Rez.: Gott – Woran glauben Christen?

Rezension: Doris Nauer, Gott – Woran glauben Christen? Verständlich erläutert
für Neugierige, Kohlhammer: Stuttgart 2017. 239 Seiten. (25 Euro)

Rezensiert von Dr. Katrin Juschka, Kassel. Hochgeladen am 20. Oktober 2018.

Bunte Fotos, Diagramme, Schaubilder, Statistiken, grafisch hervorgehobene Zitate: Das kürzlich erschienene Buch hält auf 239 Seiten einiges für die bereit, die sich einen Überblick darüber machen wollen, wer oder wie Gott aus christlicher Sicht ist.

Die Zielgruppe ist recht genau im Untertitel und auf den ersten Seiten eingefasst: Das Werk ist für Neugierige, Interessierte und Suchende, die sich auf dem aktuellen wissenschaftlichen Stand der Forschung informieren bzw. ihr vorhandenes Wissen vertiefen möchten. Nauer nennt explizit haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitende sowie Leitungskräfte von christlichen Hilfswerken (z.B. Diakonie oder Caritas, S. 11; 213f.), die sich über das „christliche“ Profil ihrer Einrichtung informieren möchten, das mindestens im Gründungsgedanken steckt. Letztlich sind es über 1 Mio. Menschen, die in diakonischen Bereichen kirchlicher Trägerschaft arbeiten und für die der christliche Glaube nicht mehr selbstverständlich ist. Insofern ist Buch ein wirklich zu begrüßender Beitrag für speziell diese Zielgruppe.

Das Unterfangen, eine Darstellung auf möglichst verständliche Art und Weise zu gestalten, frei von wissenschaftlichen Fachbegriffen, aber auch frei von frommen, kircheninternen oder konfessionellen Bestrebungen, ist ein hoher Anspruch. Ein solches Werk ohne Fachwörter und fachliche Diskussionen zu vollbringen, gelingt der Autorin streckenweise mal mehr, mal weniger gut – ist als Ziel letztlich auch unnötig hoch angesetzt, wenn wissenschaftliches Fachwissen einbezogen werden soll. Im Großen und Ganzen ist vor allem aber ihr ökumenisches Anliegen besonders gut umgesetzt, fachlich hochkarätiges Wissen konfessions-barrierefrei für Laien aufzubereiten.

Wenn erst der schwierige, etwas holprige Einstieg mit Zahlen, Namen und der Ursachensuche nach Kirchenaustritten geschafft ist, gibt Nauer einen guten Überblick über die Bibel als Grundlage des Glaubens, speziell ihre Entstehung über die Jahrhunderte hinweg und inwiefern sie als „Heilige Schrift“ von und über Gott ernst genommen werden kann. „Ernst nehmen“, so folgert sie schlussendlich, „bedeutet, es sich nicht auf biblizistisch-fundamentalistische Art und Weise wortwörtlich leicht zu machen, sondern sich der Anstrengung zu unterziehen, den eigentlichen Aussagegehalt begreifen zu wollen“ (S. 27).

Ab S. 29 nimmt das Buch Fahrt auf, mit Gottes-Erfahrungen und -Bildern wird es praktischer: „Gottesbilder sind weder unbedeutende Konstruktionen noch harmlose Gebilde, denn 🙂 Gottesbilder können sich heilsam auf unser Leben auswirken und unseren Lebensalltag enorm bereichern, ☹️ Gottesbilder können aber auch pathologische Nebenwirkungen entfalten, indem sie uns psychisch krank oder zu einem gewalttätigen Risikofaktor für unsere Mitmenschen machen“ (S. 30).

Kaum ein Gedanke zieht sich so konsequent durch die Bibel wie der, dass der Mensch sich von Gott kein Bildnis machen kann und soll (Bilderverbot Ex 20,4-6, Lev 19,4). Dennoch ist die Bibel voller Bilder und Metaphern von Gott bzw. wie Menschen Gott erlebt haben. Dass diese teilweise gegensätzlich sind und eine große Spanne an unterschiedlichen Gottesvorstellungen aufweisen, ist ein wichtiger Hinweis; ebenso, dass auch die persönlichen Gottesbilder, die wir alle unweigerlich haben, „dynamische Gebilde“ bleiben, die sich weiterentwickeln und offen bleiben für Veränderung und Weiterentwicklung – nie sind sie endgültige Gotteserkenntnis (S. 30). Im Judentum führte diese Einsicht dazu, dass es tatsächlich keine künstlerischen Darstellungen und Bildnisse von Gott geben sollte und soll, weil die Gefahr der bildlichen Prägung bis hin zu Anbetung der Bilder/Statuen als solcher zu groß empfunden wurde. Im Christentum dagegen entwickelte sich in den meisten Traditionen eine ausgiebige Geschichte an Darstellungen von Gott in der Kunst- und Kirchengeschichte, speziell in der Sakralarchitektur. Hier ist besonders hervorhebenswert, dass Nauer auch die Prägungen durch Sprache, Liturgie, Lieder, Frömmigkeitsprägungen etc. einbezieht.

