Lecker Luthertomate – alles Kult, Kitsch und Kommerz?

von Julian Scharpf

Im Jahr 2017 wird der Protestantismus seine legendäre Feierwut unter Beweis stellen und mit seiner zum Markenzeichen gewordenen guten Laune und Unbeschwertheit die ganze Nation anstecken.

Naja. Zumindest ist der Reformationstag gesetzlicher Feiertag und alle haben frei.

Zu der Routine gewordenen Vorbereitung solch eines Ausnahmefestes gehört auch die thematische Dekoration. Wer will schon bei der Lutherparty unangenehm auffallen, weil er das Halloweenkostüm vom Vorjahr aufträgt? Wie peinlich ist es denn, wenn man in der Church Night den Konfirmanden die langweiligen Butterkekse statt den Lutherkeksen anbietet? Wo bekommt man so schnell eine Kopie der Bannandrohungsbulle her, wenn man mal wieder ein Buch verbrennen möchte?

Damit man solche unangenehmen Situationen umschiffen kann, bieten kirchliche Werbemittelhändler ein großes Sortiment von Luther-Devotionalien an. Einem protestantischen Theologen bereitet diese Vermarktung natürlich, wie alles andere, auch Stirnrunzeln.

Er fragt sich:

Ist der Luther-Kult mit Accessoires wie der Playmobilfigur einfach ein spielerischer Zugang zum besseren Verständnis der reformatorischen Einsichten oder bleibt es beim Marketing-Gag? Ist das Heiligenverehrung mittels Devotionalien und somit genau das Gegenteil dessen, was Luther wollte? Es liegt schon nahe, dem ganzen Vorgang einen Personenkult zu unterstellen, der den Ruf zur Sache, den Verweis aufs Evangelium, vermissen lässt.

Andererseits: Ist das schon wieder zu protestantisch-verkopft gedacht? Sollten wir den Leuten nicht einfach mal den Spaß an einer kirchlichen Figur lassen? Wie oft strahlt denn unsere Kirche schon unkomplizierte Freude und Genuss ohne Reue aus?

Wenn sich vom Produkt schon keine Verbindung zu Christus ziehen lässt, dann vielleicht wenigstens zur Person Luther. Wahrscheinlich lassen sich die neuen Luther Apfelbonbons ja mit dem vermeintlichen Zitat „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ rechtfertigen.

Bei der Lutherrosen-Schablone, mit der sich der Milchschaum eines Cappuccinos verzieren lässt, fällt die Verknüpfung ungleich schwerer.

Andererseits: Vielleicht verpacken bei dieser Betrachtung ja nur Akademiker ihr ästhetisches Unbehagen in theologische Argumente.

Ich sehe vor meinem geistigen Auge die verdrießlich dreinschaunenden PfarrerInnen, die sich 2017 über die Volksfestatmosphäre der Reformationsfeierlichkeiten mokieren. Ich wünsche ihnen beherzte und kernige Gemeindeglieder, die ihnen mit Bier zuprosten und sich beim Feiern von den Theologen nicht stören lassen. Wie meinte Dr. Martinus doch gleich: „Traurige Leute soll man mit Essen und Trinken erquicken.“

Vielleicht ist ein großes Lutherfest mit Lutherbier und Lutherwurst einfach die Demonstration einer theologisch begründeten Lust an den Gaben der Schöpfung. Die Veranschaulichung der Einsicht, dass Askese uns Gott nicht näherbringt. Eine Fröhlichkeit, die einem tiefen Gottvertrauen entspringt. Und wenn Luther dafür steht, ist doch schon etwas gewonnen.

Allen Kulturpessimisten sei außerdem gesagt, dass es unsere Vorfahren mit dem Lutherkult noch ärger trieben. So sollen schwedische Soldaten im Dreißigjährigen Krieg Zahnstocher aus Luthers Totenbett gefertigt haben, die sie von Zahnschmerzen befreien sollten. Die Weimarer Großherzogin Maria Pawlowna war stolze Besitzerin eines angeblich Luther gehörenden Löffels. Die Luthermemoria bewegte sich wohl schon immer irgendwo zwischen Reliquienkult und Banalisierung.

In diesem Beitrag sollen die auffälligsten Luther-Artikel, die uns so ins Auge gefallen sind, aufgelistet und kommentiert werden. Wir freuen uns über weitere Hinweise und Links in der Kommentarspalte.

Die Playmobilfigur

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http://www.komm-webshop.de/produkte/luther-2017/martin-luther-playmobil-figur.html

Mit ihr fing alles an. Wie der Thesenanschlag 1517 elektrisierte sie die Massen. Ausverkauft innerhalb von 72 Stunden. Ein Beispiel für den gelungenen ironisch gebrochenen Umgang mit der Ikone. Playmobil entspricht aber leider nicht dem Wunsch der Massen, eine dazu passende Wartburg herzustellen.

Der Reformationshammer

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http://www.komm-webshop.de/produkte/luther-2017/der-reformationshammer.html

Laut Artikelbeschreibung soll der Slogan „evangelisch. immer was zu tun.“ auf das reformatorische „ecclesia semper reformanda“ (die Kirche ist immer zu erneuern) anspielen. Wir dachten allerdings zuerst, dass dieses Motto die Betriebsamkeit des heilsunischeren Calvinisten aufs Korn nimmt. Vielleicht kann man es ja auch in dieser Doppeldeutigkeit stehen lassen.

Lutherol

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http://www.komm-webshop.de/produkte/luther-2017/lutherol.html

Klar, wir können auch unlustig, wenn wir wollen: „Martin Luther würde heute ein „Breitband-Theologicum für Geist und Seele“ verschreiben. Seit 500 Jahre ist die 4-fache Wirkformel Sola Gratia, Sola Fide, Sola (sic!) Christus, Sola Scriptura bewährt. Die Wirkstoffe: 90 Prozent Lutherzitate und 10 Prozent Reform-Aktive. Lutherol ist haltbar bis ans Ende der Welt.“ Danke, komm-webshop.de, danke.

Lutherbier

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http://lutherbier.de/produkte_pils.html

„Ein Pilsener, dass Luther bestimmt gut geschmeckt hätte. Ehrlich, gerade heraus und ohne Fehl und Tadel.“ Die selbstbewusste Ansage gefällt uns.

Die Luther-Tomate

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http://wittenberg-gemuese.de/

Ja gut, Wittenberg hat es nicht leicht. Irgendwie erwischt uns das Mitleid, wenn man selbst Tomaten mit dem Lutherkonterfei ausstatten muss, um sie zu verkaufen. Leider erfüllen sie mir ihrer geschmacklichen Zurückhaltung die Erwartungen aber nicht.

Für uns wäre Luther eher eine Ochsenherztomate.

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