Theologische Biographien – 1: Thomas Müntzer

von Jonathan Reinert, Tübingen.

Hans-Jürgen Goertz, Thomas Müntzer. Revolutionär am Ende der Zeiten. Eine Biogaphie, München (C.H. Beck) 2015.

Was sollen wir 2017 feiern? Auf diese Kernfrage der Vorbereitungen für das Reformationsjubiläum gibt der mennonitische Theologe und emeritierte Professor für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte (Hamburg) Hans-Jürgen Goertz in der Einleitung seiner kürzlich erschienenen Müntzer-Biographie eine klare Antwort: „die Anfänge der Reformation in Deutschland […] und nicht einen einzigen Reformator oder die ausgereifte Gestalt des lutherischen Protestantismus“ (7). Was hier als Stimme gegen eine lutherzentrierte Reformationserinnerung in den gegenwärtigen Feierlichkeiten vernehmbar ist, hat seinen Grund in einer geschichtswissenschaftlichen Debatte. Ende der 1980er, Anfang der 90er Jahre wurde ein Streit um die Reformationsdeutung ausgetragen, in dem Goertz gegen Bernd Moellers Konzept der „lutherischen Engführung“ die Polyphonie und Disparatheit der frühen reformatorischen Bewegung betonte. Deren gemeinsamer Nährboden sei der weit verbreitete Antiklerikalismus des ausgehenden Mittelalters gewesen.i Und so stellt diese Biographie auch einen Gegenpol zum Mainstream innerhalb der „Lutherdekade“ dar, denn: „Die Reformation entstand aus dem Gewirr vieler Stimmen, und Müntzers Stimme gehörte dazu.“ (ebd.) Diese Stimme ist deshalb so interessant, weil sie nicht in die sonstige Ausrichtung des Jubiläums passt, in der die Ökumene zwischen evangelischen Landeskirchen und römisch-katholischer Kirche im Fokus steht. Der Außenseiter der Reformation – so resümiert Goertz – „war ein Stachel im Fleisch seiner Kirche und Gesellschaft“ (244) und er ist es noch, sofern seiner Stimme Gehör geschenkt wird. Ebendies beabsichtigt der Autor, der im Übrigen den Vorsitz der 2001 gegründeten Thomas-Müntzer-Gesellschaft innehat, mit der Publikation einer „revidierten und erweiterten Fassung“ (9) seiner 1989 erstmals erschienenen Biographie Thomas Müntzers.

In zehn Kapiteln geht Goertz dem Leben Müntzers entlang: der (weitgehend unbekannten) Herkunft, dem Studium und der Priesterweihe (27-40), der Zeit im reformatorischen Lager in Wittenberg 1517-19 (41-54) und Zwickau 1520/21 (55-76), dem Pragaufenthalt 1521 (77-94) und der Suche nach einer neuen Wirkungsstätte 1521/22 (95-110). Darauf folgt eine Darlegung der wirkungsvollen Tätigkeit Müntzers in Allstedt 1523/24 (111-132) und seiner brisanten Fürstenpredigt (133-158) sowie ein Kapitel zur Auseinandersetzung mit Luther (159-180) und schließlich die Tätigkeit in Mühlhausen 1524/25 (181-196) bis zum Bauernkrieg und der Hinrichtung Müntzers (197-218). Der Schwerpunkt liegt erkennbar auf den letzten zwei bis drei Jahren seines Lebens – der Wirksamkeit v.a. in Allstedt und Mühlhausen. Dies liegt schlicht und einfach an der Quellenlage, die der Autor offenlegt und entsprechend häufig in aller Vorsicht formuliert. Es begegnen daher regelmäßig Formulierungen wie „Alles könnte auch anders gewesen sein.“ (105) oder „Doch mehr als eine Vermutung ist das nicht.“ (107) oder „Einen Beleg dafür gibt es allerdings nicht.“ (112) Je näher man jedoch der Zeit kommt, in der Müntzers Wirken mehr Aufmerksamkeit erhält und aus der auch mehr Briefe und Schriften Müntzers selbst erhalten sind, desto dichter wird die Darlegung und Argumentation.

