Glaube-Leben-Theologie 4: Jesus, der Christus

von Tobias Graßmann

Dieser Blogartikel ist Teil unserer Reihe „Glaube – Leben – Theologie“, die sich lose am Apostolischen Glaubensbekenntnis als dem altkirchlichen Grundbekenntnis der westlichen Christenheit entlang hangeln soll. In dieser Reihe werden traditionelle christliche Glaubensaussagen pointiert vorgestellt und mit der heutigen Lebenswirklichkeit ins Gespräch gebracht. Anschließend sollen die theologischen Probleme, die sich aus diesem Kontakt von Tradition und Gegenwart ergeben, von den Autorinnen und Autoren knapp, konkret und subjektiv bearbeitet werden. Der letzte Artikel beschäftigte sich mit Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde.

Glaube

Bei „Jesus Christus“ handelt es sich ursprünglich nicht um einen Namen, sondern um ein Bekenntnis. Dieses ist aus zwei Teilen zusammengesetzt: Jesus bezeichnet als Eigenname einen jüdischen Wanderprediger aus dem galiläischen Nazareth, der um das Jahr 30 herum in Jerusalem gekreuzigt wurde. Christus ist die Übersetzung des hebräischen Meschiach-Titels und meint den von weiten Kreisen des Judentums erwarteten Heilsbringer für das Volk Israel. Die Zusammenstellung des Eigennamens Jesus mit dem Christustitel bedeutet somit: „Jesus ist der Christus!“

Die Überzeugung, dass Jesus der von Gott verheißene Retter für Israel und damit die gesamte Menschheit ist, wird im Neuen Testament auf vielfältige Weise ausgesprochen. Den Erzählungen der Evangelien liegt sie bereits zugrunde. Diese entfalten den Lebens- und Leidensweg Jesu von seiner Geburt bis hin zu Kreuzestod und Auferstehung als eine Art Biographie des Gottessohns. Die Lebensgeschichte Jesu wird so dargestellt, dass die Deutung durch den Christustitel immer schon mit hineinspielt.

Auf der Grundlage der biblischen Schriften hat die christliche Theologie das ursprüngliche Christusbekenntis zu einem komplexen System christologischer Lehraussagen ausgearbeitet. Diese Entwicklung beginnt bereits in den Schriften des Neuen Testaments selbst. Sie setzt sich in der altkirchlichen Dogmenentwicklung nicht völlig ungebrochen, doch im Grunde folgerichtig fort. In der klassischen Dogmatik gliedert sich die Christologie dann typischerweise in die Lehre von der Person Jesu Christi, in der göttliche und menschliche Natur vereint sind, die Lehre von seinem Heilswerk und der durch ihn gewirkten Versöhnung, schließlich die Lehre vom dreifachen Amt Christi als des archetypischen Propheten, Königs und Priesters. Daneben sind freilich auch die übrigen Lehrstücke in irgendeiner Weise auf Jesus Christus bezogen.

Zusammenfassend kann man daher sagen: Jesus kommt als der Christus im Zentrum des christlichen Glaubens zu stehen. Er bildet die organisierende Mitte, um die sich alle christlichen Glaubensüberzeugungen gruppieren lassen. Dies drückt sich nicht zuletzt in der gelebten Frömmigkeit aus: beispielsweise im Liedgut, in der Innenausstattung von Kirchen oder im Festkreis des Kirchenjahres. Dabei konnten und können sich Eigenname und Titel faktisch so eng aufeinander beziehen, dass die Unterscheidung zwischen beiden Aspekten unverständlich oder auch schlicht unnötig wird. „Jesus Christus“ wurde so von einem Bekenntnis tendenziell zu einem zusammengesetzten Eigennamen.

Leben

Die christliche Überzeugung, dass Jesus der Christus ist, wurde von anderen Religionen und Weltanschauungen natürlich immer mehr oder weniger heftig bestritten. Heute hat sich diese Lage insofern verschärft, dass mittlerweile auch die Theologie selbst auf gravierende Schwierigkeiten hingewiesen hat, die mit der Verbindung von Jesusname und Christustitel zusammenhängen.

