Theologische Biographien – 5: Martin Luther

von Tobias Stäbler, Jena

Rezension zu: Armin Kohnle: Martin Luther. Reformator, Ketzer, Ehemann, Holzgerlingen/Leipzig 2015.

Das unwiederbringlich Unzeitgemäße aufzuzeigen, das maßlos ungeschichtliche Erinnern abzuwehren, und anzuschreiben gegen die magnetische Unfähigkeit, eine polarisierende Figur auszuhalten — das ist die erklärte Absicht dieser großformatigen, in großzügigem Satzspiegel zweispaltig gesetzten Einführung in Leben und Werk Martin Luthers.

Armin Kohnle, Professor für Kirchengeschichte an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig, schreibt die Geschichte der Lutherbiographien nicht etwa mit einem eigenen Entwurf fort, eine markante These sucht man in diesem Buch vergebens. Er schreibt vielmehr in die umgekehrte Richtung: kritisch gegen die spekulativen Wucherungen und verklärenden Irrlichter nationalistischer und hagiographischer Lutherdeutungen. Und das gelingt ihm mit vorzüglicher historisch-kritischer Vernünftigkeit ohne ikonoklastisches Auftrumpfen oder Defätismus. Sein Stil ist immer flüssig und klar, weder zu komplex noch banal, wie es einer Einführung für interessierte Laien und für Studenten im Grundstudium ansteht.

Schon formal hebt sich dieses Buch gegenüber den zahlreichen Lutherbiographien der letzten Jahre ab: zahlreiche großformatige Abbildungen illustrieren das Geschriebene. Es fällt auf, dass ein Großteil dieser — ihrerseits erzählenden — Abbildungen aus dem 19. Jahrhundert stammt. Aus einer Zeit also, als man eine ganz eigene Lebensgeschichte des Reformators zu erzählen bestrebt war. Interessanterweise tut sich dadurch ein Kontrast auf zwischen diesen erhabenen Vorstellungen von Luthers Leben und Kohnles Darstellung, die gegen eben solche „Vorstellungen“ anschreibt. Diese Differenz ist auf vielen Seiten zu greifen und erscheint als ein Beweggrund, aus dem heraus Kohnle seine Leitfragen gewinnt. Fraglich ist freilich, ob dieser subtile Dialog zwischen Text und Abbildungen dem Leser hinreichend deutlich wird. Erläuternde Kommentare oder ausführlichere Bildunterschriften wären zumindest hilfreich gewesen.

Um die inhaltlichen Schwerpunkte dieser Einführung zu erfassen, kann man sich am Untertitel des Buches orientieren: „Reformator, Ketzer, Ehemann“. Bereits diese drei Stichworte verdeutlichen die drei ineinander geblendeten Perspektiven sowie die Absicht der Darstellung: Luther kommt zunächst als Reformator in den Blick. Leitfrage ist hier, wie und vor allem wann Luther zum Reformator wurde. Entschieden wendet sich Kohnle gegen ätiologische Linearisierungen und Determinierungen der Biographie ex post; er verhandelt zwar die Frage nach der Historizität des Thesenanschlags und die nach einer „reformatorischen Wende“, vermeidet aber eindeutige Datierungen und verweist überdies auf die Unerheblichkeit einer Antwort für die geschichtliche Bedeutung Luthers.

Eng zusammen hängt damit die zweite Perspektive auf Luther als „Ketzer“. Der Autor betont die kirchliche, theologische, religiöse Gemengelage der frühen Reformationszeit, um dem noch immer populären Vorurteil zu wehren, Luther habe die Abspaltung einer evangelischen Kirche intendiert.

Der dritte Blickwinkel auf Luthers Leben – Luther als Ehemann – fällt asymmetrisch gegenüber der kirchen- und theologiegeschichtlichen Betrachtungsweise ab und wird sowohl beiläufig, als auch in einem eigenen zehnten Kapitel abgehandelt. Die Rekonstruktion von Luthers Privatleben bedient aber keineswegs biedere Klatschgelüste. Im Gegenteil: diese Stellen dienen einem doppelten argumentativen Zweck. Einerseits veranschaulichen sie wiederum die Zeitgebundenheit Luthers, auf die es Kohnle ankommt; andererseits reagieren sie auf populäre Missverständnisse und Zerrbilder, die man gewinnen könnte, kennt man Luther nur von markigen Aussprüchen, Aphorismen und Kalendersprüchen her.

Doch wie arrangiert Kohnle die historischen Fakten unter diesen drei Gesichtspunkten?

In 14 Kapiteln verfolgt Kohnle den Lebensweg Luthers. Zeitgeschichtliche Panoramen, Aufklärung von Hintergründen erfordern Brüche und Verzögerungen der Chronologie. Immer aber ist die Darstellung stringent, verliert sich nicht in Mannigfaltigkeit der möglichen Bezüge. Die Gliederung erscheint über weite Strecken konventionell und wohl temperiert, erinnert stark an den Aufbau einer kirchenhistorischen Überblicksvorlesung zur Reformationsgeschichte. Man muss folglich auf die Proportionen der Kapitel achten, um die Besonderheiten dieser Einführung in Luthers Leben und Wirkung zu erheben.

