Vom Predigen. Widersprüche zu #abkanzeln

von Niklas Schleicher

 

Wir haben vor zehn Jahren erfolgreich die Idole getötet
Und jetzt hängen wir im Zuckerbergwerk, labern nur Blödsinn
Und ich weiß ihr wollt ’ne Hymne und ’ne provokante Botschaft
Doch ich stolper‘ zwischen Prediger und kollektiver Ohnmacht
Scheiß auf Jugendrebellion, ich hab‘ die Faxen dick
(Disko Degenhardt: „Der Druck bleibt“)

 

cara

Heute predige ich darüber, dass man es nicht verhindern kann, Fehler zu machen, aber dass man bei allem versuchen kann, Mensch zu bleiben, denn das ist immer gut. (@PastoraCara)

Ich bin nicht der richtige für den Widerspruch zum Artikel von Hanna Jacobs (https://www.zeit.de/2018/44/religioese-reden-predigt-abschaffung-sermon-kanzel). Ich habe weder Erfahrungen im Vikariat oder im Pfarramt, noch bin ich Praktischer Theologe, der sich berufsmäßig mit der Geschichte und der Praxis protestantischer Predigt beschäftigt. Meine gehaltenen Predigten lassen sich bequem an zwei Händen abzählen. Und ja, auch ich rege mich mehr über Predigten (oder Predigtideen) auf, als dass ich diese gut finde. Also: Ich bin nicht der richtige für den Widerspruch. Es wird widersprochen und widersprochen werden: @FrauAuge hat in einem Tweet-Thread differenziert darauf hingewiesen, dass man mehr Freiräume für gute Predigten braucht. Der Blog „Homilia“ hat geantwortet und die richtigen Anliegen aufgenommen. Und die niedersächsische Landessuperintendentin Petra Bahr wird diese Woche bei „Christ und Welt“ respondieren. Alles berufenere Menschen, die sich gewählter ausdrücken und differenzierter argumentieren.

Ich sollte nicht widersprechen: Selbst hier bei NThK gibt es bessere: Claudia Kühner-Graßmann ist praktische Theologin und kann sehr differenziert die Praxis religiöser Rede reflektieren. Tobias Jammerthal ist Vikar und verfügt außerdem über breites geschichtliches Wissen. Die stilistische Schärfe von Tobias Graßmann erreiche ich kaum. Und lustiger wäre der Widerspruch sicherlich, wenn ihn Julian Scharpf verfassen würde.

buiting

Heute Nacht geträumt: Priester steigt von der Kanzel und fragt anstelle einer Predigt: “ Mal ehrlich: Wie geht’s euch, Leute?“ Und dann wird erzählt. Und zugehört. Und geweint. Und umarmt. Und die Kirchentür ist geöffnet dabei. Himmelweit. Ist mein Traum irgendwo Wirklichkeit? (@HannaBuiting)

Andere müssten widersprechen. Und warum überhaupt: Folgt Hanna Jacobs nicht ganz präzise einem Trend? Hat sie in ihrer Deskription recht? Ich meine, man muss nur auf den Powertweet einer anderen Hanna, Hanna Buiting, schauen: Runter von der Kanzel und zuhören, dass ist doch das, was die Menschen brauchen. Und dann: Trage ich hier wieder persönliche Aversionen ein? Bin ich nur neidisch, dass ich nicht in der „Christ und Welt“ schreiben kann, sondern nur ab und zu mal in einem kleinen Blog meine kleinen Dummheiten in die Welt schreibe?

Nein, andere sollten widersprechen: Die Exegeten und Exegetinnen vielleicht. Sie sollten bemerken, dass die biblischen Bücher zu einem guten Teil von Reden berichten oder sogar in stilisierter Redeform abgefasst sind. Dass Jesus vor allem auch als Lehrer wirkte, als einer der sprach, ja, der auch monologisierte. Und Paulus. Und auch die Propheten. Und Mose. Sie sollten darauf hinweisen, dass die christliche Religion und ihre Wurzel, das Judentum ganz eminent auf gesprochene und verschriftlichte Rede angewiesen war. Ja: Schon im Ursprung war das Christentum eine Religion des Wortes, und das gilt auch ohne das man auf den Johannesprolog aufmerksam machen müsste.

