefsten bewegt hat, was auch heute die Kirchen prägt, die sich auf ihn berufen.“ (107). – Angesichts dieser starken Worte hätte sich der Rezensent im entsprechenden Teil der Studie dann freilich auch gewünscht, dass dieses Lehrstück stärker positiv bestimmt worden wäre: während Neuner „Die Botschaft von der Rechtfertigung“ auf dreieinhalb Seiten abhandelt (118-121) und ihr im gleichen Umfang eine Kurzbesinnung zu Luthers theologia crucis folgen lässt (121-123), breitet er vergleichsweise ausführlich das aus, wogegen sich die Rechtfertigungslehre richtete (108-117) und was vor allem das Konzil von Trient gegen sie geltend machte (123-128). – Der Besinnung auf Luthers Rechtfertigungslehre folgt eine Darstellung der ökumenischen Gespräche seit dem zweiten vatikanischen Konzil (129-153), die inhaltlich in der als „Durchbruch in der amtskirchlichen Ökumene“ gefeierten Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre (GER) von 1997 / 1999 kulminiert, mit der in den Augen Neuners das Verhältnis zwischen evangelischer und römisch-katholischer eine neue Qualität erhalten hat (147). Gemeinsam gelte es nun, die Sache der Rechtfertigung angesichts aktueller Herausforderungen der Säkularisierung und einer tendenziell gnadenlosen Leistungs- und Konsumgesellschaft zur Geltung zu bringen (148-153).

Grundlegend für Neuners Darstellung ist die Hypothese, dass im 16. Jahrhundert „Fragen der Vermittlung des Heils, nicht das Heil in Christus und in der eschatologischen Gemeinschaft mit Gott“ (318) umstritten waren; er sieht insbesondere in der Confessio Augustana von 1530, aber auch in den gemeinhin als antirömisch-polemisch interpretierten Schmalkaldischen Artikeln Luthers von 1536 / 1537 klare Anzeichen dafür, „dass die Kontroversen nicht das Zentrum des Glaubens betrafen, sondern eher an dessen Rand angesiedelt waren“ (314; vgl. 317f).

Der aus der Sprache des Zweiten Vatikanum bekannte Begriff der „Hierarchie der Wahrheiten“ ist, wie Neuner offen zugibt (318f), sein hermeneutischer Schlüssel, um die Verwerfungen der letzten 500 Jahre einzuordnen und zu heilen. Wie das konkret aussehen kann, demonstriert er im zweiten Hauptteil seiner Studie unter dem neugierig machenden Titel „Die Relevanz der Botschaft Luthers für das ökumenische Gespräch heute“ (154-313). Neuner versucht, diese Relevanz herauszuarbeiten, indem er die ökumenisch traditionell umstrittenen Fragen der Schriftautorität und -auslegung (156-176), der Ekklesiologie (177-197), des kirchlichen Amts (197-230) sowie im Besonderen des Papstamtes (230-247), der allgemeinen Sakramentslehre (247-252) mit vertiefenden Betrachtungen zu Taufe (252-261), Abendmahl (261-281) und Ehe (281-291) auf Möglichkeiten eines differenzierten Konsenses hin durchforscht. Dieses Verfahren legt sich Neuner nicht zuletzt durch das Diktum Joseph Ratzingers, dass nicht die Einheit der Kirche, sondern ihre Trennung in jedem Einzelfall der Begründung bedürfe, nahe. 1

Das Ergebnis ist in seinen Augen eindeutig: die klassischen Kontroversthemen haben keine trennende Kraft mehr; die noch bestehenden Unterschiede rechtfertigten keine Trennung (314 u.ö.). Dennoch wäre das Anliegen Neuners missverstanden, wenn man ihm Indifferentismus unterstellen wollte: wie seine den zweiten Hauptteil abschließenden Reflexionen über „ökumenische Zielvorstellungen“ (291-313) zeigen, wenn er etwa davor warnt, unter Verzicht auf Lehrgespräche nur eine Ökumene der (ethischen) Praxis zu propagieren (307-309), die letztlich nicht halten kann, was man sich von ihr verspricht. Demgegenüber greift Neuner auf Überlegungen seines Lehrers Heinrich Fries zurück, dessen mit Karl Rahner gemeinsam erarbeiteter Text „Einigung der Kirchen – Reale Möglichkeit“ (Freiburg 1983) nach Neuner „als katholische Antwort auf das ‚satis est‘ von CA VII“ zu verstehen ist (307): Hat man sich in sorgfältiger theologischer Arbeit davon überzeugen können, dass die jeweils andere Seite auf dem Boden des in der Schrift bezeugten und in den altkirchlichen Symbolen beschriebenen Glaubens stehe, so genüge dies zur Aufnahme kirchlicher Gemeinschaft, während Meinungsverschiedenheiten, die in der Hierarchie der Wahrheiten die unteren Ränge bekleiden, durch vorläufige „Urteilsenthaltung“ (306) entschärft und zum Gegenstand weiterer theologischer Gespräche gemacht werden könnten.

Im Einzelnen wäre mancherlei zu hinterfragen. Dennoch: Es ist energisch zu begrüßen, dass mit Neuner einer der bedeutendsten deutschsprachigen römisch-katholischen Theologen der Gegenwart zeigt, wie eine positive römisch-katholische Rezeption der Impulse der Reformation aussehen könnte – und, dass er damit zugleich in Erinnerung ruft, dass es diese positiven Impulse unstreitig gibt. Reizvoll erscheint dem Rezensenten aber insbesondere folgender Gedanke Neuners: Allenthalben beklagt man, dass die Praxis der Theorie der Ökumene voraus sei, dass die Theologen nicht vorankämen, während man in den Gemeinden doch schon viel weiter wäre. Neuner hält dagegen: für ihn sind zentrale Stolpersteine der Ökumene gerade in einer unreflektierten Frömmigkeitspraxis zu finden (vgl. bes. 323). Sie führen dazu, dass sich ein strukturelles Misstrauen gegenüber den versöhnlichen Worten des Gegenübers ausbreitet. Damit legt er den Finger in die Wunde: die Ökumene kommt nicht durch Theologenschelte weiter, sondern durch die Bereitschaft, von der Theologie auch liebgewonnene Gewohnheiten in Frage stellen zu lassen. Den Anspruch darauf, die eigene Praxis immer wieder neu auf ihre Sachgemäßheit zu überprüfen, sollte in der Tat gerade der Protestantismus nicht fahren lassen. Würde die Gewohnheit zum Maßstab des Richtigen, dann wäre man theologisch wieder dort angelangt, von wo die Reformation ihren Anfang nahm – freilich nicht auf der Seite Luthers.

Tobias Jammerthal ist Redakteur der Rubrik „Klassiker und Rezensionen“.

1 Vgl. 132 mit dem entsprechenden Zitat aus Ratzinger, Joseph, Theologische Prinzipienlehre, München 1982, 21; 213.

Fußnoten zu Leitlein

Quelle Foto: http://www.ekhn.de

Eine Replik von Tobias Graßmann (@luthvind)

Hannes Leitlein hat zusammen mit Fabian Klask einen Blick auf die Veranstaltungen des Reformationssommers 2017 geworfen und ausgehen davon 9 beziehungsweise 9,5 Thesen formuliert. Auf Twitter habe ich angemerkt, dass ich diesen Thesen grundsätzlich zustimme, aber den Beschreibungen im Detail widersprechen sowie vermutlich andere Konsequenzen ziehen würde. Aus dem Urlaub in Südtirol antworte ich daher mit ein paar hastig hingeworfenen Zeilen.

Was Leitlein betrifft, so schreibt dieser mittlerweile sehr regelmäßig für Christ&Welt sowie Die Zeit. Wer etwa seinem Twitter-Account folgt (#ff @hannesleitlein), der erkennt, dass er sich als engagierter Vertreter einem urbanen, linken Moralprotestantismus zuordnen lässt. Neben dieser klaren Positionierung bemerke ich bei ihm allerdings ein journalistisches Ethos, das sich um jene Unparteilichkeit bemüht, die man Objektivität nennen könnte. Es ist diese Spannung zwischen Idealen und journalistischer Sorgfaltspflicht, die Leitlein zu einer interessanten Figur macht. Ob wir es hier mit der künftigen Evelyn Finger zu tun haben oder er doch irgendwann ein Start-Up für Lastenfahrräder gründet, vermag ich nicht zu prognostizieren – ich tauge auch wenig als Prophet. Aber jedenfalls ist er ein protestantischer Akteur, bei dem es sich lohnt, ihn auf dem Schirm zu behalten.

