Theologische Biographien – 5: Martin Luther

von Tobias Stäbler, Jena

Rezension zu: Armin Kohnle: Martin Luther. Reformator, Ketzer, Ehemann, Holzgerlingen/Leipzig 2015.

Das unwiederbringlich Unzeitgemäße aufzuzeigen, das maßlos ungeschichtliche Erinnern abzuwehren, und anzuschreiben gegen die magnetische Unfähigkeit, eine polarisierende Figur auszuhalten — das ist die erklärte Absicht dieser großformatigen, in großzügigem Satzspiegel zweispaltig gesetzten Einführung in Leben und Werk Martin Luthers.

Armin Kohnle, Professor für Kirchengeschichte an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig, schreibt die Geschichte der Lutherbiographien nicht etwa mit einem eigenen Entwurf fort, eine markante These sucht man in diesem Buch vergebens. Er schreibt vielmehr in die umgekehrte Richtung: kritisch gegen die spekulativen Wucherungen und verklärenden Irrlichter nationalistischer und hagiographischer Lutherdeutungen. Und das gelingt ihm mit vorzüglicher historisch-kritischer Vernünftigkeit ohne ikonoklastisches Auftrumpfen oder Defätismus. Sein Stil ist immer flüssig und klar, weder zu komplex noch banal, wie es einer Einführung für interessierte Laien und für Studenten im Grundstudium ansteht.

Schon formal hebt sich dieses Buch gegenüber den zahlreichen Lutherbiographien der letzten Jahre ab: zahlreiche großformatige Abbildungen illustrieren das Geschriebene. Es fällt auf, dass ein Großteil dieser — ihrerseits erzählenden — Abbildungen aus dem 19. Jahrhundert stammt. Aus einer Zeit also, als man eine ganz eigene Lebensgeschichte des Reformators zu erzählen bestrebt war. Interessanterweise tut sich dadurch ein Kontrast auf zwischen diesen erhabenen Vorstellungen von Luthers Leben und Kohnles Darstellung, die gegen eben solche „Vorstellungen“ anschreibt. Diese Differenz ist auf vielen Seiten zu greifen und erscheint als ein Beweggrund, aus dem heraus Kohnle seine Leitfragen gewinnt. Fraglich ist freilich, ob dieser subtile Dialog zwischen Text und Abbildungen dem Leser hinreichend deutlich wird. Erläuternde Kommentare oder ausführlichere Bildunterschriften wären zumindest hilfreich gewesen.

Um die inhaltlichen Schwerpunkte dieser Einführung zu erfassen, kann man sich am Untertitel des Buches orientieren: „Reformator, Ketzer, Ehemann“. Bereits diese drei Stichworte verdeutlichen die drei ineinander geblendeten Perspektiven sowie die Absicht der Darstellung: Luther kommt zunächst als Reformator in den Blick. Leitfrage ist hier, wie und vor allem wann Luther zum Reformator wurde. Entschieden wendet sich Kohnle gegen ätiologische Linearisierungen und Determinierungen der Biographie ex post; er verhandelt zwar die Frage nach der Historizität des Thesenanschlags und die nach einer „reformatorischen Wende“, vermeidet aber eindeutige Datierungen und verweist überdies auf die Unerheblichkeit einer Antwort für die geschichtliche Bedeutung Luthers.

Eng zusammen hängt damit die zweite Perspektive auf Luther als „Ketzer“. Der Autor betont die kirchliche, theologische, religiöse Gemengelage der frühen Reformationszeit, um dem noch immer populären Vorurteil zu wehren, Luther habe die Abspaltung einer evangelischen Kirche intendiert.

Der dritte Blickwinkel auf Luthers Leben – Luther als Ehemann – fällt asymmetrisch gegenüber der kirchen- und theologiegeschichtlichen Betrachtungsweise ab und wird sowohl beiläufig, als auch in einem eigenen zehnten Kapitel abgehandelt. Die Rekonstruktion von Luthers Privatleben bedient aber keineswegs biedere Klatschgelüste. Im Gegenteil: diese Stellen dienen einem doppelten argumentativen Zweck. Einerseits veranschaulichen sie wiederum die Zeitgebundenheit Luthers, auf die es Kohnle ankommt; andererseits reagieren sie auf populäre Missverständnisse und Zerrbilder, die man gewinnen könnte, kennt man Luther nur von markigen Aussprüchen, Aphorismen und Kalendersprüchen her.

