Rezension: Wolfgang Thönissen, Luther. Katholik und Reformator

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Thönissen, Wolfgang, Luther. Katholik und Reformator, Paderborn / Leipzig 2017.

Rezensiert für www.nthk.de von Jonathan Reinert am 9. Oktober 2017, veröffentlicht am 14. Dezember 2017.

 

Während ich im Zug sitze und diese Rezension schreibe, spricht mich die neben mir sitzende Mitreisende, die das Cover des Buches entdeckt, an: „Ich bin gerade etwas verwirrt … Luther – war der nicht evangelisch?“ Gute Frage. Und entsprechend hat auch der Autor in seinem Vorwort die Frage umgekehrt vorweggenommen: „Luther – katholisch?“ (7) 2017, im Jahr des Reformationsjubiläums, das die evangelischen Kirchen groß feiern – so erkläre ich meiner Sitznachbarin –, fragt sich auch die katholische Kirche (und die evangelischen ebenso), wie sie sich zur Reformation und zu Luther verhält.

Wolfgang Thönissen, Direktor des (katholischen) Johann-Möhler-Instituts für Ökumenik in Paderborn, antwortet: Luther zeigt gewissermaßen zwei Gesichter, die im Titel wie auf dem Cover des Buches festgehalten sind. Er ist beides – Katholik und Reformator. Das eine soll aber nicht gegen das andere ausgespielt werden: „Wenn wir auch nicht leugnen können oder wollen, dass Luther der Reformator ist, so bleibt doch bedenkenswert, dass er in seinem Selbstbild katholisch sein wollte.“ (10) Katholisch zu sein müsse nicht bedeuten, „Mitglied der konfessionell identifizierbaren römisch-katholischen Konfessionskirche“ (10) zu sein, sondern könne wie im Falle Luthers anhand einer „katholischen Denkart“ (10) abgelesen werden. Wie soll das geschehen? Nach Lektüre des Buches scheinen mir vier Aspekte wesentlich:

(1.) Das angesprochene ‚katholische‘ Selbstverständnis Luthers sei ernst zu nehmen. Thönissen spricht im Anschluss an Augustinus Sander von Luthers ‚konfessorischer Katholizität‘ (vgl. 115), also dass sich Luther selbst auf Grundlage der Heiligen Schrift im Rahmen der altkirchlichen Bekenntnisse als Theologe der einen, christlichen, d.h. katholischen Kirche verstand und als solcher dachte.

(2.) Für die Verortung in der Tradition hält der Autor den Weg, den Melanchthon in seiner ‚Historia Lutheri‘ 1546 nach Luthers Tod gewiesen hat, für besonders geeignet: Von Luther zu Bernhard von Clairvaux, von Bernhard zu Paulus und von Paulus zu Augustinus (vgl. 34-41). Auf diesem Weg können man das „Beziehungsgefüge Christus, Evangelium und Glaube“ (40) als den „Anker, das Prinzip und den Ansatz der Theologie Luthers“ (40) in der kirchlich-theologischen Tradition über die Jahrhunderte hinweg verorten.

(3.) Methodisch unterscheidet Thönissen zwischen der in der genannten Tradition verwurzelten Denkart Luthers (‚der Katholik‘; vgl. 115-121) und der Wirkung seines Denkens (‚der Reformator‘), welche als Reformation incl. Kirchenspaltung bekannt ist und ein Ergebnis (kirchen-)politischer Vorgänge gewesen sei: „Luther mag als Reformator von der katholischen Kirche verbannt worden sein, seine reformerische Theologie, sein Denken ist es keineswegs.“ (41)

(4.) Schließlich seien die zahlreichen ökumenischen Gespräche und Erfolge der letzten Jahrzehnte zu würdigen und ernst zu nehmen, wodurch auch ersichtlich geworden sei, dass Luther auf dem Konzil von Trient nicht nur verurteilt, sondern auch implizit rezipiert worden sei (vgl. 102-114). Neben der Rechtfertigungslehre und dem Verhältnis von Schrift und Tradition versucht Thönissen auch an den Themen Eucharistie und Amt darzustellen: „Indem man die Denkformen, die nicht identisch sind, komplementär aufeinander bezieht, ohne sie gegenseitig zu reduzieren, werden Verständigungen zwischen ihnen möglich, die einen Konsens in Grundwahrheiten zu formulieren erlauben. Der Konsens trägt differenzierende Urteile, die sich nicht kontradiktorisch ausschließen. […] der Streit des sechzehnten Jahrhunderts [ist] zu Ende.“ (114) Das klingt toll und für die Rechtfertigungslehre hat man dies auch offiziell festgestellt. Aber sind nicht gerade Eucharistie und Amt nach wie vor die Knackpunkte der gegenwärtigen lutherisch-katholischen Diskussion? Thönissens kurzer Hinweis, im Zusammenhang der Amtsfrage seien „freilich […] noch viele Fragen ungeklärt“ (110) liest sich jedenfalls so, als handle es sich dabei nur Nebensächlichkeiten.

Das Buch ist erkennbar ein Ergebnis jahrelanger, intensiver Überlegungen. Sein Ziel ist es, theologisch Interessierten darzulegen, was es heißt, dass ‚Luther keine Spaltung, sondern eine Reform der Kirche wollte‘ – wie der quasi-offizielle Programmspruch für die Ökumene zwischen evangelischer und katholischer Kirche für das Reformationsjubiläum lautet. Geschrieben scheint es von einem Katholiken für Katholiken, die eben diese Frage beschäftigt, wie sich die (römisch-)katholische Kirche zu Luther und den Kirchen der Reformation verhalten soll. Ökumenisch engagiert und mit großer Kenntnis zeigt Thönissen: Von Luther kann man auch als guter Katholik eine Menge lernen, denn er selbst war in gewisser Hinsicht auch Katholik; sich mit ihm zu beschäftigen lohnt sich. Den evangelischen Rezensenten freut dies, weil er derselben Meinung ist.

In Endnote Nr. 6 ist im Übrigen die Information versteckt, dass es sich bei dem Büchlein um eine überarbeitete Kurzfassung des ein Jahr zuvor bei denselben Verlagen erschienenen Werkes „Gerechtigkeit oder Barmherzigkeit? Das ökumenische Ringen um die Rechtfertigung“ handelt. Obwohl das vorliegende Buch tatsächlich weitgehend in den dortigen Rahmenkapiteln eins bis drei und acht enthalten ist, hat es mit der Frageperspektive auf Luthers Katholizität durchaus etwas konzeptionell Eigenständiges.

 

Jonathan Reinert hat in Jena, Göttingen und Tübingen evangelische Theologie studiert und arbeitet derzeit an einer kirchenhistorischen Dissertation über Passionspredigten im 16. Jahrhundert in Jena. Er ist Geschäftsführer des Evangelischen Bundes Württemberg und Schriftleiter der Zeitschrift „ichthys“.

Rezension: Peter Neuner, Luthers Reformation

Neuner, Peter, Martin Luthers Reformation: Eine katholische Würdigung, Freiburg / Basel / Wien 2017.

