Rezension zu Irene Dingel: Reformation

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Rez. zu.: Dingel, Irene, Reformation. Zentren – Akteure – Ereignisse, Göttingen 2016.

von Jonathan Reinert, den 3. Dezember 2016 .

 

In den vergangenen 500 Jahren wurde wahrscheinlich noch nie so viel über Luther und die Reformation geschrieben wie in der aktuellen Luther- bzw. Reformationsdekade. Für Reformationshistorikerinnen und -historiker ist es zur Selbstverständlichkeit geworden, (mindestens) ein Luther- und/oder Reformationsbuch zu verfassen – Nachfrage und Angebot bedingen sich. Zu Beginn des Jubiläumsjahres veröffentlichte nun auch die Direktorin des Leibniz-Instituts für Europäische Geschichte in Mainz (IEG), Irene Dingel, ihre Darstellung der Reformation. Was dieses Buch ausmacht, lässt sich am besten im Vergleich mit anderen deutschprachigen ‚Reformationsgeschichten‘ der letzten Jahre verdeutlichen. Ertragreich sind dabei folgende Vergleichspunkte, die sich natürlich vielfach wechselseitig bedingen: (1) der Stil und die Perspektive sowie (2) der Aufbau und die Schwerpunktsetzung der Darstellung.

 

(1) Ein „Lese-Buch“ mit theologiegeschichtlichem Fokus

Wer noch eine Marktlücke im Bereich der Reformationsgeschichte sucht, muss irgendetwas anders machen als die anderen. Es gibt gute, aktuelle Lehrbücher z.B. von Gottfried Seebaß[1]  oder Volker Leppin[2]  und es gibt profilierte Entwürfe, wie den C.H. Beck-Kassenschlager von Thomas Kaufmann[3]. Irene Dingel formuliert in ihrem Vorwort, sie hoffe, ein Lese-Buch „im Sinne einer gut lesbaren, sich leicht erschließenden Darstellung“ (9) vorzulegen. Das ist ihr gelungen. Die Autorin beschreibt Ereignisse, Meinungen und Zusammenhänge außerordentlich abgewogen und sachlich; ihr Stil ist gewissermaßen das Gegenteil von reißerisch. Der aktuell aufgeheizten Frage, was wir warum 2017 feiern oder nicht, scheint sie mit einer dem Unparteilichkeitsideal verpflichteten Informationsbereitstellung zu begegnen. Weder ist die Darstellung dabei kleinteilig von Literaturangaben oder Infokästchen durchzogen (wie die Lehrbücher von Seebaß und Leppin), noch wird ein Großnarrativ angelegt und gezeigt, was die Reformation für die europäische Neuzeit alles bedeutet (wie der Entwurf von Kaufmann). Es handelt sich eben um ein informatives Lese-Buch.

Informativ ist es nicht lediglich dahingehend, dass die wichtigen Ereignisse und Vorgänge angehandelt werden; informativ ist es insbesondere hinsichtlich der „theologie- und ideengeschichtliche[n]“ (12) Perspektive, die Dingel gewählt hat. Kontroversen und Einigungsbemühungen der Zeit werden entsprechend nicht lediglich funktional im Blick auf die gesellschaftlichen und politischen Konstellationen, sondern vor allem inhaltlich dargestellt. So erfahren die Leser beispielsweise, welche prägenden „ zwei Prinzipien“ die Auseinandersetzung mit der Wittenberger Bewegung von 1521/22 „ins Bewusstsein gebracht“ (105) hatte; es wird nicht nur gesagt, dass Luther 1525 die Obrigkeit aufrief, die Bauernaufstände niederzuschlagen, sondern auch was er den Bauern vorwarf und welche rechtlichen und theologischen Beweggründe ihn veranlassten (vgl. 211f.); und bei der Abendmahlskontroverse zwischen Luther(anern) und Zwingli(anern) wird nicht nur die in den Marburger Artikeln 1529 festgeschriebene Uneinigkeit hervorgehoben, sondern auch dargelegt, über welche fünf Punkte man in dieser Frage eine Übereinkunft erzielen konnte (vgl. 115). Deratiges kommt beispielsweise bei Kaufmann nicht oder nur am Rande zur Sprache, der dafür ausführlicher auf die druckhistorischen Kontexte des Medienereignisses Reformation und ihre sozialen Trägergruppen Bezug nimmt. Das wiederum steht bei Dingel eher im Hintergrund.