elektropastor

@hannagelb Werde am Reformationstag die Gemeinde über Gal 5 diskutieren lassen. 30-45 Minuten, mit alkfreien Cocktails. Kurzes Minifazit am Ende mit den Ergebnissen der Leute. Leserbrief zum dk-Artikel: Ohne Predigt kein Gottesdienst. Finde den Fehler. #abkanzeln (@elektropastor)

Es sollten andere widersprechen. Die Kirchengeschichtler und Kirchengeschichtlerinnen bestimmt. Mit Luther zum Beispiel. Denn freilich: Reformation war ein Medienereignis. Der Buchdruck und die Bibelübersetzung waren wichtig. Aber durch welche Schriften wurde Luthers Lehre verbreitet? Was war das, was wirkte? Es waren: Predigten. Entweder gehaltene oder eben: Gedruckte. Aber es waren Predigten. Klar, Luther ist vorbei. Aber danach Schleiermacher und seine Reden. Oder im Kirchenkampf. Oder. Oder.

knuuut

Jede Predigt muss bis 2021 auf einen Bierdeckel passen. #abkanzeln (@knuuut)

Oder möglicherweise die Dogmatiker oder Dogmatikerinnen: Sie sollten darauf hinweisen, was in der Schrift zur Rechtfertigungslehre der EKD (https://www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/2014_rechtfertigung_und_freiheit.pdf) nochmal deutlich hervorgehoben wurde: Es sind eben nicht nur vier reformatorische Exklusivpartikel (gratia, fide, christus, scriptura), sondern fünf. Solo verbo: Das zugesprochene, ja, eben auch das verkündigte Wort ist es, so Gott und sein Geist will, das den Sünder in die Gnade ruft. Vielleicht müsste der Dogmatiker oder die Dogmatikerin auch sagen, dass hier bei Hanna Jacobs der Rahmen des lutherischen Bekenntnisses, wenn nicht verlassen, so doch wenigstens herausgefordert ist. Aber gut, möglicherweise ist das auch altertümlicher Blödsinn und heute muss es anders gedacht werden.

Aber vielleicht widersprechen auch die praktischen Theologen und Theologinnen und machen deutlich, dass die Predigt eben auch ein unverzichtbarer Teil der Kommunikation des Evangeliums ist. Ich weiß nicht, vielleicht irre ich mich, aber die Homiletik als Teildisziplin ist eine, die einen relativ hohem Innovationsgrad hat. Sei es szenisches Predigen oder die Semiotik. Vieles Neue findet den Einlass in die Praktische Theologie und damit auch in die Theologie als Ganzes über den Trichter der Homiletik.

gayk

Statt einer Predigt gab es heute eine Frage: Was gibt dir Kraft? #abkanzeln (@julegayk)

Nun ja, das sind alles fachwissenschaftliche Debatten. Dann sollten vielleicht die Pfarrer und Pfarrerinnen widersprechen. Sie müssten sagen, dass Sie sich der Abständigkeit vieler Predigttexte durchaus bewusst sind, ja daran auch oft fast verzweifeln, aber Sonntag für Sonntag, Predigt für Predigt ihr Bestes geben, um das, was diese Texte auch in der (Post/Spät/Wasauchimmer-)Moderne dem Hörer oder der Hörerin bedeuten kann, auszulegen.

Es geht im Artikel ja aber um die Menschen, vielleicht müssten diese, die Menschen, die Sonntag für Sonntag im Gottesdienst sitzen, widersprechen. Sie müssten sagen: Woher, im Namen des Allmächtigen, weißt du denn, was meine Fragen sind? Glaubst du, nur weil du deine Probleme kennst, kennst du auch meine? Oder Sie müssten sagen: Nur weil du die Predigt, ja selbst deine Predigt nicht gut findest, weißt du noch gar nicht, was Sie in diesem Moment für mich bedeutet. Sei es, weil es für mich eine Tradition ist. Sei es, weil mich diese Auslegung trifft. Sei es, weil mich nur ein Satz berührt.

marthori

Mir spricht das aus dem Herzen, weil ich mich längst von der Predigt verabschiedet habe. Ich gehe kaum noch in Gottesdienste – vor allem wegen der Predigt. Ich ertrage sie einfach nicht mehr. (@marthori)

Oder sie müssten sagen: Klar, wenn ein Pfarrer von der Kanzel steigt und fragt, wie es geht, ist schön. Aber kann es sein, dass dann eh nur die gleichen reden? Oder dass ich vielleicht in diesem Moment nichts zu sagen haben, nicht reden will oder reden kann, sondern einfach nur hören will. Vielleicht Zuspruch, Aufmunterung oder auch Ermahnung brauche?

