Rezension: Rainer Kessler, Der Weg zum Leben. Ethik des Alten Testaments

Rezensiert für www.nthk.de von Nina Beerli

Kessler, Rainer: Der Weg zum Leben. Ethik des Alten Testaments, Gütersloh 2017.

Erstmals seit Eckhart Ottos Theologischer Ethik von 1994 erscheint mit Der Weg zum Leben von Rainer Kessler wieder eine Ethik des Alten Testaments in deutscher Sprache. Entstanden ist das Buch nicht zuletzt aus dem Anliegen heraus, ethisches Nachdenken und biblische Überlieferung (wieder) näher zusammenzubringen und die Relevanz der alttestamentlichen Texte auch für heutige ethische Fragestellungen aufzuzeigen. Diesen Anspruch löst Kessler in seinem rund 700 Seiten umfassenden Werk ein. Obwohl der Autor seine Hauptaufgabe in der historischen Rekonstruktion der Ethik der Hebräischen Bibel sieht und diese auch den grössten Raum einnimmt, will er dabei nicht stehenbleiben. Bereits bei der Darstellung der Texte weist er immer wieder auf aktuelle Fragestellungen hin. Zudem werden in 20 Impulsen ethische Problemstellungen aufgenommen, die auch in heutigen Diskursen eine Rolle spielen. Der knappe letzte Teil des Buches widmet sich der Frage, wie sich Altes Testament und christliche Ethik zueinander verhalten und wie sich ethische Implikationen des Alten Testaments in eine moderne Ethik übertragen lassen. Damit leistet Kessler auch einen Beitrag zum interdisziplinären Gespräch zwischen Ethik und Bibelwissenschaft.

Im einführenden ersten Teil seines Werks setzt sich Kessler mit grundlegenden Fragen auseinander, die sich bei der Konzeption einer Ethik des Alten Testaments stellen. Gegenstand einer solchen Ethik sind nach Kessler die Schriften der Hebräischen Bibel (und nicht das moralische Leben der Israeliten). Unter dem Begriff Ethik versteht Kessler die wissenschaftlich verantwortete Reflexion auf das gelebte Ethos. Dieses speise sich aus bestimmten Verhaltensweisen (Konvention, Etikette, Brauch, Sitte) sowie aus gesellschaftlichen Normvorstellungen darüber wie man leben sollte (Ethos, Moral), wobei die Grenzen zwischen „faktischem Tun“ und der „Formulierung normativer Gedanken“ (53) häufig fliessend seien. Das Alte Testament bietet nach Kessler keine Ethik i.S. einer wissenschaftlichen Theorie, sondern die ethischen Vorstellungen und Haltungen müssen allererst aus den Texten rekonstruiert werden. Kessler spricht daher auch von der „impliziten Ethik der Hebräischen Bibel“ (60).

Für die Darstellung dieser impliziten Ethik wählt Kessler die kanonische Perspektive, wobei er sich am hebräischen Kanon orientiert wie ihn bspw. die Biblia Hebraica bietet. Seine Entscheidung begründet Kessler u.a. damit, dass gerade die kanonische Darstellung einer Vereinheitlichung entgegenwirke, die der Vielfalt und dem spannungsvollen Nebeneinander ethischer Vorstellungen zuwiderlaufe. Indem eine kanonische Darstellung die Texte der Reihe nach betrachte und sie mit Hilfe von Einsichten in ihre Entstehung und Sammlung besser zu verstehen suche, werde die Widersprüchlichkeit der Texte nicht aufgehoben und harmonisiert, sondern thematisiert und stehengelassen. Nach Kessler kommen so die biblischen Texte in ihrer Vielfalt und zugleich in ihrer Einheit als kanonisierte Texte zur Geltung.