Nun zu den Thesen, die Leitlein zusammen mit Klask formuliert hat: Was die Leitsätze selbst (die ja eigentlich keine Thesen. sondern Imperative sind) betrifft, so sollten diese uneingeschränkt zustimmungsfähig sein. Grundsätzlich, so meine ich, haben die Autoren die Lage recht präzise erfasst und der Protestantismus sollte sich ihre Anregungen zu Herzen nehmen. Aber bei unter den konkreten Ausführungen zu den Imperativen scheint mir doch manches fragwürdig, anderes reizt mich zu Widerspruch.

So etwa die Aussage, dass die evangelische Kirche wenig zu lachen habe und vor allem nie über sich selbst lache (These 1). Sicher, man kann über den komödiantischen Wert des Kirchenkabaretts streiten, wie es etwa vom weißblauen Beffchen seit Urzeiten verkörpert wird. Auch über den der zahlreichen, mehr oder minder stark sächselnden Lutherparodien, die ich in den letzten Jahren erleben durfte und bei denen ja auch immer sehr gegenwärtige Pfarrherlichkeit verhandelt wird. Ob alles zum Lachen ist, was in der evangelischen Kirche witzig gemeint ist? Nun ja, eher nicht. Aber wer die Bereitschaft, über sich selbst zu lachen, grundlegend in Frage stellt, ist entweder der Konfessionspropaganda des rheinischen Katholizismus aufgesessen oder treibt sich in den falschen Diakonissenkonventen rum. Was nicht bedeuten soll, dass in Sachen Humor und Selbstironie keine Luft nach oben wäre!

Die Kirche sollte, so die Autoren, angesichts der Kritik von Seiten der „spießigen Sprachpolizisten“ (These 3) vom Verein Deutsche Sprache höchstens belustigt mit den Achseln zucken. Dem ist zuzustimmen. Keine Scheu vor Anglizismen, wo sie griffig sind und Wiedererkennungswert haben! Gleichzeitig ist ein Anglizismus allein natürlich noch kein Garant dafür, dass etwas frisch, modern und weltläufig klingt. Aber das dürfte mittlerweile allen außer ein paar in die Jahre gekommenen Jugendpfarrern bewusst sein. Ich sehe allerdings die Gefahr eher von einer anderen Seite und rechne dabei mit wenig Zustimmung bei Leitlein, der ja erklärter Fan der Bibel in gerechter Sprache ist. Denn der „Klartext“, den die Autoren fordern, ist nicht nur bedroht durch spießigen Sprachpurismus oder den „Jargon der Betroffenheit“ (E. Flügge). Aktuell ist es auch das Bemühen um inklusive und geschlechtsneutrale Sprache, das verlässlich eine bürokratisch-abstrakte Diktion hervorbringt und aus einer Rede schnell eine unfreiwillig komische Kaskade mitgelesener Sonderzeichen und gestelzter Partizipialkonstruktionen macht. In diesen Zusammenhang gehört auch das Liederheft des letzten Kirchentages, dessen Eingriffe in den Text traditioneller Lieder vielen unmotiviert schienen oder schlicht zu weit gingen. Dabei sind – das sei hier noch einmal betont – die Anliegen der „gerechten“ Sprache ja berechtigt: Eine Sprache, die etwa Frauen lediglich „mitmeint“, entspricht nicht unseren gesellschaftlichen Verhältnissen. Aber es geht eben auch um Verständlichkeit, Schönheit und nicht zuletzt Verhältnismäßigkeit – nicht um möglichst umfassende Sprachregelungen, an die man sich hoffentlich irgendwann schon gewöhnen wird. Oft kann die Predigerin mit einfachen Mitteln eingeschliffene Hörgewohnheiten irritieren, Geschlechterstereotype oder andere Vorurteile unterlaufen, ohne dass die Eleganz der Sprache leidet. Hier die richtige Balance zu finden, ist eine Kunst. Sprachbereinigung ist dagegen auch da ein Ärgernis, wo sie nicht reaktionär, sondern progressiv daherkommt!

Was den Personenkult (These 5) betrifft, so scheint mir die Beobachtung prinzipiell richtig, aber auch eine Engführung zu sein: Es muss nicht immer Personenkult sein, sondern es geht allgemein um Konkretheit und Greifbarkeit in der Erinnerungs- und Feierkultur. Man muss also nicht immer Dr. Lutherus in den Mittelpunkt stellen, aber in Wittenberg liegt ein Fokus auf Luther, sein Leben und die Ursprünge der Reformation eben nahe. An anderen Erinnerungsorten lassen sich jeweils andere Gestalten, Ereignisse und Themen aufgreifen, in Szene setzen und mit Leben füllen. Aber immer gilt: Für breite Menschengruppen jenseits des Fachpublikums wird Geschichte greifbar, wenn man sie an symbolkräftigen Orten und mit konkreten Identifikationsangeboten zum Thema macht. Diesen Effekt sollte man nicht überdehnen, indem man zu viel oder Gegenläufiges erreichen will.

Das Bekenntnis zum Osten (These 4) und zur Provinz (These 6), das die Autoren von der Kirche einfordern, trifft auf meine volle Zustimmung. Gerne wüsste ich nun, wie die Autoren vor diesem Hintergrund die – wie mir scheint, immer stärkere – Tendenz der jüngeren Pfarrerschaft bewerten, ihre Präferenzen für einen urbanen Lebensstil über den Dienstgedanken und faktisch das Wohl der Gemeinden abseits der Metropolregionen zu stellen. So kommt es dazu, dass die Provinz und die gerade östlichen Landeskirchen mit ihren vergleichsweise unattraktiven Arbeitsbedingungen voll unter dem Pfarrermangel zu leiden haben, während sich auf den freizeitfreundlichen Funktionsstellen und in den Innenstadtgemeinden die Leute drängeln. Das Gesetz von Angebot und Nachfrage bedeutet: Je weniger Pfarrerinnen und Pfarrer es gibt, desto stärker kann die Pfarrerlobby ihre Interessen durchsetzen. Gegensteuern ließe sich nur durch eine Kombination aus Solidaritätsprinzip, sanftem Druck und echten Anreizen. Denn nein – es wird wohl kaum reichen, einfach eine Ideologie des Ehrenamts an die Stelle der Personalplanung zu setzen. Die Gemeinden werden es kaum als neuartige Chance für das Priestertum aller Getauften sehen, wenn Frau Müller aus dem Singkreis auch die Geschäftsführung und alle zwei Wochen einen Gottesdienst macht.

Die Thesen 7 und 8 sind meines Erachtens voll und ganz zu unterstützen.

Am stärksten dürften die Autoren und ich voneinander abweichen bezüglich der Konsequenzen, die aus der 9. und letzten These zu ziehen sind. Ich würde den Appell „Seid nicht so nett!“ zunächst als Aufforderung interpretieren, etwas mehr theologisches Profil zu wagen und sich nicht immer den Erwartungen vorzugreifen, welche man in Teilen der Gesellschaft zu spüren meint. Auch würde ich daraus die Lehre ableiten, innerkirchlich mehr Diskurs und offenen Streit zuzulassen. Wie oft wird unter dem Mantel einer alle Differenzen deckenden Nettigkeit jede Diskussion im Keim erstickt, um dann hinter dem Rücken der anderen zu lästern, zu intrigieren oder ihre Vorhaben zu blockieren? Das ist kein Verhalten, das einer christlichen Kirche gut ansteht – aber leider weit verbreitet, wie mir scheint!

Klask und Leitlein dagegen geht es weniger um den innerkirchlichen Umgang miteinander als um eine Kirche, die sich in Politik und Wirtschaft einmischt. Dagegen ist nun auch nichts einzuwenden, im Gegenteil! Doch dass sie gerade das berüchtigte Afghanistan-Diktum der früheren Bischöfin und Ratsvorsitzenden Käßmann als positives Beispiel anführen, verwundert dann schon.