 

(2) Vier Zentren innerhalb einer vielfältigen Bewegung 

Gegliedert ist das Buch in drei Großkapitel: „Hintergründe“ (15-44), „Die Reformation“ (45-248) und „Ausstrahlung“ (249-276) und wird von Personen-, Orts- und Bibelstellenregister abgerundet. Das erste Kapitel beschreibt die politischen, gesellschaftlichen und rechtlichen Strukturen um 1500 (15-24) sowie das religiöse Leben an der Schwelle von Spätmittelalter und Früher Neuzeit (25-45). Obgleich ein solches Hintergrundkapitel zum Standard einer jeden Reformationsgeschichte gehört und Neues kaum zu erwarten ist, ist die gleichzeitige Dichte und Verständlichkeit hervorzuheben, mit der gerade auf den ersten zehn Seiten die komplexen Strukturen beschrieben werden.

Auch ein Blick auf die europäischen Dimensionen der Reformation, hier im dritten Kapitel, gehört inzwischen zum Normalfall einer Reformationsgeschichte und ist ebenso bei Seebaß, Leppin und Kaufmann vorhanden. Bei Kaufmann ist die „Europäizität der Reformation“ (Kaufmann, 10) sogar zum Programm der Darstellung geworden, nachdem er bereits 2009 eine eher klassische Darstellung vorgelegt hat, die auf Deutschland beschränkt war.[4] Daneben gibt es aber auch weiterhin auf Deutschland beschränkte Darstellungen, wie beispielsweise von Rolf Decot[5].

Die eigentliche konzeptionelle Besonderheit von Dingels Lese-Buch besteht im mittleren Hauptteil. Er wird strukturiert durch die Darstellung von vier Zentren der Reformation mit ihren Hauptakteuren, nämlich Wittenberg mit Luther und Melanchthon (47-76), Zürich mit Zwingli (85-99), Straßburg mit Bucer (149-162) und schließlich Genf mit Calvin (229-248). Dass Bucers Wirken und die Straßburger Reformation nicht lediglich als (dogmatisch) zwischen Zwingli und Luther befindlich erwähnt, sondern als eine eigene, den oberdeutschen Raum prägende Gestalt der Reformation herausgestellt werden, unterscheidet Dingels Buch von allen anderen erwähnten Reformationsgeschichten. Ebenfalls ungewöhnlich ausführlich (und darin am ehesten mit Seebaß vergleichbar) wird auf den „Reformatorische[n] Dissent“ (120-148) eingegangen, d.h. auf Täufer, Spiritualisten und Antitrinitarier, die – der theologie- und ideengeschichtlichen Perspektive Dingels entsprechend – mit ihren eigenen Anliegen vorgestellt werden. Ansonsten werden die Vorgänge der Reformation in thematische Kapitel aufgeteilt, wobei insgesamt, d.h. von Wittenberg am Anfang bis Genf in der Mitte des 16. Jahrhunderts, auch in der Anordnung der Themenkapitel eine gewisse chronologische Linie versucht wird. Aktuelle Modethemen wie Wege und Medien der Reformation (77-84) oder Reformation und Bildung (163-172) kommen dabei ebenso zur Sprache wie klassische Aspekte, z.B. Kontroversen und Abgrenzungen (100-119), die Bedeutung der Reichspolitik (173-194) und die militärischen Auseinandersetzungen und Friedensverträge (206-228). Dass auch das Ringen um Konsens (195-205), d.h. Religionsverhandlungen als zwar letztlich gescheiterte, aber doch beachtenswerte Versuche von Ausgleich relativ breit vorgestellt werden, ist wiederum eine Besonderheit.