Der kanonische Zugang bedingt, dass alle Schriften der Hebräischen Bibel als Quellen für die Rekonstruktion ethischer Vorstellungen in Betracht kommen. Hier grenzt sich Kessler von Otto ab, der für seine Ethik nur jene Texte berücksichtigte, die sich explizit mit ethischen Fragestellungen auseinandersetzten, was dann im Endeffekt auf eine Reduktion auf Rechts- und Weisheitstexte hinauslief. Kessler sieht aber sowohl in den narrativen als auch in den prophetischen Texten der Hebräischen Bibel eine Fülle ethischer Themen verhandelt. Allerdings müsse bei der Darstellung der Ethik darauf geachtet werden, wie ethische Fragestellungen in den Texten zur Sprache kämen. Während in narrativen und prophetischen Texten ethische Themen v.a. implizit zur Darstellung kämen, hätten Rechts- und Weisheitstexte i.d.R. normativen Anspruch. Hinzu kämen noch einige Texte (z.B. Ps 15, aber auch der Dekalog), die „so etwas wie ethische Grund-Sätze formulieren“ würden (73). Den Schwerpunkt legt Kessler – genau wie Otto – auf die normativen Texte, im Ablauf der Darstellung folgt er jedoch dem kanonischen Prinzip. Das hat zur Folge, dass zunächst Erzähltexte und erst dann Rechtstexte behandelt werden. Anschliessend wendet sich Kessler den prophetischen Texten zu, die – in kanonischer Perspektive – auf dem Fundament der Tora aufruhen. Erst zum Schluss kommen dann auch die weisheitlichen Texte in den Blick.

„Die Tora ist ihrem Wesen nach sowohl Erzählung als auch Weisung“ (85). Während die Urgeschichte und die Erzelternerzählungen vom Motiv des Segens durchzogen seien, sei die Geschichte der beginnenden Volkwerdung Israels geprägt durch die Befreiung aus der Knechtschaft in Ägypten und den Bundesschluss am Sinai. Auf diesem Fundament ruhe schliesslich die Gabe der Weisung und mit ihr die Forderung nach Gerechtigkeit auf. Kessler spricht in diesem Zusammenhang von einem „Zwei-Säulen-Modell“ (89): Auf den beiden Säulen Segen und Befreiung baut das Thema Gerechtigkeit auf, welches in dem Moment in den Vordergrund tritt, in dem erstmals Recht gesetzt wird (Ex 15,25f.) und seinen Höhepunkt in den grossen Rechtsammlungen und deren Aufnahme im Deuteronomium hat. Segen und Befreiung als Gaben Gottes fordern, so Kessler, zum Tun der Gerechtigkeit heraus. Beide lassen sich auch nur im Tun der Gerechtigkeit bewahren. Ohne Regeln würden sie sich nur allzu rasch in ihr Gegenteil verkehren: Segen würde zu Fluch, Freiheit zu Anarchie und Unterdrückung.

Mit der Orientierung an diesen drei grossen Motivkomplexen, die nach Kessler den gesamten Erzählbogen des Pentateuchs prägen, will der Autor auch eine Engführung vermeiden, die sich auf die Themen Bund, Erwählung und Erlösung beschränkt und damit „das, was sie aus der narrativen Begründung und Einbettung der Weisung aufgreif[t], kanonisch gesprochen auf den Anfang des Exodusbuches“ reduziert (87). Dies zu vermeiden gelingt Kessler insofern, als er durch das Zwei-Säulen-Modell und dem darauf aufbauenden Thema der Gerechtigkeit tatsächlich einen viel breiteren Textbereich für die Ethik des Alten Testaments fruchtbar machen kann. Auf der anderen Seite bedeutet diese Schwerpunktsetzung – wie jede andere auch –, dass eine Auswahl getroffen und gewisse Motive nicht oder nur am Rande aufgenommen werden können (so z.B. das Motiv von Bund und Verheissung).