Zunächst hat die kritische Erforschung der biblischen Schriften einerseits, die Erforschung der Dogmenentwicklung andererseits die Behauptung fragwürdig werden lassen, dass sich die dogmatische Christologie direkt und bruchlos aus dem biblischen Bild von Jesus Christus entwickeln lässt. Die historisch rekonstruierte Gestalt Jesu von Nazareth wurde zunehmend gegen den Christus der Kirche in Stellung gebracht.

In einem nächsten Schritt wurde der historischen Leben-Jesu-Forschung wiederum von Kritikern wie Albert Schweitzer vorgeworfen, in ihrem Jesusbild einfach die eigenen Denkvoraussetzungen und zeitbedingte Moralvorstellungen zu reproduzieren. Parallel wurden daher verschiedene Versuche unternommen, den Christusglauben von der historischen Forschung unabhängig zu machen. So wurde der Glaube etwa auf das persönliche Jesusbild (W. Herrmann), das kirchliche Überlieferungsgeschehen (M. Kähler), eine Theorie des Unbedingten (P. Tillich) oder das Wortgeschehen der Verkündigung (K. Barth, R. Bultmann) verwiesen.1

Trotzdem geht die wissenschaftliche Suche nach dem historischen Jesus unter wechselnden methodischen Voraussetzungen weiter. Und noch immer stellt sich Christinnen und Christen die Frage, welche Bedeutung der historischen Gestalt Jesu für den Glauben zukommt und weshalb die Anwendung des Christustitels auf ihn berechtigt sein sollte. Diese Frage stellt sich heute nicht nur im Kontext des Christentums, sondern unter den Bedingungen einer religiös und weltanschaulich pluralen Gesellschaft.

So ist unsere Lebenswelt bevölkert von verschiedenen Jesusbildern, die vom süßlichen Jesulein bis zum Sozialrevolutionär, vom überirdischen Engelwesen bis zum Proto-Feministen reichen. Zu den Deutungen, die vom Interesse des christlichen Glaubens geprägt sind, gesellen sich auch solche, die im Rahmen ganz anderer Religionen und Weltanschauungen entwickelt wurden. Hinzu kommt die vielfältige Auseinandersetzungen mit der Person Jesu in Kunst und Kultur – nicht zu vergessen auch humoristische Adaptionen der Jesusfigur (von sehr verschiedenem Niveau!). Lässt sich zwischen diesen vielfältigen Jesusbildern eine theologisch begründete Entscheidung treffen?

Gleichzeitig wird gerade in jüngster Zeit die Zentralstellung Jesu Christi für den christlichen Glauben grundsätzlich in Frage gestellt. Diese Forderung wird besonders dort laut, wo man sich um den interreligiösen Dialog bemüht. Schließlich entzündet sich der Widerspruch anderer Religionen vor allem am Christusglauben. Wäre es dann nicht sinnvoll, Jesus als Religionsstifter unter anderen zu betrachten, der sich eben in einer charakteristischen Weise auf das Heilige, das Unendliche, den transzendenten Existenzgrund oder ein göttliches Weltprinzip bezogen hat?

Theologie

Solchen Vorschlägen ist zu erwidern: Soll ein interreligiöser Dialog gelingen, darf er die Besonderheiten der beteiligten Religionen nicht ausklammern oder überdecken. Gerade daran, dass sich am Christusbekenntnis der Widerspruch anderer Religionen entzündet, wird deutlich: Hier hat man es gewiss mit einer zentralen Eigenart des Christentums zu tun. In der besonderen Stellung, die für Jesus Christus beansprucht wird, erweist sich eine religiöse Überzeugung erst als christlicher Glaube. Die Person Jesu Christi ist für das Christentum keine Nebensache, sondern unverzichtbar.

