How to become a Lutheran – Lutheraner in 9,5 Schritten

von Tobias Graßmann

Das Reformationsjubiläum 2017 naht und auch unser Netzwerk kann diese Sache nicht länger totschweigen – ungeachtet dessen, dass für all die guten Lutheraner, die jeden Tag mit dem Morgensegen des großen Reformators auf den Lippen beginnen, sowieso immer Reformationsjubiläum ist.

Denn es ist zu vermuten oder jedenfalls nicht auszuschließen, dass sich da draußen der ein oder die andere fragt: Ich würde bei dieser großen Protestantensause (sic!) ja gerne mitfeiern, aber muss man dafür nicht Lutheraner sein? Ist das nicht schrecklich kompliziert und anstrengend, so wie dieser Protestantismus immer beschrieben wird? Was muss ich denn tun, um unter Lutheranern nicht weiter aufzufallen?

Um allen katholischen Schwestern und Brüdern, interessierten areligiösen Zeitgenossen oder auch diesen unierten EKD-Protestanten, die gar nicht so recht wissen, welche Konfession sie noch einmal hatten, aus dieser misslichen Lage zu helfen:

Hier kommt, mehr als rechtzeitig für Refo2017, ein kurzes „How to become a Lutheran“ aus der Feder des lutheranus vindelicus.

1. Sei Pessimist!

Ein guter Ausgangspunkt ist, sich wie Luther ein negatives (sprich: realistisches) Weltbild und das dazu passende Menschenbild zuzulegen. Die Welt wird regiert von undurchsichtigen Mächten, in die wir alle irgendwie mit verstrickt sind. Na klar, der Mensch ist schließlich von Grund auf Sünder! Das bedeutet: Selbst die Besten unter uns sind radikal unfähig, mit Gott, sich und den lieben Mitmenschen im Reinen zu sein. Kein Wunder, dass in der Geschichte kein Fortschritt zu beobachten ist, sondern eher eine Wellenbewegung bei grundsätzlich negativem Vorzeichen. Lange Zeit galt so ein pessimistisches Weltbild als total altmodisch. Passend zum Reformationsjubiläum ist es heutzutage wieder voll angesagt!

2. Mut zur Sprachgewalt!

Irgendein Schöngeist hat Luthers Sprache mal als „muskulös“ bezeichnet. Darin sollte man dem Reformator unbedingt nacheifern! Gönne dir eine emotionale, bildgewaltige, mal blumige, mitunter derbe, in jedem Fall überschwängliche Sprache. Bürokratendeutsch und Pädagogensprech statt flammenden Reden – leider auch in evangelischen Kirchen Alltag. Aber Rhetorik ist kein Verbrechen, sondern der Grund, weshalb Leute dir gebannt zuhören! Also: Echte Lutheraner klingen wie Gottfried Benn, Ingeborg Bachmann oder meinetwegen auch Haftbefehl. Nicht wie der Beipackzettel einer Kopfschmerztablette!

3. Denke theologisch radikal!

Was für die Sünde und die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen gilt, passt eigentlich immer: Gottes Allwirksamkeit, Gottes Freiheit, seine Gnade, seine Selbsterniedrigung am Kreuz. Die Unfehlbarkeit der Schrift. Den Ernst des Todes und das Nichts. Denke alles, was mit Gott zu tun hat, möglichst radikal und bis zum bitteren Ende. Denke unbedingt bis dorthin, wo das Denken über Gott vor lauter Radikalität weh tut! Ergreife nicht zu schnell die Flucht vor diesem Schmerz. Lutheraner nennen das Anfechtung…

4. Sei inkonsequent!

Jetzt könnte man meinen: So radikales Denken muss doch zwangsläufig zu unmenschlichen Konsequenzen führen! Das ist weit gefehlt. Denn typisch lutherisch ist vielmehr, erst radikal zu denken – und dann eben herrlich inkonsequent zu sein! Beides gehört zusammen. So weit, so inkonsequent! Man hat dem Luthertum oft vorgeworfen, mit der Reformation auf halber Strecke halt gemacht zu haben. Na und wenn schon? Wer hat eigentlich den Unsinn in die Welt gesetzt, Inkonsequenz sei ein Problem? Der Typ (sicher ein Mann!) muss Katholik oder Calvinist gewesen sein! Ein konsequenter Gott hätte uns alle längst in die Hölle gestoßen! Inkonsequenz ist barmherzig, flexibel, sympathisch, menschlich.