Im darauf folgenden Grundlagenkapitel über die Trinität (die auch den Aufbau des Buches in drei Teilen vorbildet) listet Nauer mutig Argumente für eine endgültige Verabschiedung von der Dreieinigkeit auf, mit der es sich um ein komplexe metaphorische Denkfigur handelt, die für heutige Menschen kaum noch Relevanz hat. Die Begründung: Die Dreieinigkeit hat letztlich keine entfaltete Grundlage in der Bibel, erschwert den Dialog zu Judentum und Islam und sie ist insbesondere von Laien kaum zu erklären (ohne andere Sprachmetaphern heranzuziehen kommt leider Nauer auch nicht aus und bringt das herkömmliche Beispiel von den Aggregatszuständen des Wassers als flüssig, gefroren, dampfend, um die Dreigestalt zu erklären).

Dennoch sieht sie in der Trinität ein faszinierendes Markenzeichen und einen „Kern des christlichen Gottesbildes“ (S. 36) darin, angesichts des Leids überhaupt noch Gott im Munde zu führen. Das der Aspekt des Leidens im trinitarischen Gedanke von der beziehungswilligen, mitgehenden Gottheit grundangelegt ist, erläutert sie bedauerlicherweise nicht so anschaulich und überzeugend wie das meines Erachtens schlagkräftigere Argument der liturgisch geprägten Formel „im Namen des Vater, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ im Gottesdienst, in der Taufe oder beim Bekreuzigungsritual (S. 38).

Gottesbilder

Das Kapitel „Einziger Jahwe“, eröffnet die Zusammenstellung der alttestamentlich-biblischen Gottesbilder „im Namen des Vaters“, die das erste Drittel des Buchs füllt. Nauer geht gezielt auf die polytheistischen Wurzeln der Glaubens (sowohl von Israel, als auch für das frühe Christentum) ein. Durch diese rein religionsgeschichtliche Darstellung schafft sie es leider nicht, der komplexen und zugleich faszinierenden Struktur auf die Spur zu kommen, die gerade der Gottesname JHWH für den jüdischen und christlichen Glauben bereit hält. Zur Herkunft und Bedeutung des Namens JHWH stellt sie nur eine der möglichen Theorien dar und verkürzt damit leider den Forschungsstand auf eine sehr vereinfachte Darstellung, bei der das Geheimnis des Namens und seine Bedeutung als Offenbarung für Israel unerwähnt bleiben.

Die folgenden Kapitel über den allmächtigen Schöpfer, tatkräftigen Befreier, treuen Bundespartner, liebenden Vater, fürsorgliche Mutter etc. sind detaillierter in ihrer Aufarbeitung der biblischen Grundlagen und machen schon eher neugierig auf weitere, eigene Beschäftigung mit den Ur-Erfahrungen Israels, die sich in diesen Gottesbildern verdichtet haben. Ausführlich gibt sie hier Verständnismöglichkeiten zu den biblischen Geschichten, die für die meisten Lesende garantiert einige Highlights und neue Sichtweisen bereithalten.