Doch wie arrangiert Kohnle die historischen Fakten unter diesen drei Gesichtspunkten?

In 14 Kapiteln verfolgt Kohnle den Lebensweg Luthers. Zeitgeschichtliche Panoramen, Aufklärung von Hintergründen erfordern Brüche und Verzögerungen der Chronologie. Immer aber ist die Darstellung stringent, verliert sich nicht in Mannigfaltigkeit der möglichen Bezüge. Die Gliederung erscheint über weite Strecken konventionell und wohl temperiert, erinnert stark an den Aufbau einer kirchenhistorischen Überblicksvorlesung zur Reformationsgeschichte. Man muss folglich auf die Proportionen der Kapitel achten, um die Besonderheiten dieser Einführung in Luthers Leben und Wirkung zu erheben.

Das erste Kapitel führt umfassend in die zeitgeschichtlichen Umstände ein; Kapitel zwei bis vier heften sich dicht an die persönliche Entwicklung des jungen Luther. Mit dem fünften Kapitel („Die Entdeckung des Evangeliums“) wird die Darstellung vielschichtiger, verliert an Tempo, gewinnt aber an theologischer Tiefe. Denn hier steigt Kohnle ein in die Kontroversen um ein Proprium reformatorischer Theologie, näherhin um Entwicklung und Koordinatensystem der „Theologie Luthers“. Programmatisch eröffnet Konhle dieses Kapitel mit dem Grundsatz, wonach „Luthers theologische Entwicklung […] nicht von seiner Biografie und auch nicht vom zeitgeschichtlichen Kontext gelöst werden [kann].“ (S. 60) Kohnle enthält sich aller Systematisierung; vorsichtig spricht er von der Rechtertigungslehre als einer „Zentralerkenntnis“ (S. 63) und benennt Grundunterscheidungen (vgl. S. 66).

In den folgenden Kapiteln sechs bis neun verbreitert Kohnle das Blickfeld; Luther wird als „Teamplayer“ im Kreise der Wittenberger Theologen beschrieben, die politischen Strukturen und Entwicklungen (Reichstage, kursächsische Religionspolitik) werden skizziert, die vielfachen Fronten der Wittenberger Theologie werden abgesteckt.

Aus dieser reichs-, ja in ihrer Wirkung weltgeschichtlichen Totale, zoomt das folgende Kapitel hinein in das häusliche Familienleben Luthers. Der streitbar-epochale Theologe erscheint in Zimmergröße; es geht, natürlich, um Katharina von Bora, den berühmten Haushalt in Wittenberg, aber auch um Luthers Verhältnis zu seinen Kindern. Kohnle liefert allerdings keine anekdotische Befriedigung nachbarschaftlicher Neugier und Lust am Einblick in die kleinen Sorgen eines großen Mannes. Gerade dieses Kapitel verdeutlicht die Geschicklichkeit, mit der Kohnle sich der Person Luthers annähert und mit der er sich dann auch distanziert.

Nach einem kurzen, diastolischen Panorama der politischen (Kap. 11) und sozialen (Kap. 12) Entwicklungen der Reformation kehrt die Darstellung systolisch zurück zum alten, verhärteten Luther und seinen Feindbildern (Kap. 13) von Täufern, Türken, Juden, Papst und vielen anderen. — Feindbilder, die er in ihrer biographischen Entstehung, Veränderung und Widersprüchlichkeit erklärt. Kohnle bettet den vor Enttäuschung wütend gewordenen Luther ein in die Verhältnisse seiner Zeit und versucht abschließend eine ausgewogene Würdigung auch seiner feinfühligen Seiten (vgl. S. 197).