Käßmann-Bashing liegt mir fern. Aber der Satz, der da als „präzise kritisch“ gelobt wird, steht doch eher für die Unkultur einer Kirche, die moralisch unangreifbar sein will und deshalb die Untiefen der Politik scheut. Keiner hat von der EKD verlangt, eine Entscheidung über mögliche Bündnisverpflichtungen Deutschlands zu treffen. Man kann von Käßmann auch nicht erwarten, sich ein detailliertes Bild von der Lage am Hindukusch zu machen und eine Antwort darauf zu finden, wie mit der instabilen Sicherheitslage, den Verbündeten und ihren Interessen sowie dem Leiden der Zivilbevölkerung umzugehen ist. Wenn aber seither der Bundestag den betreffenden Einsatz über die Grenzen mehrerer Fraktionen hinweg regelmäßig verlängert hat, weist das wohl darauf hin, dass es ganz so einfach eben nicht ist. Käßmanns Leistung besteht darin, ihr moralisches Gefühl, das sich als solches um Grautöne naturgemäß nicht zu scheren braucht, in eine bildzeitungsgerechte Kurzformel gebracht zu haben. Mit fragwürdigen Erfolg. Denn es wurde keine Wende zum Guten in der Afghanistanpolitik herbeigeführt, sondern lediglich der überwunden geglaubten Gegensatz von Gesinnungs-und Verantwortungsethik wiederbelebt. Schönen Dank auch!

Hier kann nun nicht im Detail aufgezeigt werden, wie politisches Handeln der Kirche aussehen kann und soll, das sich nicht auf moralische Weisungen der Kirchenprominenz beschränkt, sondern eine lebendige politische Kultur innerhalb der Kirche zur Basids hat. Es wäre sicher lohnenswert, dem einen oder mehrere Artikel zu widmen und dabei auch die neuesten Impulse der EKD-Kammer für Öffentliche Verantwortung zu diskutieren. So Gott will findet sich jemand, der sich für nthk.de dieser Aufgabe annimmt.

Doch vielleicht hilft hier vorerst ein positives Beispiel, das ich dem Käßmann-Diktum entgegenstellen möchte. Als ein solches steht mir aktuell das Handeln der Kirchen angesichts der sog. Flüchtlingskrise vor Augen. Jenseits der Stellungnahmen von Seiten der Kirchenleitung – diese dürften manches befördert haben – sehe ich dabei die große Leistung bei den Gemeinden. Dort hatten notwendige gesellschaftliche Debatten einen Raum, die hier auch über die Grenzen der politischen Lager hinweg geführt wurden. So wurden bei vielen Menschen Vorurteile und Ängste sichtbar gemacht, bearbeitet und abgebaut. Schließlich hat man vielerorts ganz praktisch die Verantwortung übernommen für Flüchtlinge und deren Integration hier in Deutschland. Menschen haben sich für das Gemeinwohl eingebracht und sind dabei überzeugend für ihren Glauben eingestanden. Dabei wurde, wie die Reaktionen einiger meist konservativer Politiker zeigen, durchaus auch mit den Erwartungen von Seiten des Staates und der Politik gebrochen. Insofern ist den Autoren zuzustimmen: Nur Nettigkeit führt nicht weiter!

Grundsätzlich sollten sich die evangelischen Kirchen in politischen Fragen zunächst darauf besinnen, was ihnen von ihrem Auftrag und von ihrer Botschaft her aufgetragen ist. Dazu braucht es einen lebendigen Diskurs, der auch kontroverse Positionen zulässt. Nur auf dieser Grundlage lässt sich dann eine breite Mehrheit der Mitglieder für ein bestimmtes Vorgehen gewinnen und mobilisieren. Die Verständigung über das, was hier und heute geboten ist, dauert vielleicht einmal etwas länger als wünschenswert. Es könnte sein, dass sich in manchen Fragen keine eindeutige kirchliche Position gewinnen lässt. Aber wäre das so schlimm? Vielleicht ist gerade das ein wichtiger Beitrag zur politischen Kultur unserer Gesellschaft. Die Fähigkeit, Spannungen und Meinungsverschiedenheiten auszuhalten, scheint mir durchaus ausbaufähig.

Ach, und was den Segensroboter und die Aufforderung „Traut euch!“ (These 2) betrifft: Mit Blick auf die kommende Bundestagswahl melde ich Interesse an bezüglich eines Roboters, der Klagepsalmen rezitiert…

Rezension zu: Martin Luther. Here I stand.

Rez. zu: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt u. a. (Hg.), Martin Luther. Aufbruch in eine neue Welt / Schätze der Reformation. Essays und Kataloge im Schuber, 2 Bände, Dresden 2016.

Für www.nthk.de rezensiert von Tobias Jammerthal am 4. Januar 2017 .

Die Reformation des 16. Jahrhunderts ist ein Phänomen mit eminenter Gegenwartsrelevanz. Nirgends wird dies deutlicher als in den Auseinandersetzungen um die ihr gewidmete Dekade, die 2017 kulminieren soll. Dass diese Dekade von den einen energisch gefeiert, von den anderen ebenso energisch verachtet, angegriffen oder verspottet wurde, zeigt unabhängig von den jeweils konkret berührten Sachfragen vor allem eines: wie hoch die Erwartungen an dieses Jubiläum waren und sind – was wiederum nur vor dem Hintergrund dessen erklärbar erscheint, dass sich mit der Erinnerung der Reformation Identitätskonzepte unterschiedlichster Couleur eng verknüpfen.

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Die beiden hier zu besprechenden Bände bilden den Katalog und den wissenschaftlichen Begleitband des Ausstellungsprojektes „Here I stand“, das selbst für die Reformationsdekade, die durch eine Vielzahl von ambitionierten, gut finanzierten und museumspädagogisch wie wissenschaftlich hervorragend konzipierten musealen Projekten gekennzeichnet ist, außergewöhnlich ist. Zwischen Frühherbst 2016 und Anfang 2016 werden in drei renommierten nordamerikanischen Museen verschiedenste Leihgaben gezeigt. Jedes der drei Museen zeigt eine andere Ausstellung, zusammen ergibt sich, wie der Katalog und der Essayband zeigen, ein bewundernswert facettenreiches Bild der Lebensrealitäten in Mitteldeutschland in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, in das Martin Luther pars pro toto für andere Reformatoren eingezeichnet wird. Das Projekt wird auf deutsche Seite vom Landesmuseum für Vorgeschichte (Halle), der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, dem Deutschen Historischen Museum in Berlin und der Stiftung Schloss Friedenstein verantwortet und vom Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland unterstützt; eine umfangreiche Homepage begleitet die Ausstellung.

Der Katalog organisiert das in den drei Ausstellungen dargebotene Material thematisch nach acht Themenbereichen: unter „Fundsache Luther“ (20-45) wird Luthers Herkunft thematisiert, wobei die seit 2003 erfolgten archäologischen Arbeiten in Mansfeld eine zentrale Rolle spielen. Die Themengebiete „Weltliche Macht und höfische Kunst“ (46-90) und „Vorreformatorische Frömmigkeit“ (92-134) bieten ein buntes Panorama der mitteldeutschen kirchlichen und politischen Landschaft des frühen 16. Jahrhunderts, bevor das Leben des Reformators präsentiert wird („Luther als Mönch, Gelehrter und Prediger“, 136-178, „Luthers Theologie“, 180-234, „Luther in Wittenberg“, 226-294). Der obligatorische Blick auf „Polemik und Konflikte“ (296-356) darf nicht fehlen, bevor anknüpfend an Luthers Tod die sich an den Reformator knüpfende Erinnerungskultur in den Blick rückt („Luthers Vermächtnis“, 358-392). Abschließend gehen Jürgen Gröschl und Louis Nebelsick Spuren der Reformation in den Vereinigten Staaten von Amerika nach (396-409), Jan Scheunemann bietet einen summarischen Überblick über die wichtigsten Lutherstätten (410-422). Durchweg sichtbar ist das Bemühen der Verantwortlichen, bei aller erkennbaren Lutherzentrierung ein ausgewogenes Bild der Reformationszeit zu zeichnen. Das Leben Luthers dient hier als eine Art Schaufenster in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts. Kleinere Unrichtigkeiten im Katalogtext fallen da nicht ins Gewicht, so unnötig sie im Einzelfall auch sein mögen.[1]

Der wissenschaftliche Begleitband ist in sieben Themenfeldern organisiert, auf ein eigenes Themenfeld über die Theologie(n) der Reformation wurde verzichtet, statt dessen finden sich Aufsätze zu theologischen Fragestellungen verstreut in allen Themenfeldern. Das mag sich den Herausgebern nahegelegt haben, ist aber nicht durchweg überzeugend.[2] Passend zum Profil des Ausstellungsprojektes thematisiert ein eigenes Themenfeld den nordamerikanischen Protestantismus vor allem, aber nicht ausschließlich lutherischer Prägung („Luther in den Vereinigten Staaten von Amerika“, 370-429).