Das erste Kapitel führt umfassend in die zeitgeschichtlichen Umstände ein; Kapitel zwei bis vier heften sich dicht an die persönliche Entwicklung des jungen Luther. Mit dem fünften Kapitel („Die Entdeckung des Evangeliums“) wird die Darstellung vielschichtiger, verliert an Tempo, gewinnt aber an theologischer Tiefe. Denn hier steigt Kohnle ein in die Kontroversen um ein Proprium reformatorischer Theologie, näherhin um Entwicklung und Koordinatensystem der „Theologie Luthers“. Programmatisch eröffnet Konhle dieses Kapitel mit dem Grundsatz, wonach „Luthers theologische Entwicklung […] nicht von seiner Biografie und auch nicht vom zeitgeschichtlichen Kontext gelöst werden [kann].“ (S. 60) Kohnle enthält sich aller Systematisierung; vorsichtig spricht er von der Rechtertigungslehre als einer „Zentralerkenntnis“ (S. 63) und benennt Grundunterscheidungen (vgl. S. 66).

In den folgenden Kapiteln sechs bis neun verbreitert Kohnle das Blickfeld; Luther wird als „Teamplayer“ im Kreise der Wittenberger Theologen beschrieben, die politischen Strukturen und Entwicklungen (Reichstage, kursächsische Religionspolitik) werden skizziert, die vielfachen Fronten der Wittenberger Theologie werden abgesteckt.

Aus dieser reichs-, ja in ihrer Wirkung weltgeschichtlichen Totale, zoomt das folgende Kapitel hinein in das häusliche Familienleben Luthers. Der streitbar-epochale Theologe erscheint in Zimmergröße; es geht, natürlich, um Katharina von Bora, den berühmten Haushalt in Wittenberg, aber auch um Luthers Verhältnis zu seinen Kindern. Kohnle liefert allerdings keine anekdotische Befriedigung nachbarschaftlicher Neugier und Lust am Einblick in die kleinen Sorgen eines großen Mannes. Gerade dieses Kapitel verdeutlicht die Geschicklichkeit, mit der Kohnle sich der Person Luthers annähert und mit der er sich dann auch distanziert.

Nach einem kurzen, diastolischen Panorama der politischen (Kap. 11) und sozialen (Kap. 12) Entwicklungen der Reformation kehrt die Darstellung systolisch zurück zum alten, verhärteten Luther und seinen Feindbildern (Kap. 13) von Täufern, Türken, Juden, Papst und vielen anderen. — Feindbilder, die er in ihrer biographischen Entstehung, Veränderung und Widersprüchlichkeit erklärt. Kohnle bettet den vor Enttäuschung wütend gewordenen Luther ein in die Verhältnisse seiner Zeit und versucht abschließend eine ausgewogene Würdigung auch seiner feinfühligen Seiten (vgl. S. 197).

Der Schritt zum letzten Kapitel, einer Rekonstruktion der Monumentalisierung Luthers im Laufe der deutschen Erinnerungsgeschichte, ist entsprechend klein. Luthers Biographie über seinen Tod hinaus auszudehnen erscheint angesichts der Feierlichkeiten 2017 überaus sinnvoll. So sehr der Autor die Art und Weise der Erinnerung Luthers kritisiert, so entschieden hielte er es für fatal, Luther vergessen zu machen. – Die neurotische Forderung eines unhistorischen Zwangsaktualismus mancher evangelischen Christen, dem Kohnle eine „verantwortungsvolle Geschichtsschreibung“ (S. 214) entgegensetzt, wie er sie in dem hier besprochenen Band exemplarisch vorführt. Und was bedeutet das für die Beschäftigung mit Luther? Es bedeutet erstens, Luther in seinem Kontext zu verstehen, d.h. nicht von seiner Wirkungsgeschichte her. Es bedeutet zweitens, „Zeitbedingtes und zeitlos Gültiges zu unterscheiden“ (S. 214f.). Und zeitlos Gültiges, so der Autor, gebe es bei Luther allemal, und deshalb dürfe, ja müsse man sich auf Luther auch heute noch berufen. Mit dieser klaren These schließt das Buch. Ein Buch, mit welchem dem Autor eine historiographische Abkühlung des Treibhausklimas konfessioneller, nationalprotestantischer oder geschichtsvergessener Lutherdeutungen gelungen ist. – Im besten Sinne eine Hinführung also nicht nur zu Luther, sondern dank Exkursen, Infokästen, Karten, Grafiken, Zeitstrahl, Literaturempfehlungen und Glossar auch eine moderate Einführung in die Reformationsgeschichte.

Tobias Stäbler (Dipl.-Theol.), geboren 1988, hat Evangelische Theologie in Tübingen, Jerusalem und Jena studiert. Derzeit ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kirchengeschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und promoviert dort bei Prof. Dr. Christopher Spehr über das Gebet im frühen Luthertum.

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