Vielleicht müssten Sie widersprechen und sagen: Klar, es ist die konkrete Person, um den es im Protestantismus geht, aber die konkrete Person ist eben nicht nur eine Pfarrerin in einem neuen Gemeindeprojekt in einer deutschen Großstadt, sondern auch der Rentner, die Küsterin, der Konfirmand oder ich. Und vielleicht, ja vielleicht, geht es eben auch manchmal um mich und nicht nur um Pioniere und Wanderer und Raumschiffpiloten.

jacobs

Für meinen Glauben brauche ich regelmäßig Predigten. [Umfrage] #abkanzeln (@hannagelb)

Irgendwie so, aber viel besser und differenzierter müssten es die klugen Menschen sagen. Sie werden, wenn sie es tun,  es differenziert und in Aufnahme der wichtigen und klugen Punkte sagen, die Hanna Jacobs anspricht. Ich nicht. Ich würde sagen: Wer die Abschaffung der Predigt fordert und denkt, dass er so eine protestantische Position vertritt, hat nicht Recht. Ich würde auch sagen: Wer so begründet wie im Artikel, stellt nur das eigene in den Fokus der Überlegungen und vergisst, dass es in der Kirche um mehr als nur mich und meine Richtigkeiten geht. Er sagt ein bisschen sehr viel „Ich“, auch wenn er denkt, dass es ihm immer um das „Du“ geht. Möglicherweise müssten wir nochmal darüber nachdenken, was das eigentlich heißt und von mir fordert, dieses „Kirche“. Aber das ist vielleicht eine andere Geschichte.

Rezension zu Irene Dingel: Reformation

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Rez. zu.: Dingel, Irene, Reformation. Zentren – Akteure – Ereignisse, Göttingen 2016.

von Jonathan Reinert, den 3. Dezember 2016 .

 

In den vergangenen 500 Jahren wurde wahrscheinlich noch nie so viel über Luther und die Reformation geschrieben wie in der aktuellen Luther- bzw. Reformationsdekade. Für Reformationshistorikerinnen und -historiker ist es zur Selbstverständlichkeit geworden, (mindestens) ein Luther- und/oder Reformationsbuch zu verfassen – Nachfrage und Angebot bedingen sich. Zu Beginn des Jubiläumsjahres veröffentlichte nun auch die Direktorin des Leibniz-Instituts für Europäische Geschichte in Mainz (IEG), Irene Dingel, ihre Darstellung der Reformation. Was dieses Buch ausmacht, lässt sich am besten im Vergleich mit anderen deutschprachigen ‚Reformationsgeschichten‘ der letzten Jahre verdeutlichen. Ertragreich sind dabei folgende Vergleichspunkte, die sich natürlich vielfach wechselseitig bedingen: (1) der Stil und die Perspektive sowie (2) der Aufbau und die Schwerpunktsetzung der Darstellung.

 

(1) Ein „Lese-Buch“ mit theologiegeschichtlichem Fokus

Wer noch eine Marktlücke im Bereich der Reformationsgeschichte sucht, muss irgendetwas anders machen als die anderen. Es gibt gute, aktuelle Lehrbücher z.B. von Gottfried Seebaß[1]  oder Volker Leppin[2]  und es gibt profilierte Entwürfe, wie den C.H. Beck-Kassenschlager von Thomas Kaufmann[3]. Irene Dingel formuliert in ihrem Vorwort, sie hoffe, ein Lese-Buch „im Sinne einer gut lesbaren, sich leicht erschließenden Darstellung“ (9) vorzulegen. Das ist ihr gelungen. Die Autorin beschreibt Ereignisse, Meinungen und Zusammenhänge außerordentlich abgewogen und sachlich; ihr Stil ist gewissermaßen das Gegenteil von reißerisch. Der aktuell aufgeheizten Frage, was wir warum 2017 feiern oder nicht, scheint sie mit einer dem Unparteilichkeitsideal verpflichteten Informationsbereitstellung zu begegnen. Weder ist die Darstellung dabei kleinteilig von Literaturangaben oder Infokästchen durchzogen (wie die Lehrbücher von Seebaß und Leppin), noch wird ein Großnarrativ angelegt und gezeigt, was die Reformation für die europäische Neuzeit alles bedeutet (wie der Entwurf von Kaufmann). Es handelt sich eben um ein informatives Lese-Buch.