Rezensiert für www.nthk.de von Tobias Jammerthal am 29. August 2017.
Veröffentlicht am 26.10.2017

Das Reformationsjubiläum 2017 soll in ökumenischer Verbundenheit als Christusfest gefeiert werden: ihrer sonstigen Meinungsverschiedenheiten ungeachtet, stimmen alle maßgeblichen mit diesem Jubiläum befassten Stellen und Personen hierin überein. Entsprechend hat der Ökumenische Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologen unter dem Titel „Reformation 1517-2017: Ökumenische Perspektiven“ ein schon allein der beteiligten Personen wegen hochkarätiges und gewichtiges Dokument vorgelegt; bereits 2015 hatten sich der Ratsvorsitzende der EKD und der Vorsitzende der römisch-katholischen deutschen Bischofskonferenz in einem Briefwechsel auf Eckpunkte eines gemeinsamen Wegs hin auf den 31. Oktober 2017 verständigt. Auch der Verfasser der hier vorzustellenden Studie ist kein Unbekannter: Peter Neuner, von 1985-2006 Ordinarius für Dogmatik und (seit 2000) ökumenische Theologie an der römisch-katholischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität zu München und Leiter des Ökumenischen Forschungsinstituts daselbst, ist durch seine zahlreichen Veröffentlichungen zur Ökumene bekannt, unter denen die erstmals 1997 erschienene „Ökumenische Theologie“ sicherlich nicht den letzten Platz einnimmt.

Mit „Martin Luthers Reformation“ unternimmt Neuner nun den Versuch, sich aus römisch-katholischer Perspektive theologisch positiv mit dem Denken des Reformators auseinanderzusetzen. Die Studie besteht aus einem historischen und einem systematischen Hauptteil: Neuner beschreibt zunächst die evangelische Rezeption Luthers durch die Jahrhunderte (30-66) und stellt ihr einen Gang durch die römisch-katholische Lutherrezeption zur Seite (66-107). Da die konfessionelle Aufnahme und Weiterführung der Anliegen des Reformators auf der einen und seine nicht minder konfessionelle Zurückweisung auf der anderen Seite keine Verständigungsperspektive zu bieten scheinen (27, vgl. 107), unternimmt es Neuner sodann – deutlich in der Schule Otto Hermann Peschs, dessen Andenken die Studie nicht umsonst mit gewidmet ist (15) –, auf Luther selbst zu rekurrieren: der vorkonfessionelle Theologe ist es, von dem sich Neuner Perspektiven für die Ökumene erhofft. Entsprechend widmet er sich unter der verheißungsvollen Überschrift „Worum es Luther ging“ (107-128) der Rekonstruktion der Rechtfertigungslehre und ihrer Rolle im lutherisch-römisch-katholischen Dialog seit dem Zweiten Vatikanum. Sie hatte Neuner bereits in seiner Einleitung zum Lackmustest jeder Lutherdeutung erklärt: „Sie […] hat Luthers Lehre und seinen Lebensweg zentral bestimmt. Alle anderen Aspekte seines Lebens und seiner Wirkungsgeschichte können von dieser Mitte her plausibel werden. Was ihr widerspricht, beruft sich nicht zu Recht auf ihn.“ (27). Entsprechend kann nur von der Rechtfertigungslehre aus die Frage beantwortet werden, „wer Luther war, was ihn im Tiefsten bewegt hat, was auch heute die Kirchen prägt, die sich auf ihn berufen.“ (107). – Angesichts dieser starken Worte hätte sich der Rezensent im entsprechenden Teil der Studie dann freilich auch gewünscht, dass dieses Lehrstück stärker positiv bestimmt worden wäre: während Neuner „Die Botschaft von der Rechtfertigung“ auf dreieinhalb Seiten abhandelt (118-121) und ihr im gleichen Umfang eine Kurzbesinnung zu Luthers theologia crucis folgen lässt (121-123), breitet er vergleichsweise ausführlich das aus, wogegen sich die Rechtfertigungslehre richtete (108-117) und was vor allem das Konzil von Trient gegen sie geltend machte (123-128). – Der Besinnung auf Luthers Rechtfertigungslehre folgt eine Darstellung der ökumenischen Gespräche seit dem zweiten vatikanischen Konzil (129-153), die inhaltlich in der als „Durchbruch in der amtskirchlichen Ökumene“ gefeierten Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre (GER) von 1997 / 1999 kulminiert, mit der in den Augen Neuners das Verhältnis zwischen evangelischer und römisch-katholischer eine neue Qualität erhalten hat (147). Gemeinsam gelte es nun, die Sache der Rechtfertigung angesichts aktueller Herausforderungen der Säkularisierung und einer tendenziell gnadenlosen Leistungs- und Konsumgesellschaft zur Geltung zu bringen (148-153).

Grundlegend für Neuners Darstellung ist die Hypothese, dass im 16. Jahrhundert „Fragen der Vermittlung des Heils, nicht das Heil in Christus und in der eschatologischen Gemeinschaft mit Gott“ (318) umstritten waren; er sieht insbesondere in der Confessio Augustana von 1530, aber auch in den gemeinhin als antirömisch-polemisch interpretierten Schmalkaldischen Artikeln Luthers von 1536 / 1537 klare Anzeichen dafür, „dass die Kontroversen nicht das Zentrum des Glaubens betrafen, sondern eher an dessen Rand angesiedelt waren“ (314; vgl. 317f).

Der aus der Sprache des Zweiten Vatikanum bekannte Begriff der „Hierarchie der Wahrheiten“ ist, wie Neuner offen zugibt (318f), sein hermeneutischer Schlüssel, um die Verwerfungen der letzten 500 Jahre einzuordnen und zu heilen. Wie das konkret aussehen kann, demonstriert er im zweiten Hauptteil seiner Studie unter dem neugierig machenden Titel „Die Relevanz der Botschaft Luthers für das ökumenische Gespräch heute“ (154-313). Neuner versucht, diese Relevanz herauszuarbeiten, indem er die ökumenisch traditionell umstrittenen Fragen der Schriftautorität und -auslegung (156-176), der Ekklesiologie (177-197), des kirchlichen Amts (197-230) sowie im Besonderen des Papstamtes (230-247), der allgemeinen Sakramentslehre (247-252) mit vertiefenden Betrachtungen zu Taufe (252-261), Abendmahl (261-281) und Ehe (281-291) auf Möglichkeiten eines differenzierten Konsenses hin durchforscht. Dieses Verfahren legt sich Neuner nicht zuletzt durch das Diktum Joseph Ratzingers, dass nicht die Einheit der Kirche, sondern ihre Trennung in jedem Einzelfall der Begründung bedürfe, nahe. 1

Das Ergebnis ist in seinen Augen eindeutig: die klassischen Kontroversthemen haben keine trennende Kraft mehr; die noch bestehenden Unterschiede rechtfertigten keine Trennung (314 u.ö.). Dennoch wäre das Anliegen Neuners missverstanden, wenn man ihm Indifferentismus unterstellen wollte: wie seine den zweiten Hauptteil abschließenden Reflexionen über „ökumenische Zielvorstellungen“ (291-313) zeigen, wenn er etwa davor warnt, unter Verzicht auf Lehrgespräche nur eine Ökumene der (ethischen) Praxis zu propagieren (307-309), die letztlich nicht halten kann, was man sich von ihr verspricht. Demgegenüber greift Neuner auf Überlegungen seines Lehrers Heinrich Fries zurück, dessen mit Karl Rahner gemeinsam erarbeiteter Text „Einigung der Kirchen – Reale Möglichkeit“ (Freiburg 1983) nach Neuner „als katholische Antwort auf das ‚satis est‘ von CA VII“ zu verstehen ist (307): Hat man sich in sorgfältiger theologischer Arbeit davon überzeugen können, dass die jeweils andere Seite auf dem Boden des in der Schrift bezeugten und in den altkirchlichen Symbolen beschriebenen Glaubens stehe, so genüge dies zur Aufnahme kirchlicher Gemeinschaft, während Meinungsverschiedenheiten, die in der Hierarchie der Wahrheiten die unteren Ränge bekleiden, durch vorläufige „Urteilsenthaltung“ (306) entschärft und zum Gegenstand weiterer theologischer Gespräche gemacht werden könnten.