 

Was die evangelische Kirchenhistorikerin Dingel herausstellt, was sie in ihrer Darstellung weglässt und was entsprechend das von ihr gezeichnete Bild der Reformation ausmacht, wird besonders deutlich in Kontrastierung mit der Reformationsgeschichte des katholischen Frühneuzeithistorikers Decot. Bei diesem stellt sich die Reformation im Wesentlichen als die große Frage zwischen Luther mit seinen Impulsen und der bestehenden Kirche dar. Luther, seine Theologie und der Ablassstreit werden dort auf über 50 Seiten entfaltet und nach Kapiteln über Einführung und Durchsetzung der Reformation (Decot, 109-116 und 134-155) sowie dem Ringen um Einheit, Konzil und Religionsfrieden (156-179) geht es ausführlich um „Die Reform der katholischen Kirche“ (180-218), wobei altgläubige Reformansätze und ihre Protagonisten, die sich mit der aufgekommenen reformatorischen Bewegung auseinandersetzen, ebenso vorgestellt werden wie die Konzilsbemühungen und schließlich der Verlauf und die Beschlüsse des Konzils von Trient. Von all dem, d.h. von den Rückwirkungen der reformatorischen Bewegung auf die bestehende Kirche und die Auseinandersetzung jener Theologen mit der Reformation, die die Reformbedürftigkeit der Kirche ebenfalls sahen, aber den Bruch mit ihr nicht vollzogen haben, erfährt man in Dingels ‚Reformation‘ fast nichts. Dabei wäre es ihr konzeptionell insofern nicht fremd, als sie im ersten Satz der Einleitung die Reformation als „ein[en] historische[n] Prozess, der auf eine umfassende kirchlich-theologische Erneuerung zielte“ (Dingel, 10) definiert. Dass dagegen die reformatorische Bewegung verschiedene Zentren mit verschiedenen Gestaltungen ausbildete und dabei eine große Stimmenvielfalt vorhanden war, die nicht auf einen Nenner zu bringen ist, davon bekommt man bei Dingel ein lebendiges Bild, während es bei Decot im Grunde nur erwähnt, aber nicht ausgeführt wird (auf 17 Seiten handelt er unter dem Titel „Vielfalt der Reformatoren“ Karlstadt, Müntzer, Täufer, Spiritualisten, Zwingli und Calvin ab). Folgerichtig handelt das letzte Kapitel von Decot von der „Reformation als Ausdifferenzierung der Kirche in verschiedene Konfessionen“ (Decot, 219-250) während bei Dingel, wie erwähnt, die europäische Verbreitung der Reformation am Ende steht.

Dingel und Decot stehen unter den aktuellen ‚Reformationsgeschichten‘ somit beispielhaft für zwei Großperspektiven: Luther und die Kirche einerseits und Vielfalt der Reformation andererseits. Beide Perspektiven ergänzen m.E. einander notwendig.

Fazit: Wer die Vielstimmigkeit und Vielgestaltigkeit der Reformation wahrnehmen möchte, der ist mit Irene Dingels Buch bestens beraten!

 

Jonathan Reinert hat in Jena, Göttingen und Tübingen evangelische Theologie studiert und arbeitet derzeit an einer kirchenhistorischen Dissertation über Passionspredigten im frühen Luthertum in Jena. Er ist Geschäftsführer des Evangelischen Bundes Württemberg und Schriftleiter der Zeitschrift „ichthys“

 

[1] Geschichte des Christentums III. Spätmittelalter – Reformation – Konfessionalisierung, ThW 7, Stuttgart 2006.

[2] Die Reformation, Geschichte kompakt, Darmstadt 2013.

[3] Erlöste und Verdammte. Eine Geschichte der Reformation, München 2016.

[4] Geschichte der Reformation, Berlin 2009; die zweite Auflage erschien 2016 im Suhrkamp-Verlag, wobei im Titel einschränkend „in Deutschland“ ergänzt wurde.

[5] Geschichte der Reformation in Deutschland, Freiburg im Breisgau 2015.

Luther und das Charisma

von Maira Rehr

Die Bildbreite Martin Luthers reicht vom großen Revoluzzer bis zum konservativen Gewährsmann für den evangelischen Glauben. Es wurden unter Zuhilfenahme bestimmter Lutherbilder Lehrsätze der lutherischen Kirchen legitimiert und sie sind bis heute Identifikationsfiguren für viele Menschen – doch sollte das ein oder andere Bild Luthers mit Vorsicht genossen werden. Ein Beispiel, wie ein kritischer Umgang mit Lutherbildern aussehen kann, bietet eine genauere Lektüre der Leichenpredigten, welche nach Luthers Tod für diesen gehalten wurden, unter Zuhilfenahme von Max Webers Charisma-Konzepts.i

1. Was hat Luther mit Max Weber zu tun?

„Die charismatische Autorität ruht auf dem ‚Glauben‘ an den Propheten.“ii schrieb Max Weber in seinem Werk „Soziologie. Universalgeschichtliche Analysen. Politik“, als er neben zwei anderen Herrschaftstypen die charismatische Herrschaft vorstellt. Die Ähnlichkeit zwischen dieser Theorie und der lutherischen Reformationsbewegung ist nicht zu leugnen. Weber unterscheidet in der Theorie den Typen des Führers, welcher auf Luther bezogen werden kann und den Typen der Jünger, mit dem man die Gefolgsmänner und –frauen Luthers beschreiben könnte.