Dem Anliegen des Ausstellungsprojektes entsprechend ist es auch das Anliegen des Begleitbandes, „von der sowohl geographischen als auch geistigen Herkunft Luthers über die wichtigsten Ereignisse und Aspekte der Reformationsgeschichte und ihrem kunst- und kulturgeschichtlichen Kontext bis hin zum Luthertum in Nordamerika […] den aktuellen Kenntnisstand“ zu repräsentieren (11). Schon ein Blick auf die Verfasser der einzelnen Beiträge zeigt, dass dies gelungen ist: das Autorenverzeichnis liest sich wie ein „Who’s Who“ der gegenwärtigen Reformations- und Frühneuzeitforschung. Louise Schorn-Schütte ist ebenso vertreten wie Thomas Kaufmann. Johannes Schilling und Volker Leppin geben Dorothea Wendebourg und Christopher Spehr die Klinke in die Hand; Stefan Michel ist ebenso vertreten wie Heinz Schilling. Die US-amerikanische Lutherforschung ist ebenso vertreten wie die deutsche Frühneuzeithistorie und die schweizerische Reformationsforschung (diese freilich nur mit einem Vertreter, was dem ansonsten betont internationalen Charakter des Bandes nicht vollends gerecht wird). Wie ernst es der Redaktion damit war, die ganze Breite der Forschung abzudecken, zeigt auch die Tatsache, dass mit Brad S. Gregory sogar ein entschiedener Kritiker der Reformation und des protestantischen Christentums überhaupt zu Wort kommt[3]. Der intendierten breiten Leserschaft wird neben den wissenschaftlichen Abhandlungen durch informative Grafiken und Übersichten die Möglichkeit gegeben, sich einen schnellen Überblick etwa über die Heiratspolitik des 16. Jahrhunderts (84) oder den Briefwechsel der wichtigsten Akteure (190) zu verschaffen. Ob verstreut zur Veranschaulichung eingesetzten Cartoons einen vergleichbaren Informationswert haben, mag indes bezweifelt werden.

Mit den beiden ansprechend gestalteten Bänden ist dem Ausstellungsprojekt „Here I stand“ eine weit über das Ende der eigentlichen Ausstellungen andauernde Rezeption garantiert. Insbesondere der wissenschaftliche Begleitband empfiehlt sich als breitenwirksame Präsentation aktueller Forschung in Bezug auf die allgemeinhistorischen, religionsphänomenologischen und kulturellen Voraussetzungen, Kontexte und Folgen der Reformation vor allem Wittenberger Prägung. Schade nur, dass das sprachliche Niveau der Beiträge sehr unterschiedlich  ist. Die Übersetzung der englischsprachigen Essays scheint um besondere Treue zur Ausgangssprache bemüht gewesen zu sein. Durch den großen Unterschied zwischen englischer und deutscher Wissenschaftssprache entsteht so leider bisweilen zu Unrecht der Eindruck, es mit fachlich naiven Texten zu tun zu haben. Der mit englischer Fachliteratur bekannte Leser wird darüber hinwegsehen können – es bleibt zu hoffen, dass dies auch dem anvisierten breiteren Publikum möglich ist. Denn: dieses Doppelwerk repräsentiert nicht nur die Pluralität gegenwärtiger Reformationsforschung. Es ist zugleich ein schöner Ausdruck für die Potentiale, welche die Reformationsdekade gerade in interdisziplinärer Hinsicht freigesetzt hat.

 

Tobias Jammerthal, Redakteur für „Klassiker und Rezensionen“

[1] Zwei Beispiele: S. 198 „Seit dem Hochmittelalter war in der lateinischen Kirche die Transsubstantiationslehre gängig“. Richtig ist, dass das Lateranum IV 1215 zur Beschreibung des Konsekrationsvorgangs auf dieses Theorem zurückgriff. Der Blick auf die theologische Literatur des 13.-15. Jahrhunderts zeigt aber eine Vielzahl an alternativen Konzepten, um die reale Gegenwart Christi denkerisch zu plausibilisieren. Erst mit Trient wird die Transsubstantiationstheorie zur herrschenden Lehre. – Ferner ist es sachlich doch etwas übertrieben, wenn (S. 247) behauptet wird, Luther habe das Wittenberger Augustinerkloster bei seiner Rückkehr von der Wartburg „geplündert“ vorgefunden.

[2] Die sogenannte „Zwei-Reiche-Lehre“ wird beispielsweise auf einer einzigen Seite statt in einem wissenschaftlichen Aufsatz abgehandelt (322). Dort liest der ob solcher Kooperation dann doch überraschte Theologe, dass das Lexem eine Wortschöpfung von Emmanuel Hirsch und Karl Barth „zusammen“ gewesen sei. Der vorangehende Aufsatz über „Luther und die Politik“ aus der Feder von Benjamin Hasselhorn ist nicht vorrangig an Luthers Obrigkeitstheologie interessiert – was man dem Verfasser nicht zum Vorwurf machen kann. Gerade deshalb hätte jedoch eine theologische Einordnung dieses wichtigen Gebiets reformatorischer Theologie not getan.

[3] Zur Auseinandersetzung mit den aus protestantischer Sicht überaus problematischen Thesen dieses Gelehrten sei dringend verwiesen auf die treffende Rezension von Strohm, Christoph, Brad S. Gregory, The Unintended Reformation. How a Religious Revolution Secularized Society, in: Evangelische Theologie 75 (2015), Heft 2, S. 156-160.

Reformatorische Theologie heute II

Anstöße für die Praxis

Im Namen des Netzwerks Theologie in der Kirche formuliert von Tobias Graßmann, Tobias Jammerthal, Claudia Kühner-Graßmann, Julian Scharpf, Niklas Schleicher und Martin Böger.

Begleitende Mitarbeit: Christian Kamleiter und Micha Thiedmann.

Vorbemerkung

Zum Reformationstag hatten wir sechs Thesen anlässlich des Reformationsjubiläums formuliert. Wir freuen uns, dass diese Thesen dort, wo sie wahrgenommen wurden, durchweg auf Zustimmung gestoßen sind.

Allerdings wurde die berechtigte Rückfrage gestellt, welche Konsequenzen diese Thesen für die praktische Umsetzung der Jubiläumsfeierlichkeiten haben könnten. Daher haben wir unternommen, ausgehend von unseren Thesen Denkanstöße für die Praxis zu formulieren. Sie sollen dazu einladen, die eigene Gemeinde und das Veranstaltungsprogramm vor Ort in den Blick zu nehmen und kritisch zu evaluieren: Was gibt es bei uns schon, wo gibt es vielleicht noch Nachholbedarf?

Im Folgenden haben wir zudem einige Ideen für die Umsetzung zusammengetragen. Diese sind darauf ausgerichtet, mit relativ geringem Aufwand und mitunter auch kurzfristig umgesetzt zu werden. Die meisten lassen sich als besondere Schwerpunkte im Rahmen des bestehenden Gemeindelebens realisieren. Keinesfalls soll es sich bei diesen Vorschlägen um ein Gesamtpaket handeln, das von einer einzelnen Gemeinde abzudecken wäre. Zudem spricht bei keinem der Vorschläge etwas dagegen, ihn erst jenseits des Jubiläumsjahres zu realisieren.

1. Reformatorische Theologie gestaltet kirchliches Leben.

Herausforderung: Über Theologie reden!

Luther wurde von seinen Gegnern vorgeworfen, theologische Fragen ungebührlicherweise „an die Biertische“ gebracht zu haben. Die Reformatoren meinten: Theologie geht alle an! Dagegen gehen wir heute eher verschämt mit unserer Theologie um. Stellen wir auch die Frage nach Gott oder ziehen wir uns auf Luther als „mutigen Menschen“, Sprachgenie oder Kirchenreformer zurück? Trauen wir uns noch, theologische Fragen an die Biertische zu bringen (oder zumindest auf die Schulbänke, Sitzungstische, Kanzeln)? Schaffen wir es, so über theologische Fragen zu reden, dass aus einer akademischen Arkandisziplin gemeinsames Nachdenken über Gott wird? Und stimmt die Art, wie wir von Gott reden, überhaupt mit unseren theologischen Überzeugungen überein?

Praxisvorschläge:

  • Sich im Kirchenvorstand einmal Zeit nehmen, sich gemeinsam mit einem theologischen Topos zu beschäftigen (z.B. dem Abendmahl).

