Fußnoten zu Leitlein

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Eine Replik von Tobias Graßmann (@luthvind)

Hannes Leitlein hat zusammen mit Fabian Klask einen Blick auf die Veranstaltungen des Reformationssommers 2017 geworfen und ausgehen davon 9 beziehungsweise 9,5 Thesen formuliert. Auf Twitter habe ich angemerkt, dass ich diesen Thesen grundsätzlich zustimme, aber den Beschreibungen im Detail widersprechen sowie vermutlich andere Konsequenzen ziehen würde. Aus dem Urlaub in Südtirol antworte ich daher mit ein paar hastig hingeworfenen Zeilen.

Was Leitlein betrifft, so schreibt dieser mittlerweile sehr regelmäßig für Christ&Welt sowie Die Zeit. Wer etwa seinem Twitter-Account folgt (#ff @hannesleitlein), der erkennt, dass er sich als engagierter Vertreter einem urbanen, linken Moralprotestantismus zuordnen lässt. Neben dieser klaren Positionierung bemerke ich bei ihm allerdings ein journalistisches Ethos, das sich um jene Unparteilichkeit bemüht, die man Objektivität nennen könnte. Es ist diese Spannung zwischen Idealen und journalistischer Sorgfaltspflicht, die Leitlein zu einer interessanten Figur macht. Ob wir es hier mit der künftigen Evelyn Finger zu tun haben oder er doch irgendwann ein Start-Up für Lastenfahrräder gründet, vermag ich nicht zu prognostizieren – ich tauge auch wenig als Prophet. Aber jedenfalls ist er ein protestantischer Akteur, bei dem es sich lohnt, ihn auf dem Schirm zu behalten.

Nun zu den Thesen, die Leitlein zusammen mit Klask formuliert hat: Was die Leitsätze selbst (die ja eigentlich keine Thesen. sondern Imperative sind) betrifft, so sollten diese uneingeschränkt zustimmungsfähig sein. Grundsätzlich, so meine ich, haben die Autoren die Lage recht präzise erfasst und der Protestantismus sollte sich ihre Anregungen zu Herzen nehmen. Aber bei unter den konkreten Ausführungen zu den Imperativen scheint mir doch manches fragwürdig, anderes reizt mich zu Widerspruch.

So etwa die Aussage, dass die evangelische Kirche wenig zu lachen habe und vor allem nie über sich selbst lache (These 1). Sicher, man kann über den komödiantischen Wert des Kirchenkabaretts streiten, wie es etwa vom weißblauen Beffchen seit Urzeiten verkörpert wird. Auch über den der zahlreichen, mehr oder minder stark sächselnden Lutherparodien, die ich in den letzten Jahren erleben durfte und bei denen ja auch immer sehr gegenwärtige Pfarrherlichkeit verhandelt wird. Ob alles zum Lachen ist, was in der evangelischen Kirche witzig gemeint ist? Nun ja, eher nicht. Aber wer die Bereitschaft, über sich selbst zu lachen, grundlegend in Frage stellt, ist entweder der Konfessionspropaganda des rheinischen Katholizismus aufgesessen oder treibt sich in den falschen Diakonissenkonventen rum. Was nicht bedeuten soll, dass in Sachen Humor und Selbstironie keine Luft nach oben wäre!