Informativ ist es nicht lediglich dahingehend, dass die wichtigen Ereignisse und Vorgänge angehandelt werden; informativ ist es insbesondere hinsichtlich der „theologie- und ideengeschichtliche[n]“ (12) Perspektive, die Dingel gewählt hat. Kontroversen und Einigungsbemühungen der Zeit werden entsprechend nicht lediglich funktional im Blick auf die gesellschaftlichen und politischen Konstellationen, sondern vor allem inhaltlich dargestellt. So erfahren die Leser beispielsweise, welche prägenden „ zwei Prinzipien“ die Auseinandersetzung mit der Wittenberger Bewegung von 1521/22 „ins Bewusstsein gebracht“ (105) hatte; es wird nicht nur gesagt, dass Luther 1525 die Obrigkeit aufrief, die Bauernaufstände niederzuschlagen, sondern auch was er den Bauern vorwarf und welche rechtlichen und theologischen Beweggründe ihn veranlassten (vgl. 211f.); und bei der Abendmahlskontroverse zwischen Luther(anern) und Zwingli(anern) wird nicht nur die in den Marburger Artikeln 1529 festgeschriebene Uneinigkeit hervorgehoben, sondern auch dargelegt, über welche fünf Punkte man in dieser Frage eine Übereinkunft erzielen konnte (vgl. 115). Deratiges kommt beispielsweise bei Kaufmann nicht oder nur am Rande zur Sprache, der dafür ausführlicher auf die druckhistorischen Kontexte des Medienereignisses Reformation und ihre sozialen Trägergruppen Bezug nimmt. Das wiederum steht bei Dingel eher im Hintergrund.

 

(2) Vier Zentren innerhalb einer vielfältigen Bewegung 

Gegliedert ist das Buch in drei Großkapitel: „Hintergründe“ (15-44), „Die Reformation“ (45-248) und „Ausstrahlung“ (249-276) und wird von Personen-, Orts- und Bibelstellenregister abgerundet. Das erste Kapitel beschreibt die politischen, gesellschaftlichen und rechtlichen Strukturen um 1500 (15-24) sowie das religiöse Leben an der Schwelle von Spätmittelalter und Früher Neuzeit (25-45). Obgleich ein solches Hintergrundkapitel zum Standard einer jeden Reformationsgeschichte gehört und Neues kaum zu erwarten ist, ist die gleichzeitige Dichte und Verständlichkeit hervorzuheben, mit der gerade auf den ersten zehn Seiten die komplexen Strukturen beschrieben werden.

Auch ein Blick auf die europäischen Dimensionen der Reformation, hier im dritten Kapitel, gehört inzwischen zum Normalfall einer Reformationsgeschichte und ist ebenso bei Seebaß, Leppin und Kaufmann vorhanden. Bei Kaufmann ist die „Europäizität der Reformation“ (Kaufmann, 10) sogar zum Programm der Darstellung geworden, nachdem er bereits 2009 eine eher klassische Darstellung vorgelegt hat, die auf Deutschland beschränkt war.[4] Daneben gibt es aber auch weiterhin auf Deutschland beschränkte Darstellungen, wie beispielsweise von Rolf Decot[5].