Aber kommt damit auch der historischen Jesusforschung eine Bedeutung für den Glauben zu? Diese Frage wurde und wird vielfach verneint. Und sicher ist unter protestantischen Bedingungen zuzugestehen, dass die unbefangene Lektüre der biblischen Schriften ein Bild dieser Person erzeugt, das für den persönlichen Glauben vollkommen ausreichend ist. Dieser Glaube kann keinesfalls durch historische Argumente hervorgebracht werden, sondern nur durch die Begegnung mit Jesus Christus, wie er auf der Grundlage der biblischen Schriften in der Kirche gepredigt wird. Dass diese Begegnung glaubendes Vertrauen wird, ist allein dem Heiligen Geist zu verdanken.

Trotzdem ist die historisch-kritische Suche nach der Gestalt Jesu nicht unnötig. Denn Christinnen und Christen werden in ihrer Umwelt mit ganz verschiedenen Jesusbildern konfrontiert. Diese Bilder widersprechen sich teilweise und stellen sich gegenseitig in Frage. Viele dieser Darstellungen erheben dabei den Anspruch, auf irgend eine Weise „historisch“ oder „wissenschaftlich“ zu sein. Wo hat man es mit seriöser Forschung, wo mit einer eher kreativen Aneignung des Stoffes und wo mit pseudowissenschaftlicher Verzerrung oder ideologischer Vereinnahmung Jesu zu tun? Kriterien für diese Unterscheidung kann die Theologie nicht entwickeln, wenn sie sich für die historische Gestalt Jesu auf die Unverfügbarkeit des Geistes oder eine theologische Sondermethodik zurückzieht. Stattdessen muss sie sich selbst am aktuellen Stand der historischen Wissenschaft orientieren.

Diese historische Perspektive fördert nun folgendes Bild zutage: Jesus von Nazareth ist nach dem übereinstimmenden Urteil der Forschung voll und ganz dem antiken Judentum zuzuordnen. Er stammte wahrscheinlich aus Nazareth in Galiläa. Zeitweise gehörte er der Gruppe um Johannes den Täufer an. In Galiläa verkündigte er das baldige Kommen des Reiches Gottes, was für ihn den Auftrag beinhaltete, besonders die Sünder und Randgruppen des Volkes Israel um sich zu scharen. Mit diesen Ausgegrenzten hielt er zeichenhaft Mahlzeiten, er sprach in Gleichnissen und beglaubigte seine Botschaft mit Dämonenaustreibungen. Mit verschiedenen Gruppierungen innerhalb des Judentums (Pharisäer, Sadduzäer, Zeloten) gab es Überschneidungen, aber auch Konflikte. Um das Jahr 30 zog er mit einigen seiner Jünger nach Jerusalem, wo er mit einer Zeichenhandlung gegen den Tempel Aufsehen erregte. Schließlich wird er als falscher Messias gekreuzigt, vermutlich im Zusammenwirken von jüdischer Tempelaristokratie und römischer Provinzverwaltung.

Der historische Jesus verkörpert damit für den christlichen Glauben das jüdische Erbe, das unveräußerlich zum Christentum gehört. Dieses umfasst etwa den Monotheismus und den Schöpfungsglauben, die Geschichtstheologie, ein Grundgerüst an ethischen Geboten und Frömmigkeitspraktiken (Beten, Fasten, Segnen, Feiertagsruhe) sowie vieles mehr. Jesus selbst stand dabei in seiner Frömmigkeit und Denkweise den späteren Texten des Alten Testaments vermutlich näher als den Autoren der neutestamentlichen Schriften. All das kann man sagen, ohne Jesu Originalität oder auch die Kontinuität zwischen Jesus, dem Urchristentum und den heutigen christlichen Kirchen zu leugnen.