Für die prophetischen und weisheitlichen Texte gilt das Zwei-Säulen-Modell so nicht mehr. Kessler zeigt aber auf, dass sie sich mit dem Thema Gerechtigkeit auseinandersetzen – wenn auch unter jeweils anderen Vorzeichen. Während insbesondere die hinteren Propheten in ihrer Sozialkritik die konkret erfahrene Ungerechtigkeit anprangern und zugleich eine Gerechtigkeit fordern würden, die sich an den sozial Schwachen orientiere, setzten die weisheitlichen Schriften bei der umfassenden Bildung des Einzelnen an und versuchten so, Einfluss zu nehmen auf die innere Motivation eines Menschen. Relevant für die Ethik ist nach Kessler, dass beide Textbereiche – genau wie die Tora – eine „Option für die Armen“ sowie einen „starken Gottesbezug“ propagieren (354).

Es fällt auf, dass Kessler im Vergleich zur Arbeit am Pentateuch bei den beiden folgenden Textbereichen stärker exemplarisch vorgeht, wobei klar ist, dass bei solch einem Buchprojekt nie alle Texte und Themen behandelt werden können. Gelegentlich weist der Autor zwar darauf hin, dass bestimmte Schriften weggelassen werden, eine Begründung dafür liefert er jedoch leider nicht. Ausgehend von dieser Beobachtung stellt sich die Frage, ob bei der Auseinandersetzung mit anderen Schriften nicht auch andere Themen stärker in den Vordergrund getreten wären. So dient der schlaglichtartige Durchgang durch die weisheitlichen Texte m.E. eher dazu, zu zeigen, dass die beiden Grundthemen „Gottesbezug“ und „Option für die Armen“ auch hier begegnen, als dass wesentliche neue Erkenntnisse hinzukämen. Doch hätte bspw. eine genauere Betrachtung der Psalmen wohl noch mehr und andere Einsichten im Hinblick auf ihre ethischen Implikationen zu Tage gebracht. Zumindest einzelne Psalmen vermitteln einen tiefen Einblick in die Selbst- und Fremdbilder, die Menschen von sich und anderen sowie von Gott haben, oder zeigen, wie Menschen Konfliktsituationen schildern, wie sie solche Situationen zu lösen versuchen bzw. wie sie mit ungelösten Konflikten umgehen. Für ethische Fragestellungen wäre hier m.E. noch einiges zu gewinnen.

Aufs Ganze gesehen bietet Kesslers Ethik jedoch einen breiten Überblick und einen sehr informativen Durchgang durch die Texte der Hebräischen Bibel. Die zusammenfassenden Einleitungen zu jedem Paragraphen und die reflektierenden Kapitel zum Verhältnis von Tora, prophetischen und weisheitlichen Texten helfen bei der Orientierung und bringen zentrale Einsichten auf den Punkt. Kessler nimmt immer wieder entstehungsgeschichtliche Fragen auf und bringt diese ins Gespräch mit dem von ihm gewählten kanonischen Ansatz. Auch werden ethisch kontroverse Themen angesprochen (so z.B. die Frage nach der Moral Gottes). Kessler liefert mit seinem Werk einen für das eigene ethische Nachdenken anregenden Beitrag, der an dieser Stelle zur Lektüre wärmstens empfohlen sei.

 

 

Nina Beerli hat von 2009 bis 2015 in Zürich evangelische Theologie studiert und arbeitet derzeit als Assistentin am Lehrstuhl für Alttestamentliche Wissenschaft und Altorientalische Religionsgeschichte am Theologischen Seminar der Universität Zürich.

Glaube-Leben-Theologie 4: Jesus, der Christus

von Tobias Graßmann

Dieser Blogartikel ist Teil unserer Reihe „Glaube – Leben – Theologie“, die sich lose am Apostolischen Glaubensbekenntnis als dem altkirchlichen Grundbekenntnis der westlichen Christenheit entlang hangeln soll. In dieser Reihe werden traditionelle christliche Glaubensaussagen pointiert vorgestellt und mit der heutigen Lebenswirklichkeit ins Gespräch gebracht. Anschließend sollen die theologischen Probleme, die sich aus diesem Kontakt von Tradition und Gegenwart ergeben, von den Autorinnen und Autoren knapp, konkret und subjektiv bearbeitet werden. Der letzte Artikel beschäftigte sich mit Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde.