Den Bildern des „gewalttätigen Kriegers“ und „zornigen Richter“ Gottes für Israel, die für heutige Menschen Brennpunkte in den Aversionen gegen das Alte Testament sind und der Auseinandersetzung bedürfen, wird besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Nauer stellt hier die politische Situation der Entstehungszeit dieser Texte ins Zentrum als eine von Unterdrückungserfahrungen geprägte Zeit, womit Gewalt und Krieg auch Einzug in die Bibel und den Gottesglauben erhielten – weil sie alltägliche Realität und Erfahrung waren. Auch die menschliche Logik prägte diese Gottesbilder: Wenn Gott als absolute Liebe und Gerechtigkeit erscheint, ist die notwendige Kehrseite dazu einerseits der Absolutheitsanspruch und die Eifersucht bzw. dass Ungerechtigkeit und Lieblosigkeit andererseits nicht geduldet werden können. Ihr Schlusssatz zum Abschnitt über Gott als „gewalttätigen Krieger“ hält eindrücklich vor Augen (S. 62): „Christen, die versuchen, eigenes oder fremdes gewalttätiges Handeln in Rekurs auf Gott legitimieren zu wollen, müssen deshalb mit theologischen Argumenten widerlegt und praktisch von ihrem Vorhaben abgehalten werden!“ Ähnlich warnend endet das Kapitel über den „zornigen Richter“ ganz praktisch-ethisch: Weder sei verharmlosend nur vom „lieben“ Gott zu reden und z.B. in der Seelsorge demnach auch alles „gut sein [zu] lassen“, noch sei der Richtermetapher mit der manipulierenden Angst vor Hölle und Bestrafung ein zu hoher Stellenwert in der Gemeindetheologie einzuräumen, wie es sich leider auch heutzutage nicht selten beobachten lasse. Sondern: die Gottheit, die nach ultimativen Gerechtigkeitskriterien richte, erwarte zum einen auch von Menschen verantwortungsvolles Handeln, zum anderen liege es aber vor allem nicht in der Zuständigkeit von Menschen, Unrecht mit Sühne zu beantworten und Recht mit allen Mitteln und Urteilen aufrecht zu erhalten (S. 71).

Sohnesdarstellungen

Für eine praktische Theologin arbeitet Nauer sich sehr genau archäologisch und historisch an der aktuellen Jesusforschung ab und zeigt zum Beispiel auch Differenzen auf, wo der biblische Befund lückenhaft überliefert ist. Ihr durchgehendes Begründen der Verwurzelung von Jesu Botschaft und Praxis im Judentum ist bemerkenswert sorgfältig. Wenn sie das Zentrale der Botschaft Jesu auf den Punkt bringt (S. 91), stellt sie
allerdings dar, dass im Judentum die „die Feindesliebe seinen [Jesu] jüdischen Zeitgenossen schlichtweg fremd war“, was eine pauschale und unkorrekte Aussage ist. Die Gnade und Liebe der Frohbotschaft Jesu steht in Nauers Ausführungen im Zentrum, kurz geht sie auch auf die schwierigeren und radikalen Aussagen Jesu ein, übergeht diese dann jedoch leider mehr oder weniger beiläufig (S. 94). Für sie steht die motivierende Reich-Gottes-Botschaft so im Mittelpunkt, dass sie nicht von „Nachfolgenden“ oder „Jesus-Bewegung“ spricht, sondern von einer „Reich-Gottes-Bewegung“ (S. 98), in der familiäre Gleichberechtigung aller Glieder gilt und die gesellschaftliche Hierarchien in Frage stellt. Insofern wird der Rolle Maria Magdalas und der Frage, in welcher Beziehung Jesus zu ihr stand, viel Raum gegeben. Positiv ist überdies die Aufarbeitung und Rehabilitierung des Judas und seiner Rolle bei der Auslieferung Jesu – hier räumt Nauer mit vielen alten Klischees auf.

Die verschiedenen Titel und Zuschreibungen, die Jesus im frühen Christentum erhält, werden jeweils eigens dargestellt. Inwiefern Jesus Gottes Sohn ist, die jungfräuliche Geburt und die Auferstehung zu verstehen sind, wird ausführlich erläutert: Die Beschreibung des Lebens und Wirkens Jesu nimmt den Hauptteil des Buchs ein. Insbesondere Kirchendistanzierte werden hier eine motivierende Möglichkeit finden, angesichts der schwer zu akzeptierenden Inhalte des Christentums trotzdem Wege zu finden, diese für sich zu interpretieren und mit ihrem Glauben und Verstand zu vereinbaren. Da diese Aspekte sich in der Volksfrömmigkeit zu großen Teilen noch nicht niedergeschlagen haben und die wenigsten Glaubenden konsequent für sich die schwierigeren Glaubensinhalte des Christentums durchdacht haben, ist die Aufführung von den verschiedenen Möglichkeiten, Jesu Lehre und Leben für sich zu deuten und glauben, eine gute Zusammenfassung, die eine Weite des Glaubens eröffnet.