Die Frage, wie das Phänomen „charismatische Herrschaft“ zustande kommt, beantwortet Weber damit, dass er davon ausgeht, dass in einer Notsituation durch einen Charismatiker/ eine Charismatikerin ein Lösungsmuster aufgezeigt wird. Hierbei ist es maßgeblich, dass Gewissheit sich mit dem gesetzten Ziel verbindet.iii In diesem Prozess findet, durch die eingestellte gegenseitige Orientierung der Anhänger und Anhängerinnen und des charismatischen Individuums, eine Vergemeinschaftung statt. Es entsteht eine Herrschaft, welche legitimiert wird durch die „außeralltägliche[n] Hingabe an die Heiligkeit oder die Heldenkraft oder die Vorbildlichkeit einer Person und der durch sie offenbarten oder geschaffenen Ordnung[…]“iv. Weber beschreibt ferner das Ende einer solchen Herrschaft: Zunächst entsteht eine „Veralltäglichung“v – es finden keine Neuschöpfungen des Charismatikers oder der Charismatikerin statt, sondern das Erreichte wird tradiert und auf den Schöpfer oder die Schöpferin zurückbezogen. Darüber hinaus entsteht ein „Nachfolgeproblem“vi, welches durch passives Warten und Hoffen oder durch aktive Lösungskonzepte bewältigt werden kann.

Besonders die Veralltäglichung und die Tradierung sollen in diesem Artikel in den Blick genommen und hierbei überprüft werden, inwieweit unser Lutherbild von diesen abhängig ist. Hierfür ist ein Blick in die Leichenpredigten zu Luthers Tod interessant, denn erst an den Reaktionen der sich identifizierenden Gruppe auf dem Wegfall des charismatischen Führers zeichnen sich diese Punkte deutlich ab.

2. Luthers Tod und das Nachfolgeproblem

Zum Tode Luthers wurden insgesamt drei Leichenpredigten von den drei Reformatoren Bugenhagen, Jonas und Cölius gehalten, doch auch Melanchthon hielt eine Leichenrede für Luther an der Wittenberger Universität.vii Diese unmittelbar nach dem Tod Luthers geschriebenen Schriften zeigen den Umgang mit dem Machtvakuum, der Aporie, Apologie und den Versuch, den Tod für die Legitimation der Lehre zu nutzen.

Dies wird besonders an der von Cölius gehaltenen Leichenpredigt, „M. Mich. Cölii Sermon über der seligen Leiche D. Martin Luther’s am Morgen des 20. Febr. In der Andreaskirche zu Eisleben gethan“viii ersichtlich. Cölius ein nicht allzu bekannter reformatorischer Pfarrer, der ab dem Jahre 1525 Schlossprediger in Mansfeld war, gilt als Zeuge von Luthers Todix und hielt die erste der drei Leichenpredigten.

Die erste Grundreaktion, welche aus dem Sermon herauszulesen ist, ist eine apologetische, die mit einer persuasiven Absicht verknüpft ist. Der Autor möchte einerseits das Bild Luthers als Held der Reformation verteidigen, anderseits sollen gleichzeitig die Adressaten von diesem Bild Luthers überzeugt werden. Dies wird besonders am Aufbau und der Argumentationsstruktur deutlich.