Die christlichen Gemeinden damals wie heute beziehen sich in Gottesdienst und Lehre nicht allein auf ein übernatürliche Geisterlebnisse, sondern auf eine historische Gestalt: Jesus von Nazareth. Sie übernehmen Elemente aus Jesu Verkündigung und Lehre, aber prägen diese auch im Lichte des Osterglaubens um.2 Sie deuten Jesu Lebensgeschichte im Lichte der alttestamentlichen Schriften und kommen zu dem Ergebnis, dass die alten Verheißungen in diesem Menschen erfüllt sind. Viele der legendarischen Ausgestaltungen, wie sie in den Evangelien begegnen, sind nur vor diesem alttestamentlichen Hintergrund verständlich. Aber es handelt sich immer um Deutungen einer historischen Person mit einer individuellen Lebensgeschichte. Nur als diese Person kann Jesus Christus eine existenzbegründende Bedeutung für die Glaubenden in ihrer individuellen Personhaftigkeit haben.

Wie genau durch Kreuzigung und Auferstehung der Überschritt von der jüdischen Jesusbewegung zum Christusglauben geschieht, der letztendlich die Trennung von Christentum und Judentum nach sich zieht, ist freilich nicht nur eine historische, sondern eine theologische Frage. Wer sie stellt, der fragt nach dem Wesen des christlichen Glaubens. Kann der historische Jesus den Christusglauben auch nicht begründen, so gehört er doch unverzichtbar zum Grund und Gegenstand des Glaubens, der sich nach Ostern in dem Bekenntnis ausspricht: „Jesus ist der Christus“.

Nachbemerkung zum jüdisch-christlichen Dialog

Aus dem Geschriebenen ergibt sich, dass die Frage nach dem historischen Jesus für Christen immer auch Auswirkungen auf das Verhältnis zum Judentum hat. Daher bietet sich eine Nachbemerkung zum jüdisch-christlichen Dialog an:

Einerseits bilden die jüdische Identität Jesu von Nazareth und das gemeinsame jüdisch-christliche Erbe der alttestamentlichen Schriften eine gute Grundlage für eine Verständigung der Schwesterreligionen. Andererseits scheiden diese sich beide Religionen grundsätzlich in der Frage, ob der gekreuzigte Jude Jesus im Lichte des Ostergeschehens als der Christus, also als Messias zu bekennen ist. Nun darf der Dialog sicher auch einmal unter Ausklammerung strittiger Überzeugungen erfolgen. Wirklich produktiv aber dürfte er erst werden, wenn das Christusbekenntnis als die schlechthin zentrale Aussage des christlichen Glaubens zur Sprache kommt und auch diesbezüglich um eine Verständigung gerungen wird.

Es ist dabei kaum realistisch, von Jüdinnen und Juden auf der Basis ihrer Religion die Zustimmung zu diesem christlichen Bekenntnis zu erwarten. Es ist auch gewiss nicht angebracht, diese gar zum Religionswechsel überreden zu wollen (vgl. die Beschlüsse der Herbstsynode der EKD zur Judenmission). Die letzte Übereinstimmung über die Bedeutung Jesu Christi bleibt wohl Gottes Zukunft überlassen. Aber vielleicht lassen sich ja in Erwartung dieser Zukunft gemeinsame Schritte gehen, die näher zu der Lebens- und Gottesdienstgemeinschaft von Juden und Heidenvölkern führen, für die etwa Paulus so leidenschaftlich gekämpft hat.

Weiterführende Literatur

  • Pannenberg, Wolfhart: Grundzüge der Christologie, 7. Auflage, Gütersloh 1990.

  • Schröter, Jens (Hg.): Jesus Christus (Themen der Theologie Bd. 9), Tübingen 2014.

  • Stegemann, Wolfgang: Jesus und seine Zeit (Biblische Enzyklopädie Bd. 10), Stuttgart 2010.

  • Theißen, Gerd/ Merz, Annette: Der historische Jesus. Ein Lehrbuch, 3., durchgesehene und um Literaturnachträge ergänzte Auflage, Göttingen 2001 [mittlerweile in 4. Auflage].

  • Wenz, Gunther: Christus. Jesus und die Anfänge der Christologie (Studium Systematische Theologie Bd. 5), Göttingen 2011.