Diese Weite wird lediglich an einer Stelle eingeengt, wo Nauer vehement eine Wiederkunft Christi scharf ablehnt und sogar den Glauben an den wiederkehrenden Jesus als Weltenrichter unnötig karikiert (S. 156). Im Großen und Ganzen ist es jedoch ausgesprochen wertvoll, dass und wie Nauer immer wieder Zitate aus dem traditionellen Glaubensbekenntnis einbringt, ihnen (historisch und biblisch) auf den Zahn fühlt – sicherlich einige davon dekonstruiert, aber vor allem: die tiefgründigen Grundaussagen des Christentums dahinter erklärt und somit Verständnismöglichkeiten anbietet.

Erfahrungen mit dem Heiligen Geist

Als praktische, reale Begegnungs-Erfahrbarkeit Gottes auf Erden, in der Geschichte seiner Schöpfung und in jedem einzelnen, auch alltäglichen Menschenleben – so definiert Nauer den Heiligen Geist (S. 190ff.). Anhand des biblischen Bilds des Winds, der laut Schöpfungstradition Leben einhaucht und als Naturkraft Menschen berührt und in Bewegung bringt, der Gestalt als Taube, in der der Geist als Bote für die Taufe Jesu Form annimmt, sowie als Feuer, mit dem der Funke zu anderen Menschen überspringt, wird der Geist mit Hilfe von Naturbildern/-elementen erklärt, die allesamt biblische Basis haben und als Motive die kirchliche Kunstgeschichte durchziehen.

Mit dem Kapitel „Frau – Gott als weibliche Person?“ wird die Sichtweise aufgetan, dass der Geist aus christlich-trinitarischer Sicht in der Malerei auch als weibliche Gestalt zwischen männlichem Vatergott und Sohn dargestellt wurde. Der Grund darin liegt im hebräischen Wort ruach, das feminin ist und daher auch als eine der Traditionslinien weiblich gedacht werden kann, als Gottes Wirk- oder Geistkraft (die Geistkraft hätte dann auch in Deutsch einen femininen Ausdruck). Als solche findet sich die Person des Geistes tatsächlich in der Malerei als weibliches Wesen zwischen Vater und Sohn und sorgt dafür, dass die menschliche Vorstellung von Gott als männlich regelmäßig in Frage gestellt, dass damit sogar komplett die geschlechtliche Festlegung Gottes aufgelöst werden kann.

Mit den abschließenden Kapiteln macht sich Nauer auf eine interessante Spurensuche, warum der Heilige Geist so gern von den Großkirchen verschwiegen und verdrängt (bzw. z.B. im Symbol der Taube als Zuchttier domestiziert) wurde und ihm in manchen Freikirchen dagegen teilweise ekstatisch Raum gegeben wird, in non-kirchlichen Kreisen wiederum völlige Ratlosigkeit herrscht und mit Geist eher Gespenst assoziiert wird. Meiner Meinung nach gelingt es, Barrieren vor dem Heiligen Geist als etwas Befremdlichem abzubauen und hierin stattdessen eine begeisternde Kraft für das Leben, Glaubensfreude, neue Gotteserfahrung in Geistritualen (die z.B. zum Pfingstfest eine Rolle einnehmen könnten) zu entdecken.

Im Fazit thematisiert Nauer abschließend noch die Gottesferne und den Zweifel, die auch von den Frömmsten und Überzeugtesten erlebt werden können und nicht unbedingt als selbstverschuldeter Zustände bekämpft werden müssen. Dass die Entzogenheit und Unverfügbarkeit zum Wesen Gottes unauflösbar dazugehört, ist eine Spannung, die viele Glaubende aushalten mussten und die dem biblischen Gottesbild inhärent ist. Dass insbesondere in solchen Phasen Zweifel auftreten, ist nichts, was verurteilt werden sollte, und führt auch nicht unweigerlich zu Unglauben. Eine tiefere Erkenntnis Gottes kann ein Resultat sein, ein reiferer Glaube daraus erwachsen, durch den naive und allzumenschliche Wunschvorstellungen von Gott abgelegt werden können, die der Einsicht Platz geben, dass Gott letztlich ein attraktives Geheimnis bleibt.

Glaubensbekenntnisse versuchen dies auf dem Stand und der Theologie der jeweiligen Kultur und Zeit auszudrücken. Nauer ermutigt, diese nicht als absolut feststehende Texte zu übernehmen, sondern sich auf die Suche nach eigenen und neuen gemeinschaftlichen Glaubensaussagen zu machen.

