Rezension zu „Mein Kampf“ – historisch-kritische Edition

von Niklas Schleicher, München

Christian Hartmann u.a.(Hgg.): Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition, Berlin 2016.

Kaum ein Projekt zeitgeschichtlicher Forschung hat in den letzten Jahren so für Aufsehen und Aufregung gesorgt wie die Ankündigung und Durchführung einer kritischen Edition von Hitlers „Mein Kampf“. Das Buch, an dem 2016 der Freistaat Bayern die Rechte verlor, sollte zunächst mit Unterstützung von Staatsgeldern erscheinen. Dann wurde allerdings die Förderung gestrichen und das Institut für Zeitgeschichte finanzierte das Projekt aus eigenen Geldern.

Im Januar 2016 erschien schließlich das Buch, ebenfalls begleitet von großer medialer Beachtung. Im Zusammenhang mit der Veröffentlichung stellen sich drei Fragen: Ist die Edition gelungen? Und: Verschafft diese Veröffentlichung dem Buch eine Aufmerksamkeit, die es nicht verdient hat? Kurz: Ist der Aufwand angemessen?

Für eine Rezension auf nthk.de ist noch zusätzlich zu begründen, wieso das Buch ein Thema theologischer Beachtung sein sollte. Auf diese Frage wird nebenher eingegangen.

Formales zur Edition

Die Edition ist in zwei großformatigen Bänden (DIN A4) mit insgesamt knapp 2000 Seiten erschienen. Der Haupttext ist, eingeführt durch ausführliche Vorworte und sehr detaillierte Einführungen, in Doppelseiten so aufgebaut, dass auf der jeweils linken Seite der Text aus „Mein Kampf“ steht, der auf der gleichen Seite und auch auf der gesamten rechten Seite von Erklärungen, die sich per Fußnotenanker auf einzelne Passagen im „Obertext“ beziehen, „eingerahmt“ ist. Die Herausgeber haben sich dabei, (vielleicht nur auf den ersten Blick) etwas zynisch auch an Talmud-Ausgaben orientiert (S. 75). Diese Anmerkungen widmen sich vor allem der inhaltlichen Kommentierung, auf eine kleinteilige textkritische Auseinandersetzung verzichtet die Edition. Zwar werden einige wenige Varianten zu späteren Ausgaben aufgezeigt, kommentiert werden diese jedoch nur bei inhaltlicher Relevanz. Kurz: Eine kritische Edition ist hier ganz umgangssprachlich zu verstehen: Hitler soll kritisiert werden.

Inhaltliches

Was ist damit gemeint? Nun: Die Herausgeber setzen sich für ihre Kommentare zehn Kategorien, die erreicht werden sollen (S. 53-67):

1. Prüfung und Korrektur biographischer Angaben

2. Nachweis von ( Hitlers Quellen und…

3. … ideengeschichtlicher Wurzeln

4. Berichtigung sachlicher Fehler

5. Zeitgenössische Kontextualisierung

6. Erläuterung zentraler ideologischer Begriffe

7. Sachinformation

8. Korrektur einseitiger oder falscher Darstellungen

9. Nachweis von Überschneidungen und…

10. …Abweichungen von der nationalsozialistischen Politik nach der Machtergreifung.

Das Ziel ist offensichtlich: „Mein Kampf“, dass ja bekanntermaßen als Mischung aus Biographie, wissenschaftlicher Abhandlung und Programmschrift auftritt, soll konsequent entzaubert werden, indem den Vorstellungen und Aussagen Hitlers auf sachlicher Ebene entgegengetreten wird. Genauso soll aber auch gezeigt werden, wo und inwieweit Hitler gewisse Informationen oder Stimmungen, die zu seiner Zeit en vouge waren, aufnimmt und für sein Werk, teilweise durchaus kreativ, einvernahmt.

Die Kommentare sind (bis auf manche Einseitigkeiten – dazu später mehr) auf durchweg hohem Niveau und erreichen teilweise den Umfang von kleinen Abhandlungen. Auch dank des sehr umfangreichen Registers lassen sich die Kommentare so auch als Ideengeschichte des nationalsozialistischen Gedankenguts lesen, gerade wenn man bedenkt, dass Hitler in seiner Schrift einen Großteil des leitenden Gedankenguts im nationalsozialistischen Deutschland wenigstens anschneidet.

Ausführlich erklärt wird beispielsweise die Genese von Hitlers Vorstellung, dass die Sozialdemokratie vom Judentum kontrolliert wird- Die Vorläufer und Mitstreiter seines Hasses auf die Demokratie und den Parlamentarismus werden ebenfalls ausführlich vorgestellt. Ein Beispiel für die Art der Kommentierung sei hier noch gegeben. Hitler schreibt über das Judentum (S.229):

„Sollte diesem Volke, das ewig nur dieser Erde lebt, die Erde als Belohnung zugesprochen werden“?