Die eigentliche konzeptionelle Besonderheit von Dingels Lese-Buch besteht im mittleren Hauptteil. Er wird strukturiert durch die Darstellung von vier Zentren der Reformation mit ihren Hauptakteuren, nämlich Wittenberg mit Luther und Melanchthon (47-76), Zürich mit Zwingli (85-99), Straßburg mit Bucer (149-162) und schließlich Genf mit Calvin (229-248). Dass Bucers Wirken und die Straßburger Reformation nicht lediglich als (dogmatisch) zwischen Zwingli und Luther befindlich erwähnt, sondern als eine eigene, den oberdeutschen Raum prägende Gestalt der Reformation herausgestellt werden, unterscheidet Dingels Buch von allen anderen erwähnten Reformationsgeschichten. Ebenfalls ungewöhnlich ausführlich (und darin am ehesten mit Seebaß vergleichbar) wird auf den „Reformatorische[n] Dissent“ (120-148) eingegangen, d.h. auf Täufer, Spiritualisten und Antitrinitarier, die – der theologie- und ideengeschichtlichen Perspektive Dingels entsprechend – mit ihren eigenen Anliegen vorgestellt werden. Ansonsten werden die Vorgänge der Reformation in thematische Kapitel aufgeteilt, wobei insgesamt, d.h. von Wittenberg am Anfang bis Genf in der Mitte des 16. Jahrhunderts, auch in der Anordnung der Themenkapitel eine gewisse chronologische Linie versucht wird. Aktuelle Modethemen wie Wege und Medien der Reformation (77-84) oder Reformation und Bildung (163-172) kommen dabei ebenso zur Sprache wie klassische Aspekte, z.B. Kontroversen und Abgrenzungen (100-119), die Bedeutung der Reichspolitik (173-194) und die militärischen Auseinandersetzungen und Friedensverträge (206-228). Dass auch das Ringen um Konsens (195-205), d.h. Religionsverhandlungen als zwar letztlich gescheiterte, aber doch beachtenswerte Versuche von Ausgleich relativ breit vorgestellt werden, ist wiederum eine Besonderheit.

 

Was die evangelische Kirchenhistorikerin Dingel herausstellt, was sie in ihrer Darstellung weglässt und was entsprechend das von ihr gezeichnete Bild der Reformation ausmacht, wird besonders deutlich in Kontrastierung mit der Reformationsgeschichte des katholischen Frühneuzeithistorikers Decot. Bei diesem stellt sich die Reformation im Wesentlichen als die große Frage zwischen Luther mit seinen Impulsen und der bestehenden Kirche dar. Luther, seine Theologie und der Ablassstreit werden dort auf über 50 Seiten entfaltet und nach Kapiteln über Einführung und Durchsetzung der Reformation (Decot, 109-116 und 134-155) sowie dem Ringen um Einheit, Konzil und Religionsfrieden (156-179) geht es ausführlich um „Die Reform der katholischen Kirche“ (180-218), wobei altgläubige Reformansätze und ihre Protagonisten, die sich mit der aufgekommenen reformatorischen Bewegung auseinandersetzen, ebenso vorgestellt werden wie die Konzilsbemühungen und schließlich der Verlauf und die Beschlüsse des Konzils von Trient. Von all dem, d.h. von den Rückwirkungen der reformatorischen Bewegung auf die bestehende Kirche und die Auseinandersetzung jener Theologen mit der Reformation, die die Reformbedürftigkeit der Kirche ebenfalls sahen, aber den Bruch mit ihr nicht vollzogen haben, erfährt man in Dingels ‚Reformation‘ fast nichts. Dabei wäre es ihr konzeptionell insofern nicht fremd, als sie im ersten Satz der Einleitung die Reformation als „ein[en] historische[n] Prozess, der auf eine umfassende kirchlich-theologische Erneuerung zielte“ (Dingel, 10) definiert. Dass dagegen die reformatorische Bewegung verschiedene Zentren mit verschiedenen Gestaltungen ausbildete und dabei eine große Stimmenvielfalt vorhanden war, die nicht auf einen Nenner zu bringen ist, davon bekommt man bei Dingel ein lebendiges Bild, während es bei Decot im Grunde nur erwähnt, aber nicht ausgeführt wird (auf 17 Seiten handelt er unter dem Titel „Vielfalt der Reformatoren“ Karlstadt, Müntzer, Täufer, Spiritualisten, Zwingli und Calvin ab). Folgerichtig handelt das letzte Kapitel von Decot von der „Reformation als Ausdifferenzierung der Kirche in verschiedene Konfessionen“ (Decot, 219-250) während bei Dingel, wie erwähnt, die europäische Verbreitung der Reformation am Ende steht.

Dingel und Decot stehen unter den aktuellen ‚Reformationsgeschichten‘ somit beispielhaft für zwei Großperspektiven: Luther und die Kirche einerseits und Vielfalt der Reformation andererseits. Beide Perspektiven ergänzen m.E. einander notwendig.