Die Kirche sollte, so die Autoren, angesichts der Kritik von Seiten der „spießigen Sprachpolizisten“ (These 3) vom Verein Deutsche Sprache höchstens belustigt mit den Achseln zucken. Dem ist zuzustimmen. Keine Scheu vor Anglizismen, wo sie griffig sind und Wiedererkennungswert haben! Gleichzeitig ist ein Anglizismus allein natürlich noch kein Garant dafür, dass etwas frisch, modern und weltläufig klingt. Aber das dürfte mittlerweile allen außer ein paar in die Jahre gekommenen Jugendpfarrern bewusst sein. Ich sehe allerdings die Gefahr eher von einer anderen Seite und rechne dabei mit wenig Zustimmung bei Leitlein, der ja erklärter Fan der Bibel in gerechter Sprache ist. Denn der „Klartext“, den die Autoren fordern, ist nicht nur bedroht durch spießigen Sprachpurismus oder den „Jargon der Betroffenheit“ (E. Flügge). Aktuell ist es auch das Bemühen um inklusive und geschlechtsneutrale Sprache, das verlässlich eine bürokratisch-abstrakte Diktion hervorbringt und aus einer Rede schnell eine unfreiwillig komische Kaskade mitgelesener Sonderzeichen und gestelzter Partizipialkonstruktionen macht. In diesen Zusammenhang gehört auch das Liederheft des letzten Kirchentages, dessen Eingriffe in den Text traditioneller Lieder vielen unmotiviert schienen oder schlicht zu weit gingen. Dabei sind – das sei hier noch einmal betont – die Anliegen der „gerechten“ Sprache ja berechtigt: Eine Sprache, die etwa Frauen lediglich „mitmeint“, entspricht nicht unseren gesellschaftlichen Verhältnissen. Aber es geht eben auch um Verständlichkeit, Schönheit und nicht zuletzt Verhältnismäßigkeit – nicht um möglichst umfassende Sprachregelungen, an die man sich hoffentlich irgendwann schon gewöhnen wird. Oft kann die Predigerin mit einfachen Mitteln eingeschliffene Hörgewohnheiten irritieren, Geschlechterstereotype oder andere Vorurteile unterlaufen, ohne dass die Eleganz der Sprache leidet. Hier die richtige Balance zu finden, ist eine Kunst. Sprachbereinigung ist dagegen auch da ein Ärgernis, wo sie nicht reaktionär, sondern progressiv daherkommt!

Was den Personenkult (These 5) betrifft, so scheint mir die Beobachtung prinzipiell richtig, aber auch eine Engführung zu sein: Es muss nicht immer Personenkult sein, sondern es geht allgemein um Konkretheit und Greifbarkeit in der Erinnerungs- und Feierkultur. Man muss also nicht immer Dr. Lutherus in den Mittelpunkt stellen, aber in Wittenberg liegt ein Fokus auf Luther, sein Leben und die Ursprünge der Reformation eben nahe. An anderen Erinnerungsorten lassen sich jeweils andere Gestalten, Ereignisse und Themen aufgreifen, in Szene setzen und mit Leben füllen. Aber immer gilt: Für breite Menschengruppen jenseits des Fachpublikums wird Geschichte greifbar, wenn man sie an symbolkräftigen Orten und mit konkreten Identifikationsangeboten zum Thema macht. Diesen Effekt sollte man nicht überdehnen, indem man zu viel oder Gegenläufiges erreichen will.

Das Bekenntnis zum Osten (These 4) und zur Provinz (These 6), das die Autoren von der Kirche einfordern, trifft auf meine volle Zustimmung. Gerne wüsste ich nun, wie die Autoren vor diesem Hintergrund die – wie mir scheint, immer stärkere – Tendenz der jüngeren Pfarrerschaft bewerten, ihre Präferenzen für einen urbanen Lebensstil über den Dienstgedanken und faktisch das Wohl der Gemeinden abseits der Metropolregionen zu stellen. So kommt es dazu, dass die Provinz und die gerade östlichen Landeskirchen mit ihren vergleichsweise unattraktiven Arbeitsbedingungen voll unter dem Pfarrermangel zu leiden haben, während sich auf den freizeitfreundlichen Funktionsstellen und in den Innenstadtgemeinden die Leute drängeln. Das Gesetz von Angebot und Nachfrage bedeutet: Je weniger Pfarrerinnen und Pfarrer es gibt, desto stärker kann die Pfarrerlobby ihre Interessen durchsetzen. Gegensteuern ließe sich nur durch eine Kombination aus Solidaritätsprinzip, sanftem Druck und echten Anreizen. Denn nein – es wird wohl kaum reichen, einfach eine Ideologie des Ehrenamts an die Stelle der Personalplanung zu setzen. Die Gemeinden werden es kaum als neuartige Chance für das Priestertum aller Getauften sehen, wenn Frau Müller aus dem Singkreis auch die Geschäftsführung und alle zwei Wochen einen Gottesdienst macht.

Die Thesen 7 und 8 sind meines Erachtens voll und ganz zu unterstützen.

