Kierkegaards Grabstein oder: Stirner, Luther und vom „Ich“ und „Wir“

von Niklas Schleicher

Das Wir-Gefühl hat Konjunktur in Deutschland. Egal auf welcher Seite in egal welcher Debatte man steht, notwendig ist es, darauf hinzuweisen, dass man kein Einzelner ist, dass man Mitstreiter hat, sei es gegen Amerika, die Islamisierung des Abendlandes, gegen Zuwanderung oder auch Impfen. Aber auch der- und diejenige, die auf der anderen Seite, unbestrittenermaßen bei diesen Themen richtigeren, stehen, müssen sich absichern gegen die Meinung, dass sie alleine wären. Ja, die Demonstration gegen PEGIDA zum Beispiel wirbt eben damit, dass die Dresdner und Dresderinnen und auch ich, wäre ich ein solcher, sagen könnte, dass „wir Dresdner“ weltoffen sind, dass „unser Dresden“ eine bunte Stadt ist und so weiter. Oder wenn ich mich mehr mit meinem Arbeitsort München identifizieren würde, würde ich mich freuen, wie gut „wir Münchner“ mit den Flüchtlingen umgehen in den letzten Tagen. Inhaltlich und von der Intention her kann ich nicht anders, als dem zustimmen, genauso auch, wenn sich ein Kollektiv bildet, um sich kritisch mit der ideologischen und gefährlichen Verblendung von verschiedenen Verschwörungstheorien (vgl. „Pharmaindustrie will uns vergiften“ bei den Impfgegnern) auseinanderzusetzen. Ich möchte allen zustimmen, die ihre Stimme gegen Intoleranz und für Aufklärung erheben und sich dafür einsetzen, dass, egal wo, mittelalterliche Denkmuster überwunden werden. Aber: Wenn ich höre, dass „Wir als…“ gegen dieses und jenes sein sollten oder müssten, dann muss ich kurz schlucken, dann ist mir nicht ganz wohl bei der Sache.

„Ich habe meine Sache auf nichts gestellt.“ So beginnt das einzige Werk eines deutschen Philosophen, der weniger durch sich selbst wirkte, als vielmehr durch die Epigonen, die, beeinflusst von ihm, sich kritisch mit seinen Ideen beschäftigten. Dieser deutsche Philosoph, geboren als Johann Caspar Schmidt, veröffentlichte als Max Stirner 1844 das Buch Der Einzige und sein Eigentum. Verfasst ist es in einem recht spröden, jedoch sich pathetisch gebenden Stil, kaum vergleichbar mit der stilistischen Schärfe seines „Lehrers“ Schopenhauer oder seines „Schülers“ Nietzsche. Der Grundtenor des Buches ist die Überzeugung, dass, unter den gegenwärtigen Bedingungen, der Einzelne für sein Glück verantwortlich ist und weder Verantwortung gegenüber der Gesellschaft oder Gott trägt, noch sich darauf verlassen kann, dass es so etwas wie eine tragende Großerzählung geben kann. In dieser Zuspitzung ist es schon deutlich, das Stirner in gewisser Weise auch Lyotards These vom Ende der großen Erzählungen vorweg nimmt. Gleichzeitig ist es auch eine konsequente Form der Nachfolge Kierkegaards, nämlich im Sinne einer atheistischen Weiterführung seines Existenzialismus. Immer wenn ich höre, dass WIR dieses oder jenes so oder so machen sollten, ist es in meinem Hinterkopf Stirner, der mich warnt. In der Konsequenz kann ich jedenfalls aber auch nicht Stirner sein, denn irgendwie ist mir seine Ablehnung jeglicher intersubjektiver Verständigung, oder deutlicher, jeglicher Solidarität abschreckend. Ein reines Recht des Stärkeren oder dessen, der sich eben durchsetzt, mag man als Anhänger von Ayn Rand oder von gewissen AFDlern gut finden, ich kann es auch nicht, zumal sich, völlig kontraintuitiv, gerade diese libertären Kräfte sich zur Durchsetzung ihrer Ziele zu relativ geschlossenen Gruppen zusammenfinden.