  • Das Konfirmandenmodell um eine Einheit „Theologisieren mit Jugendlichen“ ergänzen. Einen Diskussionsabend zu einer theologischen Streitfrage ausrichten (z.B. „Warum lässt Gott das Leiden zu?“, „Wie menschlich ist Gott?“, „Wozu Trinität?“).

  • Die Kolleginnen und Kollegen als theologische Gesprächspartner wahr- und ernstnehmen und den Austausch suchen.

  • Sich Zeit nehmen, eine theologische Neuerscheinung zu lesen.

 

2. Reformatorische Kirche bedarf der theologischen Gestaltung.

Herausforderung: Lust auf theologische Berufe machen!

Dieser Punkt ist schwer vom ersten abzugrenzen. Aber vielleicht kann man sagen: Wenn Kirche auf theologische Gestaltung angewiesen ist, dann auch auf Menschen, die theologische oder theologisch-pädagogische Berufe ergreifen. Menschen für einen solchen zu begeistern wäre der denkbar nachhaltigste Ertrag des Reformationsjubiläums! Wie gehen wir mit Menschen um, die eventuell interessiert und für einen solchen Beruf geeignet wären? Wecken wir bei ihnen Lust und Mut für diesen Schritt? Oder schrecken wir sie eher ab, weil wir ständig nur über unsere Belastungen und Frusterfahrungen klagen? Und falls die Klagen berechtigt sind: Was tun wir, um diese Belastungen abzubauen und wieder mehr Raum für theologische Gestaltung zu gewinnen?

Praxisvorschläge:

  • In der Schule eine Runde „Frag den Pfarrer/die Pfarrerin“ anbieten.

  • Menschen anhand eines Bildes, eines Films oder Musikstücks zeigen, wie Theologie neue Zugänge zu Werken unserer Kultur erschließen kann.

  • Im Jugendmitarbeiterteam vom eigenen Studium erzählen.

  • Einen persönlichen Kontakt zu Mitarbeitern einer theologischen Fakultät knüpfen oder reaktivieren.

  • Mit dem Kirchenvorstand die Aufgaben in der Gemeinde auf ihre theologische Dimension befragen und danach gewichten.

 

3. Die reformatorischen Kirchen erinnern sich an Martin Luther, weil und insofern er das Anliegen reformatorischer Theologie anschaulich macht.

Herausforderung: Nicht bei Luther stehen bleiben!

Luther polarisiert, er taugt als Zugpferd, Luther ist ein Kassenschlager! Seine Bekanntheit und seine zentrale Rolle innerhalb der reformatorischen Bewegung erlauben es, Veranstaltungen alleine zu Luther anzubieten. Aber muss das immer so sein? Sollten wir den „Luthereffekt“ nicht auch nutzen, das verbreitete Bild der Reformationszeit um weitere Facetten zu ergänzen? Kennt unsere Erzählung der Reformation andere Rollen außer eindimensionalen Schurken (z.B. Tetzel) oder Statisten (z.B. Melanchton, Friedrich der Weise)? Gerade durch die Fokussierung auf Luther ist in unserer Kirche auch die Auseinandersetzung mit seinen Schattenseiten weit vorangeschritten. Aber vielleicht könnte auch diese Aufarbeitung an Tiefe gewinnen, wenn wir Luther ins Gespräch mit anderen Vertretern reformatorischer Theologie und altgläubigen Gegnern bringen.

Praxisvorschläge:

  • Eine Veranstaltung (Gottesdienst, Seniorenkreis o.ä.) anbieten, in der eine andere reformatorische Person gleichberechtigt neben Luther steht (Luther und Spalatin, Luther und Melanchton, Luther und Karlstadt, Luther und Calvin).

  • Einem Gegner Luthers (Müntzer, Erasmus, Karl V., Zwingli) eine kritisch-würdigende Predigt an einem Kirchenfest widmen.

 

4. Die Reformation zu feiern heißt Christus zu feiern.

Herausforderung: Begegnung mit Jesus Christus ermöglichen!

Die Rede vom Reformationsjubiläum als „Christusfest“ ist in Stellungnahmen der Kirchenleitung und auch in der Pfarrerschaft weit verbreitet. Aber was ist damit eigentlich gemeint und wie wird dieser Christusbezug in den Feierlichkeiten konkret? Sollen damit lediglich im Interesse ökumenischen Miteinanders die strittigen Punkte reformatorischer Theologie relativiert oder eingeklammert werden? Einer solchen schwachen Interpretation können wir uns nicht anschließen. Stattdessen sollten wir uns die Frage stellen: Wie können wir in diesem Jahr tatsächlich Menschen die Begegnung und Auseinandersetzung mit Jesus Christus ermöglichen?

Praxisvorschläge:

  • Eine Kinderbibelwoche mit Jesusgeschichten.

  • Passionsandachten, welche die Begegnung mit der Passionsgeschichte und protestantischer Passionfrömmigkeit ermöglichen (in Gestalt von Liedern, Bildern usw.).

  • Eine Predigtreihe unter dem Titel „Was Christum treibet“.

  • Bei der Predigtvorbereitung neu das Augenmerk darauf richten: Kommt zur Sprache, was Christus uns heute zu sagen und was er für uns getan hat?

5. Die Einheit der Kirche in Christus steht nicht im Widerspruch zur Vielgestalt christlicher Kirchen.

Herausforderung: Vielfalt evangelischer Frömmigkeit feiern!

Mit unseren katholischen Schwestern und Brüdern sind wir auf dem Weg zu versöhnter Verschiedenheit bereits weit gekommen. Aber wie halten wir es eigentlich mit der Pluralität evangelischen Christentums? Nehmen wir Freikirchen bewusst als eine verwandte Gestalt von Christentum war, die ebenfalls auf die Reformation zurückgeht? Können wir diese Frömmigkeit oder bestimmte Züge davon würdigen oder sehen wir uns durch sie eher bedroht? Ähnliches gilt für Menschen aus unseren Gemeinden, die aus einer anderen Kultur oder Tradition stammen, wie etwa Siebenbürger oder Russlanddeutsche: Nehmen wir deren Frömmigkeit nur als Normabweichung oder gar als Integrationshindernis wahr? Gelingt es uns, durch exemplarische Aktionen die Vielfalt evangelischen Christseins zu feiern? Schätzen und pflegen wir die Vielfalt unserer Kirchenmusik als sprechenden Ausdruck der Vielfalt evangelischer Frömmigkeit?

Praxisvorschläge:

  • Eine gemeinsame Bibelarbeit mit einer baptistischen oder charismatischen Gemeinde zu einem Schlüsseltext der Reformation (z.B. aus dem Römerbrief oder Galaterbrief).

  • Ein Gottesdienst mit anschließendem Gemeindefest zum Thema „Evangelisch und aus Russland“.

  • In lutherisch geprägten Gemeinden einen schlichten Wortgottesdienst nach reformierter Liturgie feiern, in reformierten oder eher reformiert geprägten Gemeinden z.B. eine Deutsche Messe anbieten.

  • Die musikalische Vielfalt des Gesangbuchs bewusst nutzen: in jedem Gottesdienst Gemeindelieder aus mehreren Epochen der Liedgeschichte singen.

  • Kirchenmusikalische Potentiale ausschöpfen: einmal im Monat besondere kirchenmusikalische Akzente im Gottesdienst setzen – in thematischer Abstimmung mit dem Predigttext.

6. Durch die Vergegenwärtigung der Reformation leisten die reformatorischen Kirchen ihren Dienst an der einen Kirche Jesu Christi.

Herausforderung: Selbstbewusst protestantisch in ökumenischer Offenheit!

Der Blick auf das Gemeinsame und den erreichten Stand der Ökumene ist wichtig und hat sein Recht im Rahmen der Feiern. Doch nehmen wir unsere ökumenische Sendung als Protestanten wahr, wenn wir die bestehenden Unterschiede zwischen den Kirchen und ihren Konfessionskulturen herunterspielen? Wo suchen wir mit Christinnen und Christen anderer Konfessionen (besonders röm.-kath. und orthodox) den Austausch gerade über die Fragen , in denen noch immer spürbare Differenzen bestehen? Selbst wenn damit Menschen so nur ihre eigene Tradition besser kennen lernen, hat sich der Dialog gelohnt. Doch vielleicht lassen sich auf diesem Weg ja auch interessante Perspektiven eröffnen, z.B.: Wie katholisch oder orthodox erscheint uns Luther heute?