Fazit: Wer die Vielstimmigkeit und Vielgestaltigkeit der Reformation wahrnehmen möchte, der ist mit Irene Dingels Buch bestens beraten!

 

Jonathan Reinert hat in Jena, Göttingen und Tübingen evangelische Theologie studiert und arbeitet derzeit an einer kirchenhistorischen Dissertation über Passionspredigten im frühen Luthertum in Jena. Er ist Geschäftsführer des Evangelischen Bundes Württemberg und Schriftleiter der Zeitschrift „ichthys“

 

[1] Geschichte des Christentums III. Spätmittelalter – Reformation – Konfessionalisierung, ThW 7, Stuttgart 2006.

[2] Die Reformation, Geschichte kompakt, Darmstadt 2013.

[3] Erlöste und Verdammte. Eine Geschichte der Reformation, München 2016.

[4] Geschichte der Reformation, Berlin 2009; die zweite Auflage erschien 2016 im Suhrkamp-Verlag, wobei im Titel einschränkend „in Deutschland“ ergänzt wurde.

[5] Geschichte der Reformation in Deutschland, Freiburg im Breisgau 2015.

Rezension zu Armin Kohnle: Luther, Calvin und die andern

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Rez. zu: Kohnle, Armin: Luther, Calvin und die andern. Die Reformation und ihre Folgen (Theologie für die Gemeinde VI/2), Leipzig 2016.

von Martin Böger, den 28. November 2016.

Die örtliche Kirchengemeinde und wissenschaftliche Theologie gelten gemeinhin als zwei völlig verschiedene Universen, deren Bewohner sich gegenseitig kaum verstehen können und es gar – so mutmaßen böse Zungen – am Willen des gegenseitigen Verständnisses mangeln könnte.

Attempto! Dachte sich wohl Prof. Dr. Armin Kohnle, selbst Ordinarius für Spätmittelalter, Reformation und territoriale Kirchengeschichte an der Universität Leipzig und beweist mit seinem kleinen, aber feinen Bändchen „Luther, Calvin und die anderen. Die Reformation und ihre Folgen“, dass diese verschiedenen Welten kein unabwendbares Schicksal zu sein haben, sondern das Wagnis der Kontaktaufnahme glücken kann.

Als profunder Kenner der Materie führt Kohnle den Leser wie eine Art Museums- oder Reiseführer behände und leichtfüßig durch die unübersichtlich wirkenden Welten der reformatorischen Epoche mit ihren verschiedenen Verästelungen, Verzweigungen, imposanten Gestalten und Hintergründen.

Von der „Kirche am Vorabend der Reformation“, über „Martin Luther“, „Einheit und Vielfalt reformatorischer Theologie“ (diese drei Kapitel sind besonders gut gelungen), „Die Entstehung evangelischer Landeskirchen“, „Wirkungen“ (hier scheint Kohnle manchmal seiner lesenden Reisegruppe fast etwas davonzueilen) und „Ausblick“ (mit dem wichtigen Hinweis, Luther nicht als Heiligen, sondern Mensch seiner Zeit zu betrachten) entfaltet und ordnet Kohnle den Kosmos der Reformation.

Dabei verliert er sich nicht in Kleinigkeiten, sondern zieht in großen Linien das Zeitalter der Reformation und ihrer Taktgeber nach, ohne dabei wichtige Details oder Hintergründe völlig außer Acht zu lassen. Solche baut er entweder sehr geschickt und manchmal beinahe fast unbemerkt ein oder aber informiert über „Infoblöcke“, die, sich abhebend vom Fließtext, wichtige Begriffe und Zusammenhänge kurz und bündig darstellen. An der einen oder anderen Stelle, hätte man sich evt. noch ein paar mehr dieser „Infoblöcke“ gewünscht.

Kohnle schreibt erfrischend klar und deutlich, ohne in der gebotenen Kürze einseitig zu werden und die großen Diskussionslinien heutiger Forschungen rund um dieses epochemachende Ereignis zu verschweigen, wie beispielsweise die Datierung des sogenannten Turmerlebnisses Luthers oder die Bewertung der Reformation als ein plötzlich-revolutionäres Ereignis oder doch eher das fast schon zwangsläufige Ergebnis des Verlaufs der mittelalterlichen Geschichte.

