Rezension zu: Handbuch der Seelsorge

Wilfried Engemann (Hg.), Handbuch der Seelsorge. Grundlagen und Profile, 3. Völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2016.

Für www.nthk.de rezensiert von Annette Haußmann am 28. Februar 2017.

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Das von Wilfried Engemann herausgegebene „Handbuch der Seelsorge“ hat sich nach zwei unveränderten Auflagen (erschienen 2007 und 2009) mit einigen Neuerungen deutlich gewandelt. Beinahe 10 Jahre nach seiner Ersterscheinung ist nicht nur der Umfang angewachsen, auch die Anzahl der Autoren ist beträchtlich gestiegen. Unter Beibehaltung der grundsätzlichen Struktur der älteren Auflagen folgt das Handbuch dem Ziel, einen „stärkeren inneren Zusammenhang“ (5) herzustellen. Seelsorgende finden in diesem Handbuch in insgesamt sechs Kapiteln eine umfangreiche Grundlage zur Information und Reflexion der eigenen Praxis und können sich zu Diskursen innerhalb der Seelsorgelehre breit informieren. Die Prolegomena (Kap.1) und christliche Praxis (Kap.2) werden den Strukturen und Elementen des seelsorgerlichen Gesprächs vorangestellt (Kap.3), ehe verschiedene Ansätze der Seelsorge (Kap.4) vorgestellt werden. Zwei weitere Kapitel reflektieren Anlässe und Situationen (Kap.5) sowie spezifische Bedingungen und institutionelle Kontexte der Seelsorge (Kap.6).

Die Neuauflage ist gleichsam Zeugnis der poimenischen Entwicklungen, die auf aktuelle Herausforderungen in einer individualisierten und pluralisierten Gesellschaft reagieren. Zwei Tendenzen fallen besonders ins Auge: Zum einen lässt sich eine Differenzierung der Seelsorgelehre feststellen, die sich in Spezialisierung und Professionalisierung niederschlägt. Weiterhin ist eine Rückbesinnung auf christliche Wurzeln evangelischer Seelsorge zu erkennen. Beide Tendenzen, die in der zweiten Auflage bereits angedeutet waren, haben sich nun vertieft. Sie zeugen von einer Auflösung der Gräben zwischen therapeutischer und kerygmatischer Poimenik, die heute vorwiegend von historischer Bedeutung sind, und in ein pluralistisches Seelsorgeverständnis übergegangen sind.

Bereits am Inhaltsverzeichnis bildet sich die Tendenz der heutigen Seelsorgelehre zur Spezialisierung ab. Die drei letzten Kapitel zeigen die Vielfalt und Diskussionsbreite der Ansätze, Situationen und Kontexte der Seelsorge und weisen darin zugleich die Ausdifferenzierung dieses praktisch-theologischen Faches auf. Kapitel 5 zeigt, wie vielfältig seelsorgerliche Situationen sind, ist aber auch Zeugnis davon, dass seelsorgerliche Hilfe zumeist in existenziellen Lebenssituationen mit Kasualcharakter von Relevanz ist (Taufe, Sterben, Krankheit, Trauer, Krise). Ein neues Kapitel 6, das den Schluss des Buches bildet, beschreibt „Spezifische Bedingungen und institutionelle Kontexte der Seelsorge“ und bietet von Telefonseelsorge über Notfallseelsorge bis zur Gefängnis-, Polizei- und Militärseelsorge eine breite Darstellung der Seelsorge in speziellen Kontexten. Begrüßenswert ist, dass auch neuere Phänomene wie die Urlaubsseelsorge aufgenommen wurden. Auch die Schulseelsorge hat hier nun einen neuen Platz gefunden, nachdem das in den vorigen Auflagen heterogen anmutende Kapitel 5 zu Ressourcen der Seelsorge aufgelöst und dessen Artikel in neue Zusammenhänge eingegliedert wurde [vgl. die Kritik in der Rezension von Isolde Karle in ThLZ Okt. 2008, Sp. 1141–1143]. All diesen Spezialisierungen liegt ein professionalisiertes Grundverständnis der Seelsorge zugrunde, demzufolge methodisch und inhaltlich geschulte Seelsorger in bestimmten Lebenszusammenhängen und Lebensformen agieren.