Im Einzelnen wäre mancherlei zu hinterfragen. Dennoch: Es ist energisch zu begrüßen, dass mit Neuner einer der bedeutendsten deutschsprachigen römisch-katholischen Theologen der Gegenwart zeigt, wie eine positive römisch-katholische Rezeption der Impulse der Reformation aussehen könnte – und, dass er damit zugleich in Erinnerung ruft, dass es diese positiven Impulse unstreitig gibt. Reizvoll erscheint dem Rezensenten aber insbesondere folgender Gedanke Neuners: Allenthalben beklagt man, dass die Praxis der Theorie der Ökumene voraus sei, dass die Theologen nicht vorankämen, während man in den Gemeinden doch schon viel weiter wäre. Neuner hält dagegen: für ihn sind zentrale Stolpersteine der Ökumene gerade in einer unreflektierten Frömmigkeitspraxis zu finden (vgl. bes. 323). Sie führen dazu, dass sich ein strukturelles Misstrauen gegenüber den versöhnlichen Worten des Gegenübers ausbreitet. Damit legt er den Finger in die Wunde: die Ökumene kommt nicht durch Theologenschelte weiter, sondern durch die Bereitschaft, von der Theologie auch liebgewonnene Gewohnheiten in Frage stellen zu lassen. Den Anspruch darauf, die eigene Praxis immer wieder neu auf ihre Sachgemäßheit zu überprüfen, sollte in der Tat gerade der Protestantismus nicht fahren lassen. Würde die Gewohnheit zum Maßstab des Richtigen, dann wäre man theologisch wieder dort angelangt, von wo die Reformation ihren Anfang nahm – freilich nicht auf der Seite Luthers.

Tobias Jammerthal ist Redakteur der Rubrik „Klassiker und Rezensionen“.

1 Vgl. 132 mit dem entsprechenden Zitat aus Ratzinger, Joseph, Theologische Prinzipienlehre, München 1982, 21; 213.

Might also be ethics, honey!

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(Noch eine Anmerkung zu “It’s the theology, stupid!”)

Gastbeitrag von Christian Stritzelberger, Tübingen

 

Vorweg: Die offene Diskussion über Theologie und Kirche ist großartig! Denn wenn wir als evangelische Kirche einen Vorwurf nicht loswerden, dann den der Beliebigkeit oder Belanglosigkeit. Was kann die Theologie belanglos machen? Und wie kann bei Pfarrerinnen und Pfarrern der Eindruck entstehen, sie hätten theologisch nichts gelernt, was ihnen weiterhilft? Zu dieser Debatte hier eine, hoffentlich weiterführende, Ergänzung.

 

„Sprachfähigkeit“ ist so etwas wie ein Grundwert des Protestantismus. Die Kirche soll zum Leben, zur Wirklichkeit etwas zu sagen haben. Dafür werden Pfarrerinnen theologisch ausgebildet. Aber welche Wirklichkeit ist das eigentlich, in der sie sich auskennen sollen?

Die für die heutige Theologie immer noch unverzichtbare „dialektische“ Theologie, auch z. B. die einst zum Grundinventar gezählte Seelsorgetheorie nach Thurneysen verbindet man (zu Recht oder zu Unrecht) mit dem Anspruch, eine „wirklichere“ Wirklichkeit zu durchschauen, die uns dann auch die alltägliche Wirklichkeit überhaupt erst verständlich macht.

Diese harte Alternative von „Wirklichkeit Gottes“ und dem, was „der kleine Mann“ für sich als Wirklichkeit erlebt, hatte natürlich gerade in Deutschland ihre historische Berechtigung. Wenn jeder im Land im Stechschritt in die falsche Richtung marschiert, muss man notfalls eben auf dem Wasser gehen, um nicht mitgeschleift zu werden. Diese Sicht ist aber für die evangelische Theologie auch gefährlich, wenn sie zur Grundhaltung wird. Schnell wird dann die „normale“ Wirklichkeit ignoriert, weil nur die „theologische“ wirklich zählt. So wird die beste Christologie, die klarste Trinitätslehre zum Herrschaftswissen: Würde ich das nur verstehen, dann könnte ich auch den Leuten in meiner Gemeinde helfen. Und so geht man dann nach dem Studium frustriert in eine Wirklichkeit, zu der man nichts zu sagen hat.

Wem ist aber überhaupt geholfen, wenn man die Probleme ihres Lebens als Unterthema der Christologie erklärt? Sicher Einigen, wenn das wirklich die Frage war. Ist es aber nicht immer. Und dann ist es mit einer Wirklichkeitsverschiebung nicht getan, denn das Problem liegt dann in dieser Wirklichkeit, in der wir nun einmal alle leben. Will man dazu etwas sagen, dann braucht es auch andere Mittel. Ein zentrales nennt man „Ethik“.

Wir stecken alle, als Theologinnen und als Christen überhaupt, schon im Leben. Und das besteht nicht nur aus Meditationen darüber, was das alles bedeutet. Das besteht auch aus Entscheidungen, ob man das eine oder das andere tut. Ob man eine Flüchtlingsfamilie aufnehmen muss, ob man Kinderkrankenpfleger werden darf, wenn auf der Station auch Abtreibungen geschehen, ob man Kinder haben sollte, und so weiter. Das Auftragen von Bibelstellenextrakten auf solche ethischen Entzündungen lindert kaum. Vor allem, weil man nicht einfach so schon weiß, wo eigentlich die Stelle ist, die man behandeln müsste; was Symptom und was Auslöser ist.

Menschliche Wünsche, Absichten und die damit verwobenen Glaubensvorstellungen schaffen die Wirklichkeit, die sich jeden Tag ereignet. Um Krankheiten in dieser Wirklichkeit mit dem richtigen Mittel verarzten zu können, braucht man oft erst einmal eine gute Anatomie des Handelns – sprich: „Ethik“. Anders gesagt: Man muss in der Lage sein, zu entwirren, was einen Menschen umtreibt. Und ob das eine Entscheidung bräuchte, oder einen „Zuspruch des Evangeliums“. Wer aber nur verkündigen kann, degradiert alle anderen leicht zu permanenten Zuhörern – als hätten sie kein Leben zu führen.

Für ihre theologische Arbeit müssen Pfarrerinnen sich also (auch!) gut und bequem in der Ethik auskennen, so die These. Das ist nicht mit einer Reclam-Lektüre von Mills „Utilitarismus“ fürs Examen erledigt. Was man mit der Ethik lernt ist nämlich nicht bloß Theorie, oder eine Sammlung von fertigen Inhalten, sondern vor allem eine geübte Fertigkeit, technische Kompetenz. Es ist die Kunst, nachzuvollziehen und handhabbar zu machen, was im Leben verworren daherkommt. Schon deshalb geht Ethik also nicht mit dem Gestus der wirklicheren Wirklichkeit, sondern nur gut lutherisch mit dem Wissen, Gott und die Welt am Ende nicht verstehen zu können – und trotzdem ernsthaft drin zu stecken. Ohne Herrschaftswissen oder Sonderoffenbarungen darüber, was nun gerade richtig ist.

Das ist nicht fakultativ. Ethik gibt keine „Extrapunkte“ für den Wahlbereich. Im Gegenteil: Wer das nicht kann, riskiert, an völlig falschen Stellen mit dem Evangelium um sich zu werfen. Wenn da der Eindruck entsteht, Theologie sei irgendwie bedeutungslos, muss sich keiner wundern. Im falschen Licht scheint die schönste Dogmatik fahl, und schlechte Ethik lässt dümmstenfalls das Evangelium gleich mit schlecht aussehen. Besser also, wenn es da aufscheinen kann, wo es wirklich strahlt. Das kann durchaus in ethischen Diskussionen passieren – muss es aber nicht.