Am stärksten dürften die Autoren und ich voneinander abweichen bezüglich der Konsequenzen, die aus der 9. und letzten These zu ziehen sind. Ich würde den Appell „Seid nicht so nett!“ zunächst als Aufforderung interpretieren, etwas mehr theologisches Profil zu wagen und sich nicht immer den Erwartungen vorzugreifen, welche man in Teilen der Gesellschaft zu spüren meint. Auch würde ich daraus die Lehre ableiten, innerkirchlich mehr Diskurs und offenen Streit zuzulassen. Wie oft wird unter dem Mantel einer alle Differenzen deckenden Nettigkeit jede Diskussion im Keim erstickt, um dann hinter dem Rücken der anderen zu lästern, zu intrigieren oder ihre Vorhaben zu blockieren? Das ist kein Verhalten, das einer christlichen Kirche gut ansteht – aber leider weit verbreitet, wie mir scheint!

Klask und Leitlein dagegen geht es weniger um den innerkirchlichen Umgang miteinander als um eine Kirche, die sich in Politik und Wirtschaft einmischt. Dagegen ist nun auch nichts einzuwenden, im Gegenteil! Doch dass sie gerade das berüchtigte Afghanistan-Diktum der früheren Bischöfin und Ratsvorsitzenden Käßmann als positives Beispiel anführen, verwundert dann schon.

Käßmann-Bashing liegt mir fern. Aber der Satz, der da als „präzise kritisch“ gelobt wird, steht doch eher für die Unkultur einer Kirche, die moralisch unangreifbar sein will und deshalb die Untiefen der Politik scheut. Keiner hat von der EKD verlangt, eine Entscheidung über mögliche Bündnisverpflichtungen Deutschlands zu treffen. Man kann von Käßmann auch nicht erwarten, sich ein detailliertes Bild von der Lage am Hindukusch zu machen und eine Antwort darauf zu finden, wie mit der instabilen Sicherheitslage, den Verbündeten und ihren Interessen sowie dem Leiden der Zivilbevölkerung umzugehen ist. Wenn aber seither der Bundestag den betreffenden Einsatz über die Grenzen mehrerer Fraktionen hinweg regelmäßig verlängert hat, weist das wohl darauf hin, dass es ganz so einfach eben nicht ist. Käßmanns Leistung besteht darin, ihr moralisches Gefühl, das sich als solches um Grautöne naturgemäß nicht zu scheren braucht, in eine bildzeitungsgerechte Kurzformel gebracht zu haben. Mit fragwürdigen Erfolg. Denn es wurde keine Wende zum Guten in der Afghanistanpolitik herbeigeführt, sondern lediglich der überwunden geglaubten Gegensatz von Gesinnungs-und Verantwortungsethik wiederbelebt. Schönen Dank auch!

Hier kann nun nicht im Detail aufgezeigt werden, wie politisches Handeln der Kirche aussehen kann und soll, das sich nicht auf moralische Weisungen der Kirchenprominenz beschränkt, sondern eine lebendige politische Kultur innerhalb der Kirche zur Basids hat. Es wäre sicher lohnenswert, dem einen oder mehrere Artikel zu widmen und dabei auch die neuesten Impulse der EKD-Kammer für Öffentliche Verantwortung zu diskutieren. So Gott will findet sich jemand, der sich für nthk.de dieser Aufgabe annimmt.

Doch vielleicht hilft hier vorerst ein positives Beispiel, das ich dem Käßmann-Diktum entgegenstellen möchte. Als ein solches steht mir aktuell das Handeln der Kirchen angesichts der sog. Flüchtlingskrise vor Augen. Jenseits der Stellungnahmen von Seiten der Kirchenleitung – diese dürften manches befördert haben – sehe ich dabei die große Leistung bei den Gemeinden. Dort hatten notwendige gesellschaftliche Debatten einen Raum, die hier auch über die Grenzen der politischen Lager hinweg geführt wurden. So wurden bei vielen Menschen Vorurteile und Ängste sichtbar gemacht, bearbeitet und abgebaut. Schließlich hat man vielerorts ganz praktisch die Verantwortung übernommen für Flüchtlinge und deren Integration hier in Deutschland. Menschen haben sich für das Gemeinwohl eingebracht und sind dabei überzeugend für ihren Glauben eingestanden. Dabei wurde, wie die Reaktionen einiger meist konservativer Politiker zeigen, durchaus auch mit den Erwartungen von Seiten des Staates und der Politik gebrochen. Insofern ist den Autoren zuzustimmen: Nur Nettigkeit führt nicht weiter!