Die Quelle gliedert sich in einer Einleitungx, vier Hauptteile und einem Schlussxi. Der erste Teilxii legt den Schwerpunkt auf einen biographischen Zugang. Es wird eine Biographiexiii gegeben und ein Überblick über das Werk Luthersxiv. Der zweite Hauptteil behandelte die Frage, wie Luther gestorben ist.xv Hier ist der Augenzeugenbericht eingebunden. Im dritten Hauptteilxvi wird versucht, durch die Allegorie biblischer Geschichten und Theologie zu klären, warum Luther genau in diesem Moment gestorben sei und wie sich die Welt nach dem Tode Luthers weiterentwickeln wird. Danach wird im vieren Hauptteilxvii auf Luthers Werk und Taten eingegangen. Die Argumentationsstruktur ähnelt sich in allen Teilen. Zuerst wird die Position der römischen Kirche oder die ihrer Amtsinhaber angegriffen,xviii in den Hauptteilen eins, drei und vier folgt dann eine Wirklichkeitskonstruktion durch Analogiesetzung zu biblischen Geschichten.xix Hierbei wird Luther meist mit einem Propheten gleichgesetzt,xx während der Papst, beziehungsweise andere Amtsinhaber die Rolle der Widersacher zugeschrieben bekommen.xxi

Am Ende der Abschnitte eins, drei und vier finden sich sowohl nochmals Papstkritik,xxii als auch die Erhöhung Luthers zu einem Propheten durch Gleichsetzung seines Wirkens mit biblischen Geschichten.xxiiiSo wird der Inhalt in eine apologetische Struktur eingebettet, die daraus besteht, die Position des Feindes zuerst zu mindern und die eigene Legitimationsbasis zu erhöhen und dadurch zu verteidigen.

Besonders hervorzuheben ist die Verwendung von Dualismen: Auf der einen Seite sind bezüglich Luthers und der lutherischen Lehre Vokabeln wie „reine“xxiv, „Wahrheit“xxv, „seligen“xxvi, „fromme“xxvii, „gottesfürchtig“xxviii, „Gerechte“xxix, „Glauben“xxx zu finden. Auf der anderen Seite – verbunden mit dem Papsttum – finden sich beispielsweise die Vokabeln „faul“xxxi, „Irrtum“xxxii, „Antichrist“xxxiii, „Teufel“xxxiv, „höllisches Sodoma“xxxv, „römisches Babylon“xxxvi und „verfallen“xxxvii. In dieser Quelle wird also eine stark polarisierte Wirklichkeitsvorstellung sichtbar.

3. Monumentalisierung Luthers

Wie in vielen Quellen über seinen Tod,xxxviii wird Luther in dieser Leichenpredigt glorifiziert und idealisiert. Durch die Schaffung dieses Lutherbildes geht die Legitimation der Lehre Luthers einher. Hier setzt eine Theorie von Volker Leppinxxxix ein: Die einsetzende Glorifizierung führt zu einer starren Monumentalisierung Luthers. Dadurch entwickelt sich, dass sich die Anhänger nach dem Tod auf den idealisiert dargestellten Luther berufen konnten, ohne dass dies mit dem wirklichen Luther übereinstimmen musste und ohne dass Luther selbst den Anhängern widersprechen oder sich anders positionieren konnte.xl Dieses monumentale, idealisierte und glorifizierte Bild möchte Cölius also seinen Adressaten übermitteln, damit die Lehre Luthers legitimiert und eine stillstehende Autorität geschaffen wird, auf den die Anhängerinnen und Anhänger der Reformation sich berufen können.

4. Tendenzen und der kritische Umgang mit Lutherbilder

Die Deutung des Todes Luthers in dieser Leichenpredigtxli weicht kaum von dem Bericht Jonas´ und Cölius´xlii ab. Luther wirkt nicht nur sehr vorbereitet auf seinen Todxliii und sehr fromm beim Sterben.xliv Auch abseits des Augenzeugenberichts lassen sich klare Tendenzen erkennen. Nicht nur die Prophetenreihen (Elia/Samuel), in welche Luther gestellt wird,xlv sondern auch die häufigen Spitzen gegen den Papst oder die anderen römische Amtsträgerxlvi und das Wirklichkeitsverständnis des Autors weisen auf tendenziöse Texte hin.

Zwar werden Überlieferung und die Echtheit der Quellen zu Luthers Tod bis heute in der Forschung diskutiertxlvii, weshalb es schwer ist objektive Aussagen darüber zu treffen, wie Luther gestorben ist. Jedoch könnte es durch die Texte möglich sein, zu analysieren, was der Tod Luthers in der reformatorischen Bewegung ausgelöst hat, welche Herausforderungen dadurch entstanden sind und zu welchen Reaktionen der Tod Luthers bei einzelnen Anhängern und in der gesamten Bewegung führte.

