Vom Glauben, Lieben, Hoffen der Generation Y

Rezension zu: Stephanie Schwenkenbecher/Hannes Leitlein: Generation Y. Wie wir glauben, lieben, hoffen, Neukirchen-Vluyn 2017.

Von Sabrina Hoppe

Als „Selbstvergewisserung“ (S.16) bezeichnen Schwenkenbecher und Leitlein ihr Buch zum Glauben der sogenannten Generation Y. Als Vergewisserung, dass diejenigen Menschen der Generation Y, die im Sommer 2017 ihren christlichen Glauben leben, nicht allein sind: „Ja, wir gehen auf das Ende der Volkskirche zu, auf schrumpfende Gemeinden und ein Christentum, das in die Versenkung oder ins Fundamentalistische wandert. Aber: Wir gehen nicht auf das Ende des Christentums, nicht auf das Ende des Glaubens und schon gar nicht auf das Ende von Liebe und Hoffnung zu. Das ist es, was wir hören, wenn wir mit den Christen in unserer Generation sprechen.“

Eine Selbstvergewisserung muss nicht unbedingt zur Nabelschau werden – auf diesem schmalen Grat balanciert das hier vorgestellte Buch meines Erachtens erfolgreich und gibt damit einen Einblick in die eben genannten Diastasen der gegenwärtigen Kirchlichkeit und Frömmigkeit in Deutschland für die Generation Y. In neun Porträts junger Menschen zwischen 25 und 35 geht es darum, wie diese Frauen und Männer ihren eigenen Glauben beschreiben und vor allem, wie er in ihrem Alltag Gestalt gewinnt. Die Perspektive der Interviewer bleibt dabei angenehm zurückhaltend und deskriptiv, die leichte und humorvolle Beschreibung der Interview-Settings gibt den Gesprächen Lebendigkeit und Farbe. Neben die Porträts tritt die Vorstellung von neun sogenannten Netzwerken, Orten neuer Kirchlichkeit: Projektgemeinden, landeskirchliche Innovationskirchen, fresh X – Leuchttürme. Während das Buch zu Beginn angesichts der Präsentation einer breit gestreuten Umfrage zu religiösen Stichworten den Blick ins Weite sucht, spitzt es sich am Ende zu, wird persönlicher, direktiver und gewinnt seine eigene Stoßrichtung: Mit fünf Themen, die laut der Wahrnehmung der Autoren die eigene Generation herausfordern und – das ist die implizite Forderung dahinter – denen sich ebenfalls die Amtskirchen nicht entziehen sollten: Der Vielklang des Glaubens, die Frage nach Partizipation, die unhintergehbare Pluralität der Lebensformen und ihre Verantwortbarkeit vor den eigenen Moralvorstellungen, die Ambivalenz der Erwartungen junger Gläubiger an ihre Kirche – in diesen Komplexen finden sich nach den Autoren die Kernfragen der Generation Y, was ihren Glauben und seine Lebbarkeit betrifft.

Ich habe das Buch gerne gelesen – und mich trotzdem nicht darin wiedererkannt. Obwohl ich doch mittendrin in der Generation Y bin. Ich bin in diesem Fall also nicht nur Rezensentin, sondern auch mögliches Forschungsobjekt und wechsele deswegen jetzt kurz die Perspektive, wie es das Genre einer gebloggten Rezension ja erlaubt: Aber nein, ich erkenne mich nicht wieder. Ich komme aus der oberbayerischen evangelischen Diaspora, ich kannte bis zum ersten Semester des Theologiestudiums nicht den frömmigkeitsgeleiteten Unterschied zwischen Landeskirche und Freikirche. Und auch von den beiden „Großen“, Patin und Pate der Generation Y, Christina Brudereck und Fulbert Steffensky, kannte ich dann nur Steffensky – und zwar als Ehemann der Theologin Dorothee Sölle.

Bei der Lektüre des Buches wurde mir ein ums andere Mal klar, wie groß die Lücke zwischen den jungen Menschen ist, die in der Evangelischen Jugend einer Ortsgemeinde aufwachsen, mit ihr erwachsen werden, und denen, die ihre Sprache, ihre Lieder und Gebete gewissermaßen „auf der Suche“ entdecken: die ausprobieren, was passt, Ideen entwickeln und dabei zu den Jesus-Freaks, ins Berlin-Projekt oder sonst wohin stolpern – ihr Ziel mitunter auch gezielt ansteuern. Das Gefühl des Anders-Seins, das „gift of not fitting in“, wie ich es von den Akteuren der freshX-Bewegung in diesem Jahr erstmals gehört habe – es ist mir fremd. Es war einfach nie mein Motor, es hat mich auch nie beunruhigt. Vielmehr fühlte ich mich in meiner örtlichen Kirchengemeinde aufgenommen, am richtigen Ort – unter so vielen Menschen, die ganz anders waren als ich: älter, bürgerlicher, gebildeter, erfahrener, auch spießiger. Beunruhigt hat mich vielmehr, dass ich das Glaubensbekenntnis nicht mitsprechen konnte, weil ich seine Floskeln und Hülsen nicht verstanden habe.