In Sachen Layout hätte ich mir mehr Einheitlichkeit und Sorgfalt gewünscht: Im Buch tut sich ein wilder Auswuchs an verschiedenartigen Gliederungs- und Aufzählungszeichen (von Smileys bis hin zu thematischen Symbolen), Grafikelementen und Word-Schaubildern auf. Dennoch weist Nauers Ambition gerade hiermit ironischerweise in eine sehr gute Richtung, in die sich Sachbücher bewegen sollten (und was Nauer selbst definitiv erreicht hat), nämlich die Lektüre kurzweilig zu gestalten, verschiedenen Lern- und Lesetypen gerechter zu werden und ggf. auch durch humorvolle Sprachspiele, Fotos und Schaubilder den gehaltvollen Inhalt für Laien aufzubereiten.

Schlussendlich ist das Buch eine gelungene Darstellung über die Grundlehren, wie Gott christlicherseits zu begreifen ist. Besonders gefällt mir der Anspruch, dabei auch kritische Fragen und Zweifel nicht schönzureden oder zu übergehen, sondern gerade für zweifelnde, forschende Gemüter das Christentum von Grund auf zu durchdenken – jenseits der Volksfrömmigkeit und auch der oft platten, vereinfachten Gemeindetheologie der Ortsgemeinden. Insofern wünschte ich, das Buch würde tatsächlich in viele Bücherregale gelangen.

Die adressierte Zielgruppe von Menschen, die in christlichen Hilfswerken und Verbänden arbeiten, deren Ursprungsgedanke ein christliches Anliegen hat, ist ein lobenswertes Anliegen. Der Preis von 25 Euro spricht jedoch bedauerlicherweise dagegen, dass Menschen dieser Zielgruppe sich selbst dieses inhaltsvolle Buch anschaffen werden, falls sie auf der Suche sind, sich mit den christlichen Wurzeln des Unternehmens, für das sie arbeiten, auseinander zu setzen. Als Geschenk für die Mitarbeitenden wäre es dennoch eine Investition, für die sich die Werke und Verbände finanziell zwar durchringen müssten, was aber auch eine sinnvolle Investition in die Zukunft der Verbände als „christliche“ Hilfswerke darstellen könnte.

Als Geschenk für Suchende und Fragende, die dem christlichen Glauben auf den Grund gehen wollen, ist es jedenfalls sehr gut geeignet.

Die Autorin

Katrin Juschka, Jahrgang 1982, ist promovierte Neutestamentlerin und als Bildungsreferentin für Theologie, Ökologie und (inter-)kulturelle Kompetenzen in den Freiwilligendiensten bei netzwerk-m tätig. Nebenberuflich doziert sie an der CVJM-Hochschule in Kassel und in der Ev. Kirche von Kurhessen-Waldeck über Themen der biblischen und praktischen Theologie. Online betreibt sie unter www.facebook.com/praxis.dr.katrin eine theologische „Praxis Dr. Katrin“ für mehr Inspiration, Tiefgang und kirchlichen Humor im Alltag der sozialen Medien.

Glaube-Leben-Theologie 2: Vater

von Michael Thiedmann

In der Reihe Glaube Leben Theologie“ – die sich lose am Apostolischen Glaubensbekenntnis als dem altkirchlichen Grundbekenntnis der westlichen Christenheit entlang hangeln soll – werden traditionelle christliche Glaubensaussagen pointiert vorgestellt und mit der heutigen Lebenswirklichkeit ins Gespräch gebracht. Anschließend sollen die theologischen Probleme, die sich aus diesem Kontakt von Tradition und Gegenwart ergeben, von den Autorinnen und Autoren knapp, konkret und subjektiv bearbeitet werden. Der zweite Artikel dieser Reihe widmet sich der Glaubensaussage ‚Gott als der Vater’.

Glaube

Für viele Menschen ist der Religionsunterricht lange her, der Konfirmandenunterricht fast vergessen und auch der letzte Gottesdienstbesuch liegt vielleicht weit zurück. Dennoch ist es einer Vielzahl von Menschen möglich, die ersten Worte des Glaubensbekenntnisses mitzusprechen. Denn auch wenn der eine oder die andere beim Allmächtigenins Stottern gerät oder sich gerade noch so an den Schöpfer des Himmels und der Erde erinnern kann, ist der Auftakt des Bekenntnisses für die meisten unvergessen: ‚Ich glaube an Gott, den Vater.‘ Dabei scheint diese Vorstellung nicht nur im Gedächtnis zu bleiben, sondern auch zu den geläufigsten Bildern in der Rede von Gott zu gehören. Nachdem sich der vorherige Artikel dieser Reihe bereits mit der Glaubensaussage ‚Ich glaube an Gott‘ beschäftigt hat, soll im folgenden die Konkretion Gottes als Vater in den Blick genommen werden.