1 Auch der Versuch, das Problem durch die Unterscheidung von „historisch“ im engeren und „geschichtlich“ im weiteren Sinne zu umgehen, gehört meines Erachtens zu diesem Typus. Weshalb diese Unterscheidung nicht zu überzeugen vermag, wird hoffentlich unten deutlich werden.

2 An R. Bultmanns Urteil, der historische Jesus gehöre zur „Vorgeschichte“ des Christusglaubens, ist somit nur zu kritisieren, dass diese Vorgeschichte für das Christentum durch Ostern gerade nicht „erledigt“ ist.

Glaube und Religion neu unterscheiden lernen!

Zum Weihnachtsfest freuen wir uns, eine E-Mail von Prof. Hans-Martin Barth publizieren zu dürfen.

Mit seiner E-Mail antwortet der Autor auf die Besprechung seines Buches „Konfessionslos glücklich? Wege zu einem religionstranszendenten Christsein“ von Tobias Graßmann.

Sehr geehrter Herr Graßmann,

vor zehn Tagen bin ich aus Rom zurückgekommen, wo ich zwei  Wochen lang tätig war – so erklärt sich, dass ich Ihnen erst heute auf Ihre Ausführungen zu meinem „Konfessionslos glücklich“ antworte. Zunächst einmal finde ich Ihre Vernetzungs-Initiative toll; ich hatte noch nicht davon gehört – so etwas führt weiter! Nun zu Ihrem Text. Kleine Vorbemerkung: „Konfessionslos glücklich“ –  im Hintergrund des Titels habe wohl der „Wille zum griffigen Wortspiel“ (Ihre S.2) gestanden (Ihre S.2). Dazu fällt mir doch gleich ein „Nicht nichts“ …  🙂   Sie haben sich ungewöhnlich intensiv mit meinem Ansatz beschäftigt und mich an vielen Stellen verstanden.  Dass die Thematik mich innerlich sehr beschäftigt hat und auch noch weiter in mir arbeitet, dürfen Sie mir glauben! Daher vielleicht der „Ton des Bekenners oder Propheten“. Sit venia! Auch Ihnen ist sie offensichtlich wichtig.

Sie sehen in meinen Ansatz „das Gift des religionsgeschichtlichen Stufenmodells“ am Werk. Das Modell hat seine eigene Plausibilität. Wenn Sie die Religionsgeschichte ernst nehmen, werden Sie es kaum umgehen können. Ich denke auch nicht (wertend) an einander ablösende Stufen, sondern an beobachtbare Differenzierungsvorgänge.  Wieso „man“ mein „Denken in Entwicklungsstufen nicht übernehmen“ sollte, wird mir aus Ihren Ausführungen nicht ersichtlich. Nun zu Ihrem Gegenentwurf: „Die Unverzichtbarkeit des Gottesgedankens“. Welches Gottesgedankens? Wieso soll der „Gottesgedanke“, wenn ich von Jesu Vertrauen, Lieben und Hoffen spreche, wie es Christen und Christinnen seit Jahrhunderten ansteckt und beflügelt, ausgeschaltet sein? Es ist der traditionelle theistische Gottesgedanke, der ausgeschaltet wird, aber selbst die Anschlussfähigkeit zum trinitarischen Denken, das Sie von meiner Dogmatik her kennen, bleibt erhalten. Dass es sich bei religionstranszendierender Jesusnachfolge nicht mehr „um eine Form von „‚Christsein'“ handeln kann, wird von Ihnen dekretiert. Dazu wäre nicht nur von Mt 25 her mehreres zu sagen. Im übrigen widersprechen Sie Ihrem harschen Urteil (Ihre S. 13) dann mit Ihrer freundlichen Bemerkung selbst: „… unbestreitbar christlich. Das ist beileibe nicht nichts.“  Wenn Sie dann abschließend ex cathedra zufügen, das sei aber „schlicht zu wenig“, kann ich nur schlicht entgegnen: Auch mir ist das zu wenig! Aber das haben Sie offenbar nicht wahrgenommen. Dazu sollten Sie das 8. Kapitel im 2. Teil meines Buchs noch einmal etwas genauer lesen. Im übrigen könnte dieses von Ihnen (und mir) als defizitär empfundene  „nicht Nichts“ für manche Menschen der Ausgangspunkt dafür sein, dass sich ihnen „Alles“ erschließt.