Auf 93 Seiten das Phänomen der Reformation zu beschreiben, ist ein Wagnis. Ein Wagnis, bei dem sich beschränkt und pointiert formuliert werden muss. Beides gelingt Kohnle auf eine gute Art und Weise. Selbstverständlich ersetzt dieses Büchlein nicht die Standardwerke zur Reformationsgeschichte und versucht es auch gar nicht. Und doch bietet sich dieses Büchlein als ein guter und profunder Reiseführer für die Beschäftigung mit der Reformation und ihrer Auswirkungen für heute an.

Theologie für die Gemeinde.“ Man wünscht diesem Bändchen und dem dahinterstehenden Vorhaben eine breite Rezeption und viele Leserinnen und Leser. Denn es ist ein gelungener Versuch, wissenschaftliche Theologie für die Gemeindearbeit fruchtbar zu machen. In unseren Zeiten, in der es zunehmend an grundlegendem Wissenshintergrund und an der Fähigkeit zum Verständnis der eigenen und fremder religiöseren Identitäten mangelt, mehr als notwendig.

Attemptemus! Mehr wissenschaftliche Theologie für die Gemeinde. Ganz entsprechend dem Vorhaben dieses Netzwerks (NThK).

Martin Böger ist derzeit Pfarrer in Stuttgart-Vaihingen.

Das überfällige Ende der Standardbibel!?

Von Tobias Graßmann (Twitter: @luthvind)

Vor einigen Tagen hatte ich gänzlich unverhofft ein Paket von meiner Landeskirche in der Hand. Darin fand sich die neue Revision der Lutherbibel, welche der Öffentlichkeit im Rahmen der Eröffnungsfeiern des Reformationsjubiläums vorgestellt werden soll. Ein Geschenk, mit dem meine Kirche mir einerseits ihre Wertschätzung zeigen, aber andererseits auch Lust machen wollte, mich mit dieser Übersetzung zu befassen.

Man kann nicht behaupten, dass diese Neubearbeitung ihrer Standardbibel innerhalb der lutherischen Kirchen lange herbeigesehnt und entsprechend mit großer Euphorie aufgenommen worden wäre. Ein Grund dafür dürften die kirchliche Reformmüdigkeit im Allgemeinen, der Überdruss am Reformationsjubiläum im Speziellen sein. Man kann sich das Gestöhne in der Pfarrerschaft gut vorstellen: „Nach Perikopenrevision, Dienstordnungen und Umstellung der Buchhaltung jetzt auch noch eine neue Bibelübersetzung? Wo wir doch eh schon so viel Stress mit diesem blöden Jubiläum haben? Haben die da oben denn nichts Besseres zu tun? Aber klar, dafür hat man wieder Geld…“ Die Begeisterung der Verantwortlichen hingegen wirkt teilweise etwas bemüht.

Tatsächlich kann es auf den ersten Blick so aussehen, als ob die Kritikpunkte an der Revision überwiegen. Denen, die darauf Wert legen, dass eine Bibelübersetzung in der Tradition Martin Luthers „dem Volk auf’s Maul schauen“ müsse, erscheint die neue Revision leicht wie eine Selbstmusealisierung der kirchlichen Verkündigungssprache. Schließlich wurde in vielen Stellen zur Sprache der ursprünglichen Übersetzung Martin Luthers zurückgekehrt. Den Traditionalisten hingegen war ja das bloße Unternehmen einer Revision verdächtig. Viele der behutsamen und exegetisch gut begründeten Veränderungen (etwa dass Paulus nun an die „Brüder und Schwestern“ in Korinth schreibt oder die Selbstverfluchung in Mt 27,25 nicht mehr vom „ganzen“ jüdischen Volk, sondern von „allem Volk“ ausgesprochen wird) können hier als Beleg gelten: Die Kirche knickt mal wieder vor dem Zeitgeist ein. Und dann auch noch in neuer Rechtschreibung! Gerade diese Veränderungen dürften wiederum den Feministinnen, Befreiungstheologen und Vertretern des jüdisch-christlichen Dialogs nicht weit genug gehen. Hier ist weitere Kritik zu erwarten. Den Ökumenebewegten hingegen dürfte schon das Beharren auf einer eigenen Übersetzung suspekt sein: Sollten die evangelischen Kirchen doch lieber auf die Revision der katholisch verantworteten Einheitsübersetzung warten und diese endlich als Standardbibel der einen Christenheit anerkennen?

