Zu den „neuen Bauernregeln“. Ein Brief

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Liebe Landwirte, liebe Landwirtinnen, liebe der Bauernschaft in tiefster Verbundenheit zugeneigte Politiker und Politikerinnen der großen und kleinen Volksparteien, liebe Interessierte,

ich veröffentliche im Blog NThK.de diesen Brief, in der Hoffnung, dass jemand darauf reagiert und wir vielleicht in einen Diskurs kommen. Ich bin nämlich etwas verwundert, über euer Agieren, liebe Landwirte und Landwirtinnen in den letzten Wochen. Vor allem zwei Aktionen meine ich. Doch zunächst ist eine Rechtfertigung über Form und Inhalt dieses Blogartikels notwendig.

  1. Als Brief schreibe ich diesen Artikel, weil ich hoffe, dass meine Anfragen so vielleicht auch einer Beantwortung zugeführt werden können. Außerdem ist es, jedenfalls bei mir, so, dass ein Brief mich zur Höflichkeit nötigt, die dem Thema wahrscheinlich angemessen ist.
  2. Die zweite Frage ist natürlich die, was so ein Brief an euch Landwirte und euren Umgang mit Kritik auf nthk.de verloren hat. Nun, ich möchte vor allem die ethischen Fragen aufwerfen, die damit in Zusammenhang stehen und verantworte dieses Resort hier. Außerdem ist Theologie und Kirche in vielfältiger Weise mit Landwirtschaft verknüpft, gerade im ländlichen Raum stellen Landwirte oft verlässliche Gemeindeglieder.
  3. Warum mich ich mit dem Thema beschäftige, als Wissenschaftlicher Mitarbeiter in Systematischer Theologie und Ethik in München (!), also in so einer Großstadt, wo eh niemand weiß, dass eine Kuh nicht lila ist, ist recht einfach zu beantworten. Zum einen interessiere ich mich inhaltlich schon länger mit Bereichen, die in engem Zusammenhang mit der Landwirtschaft stehen, unter anderem mit Fragen der Energiewende im ländlichen Raum und mit der Frage des Tierwohls in der Nutztierhaltung. Gerade im letzten Bereich vertrete ich mit Sicherheit keine Position, die in irgendeiner Richtung für die Abschaffung von Nutztierhaltung plädiert oder so, sondern verstehe gut das Spannungsfeld, in dem sich die moderne Landwirtschaft bewegt. Zum anderen: Ich komme selbst vom Land, aus einem kleinen Dorf zwischen Hof und Rehau in Oberfranken, ich bin mit Tieren und auch mit Landwirten aufgewachsen, ich weiß, wie ein Kuhstall von Innen aussieht und so weiter. Ich bin also weder ein abgehobener Wohlstandsvegetarier (ich esse im Gegenteil gerne mal ein Schnitzel) noch bin ich völlig ahnungslos, was das Landleben und seine Härten angeht.

Aber zum Thema: Zwei Aktionen, die in engem Zusammenhang mit der Bauernschaft stehen haben mich in den letzten Wochen sehr verwundert: Zum einen der offene Brief von Studierenden der Agrarwissenschaft in Göttingen an einen Professor, der sich kritisch über gewisse Haltungspraxen geäußert hat samt der anschließenden medialen Aufmerksamkeit[1]. Na gut, dachte ich, vielleicht hat der Professor da etwas übertrieben, war aber auch über den Ton der Kritik an ihm verwundert. Zum anderen aber, und hier weiß ich nicht mehr weiter, deshalb auch dieser Brief, die Veröffentlichung der neuen Bauernregeln und die Kritik von euch, euren Verbandsprechern und von den zugeneigten Politikern. Vielleicht muss ich kurz die neuen Bauernregeln, das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit von Barbara Hendricks ausgearbeitet kurz vorstellen, nicht, dass Sie sie nicht alle fleißig studiert haben, aber doppelt hilft besser:

  1. Steht das Schwein auf einem Bein, ist der Schweinestall zu klein.
  2. Gibt’s nur Mais auf weiter Flur, fehlt vom Hamster jede Spur.
  3. Zu viel Dünger auf dem Feld geht erst ins Wasser, dann ins Geld.
  4. Haut Ackergift die Pflanzen um, bleiben auch die Vögel stumm.
  5. Zu viel Dünger, das ist Fakt, ist fürs Grundwasser beknackt.
  6. Ohne Blumen auf der Wiese geht’s der Biene richtig miese.
  7. Steh’n im Stall zu viele Kühe, macht die Gülle mächtig Mühe.
  8. Gibt’s nur eine Pflanzenart, wird’s fürs Rebhuhn richtig hart.
  9. Wenn alles bleibt, so wie es ist, kräht bald kein Hahn mehr auf dem Mist.
  10. Strotzt der Boden von Nitraten, kann das Wasser arg missraten.
  11. Bleibt Ackergift den Feldern fern, sieht der Artenschutz das gern.