Und doch: Ist nicht schon das Gefühl oder der Wille, ein Einzelner sein zu wollen, eigentlich irrational? Ist nicht auch die evangelische Kirche gerade heutzutage darauf bedacht, den Wert tragender Gemeinschaft in den Fokus zu stellen? 1520 schreibt Martin Luther seine sogenannten reformatorischen Hauptschriften und prägt in einer davon, in der Freiheit eines Christenmenschen, den Satz: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Nun, man ist relativ schnell dabei, freilich das erste Satzglied im Sinne einer Unvertretbarkeit und Freiheit des Einzelnen vor Gott betonend, das zweite Satzglied im Sinne tätiger Nächstenliebe etc. stark zu machen1. Unsozial oder gar asozial soll der Protestantismus nicht sein, war und ist doch schon die Rechtfertigung allein aus Glauben nicht unbedingt eine leichte Hypothek für die Konzeption einer evangelischen Ethik. Nein, sich im Anschluss an Luther wähnend – und nie ist man froher, dass Luther solche Sätze auch hatte – wird die Freiheit auf Dinge des Glaubens und der Religion beschränkt, in Sachen des Staates, der Politik etc. diese allerdings wieder eingehegt. Die Adelsschrift und v.a. die Obrigkeitsschrift Luthers einerseits und andererseits natürlich die Zwei-Regimente-Lehre, die freilich ob aller Dunkelheiten, die sie zwar nicht hervorgebracht, aber den sie auch nicht widerstanden hat, modifiziert werden muss, scheinen dieser Interpretation recht zu geben. Aber, ich denke, dass die Beziehung zwischen erstem und zweiten Satzglied der Freiheit eines Christenmenschen stärker betont werden muss und nicht zwischen den Regimentern einfach aufzuteilen ist. Denn die Freiheit eines Christen in Fragen des Glaubens heißt ja, dass er auf keinen Menschen angewiesen ist, der ihm weist, wie man ein gottgefälliges Leben führt. Dies muss in der Schärfe so verstanden werden, dass ein richtiges, was im Sinne Luthers ein doch ein gottgefälliges Leben ist, zuletzt und in schärfster Konsequenz nur dem Einzelnen und seinem Gewissen anheimgegeben ist. Vor den Menschen muss ich mich natürlich rechtfertigen, aber wenn ich nach gründlicher Prüfung des Gewissens meine Pflicht zum Widerstand erkannt habe, dann kann ich mich in dieser Entscheidung getragen wissen. Diese Pointe, sofern sie denn richtig ist, ist nicht hoch genug zu bewerten, heißt das doch, dass ich als Einzelner zu der Entscheidung ermächtigt bin, aber auch verpflichtet bin, zwischen Alternativen zu wählen. Leben heißt ein ständiges Wählen zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten und durch die in Gott geschenkte Freiheit bin ich dazu in der Lage, selbst eine Entscheidung zu treffen. Die Kehrseite ist dann auch diejenige Tatsache, die Løgstrup in Anlehnung an Kierkegaard die Unvertretbarkeit der ethischen Forderung nennt. Ich bin als einzelner dazu aufgerufen, in der Gemeinschaft, in der Gesellschaft wie auch immer zu handeln. Was geboten ist, erfahre ich durch Erziehung oder Dialog oder ähnliches. Die Aktualisierung des Gebotenen (und bei Løgstrup auch das Scheitern daran) allerdings liegt in meiner Verantwortung.

Im Lateinischen gibt es, wenn ich recht informiert bin, eine schöne Verbform: Den Kohortativ, also das „Lasst uns“. Man könnte dementsprechend von einer Kohortativisierung der Gesellschaft reden. Ich finde das nicht gut. Freilich, der Mensch ist auf Gemeinschaft angewiesen. Aber: Der Mensch ist nicht darauf angewiesen, vergemeinschaftet zu werden und sich in Sachen der eigenen Stellungnahme von Gruppen vertreten zu lassen. Vielleicht liegen meine Ausführung an meinem pathologischen Drang, mich theologisch und philosophisch mit Positionen zu identifizieren, die quer zum Konsens liegen. Und vielleicht liegt es auch daran, dass ich mich immer als links-liberal bezeichnen würde, wobei ich liberal nicht als anderen Begriff für wirtschafts- oder markthörig benutzt wissen will, sondern liberal als Konsequenz eines Begriffs des Sozialen: Sozialer Ausgleich ist nur dann wirklicher Ausgleich, wenn er den Einzelnen dazu befähigt, ein Leben in größtmöglicher persönlicher Freiheit zu führen. Aber schlussendlich weiß ich nicht, wo dieses meine Denken seinen Ursprung hat.

Und vielleicht ist dies auch etwas, wenn schon sonst das Werk teilweise zu kryptisch ist, was von Kierkegaard zu lernen ist, um was es ihm eigentlich geht und was er anscheinend als seine Grabinschrift angedacht hatte: „Jener Einzelne“. An die einzelne, unvertretbare Existenz des konkreten Menschen, an das konkrete „Ich“ wendet sich, jedenfalls im evangelischen Sinne, die Botschaft, das Wort Gottes, auch wenn es in gemeinschaftlichen Vollzügen nahe gebracht wird. Ich denke dementsprechend, eine der wichtigsten Errungenschaften des protestantischen Christentums ist die emphatische Betonung des Gedankens der Freiheit: Der Freiheit des Einzelnen ein Einzelner zu sein.

1 Dabei ist ja eigentlich doch ein bisschen andersherum: Die Freiheit vor Gott ist eben keine, über die Mensch selbst verfügt, vielmehr ist sie eine, die durch den Glauben geschenkt wird. Aus diesem Glauben ergeben sich dann als Früchte die guten Werke an den Nächsten. Aber: Worin diese letztendlich bestehen, daran bleibt die Entscheidung des einzelnen Gewissens wenigstens beteiligt.