Viele Übereinstimmungen mit dem Charisma-Konzept Webers sind weiterhin festzustellen. Nicht nur zeigt sich Cölius als „Jünger“, der versucht die Lehre und vor allem die Person Luthers zu verteidigen. Sondern auch das Nachfolgeproblem wird in der Quelle sichtbar. Ebenso sind die Reaktionen beschrieben, die Cölius im Sermon aufzeigt. Konkret umgesetzt zeigt sich die Theorie Webers wie folgt im Sermon: Einerseits wird versucht die Lehre und das Leben zu fixieren und zu tradieren, indem Cölius diese idealisiert und verteidigt. Dies beschreibt Weber als „Veralltäglichung“xlviii. Andererseits bietet die Quelle Lösungen für das Nachfolgeproblem. So kann auch das Bitten und Hoffen auf einen Elischa durch das Deutungsmuster Webers analysiert werden: Weber betitelt diese Form der Charisma-Weitergabe als „Nachfolgedesignation“xlix.

Unklar muss bleiben, wie stark die Tendenzen in den Quellen sind und wie Luther wirklich gestorben ist. Auch die Überlieferungsgeschichte zu dieser Leichenpredigt ist wenig erforscht. Sicher hingegen ist und bleibt, dass das in den Reaktionen auf Luthers Tod propagierte Lutherbild maßgeblich unser Bild Luthers geprägt hat, dass die reformatorische Bewegung Luther monumentalisiert hat und dass dieses Lutherbild damit lange als Identitätsmarker gedient hat. Es gilt kritisch anzufragen, wie ein angemessener Umgang mit dem Leben und Werk Luthers gelingen kann, der nicht nur ein monumentalisierendes Lutherbild rezipiert. Jedoch ist gleichzeitig im Auge zu behalten, dass genau dieses Lutherbild für viele Menschen immer noch einen Identitätsmarker bildet und einen wichtigen Ankerpunkt im Glauben bietet. Bei einer kritischen Dekonstruktion dieses Bildes sollte dies nicht außer Acht gelassen werden.

i Hier ist auch der Artikel von Leppin, Volker zu beachten: Leppin, Von charismatischer Leitung.

ii Weber, Soziologie, 161.

iii Becker, Cäsar, 42.

iv Weber, Wirtschaft, 124.

v Weber, Soziologie, 163.

vi Ebd.

vii Melanchthon, Oratio.

viii Cölius, Sermon.

ix WA 54, 487-496.

x Ebd. 54, 1-15.

xi Cölius, Sermon, 74, 1-5.

xii Ebd. 54, 16-61, 25.

xiii Vgl. Ebd. 55, 36-56, 18.

xiv Vgl. Ebd. 57, 24-58, 6.

xv Ebd. 61, 26-65, 25.

xvi Ebd. 65, 26–70, 5.

xvii Ebd. 70, 6–73, 29.

xviii Vgl. Ebd. 54, 26–55, 3; 65, 33-36; 70, 13-23.

xix Vgl. Ebd. 56, 29–59, 12; 67, 37-68, 24; 70, 24-38.

xx Vgl. Ebd. 59, 3; 70, 38-71, 2.

xxi Z.B. Ebd. 57, 27-34.

xxii Ebd. 61, 15f.; 68, 29-35; 73, 37-74, 1.

xxiii Ebd., 61, 21; 73, 30-35.

xxiv Ebd., 57, 25.

xxv Ebd., 56, 29.

xxvi Ebd., 69, 18.

xxvii Ebd., 70, 14.

xxviii Ebd., 70, 14.

xxix Ebd., 69, 23.

xxx Ebd., 65, 13.

xxxi Ebd., 54, 27.

xxxii Ebd., 57, 30.

xxxiii Ebd., 57, 29.

xxxiv Ebd., 62, 32.

xxxv Ebd., 70, 17.

xxxvi Ebd., 73, 38-74, 1.

xxxvii Ebd., 59, 20.

xxxviii Bspw. Justus Jonas: Leichenpredigt; Bugenhagen: Leichenpredigt o. WA 2, 685-697.

xxxix Leppin, Luther, 348f.

xl Wolgast, Biographie, 71.