Eine weitere aktuelle Tendenz der Seelsorge bildet die Frage nach dem christlichen Glauben innerhalb der Seelsorge. Der programmatische Beginn des Handbuchs mit dem Artikel „ Zum Proprium der Seelsorge“, neu verfasst von Christiane Burbach, zeigt bereits an, wie zentral die Auseinandersetzung um das christliche Profil evangelischer Seelsorge geworden ist. Während der Beitrag in den früheren Auflagen vorher im Rahmen der Ansätze notiert war, zeigt dieser Einstieg ins Handbuch: Im pluralen Gesellschaftskontext versteht sich die spezifisch kirchliche, theologische und christliche Ausrichtung der Seelsorge nicht mehr von selbst, sondern muss expliziert werden. Denn auf die neu entdeckten Bedürfnisse nach Spiritualität, Sinn, Ganzheitlichkeit und Wohlbefinden reagieren auch andere Anbieter mit multiprofessionell ausgerichteten Sinn-Angeboten. Diese programmatische Tendenz einer Besinnung der Seelsorge auf ihre christliche Grundlagen spiegelt sich auch im neu eingefügten Kapitel 2 „Praxis des Christentums als Kontext und Impuls der Seelsorge“, das nun die Grundlagen des christlichen Glaubens aufzeigt, die „vor jeglicher Theoriebildung oder gar Professionalisierung“ (7) liegen, weil Menschen „durch die Glaubenskultur des Christentums in ihren vielfältigen Ausprägungen Hilfe empfangen“ (8). In diesem Sinne werden das Evangelium als Lebenskunde (Wilfried Engemann), die Kirchengemeinde (Eike Kohler) und die Beichte als christliche Praxis (Corinna Dahlgrün) dargestellt. All dies folgt den im Handbuch durchgehaltenen diskursiven Charakter, der Positionen nebeneinander stellt, aber diese gleichzeitig auch innerhalb der Artikel kritisch miteinander ins Gespräch bringt. Gleichzeitig liegt damit ein gewisser Gegenpol zur Konzentration auf Professionalität vor. Im weiteren Verlauf kommt diese ‚vorprofessionelle‘ Perspektive auf Seelsorge als Aufgabe aller Glaubenden, z.B. in der Berücksichtigung von ehrenamtlich Seelsorgenden, leider nur noch selten zur Sprache.

Trotz angestrebter Methoden- und Konzeptvielfalt ist der Fokus auf pastoralpsychologische Konzeptionen nicht von der Hand zu weisen. Bereits Burbach beginnt mit der definitorischen Bestimmung: „Seelsorge ist heute pastoralpsychologisch-methodisch verantwortete Seelsorge“ (34). Im Kapitel 5 werden aus den pastoralpsychologischen Perspektiven, die noch 2009 als solche zusammengefasst waren, acht verschiedene Ansätze zusammen mit Christlicher Tradition und Seelsorge (Bukowski), systemischer (Morgenthaler) und praktisch-philosophischer (Engemann) Seelsorge. Zugleich ist dies Zeichen der positiv aufgenommenen Vielfältigkeit innerhalb der Pastoralpsychologie, aber auch eine Verkürzung aktueller Entwicklungen. Vergeblich sucht man Artikel zu Alltagsseelsorge, interkulturellen oder feministischen Konzepten, die mittlerweile auch in pastoralpsychologischen Standardlehrbüchern (vgl. Ziemer, Seelsorgelehre 2015; Klessmann, Seelsorge 2015) als etabliert gelten. Solche erfrischenden neuen Impulse und Ansätze hätten dem Standardwerk sicher gut gestanden. Zudem vermisst man in manchen Artikeln eine Aktualisierung in punkto aktuelle Debatten und die ausführlichere Einbindung von Forschungs- und Grundlagenliteratur.

In der Seelsorge-Landschaft tummeln sich viele Publikationen, aber nur wenige bieten einen umfassenden Überblick über verschiedene Konzepte und Grundfragen der Seelsorge abseits der Einbettung in eine bestimmte Konzeption. Große Stärke des Handbuchs ist außerdem seine Nutzungsmöglichkeit als Nachschlagewerk und die Konzentration auf kommunikative Aspekte der Seelsorge. Dies macht das Handbuch zum unverzichtbaren Klassiker evangelischer Seelsorgeliteratur.

Annette Haußmann ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Praktische Theologie 1 der Evanglisch-theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München.

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