Kurz gesagt hat man als Berufstheologe ein echtes theologisches Defizit, wenn man nur Evangelium „kann“, aber keine Ethik. Das ist eine Herausforderung für die Universitäten, aber auch für die Studierenden. Das heißt nämlich für die Studienplanung, über der Begeisterung für raffinierte Dogmatik nicht die echte Auseinandersetzung mit der „gutbürgerlichen“ Ethik zu vergessen. Beide, das letztlich unbegreifliche Evangelium und die im Leben unvermeidbare Verantwortung, machen evangelische Theologie aus. Gut also, wenn man mit ihr lernt, zu beiden etwas zu sagen zu haben.

 

Christian Strizelberger ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Systematische Theologie II/Ethik (Prof. Dr. Elisabeth Gräb-Schmidt) in Tübingen.

Wandern ohne Stecken und Stab?

Notwendige Anmerkungen zu „Und wie wir wandern im finstern Digital“

von Niklas Schleicher

Ich sitze gerade vor meinem Laptop, und tippe diesen Text. Auf dem zweiten Bildschirm läuft nebenher eine gestreamte Serie. Ich schreibe hier eine Antwort auf einen Text von Hannes Leitlein, der online bei zeit.de (http://www.zeit.de/2017/13/digitalisierung-medien-martin-luther-kirchen-reformation-netz) erschienen ist. Erfahren habe ich von diesem Text per Twitter und mich dann kurz per Telegram mit einem Freund ausgetauscht, ob wir auf nthk.de darauf reagieren sollen. Also auf dem Blog, den ich mitbetreibe. Lange Rede, kurzer Sinn: Auch ich bin mir dem bewusst, dass die digitale Welt bestimmend für unsere Diskurse ist, dass das Internet ein Raum für Kommunikation mit bisher ungekannten Möglichkeiten ist.

Von daher müsste ich Leitlein für diesen Text, der sich wie ein flammendes Plädoyer liest, dass die EKD sich endlich positiv mit der Digitalisierung auseinandersetzt, danken. Ja, möchte man sagen, ja, recht hat er. Der Kommentar von Margot Käßmann bezüglich Facebook und Seelsorge ist wirklich ziemlich peinlich. Und Äußerungen von technologiekritischen Theologen wie z.B. Werner Thiede sind oft auch nicht auf der Höhe der Zeit. Und er trifft auch weitere Punkte, die durchaus richtig sind, die für eine Kirche, die auch in der Gegenwart relevant bleiben will, zu bedenken sind.

Aber, um es etwas pathetisch mit Karl Barth zu formulieren: Nein! So kann das mit der Digitalisierung in der Gesellschaft, aber dann eben auch in Theologie und Kirche nun auch wieder nicht sein.

Der Gedankengang Leitleins ist, soweit ich das richtig interpretiere, folgender: Die digitale Revolution ist analog zu sehen zum Buchdruck und stellt einen tiefgreifenden Wandel unseres Kommunikationsverhaltens dar. Luther hat damals den Buchdruck für seine Reformation nutzen können und wurde erst durch diesen bekannt. Die evangelische Kirche, die sich in seiner Nachfolge sieht, sollte deshalb auch die Digitalisierung würdigen und mit ihr gehen, zumal die Kommunikation im Internet eine Form darstellt, die Ureigenes des Protestantismus zur Geltung bringt. Sie ist nämlich eine Form von Kommunikation, die das Dialogische, das Gespräch miteinander in den Fokus stellt. So entspricht sie dem Priestertum aller1. Von daher lösen sich im Digitalen dann auch Dinge wie geistiges Eigentum und so weiter auf und „Vielfalt, Beziehungen, Netzwerke, Interaktionen und Solidaritäten“ stehen im Vordergrund2. Kritisiert wird dann auch die Art der Internetkommunikation, wie sie z.B. der Ratsvorsitzende Bedford-Strohm betreibt, da diese noch ganz im Analogen verhaftet bleibt, in dem Sinne, dass Bedford-Strohm zwar viel auf Facebook postet, aber auf Kommentare nicht antwortet3. Die digitale Welt jedenfalls ist etwas, das theologisch gedeutet werden will, über das und mit dem die Kirche gesprächsfähig werden muss. Es gibt freilich schwierige Seiten, z.B. Datenschutz und Barrieren des Zugangs4, aber im Großen und Ganzen eröffnet das Internet eine große Chance für den Menschen. Diese besteht nicht zuletzt darin, die institutionellen Schranken der verfassten Kirche durch eine fluide christliche Community zu ersetzen.

Soweit in aller Kürze das Narrativ, dass ich aus verschiedenen Gründen nicht teile. Ich will nur drei Punkte nennen, an denen zumindest weiterzudenken wäre.

Zum ersten muss man sich nochmal die Interpretation des Priestertums aller Gläubigen näher anschauen, das hier (nicht ganz zu Unrecht) als Kernstück der Reformation bezeichnet wird und das sich anscheinend in der digitalen Welt erst vollends verwirklichen soll. Nun meint das Priestertum aller Gläubigen zunächst folgendes: Es gibt für die Würdigkeit des Christen in Bezug auf sein Gottesverhältnis keinen Unterschied zwischen Priestern, Bischöfen und Mönchen und den Laien. Jeder getaufte Christ hat direkten Zugang zu Gott, kann sich Gott im Gebet nähern und braucht keine Vermittlung durch Geweihte, Priester oder Heilige5. Aber: Für die öffentliche Verkündigung des Evangeliums, also dafür, dass Leute auch die Christusbotschaft hören können, die bei Menschen den Glauben wecken kann, bestimmt die Kirche Ämter. Diese Ämter beinhalten keinen Unterschied in der Würdigkeit, sondern beschreiben Funktionen. Die Amtsträger verkünden das Evangelium öffentlich. Dies sieht Luther übrigens schon recht früh, als Lektüre sei hier z.B. die Adelschrift empfohlen. Aus dem Priestertum aller Gläubigen zu schließen, dass im Internet jeder Christ gleichermaßen zur öffentlichen Verkündigung berufen ist, wäre genauso falsch, wie zu folgern, dass es im Priestertum aller Gläubigen um die Beziehung der Menschen zueinander geht. Dass Leitlein in dieser ganzen Passage zur Reformation ohne irgendeine Idee zum Gottesbezug auskommt, ist wenigstens als sportlich zu bezeichnen.

Zum zweiten wird hier etwas übersehen, dass meine Generation immer wieder gerne übersieht. Das Leben im Digitalen ist für viele selbstverständlich geworden, macht aber auch einigen Menschen Angst und überfordert andere. Die Kirche besteht eben nicht nur aus den jungen 15-40 jährigen, die fordern, dass endlich wieder alles neu werden soll. Einen großen Teil der wirklich Treuen machen eben diejenigen aus, für die das Abrufen einer Mail oder ein Skypekontakt mit dem Enkel schon das Höchste der Gefühle ist. Es ist irritierend, dass diese Menschen in Leitleins Vision von Kirche gar keine Rolle mehr spielen und offensichtlich längst abgeschrieben sind. Hinzu kommt: Nicht nur Menschen dieser Generation bevorzugen eben im Sonntagsgottesdienst eine Predigt, die von der Kanzel vorgetragen wird, und kein digitales Happening in der Twitter-Sphäre. Die digitale Avantgarde überschätzt notorisch ihr eigenes zahlenmäßiges Gewicht, Stichwort: Filterbubble. Gerade die Gottesdienste an Lebensübergängen werden noch immer gerne in Anspruch genommen. Hier ist nun aber die Ritualkompetenz und Verkündigungserfahrung von Spezialisten gefragt. Denn bei aller Liebe: Meine Hochzeit hätte ich nicht gerne im freien Gespräch mit der Gemeinde im Internet gestaltet. Da gehört die gelehrte und emphatische Auslegung des Trauspruches genauso dazu wie der Segen und der Ringetausch vor der im Analogen versammelten Gemeinde. Noch deutlicher wird das Ganze bei Beerdigungen. Bei aller Möglichkeit von Online-Kondolenz-Büchern ist doch hier das analoge Ritual m.M.n. kaum zu ersetzen6.