Glaube

Bei „Jesus Christus“ handelt es sich ursprünglich nicht um einen Namen, sondern um ein Bekenntnis. Dieses ist aus zwei Teilen zusammengesetzt: Jesus bezeichnet als Eigenname einen jüdischen Wanderprediger aus dem galiläischen Nazareth, der um das Jahr 30 herum in Jerusalem gekreuzigt wurde. Christus ist die Übersetzung des hebräischen Meschiach-Titels und meint den von weiten Kreisen des Judentums erwarteten Heilsbringer für das Volk Israel. Die Zusammenstellung des Eigennamens Jesus mit dem Christustitel bedeutet somit: „Jesus ist der Christus!“

Die Überzeugung, dass Jesus der von Gott verheißene Retter für Israel und damit die gesamte Menschheit ist, wird im Neuen Testament auf vielfältige Weise ausgesprochen. Den Erzählungen der Evangelien liegt sie bereits zugrunde. Diese entfalten den Lebens- und Leidensweg Jesu von seiner Geburt bis hin zu Kreuzestod und Auferstehung als eine Art Biographie des Gottessohns. Die Lebensgeschichte Jesu wird so dargestellt, dass die Deutung durch den Christustitel immer schon mit hineinspielt.

Auf der Grundlage der biblischen Schriften hat die christliche Theologie das ursprüngliche Christusbekenntis zu einem komplexen System christologischer Lehraussagen ausgearbeitet. Diese Entwicklung beginnt bereits in den Schriften des Neuen Testaments selbst. Sie setzt sich in der altkirchlichen Dogmenentwicklung nicht völlig ungebrochen, doch im Grunde folgerichtig fort. In der klassischen Dogmatik gliedert sich die Christologie dann typischerweise in die Lehre von der Person Jesu Christi, in der göttliche und menschliche Natur vereint sind, die Lehre von seinem Heilswerk und der durch ihn gewirkten Versöhnung, schließlich die Lehre vom dreifachen Amt Christi als des archetypischen Propheten, Königs und Priesters. Daneben sind freilich auch die übrigen Lehrstücke in irgendeiner Weise auf Jesus Christus bezogen.

Zusammenfassend kann man daher sagen: Jesus kommt als der Christus im Zentrum des christlichen Glaubens zu stehen. Er bildet die organisierende Mitte, um die sich alle christlichen Glaubensüberzeugungen gruppieren lassen. Dies drückt sich nicht zuletzt in der gelebten Frömmigkeit aus: beispielsweise im Liedgut, in der Innenausstattung von Kirchen oder im Festkreis des Kirchenjahres. Dabei konnten und können sich Eigenname und Titel faktisch so eng aufeinander beziehen, dass die Unterscheidung zwischen beiden Aspekten unverständlich oder auch schlicht unnötig wird. „Jesus Christus“ wurde so von einem Bekenntnis tendenziell zu einem zusammengesetzten Eigennamen.

Leben

Die christliche Überzeugung, dass Jesus der Christus ist, wurde von anderen Religionen und Weltanschauungen natürlich immer mehr oder weniger heftig bestritten. Heute hat sich diese Lage insofern verschärft, dass mittlerweile auch die Theologie selbst auf gravierende Schwierigkeiten hingewiesen hat, die mit der Verbindung von Jesusname und Christustitel zusammenhängen.

Zunächst hat die kritische Erforschung der biblischen Schriften einerseits, die Erforschung der Dogmenentwicklung andererseits die Behauptung fragwürdig werden lassen, dass sich die dogmatische Christologie direkt und bruchlos aus dem biblischen Bild von Jesus Christus entwickeln lässt. Die historisch rekonstruierte Gestalt Jesu von Nazareth wurde zunehmend gegen den Christus der Kirche in Stellung gebracht.