Was die Generation Y in diesem Buch von sich erzählt, klingt zwar frommer, als ich es selbst auf meinem Weg in den Pfarrdienst geworden bin. Und gleichzeitig bleibt die Beschreibung ihrer Glaubensinhalte für mich schemenhaft und manchmal inhaltsleer: Eine „anfassbare Beziehung zu Gott“ (S.73), wie sie Jonte beschreibt – was ist das? Eine ähnliche Frage stellen sich auch Leitlein und Schwenkenbecher, wenn sie sich darüber wundern, welch geringe Rolle Jesus in den Selbstaussagen der Porträtierten spielt: „Aber Jesus? (…) In unseren Erzählungen vom Glauben spielt er kaum eine Rolle – meist mussten wir unsere Porträtierten erst danach fragen, damit sie von ihm erzählten. Er bleibt seltsam blass und in Titel wie Retter oder Erlöser verhaftet, manchmal wird er immerhin als Vorbild genannt. (…) – ausgerechnet er bleibt eine Nebenfigur unserer Glaubenserzählung! Schock!“

Die „Blässe“ in der Schilderung solch gewichtiger Glaubenssaussagen verwundert nur auf den ersten Blick. Bei der Lektüre des Buches wird mehr und mehr deutlich, dass die Befragten sich auf die Methodik des Projekts in der Weise einlassen, wie auch der Titel des Buches formuliert „Wie wir glauben, lieben, hoffen.“ Ein Schwerpunkt der Fragestellungen der Autorin und des Autors liegt nicht auf den Inhalten, sondern auf den erfahrungsbasierten Glaubenswegen der Porträtierten. Sie fragen nach Orten und Beziehungen, nach Netzwerken und Schlüsselerlebnissen – die Antworten ergeben ein farbenfrohes Panorama, eine Frömmigkeitslandschaft der Generation Y. Was dabei nicht zur Sprache kommt, ist das Ausbuchstabieren und Selberformulieren, die Aneignung tradierter religiöser Formeln: Was sage ich, wenn ich gefragt werde, wie das Licht der Auferstehung meine innere Not und Dunkelheit erhellt – und warum mir das Halt gibt? Wie ich von Christus als Erlöser sprechen kann – und warum ich mich nicht selbst erlösen kann? In den zitierten Liedtexten klingt das an – aber es fehlt die Übersetzung in eine Sprache, die auch abseits der Poesie und der blumigen Gefühlsausdrücke trägt und verständlich ist.

Eine ähnliche Verlorenheit im Beschreiben und Ausdifferenzieren sehe ich bezüglich dessen, was Schwenkenbecher/Leitlein unter der Überschrift „Vorsicht mit der Moral“ thematisieren. Sie stellen fest: „Unsere Porträtierten maßten sich alle in diesen Fragen kein letztes Urteil an und wollten vor allem nicht riskieren, Menschen nicht respektvoll genug entgegenzutreten.“ Auch hier zeigt sich m.E. eine gewisse Blickverengung, was die Beschreibung des Verhältnisses von Glauben und Moral anbelangt: Ist es wirklich noch die Denkweise von jungen Christinnen und Christen heute, dass sie ihre Moralvorstellungen aus biblischen Geschichten und paulinischen oder alttestamentarischen Aussagen zur Gleichstellung von Frau und Mann oder zur Homosexualität herleiten? Und stimmt der folgende Satz tatsächlich? „Wenn wir von unseren Beziehungsbiografien erzählen, dann fallen wir womöglich am allerschnellsten als Christen auf.“  Bleibt die Darstellung der Autoren hier nicht vielleicht den konservativ-ängstlichen moralischen Normen einer frommen Filterblase verhaftet, die sich darin von den Beziehungsgeschichten des Rests der Leute am Kneipentisch unterscheiden? Auch hier muss ich feststellen: Ich erkenne mich nicht wieder.

Um es gleich hinterherzuschieben – die Qualität eines Buches ist natürlich nicht daran zu messen, ob sich eine Rezensentin darin wiedererkennt. So soll am Ende dieser Rezension ein Dank und ein Lob stehen für das, was das Buch in meinen Augen leistet: Es holt zwischen zwei Buchdeckel, was derzeit in Kolumnen wie denen von Hanna Jacobs und Alina Oehler und in all den fresh X Leuchtturmprojekten, auf Blogs und bei twitter diskutiert wird – einen Ausschnitt der Themen, die junge Gläubige heute in Deutschland bewegen, Beispiele wie sie ihr religiöses Zuhause beschreiben und wie sie es einrichten. Danke für dieses Buch!

 

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