Rezension zu: Luther verstehen.

Markus Buntfuß, Friedemann Barniske (Hrsg.), Luther verstehen. Person – Werk – Wirkung, Leipzig 2016.

Für www.nthk.de rezensiert von Jonas Milde am 27. Januar 2017 .

luther

 

Mag auch die Kurzcharakterisierung des Protestantismus als einer eher an Personen denn an Institutionen orientierte Konfession (vgl. 203; Klappentext) so diskutabel sein wie diese Personen und Institutionen selber: Sie zu verstehen bleibt ein Ziel vieler Christen – nicht nur evangelischer. Allen voran meint dies, wie auch das gegenwärtige Reformationsjubiläum es zeigt, die Person Martin Luther, die nun allerorten ins Zentrum der Erinnerungskultur gerückt wird.

Die Augustana-Hochschule Neuendettelsau schrieb sich dieses Ziel auf die Fahne ihrer Studienwoche im Sommersemester 2016. Die in diesem Band versammelten Aufsätze – allesamt aus dem Kreise der Hochschuldozenten – geben einen vielseitigen Einblick in dieses Unternehmen. Das Ziel habe, so die Herausgeber, darin bestanden, aus Anlass des anstehenden Reformationsjubiläums einen Beitrag „zur konfessionellen Selbstvergewisserung“ (5) zu leisten, da „sich das dogmatische Interpretament des 16. Jahrhunderts entgegen allen Beteuerungen kaum mehr als tauglich erweist, um den Sinngehalt der christlichen Religion protestantischer Couleur für heutige Zeitgenossen zu erschließen.“ (ebd.)

Bekanntlich sind die Beiträge einer Studienwoche – vergleichbar denen eines Semesters – an einer theologischen Fakultät so unterschiedlich an Themenwahl, Qualität und Umfang, dass das sie einende Band so locker sitzt, dass einige aus dem Verbund herauszufallen drohen und man die thematische Anbindung kaum noch greifen kann. Und so kommt es auch, dass im Band der Neuendettelsauer einiges mehr und einiges weniger hilft, das selbstgesteckte Ziel – Luther verstehen – zu erreichen.

Nach der Einleitung Friedemann Barniskes (9-17) eröffnen die beiden Alttestamentler Michael Pietsch und Stefan Seiler den abgedruckten Vortragsreigen, worin sie sich mit Luthers Hermeneutik und seiner Übersetzung des Alten Testaments befassen. Mit dem Aufsatz „Mose ist der Jüden Sachsenspiegel“ (19-39) beteiligt sich Pietsch an der aktuellen hermeneutischen Diskussion um den Bezug des Alten Testamentes zur christlichen Verkündigung. Er wählt hierzu den reformatorischen Diskurs über die Funktion des Gesetzes für die Christen und versucht „Luthers Stellung zum Alten Testament auf dem Hintergrund seiner theologischen Hermeneutik exemplarisch nachzuzeichnen, um Eigenarten und Grenzen reformatorischer Schriftauslegung präziser zu bestimmen“ (21). Er tut dies anhand einer Predigt aus dem Jahr 1525. Pietsch meint, dass „eine christologische Lektüre des Alten Testaments nicht zwangsweise obsolet geworden“ (37) sei und spricht sich in einem doppelten Fazit für mehrere „gleichberechtigte Lesarten dieser Schriftensammlung“ (38) aus sowie dafür, [d]ie Christozentrik der reformatorischen Schrifthermeneutik […] um eine theozentrische Perspektive zu erweitern.“ (ebd.)

Seiler stellt im Folgenden Überlegungen aus philologischer und theologischer Perspektive (41) zu Luthers Übersetzung an. Er macht auf den häufigen Gebrauch solcher „Begriffe mit christologischen Bezügen“ in Luthers Übersetzung des Alten Testaments aufmerksam, „in denen sich zugleich seine reformatorische Erkenntnis verdichtet.“ (45) In einer Beurteilung kommt Seiler zu einem „zwiespältig[en]“, kurzen und ausgewogenem Urteil und gibt seinem Aufsatz einen zehnseitigen Anhang bei, in dem er Luthers Übersetzungsprozess anhand exemplarischer Beispiele gut ersichtlich veranschaulicht.