Und drittens: Wenn wir die digitale Welt theologisch deuten wollen, dann bitte ordentlich. Dann muss man notwendigerweise die Unterscheidung zwischen Schöpfung und Fall machen und darauf hinweisen, dass auch die Person, die digital unterwegs ist, immer simul iustus et peccator bleibt. Die digitale Welt bleibt genauso wie die analoge zwiespältig, es wird dort gute Dinge geben, aber es gibt dort auch schlechte. Mit Bonhoeffer gesprochen: Auch die neue, digitale Welt bleibt im Vorletzten, die digitale Welt der neuen Kirche bleibt immer noch die sichtbare Kirche und wird nicht plötzlich als Ganzes zu derjenigen, die die Dogmatik als unsichtbare Kirche, mithin als Reich Gottes bezeichnet. Es wird also auch in der digitalen Kirche Strukturen geben müssen, die ein gewisses Maß an Ordnung und Verlässlichkeit sichern. Man muss das dann nicht Hierarchie oder Lehramt nennen. Aber es wäre naiv zu glauben, dass in der digitalen Welt nicht viele Probleme analoger Kirche wiederkehren, meinetwegen in gewandelter Form.

Nochmal zurück zu Luther: Freilich nutzte er die neuen Medien, den Buchdruck für die Verbreitung seiner Reformation. Aber er hatte auch andere Äußerlichkeiten auf seiner Seite: Die politischen Verhältnisse im Reich und gewisse aufstrebende Schichten. Und trotz dieser Äußerlichkeiten brauchte es eben dennoch so jemanden wie Luther (oder Zwingli oder Bucer) der die treibenden Ideen hatte. Auch im Internet entstehen Ideen nicht qua Offenbarung ins Nichts. Und welche Kirche genau „Luther verdient“ hat, entscheidet zum Glück kein Redakteur der Zeit.

Die Digitalisierung ist von Seiten der Kirche als Faktum anzunehmen, kreativ mitzugestalten und keinesfalls kulturpessimistisch zu verteufeln. Aber ob wir die Digitalisierung für die Möglichkeit feiern wollen, die verfasste Kirche mit ihren spezialisierten Ämtern abzuräumen und durch eine Cloud fluider Cybersekten zu ersetzen?

Mit Luthers Bibelübersetzung gesprochen: Das sei ferne!

1Das bei Leitlein nicht vom Priestertum aller Gläubigen bzw. aller Getaufen die Rede ist, könnte ein Flüchtigkeitsfehler sein. Bestimmt meint er „aller Gläubigen“. Oder?

2Hier bin ich persönlich recht angefressen. Freilich kann jemand die Abschaffung geistigen Eigentums als Gewinn bezeichnen, der Geld für seinen Journalismus bekommt. Wissenschaftliche Theologen, die sich mit ihren Veröffentlichungen und entsprechend auch mit ihrer geistigen Arbeit später eventuell auf Stellen bewerben also solche Leute wie ich, sollte ich einmal nicht den Weg ins Pfarramt einschlagen , sind schon ein bisschen drauf angewiesen, dass mit den von ihnen produzierten Texten nicht einfach als beliebiges Allgemeingut umgegangen wird. Oder aber: Wenn wir schon den Kommunismus fordern, dann bitte richtig!

3Nun muss man allerdings auch zugestehen: Wer sich mal die Kommentare unter manchen Posts von Bedford-Strohm angeschaut hat, kommt vielleicht zu dem Ergebnis dass darauf sachlich zu antworten mehr gute Nerven erfordert, als ein Mensch haben kann.

4Das Barrieren übrigens nicht nur Sehbehinderungen betrifft, sondern auch die Tatsache, dass viele Leute sich Internet bzw. die notwendigen Endgeräte immer noch nicht leisten können, nun, dass kann man schon mal übersehen.

5Kann aber, um diese einfache Gegenüberstellung etwas einzuordnen, auch nicht mehr auf die Fürsprache von Heiligen vor Gott bauen. Jede Person ist vor Gott unvertretbar.

6Mich hat bis jetzt noch kein online-basiertes Ritual oder noch keine Form des Online-GDs auch nur halbwegs überzeugt. Mit Blick auf die absoluten Zahlen dürfte sich die Gruppe derer, die solche Angebote regelmäßig in Anspruch nehmen, als recht begrenzt herausstellen. Und es ist kaum zu erwarten, dass sich das in näherer Zukunft kategorial ändert.

Rezension zu: Martin Luther. Here I stand.

Rez. zu: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt u. a. (Hg.), Martin Luther. Aufbruch in eine neue Welt / Schätze der Reformation. Essays und Kataloge im Schuber, 2 Bände, Dresden 2016.

Für www.nthk.de rezensiert von Tobias Jammerthal am 4. Januar 2017 .

Die Reformation des 16. Jahrhunderts ist ein Phänomen mit eminenter Gegenwartsrelevanz. Nirgends wird dies deutlicher als in den Auseinandersetzungen um die ihr gewidmete Dekade, die 2017 kulminieren soll. Dass diese Dekade von den einen energisch gefeiert, von den anderen ebenso energisch verachtet, angegriffen oder verspottet wurde, zeigt unabhängig von den jeweils konkret berührten Sachfragen vor allem eines: wie hoch die Erwartungen an dieses Jubiläum waren und sind – was wiederum nur vor dem Hintergrund dessen erklärbar erscheint, dass sich mit der Erinnerung der Reformation Identitätskonzepte unterschiedlichster Couleur eng verknüpfen.

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Die beiden hier zu besprechenden Bände bilden den Katalog und den wissenschaftlichen Begleitband des Ausstellungsprojektes „Here I stand“, das selbst für die Reformationsdekade, die durch eine Vielzahl von ambitionierten, gut finanzierten und museumspädagogisch wie wissenschaftlich hervorragend konzipierten musealen Projekten gekennzeichnet ist, außergewöhnlich ist. Zwischen Frühherbst 2016 und Anfang 2016 werden in drei renommierten nordamerikanischen Museen verschiedenste Leihgaben gezeigt. Jedes der drei Museen zeigt eine andere Ausstellung, zusammen ergibt sich, wie der Katalog und der Essayband zeigen, ein bewundernswert facettenreiches Bild der Lebensrealitäten in Mitteldeutschland in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, in das Martin Luther pars pro toto für andere Reformatoren eingezeichnet wird. Das Projekt wird auf deutsche Seite vom Landesmuseum für Vorgeschichte (Halle), der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, dem Deutschen Historischen Museum in Berlin und der Stiftung Schloss Friedenstein verantwortet und vom Auswärtigen Amt der Bundesrepublik Deutschland unterstützt; eine umfangreiche Homepage begleitet die Ausstellung.