Soweit also diese Bauernregeln. Freilich waren der Entwurf und die Plakataktion (zu) teuer und freilich, die Qualität dieser Reime ist, sagen wir mal, durchwachsen. Aber: Sind Sie den wirklich ein Angriff auf euch Landwirte? Dazu vielleicht eine ganz kleine Analyse über die Art der Sätze. Es sind nämlich offensichtlich erstmal keine Imperative, keine Weisungen an die Bauernschaft nach dem Motto: „Du sollst weniger Giftstoffe sprühen“. Ganz offensichtlich sind es Aussagesätze, die man wunderbar in logische Form bringen kann, also in zwei Prämissen und eine Folgerung, die aus diesen Prämissen dann eventuell folgt. Beispielsweise könnte dann der sechste Satz so lauten:

(1) Wenn es auf der Wiese keine Blume mehr gibt, dann geht es der Biene mies.

(2) Es gibt keine Blume mehr auf der Wiese.

(3) Also: Es geht der Biene mies.

Ohne Zweifel kann man die anderen Sätze auch in diese Form bringen, und genau über diese Form könnte man gut diskutieren. Denn, wenn ich die Äußerungen der Minister Hauck oder Brunner oder eurer Verbandsvertreter sehe, sind diese Bauernregeln respektlos, ja, Frau Hendricks betreibe damit Hetze und spalte die Gesellschaft. Ich kann das so nicht sehen. Ein Argument, und Argument ist eben der Begriff für die oben genannten drei Sätze zu den Bienen, ist dann gültig, wenn logisch richtig geschlossen wird, was der Fall ist, da hier der modus ponens[2] vorliegt. Man muss also schauen, ob die Prämissen stimmen. Und beim besten Willen kann ich nicht sehen, was an den jeweils ersten Prämissen also den jeweiligen Sätzen (1) nicht stimmt. Wenn das Schwein auf einem Bein stehen muss, ist es offensichtlich, dass der Stall zu klein ist. Oder: Wenn alles so bleibt, wie es ist, dann kräht bald kein Hahn mehr auf dem Mist. Es nämlich wohl ist offensichtlich, dass auch Landwirtschaft sich immer entwickeln muss. Niemand betreibt mehr, außer zu nostalgischen Zwecken, Landwirtschaft wie vor 100 oder auch nur wie vor 40 Jahren.  Also liegt es an den jeweils zweiten Sätzen (2). Hier ist es aber doch allerdings so, dass, wenn ich das richtig verstehe, man diese Sätze dem Großteil von euch nicht vorwerfen kann, da ihr ja auch, und für den eben genannten Großteil von euch gilt das ja auch, gar nicht dafür verantwortlich seid, dass keine Blume mehr auf der Wiese steht, oder eben Schweine so haltet, dass Sie genug Platz haben, und so weiter.

Das es allerdings unter euch auch Landwirte gibt, die zum Beispiel eben schon Schweine oder Kühe schlicht und ergreifend nicht annährend artgerecht halten, ist auch kein Geheimnis. Das bestätigt jeder Amtstierarzt oder jede Amtstierärztin. Und genau darüber muss man reden dürfen, genau solche Formen muss man, bei aller gegebenen Rücksicht auf die wirtschaftlichen Bedingungen ansprechen und kritisieren dürfen.

Nochmal zum Respekt gegenüber euren Berufstand zurück: Dass ihr diesen fordert, ist völlig berechtigt. Aber Respekt ist nichts, auf dass ihr schon qua eurem Anspruch -naja eben- Anspruch habt. Freilich ist euer Berufsstand immer noch einer der Wichtigsten, wenn nicht der Wichtigste, da ihr Nahrung produziert. Aber: Genauso wie die Theologen, die Pfarrerinnen und so weiter sich immer neu verantworten müssen und immer neu erklären müssen, wie Sie ihren Beruf verstehen und ausfüllen wollen und verteidigen müssen, dass Kirche wichtig ist, und eine wichtige Funktion erfüllt und dass Sie in der Kirche nach ihrem besten Wissen und Gewissen arbeiten, genauso müsst auch ihr euch rechtfertigen, wie und auf welche Weise ihr wirtschaftet. Man ist von dieser Verpflichtung nicht befreit, weil man besonders laut schreit, oder weil man Scheuer und Seehofer auf seiner Seite weiß. Gesellschaft funktioniert nur, wenn Dialog möglich ist. Und Dialog setzt nun mal auch Kritik und Kritikfähigkeit voraus. Sowohl an den Strukturen, als auch am Einzelnen Individuum. Oder sehe ich das falsch?

Hochachtungsvoll,

Niklas Schleicher, NThK

 

P.S. Ihr habt es geschafft, die Bauernregeln sind offline gegangen. Na dann ist ja alles prima.

 

 

[1] http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/tierhaltung-ein-aufklaerer-den-sie-denunziant-nennen-14762951.html

[2] Wenn A, dann B. A. Also B. Einfacher: Wenn es regnet ist die Straße nass. Es regnet. Also ist die Straße nass. Man könnte die Regeln genauso gut andersherum formalisieren, also den modus tollens (Wenn A, dann B. Nicht B. Also Nicht A) anwenden. Dann wäre das Beispiel so:

(1)           Wenn es auf der Wiese keine Blume mehr gibt, dann geht es der Biene mies.

(2)           Es geht den Bienen nicht mies.

(3)           Also: Es gibt noch Blumen auf der Wiese.

Auch dann wäre aber die Aufregung über die Regeln übertrieben.