Bei Ihren Ausführungen (Ihre S. 13) zu den „beiden Anliegen“, die „von Gott her bewahrt und (…) in ein heilsames Verhältnis gebracht werden“ können, fühle ich mich Ihren Überlegungen wiederum sehr nahe: „die Möglichkeiten des Menschseins auszuloten“ / „um einen angemessenen Gedanken von Gott“ ringen. Nein, keine „Rhetorik der schroffen Gegensätze“, die Sie mir (S. 6) rhetorisch unterstellen, sondern Klärung der Gegensätze mit dem Ziel einer heilsamen Integration!  Dabei kann weniger der „Mittelweg“ (Ihre S. 5) als die versöhnte Differenzierung geboten sein. Dass ich „traditionell geprägte Gemeindeglieder“ sowie die „professionellen Vermittler von Religion“ „fast ausschließlich als verbohrt und defizitär“ schildere (Ihre S. 6), kann ich nicht finden, es war jedenfalls mit Sicherheit nicht meine Absicht.

Wie soll es weitergehen? Gottes „Strittigkeit“ (Ihre S.11) ist „religiöser Weg in den Dialog“ vielleicht noch für religiöse Menschen, nicht aber für diejenigen, die sich von der Religion verabschiedet haben. „Gott“ ist für viele Menschen kein Thema mehr, erst recht nicht seine „Strittigkeit“. Christliche Verkündigung muss nicht mit der Rede von Gott einsetzen, sondern tapfer und kerygmatisch mit der Gestalt und dem Geschick Jesu – und mit dem Zeugnis derer, die ihm gefolgt sind. Wir brauchen eine neue, nicht-theistisch orientierte Christologie. Wahrscheinlich müsste sie pneumatologisch ansetzen. Von hier aus kann sich dann die Frage nach der „Strittigkeit Gottes“ ergeben. Aber mit ihr einzusetzen, dürfte sich heute weithin nicht mehr empfehlen.

Wie sehr ich versucht habe, die Gestalt Jesu, sein Vertrauen, Lieben und Hoffen ins Zentrum zu rücken, ist Ihnen nicht wichtig gewesen. Oder ist es mir nicht gelungen, das deutlich zu machen? Die Botschaft Jesu und die Botschaft von Jesus gehen nicht darin auf, religiöse Gefühle, Riten und Theorien auszulösen. Wir müssen und dürfen Glaube und Religion neu unterscheiden lernen. Auch das wird von Ihnen kaum beachtet. Es scheint mir aber im Blick sowohl auf die Areligiösen als auch auf die Religiösen nötig. Der „Tegeler Theologe“, der auch sonst in der Bonhoeffer-Literatur keineswegs „mystifzierend“ (Ihre S. 8) als solcher bezeichnet wird, hat das in den bündigen Satz gepackt: „Jesus ruft nicht zu einer neuen Religion auf, sondern zum Leben.“ Nun zu Ihrem „Verdacht“ (Ihre S. 10): Nur eine Apologetik-taugliche „interessegeleitete Abstraktion von konkreter christlicher Religion“? Nein, lieber Herr Graßmann. Vielleicht haben Sie in Ihrem Vikarsdienst  schon einmal an einem Sterbebett gesessen. Am Sterbebett eines mir wichtigen Menschen hat sich mir die Frage bedrängend präzisiert, was denn wohl im Sterben zählen wird: die Dogmatik oder der bedingungslose „Glaube, der nichts als Glaube ist“.

Mit herzlichen Grüßen und guten Wünschen für Ihre weitere theologische Arbeit und Ihr praktisches Tun im Licht des Advent und der kommenden Weihnacht

Hans-Martin Barth

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