In einem nächsten Schritt wurde der historischen Leben-Jesu-Forschung wiederum von Kritikern wie Albert Schweitzer vorgeworfen, in ihrem Jesusbild einfach die eigenen Denkvoraussetzungen und zeitbedingte Moralvorstellungen zu reproduzieren. Parallel wurden daher verschiedene Versuche unternommen, den Christusglauben von der historischen Forschung unabhängig zu machen. So wurde der Glaube etwa auf das persönliche Jesusbild (W. Herrmann), das kirchliche Überlieferungsgeschehen (M. Kähler), eine Theorie des Unbedingten (P. Tillich) oder das Wortgeschehen der Verkündigung (K. Barth, R. Bultmann) verwiesen.1

Trotzdem geht die wissenschaftliche Suche nach dem historischen Jesus unter wechselnden methodischen Voraussetzungen weiter. Und noch immer stellt sich Christinnen und Christen die Frage, welche Bedeutung der historischen Gestalt Jesu für den Glauben zukommt und weshalb die Anwendung des Christustitels auf ihn berechtigt sein sollte. Diese Frage stellt sich heute nicht nur im Kontext des Christentums, sondern unter den Bedingungen einer religiös und weltanschaulich pluralen Gesellschaft.

So ist unsere Lebenswelt bevölkert von verschiedenen Jesusbildern, die vom süßlichen Jesulein bis zum Sozialrevolutionär, vom überirdischen Engelwesen bis zum Proto-Feministen reichen. Zu den Deutungen, die vom Interesse des christlichen Glaubens geprägt sind, gesellen sich auch solche, die im Rahmen ganz anderer Religionen und Weltanschauungen entwickelt wurden. Hinzu kommt die vielfältige Auseinandersetzungen mit der Person Jesu in Kunst und Kultur – nicht zu vergessen auch humoristische Adaptionen der Jesusfigur (von sehr verschiedenem Niveau!). Lässt sich zwischen diesen vielfältigen Jesusbildern eine theologisch begründete Entscheidung treffen?

Gleichzeitig wird gerade in jüngster Zeit die Zentralstellung Jesu Christi für den christlichen Glauben grundsätzlich in Frage gestellt. Diese Forderung wird besonders dort laut, wo man sich um den interreligiösen Dialog bemüht. Schließlich entzündet sich der Widerspruch anderer Religionen vor allem am Christusglauben. Wäre es dann nicht sinnvoll, Jesus als Religionsstifter unter anderen zu betrachten, der sich eben in einer charakteristischen Weise auf das Heilige, das Unendliche, den transzendenten Existenzgrund oder ein göttliches Weltprinzip bezogen hat?

Theologie

Solchen Vorschlägen ist zu erwidern: Soll ein interreligiöser Dialog gelingen, darf er die Besonderheiten der beteiligten Religionen nicht ausklammern oder überdecken. Gerade daran, dass sich am Christusbekenntnis der Widerspruch anderer Religionen entzündet, wird deutlich: Hier hat man es gewiss mit einer zentralen Eigenart des Christentums zu tun. In der besonderen Stellung, die für Jesus Christus beansprucht wird, erweist sich eine religiöse Überzeugung erst als christlicher Glaube. Die Person Jesu Christi ist für das Christentum keine Nebensache, sondern unverzichtbar.

Aber kommt damit auch der historischen Jesusforschung eine Bedeutung für den Glauben zu? Diese Frage wurde und wird vielfach verneint. Und sicher ist unter protestantischen Bedingungen zuzugestehen, dass die unbefangene Lektüre der biblischen Schriften ein Bild dieser Person erzeugt, das für den persönlichen Glauben vollkommen ausreichend ist. Dieser Glaube kann keinesfalls durch historische Argumente hervorgebracht werden, sondern nur durch die Begegnung mit Jesus Christus, wie er auf der Grundlage der biblischen Schriften in der Kirche gepredigt wird. Dass diese Begegnung glaubendes Vertrauen wird, ist allein dem Heiligen Geist zu verdanken.