Grundsätzlich sollten sich die evangelischen Kirchen in politischen Fragen zunächst darauf besinnen, was ihnen von ihrem Auftrag und von ihrer Botschaft her aufgetragen ist. Dazu braucht es einen lebendigen Diskurs, der auch kontroverse Positionen zulässt. Nur auf dieser Grundlage lässt sich dann eine breite Mehrheit der Mitglieder für ein bestimmtes Vorgehen gewinnen und mobilisieren. Die Verständigung über das, was hier und heute geboten ist, dauert vielleicht einmal etwas länger als wünschenswert. Es könnte sein, dass sich in manchen Fragen keine eindeutige kirchliche Position gewinnen lässt. Aber wäre das so schlimm? Vielleicht ist gerade das ein wichtiger Beitrag zur politischen Kultur unserer Gesellschaft. Die Fähigkeit, Spannungen und Meinungsverschiedenheiten auszuhalten, scheint mir durchaus ausbaufähig.

Ach, und was den Segensroboter und die Aufforderung „Traut euch!“ (These 2) betrifft: Mit Blick auf die kommende Bundestagswahl melde ich Interesse an bezüglich eines Roboters, der Klagepsalmen rezitiert…

Erleben, dass wir viele sind

von Annette Haußmann

Was ist ein Event und was hat Kirche damit zu tun? Diese Frage stellte sich die Übung „Kirche – Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft“ im Vorfeld zum gemeinsamen Besuch des 35. Evangelischen Kirchentags in Stuttgart. Mit der Grundlage des Textes von Harald Schroeter-Wittke1 zum Eventbegriff und der Bedeutung des Kirchentags gelang eine erste Näherung an das Phänomen des christlich-kirchliches Events. Es stellte sich heraus, dass nahezu alle TeilnehmerInnen bereits Erfahrungen mit derartigen Veranstaltungen gemacht hatten – wobei sich die Grenzen als fließend offenbarten: ist ein Weltgebetstag, ein Gemeindefest oder ein monatlich stattfindender Jugendgottesdienst ein Event oder eine ritualisierte Feier oder beides? Die Eindrücke, die von solchen Events zurückbleiben, waren ebenso vielfältig wie die Teilnehmenden:

Viele sind Christen. Wir sind viele.“

Man erlebt Gemeinschaft, und das bestärkt dann auch den Glauben.“

Die reden dort wie wir heute.“

Auch Atheisten gehen dorthin, aber dann verändert sich gar nichts. Und ich frage mich, warum gehen die dann überhaupt dort hin?“

Harald Schroeter-Wittke ist der Überzeugung: „Events sind gut und große Klasse.“2 Stimmt das? In Theorie und Praxis würde das zu überprüfen sein.

Im in der Übung inszenierten Streitgespräch wurde die Frage nach der Notwendigkeit, Sinnhaftigkeit und Zielsetzung des christlichen Events erörtert. Am Beispiel des Kirchentags übernahmen die Studierenden abwechselnd die Perspektive von Teilnehmenden, Mitarbeitenden, aber auch von Ortsgemeinde und PfarrerInnen. Die Argumente für und gegen die Durchführung von Events wurden aus Texten und eigener Erfahrung rekonstruiert und in lebendiger Debatte von pro und contra ausgetragen.

Erstaunliche Erkenntnis: Es geht um Nachhaltigkeit, um Zukunft und Gestalt der Kirche, nicht um das Event selbst. Der stereotyp aufbrechende Kontrast zwischen der Forderung regelmäßiger Mitwirkung in der (Orts-)Gemeinde und punktuellem berechtigtem Projektcharakter brachte schnell an den Punkt, Perspektiven zu hinterfragen. Diskutieren wir in der Rolle des künftigen Pfarrers, der begeisterten Kirchentagsteilnehmerin oder -helferin, des Jugendleiters in der heimischen Ortsgemeinde oder als Kirchenmitglied? Denn das macht einen Unterschied in der Positionierung: stimmen wir in die Klage „zu wenig Beteiligung im Gottesdienst am Sonntag“, „zu wenige Mitarbeitende“, „ständige Herausforderungen durch Projekte“ ein oder sind wir bereit, die Vorzüge eines Großevents gerade im Projektcharakter, der Einmaligkeit, der überschäumenden Atmosphäre und der Unwiederholbarkeit zu sehen?