Praxisvorschläge:

  • Einen ökumenischer Gottesdienst zu katholischen und evangelischen Perspektiven auf eine Heilige/einen Heiligen, dessen bildliche Darstellung und Verehrung.

  • Kanzeltauschaktion mit einem katholischen Kollegen z.B. unter dem Titel „Wie evangelisch ist der Papst?/Wie katholisch ist Luther?“

  • Einen ökumenischen Gemeindeabend zum Thema: „Gutes Werk oder heiliger Schein?“ oder „Sind alle Getauften Priester?“

Reformatorische Theologie heute

Im Namen des Netzwerks Theologie in der Kirche formuliert von Claudia Kühner-Graßmann, Julian Scharpf, Tobias Jammerthal, Niklas Schleicher und Tobias Graßmann

Vorbemerkung

Seit einem Jahrzehnt bereitet sich die EKD auf das Reformationsjubiläum 2017 vor, das unter anderem feierlich mit verschiedenen Aktionen an historischen Stätten der Reformation begangen werden soll. Diese Feierlichkeiten und das Jubiläum als solches sind von unterschiedlichen Seiten der Kritik unterzogen worden: So wird gerade von katholischer Seite eingewandt, dass eine Feier der Reformation grundsätzlich nicht angebracht sei, da diese für die Spaltung der abendländischen Christenheit verantwortlich wäre. Eine andere Art der Kritik legt darauf Wert, festzustellen, dass das Datum und der damit verbundene Fokus auf den Wittenberger Thesenanschlag durch Martin Luther schlecht gewählt seien, weil die Reformation vielschichtiger und differenzierter sei.

Diese Kritikpunkte lenken den Blick auf zentrale Fragen des Reformationsgedenkens, sind in der vorgebrachten Schärfe jedoch zurückzuweisen. Die protestantischen Kirchen, die wie auch die heutige Gestalt der römischen Kirche aus der Reformation hervorgegangen sind, können sich selbstbewusst als eine eigentümliche Verwirklichung der wahren Kirche Jesu Christi begreifen, ohne anderen Kirchen diese Rolle streitig zu machen. Damit bedeutet die Reformation mehr als das Ende der einen, abendländischen Kirche. Wenn das Jubiläum dieses „Mehr“ fokussiert und so das bleibende und wertvolle Erbe der Reformation vergegenwärtigt, dann ist es gerechtfertigt, dies auch als Feier zu begehen.

Im Folgenden stellen wir sechs Thesen zur Diskussion, die unser Verständnis der Reformation, der reformatorischen Kirchen und der Bedeutung des Reformationsjubiläums umreißen. Wir tun dies in der Hoffnung auf Zustimmung, Widerspruch und eine konstruktive Diskussion.

Thesen anlässlich des Reformationsjubiläums 2017

1. Reformatorische Theologie gestaltet kirchliches Leben.

Das zentrale Anliegen der Reformation bestand darin, kirchliches Leben neu am Evangelium Jesu Christi auszurichten und zu gestalten. Dies sollte auch ein zentrales Anliegen gegenwärtiger reformatorischer Theologie sein. Die Gestaltung verläuft aber nicht linear von der Theologie zur Kirche, sondern im Wechselspiel von Impulsen aus Wissenschaft und Praxis, Tradition und aktuellen Herausforderungen. Theologische Reflexion finden auf verschiedenen Ebenen statt, die zu vermitteln sind: von der universitären Theologie bis hin zur kirchlichen Praxis einzelner Gemeinden. Hauptträger dieser Vermittlung sind Pfarrerinnen und Pfarrer als Theologen. So müssen die Ebenen zwar unterschieden werden, sind aber nicht zu trennen.

2. Reformatorische Kirche bedarf der theologischen Gestaltung.

Die Gestaltung kirchlichen Lebens durch eine in diesem Sinn reformatorische Theologie ist für das kirchliche Leben unverzichtbar. Das bedeutet nicht, dass die geschichtlichen Bedingungen der Reformationszeit innerhalb der Kirche konserviert werden sollen. Andererseits ist damit auch keine Dauerreform der kirchlichen Strukturen und Verkündigungsformen gemeint, die sich in oft vorschneller Anpassung an sich wandelnde gesellschaftliche Bedingungen vollzieht. Vielmehr gilt es, die kirchliche Praxis kritisch zu überprüfen und ein geeignetes Verhältnis von Traditionsbindung und Neugestaltung zu finden. Die Kirche ist dabei auf die Theologie als reflexives Moment angewiesen.

3. Die reformatorischen Kirchen erinnern sich an Martin Luther, weil und insofern er das Anliegen reformatorischer Theologie anschaulich macht.

Die aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen feiern 2017 kein Lutherjahr. Wir feiern den Beginn der tiefgreifenden Erneuerung der christlichen Kirche, die untrennbar mit Luther verbunden sind. Luthers Wortgewalt und Tatkraft, seine theologische Originalität und seine religiöse Tiefe sind wahrhaft Grund genug, ihn als Zentralgestalt aus der reformatorischen Bewegung herauszuheben. Dabei wird weder eine Dämonisierung, noch eine Heiligsprechung dem evangelischen Personenverständnis und der Person Luthers gerecht. Ein realistischer Blick auf Luthers Werk und Wirken, der auch Abgründe und dunkle Stellen benennt, sowie die kritische Würdigung der bisherigen Reformations- und Lutherjubiläen bieten die Chance, Nebensächlichkeiten beiseite zu schieben und so auch dem einen zentralen Anliegen Luthers gerecht zu werden: dem Wort von der Rechtfertigung des Gottlosen.

4. Die Reformation zu feiern heißt Christus zu feiern.

Gerade weil die evangelischen Kirchen sich an Martin Luther und die anderen Reformatoren des 16. Jahrhunderts im Anschluss an Hebr 13,7 als solche erinnern, die ihnen das Evangelium gepredigt haben, feiern sie mit den Verkündigern des Evangeliums Jesu Christi letztlich und eigentlich Christus selbst. Mit der Vergegenwärtigung des Rufs zur Sache, den reformatorische Theologie für die Kirche ihrer Zeit bedeutete, lässt sich die Kirche der Gegenwart selbst wieder aufs Neue zur Sache rufen: Jesus Christus heute und morgen, und derselbe auch in Ewigkeit (Hebr 13,8). Und so feiert sie in den Zeugen den Bezeugten und gelobt, sich immer wieder aufs Neue in seinen Dienst zu stellen.

5. Die Einheit der Kirche in Christus steht nicht im Widerspruch zur Vielgestalt christlicher Kirchen.

Gegenwärtig manifestiert sich die eine christliche Kirche in verschiedenen christlichen Kirchen und Gemeinschaften, von denen die Kirchen der Reformation nur einen Ausschnitt bilden. Aber auch innerhalb der protestantischen Kirchen gibt es verschiedene Spielarten evangelischer Frömmigkeit und konfessionelle Unterschiede. Dieser Pluralismus widerspricht keineswegs der Tatsache, dass die Kirchen Jesus Christus als den einen Herrn anerkennen, sondern ist vielmehr sowohl den Quellen des Neuen Testaments als auch der heutigen Situation angemessen. Bereits im Neuen Testament kannte die Gemeinde unterschiedliche Ausdrucksformen der Jesusnachfolge (vgl. nur Gal 2,9: Judenchristentum und Heidenchristentum) und so findet auch die heutige ausdifferenzierte Gesellschaft ihre Entsprechung in den unterschiedlichen Arten und Weisen, sich zur Kirche Jesu Christi zu bekennen.

6. Durch die Vergegenwärtigung der Reformation leisten die reformatorischen Kirchen ihren Dienst an der einen Kirche Jesu Christi.

Indem die reformatorischen Kirchen die Reformation feiern, bekennen sie, dass dieser eine bleibende Bedeutung für die gesamte Christenheit zukommt. Diese gründet nicht zuletzt darin, dass die Glaubensfragen des Einzelnen nicht mehr um der Einheit der Kirche willen zum Schweigen gebracht werden dürfen. So wird die Kirche erst befähigt, sich durch die Kritik Einzelner neu am Wort auszurichten. Wie können die biblischen Schriften uns zum Wort Gottes werden? Wie ist das Heilsgeschehen in Jesu Christi Kreuzestod und Auferstehung angemessen zur Sprache zu bringen? Wie werden wir als Menschen befähigt, Gottes Willen zu entsprechen? Wo die Reformation vergegenwärtigt wird, da sind Christen aller Konfessionen eingeladen, sich Fragen wie diesen zu stellen und so zu einem tieferen Verständnis ihres Glaubens zu gelangen –

„…bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollendeten Menschen, zum vollen Maß der Fülle Christi“. (Eph 4,13)

Lecker Luthertomate – alles Kult, Kitsch und Kommerz?

von Julian Scharpf

Im Jahr 2017 wird der Protestantismus seine legendäre Feierwut unter Beweis stellen und mit seiner zum Markenzeichen gewordenen guten Laune und Unbeschwertheit die ganze Nation anstecken.