Der Katalog organisiert das in den drei Ausstellungen dargebotene Material thematisch nach acht Themenbereichen: unter „Fundsache Luther“ (20-45) wird Luthers Herkunft thematisiert, wobei die seit 2003 erfolgten archäologischen Arbeiten in Mansfeld eine zentrale Rolle spielen. Die Themengebiete „Weltliche Macht und höfische Kunst“ (46-90) und „Vorreformatorische Frömmigkeit“ (92-134) bieten ein buntes Panorama der mitteldeutschen kirchlichen und politischen Landschaft des frühen 16. Jahrhunderts, bevor das Leben des Reformators präsentiert wird („Luther als Mönch, Gelehrter und Prediger“, 136-178, „Luthers Theologie“, 180-234, „Luther in Wittenberg“, 226-294). Der obligatorische Blick auf „Polemik und Konflikte“ (296-356) darf nicht fehlen, bevor anknüpfend an Luthers Tod die sich an den Reformator knüpfende Erinnerungskultur in den Blick rückt („Luthers Vermächtnis“, 358-392). Abschließend gehen Jürgen Gröschl und Louis Nebelsick Spuren der Reformation in den Vereinigten Staaten von Amerika nach (396-409), Jan Scheunemann bietet einen summarischen Überblick über die wichtigsten Lutherstätten (410-422). Durchweg sichtbar ist das Bemühen der Verantwortlichen, bei aller erkennbaren Lutherzentrierung ein ausgewogenes Bild der Reformationszeit zu zeichnen. Das Leben Luthers dient hier als eine Art Schaufenster in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts. Kleinere Unrichtigkeiten im Katalogtext fallen da nicht ins Gewicht, so unnötig sie im Einzelfall auch sein mögen.[1]

Der wissenschaftliche Begleitband ist in sieben Themenfeldern organisiert, auf ein eigenes Themenfeld über die Theologie(n) der Reformation wurde verzichtet, statt dessen finden sich Aufsätze zu theologischen Fragestellungen verstreut in allen Themenfeldern. Das mag sich den Herausgebern nahegelegt haben, ist aber nicht durchweg überzeugend.[2] Passend zum Profil des Ausstellungsprojektes thematisiert ein eigenes Themenfeld den nordamerikanischen Protestantismus vor allem, aber nicht ausschließlich lutherischer Prägung („Luther in den Vereinigten Staaten von Amerika“, 370-429).

Dem Anliegen des Ausstellungsprojektes entsprechend ist es auch das Anliegen des Begleitbandes, „von der sowohl geographischen als auch geistigen Herkunft Luthers über die wichtigsten Ereignisse und Aspekte der Reformationsgeschichte und ihrem kunst- und kulturgeschichtlichen Kontext bis hin zum Luthertum in Nordamerika […] den aktuellen Kenntnisstand“ zu repräsentieren (11). Schon ein Blick auf die Verfasser der einzelnen Beiträge zeigt, dass dies gelungen ist: das Autorenverzeichnis liest sich wie ein „Who’s Who“ der gegenwärtigen Reformations- und Frühneuzeitforschung. Louise Schorn-Schütte ist ebenso vertreten wie Thomas Kaufmann. Johannes Schilling und Volker Leppin geben Dorothea Wendebourg und Christopher Spehr die Klinke in die Hand; Stefan Michel ist ebenso vertreten wie Heinz Schilling. Die US-amerikanische Lutherforschung ist ebenso vertreten wie die deutsche Frühneuzeithistorie und die schweizerische Reformationsforschung (diese freilich nur mit einem Vertreter, was dem ansonsten betont internationalen Charakter des Bandes nicht vollends gerecht wird). Wie ernst es der Redaktion damit war, die ganze Breite der Forschung abzudecken, zeigt auch die Tatsache, dass mit Brad S. Gregory sogar ein entschiedener Kritiker der Reformation und des protestantischen Christentums überhaupt zu Wort kommt[3]. Der intendierten breiten Leserschaft wird neben den wissenschaftlichen Abhandlungen durch informative Grafiken und Übersichten die Möglichkeit gegeben, sich einen schnellen Überblick etwa über die Heiratspolitik des 16. Jahrhunderts (84) oder den Briefwechsel der wichtigsten Akteure (190) zu verschaffen. Ob verstreut zur Veranschaulichung eingesetzten Cartoons einen vergleichbaren Informationswert haben, mag indes bezweifelt werden.

Mit den beiden ansprechend gestalteten Bänden ist dem Ausstellungsprojekt „Here I stand“ eine weit über das Ende der eigentlichen Ausstellungen andauernde Rezeption garantiert. Insbesondere der wissenschaftliche Begleitband empfiehlt sich als breitenwirksame Präsentation aktueller Forschung in Bezug auf die allgemeinhistorischen, religionsphänomenologischen und kulturellen Voraussetzungen, Kontexte und Folgen der Reformation vor allem Wittenberger Prägung. Schade nur, dass das sprachliche Niveau der Beiträge sehr unterschiedlich  ist. Die Übersetzung der englischsprachigen Essays scheint um besondere Treue zur Ausgangssprache bemüht gewesen zu sein. Durch den großen Unterschied zwischen englischer und deutscher Wissenschaftssprache entsteht so leider bisweilen zu Unrecht der Eindruck, es mit fachlich naiven Texten zu tun zu haben. Der mit englischer Fachliteratur bekannte Leser wird darüber hinwegsehen können – es bleibt zu hoffen, dass dies auch dem anvisierten breiteren Publikum möglich ist. Denn: dieses Doppelwerk repräsentiert nicht nur die Pluralität gegenwärtiger Reformationsforschung. Es ist zugleich ein schöner Ausdruck für die Potentiale, welche die Reformationsdekade gerade in interdisziplinärer Hinsicht freigesetzt hat.

 

Tobias Jammerthal, Redakteur für „Klassiker und Rezensionen“

[1] Zwei Beispiele: S. 198 „Seit dem Hochmittelalter war in der lateinischen Kirche die Transsubstantiationslehre gängig“. Richtig ist, dass das Lateranum IV 1215 zur Beschreibung des Konsekrationsvorgangs auf dieses Theorem zurückgriff. Der Blick auf die theologische Literatur des 13.-15. Jahrhunderts zeigt aber eine Vielzahl an alternativen Konzepten, um die reale Gegenwart Christi denkerisch zu plausibilisieren. Erst mit Trient wird die Transsubstantiationstheorie zur herrschenden Lehre. – Ferner ist es sachlich doch etwas übertrieben, wenn (S. 247) behauptet wird, Luther habe das Wittenberger Augustinerkloster bei seiner Rückkehr von der Wartburg „geplündert“ vorgefunden.

[2] Die sogenannte „Zwei-Reiche-Lehre“ wird beispielsweise auf einer einzigen Seite statt in einem wissenschaftlichen Aufsatz abgehandelt (322). Dort liest der ob solcher Kooperation dann doch überraschte Theologe, dass das Lexem eine Wortschöpfung von Emmanuel Hirsch und Karl Barth „zusammen“ gewesen sei. Der vorangehende Aufsatz über „Luther und die Politik“ aus der Feder von Benjamin Hasselhorn ist nicht vorrangig an Luthers Obrigkeitstheologie interessiert – was man dem Verfasser nicht zum Vorwurf machen kann. Gerade deshalb hätte jedoch eine theologische Einordnung dieses wichtigen Gebiets reformatorischer Theologie not getan.

[3] Zur Auseinandersetzung mit den aus protestantischer Sicht überaus problematischen Thesen dieses Gelehrten sei dringend verwiesen auf die treffende Rezension von Strohm, Christoph, Brad S. Gregory, The Unintended Reformation. How a Religious Revolution Secularized Society, in: Evangelische Theologie 75 (2015), Heft 2, S. 156-160.

Rezension zu Irene Dingel: Reformation

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Rez. zu.: Dingel, Irene, Reformation. Zentren – Akteure – Ereignisse, Göttingen 2016.

von Jonathan Reinert, den 3. Dezember 2016 .

 

In den vergangenen 500 Jahren wurde wahrscheinlich noch nie so viel über Luther und die Reformation geschrieben wie in der aktuellen Luther- bzw. Reformationsdekade. Für Reformationshistorikerinnen und -historiker ist es zur Selbstverständlichkeit geworden, (mindestens) ein Luther- und/oder Reformationsbuch zu verfassen – Nachfrage und Angebot bedingen sich. Zu Beginn des Jubiläumsjahres veröffentlichte nun auch die Direktorin des Leibniz-Instituts für Europäische Geschichte in Mainz (IEG), Irene Dingel, ihre Darstellung der Reformation. Was dieses Buch ausmacht, lässt sich am besten im Vergleich mit anderen deutschprachigen ‚Reformationsgeschichten‘ der letzten Jahre verdeutlichen. Ertragreich sind dabei folgende Vergleichspunkte, die sich natürlich vielfach wechselseitig bedingen: (1) der Stil und die Perspektive sowie (2) der Aufbau und die Schwerpunktsetzung der Darstellung.