Das führte zur übergeordneten ekklesiologischen Fragestellung: Wird Kirche als Dienstleisterin verstanden, die durch wechselnde Angebote eine möglichst große Zahl von Menschen mit dem Evangelium anzusprechen hat? Und in welchem Verhältnis stehen dann Tradition bzw. traditionelle Formen und Neuerungen? Pastoraltheoretische, kybernetische und ekklesiologische Aspekte sind also in der Beurteilung des Events so eng miteinander verflochten, dass sich eine systematische Betrachtung nahelegt.

Die Heuristik, die hier im Hintergrund steht, ist die einer Teilnahme- und Mitmach-Kirche, die das Ideal einer regelmäßigen Partizipation an verschiedenen Formen gelebten Christseins – insbesondere die Teilnahme am Sonntagsgottesdienst – in sich trägt. Vor dieser Folie wird das Event schnell zur Angelrute, die Gemeindeglieder begeistern und an Land der Orts-Gemeinde ziehen soll. Vereinfacht: „Menschenfischen“ – eine Aufgabe des Events? Eine ähnliche Verkürzung findet sich in missionarischen Kontexten, die solche Massenveranstaltungen als Methode der Gemeindeentwicklung und zur Gewinnung von Ehrenamtlichen verstehen möchten.3

Das Event als Selbstzweck?

Müssen Events funktionalisiert werden oder kommt ihnen nicht eine eigene Daseinsberechtigung zu, die im Moment des Erlebens, der Punktualität und Eventualität aufgeht und die Frage nach Nachhaltigkeit, Folgen und Mission hinten anstellen lässt? Das Event Kirchentag weckt Begehrlichkeiten, die Gestalt von Kirche zu erneuern, zu verändern, Verbindlichkeiten zu erzeugen, Mission praktisch erlebbar zu machen, dem wahrgenommenen Verlust der Kirchenmitgliederzahlen Einhalt zu gebieten. Diese Gedanken sind verständlich aus der Perspektive einer kleiner werdenden Gemeinschaft, die Angst und Sehnsucht prägt: „wir sind wenige“ – „wir wollen mehr werden“. Eine verkürzte, wenn auch ansteckende Sichtweise, die die Erkenntnis aus der vorletzten Sitzung wegzuwischen drohte. Dort waren wir zur Einsicht gekommen, dass auch gelegentliche oder sogar keine Partizipation an Angeboten eine berechtigte Form der Kirchenmitgliedschaft ist.

Nun sollte das Diskutierte aber praktisch und erlebbar werden: Mit viel Theorie und Reflexion im Gepäck in die Erlebniswelt bunter Schals, neuer geistlicher Lieder und politischer Podien einzutauchen – eine bereichernde Erfahrung für die Übungsteilnehmer, die zum Teil das erste Mal bei einem Kirchentag dabei waren.

Von Perspektiven, Zukunftsentwürfen und Sozialarbeitern. Eindrücke vom Kirchentag

Vor allem auf die Perspektive kommt es an, denn wenn man nur genau hinschaut, entdecke man, wo sich Erneuerungen regen und Heiliger Geist weht, so Dr. Christian Hennecke, dessen Impuls sich als Ermutigung zum Abschied vom Verständnis der Angebotskirche verstehen ließ. „Man muss Altes auch sterben lassen können“, ergänzte Gabriele Viecens.4 Aber wer entscheidet, was sterben muss und was weiterleben soll und weiterbelebt wird? Als Indikator für gute und zukunftsweisende Gemeindearbeit sei die Leidenschaft, das „Brennen für die Sache“, mit der etwas betrieben werde. Diese positivistische Sicht hinterfragten die Studierenden kritisch. Brennen allein reicht nicht, notwendig sind auch personelle, finanzielle und strukturelle Ressourcen. Und was geschieht wenn sich Tradition und Neues nicht miteinander vereinen lassen? Fragen, über die sich ein längeres Nachdenken lohnt.

