Ökumene – mehr als Männerfreundschaft?

Ein Kommentar von Claudia Kühner-Graßmann (@audacior)

Achtung: Kann Spuren von Zuspitzung und Zickigkeit enthalten

In den letzten Wochen und Monaten gab es viele Bilder dieser Art: Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm trifft sich mit hohen Vertretern der katholischen Kirche. Die Bilder sollen vor allem Eines zeigen: Wir verstehen uns. Nimmt man die medial gekonnt inszenierte Verbrüderung von Kardinal Marx und Bedford-Strohm während ihrer gemeinsamen Pilgerreise ins Heilige Land hinzu, scheint es in der Ökumene so gut zu laufen wie nie. Im Gegenteil: Man fragt sich, was uns denn überhaupt noch trennen sollte.

Doch jenseits dieser Euphorie bleibt ein „Geschmäckle“ zurück – gerade bei mir als Frau. Denn was ist mit den trennenden Lehrstücken, der von katholischer Seite noch nicht möglichen Abendmahlsgemeinschaft und auch den Pfarrerinnen, die mitunter durchaus noch unter dem patriarchalen Habitus mancher katholischer Kollegen zu leiden haben?i Vergessen wir auch nicht die bis heute andauernden Vorwürfe an die evangelische Seite, den Bruch mit der una sancta vollzogen zu haben. Gerade im Rahmen des diesjährigen Reformationsjubiläums gibt es Tendenzen, im Zusammenhang mit der Reformation von Versöhnung oder gar Entschuldigung zu sprechen. Da scheint es nun gerade recht, dass die Kirchenleitung feierlich ihre Einträchtigkeit inszeniert.

Ja, auch ich finde Ökumene und den Zusammenhalt der christlichen Kirchen wichtig. Aber die Zusammenarbeit muss auch immer die charakteristischen Unterschiede wahren. „Nun sollen die beiden Kirchen versöhnt werden, nicht ‚homogenisiert‘, aber angenähert, so Bedford-Strohm.“ii Steht „versöhnt“ für die Versöhnung angesichts vieler gegenseitiger Verwerfungen in den letzten fünf Jahrhunderten, möchte ich dem uneingeschränkt zustimmen. Ich spreche mich aber vehement gegen eine Versöhnung aus, die die Abspaltung der Kirche Luthers per se als wiedergutzumachendes Ereignis wahrnimmt.

Dass es unterschiedliche Kirchen auf Erden gibt, darf an sich noch kein Grund für große Versöhnungsgesten sein.iii Es wäre eine Illusion, wenn man meinte, die Kirche sei zunächst eine Einheit gewesen und dann erst im Laufe der Geschichte – mit dem Höhepunkt der Reformation – zersplittert. Im Gegenteil: das Christentum war von vornherein eine heterogene Gruppe. Und das ist auch gut so. Denn zum einen muss eine Kirche, die ja immer auch in die Welt eingeht, den jeweiligen Gegebenheiten ein Stück weit entgegenkommen (Sprache, kulturelle Begebenheiten etc.). Zum anderen kann die Existenz verschiedener Konfessionskirchen uns davor bewahren zu meinen, wir hätten hier die „richtige“ Gemeinde aller Gläubigen auf Erden.iv So kann uns vergegenwärtigt werden, dass diese Kirche der Gläubigen niemals deckungsgleich mit unserer sichtbaren Kirche ist. Das heißt nicht, dass wir eine falsche Kirche, sondern: dass wir eben jeweils nur einen konkreten menschlichen Teil dieser Kirche auf Erden in unseren Kirchen verwirklicht haben. Im Eingeständnis dieser Endlichkeit kann der Blick auf die anderen Konfessionen auch in Respekt und (Männer-)Freundschaft erfolgen – aber immer im Bewusstsein heilsamer Unterschiedenheit. Kirche geht nun mal nicht anders.