Der Schritt zum letzten Kapitel, einer Rekonstruktion der Monumentalisierung Luthers im Laufe der deutschen Erinnerungsgeschichte, ist entsprechend klein. Luthers Biographie über seinen Tod hinaus auszudehnen erscheint angesichts der Feierlichkeiten 2017 überaus sinnvoll. So sehr der Autor die Art und Weise der Erinnerung Luthers kritisiert, so entschieden hielte er es für fatal, Luther vergessen zu machen. – Die neurotische Forderung eines unhistorischen Zwangsaktualismus mancher evangelischen Christen, dem Kohnle eine „verantwortungsvolle Geschichtsschreibung“ (S. 214) entgegensetzt, wie er sie in dem hier besprochenen Band exemplarisch vorführt. Und was bedeutet das für die Beschäftigung mit Luther? Es bedeutet erstens, Luther in seinem Kontext zu verstehen, d.h. nicht von seiner Wirkungsgeschichte her. Es bedeutet zweitens, „Zeitbedingtes und zeitlos Gültiges zu unterscheiden“ (S. 214f.). Und zeitlos Gültiges, so der Autor, gebe es bei Luther allemal, und deshalb dürfe, ja müsse man sich auf Luther auch heute noch berufen. Mit dieser klaren These schließt das Buch. Ein Buch, mit welchem dem Autor eine historiographische Abkühlung des Treibhausklimas konfessioneller, nationalprotestantischer oder geschichtsvergessener Lutherdeutungen gelungen ist. – Im besten Sinne eine Hinführung also nicht nur zu Luther, sondern dank Exkursen, Infokästen, Karten, Grafiken, Zeitstrahl, Literaturempfehlungen und Glossar auch eine moderate Einführung in die Reformationsgeschichte.

Tobias Stäbler (Dipl.-Theol.), geboren 1988, hat Evangelische Theologie in Tübingen, Jerusalem und Jena studiert. Derzeit ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kirchengeschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und promoviert dort bei Prof. Dr. Christopher Spehr über das Gebet im frühen Luthertum.

Theologische Biographien – 4: Paul Althaus

von Claudia Kühner-Graßmann, Würzburg

Gotthard Jasper: Paul Althaus (1888-1966). Professor, Prediger und Patriot seiner Zeit, Göttingen 22015.i

Gotthard Jasper, emeritierter Professor für Politikwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und dort langjähriger Rektor, legte 2013 eine ungewöhnliche Biographie zu Paul Althaus vor. Ungewöhnlich zunächst, weil er als Politikwissenschaftler sich einem Theologen widmet. Eigenen Angaben nach wurde ihm die herausragende Bedeutung Althausʼ im Zuge seiner Recherchen zur Universitätsgeschichte Erlangen anlässlich der 250-Jahr-Feier bewusst. Darüber hinaus bot Althaus Jasper die Möglichkeit, sich seinem eigenen Vater, einem ebenfalls aus der Erweckungsbewegung stammenden Pfarrer der gleichen Generation, zu nähern.

Ungewöhnlich ist auch, wie der Autor Althausʼ Verhalten im Nationalsozialismus analysiert und aufarbeitet – jenseits der gewöhnlichen Gegenüberstellungen und vereinfachenden Schubladen. Die Darstellung profitiert hier gerade davon, dass sie von einem Nicht-Theologen verfasst wurde. Jasper entgeht damit der in der Nachkriegszeit besonders vom Barthianismus vorangetriebenen moralisierenden Vermischung von Theologie und Politik – natürlich auch stets zum Schutz des ‚Helden‘.

Althausʼ Haltung zum Nationalsozialismus, sein Verhalten während des sog. Dritten Reiches und die Aufarbeitung nach dem Krieg bilden den Schwerpunkt der vorliegenden Biographie. So laufen die Darstellung seiner Herkunft, der prägenden Traditionen und Erlebnisse im ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik darauf hinaus, diese Haltung plausibel zu machen (vgl. etwa 391).

Jasper zeichnet zunächst das Milieu nach, in dem Althaus aufwuchs. Er entstammt einer Pastorendynastie, sein Vater, Paul Althaus (1861-1925) war ebenfalls Theologe und entstammte der lutherischen Erweckungsbewegung. Er war dem Sohn ein großes Vorbild, was sich nicht nur in der theologischen Positionierung, sondern auch in der engen Verbindung von Professur und Predigtamt zeigt. Jasper stellt hier also – und das kann vermutlich stellvertretend für dieses Milieu in jener Generation gelten – das Bild eines jungen Mannes dar, „aufgewachsen im vaterländischen Stolz nach der Bismarckʼschen Reichseinigung, geprägt durch den christlichen Geist eines lutherischen Pfarrhauses aus dem Umfeld der niedersächsischen Erweckungsbewegung, dessen tiefe Frömmigkeit sich mit einer großen Weite des Horizontes und der Interessen für Kunst und Kultur – Althaus hätte damals wohl gesagt: für deutsche Kunst und Kultur – verbindet“ (32).

