It’s the theology, stupid!

Ein Kommentar von Tobias Graßmann (@luthvind)

Der Kirchentag 2017 ist vorbei und er hat mich irgendwie nicht genug interessiert, um dafür mein Seminar abzusagen und meine Familie einzupacken. Kann sein, dass ich da was verpasst habe.

Das bedeutet allerdings nicht, dass ich gar nichts mitbekommen hätte. Denn so ein Kirchentag sorgt ja auch für Debattenstoff. Debatten sind erst einmal gut. Wenn ich meiner Twitter-Timeline trauen darf, drehten die sich dieses Mal vor allem um den richtigen Umgang mit der AFD. Aber irgendwie ging es auch um Früchtetee und Tassengrößen, was dann mit der großen Frage zu tun haben soll, wieso zu Kirche die falschen Leute kommen und die richtigen entsprechend wegbleiben. Wobei das mit falsch und richtig natürlich niemand so deutlich ausspricht. Muss man auch nicht, ist ja Allen klar.

Man kann diese Fragen immer wieder einmal stellen. Aber man wird in der Diskussion kaum weiterkommen, wenn man das zentrale Problem unserer Kirche ausklammert. Dazu ein kleines Gedankenspiel:

Gehen wir davon aus, ein Mensch „verirrt“ sich in eine evangelische Kirche. Er, nein besser: sie hat auf einer grässlich unübersichtlichen Homepage tatsächlich den Termin eines Gottesdienstes gefunden, hat sich Sonntagmorgen aus dem Bett gequält, sich von der mürrischen Mesnerin ebenso wenig abschrecken lassen wie von dem Kirchenvorsteher, der in seinem missionarischen Eifer dem neuen Gesicht gleich ein wenig übergriffig zu Leibe rückt. Nun sitzt sie da im Gottesdienst und weiß nicht so recht, was sie sich davon eigentlich erwartet.

Wir auch nicht. Aber egal, was sie sich erwartet – was erlebt diese Person in unserer (ok, etwas klischeehaft gezeichneten) Gemeinde? Lieder, bei denen die Gemeinde eher zaghaft mitsingt, eine beliebig zusammengestückelte Liturgie und dann endlich die Predigt. Deren Plot lässt sich in etwa so zusammenfassen: „Wer den Nächsten lieben will, muss erst einmal sich selbst lieben. Gott liebt uns so, wie wir sind. Wenn man das ganz fest glaubt, dann wird alles gut.“ Dazu noch irgendwelche privaten Erlebnisse des Pfarrers, die man im Telefongespräch mit der besten Freundin wohl kaum berichtenswert fände. Irgendwie haben sie es trotzdem in die Predigt geschafft, wahrscheinlich für den Lebensweltbezug.

Falls sich diese Person davon angesprochen fühlt, kommt sie nächste Woche wieder. Und hört mehr oder weniger das Gleiche. Und wieder. Und wieder. Wie lange tut man sich das als vernünftiger Mensch eigentlich an? Weshalb war sie nochmal genau gekommen?

Und hier sind wir an dem Punkt, weshalb die Suche nach fresh expressions of church eben zu kurz greift. Es geht bei der Krise unserer Kirche nicht oder zumindest nicht nur um den Ausdruck, der frisch und modern werden muss. Es geht nur am Rande um Gottesdiensformen, um Milieuverengung, um Kekse und Früchtetee.

Zu oft servieren wir den Menschen in unseren Gemeinden ein theologisches Sparmenü. Wir köcheln es zusammen in den Geschmacksvariationen „Großvater erzählt“, „Frauen in der Mitte des Lebens“ oder „Kindermutmachgottesdienst“. Wenn wir unserer Menükarte jetzt noch ein paar neue Gerichte dieser Art hinzufügen, zugeschnitten etwa auf die „urbanen Twentysomethings“ oder so, dann sprechen wir vielleicht eine Handvoll neuer Leute an. Ein paar Müde und Beladene werden schon kommen; solche, denen die Botschaft erst einmal egal ist, weil sie einfach Anschluss und Trost suchen. Tolle, wertvolle Menschen, gewiss – aber was ist mit den Anderen?

Das schwarze theologische Loch, das viele Predigten so austauschbar und banal macht, lässt sich nicht mit Beamerunterstützung, neuen Songs, professionellen Homepages, stylischen Plakaten, schicken pastoralen Outfits und abgefahrenen Veranstaltungstformaten stopfen. Auch nicht durch tätige Nächstenliebe oder diese „ganz besondere Gemeinschaft“, die immer bloße Behauptung war. Und schon gar nicht durch billiges Moralisieren, das sich politisch gibt, aber genau das Gegenteil bedeutet. Denn wenn wir uns versichern, dass wir irgendwie Aalle gegen Krieg, Klimakatastrophe und Kinderarbeit sind, ist damit für die politische Orientierung mündiger Christenmenschen halt wenig gewonnen. Oder?