Trotz des alttestamentlichen Bildverbotes, sich „kein Bildnis noch irgendein Gleichnis“ (Ex 20,4) zu machen, hat sich in und mit den altkirchlichen Bekenntnissen die Bezeichnung Gottes als Vater verstetigt.i In dieser Bekenntnisaussage spiegeln sich letztlich zwei Aspekte des christlichen Glaubens wider: Einerseits die Beziehung zwischen Gott und Jesus Christus, andererseits das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen.

In den Evangelien spricht Jesus immer wieder Gott als seinen Vater an und gebraucht zudem die vertrauliche Anrede ‚Abba‘ (Mk 14,36), mit der er sich in eine exklusive Vater-Sohn-Beziehung stellt. Diese Beziehung beruht nicht auf Einseitigkeit. Gott erklärt sich als Vater zum Sohn (Mt 3,17), beide kennen einander (Mt 11,27) und beide, wie es sich in der späteren Lehre von der Trinität ausformt, sind eins (Joh 10,30).

Die einzigartige Vater-Sohn-Beziehung zwischen Gott und Jesus bleibt aber nicht exklusiv. Denn durch Jesu Selbsthingabe, in der Gott und Gottes Liebe offenbar und verstehbar wird, ist Jesus nur der Erstgeborene unter den Kindern Gottes. Auch das Verhältnis Gottes zum Menschen soll in eine Vater-Sohn-Beziehung münden. Daher kann Jesus seinen Jüngern und allen Menschen seiner Nachfolge auftragen, Gott im Gebet auch als Vater anzusprechen (Mt 6,9; Lk 11,2). „Denn ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus“ (Gal 3,26) schreibt Paulus später an die Galater.

Als Christinnen und Christen an Gott als den Vater zu glauben, ist Ausdruck für die den Menschen in Beziehung nehmende Tat Gottes durch Jesus Christus als seinen Sohn.

Leben

So sehr auch das Vaterbild Gottes ein Beziehungsgeschehen ausdrücken soll, so sehr hat diese Vorstellung auch zu Widersprüchen und Schwierigkeiten geführt. Selbstverständlich führt die Konkretion Gottes als Vater zu einer gewissen Art der Personifikation, die aber durch die Menschwerdung Jesu und dessen Auftreten als persönliches Gegenüber durchaus nachvollziehbar wird.ii

Schwieriger ist eine damit verbundene Engführung im Denken und der Struktur der Kirche: Zu lange hat es gedauert, bis Frauen – das Martyrium ausgenommen – Anerkennung und Gleichstellung innerhalb der Kirche erfahren haben bzw. immer noch nicht haben. In der Kunstgeschichte wiederum hat die Rezeption des Vaterbildes, gerade in Verbindung mit trinitarischen Vorstellungen, zu äußerst kreativen Interpretationen geführt. Beispielhaft sei hierfür das Tympanon am Portal der Würzburger Marienkapelle erwähnt, auf dem Gott bei der unbefleckten Empfängnis Marien als, wie im Großteil der Darstellungen Gottes, thronender Vater mit Bart dargestellt wird. Als göttlicher Odem führt von seinem Mund ein Schlauch zu Marias Ohr, auf dem wiederum bäuchlings mit dem Kopf voran ein kleiner Säugling hinab gleitet.

Aufgrund der zeitlichen Nähe zu Leben und Wirken Jesu sowie den noch ersten und jungen Zeugnissen darüber, war die Personalität Gottes für die frühe Christenheit und die Anfangszeit der Alten Kirche noch selbstverständlich. Auch in den Jahrhunderten darauf war zumindest unbestritten, sich zur göttlichen Macht entsprechend zu einem persönlichen Gegenüber verhalten zu können. Heute jedoch erscheint das Vaterbild Gottes nur noch schwer vermittelbar und für einige Menschen so fragwürdig wie Kunstdarstellungen eines alten Mannes mit Rauschebart. Dabei geht es aber selten um die konkrete Ausformung von Männlichkeit oder Aussehen, als vielmehr um die Vorstellung Gottes als eines konkreten Gegenübers im Vergleich zu den Erfahrungen mit dem eigenen Vater bzw. Eltern. Die Herausforderung für die Kirchen der Gegenwart liegt darin, deutlich machen zu können, welches Beziehungsgeschehen in der Konkretion Gottes als Gegenüber des Vaters erfahrbar wird.