 

(1) Ein „Lese-Buch“ mit theologiegeschichtlichem Fokus

Wer noch eine Marktlücke im Bereich der Reformationsgeschichte sucht, muss irgendetwas anders machen als die anderen. Es gibt gute, aktuelle Lehrbücher z.B. von Gottfried Seebaß[1]  oder Volker Leppin[2]  und es gibt profilierte Entwürfe, wie den C.H. Beck-Kassenschlager von Thomas Kaufmann[3]. Irene Dingel formuliert in ihrem Vorwort, sie hoffe, ein Lese-Buch „im Sinne einer gut lesbaren, sich leicht erschließenden Darstellung“ (9) vorzulegen. Das ist ihr gelungen. Die Autorin beschreibt Ereignisse, Meinungen und Zusammenhänge außerordentlich abgewogen und sachlich; ihr Stil ist gewissermaßen das Gegenteil von reißerisch. Der aktuell aufgeheizten Frage, was wir warum 2017 feiern oder nicht, scheint sie mit einer dem Unparteilichkeitsideal verpflichteten Informationsbereitstellung zu begegnen. Weder ist die Darstellung dabei kleinteilig von Literaturangaben oder Infokästchen durchzogen (wie die Lehrbücher von Seebaß und Leppin), noch wird ein Großnarrativ angelegt und gezeigt, was die Reformation für die europäische Neuzeit alles bedeutet (wie der Entwurf von Kaufmann). Es handelt sich eben um ein informatives Lese-Buch.

Informativ ist es nicht lediglich dahingehend, dass die wichtigen Ereignisse und Vorgänge angehandelt werden; informativ ist es insbesondere hinsichtlich der „theologie- und ideengeschichtliche[n]“ (12) Perspektive, die Dingel gewählt hat. Kontroversen und Einigungsbemühungen der Zeit werden entsprechend nicht lediglich funktional im Blick auf die gesellschaftlichen und politischen Konstellationen, sondern vor allem inhaltlich dargestellt. So erfahren die Leser beispielsweise, welche prägenden „ zwei Prinzipien“ die Auseinandersetzung mit der Wittenberger Bewegung von 1521/22 „ins Bewusstsein gebracht“ (105) hatte; es wird nicht nur gesagt, dass Luther 1525 die Obrigkeit aufrief, die Bauernaufstände niederzuschlagen, sondern auch was er den Bauern vorwarf und welche rechtlichen und theologischen Beweggründe ihn veranlassten (vgl. 211f.); und bei der Abendmahlskontroverse zwischen Luther(anern) und Zwingli(anern) wird nicht nur die in den Marburger Artikeln 1529 festgeschriebene Uneinigkeit hervorgehoben, sondern auch dargelegt, über welche fünf Punkte man in dieser Frage eine Übereinkunft erzielen konnte (vgl. 115). Deratiges kommt beispielsweise bei Kaufmann nicht oder nur am Rande zur Sprache, der dafür ausführlicher auf die druckhistorischen Kontexte des Medienereignisses Reformation und ihre sozialen Trägergruppen Bezug nimmt. Das wiederum steht bei Dingel eher im Hintergrund.

 

(2) Vier Zentren innerhalb einer vielfältigen Bewegung 

Gegliedert ist das Buch in drei Großkapitel: „Hintergründe“ (15-44), „Die Reformation“ (45-248) und „Ausstrahlung“ (249-276) und wird von Personen-, Orts- und Bibelstellenregister abgerundet. Das erste Kapitel beschreibt die politischen, gesellschaftlichen und rechtlichen Strukturen um 1500 (15-24) sowie das religiöse Leben an der Schwelle von Spätmittelalter und Früher Neuzeit (25-45). Obgleich ein solches Hintergrundkapitel zum Standard einer jeden Reformationsgeschichte gehört und Neues kaum zu erwarten ist, ist die gleichzeitige Dichte und Verständlichkeit hervorzuheben, mit der gerade auf den ersten zehn Seiten die komplexen Strukturen beschrieben werden.

Auch ein Blick auf die europäischen Dimensionen der Reformation, hier im dritten Kapitel, gehört inzwischen zum Normalfall einer Reformationsgeschichte und ist ebenso bei Seebaß, Leppin und Kaufmann vorhanden. Bei Kaufmann ist die „Europäizität der Reformation“ (Kaufmann, 10) sogar zum Programm der Darstellung geworden, nachdem er bereits 2009 eine eher klassische Darstellung vorgelegt hat, die auf Deutschland beschränkt war.[4] Daneben gibt es aber auch weiterhin auf Deutschland beschränkte Darstellungen, wie beispielsweise von Rolf Decot[5].

Die eigentliche konzeptionelle Besonderheit von Dingels Lese-Buch besteht im mittleren Hauptteil. Er wird strukturiert durch die Darstellung von vier Zentren der Reformation mit ihren Hauptakteuren, nämlich Wittenberg mit Luther und Melanchthon (47-76), Zürich mit Zwingli (85-99), Straßburg mit Bucer (149-162) und schließlich Genf mit Calvin (229-248). Dass Bucers Wirken und die Straßburger Reformation nicht lediglich als (dogmatisch) zwischen Zwingli und Luther befindlich erwähnt, sondern als eine eigene, den oberdeutschen Raum prägende Gestalt der Reformation herausgestellt werden, unterscheidet Dingels Buch von allen anderen erwähnten Reformationsgeschichten. Ebenfalls ungewöhnlich ausführlich (und darin am ehesten mit Seebaß vergleichbar) wird auf den „Reformatorische[n] Dissent“ (120-148) eingegangen, d.h. auf Täufer, Spiritualisten und Antitrinitarier, die – der theologie- und ideengeschichtlichen Perspektive Dingels entsprechend – mit ihren eigenen Anliegen vorgestellt werden. Ansonsten werden die Vorgänge der Reformation in thematische Kapitel aufgeteilt, wobei insgesamt, d.h. von Wittenberg am Anfang bis Genf in der Mitte des 16. Jahrhunderts, auch in der Anordnung der Themenkapitel eine gewisse chronologische Linie versucht wird. Aktuelle Modethemen wie Wege und Medien der Reformation (77-84) oder Reformation und Bildung (163-172) kommen dabei ebenso zur Sprache wie klassische Aspekte, z.B. Kontroversen und Abgrenzungen (100-119), die Bedeutung der Reichspolitik (173-194) und die militärischen Auseinandersetzungen und Friedensverträge (206-228). Dass auch das Ringen um Konsens (195-205), d.h. Religionsverhandlungen als zwar letztlich gescheiterte, aber doch beachtenswerte Versuche von Ausgleich relativ breit vorgestellt werden, ist wiederum eine Besonderheit.