5. Wisse, was unverhandelbar ist!

Die Inkonsequenz findet dabei wiederum ihre Grenze bei den wenigen Grundsätzen, die schon für Luther schlechthin unverhandelbar waren (ist das jetzt inkonsequent?). Ein Lutheraner muss wissen, wohin er sich in der Anfechtung flüchten darf, wo es für ihn ums Ganze geht und wo er sich im Zweifel auf sein Gewissen berufen muss. Dabei ist vor allem Jesus Christus wichtig und die Botschaft, dass Gott uns Sünder allein aus Gnade annimmt. Das darf man nie ganz aus dem Blick verlieren. Sonst drohen Fundamentalismus und Werkgerechtigkeit – das, wovor man sich als Lutheraner am meisten fürchten sollte.

6. Suche den Mittelweg!

Wie nahm Luther seine Welt wahr? In etwa so: Rechts lauert der Papist, links wüten die Schwärmer. Fühle dich ein in den typisch lutherischen Zweifrontenkampf. Diese Denkfigur lässt sich eigentlich auf jedes Problem anwenden. Also meide die theologischen, politischen und moralischen Extreme! Vergiss nie, dass man auf zwei Seiten vom Pferd fallen kann! Suche den Mittelweg und gehe ihn! Im Zweifelsfall wähle einen Schlingerkurs. (Vorsicht: Manche Lutheraner meinen, wo auch immer sie gingen, sei automatisch die Mitte. So einfach ist es natürlich nicht!)

7. Werde Lutherfan!

Pünktlich zum Reformationsjubiläum melden sich viele kluge Leute, die mal voll kritisch nachfragen wollen: „Wieso eigentlich immer nur Luther? Oekolampard und Argula von Grumbach sind doch auch total wichtig!“ Das mag stimmen. Aber dass es noch viele spannende Theologinnen und Theologen zu entdecken gibt, bedeutet ja nicht, dass sich die Beschäftigung mit Luther nicht lohnen würde. Ja, es lohnt sich auch heute noch, Luther zu lesen! Wer Luther liest, findet das Großartige und das Absonderliche, das Überragende und das Abgründige auf engstem Raum – versprochen: Man langweilt sich nicht! Luther ist einfach ein total spannender Theologe.

8. Ach, und vergiss Luther!

Sicher, man sollte mit Luther und seinem Werk gelassen umgehen. Nichts ist unlutherischer, als Luther zum Heiligen erheben zu wollen. Natürlich entstammt sein Denken einer fremden Zeit und manches war auch damals schon echt schräg. Picke dir raus, was dich überzeugt! Das machen alle Lutheraner so. In einem selbstkritischen Moment hat Luther einmal gesagt, dass eigentlich nur seine beiden Katechismen und seine Streitschrift „Vom geknechteten Willen“ wirklich von bleibendem Wert seien. Ironischerweise sind gerade bei der Schrift zur Willensfreiheit nur die wenigsten Lutheraner seinem Urteil gefolgt.

9. Und was ist mit der Bibel?

Luther las die Bibel mehrmals jährlich durch, er soll sie in weiten Teilen auswendig gekannt haben. Wow! Dank der Suchfunktion von http://www.die-bibel.de und guter Nachschlagewerke ist eine so überragende Schriftkenntnis heute nicht mehr ganz so wichtig. Aber es schadet trotzdem nicht, die Bibel immer wieder mal zur Hand zu nehmen! Man muss schließlich wissen, wonach man googlen will! Keine Sorge, ein paar Jesusgeschichten zu kennen macht noch keinen zum Fundamentalisten. Und wer die restlichen Ratschläge treu befolgt (v.a. 4. – 6.) ist gegen Fundamentalismus sowieso immun.

9,5. Geheimtipp: Glaube kommt durch das Ohr!

Neben der Bibel hat Luther auch die Musik sehr geschätzt! Das zieht sich bis heute durch: Lutheraner sind in der Regel sehr stolz auf ihr Liedgut von Paul Gerhardt bis Clemens Bittlinger. Jede und jeder, der sich ein bisschen mit dem evangelischen Gesangbuch beschäftigt, versteht warum: Vieles, was sich zuerst einmal sehr komisch anhört, klingt total überzeugend, wenn man es aus voller Brust schmettert: „Oh Haupt voll Blut und Wunden…!“ „Und wenn die Welt voll Teufel wär …!“ „Ịns Wasser fällt ein Stein …!“ Unbedingt ausprobieren! (Das geht am besten in der Gruppe. An vielen Orten treffen sich Lutheraner Sonntag Vormittag, um gemeinsam zu singen, zu beten, Bibeltexte zu hören. Warum da nicht einmal vorbeischauen?)

Du siehst: Lutheraner zu werden ist gar nicht so schwer! Bis zum Reformationsjubiläum ist noch mehr als genug Zeit…

 

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