Der Kommentar (S.228) dazu geht auf die Vorstellung des materialitischen Judentums ein:

„Der Vorwurf, die jüdische Religion sei materialistisch und ihr mangle es an Transzendenz, war ein Stereotyp, das Autoren wie Dietrich Eckart oder Theodor Fritsch verbreiteten, wobei sich Fritsch wiederum auf Arthur Schopenhauer berief. Der antisemitische bayerische Heimatdichter Franz Schrönghamer-Heimdal behauptete, die jüdische messianische Idee sei mit der ‚irdischen Weltherrschaft Alljudas‘ identisch. Hintergrund war die nicht dogmatisch festgelegte Jenseitsvorstellung im Judentum, die teils von einer körperlichen Auferstehung der Toten in Verbindung mit einem Gericht Gottes ausgeht, teils von einer Unsterblichkeit der Seele. Neben der Behauptung, die Juden seien ausschließlich am Materiellen orientiert, existierte unter Antisemiten auch die Wahnvorstellung, die Juden würden nach der Seele der Nichtjuden gieren. Die stete jüdische Berufung auf den Verstand führe, so die antisemitische Vorstellung, zur Abwendung vom kulturellen Erbe, von der ‚Volksart‘ und schließlich zur ‚Selbstvernichtung‘. Der Gegenentwurf war die Idee, nicht das Judentum, sondern die Deutschen seien das ‚auserwählte Volk‘ – eine Vorstellung, die sich vor allem während des Ersten Weltkriegs verbreitete; Werner Sombart etwa bezeichnete in seiner einflussreichen Streitschrift Händler und Helden (1915) die Deutschen als ‚Gottesvolk‘. Hitler behauptete einerseits, dem Judentum fehle ‚jede metaphysische Religionsvorstellung‘ ‚seine Religion ist krasser Materialismus‘; andererseits lehnte er die christlichen Jenseitsvorstellungen kategorisch ab.“

Der jeweilige Kommentar wird durch einzelne Literaturhinweise abgeschlossen. Etwas ärgerlich ist allerdings der grobe Umgang mit den Themen, die den Protestantismus und im Besonderen das Luthertum betreffen. Hier hätte man sich durchaus gewünscht, dass die Bearbeiter etwas mehr Sorgfalt hätten walten lassen. So ist z.B. die Darstellung der Zwei-Regimenter-Lehre sehr oberflächlich; dass Luther selbst schon zwischen zwei Reichen unterscheidet, ist zumindest erklärungsbedürftig, sind es doch vielmehr zwei Regimente, also Regierweisen, die er differenziert. Sehr schade ist auch, dass von Luther eigentlich nur die Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ herangezogen wird. Das er in einer früheren Schrift (Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei, 1523) ganz anders vom Judentum handelt und es deshalb auch in seinem Denken Differenzierungsmöglichkeiten gibt, unterschlagen die Bearbeiter, obgleich hierzu während der Erarbeitungszeit der vorliegenden Edition mehrere wertvolle und öffentlich rezipierte Arbeiten publiziert wurden. Als Beispiel sei hier nur auf „Luthers „Judenschriften“. Ein Beitrag zu ihrer historischen Kontextualisierung“des Göttinger Kirchenhistorikers Thomas Kaufmann hingewiesen.

Dies ändert allerdings kaum etwas am ausgezeichneten Gesamteindruck, den diese Edition beim Lesenden hinterlässt. Den Herausgebern ist neben der sachlichen Kommentierung quasi eine Einführung in die Ideegeschichte des „Dritten Reiches“ gelungen. Dieser letzte Aspekt ist es auch, der – um etwas zum Wert dieser Edition zu sagen – hervorgehoben werden muss. Es gibt natürlich auch andere und zum Teil deutlichere Schriften, welche die Ideologie des „Dritten Reiches“ präsentieren. Jedoch: Keine ist von einem ähnlichen Nimbus umgeben und wird deshalb so auf öffentliches Interesse stoßen. Deshalb ist es bei keiner Schrift notwendiger, dass sie konsequent historisiert und im Rahmen ihres Entstehungskontextes und ihrer Wirkungsgeschichte erklärt wird.

Das dies auch von kirchen- und theologiegeschichtlichen Interesse ist, ist evident, gerade wenn man bedenkt, welche Theologen in den 30er Jahren Anhänger oder aber Gegner des Nationalsozialismus waren und man bei vielen durchaus davon ausgehen kann, dass sie „Mein Kampf“ direkt oder indirekt rezipiert haben. Wie diese sich dann in ihrem theologischen Werk mit der Ideologie des Nationalsozialismus auseinandergesetzte haben, ist auch heute noch von Interesse, zeigt es doch wo und inwiefern der Protestantismus zumindest in Teilen anfällig für oder widerständig gegenüber ideologische/r Ausdeutung ist.