Der Neutestamentler Christian Strecker stellt seinen Beitrag, den umfangreichsten des Bandes, unter den Titel Luther und die paulinische Rechtfertigungslehre und legt die Debatte über die „Entlutherisierung“ der paulinischen Soteriologie (71-126) dar. In Auseinandersetzung mit verschiedenen Paulusexegeten der näheren und ferneren Kirchengeschichte, von Origenes und Augustin bis zu den Vertretern der New Perspective on Paul und ihren lutherischen Kontrahenten, die an einer Deutung der paulinischen Rechtfertigungslehre im Anschluss an Luther festhalten und in dieser „gegenwartsorientierende Kraft“ (99) erkennen, zeigt Strecker „die vielen Facetten des Diskurses über die komplexen Beziehungen zwischen Luthers paulinisch gefärbter Theologie und der Rechtfertigungslehre des Völkerapostels“ (125).

Auf Streckers Beitrag folgen die der beiden Kirchengeschichtler Andreas Gößner und Ingo Klitzsch. Gößner widmet seinen Beitrag zur Studienwoche der weiten Perspektive von Universalgeschichte und Reichspolitik, wenn er [d]ie mittelalterlichen Kaiser aus der Sicht der Reformatoren darstellt (127-145). Er beleuchtet die Umwelt Luthers, vor allem die religionspolitischen Operationen von Kaiser und Papst im (Spät-)Mittelalter und deren Einfluss auf das Bild, das der Wittenberger Reformator von Imperium und Sacerdotium und ihren Repräsentanten hatte.

Klitzsch analysiert „Luthers Juden“ in Aurifabers Tischredensammlung (147-199). Damit aber springt er nicht auf den bekannten Zug auf, mit dem das Thema „Luther und die Juden“ zu dem Thema dieses 500. Reformationsjubiläums zu werden droht, sondern erfasst, wie der letzte Famulus Luthers dessen in den Colloquia vertretenen Positionen zuspitzt und somit maßgeblich die Wirkungsgeschichte der lutherschen Haltung zu den Juden mitbestimmt. Dies wird anhand mehrerer Beispiele und synoptisch angeordneter Quellenwiedergaben sehr gut nachvollziehbar und anschaulich präsentiert und eröffnet den Blick auf eine bereits im 16. Jahrhundert „,judenfeindlicher‘ zugespitzte[…] Lesart, die nicht nur fatale Äußerungen, sondern auch nicht minder fatale Handlungsmaximen mit umfasste und bis weit ins 19. Jahrhundert und darüber hinaus tradiert[…]“ (195) wurde, aber keinesfalls in eins zu setzen ist mit der Haltung des Reformators selbst.

Die Herausgeber des Bandes widmen sich als Systematische Theologen Luther als Genie der theologischen Reduktion (201-211) – so Markus Buntfuß – und Friedrich Brunstäds (neu)idealistische[r] Lutherdeutung (213-233) – so Friedemann Barniske. Buntfuß geht es „um die Frage, ob und inwiefern die geschichtliche Person Martin Luthers und sein Werk im Licht seiner Wirkung [Hervorhebung J.M.] zum Gegenstand einer verstehenden Aneignung werden können“ (202). Er charakterisiert den Protestantismus als eine an der Person Luthers „als ganz und gar menschliches Vorbild im Glauben“ (203) interessierte Form des Christentums, die sich neben ihrer dieser noch vorgeordneten Orientierung an den Personen (!) Jesus und Paulus nicht an dem, „was Kirche und Dogmatik vorschreiben“ ausrichtet, sondern an dem, „was ich als wahr und heilsam erkannt habe und was ich vor meinem Gewissen als richtig zu verantworten bereit bin“ (ebd). Luther habe zwar „die spekulativen Dogmen der Alten Kirche von der Dreieinigkeit Gottes und den zwei Naturen Christi [übernommen], obwohl sie seiner religiösen Erfahrung und Glaubenseinsicht nicht mehr“ entsprochen haben. Dieses sowie das hier insgesamt gezeichnete Bild eines nachaufklärerischen Protestantismus muss in der so präsentierten Form mit einigen deutlichen Fragezeichen versehen werden!

Der sich anschließende Aufsatz Barniskes zur Persönlichkeitsreligion des Religionsphilosophen und Rostocker Systematikers Friedrich Brunstäds präsentiert ergänzend eine Lutherdeutung aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert.

Die drei Praktischen Theologen Klaus Raschzok, Konstanze Kemnitzer und Andreas von Heyl widmen sich nacheinander folgenden Themen: Luther und die Folgen für das Theater (235-275), der Auseinandersetzung mit Erik Eriksons ,Young man Luther‘ (277-293) und den fünf reformatorischen ,Soli‘ als einem Beitrag zur Salutogenese (295-309).