Dies Erkenntnis bringt mit sich, dass auch wir Protestanten selbstbewusst in den ökumenischen Diskurs treten können.v Sind die wechselseitigen Entschuldigungen bezüglich der unschönen Auseinandersetzung vergangener Jahrhunderte akzeptiert, müssen wir uns nicht für die Ausdifferenzierung (und Spezialisierung) in verschiedene Kirchen als solche schämen. Nun ist es so, dass die persönliche Ebene immer hineinspielt. Diese ist einerseits positiv und kann befördernd wirken. Andererseits kann sie auch hemmen. Und wäre Ökumene nicht produktiver ohne diese negativen Faktoren, wenn man sich einfach auf der Sachebene begegnen könnte? Ohne Neid auf die schöneren Gewänder; ohne permanenten Minderwertigkeitskomplex der Protestanten; ohne Pfarrerinnen, die ihre Stellung gefährdet sehen; ohne katholische Theologinnen, die beim Thema Ordination sofort beleidigt sind; die – zugegebenermaßen überspitzte – Liste ließe sich beliebig verlängern. Das ist sicherlich – und das gilt wohl für jegliche Kommunikation – utopisch, aber was ich meine: Diskussion muss auf einer Ebene stattfinden, in der man sich auch einmal kritisch in Frage stellen lässt und zwar auf inhaltliche Art. Denn das gehört auch zur Ökumene: das Eigene im Angesicht des Anderen zu überdenken.vi

Wünschenswert wäre in jedem Fall, wenn sich die inhaltliche Auseinandersetzungen ein Stück weit von der persönlichen Ebene entkoppeln würde. Dazu würde auch gehören, dass die mediale Inszenierung sich wegbewegt von der „Ökumene als Männerfreundschaft“. Schön, wenn das auf oberer Ebene so gut funktioniert! Aber Ökumene ist mehr als die Umarmung zweier Männer (die die Unterschiede schon allein durch ihre Kleidung hervorheben) und der Beteuerung von Einheit. Ökumene sollte sich auch nicht daran entscheiden, ob man den jeweiligen Papst sympathisch findet oder nicht. Ökumene ist harte (theologische) Arbeit, die im gegenseitigen Respekt und auf sachlicher Ebene nicht nur der Gesamtchristenheit einen Dienst erweist.

Nein, auch die eigenen Ansichten dürfen gestärkt oder erneuert werden. Aber dazu müssen wir Evangelischen zunächst das Selbstbewusstsein haben, uns als ebenbürtige Partnerinnen zu präsentieren. Ob das gelingt? Das zeigen uns die schönen Bilder leider nicht, – trotz aller gegenseitigen Sympathie der Akteure, die dabei sichtbar wird. Vor der Kamera bleibt Ökumene (auf dieser Ebene zumindest) eben doch Männerfreundschaft. Dies mag bei der nächsten Gelegenheit beachtet werden, wenn mal wieder Durchbrüche in der Ökumene angesichts neuer Kumpelszenen gefeiert werden. Und dies mag uns daran erinnern, dass wir um der Ökumene willen auch mal über unseren Schatten springen müssen, gerade wenn diese starken Sympathien nicht vorhanden sind. Denn Ökumene findet nicht nur zwischen Einzelpersonen, sondern gerade in theologischen und – ! – sachlichen Diskursen statt!vii

Lasst uns schließlich die Bilder immer auch als das würdigen, was sie zeigen: zwei Amtsträger unterschiedlicher Konfessionen verstehen sich auf persönlicher Ebene gut. Das kann helfen. Aber es kann und muss im Zweifel auch mit respektvollem, vielleicht distanziertem Handschlag gehen.

Wir kommen nicht drumherum: Ökumene ist (auch) Arbeit und muss auch ohne diese begrüßenswerten Sympathien funktionieren!


i Es soll dabei nicht übergangen werden, dass dies auch Männer trifft und dass auch evanglische Pfarrer nicht per se Unschuldslämmer sind. Auch ich durfte mir in während meines Gemeindepraktikums schräge Kommentare eines Priester anhören. Und ja, das ist nicht immer der Fall. Mir scheint es aber so, als ob gerade diese Seite der ökumenischen Zusammenarbeit angesichts der Verbrüderungstendenzen gerne vergessen wird,

iii Die folgenden Ausführungen sind dezidiert aus evangelischer Perspektive geschrieben.

v Natürlich ist hier auch immer die Kenntnis der eigenen theologischen Grundlagen gefordert.

vi Auch wenn es bedeutet, eine Frau als Gegenüber zu „akzeptieren“.

vii Dies möchte ich Bedford-Strohm und anderen auch nicht absprechen. Es geht hier aber vor allem um medial inszenierte Bilder, die die öffentliche Wahrnehmung leiten.

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