Gerahmt wird die Darstellung des Lebens und Wirkens Müntzers einerseits durch ein einleitendes Kapitel, das die Zeit, insbesondere „die antiklerikale Atmosphäre“ (20), in der Müntzer aufwuchs und wirkte, charakterisiert (15-26). Andererseits wird unter dem Titel „Mystiker, Apokalyptiker, Revolutionär“ (dem Untertitel der Biographie von 1989) eine Art Gesamtcharakteristik Müntzers geboten (219-236). Die Stichworte der Mystik, der Apokalyptik und der Revolution sind in dieser Reihenfolge durchaus biographisch zu verstehen, ohne dass der Autor jedoch eine Abfolge anzeigen möchte. Den frühest greifbaren Einfluss stellt die Mystik um Johannes Tauler, Meister Eckhart und die Theologia Deutsch dar. Diese gab jedoch auch für den „späten“ Müntzer, bei dem apokalyptische Impulse und sozialrevolutionäres Wirken immer dominanter wurden, den Denkhorizont ab. So stellt sich Goertz entschieden gegen Deutungen, nach der Müntzer mit einer auf Innerlichkeit bedachten Mystik gebrochen hat, um sich in einem apokalyptischen Horizont dem Wirken in der Welt zuzuwenden: „Sieht man […] genauer hin, ist von einem Bruch überhaupt nichts zu spüren“ (231f.) Was hier exemplarisch deutlich wird und die Biographie auszeichnet – und wofür der Autor fachlich prädestiniert ist –, ist die stets enge Verbindung und Verwobenheit von Theologie und Biographie, Geistes- und Sozialgeschichte. Anders, so betont Goertz, könne man Müntzer nicht angemessen verstehen, würde man weder seiner Theologie noch seinem sozialrevolutionären Wirken gerecht. Ein abschließendes Kapitel (237-245) sucht schließlich – besonders in Kontrastierung mit Luther – nach Müntzers „Ort in der Geschichte“ (242).

Eine Biographie, die den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit hat, aber für einen breiten Leserkreis und nicht nur ein Fachpublikum geschrieben ist, bewegt sich immer in einem Spagat. Goertz gelingt es, diesen Spagat auszuhalten. Immer wieder gibt er Hinweise auf Forschungsdiskussionen und positioniert sich. Dabei wird er allerdings nicht ausschweifend, sodass der Lesefluss erhalten bleibt.

Das Buch ist somit sowohl eine spannende Biographie über einen Querkopf des frühen 16. Jahrhunderts als auch ein Forschungsbeitrag zur Reformationsgeschichte und darüber hinaus eine eigene Stimme in Bezug auf das Reformationsjubiläum. In all diesen Belangen erhält die Biographie ihre Kontur durch die teils implizite teils explizite Auseinandersetzung mit Luther und dem „Mainstream“ der (Wittenberger) Reformation. Diese Auseinandersetzung ist einerseits von der Sache her naheliegend, andererseits durch die Wirkungs- und Forschungsgeschichte nötig. In ihr wird deutlich, dass der Autor seiner Titelfigur „nicht mit gespreizter Abwehr begegnet […], auch nicht mit ungeteiltem Beifall, sondern mit kritischer Sympathie“ (12). Müntzer wird nicht aus der Perspektive der Sieger der Geschichte wahrgenommen und nicht aus der Perspektive großer geschichtlicher Zusammenhänge, sondern mit seinem eigenen Anliegen dargestellt und versucht, plausibel zu machen. Das wirft ein ganz anderes Licht auf Luther und die Geschehnisse der Reformation, als man es gewöhnt ist, zu lesen – wodurch die Lektüre auch für den reformationsgeschichtlich Bewanderten eine Bereicherung darstellt.

Erwähnenswert ist noch der Anhang, in dem neben einem Orts- und Personenregister eine Karte mit den Wirkungsorten Müntzers und eine Zeittafel beigegeben ist, auf der nicht nur die wichtigsten Eckdaten im Leben Müntzers, sondern auch diejenigen Luthers, die für das Verhältnis zu Müntzer relevant sind, sowie weitere zeitgeschichtliche Ereignisse verzeichnet sind. Beides ist angesichts des bewegten Lebens zur Orientierung hilfreich. Außerdem werden ein Kapitel mit dem bezeichnenden Titel „Verzerrte Bilder“ zur Rezeption in Kunst, Literatur und Politik sowie der Forschungsgeschichte geboten (249-274) und ein Kapitel mit Impulsen für die heutige Theologie (275-286). Gerade letzteres ist eine Anregung für Theologinnen und Theologen, auch andere Stimmen als die gängigen – und etwa in der EKD-Schrift zum Reformationsjubiläum „Rechtfertigung und Freiheit“ zitierten – wahrzunehmen.

Jonathan Reinert hat in Jena, Göttingen und Tübingen evangelische Theologie studiert und arbeitet derzeit an einer kirchenhistorischen Dissertation über Passionspredigten im frühen Luthertum in Jena. Er ist Geschäftsführer des Evangelischen Bundes Württemberg und Schriftleiter der Zeitschrift „ichthys“.

i Vgl. Hans-Jürgen Goertz, Pfaffenhaß und groß Geschrei. Die reformatorische Bewegung 1517-1529, München 1987; ders., Antiklerikalismus und Reformation. Sozialgeschichtliche Untersuchungen, Göttingen 1995.