Raschzok geht auf die in der Reformation grundgelegte „Emanzipation des Theaters vom Kultischen“ (275) und die beiden Wege, den des Gottesdienstdienstes und den der Bühne, sowie deren Kreuzungen ein. Dabei kommt einerseits Luthers tiefe Skepsis gegenüber den mittelalterlichen geistlichen Spielen zum Tragen, andererseits jedoch auch der für die Kinderkatechese und die Bildung erkannte Wert des Spielens biblischer Geschichten (239-243.245f), der im Luthertum wortwörtlich Schule gemacht hat.

Das von Erik Erikson 1958 vorgelegte psychoanalytische Verstehensmodell der Person Martin Luthers wird von Kemnitzer vorgestellt und als eine „kreative[…] Konstruktionsleistung“ (293) gewürdigt, das „uns“ dazu anleitet, „mit entwaffnend offenen Karten und in vollem Risiko gegenüber der Kritik anderer Fächerkulturen, Luther theologisch verstehen zu wollen“ (ebd). Ob die deutsche und internationale Lutherforscher hierfür Eriksons Modell benötigt, ist jedoch mehr als fraglich.

Von Heyl versucht eine spannende „Verknüpfung reformatorischer Gedanken mit dem Themenfeld der Gesundheit“ (295) und zeigt „die erstaunliche Nähe zwischen diesem Gesundheitskonzept [sc. Salutogenese] zu dem reformatorischen bzw. explizit lutherischen und darin wieder biblischen, Grundgedanken“ (296). Er greift dazu auf Äußerungen Luthers zurück und erkennt bei diesem einen Zusammenhang zwischen dem Glauben, dem „Herzstück der evangelischen Identität“ (304) und körperlicher wie seelischer Heilung. Luthers Theologie – heruntergebrochen auf die fünf reformatorischen Soli – wird also in ihrer auf das Wohl des Menschen zielenden Dimension dargestellt.

Der einzige Beitrag, der sich eingehend mit einer Schrift des Reformators auseinandersetzt, ist der Peter. L. Oesterreichs. Er betrachtet in seinem überaus knappen Aufsatz den Homo rhetoricus Luther anhand dessen Sendbrief vom Dolmetschen (323-333) und führt damit erweiternd das von Seiler eröffnete Thema der Bibelübersetzungen fort.

Inwieweit die Beiträge von Renate Jost„Vom Himmel hoch, da komm ich her…“ Vorläufige Überlegungen zu Gender, Christkind und Engeln (311-322) – und Jörg DittmerKein Lutheraner. Ein Hinweis auf Marcus Antonius de Dominis (1560-1624) (335-366) – dem Vorhaben der Studienwoche dienen, muss zweifelhaft bleiben. Denn auch wenn „das Kaleidoskop […] die Einheit der Vielfalt seiner Bilder für den Betrachter“ (16) verbürge – so Barniske in seiner Einleitung über die verschiedentlichen Ansätze der Lutherforschung – so kann man auch an einem Kaleidoskop vorbeischauen und völlig andere Dinge wahrnehmen. Darüber hinaus hinkt der Vergleich. Um ihn zu richten, müsste Luther ein Kaleidoskop in die Hand gegeben und ihm so der Blick auf das ermöglicht werden, was seine Erben mit seinem Werk anstellen. Ob der Reformator darin noch eine Einheit erkennen können würde, ist fraglich. Umso dringender sei es also wenigstens der evangelischen Theologie als Erbin empfohlen, den gemeinsamen Blick auf den Erblasser zu wagen, wie es die Dozenten der Augustana-Hochschule getan haben. Die „Einheit“ Luther aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und diese anderen Perspektiven neben der eigenen wahrzunehmen, ist den Autoren mehrheitlich wohl gelungen, wie der vorliegende Band bezeugt.

Doch auch dieses Bild vom Kaleidoskop in der Hand Luthers trägt nicht, kann ja kein Mensch, nicht einmal eine Person, um die ein Kult getrieben wird, wie es um Luther geschieht, zu Lebzeiten wissen, was aus ihrem Vermächtnis wird und für welche Zwecke es die Erben gebrauchen. Ein Kaleidoskop besaß er im Übrigen wohl auch nicht, mindestens kein patentiertes. Die amtliche Eintragung erfolgte erst im Jahr 1817, womit auch das optische Gerät in diesem Jahr ein großes Jubiläum feiert.

 

Jonas Milde, geb. 1991, studierte evangelische Theologie an den Universitäten in Münster, Basel, Zürich sowie der Humboldt-Universität zu Berlin und ist derzeit wissenschaftlicher Projektmitarbeiter am Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam.

 

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