Ausführlich schildert der Autor Schul- und Studienzeit sowie anschließend die Erlebnisse während des ersten Weltkrieges. Althaus verbrachte den Krieg nicht direkt an der Front, sondern in vornehmlich friedlichen Regionen.ii Den Krieg betrachtete er als „legitimes Mittel des aufgegebenen Ringens der Völker um ihr Leben und die Verwirklichung ihrer Gaben“ (70). Erkennbar ist hier das Geschichtsbild, das er während seines Geschichtsstudiums vom Neo-Rankeaner Max Lehmann vermittelt bekam: jedes Volk habe seine Gabe und seine Aufgabe, für die es im Notfall auch zu kämpfen habe.iii Die Problematik dieser Auffassung zeigt Jasper deutlich:

„wer die Völker und Nationen als Teile der Schöpfungsordnung begriff, für den lag die Versuchung nahe, in diesen politischen Aktionen Bismarcks den Vollzug des göttlichen Willens zu erkennen. Das prägte die im Kaiserreich aufgewachsene Generation, zu der Althaus gehörte. Die politische Problematik, die in der Verabsolutierung des Volksbegriffs und in der Übertragung des Rankeschen Gleichgewichts-Modells der europäischen Großmächte auf die Weltpolitik lag, war den Zeitgenossen nicht bewusst. Diese Erkenntnis wuchs im Grunde erst nach 1945“ (71).

Nationale, patriotische Töne sowie eine deutliche Kriegsbejahung sind also deutlich vernehmbar. Dennoch, so hält Jasper fest, war Althaus das „Nichtaufgehen des Religiösen im Nationalen“ (79) bewusst. Die Ereignisse im November 1918 lösten daher einen tiefen Schock aus. Seine Deutungen der Nachkriegszeit sind ausgezeichnet durch ein „Ineinander von Politik und Theologie, von Wissenschaft und Kirche, von beruflicher Karriere und Familienglück“ (89), die Jasper scharf konturiert und ausgiebig nachzeichnet. Besonders hervorzuheben ist dabei, dass der Autor Althaus im Kontext seines Milieus und seiner Frömmigkeit betrachtet.iv

Aber auch die persönlich-familiären Ereignisse sowie den beruflichen Werdegang jener Jahre nimmt Jasper genau in den Blick und bietet so auch einen interessanten Einblick in die zeitgenössische akademische Welt. Den beruflichen Höhepunkt bildet dabei Althausʼ Berufung 1925 nach Erlangen, wo er der Fakultät zusammen mit Werner Elert zu einer zweiten ‚lutherischen Blüte‘ verhalf. Präsent bleibt dabei aber immer die Schmach der Niederlage des Ersten Weltkriegs. So verwundert es nicht, dass Althaus den Ereignissen von 1933 zunächst hoffnungsvoll entgegenblickte.

Klar, aber mit teilweiser apologetischer Absicht zeichnet Jasper nach, wie und aus welchen Gründen Althaus den neuen völkischen Aufbruch guthieß, der Partei und Hitler gegenüber aber auch skeptisch war. Die Auseinandersetzung mit den Deutschen Christen etwa betrachtet der Autor „argumentativ von seiner Theologie der Schöpfungsordnungen ausgehend, in der das Volk zwar eine besondere Rolle spielt, aber stets begrenzt bleibt durch die christliche Botschaft“ (230). Das Ja zu einem „ademokratisch-autoritären Führerstaat“ (233) kann und will Jasper nicht schönreden. Eine ungebrochene Begeisterung für den Nationalsozialismus sieht er allerdings nicht.v Vielmehr versucht Jasper, Althaus differenziert als national-konservativen Theologen darzustellen, der einerseits kein Freund lauter Auseinandersetzungen ist, andererseits aber etwa auch für eine theologische Begrenzung der Obrigkeit eintritt. Jasper zeigt Althausʼ nicht ganz durchsichtige Rolle etwa beim Erlanger Gutachten zum Arierparagraphen oder dem auf die Barmer Erklärung folgenden Ansbacher Ratschlag. Auf der anderen Seite hebt er besonders kritische Töne bspw. gegenüber der Eugenik oder den Deutschen Christen hervor, die Althaus sogar ein Publikationsverbot für einzelne Schriften einbringen. Sein Kampf um die Unabhängigkeit der Kirche, in dem er eng mit dem später umstrittenen bayerischen Landesbischof Meiser zusammenarbeitete, wird jenseits moralischer Bewertungen und üblicher Klischees aufgezeigt – auch wenn die politische Kurzsichtigkeit, die der Autor Althaus unterstellt, an manchen Stellen nicht ganz zusammenstimmt mit dem sonst so reflektiert und klug dargestellten Protagonisten. Vielmehr wird sein Handeln häufig auf eine „Anti-Barth-Fixiertheit“ (z.B. 250) zurückgeführt, womit sicher eine für Althaus wichtige Triebfeder benannt ist.