Trotzdem ist die historisch-kritische Suche nach der Gestalt Jesu nicht unnötig. Denn Christinnen und Christen werden in ihrer Umwelt mit ganz verschiedenen Jesusbildern konfrontiert. Diese Bilder widersprechen sich teilweise und stellen sich gegenseitig in Frage. Viele dieser Darstellungen erheben dabei den Anspruch, auf irgend eine Weise „historisch“ oder „wissenschaftlich“ zu sein. Wo hat man es mit seriöser Forschung, wo mit einer eher kreativen Aneignung des Stoffes und wo mit pseudowissenschaftlicher Verzerrung oder ideologischer Vereinnahmung Jesu zu tun? Kriterien für diese Unterscheidung kann die Theologie nicht entwickeln, wenn sie sich für die historische Gestalt Jesu auf die Unverfügbarkeit des Geistes oder eine theologische Sondermethodik zurückzieht. Stattdessen muss sie sich selbst am aktuellen Stand der historischen Wissenschaft orientieren.

Diese historische Perspektive fördert nun folgendes Bild zutage: Jesus von Nazareth ist nach dem übereinstimmenden Urteil der Forschung voll und ganz dem antiken Judentum zuzuordnen. Er stammte wahrscheinlich aus Nazareth in Galiläa. Zeitweise gehörte er der Gruppe um Johannes den Täufer an. In Galiläa verkündigte er das baldige Kommen des Reiches Gottes, was für ihn den Auftrag beinhaltete, besonders die Sünder und Randgruppen des Volkes Israel um sich zu scharen. Mit diesen Ausgegrenzten hielt er zeichenhaft Mahlzeiten, er sprach in Gleichnissen und beglaubigte seine Botschaft mit Dämonenaustreibungen. Mit verschiedenen Gruppierungen innerhalb des Judentums (Pharisäer, Sadduzäer, Zeloten) gab es Überschneidungen, aber auch Konflikte. Um das Jahr 30 zog er mit einigen seiner Jünger nach Jerusalem, wo er mit einer Zeichenhandlung gegen den Tempel Aufsehen erregte. Schließlich wird er als falscher Messias gekreuzigt, vermutlich im Zusammenwirken von jüdischer Tempelaristokratie und römischer Provinzverwaltung.

Der historische Jesus verkörpert damit für den christlichen Glauben das jüdische Erbe, das unveräußerlich zum Christentum gehört. Dieses umfasst etwa den Monotheismus und den Schöpfungsglauben, die Geschichtstheologie, ein Grundgerüst an ethischen Geboten und Frömmigkeitspraktiken (Beten, Fasten, Segnen, Feiertagsruhe) sowie vieles mehr. Jesus selbst stand dabei in seiner Frömmigkeit und Denkweise den späteren Texten des Alten Testaments vermutlich näher als den Autoren der neutestamentlichen Schriften. All das kann man sagen, ohne Jesu Originalität oder auch die Kontinuität zwischen Jesus, dem Urchristentum und den heutigen christlichen Kirchen zu leugnen.

Die christlichen Gemeinden damals wie heute beziehen sich in Gottesdienst und Lehre nicht allein auf ein übernatürliche Geisterlebnisse, sondern auf eine historische Gestalt: Jesus von Nazareth. Sie übernehmen Elemente aus Jesu Verkündigung und Lehre, aber prägen diese auch im Lichte des Osterglaubens um.2 Sie deuten Jesu Lebensgeschichte im Lichte der alttestamentlichen Schriften und kommen zu dem Ergebnis, dass die alten Verheißungen in diesem Menschen erfüllt sind. Viele der legendarischen Ausgestaltungen, wie sie in den Evangelien begegnen, sind nur vor diesem alttestamentlichen Hintergrund verständlich. Aber es handelt sich immer um Deutungen einer historischen Person mit einer individuellen Lebensgeschichte. Nur als diese Person kann Jesus Christus eine existenzbegründende Bedeutung für die Glaubenden in ihrer individuellen Personhaftigkeit haben.