Was also ist zu tun? Es wäre erst einmal einzugestehen, dass Gemeindeglieder an kirchliche Veranstaltungen Erwartungen haben. Legitime Erwartungen. Der Einwand, dass da eine theologisch anspruchsvolle Predigt ja wohl nicht dazu gehöre, überzeugt mich nicht im Geringsten. Denn Theologie meint eben nicht verkopftes Geschwafel, sondern Arbeit an Lebens- und Glaubensproblemen. Es geht um die Fragen, die in den Texten der Bibel, aber auch den theologischen Klassikern von Paulus über Augustin und Luther bis hin zu Karl Barth vibrieren – aber heute aus unseren Gottesdiensten weitgehend verbannt sind! Wem das alles zu „churchy“ ist, der oder die wird freilich auch in Film, Musik und Literatur fündig. Auch da begegnen Heil und Verderben, Schuld und Vergebung, Zorn und Versöhnung, Glück und sein Scheitern, Zweifel und neue Gewissheit – all die Eisen halt, die anzufassen wir Prediger oft zu hitzeempfindlich sind!

Wirklich, ich habe hohen Respekt vor Pfarrerinnen und Pfarrern, die sich der Herausforderung stellen, fast wöchentlich in der Predigt etwas Interessantes und Geistreiches über Gott, die Welt und den Menschen sagen zu müssen! Ich kann mir halt nicht vorstellen, wie das gehen soll mit einer Theologie, die sich auf drei Sätze eindampfen lässt. Denn die Wenigsten von uns haben ein so spannendes Leben, dass unsere privaten Erlebnisse Woche für Woche eine Predigt tragen. Und selbst dann interessiert mich Biografie auf der Kanzel eigentlich nur, wenn sie mir etwas über das Leben mit Gott erschließt. Was bitte erschließt es mir, dass Pfarrerinnen und Pfarrer Blumenzwiebeln einpflanzen, im Wald spazieren gehen oder abends mal ein gutes Buch lesen? Wobei – ich stelle mir bei solchen Banalitäten manchmal die Frage, ob das nicht als best practice aus irgendeiner Predigtmeditation stammt. In dem Fall wären es die Verfasser dieser wenig hilfreichen Hilfen, die mein Zorn trifft.

Denn es macht mich zornig! Es erfüllt mich mit Ärger, dass die Menschen mit ihren Fragen alleine gelassen werden. Etwa Fragen wie: „Wie bekomme ich meinen Glauben mit meinem naturwissenschaftlich geprägten Weltbild zusammen? Wie erkläre ich meinem muslimischen Freund, warum wir an einen dreieinigen Gott glauben? Wie gehe ich mit Texten in der Bibel um, die mir Angst machen oder mich ratlos zurücklassen?“ Und da ist noch keine große Krise dabei, noch keine Theodizee, keine der letzten Fragen, die sich an der Grenze zwischen Leben und Tod stellt.

Wer die Kirche wieder „relevant“ machen will, muss ihr die theologische Substanz zurückgeben. Und damit wir uns verstehen: Ich habe hier das Beispiel Predigt gewählt, aber das ließe sich für andere Handlungsfelder genauso durchspielen. Für die Schülerinnen und Schüler, die im Hormongewitter der Pubertät mit betulichen Geschichtchen abgespeist werden. Oder Senioren, die sich für die mittelalterliche Geschichte ihrer Kirche interessieren würden, doch geboten wird einmal mehr nur „Fröhlich durch alle Jahreszeiten“.

Theologinnen und Theologendürfen das Negative nicht länger aussparen, das Sperrige, das Dunkle und Fragwürdige, das Spannende. Gebannt hören die Leute nur zu, wenn sie merken, dass die bekannten, die einfachen, allzu rechtgläubigen und bieder moralischen Antworten nicht mehr greifen. Und wir müssen dafür eine Sprache suchen, die nicht museal und pastoral klingt, aber auch nicht zulässt, dass so große Worte wie Heil und Seligkeit, Barmherzigkeit und Gnade sich auflösen in die belanglose Nettigkeit, die in unseren Gemeinden so oft herrscht.

Das kann man dann meinetwegen auch „Fresh X“ nennen.