Naja. Zumindest ist der Reformationstag gesetzlicher Feiertag und alle haben frei.

Zu der Routine gewordenen Vorbereitung solch eines Ausnahmefestes gehört auch die thematische Dekoration. Wer will schon bei der Lutherparty unangenehm auffallen, weil er das Halloweenkostüm vom Vorjahr aufträgt? Wie peinlich ist es denn, wenn man in der Church Night den Konfirmanden die langweiligen Butterkekse statt den Lutherkeksen anbietet? Wo bekommt man so schnell eine Kopie der Bannandrohungsbulle her, wenn man mal wieder ein Buch verbrennen möchte?

Damit man solche unangenehmen Situationen umschiffen kann, bieten kirchliche Werbemittelhändler ein großes Sortiment von Luther-Devotionalien an. Einem protestantischen Theologen bereitet diese Vermarktung natürlich, wie alles andere, auch Stirnrunzeln.

Er fragt sich:

Ist der Luther-Kult mit Accessoires wie der Playmobilfigur einfach ein spielerischer Zugang zum besseren Verständnis der reformatorischen Einsichten oder bleibt es beim Marketing-Gag? Ist das Heiligenverehrung mittels Devotionalien und somit genau das Gegenteil dessen, was Luther wollte? Es liegt schon nahe, dem ganzen Vorgang einen Personenkult zu unterstellen, der den Ruf zur Sache, den Verweis aufs Evangelium, vermissen lässt.

Andererseits: Ist das schon wieder zu protestantisch-verkopft gedacht? Sollten wir den Leuten nicht einfach mal den Spaß an einer kirchlichen Figur lassen? Wie oft strahlt denn unsere Kirche schon unkomplizierte Freude und Genuss ohne Reue aus?

Wenn sich vom Produkt schon keine Verbindung zu Christus ziehen lässt, dann vielleicht wenigstens zur Person Luther. Wahrscheinlich lassen sich die neuen Luther Apfelbonbons ja mit dem vermeintlichen Zitat „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ rechtfertigen.

Bei der Lutherrosen-Schablone, mit der sich der Milchschaum eines Cappuccinos verzieren lässt, fällt die Verknüpfung ungleich schwerer.

Andererseits: Vielleicht verpacken bei dieser Betrachtung ja nur Akademiker ihr ästhetisches Unbehagen in theologische Argumente.

Ich sehe vor meinem geistigen Auge die verdrießlich dreinschaunenden PfarrerInnen, die sich 2017 über die Volksfestatmosphäre der Reformationsfeierlichkeiten mokieren. Ich wünsche ihnen beherzte und kernige Gemeindeglieder, die ihnen mit Bier zuprosten und sich beim Feiern von den Theologen nicht stören lassen. Wie meinte Dr. Martinus doch gleich: „Traurige Leute soll man mit Essen und Trinken erquicken.“

Vielleicht ist ein großes Lutherfest mit Lutherbier und Lutherwurst einfach die Demonstration einer theologisch begründeten Lust an den Gaben der Schöpfung. Die Veranschaulichung der Einsicht, dass Askese uns Gott nicht näherbringt. Eine Fröhlichkeit, die einem tiefen Gottvertrauen entspringt. Und wenn Luther dafür steht, ist doch schon etwas gewonnen.

Allen Kulturpessimisten sei außerdem gesagt, dass es unsere Vorfahren mit dem Lutherkult noch ärger trieben. So sollen schwedische Soldaten im Dreißigjährigen Krieg Zahnstocher aus Luthers Totenbett gefertigt haben, die sie von Zahnschmerzen befreien sollten. Die Weimarer Großherzogin Maria Pawlowna war stolze Besitzerin eines angeblich Luther gehörenden Löffels. Die Luthermemoria bewegte sich wohl schon immer irgendwo zwischen Reliquienkult und Banalisierung.

In diesem Beitrag sollen die auffälligsten Luther-Artikel, die uns so ins Auge gefallen sind, aufgelistet und kommentiert werden. Wir freuen uns über weitere Hinweise und Links in der Kommentarspalte.

Die Playmobilfigur

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http://www.komm-webshop.de/produkte/luther-2017/martin-luther-playmobil-figur.html

Mit ihr fing alles an. Wie der Thesenanschlag 1517 elektrisierte sie die Massen. Ausverkauft innerhalb von 72 Stunden. Ein Beispiel für den gelungenen ironisch gebrochenen Umgang mit der Ikone. Playmobil entspricht aber leider nicht dem Wunsch der Massen, eine dazu passende Wartburg herzustellen.

Der Reformationshammer

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http://www.komm-webshop.de/produkte/luther-2017/der-reformationshammer.html

Laut Artikelbeschreibung soll der Slogan „evangelisch. immer was zu tun.“ auf das reformatorische „ecclesia semper reformanda“ (die Kirche ist immer zu erneuern) anspielen. Wir dachten allerdings zuerst, dass dieses Motto die Betriebsamkeit des heilsunischeren Calvinisten aufs Korn nimmt. Vielleicht kann man es ja auch in dieser Doppeldeutigkeit stehen lassen.

Lutherol

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http://www.komm-webshop.de/produkte/luther-2017/lutherol.html

Klar, wir können auch unlustig, wenn wir wollen: „Martin Luther würde heute ein „Breitband-Theologicum für Geist und Seele“ verschreiben. Seit 500 Jahre ist die 4-fache Wirkformel Sola Gratia, Sola Fide, Sola (sic!) Christus, Sola Scriptura bewährt. Die Wirkstoffe: 90 Prozent Lutherzitate und 10 Prozent Reform-Aktive. Lutherol ist haltbar bis ans Ende der Welt.“ Danke, komm-webshop.de, danke.

Lutherbier

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http://lutherbier.de/produkte_pils.html

„Ein Pilsener, dass Luther bestimmt gut geschmeckt hätte. Ehrlich, gerade heraus und ohne Fehl und Tadel.“ Die selbstbewusste Ansage gefällt uns.

Die Luther-Tomate

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http://wittenberg-gemuese.de/

Ja gut, Wittenberg hat es nicht leicht. Irgendwie erwischt uns das Mitleid, wenn man selbst Tomaten mit dem Lutherkonterfei ausstatten muss, um sie zu verkaufen. Leider erfüllen sie mir ihrer geschmacklichen Zurückhaltung die Erwartungen aber nicht.

Für uns wäre Luther eher eine Ochsenherztomate.

Theologische Biographien – 5: Martin Luther

von Tobias Stäbler, Jena

Rezension zu: Armin Kohnle: Martin Luther. Reformator, Ketzer, Ehemann, Holzgerlingen/Leipzig 2015.

Das unwiederbringlich Unzeitgemäße aufzuzeigen, das maßlos ungeschichtliche Erinnern abzuwehren, und anzuschreiben gegen die magnetische Unfähigkeit, eine polarisierende Figur auszuhalten — das ist die erklärte Absicht dieser großformatigen, in großzügigem Satzspiegel zweispaltig gesetzten Einführung in Leben und Werk Martin Luthers.

Armin Kohnle, Professor für Kirchengeschichte an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig, schreibt die Geschichte der Lutherbiographien nicht etwa mit einem eigenen Entwurf fort, eine markante These sucht man in diesem Buch vergebens. Er schreibt vielmehr in die umgekehrte Richtung: kritisch gegen die spekulativen Wucherungen und verklärenden Irrlichter nationalistischer und hagiographischer Lutherdeutungen. Und das gelingt ihm mit vorzüglicher historisch-kritischer Vernünftigkeit ohne ikonoklastisches Auftrumpfen oder Defätismus. Sein Stil ist immer flüssig und klar, weder zu komplex noch banal, wie es einer Einführung für interessierte Laien und für Studenten im Grundstudium ansteht.