„Äußerte sich Paul Althaus zur Innenpolitik im Dritten Reich immer wieder voller Kritik und Skepsis, so waren die Töne zur Außenpolitik eher euphorisch und voller Zustimmung“ (300). Althaus ging wohl – wie so viele dieser Generation – der Inanspruchnahme des Unrechts von Versailles durch Hitler ‚auf den Leim‘. Doch auch diese Begeisterung ließ nach, nicht nur durch den Verlust des ältesten Sohnes. Ein weiteres Verdienst dieses Buches ist, dass Jasper nicht den Erzählungen der frühen Nachkriegszeit ‚man habe davon ja nichts gewusst‘ Glauben schenkt, sondern im Gegenteil am Beispiel Althaus aufzeigt, dass „die Kenntnisse der NS-Verbrechen schon während des Krieges weiter verbreitet waren“ (309).

Ob dieser Zweideutigkeit Althausʼ während der Zeit des Nationalsozialismus wundert es kaum, dass seine Rolle danach schwer zu bestimmen war. So wurde er zwar zunächst 1945 wieder als Dekan der theologischen Fakultät eingesetzt, aber nach Kritik an der ungenügenden Entnazifizierung der Erlanger Universität 1947 vorübergehend, bis 1948, entlassen.

Eine weitere Stärke dieses Buches ist die Darstellung der Verarbeitung der NS-Zeit. Zum einen zeigt Jasper am Beispiel Althaus eine typische Entwicklung auf, die er kontextualisiert und dabei versucht, von ‚unserem‘ Standpunkt 70 Jahre nach dem Krieg zu lösen. Auch die Moralisierungen, die es teilweise durch Karl Barth und seine Schule gab, zeigt er auf – ohne selbst ins Moralisieren zu geraten.

„Die ‚Buß-Anforderungen‘, die Karl Barth in der Wahrnehmung von Paul Althaus stellte, muss man mit bedenken, wenn man das offensichtlich komplizierte Verhältnis des Erlanger Theologen zu seiner eigenen speziellen ‚Schuld‘ im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus analysieren will. Pointiert gesagt: Althaus sah z.B. den Ansbacher Ratschlag als theologisch notwendige Korrektur und Ergänzung zur von Barth geprägten Barmer theologischen Erklärung und eben nicht als Zustimmung zum Nationalsozialismus und zu den Deutschen Christen. Die offenkundig nicht mit bedachte oder vorher nicht erkannte Missbrauchbarkeit des Ratschlags durch die Nazis galt ihm in seiner oben geschilderten Begrifflichkeit nicht als persönliche Schuld, sondern allenfalls tragische Verstrickung guter Absichten“ (346).

Dieses Zitat zeigt deutlich die schon genannte (Anti-)Barth-Fixiertheit. Auch wenn Althaus seine ‚Schuld‘ nicht deutlich bekannte, lassen sich Änderungen im Geschichtsverständnis und besonders in der sog. Kriegstheologie darstellen. Allerdings zeigt Jasper auf, dass Althaus sich in persönlichen Gesprächen und Korrespondenz, die der Autor sorgfältigst aufgearbeitet hat, deutlich offener und korrekturbereiter gab als in seinen Publikationen. Hier gibt Jasper ebenfalls Einblicke in das Gelehrten-Milieu – nicht ohne dabei Kritik an dieser Haltung zu üben.

Es zeigt sich, dass Althaus sich nicht völlig veränderte, sondern auch in der frühen BRD seinen Konservatismus vertrat. Beispielhaft sei hier die Kontroverse zwischen Barth und Althaus bezüglich der Todesstrafe genannt. Anhand dieser Diskussion kann Jasper die unterschiedlichen Perspektiven darstellen, die die beiden Theologen einnahmen: während Barth immer zugleich politisch argumentiere, trenne Althaus diese Sphären und argumentiere theologisch von der von Gott gegebenen Obrigkeit. Jasper führt an, dass Althaus „eindeutig in rückwärts gewandter Begrifflichkeit“ (368) dachte.