Männlichkeit wiederum hat in den vergangenen Jahren einen regelrechten Aufschwung erlebt. Nicht nur medial wird eine Neuentdeckung der Männlichkeit propagiert, sondern auch die pädagogische Arbeit mit Jungen und Männern hat an Bedeutung gewonnen. Auch innerhalb der Kirche ist diese Arbeit mit Fragen nach männlicher Identität und Spiritualität zumindest teilweise ins Blickfeld gerückt. Aber trotz einer Fokussierung der Männlichkeit bleiben weitere Anfragen an das Vaterbild bestehen.

Zum Einen wird die Väterlichkeit Gottes als Widerspruch zu einer gegenwärtigen Lebenswirklichkeit wahrgenommen: Wie soll angesichts einer durch Arbeit oder Trennung begründeten Abwesenheit des Vaters oder sogar negativen Erfahrungen mit dem eigenen Vater das Vaterbild Gottes als stärkende Komponente des christlichen Glaubens aufgefasst werden?

Zum Anderen betont die Bewegung der feministischen Theologie seit langem die durch das Vaterbild hervorgerufene Engführung eines patriarchalen Gottesbildes sowie die Übertragung einer Geschlechterdifferenz auf das christliche Gottesverständnis. Besonders die Übersetzung des hebräischen Gottesnamen als Herr wird hierbei als eine Verkürzung des göttlichen Geheimnisses, d.h. eins und zugleich viele zu sein, sowie als Ausdruck einer anderen Beziehungshierarchie bewertet.iii Männlichkeit, Väterlichkeit und Beziehungsposition als Konnotationen des Gottesbildes sind demnach zu unterscheiden. Aber auch wenn Bilder der menschlichen Erfahrungswelt etwas Wirkliches über Gott zum Ausdruck bringen können, scheint gerade die Metaphorik des göttlichen Vaters umstrittener als andere Bildformen und demnach nicht mehr zeitgemäß.

Theologie

Aber allen kritischen Anfragen zum Trotz ist die Väterlichkeit Gottes Grundkomponente des christlichen Glaubens. Denn das „Wort ‚Vater‘ hat bei Jesus die Funktion des Gottesnamen. Es gehört zur Identität der Rede Jesu von Gott. Deshalb kann die Christenheit den Vaternamen nicht durch irgendwelche andere Bezeichnungen oder Bilder ersetzen, solange christlicher Glaube und christliches Gebet den Gott Jesu meinen und keinen andern.“iv Die eigentliche Frage ist demnach, in welcher Art und Weise heute noch von Gott als Vater gesprochen werden kann.

Aus religionsgeschichtlicher Perspektive sind derartige Darstellungen und auch Gottesbilder nicht unüblich. Der babylonische Gott Sin galt als Vater der Götter und Menschen, gleiches wurde in der Antike Zeus zugeschrieben oder fand sich analog in anderen Religionen. Im Judentum bzw. innerhalb des Alten Testaments wurde Jahwe erst in der Exilszeit zum Vater Israels (Jer 3,19).v Damit ist Gott nicht Objekt oder auch nur eine Idee von Väterlichkeit. Ebenso wenig ist Gott ein Neutrum wie ‚das Heilige‘ oder ein ‚höchstes Sein‘. Wiederum ist Gott so wenig Vater und auch Mutter „in Hervorbringung einer natürlichen Verwandtschaft, sondern Gott ist der Schöpfer einer von ihm verschiedenen, nicht göttlichen, kreatürlichen Wirklichkeit.“vi Gott ist vielmehr deshalb Vater Israels und Vater Jesu Christi, weil er selbst mit dem Menschen in Beziehung steht.