Schon formal hebt sich dieses Buch gegenüber den zahlreichen Lutherbiographien der letzten Jahre ab: zahlreiche großformatige Abbildungen illustrieren das Geschriebene. Es fällt auf, dass ein Großteil dieser — ihrerseits erzählenden — Abbildungen aus dem 19. Jahrhundert stammt. Aus einer Zeit also, als man eine ganz eigene Lebensgeschichte des Reformators zu erzählen bestrebt war. Interessanterweise tut sich dadurch ein Kontrast auf zwischen diesen erhabenen Vorstellungen von Luthers Leben und Kohnles Darstellung, die gegen eben solche „Vorstellungen“ anschreibt. Diese Differenz ist auf vielen Seiten zu greifen und erscheint als ein Beweggrund, aus dem heraus Kohnle seine Leitfragen gewinnt. Fraglich ist freilich, ob dieser subtile Dialog zwischen Text und Abbildungen dem Leser hinreichend deutlich wird. Erläuternde Kommentare oder ausführlichere Bildunterschriften wären zumindest hilfreich gewesen.

Um die inhaltlichen Schwerpunkte dieser Einführung zu erfassen, kann man sich am Untertitel des Buches orientieren: „Reformator, Ketzer, Ehemann“. Bereits diese drei Stichworte verdeutlichen die drei ineinander geblendeten Perspektiven sowie die Absicht der Darstellung: Luther kommt zunächst als Reformator in den Blick. Leitfrage ist hier, wie und vor allem wann Luther zum Reformator wurde. Entschieden wendet sich Kohnle gegen ätiologische Linearisierungen und Determinierungen der Biographie ex post; er verhandelt zwar die Frage nach der Historizität des Thesenanschlags und die nach einer „reformatorischen Wende“, vermeidet aber eindeutige Datierungen und verweist überdies auf die Unerheblichkeit einer Antwort für die geschichtliche Bedeutung Luthers.

Eng zusammen hängt damit die zweite Perspektive auf Luther als „Ketzer“. Der Autor betont die kirchliche, theologische, religiöse Gemengelage der frühen Reformationszeit, um dem noch immer populären Vorurteil zu wehren, Luther habe die Abspaltung einer evangelischen Kirche intendiert.

Der dritte Blickwinkel auf Luthers Leben – Luther als Ehemann – fällt asymmetrisch gegenüber der kirchen- und theologiegeschichtlichen Betrachtungsweise ab und wird sowohl beiläufig, als auch in einem eigenen zehnten Kapitel abgehandelt. Die Rekonstruktion von Luthers Privatleben bedient aber keineswegs biedere Klatschgelüste. Im Gegenteil: diese Stellen dienen einem doppelten argumentativen Zweck. Einerseits veranschaulichen sie wiederum die Zeitgebundenheit Luthers, auf die es Kohnle ankommt; andererseits reagieren sie auf populäre Missverständnisse und Zerrbilder, die man gewinnen könnte, kennt man Luther nur von markigen Aussprüchen, Aphorismen und Kalendersprüchen her.

Doch wie arrangiert Kohnle die historischen Fakten unter diesen drei Gesichtspunkten?

In 14 Kapiteln verfolgt Kohnle den Lebensweg Luthers. Zeitgeschichtliche Panoramen, Aufklärung von Hintergründen erfordern Brüche und Verzögerungen der Chronologie. Immer aber ist die Darstellung stringent, verliert sich nicht in Mannigfaltigkeit der möglichen Bezüge. Die Gliederung erscheint über weite Strecken konventionell und wohl temperiert, erinnert stark an den Aufbau einer kirchenhistorischen Überblicksvorlesung zur Reformationsgeschichte. Man muss folglich auf die Proportionen der Kapitel achten, um die Besonderheiten dieser Einführung in Luthers Leben und Wirkung zu erheben.

Das erste Kapitel führt umfassend in die zeitgeschichtlichen Umstände ein; Kapitel zwei bis vier heften sich dicht an die persönliche Entwicklung des jungen Luther. Mit dem fünften Kapitel („Die Entdeckung des Evangeliums“) wird die Darstellung vielschichtiger, verliert an Tempo, gewinnt aber an theologischer Tiefe. Denn hier steigt Kohnle ein in die Kontroversen um ein Proprium reformatorischer Theologie, näherhin um Entwicklung und Koordinatensystem der „Theologie Luthers“. Programmatisch eröffnet Konhle dieses Kapitel mit dem Grundsatz, wonach „Luthers theologische Entwicklung […] nicht von seiner Biografie und auch nicht vom zeitgeschichtlichen Kontext gelöst werden [kann].“ (S. 60) Kohnle enthält sich aller Systematisierung; vorsichtig spricht er von der Rechtertigungslehre als einer „Zentralerkenntnis“ (S. 63) und benennt Grundunterscheidungen (vgl. S. 66).

In den folgenden Kapiteln sechs bis neun verbreitert Kohnle das Blickfeld; Luther wird als „Teamplayer“ im Kreise der Wittenberger Theologen beschrieben, die politischen Strukturen und Entwicklungen (Reichstage, kursächsische Religionspolitik) werden skizziert, die vielfachen Fronten der Wittenberger Theologie werden abgesteckt.

Aus dieser reichs-, ja in ihrer Wirkung weltgeschichtlichen Totale, zoomt das folgende Kapitel hinein in das häusliche Familienleben Luthers. Der streitbar-epochale Theologe erscheint in Zimmergröße; es geht, natürlich, um Katharina von Bora, den berühmten Haushalt in Wittenberg, aber auch um Luthers Verhältnis zu seinen Kindern. Kohnle liefert allerdings keine anekdotische Befriedigung nachbarschaftlicher Neugier und Lust am Einblick in die kleinen Sorgen eines großen Mannes. Gerade dieses Kapitel verdeutlicht die Geschicklichkeit, mit der Kohnle sich der Person Luthers annähert und mit der er sich dann auch distanziert.

Nach einem kurzen, diastolischen Panorama der politischen (Kap. 11) und sozialen (Kap. 12) Entwicklungen der Reformation kehrt die Darstellung systolisch zurück zum alten, verhärteten Luther und seinen Feindbildern (Kap. 13) von Täufern, Türken, Juden, Papst und vielen anderen. — Feindbilder, die er in ihrer biographischen Entstehung, Veränderung und Widersprüchlichkeit erklärt. Kohnle bettet den vor Enttäuschung wütend gewordenen Luther ein in die Verhältnisse seiner Zeit und versucht abschließend eine ausgewogene Würdigung auch seiner feinfühligen Seiten (vgl. S. 197).

Der Schritt zum letzten Kapitel, einer Rekonstruktion der Monumentalisierung Luthers im Laufe der deutschen Erinnerungsgeschichte, ist entsprechend klein. Luthers Biographie über seinen Tod hinaus auszudehnen erscheint angesichts der Feierlichkeiten 2017 überaus sinnvoll. So sehr der Autor die Art und Weise der Erinnerung Luthers kritisiert, so entschieden hielte er es für fatal, Luther vergessen zu machen. – Die neurotische Forderung eines unhistorischen Zwangsaktualismus mancher evangelischen Christen, dem Kohnle eine „verantwortungsvolle Geschichtsschreibung“ (S. 214) entgegensetzt, wie er sie in dem hier besprochenen Band exemplarisch vorführt. Und was bedeutet das für die Beschäftigung mit Luther? Es bedeutet erstens, Luther in seinem Kontext zu verstehen, d.h. nicht von seiner Wirkungsgeschichte her. Es bedeutet zweitens, „Zeitbedingtes und zeitlos Gültiges zu unterscheiden“ (S. 214f.). Und zeitlos Gültiges, so der Autor, gebe es bei Luther allemal, und deshalb dürfe, ja müsse man sich auf Luther auch heute noch berufen. Mit dieser klaren These schließt das Buch. Ein Buch, mit welchem dem Autor eine historiographische Abkühlung des Treibhausklimas konfessioneller, nationalprotestantischer oder geschichtsvergessener Lutherdeutungen gelungen ist. – Im besten Sinne eine Hinführung also nicht nur zu Luther, sondern dank Exkursen, Infokästen, Karten, Grafiken, Zeitstrahl, Literaturempfehlungen und Glossar auch eine moderate Einführung in die Reformationsgeschichte.

Tobias Stäbler (Dipl.-Theol.), geboren 1988, hat Evangelische Theologie in Tübingen, Jerusalem und Jena studiert. Derzeit ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kirchengeschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und promoviert dort bei Prof. Dr. Christopher Spehr über das Gebet im frühen Luthertum.