 

Was die evangelische Kirchenhistorikerin Dingel herausstellt, was sie in ihrer Darstellung weglässt und was entsprechend das von ihr gezeichnete Bild der Reformation ausmacht, wird besonders deutlich in Kontrastierung mit der Reformationsgeschichte des katholischen Frühneuzeithistorikers Decot. Bei diesem stellt sich die Reformation im Wesentlichen als die große Frage zwischen Luther mit seinen Impulsen und der bestehenden Kirche dar. Luther, seine Theologie und der Ablassstreit werden dort auf über 50 Seiten entfaltet und nach Kapiteln über Einführung und Durchsetzung der Reformation (Decot, 109-116 und 134-155) sowie dem Ringen um Einheit, Konzil und Religionsfrieden (156-179) geht es ausführlich um „Die Reform der katholischen Kirche“ (180-218), wobei altgläubige Reformansätze und ihre Protagonisten, die sich mit der aufgekommenen reformatorischen Bewegung auseinandersetzen, ebenso vorgestellt werden wie die Konzilsbemühungen und schließlich der Verlauf und die Beschlüsse des Konzils von Trient. Von all dem, d.h. von den Rückwirkungen der reformatorischen Bewegung auf die bestehende Kirche und die Auseinandersetzung jener Theologen mit der Reformation, die die Reformbedürftigkeit der Kirche ebenfalls sahen, aber den Bruch mit ihr nicht vollzogen haben, erfährt man in Dingels ‚Reformation‘ fast nichts. Dabei wäre es ihr konzeptionell insofern nicht fremd, als sie im ersten Satz der Einleitung die Reformation als „ein[en] historische[n] Prozess, der auf eine umfassende kirchlich-theologische Erneuerung zielte“ (Dingel, 10) definiert. Dass dagegen die reformatorische Bewegung verschiedene Zentren mit verschiedenen Gestaltungen ausbildete und dabei eine große Stimmenvielfalt vorhanden war, die nicht auf einen Nenner zu bringen ist, davon bekommt man bei Dingel ein lebendiges Bild, während es bei Decot im Grunde nur erwähnt, aber nicht ausgeführt wird (auf 17 Seiten handelt er unter dem Titel „Vielfalt der Reformatoren“ Karlstadt, Müntzer, Täufer, Spiritualisten, Zwingli und Calvin ab). Folgerichtig handelt das letzte Kapitel von Decot von der „Reformation als Ausdifferenzierung der Kirche in verschiedene Konfessionen“ (Decot, 219-250) während bei Dingel, wie erwähnt, die europäische Verbreitung der Reformation am Ende steht.

Dingel und Decot stehen unter den aktuellen ‚Reformationsgeschichten‘ somit beispielhaft für zwei Großperspektiven: Luther und die Kirche einerseits und Vielfalt der Reformation andererseits. Beide Perspektiven ergänzen m.E. einander notwendig.

Fazit: Wer die Vielstimmigkeit und Vielgestaltigkeit der Reformation wahrnehmen möchte, der ist mit Irene Dingels Buch bestens beraten!

 

Jonathan Reinert hat in Jena, Göttingen und Tübingen evangelische Theologie studiert und arbeitet derzeit an einer kirchenhistorischen Dissertation über Passionspredigten im frühen Luthertum in Jena. Er ist Geschäftsführer des Evangelischen Bundes Württemberg und Schriftleiter der Zeitschrift „ichthys“

 

[1] Geschichte des Christentums III. Spätmittelalter – Reformation – Konfessionalisierung, ThW 7, Stuttgart 2006.

[2] Die Reformation, Geschichte kompakt, Darmstadt 2013.

[3] Erlöste und Verdammte. Eine Geschichte der Reformation, München 2016.

[4] Geschichte der Reformation, Berlin 2009; die zweite Auflage erschien 2016 im Suhrkamp-Verlag, wobei im Titel einschränkend „in Deutschland“ ergänzt wurde.

[5] Geschichte der Reformation in Deutschland, Freiburg im Breisgau 2015.

Rezension zu Armin Kohnle: Luther, Calvin und die andern

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Rez. zu: Kohnle, Armin: Luther, Calvin und die andern. Die Reformation und ihre Folgen (Theologie für die Gemeinde VI/2), Leipzig 2016.

von Martin Böger, den 28. November 2016.

Die örtliche Kirchengemeinde und wissenschaftliche Theologie gelten gemeinhin als zwei völlig verschiedene Universen, deren Bewohner sich gegenseitig kaum verstehen können und es gar – so mutmaßen böse Zungen – am Willen des gegenseitigen Verständnisses mangeln könnte.

Attempto! Dachte sich wohl Prof. Dr. Armin Kohnle, selbst Ordinarius für Spätmittelalter, Reformation und territoriale Kirchengeschichte an der Universität Leipzig und beweist mit seinem kleinen, aber feinen Bändchen „Luther, Calvin und die anderen. Die Reformation und ihre Folgen“, dass diese verschiedenen Welten kein unabwendbares Schicksal zu sein haben, sondern das Wagnis der Kontaktaufnahme glücken kann.

Als profunder Kenner der Materie führt Kohnle den Leser wie eine Art Museums- oder Reiseführer behände und leichtfüßig durch die unübersichtlich wirkenden Welten der reformatorischen Epoche mit ihren verschiedenen Verästelungen, Verzweigungen, imposanten Gestalten und Hintergründen.

Von der „Kirche am Vorabend der Reformation“, über „Martin Luther“, „Einheit und Vielfalt reformatorischer Theologie“ (diese drei Kapitel sind besonders gut gelungen), „Die Entstehung evangelischer Landeskirchen“, „Wirkungen“ (hier scheint Kohnle manchmal seiner lesenden Reisegruppe fast etwas davonzueilen) und „Ausblick“ (mit dem wichtigen Hinweis, Luther nicht als Heiligen, sondern Mensch seiner Zeit zu betrachten) entfaltet und ordnet Kohnle den Kosmos der Reformation.

Dabei verliert er sich nicht in Kleinigkeiten, sondern zieht in großen Linien das Zeitalter der Reformation und ihrer Taktgeber nach, ohne dabei wichtige Details oder Hintergründe völlig außer Acht zu lassen. Solche baut er entweder sehr geschickt und manchmal beinahe fast unbemerkt ein oder aber informiert über „Infoblöcke“, die, sich abhebend vom Fließtext, wichtige Begriffe und Zusammenhänge kurz und bündig darstellen. An der einen oder anderen Stelle, hätte man sich evt. noch ein paar mehr dieser „Infoblöcke“ gewünscht.

Kohnle schreibt erfrischend klar und deutlich, ohne in der gebotenen Kürze einseitig zu werden und die großen Diskussionslinien heutiger Forschungen rund um dieses epochemachende Ereignis zu verschweigen, wie beispielsweise die Datierung des sogenannten Turmerlebnisses Luthers oder die Bewertung der Reformation als ein plötzlich-revolutionäres Ereignis oder doch eher das fast schon zwangsläufige Ergebnis des Verlaufs der mittelalterlichen Geschichte.

Auf 93 Seiten das Phänomen der Reformation zu beschreiben, ist ein Wagnis. Ein Wagnis, bei dem sich beschränkt und pointiert formuliert werden muss. Beides gelingt Kohnle auf eine gute Art und Weise. Selbstverständlich ersetzt dieses Büchlein nicht die Standardwerke zur Reformationsgeschichte und versucht es auch gar nicht. Und doch bietet sich dieses Büchlein als ein guter und profunder Reiseführer für die Beschäftigung mit der Reformation und ihrer Auswirkungen für heute an.

Theologie für die Gemeinde.“ Man wünscht diesem Bändchen und dem dahinterstehenden Vorhaben eine breite Rezeption und viele Leserinnen und Leser. Denn es ist ein gelungener Versuch, wissenschaftliche Theologie für die Gemeindearbeit fruchtbar zu machen. In unseren Zeiten, in der es zunehmend an grundlegendem Wissenshintergrund und an der Fähigkeit zum Verständnis der eigenen und fremder religiöseren Identitäten mangelt, mehr als notwendig.

Attemptemus! Mehr wissenschaftliche Theologie für die Gemeinde. Ganz entsprechend dem Vorhaben dieses Netzwerks (NThK).

Martin Böger ist derzeit Pfarrer in Stuttgart-Vaihingen.