Dieses Beziehungsgeschehen findet eben seinen Ausdruck im Bild des Vaters, das allerdings im Oberhaupt einer patriarchalen Großfamilie gründet und nicht dem Mann einer modernen Kleinfamilie entspricht. In dieser Tatsache liegt sicherlich die Problematik, dass die alleinige Bildrede von Gott als Vater gegenwärtig nur zögerlich aufgegriffen wird. Es gilt dabei hinter den Begriff des Vaters in der patriarchalen Großfamilie zu blicken, um das damit gewollte Interaktionsgefüge festzustellen: „Gottes umfassende Fürsorge für seine Geschöpfe, seine innere Verbundenheit mit ihrem Wohlergehen. Nicht dass die Menschen damit der Verantwortung für ihr Leben beraubt wären, es nimmt sie im Gegenteil der Vater-Gott so ernst, dass sie sich vor ihm verantworten müssen.“vii Die gegenseitige Beziehung zwischen Gott und Mensch erhält im Vaterbild die Bedeutung von Fürsorge und Gehorsam. Für den Menschen bedeutet dies Entlastung und Orientierung: Entlastung aufgrund der Fürsorge und der damit verbundenen Vergebung, die in Jesus Christus offenbar wurde. Orientierung wiederum durch die aufgetragene Verantwortung für ein Leben in Jesu Nachfolge als Kind Gottes.

Um das Vaterbild für die Gegenwart anschlussfähig zu gestalten, gilt es für die kirchliche Arbeit und Verkündigung den Gott-Vater im Kontext des eben beschriebenen Beziehungsgeschehens zu deuten. Ob dabei, gerade im Hinblick auf die der Tradition entsprechenden Bekenntnis- und Gebetstexte, von Gott als Mutter zu sprechen ist, mag man ebenso kritisch betrachten wie ein Vaterbild Gottes, welches in Analogie zur modernen Kleinfamilie gedeutet wird. Hinsichtlich der Gott-Mensch-Beziehung wiederum kann jedoch sowohl von Väterlichkeit wie auch Mütterlichkeit gesprochen werden.

Gott steht dem, wo wir als Menschen in unserem gemeinschaftlichen Handeln wie auch in unserer Vater- oder Mutterrolle an Grenzen stoßen, als Idealtypus des Liebenden gegenüber. Vergebung sowie Ermutigung zu veränderten Lebensperspektiven finden ihren Ausdruck im elterlich Liebenden, konkret im Bild des Vaters. Das bedeutet für Christinnen und Christen: Die Konkretion Gottes als Vater vermittelt ein Gefühl von Liebe, Vertrauen und Treue. Mit der Väterlichkeit wie Mütterlichkeit des Vater-Gotts soll den in das Leben eindringenden Kontingenzerfahrungen begegnet werden können.

 

 

i Auf den Aspekt des Bildverbotes im Zusammenhang mit dem Vaterbild soll an dieser Stelle nicht genauer eingegangen werden. Zur Erörterung aber, ob das Neue Testament und die daraufhin entstandenen altkirchlichen Bekenntnisse gegen das 1. Gebot verstoßen, empfiehlt sich der kurze Abschnitt in Berger, Klaus, Ist Gott Person? Ein Weg zum Verstehen des christlichen Gottesbildes, Gütersloh 2004, 200f.
ii Bezüglich der Frage um die Personifikation Gottes empfiehlt sich ebenfalls das Werk von Berger, a.a.O., 2004 sowie die Erörterung bei Pannenberg, Wolfhart, Das Glaubensbekenntnis ausgelegt und verantwortet vor den Fragen der Gegenwart, Gütersloh 1995, 35-39.
iii Als kurze Einführung vgl. hierzu Praetorius, Ina, Ich glaube an Gott und so weiter… Eine Auslegung des Glaubensbekenntnisses, Gütersloh 2011, 44-54.
iv Pannenberg, a.a.O., 1995, 41.
v Durchaus gab es eine ältere Bezeichnung Gottes als Vater des Königs (2.Sam 7,14). Demnach sind ähnliche Verschiebungen im Vaterbild anzunehmen, wie sie bei den Veränderungen der Bundestheologie, z.B. Mittlerrolle des Königs zusammenhängend mit altorientalischen Vertragsrecht im Vergleich zum religiösen Umfeld, eine Rolle spielen. Vertiefend vgl. hierzu Koch, Christoph, Vertrag, Treueeid und Bund. Studien zur Rezeption im Deuteronomium und zur Ausbildung der Bundestheologie im Alten Testament (BZAW 383), Berlin/New York 2008.
vi Busch, Eberhard, Credo. Das Apostolische Glaubensbekenntnis, 2003, 119.
vii Evangelischer Erwachsenenkatechismus. suchen – glauben – leben, Gütersloh 8. Aufl. 2010, 569.