Apropos Perspektive: Theologen und Pfarramtsstudierende hören anders hin. Genauer, differenzierter und theologischer. Die Vernetzung mit Wissensinhalten und das Hineinstellen der Informationen in einen größeren theologischen Horizont, das gehört mit zu den theologischen Kompetenzen, die im Studium erworben werden und es schützt vor Pauschalisierung und dem Glauben an zu einfache Lösungen.

Zweitens hören gerade Pfarramtsstudierende mit sehr aufmerksamen ‚Appellohren‘, wenn es um Veränderungsprozesse in Kirche und Gemeinde geht. Der stereotype Ruf nach den besser ausgebildeten Pfarramtskandidaten nahm in den Veranstaltungen immer wieder prominenten Raum ein. Mehr Netzwerken, das Wachsende unterstützen, aus den wenigen mehr machen, Atheisten für die Kirche gewinnen.5 Diese floskelhaften Forderungen stellen nicht nur Rückfragen an die Eignung des Einzelnen, sondern hinterfragen auch die theologische Ausbildung. Kommen in der Lehre die Persönlichkeitsbildung und der Ausbau von Kompetenzen wie (Selbst)Management und Beziehungspflege zu kurz? Provokant gefragt: Wird der Theologe/Pfarrer zum Sozialarbeiter? Wie kann es gelingen, die wahrgenommene Zweiteilung von Praxiselementen und theologischer Theorie aufzubrechen und deren unteilbare Zusammengehörigkeit deutlicher zu machen?

Am Ende steht die Beobachtung im Raum, dass sich die Perspektive der werdenden PfarrerInnen nicht von der der Teilnehmenden, Mitfeiernden, Konsumierenden trennen lässt. Der Gedanke an die eigene berufliche Zukunft lässt sich gerade beim Nachdenken über kirchliche Zukunft nicht wegwischen. Wie wird es sein, wenn ich selbst die Kanzel besteige: Wie viele werden mir zuhören? Wie gewinne ich die junge Generation? Vorbilder sind notwendig, um der neuen Generation im Pfarramt Wind in die Segel zu geben. Es erfordert Mut, diesen vielfältigen und herausfordernden Beruf beherzt zu ergreifen, nach eigenen Vorstellungen zu formen und Kirche mitzugestalten.

Damit wir klüger werden!

Unser Fazit am Ende der Veranstaltung: Das Event Kirchentag ist klasse, die Stimmung und Atmosphäre, das Erleben der Massen und die lebendigen gesellschaftspolitischen Diskussionen. Kehrseite der Massenveranstaltung ist die Pauschalisierung von Inhalten und Argumenten – eine Ermutigung dazu, differenzierte, theologische und wissenschaftliche Perspektiven einzunehmen. Und eine Ermutigung, das Studium als einen Ort der Erkenntnis und des kritischen Hinterfragens in seiner inhaltlichen Berechtigung verstärkt wahrzunehmen. Die Studierenden sind dabei auf einem sehr guten Weg

Selbstvorstellung:

Annette Haußmann, Diplom-Theologin und Diplom-Psychologin, aktuell Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Praktische Theologie der LMU München bei Prof. Dr. Christian Albrecht. Ich arbeite an einer Dissertation in der Praktischen Theologie zum Thema Religiosität, Belastungen und Ressourcen in der Pflege, Zur Rolle von Religiosität bei pflegenden Ehepartnern, betreut von Prof. Dr. Birgit Weyel, Universität Tübingen. Sonstiges: Grenzgängerin zwischen Theologie und Psychologie, München und Tübingen, Natur und Kultur, Arbeit und Leben, engagiert in der Diakonie (Vorträge, ehrenamtliche Mitarbeit in Gremien) und Jugendarbeit (Organisation von Tagen der Orientierung für Schulklassen, ejw Stuttgart).

1 Harald Schroeter-Wittke, Evangelische Kirche und Eventkultur, in: Jahrbuch für evangelische Kirchengeschichte des Rheinlandes 62 (2013), 221–240.

2 A.a.O., 222.

3 Z.B. Michael Herbst, „Event-ualität“ – neue Normalität in Gemeinde und Kirche? In: Theologische Beiträge 44. 2013, 4 / 5., 202-217.

4 Veranstaltung „Glänzende Aussichten – wie Kirche neu aufbricht“.

5 Veranstaltung „Ich bin nicht religiös. Ich bin normal!“ Konfessionslosigkeit als Herausforderung für die Kirche.