Wie genau durch Kreuzigung und Auferstehung der Überschritt von der jüdischen Jesusbewegung zum Christusglauben geschieht, der letztendlich die Trennung von Christentum und Judentum nach sich zieht, ist freilich nicht nur eine historische, sondern eine theologische Frage. Wer sie stellt, der fragt nach dem Wesen des christlichen Glaubens. Kann der historische Jesus den Christusglauben auch nicht begründen, so gehört er doch unverzichtbar zum Grund und Gegenstand des Glaubens, der sich nach Ostern in dem Bekenntnis ausspricht: „Jesus ist der Christus“.

Nachbemerkung zum jüdisch-christlichen Dialog

Aus dem Geschriebenen ergibt sich, dass die Frage nach dem historischen Jesus für Christen immer auch Auswirkungen auf das Verhältnis zum Judentum hat. Daher bietet sich eine Nachbemerkung zum jüdisch-christlichen Dialog an:

Einerseits bilden die jüdische Identität Jesu von Nazareth und das gemeinsame jüdisch-christliche Erbe der alttestamentlichen Schriften eine gute Grundlage für eine Verständigung der Schwesterreligionen. Andererseits scheiden diese sich beide Religionen grundsätzlich in der Frage, ob der gekreuzigte Jude Jesus im Lichte des Ostergeschehens als der Christus, also als Messias zu bekennen ist. Nun darf der Dialog sicher auch einmal unter Ausklammerung strittiger Überzeugungen erfolgen. Wirklich produktiv aber dürfte er erst werden, wenn das Christusbekenntnis als die schlechthin zentrale Aussage des christlichen Glaubens zur Sprache kommt und auch diesbezüglich um eine Verständigung gerungen wird.

Es ist dabei kaum realistisch, von Jüdinnen und Juden auf der Basis ihrer Religion die Zustimmung zu diesem christlichen Bekenntnis zu erwarten. Es ist auch gewiss nicht angebracht, diese gar zum Religionswechsel überreden zu wollen (vgl. die Beschlüsse der Herbstsynode der EKD zur Judenmission). Die letzte Übereinstimmung über die Bedeutung Jesu Christi bleibt wohl Gottes Zukunft überlassen. Aber vielleicht lassen sich ja in Erwartung dieser Zukunft gemeinsame Schritte gehen, die näher zu der Lebens- und Gottesdienstgemeinschaft von Juden und Heidenvölkern führen, für die etwa Paulus so leidenschaftlich gekämpft hat.

Weiterführende Literatur

  • Pannenberg, Wolfhart: Grundzüge der Christologie, 7. Auflage, Gütersloh 1990.

  • Schröter, Jens (Hg.): Jesus Christus (Themen der Theologie Bd. 9), Tübingen 2014.

  • Stegemann, Wolfgang: Jesus und seine Zeit (Biblische Enzyklopädie Bd. 10), Stuttgart 2010.

  • Theißen, Gerd/ Merz, Annette: Der historische Jesus. Ein Lehrbuch, 3., durchgesehene und um Literaturnachträge ergänzte Auflage, Göttingen 2001 [mittlerweile in 4. Auflage].

  • Wenz, Gunther: Christus. Jesus und die Anfänge der Christologie (Studium Systematische Theologie Bd. 5), Göttingen 2011.

1 Auch der Versuch, das Problem durch die Unterscheidung von „historisch“ im engeren und „geschichtlich“ im weiteren Sinne zu umgehen, gehört meines Erachtens zu diesem Typus. Weshalb diese Unterscheidung nicht zu überzeugen vermag, wird hoffentlich unten deutlich werden.

2 An R. Bultmanns Urteil, der historische Jesus gehöre zur „Vorgeschichte“ des Christusglaubens, ist somit nur zu kritisieren, dass diese Vorgeschichte für das Christentum durch Ostern gerade nicht „erledigt“ ist.