Weiterhin können die Darstellungen der Althaus-Rezeption als Exempel gelten, wie in Deutschland mit solch mehrdeutigen Positionen umgegangen wurde. Jasper fordert eine differenzierte Wahrnehmung sämtlicher Dimensionen und keine einseitige Fixierung auf theologische Anfälligkeiten (vgl. Lehre von den Schöpfungsordnungen).vi

Was in der Zeit des Nationalsozialmus als Nachteil erscheint, versucht der Autor am Ende ins Positive zu wenden, in dem er Althaus als Theologen „in seiner Zeit“ betrachtet und konstatiert, dass dies vom „Seelsorger und Theologen Althaus zugleich als normativer Auftrag verstanden wurde, für seine Zeit zu leben, in seiner Zeit zu predigen und zu lehren“ (409).

Neben diesen interessanten Darstellungen zu Althausʼ Stellung in der Zeit des Nationalsozialismus lässt sich Japser nicht nehmen, die Fülle an Schriften und das wissenschaftliche wie kirchliche Renommee des Erlanger Theologen gebührend zu erwähnen. Immer wieder wird betont, wie beliebt, geschätzt und erfolgreich Althaus in sämtlichen Bereichen war. Beachtenswert ist ferner die detaillierte und sorgfältige Aufarbeitung der Korrespondenzen, die Jasper über Briefwechsel und andere persönliche Quellen erschließt. Er vermittelt damit das Gesamtbild einer Person in ihrer Zeit, das sicherlich manch positive Vereinnahmung mit sich bringt, was aber angesichts der Fülle des Materials und der historisch wie sozialwissenschaftlich und – was sehr bemerkenswert ist – auch theologischen Sorgfalt dem Autor zu verzeihen ist. Zwar mag die Theologin an manchen Stellen verwundert sein über die Darstellung ‚theologischer Selbstverständlichkeiten‘. Aber das ist dem Politikwissenschaftler Jasper mehr als nachzusehen. Gerade für Theologen bietet das Buch eine erfrischende Aufarbeitung der NS-Zeit am Beispiel Althaus – eben jenseits der sonst herkömmlichen Einteilungen und Klischees sowie der in der Nachkriegszeit vorherrschenden eigentümlichen Vermischung und Moralisierung theologischer und politischer Positionen. Hier werden die Verquickungen der verschiedenen Positionen deutlich gemacht, aber auch Zeitgebundenheit sowie Verantwortung hervorgehoben.

Das Buch ist nicht nur wegen der Person Althausʼ allein, sondern durch die ausführliche Besprechung der Korrespondenz gerade auch als Skizze der Zeit und der verschiedenen Verbindungen der Theologen – jenseits der theologischen Richtungen – ein Gewinn.

i Eine ausführlichere Skizze dieses Buches, die Paul Althausʼ berufliche und private Stationen genauer nachzeichnet, bietet die Rezension von Gert Haendler, in: ThLZ 138 (2013), 976-979. Vgl. auch die Rezension von Hans-Martin Barth, in: Luther 83 (2012), 202-204. Barth geht dem Buch etwas kritischer und „persönlicher“ nach.

ii Althaus meldetet sich zunächst freiwillig als Hilfssanitäter und war dann als Lazaretts- sowie Gouvernementspfarrer in Lodz.

iii Mit seinem Volksbegriff steht Althaus ganz in Herderʼscher Tradition, wenn er den je eigenen Charakter eines Volkes – ohne Hierarchisierung – betont. Jasper hebt jenes Althausʼsche vor-säkulare Geschichtsverständnis immer wieder hervor und erklärt damit die ein oder andere ‚Fehlinterpretation‘.

iv So zeugen seine Ausführungen dieser Zeit etwa von einem deutlichen Anti-Individualismus, der eben jene Gedanken zu Volk und Nation prägte.

v Vgl. bspw. Jan Rohls: Protestantische Theologie der Neuzeit, Band II: Das 20. Jahrhundert, Tübingen 1997, 417f. oder Heinrich Assel: Art. Althaus, Paul, in: RGG4, Band 1, 1998, 373.

vi Vgl. etwa die Auseinadersetzung Jaspers mit Bernd Hamm.