xli Hier ist besonders der Augenzeugenbericht im Sermon zu beachten, Cölius, Sermon, 61, 26-64.

xlii WA 54, 487-496.

xliii Cölius, Sermon, 62, 4f.

xliv So betet Luther dreimal in den letzten Stunden: Cölius, Sermon, 62, 37; 63, 15f.; 64, 19f. und leitet darüber hinaus andere zum Beten an, Cölius, Sermon, 63, 3-6.; Auch die Frage, welche Luther vor seinem Tod gestellt wird und die Antwort wirkt sehr fromm und harmonisierend, Cölius, Sermon, 64, 22-26.

xlv Vgl. zB. Cölius, Sermon, 56, 19ff.; 67ff.

xlvi Vgl. beispielsweise Ebd., 54, 26ff.; 57, 27ff; 58, 32ff.; 70, 13ff.

xlvii Freybe, Entstehung, 105f.

xlviii Weber, Soziologie, 163.

xlix Ebd., 163.

Literatur

Bugenhagen, Leichenpredigt: Bugenhagen, Johann: D. Johann Bugenhagen’s Leichenpredigt auf D. Martin Luther, Wittenberg, 22. Februar 1546, in: Förstemann, Karl E. (Hg.): Denkmale dem D. Martin Luther errichtet und zur dritten Säcularfeier des Todes Luther’s, Nordhausen 1846, 87-93.

Cölius, Sermon: Cölius, Michael: M. Mich. Cölii Sermon über der seligen Leiche D. Martin Luther’s am Morgen des 20. Febr. in der Andreaskirche zu Eisleben gethan, in: Förstemann, Karl E. (Hg.): Denkmale, dem D. Martin Luther von der Hochachtung und Liebe seiner Zeitgenossen errichtet und zur dritten Säcularfeier des Todes Luther’s, Nordhausen 1846, 54-74.

Cölius, Michael ; Jonas, Justus: Berichte vom christlichen Abschied aus diesem tödliche Leben des ehrwürdigen Herrn D. Martini Lutheri, 1546 (WA 54, 487-496).

Jonas, Leichenpredigt: Jonas, Justus: Leichenpredigt, in: Pasig, Julius L. (Hg.): Dr. Martin Luther’s letzte Lebenstage, Tod und Begräbnis. Eine Denkschrift zur dritthundertjährigen Gedächnißfeier des Todestages Luther’s. Nach dem Quellen, Leipzig 1846, 57-74.

Melanchthon, Oratio: Melanchthon, Philipp: Oratio in funere reverendi viri D. Martini Luther, recitata Vitebergae a Philippo Melanchthone. Lipsiae edita in officina Valentini Papae. Anno M.D. XLVI, 214-219.

Becker, Cäsar: Becker, Kurt E.: Der römische Cäsar mit Christi Seele. Max Webers Charisma-Konzept. Eine systematisch kritische Analyse unter Einbeziehung biographischer Fakten, Frankfurt a. M. 1988.

Leppin, Luther: Leppin, Volker: Martin Luther, Darmstadt 22010.

Leppin, Von charismatischer Leitung: Leppin, Volker: Von charismatischer Leitung zur Institutionalisierung. Die Bedeutung der Monumentalisierung Luthers im Gesamtgeschehen der Reformation. In: Stefan Michel; Christian Speer (Hg.): Georg Rörer (1492-1557). Der Chronist der Wittenberger Reformation, Leipzig 2012, 275-285.

Weber, Wirtschaft: Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie, Tübingen 51972.

Weber, Soziologie: Weber, Max: Soziologie. Universalgeschichtliche Analysen. Politik, Stuttgart 51973.

Freybe, Entstehung: Freybe, Peter: Entstehung und Überlieferung der Texte, in: Evangelisches Predigerseminar Lutherstadt Wittenberg (Hg.): „Vom Christlichen abschied aus diesem tödlichen leben des Ehrwirdigen Herrn D. Martini Lutheri“. Drei zeitgenössische Texte zum Tode D. Martin Luthers, Stuttgart 1996, 105-112.

Wolgast, Biographie: Wolgast, Eike: Biographie als Autoritätsstiftung. Die ersten evangelischen Lutherbiographien, in: Berschin, Walter (Hg.): Biographie zwischen Renaissance und Barock. Zwölf Studien. Heidelberg 1993, 41-71.