Man kann also sagen: Die neue Revision der Lutherbibel macht es eigentlich niemandem recht. Und: Das macht sie gut!

Denn ohne auf einzelne Stellen einzugehen (vgl. dazu die Beispiele und Erläuterungen hier oder hier), kann man urteilen: Ja, die neue Revision ist sperriger geworden, vielleicht auch etwas bildungsbürgerlicher. Sie hat sich damit ein Stück weit von dem Gedanken gelöst, die eine Bibel für alle Situationen zu sein. Aber das muss kein Schaden sein! Vielmehr weist sie einen Weg, der den evangelischen Kirchen insgesamt noch bevor steht: Sich auf das zu besinnen, was man am besten kann und was einen besonders macht!

Nun haben sich die Übersetzer offensichtlich grundsätzliche Gedanken darüber gemacht, was den Luthertext traditionell gegenüber anderen Bibelübersetzungen auszeichnet. Dabei kamen sie auf die allseits gerühmte Sprachgewalt und die unerreichte kulturelle Prägekraft. Diese Merkmale wurden in der Revision besonders herausgearbeitet, was eben zum Teil bedeutete: Rückkehr zum Wortlaut früherer Lutherübersetzungen, wo dem nicht neuere exegetische Erkenntnisse entgegen standen. Auf diesem Wege wurde einerseits ein Maximum an Sprachgewalt erreicht, andererseits ließen sich manche Bezüge zur deutschen Literatur, Geistes- und Musikwelt wieder sichtbar machen, die durch früheren Revisionen verdeckt waren. Intellektuelle werden beides zu schätzen wissen!

Vom Standpunkt des Sprachliebhabers ist zu begrüßen, dass klassische Wortschöpfungen Luthers und heute weithin ungebräuchliche Begriffe wie „Geblüt“ und „Gebeine“ wieder aufgenommen wurden. Denn wer den Traditionsabbruch und die Verarmung unserer deutschen Sprache nicht nur bejammern will, muss dafür sorgen, dass solche Worte auch verwendet werden. Im Gottesdienst haben sie nun ihren Ort und über die sakrale Sprache könnten sie auch wieder in den gehobenen Sprachgebrauch einsickern.

Gleichzeitig hatten die Übersetzer aber auch den liturgischen Gebrauch und die Bedeutung für die persönliche Frömmigkeit im Blick – im kollektiven Gedächtnis tief verankerte Stücke wie der 23. Psalm blieben in der Regel unverändert. So ist Luther 2017 auch eine traditionskontinuierliche Übersetzung im besten Sinne geworden. Keiner dürfte in den Gottesdienst gehen und geschockt feststellen müssen, dass ein geliebter Text nun völlig anders klingt.

Eine Lutherbibel, die der Nüchternheit der Zürcher Übersetzung, der Ursprachennähe der Elberfelder oder der Verständlichkeit der Basisbibel Konkurrenz machte, würde gerade ihre unverwechselbaren Stärken verraten. Es gibt mittlerweile eine Vielzahl origineller Übersetzungen und Übertragungen für nahezu jede Lebenslage und Zielgruppe: von der Kees de Kort Kinderbibel über die Bibel in gerechter Sprache bis hin zur originellen Volxbibel (bei deren Jugendsprache man allerdings schon wieder ungläubig die Stirn runzelt, ob Jugendliche wirklich mal so geredet haben). Es gibt jüdische und katholische Übersetzungen und solche aus dem evangelikalen Bereich.

Pfarrerinnen und Pfarrer werden auch in Zukunft Übersetzungen vergleichen und abwägen müssen, welche Bibel einer Verkündigungssituation angemessen ist. Vielleicht wird man nun jenseits von Sonntagsgottesdienst und Kerngemeinde öfter mal gegen den Luthertext entscheiden – aber wäre das angesichts der genannten Alternativen denn so schlimm?

Wer sich aber für Luther entscheidet, der bekommt auch Luther! Mit der neuen Revision haben wir jedenfalls eine sprachgewaltige, traditionsbewusste Bibel mit hohem ästhetischen Wert zur Hand. Besonders im Gottesdienst und bei der privaten Lektüre dürfte sie gute Dienste leisten. Das ist unbedingt ein Gewinn!