Die EKD und die Politik II: Noch immer zu kurz gegriffen!

In den folgenden Wochen möchten wir die Frage in den Fokus stellen, ob und inwieweit die Kirchen allgemein und im Besonderen die EKD politisch agieren sollten. Den Auftakt dieser Diskussion bildete dieser Beitrag von Ulrich Kronenberg. Nun greift Tobias Graßmann (Twitter: @luthvind) die Fragestellung in seiner Replik auf und widerspricht teilweise. Wir freuen uns über eure/ihre rege Beteiligung in den Kommentarspalten. [Die Redaktion]

Noch immer zu kurz gegriffen!

Vorige Woche hat an dieser Stelle Ulrich Kronenberg das Wort ergriffen. Aus seinem kämpferischen Artikel spricht deutlich der Ärger über die Diskurshoheit linksliberaler Kräfte innerhalb der evangelischen Kirchen. Den führenden Kreisen innerhalb der Landeskirchen wirft Kronenberg vor, sich dem „linkslastigen“ Zeitgeist angepasst zu haben. Das habe zu einem theologischen Substanzverlust geführt, Menschen ihre geistliche Heimat genommen und politisch Andersdenkende regelrecht aus der Kirche getrieben. Die Schärfe seiner Polemik und die Wortwahl, bei der in meinen Ohren immer wieder auch Parolen vom rechten Rand anklingen, finde ich eher problematisch. Gleichzeitig gestehe ich zu, dass ich Teilen seiner Problemanzeige durchaus zustimme.

Über seiner Polemik gelangt Kronenbergs Artikel allerdings nicht zu einem nüchternen Blick auf die Ursachen der Krise. Die Vormachtstellung linker Strömungen hat damit zu tun, dass ein konservativ-bürgerliches Gegengewicht innerhalb der Kirche fehlt. Diese konservativen Kräfte wurden nun nicht per Dolchstoß von ihren Feinden erledigt. Man kann sagen: Sie haben sich ihren intellektuellen und moralischen Bankrott mühsam selbst erarbeitet. Durch unheilige Allianzen mit autoritären Kräften innerhalb der Gesellschaft und den vergeblichen Versuch, mittels kirchlichem Einfluss die Emanzipation von Arbeitern, Frauen und Minderheiten zu blockieren, wurde im Laufe des fatalen 20. Jahrhunderts ein gewaltiges Maß an kirchlichem Vertrauen verspielt. Dieser Glaubwürdigkeitsverlust in der Mitte der Gesellschaft wirkt sich heute wohl stärker aus als aller Moralismus, alle Naivitäten und alle Einseitigkeiten der linksprotestantischen Gegenseite zusammen.

Wenn dann sogar, wie in dem von Kronenberg in einer Fußnote angeführten Zitat von Hermann Dietzfelbinger, die plurale Gesellschaft als der eigentliche Feind der Kirche dargestellt wird, während die Gleichschaltungspolitik der Nazis als bloßes „Vorhutgefecht“ abgetan wird, zeigt sich, dass man im konservativen Lager aus vergangenen Fehlern nichts gelernt hat. Das gewagte Manöver Dietzfelbingers, einen Anspruch auf das moralische Kapital des Kirchenkampfs zu erheben und diesen im gleichen Moment auf bizarre Weise zu relativieren, spricht eigentlich für sich!

Nun wurde bereits zu Anfang geurteilt, dass Kronenbergs Kritik zwar einseitig, aber nicht gänzlich unberechtigt ist. Der offiziell gepflegte politische Diskurs innerhalb der evangelischen Kirchen hat in den letzten Jahrzehnten schon etwas Schlagseite bekommen. Doch weder mit konservativ-bürgerlicher, noch mit linksliberaler (oder gar nationalistischer!) Politik darf sich Kirche einseitig identifizieren. Die alleinige Vormachtstellung politischer Strömungen hat dem Protestantismus nie gut getan…

Aber sollten sich die Kirchen deshalb weitgehend aus der Tagespolitik zurückziehen und sich wieder stärker auf die Frage des individuellen Heils konzentrieren? Kronenbergs Argumentation scheint in diese Richtung zu zielen. Sein Artikel erinnert damit an Kritik, welche jüngst konservative Politiker wie Wolfgang Schäuble oder Thomas de Maizière an der angeblichen Politisierung der Kirchen geübt haben (und ähnlich auch z.B. die Theologin Petra Bahr). In diesem Zusammenhang wird immer wieder auf die lutherische Lehre von den zwei Reichen bzw. Regimenten Gottes verwiesen. Doch sollte sich der Auftrag der Kirche wirklich darin erschöpfen, sonntags dann der Sachbearbeiterin ein warmes Gefühl zu verschaffen, nachdem sie werktags gewissenhaft die Ausreisebescheide abgelehnter Asylbewerber ausgestellt hat?

Die lutherische Lehre von den zwei Regimenten Gottes meint doch wohl etwas anders! Kirche und Staat sind jeweils auf ihre Weise gute Einrichtungen Gottes, aber mit verschiedenen Zwecken und je eigener „Systemlogik“. Religion und Politik sollen und können deshalb zwar nicht strikt getrennt, aber doch möglichst klar unterschieden werden. Die Unterscheidung befreit sie zu ihrer jeweiligen Eigenlogik. Das bedeutet, dass die Kirchen auch in politischen Stellungnahmen nur ihrem Bekenntnis verpflichtet sind – und nicht den Wünschen des Staates! Das heißt im Gegenzug aber auch, dass es theologisch unzulässig ist, Politik und Staat religiös vereinnahmen zu wollen.

Für kirchliche Stellungnahmen in politischen Fragen folgt deshalb erstens, dass Kirche als politischer Akteur die Spannungsfelder politischer Debatten genau wahrnehmen muss. Sie darf nicht versuchen, mit religiöser Autorität falsche Eindeutigkeit zu erzeugen, wo es sich tatsächlich um komplexe Abwägungsfragen handelt. Zweitens folgt daraus aber auch, dass Kirche einige Mühe darauf verwenden sollte, ihr politisches Handeln methodisch sauber aus ihrem christlich-theologischen Selbstverständnis zu entwickeln.

Hier wurzelt das Problem, das Ulrich Kronenberg als „geistigen Heimatverlust“ bezeichnet hat: Man kann mitunter den Eindruck haben, dass in Stellungnahmen zu politischen und ethischen Fragen das Evangelium von Jesus Christus gänzlich in den Hintergrund tritt. Die Kirche spart selten mit moralischen Appellen, aber wie verhalten sich diese eigentlich zur Botschaft von der freien Gnade Gottes? Oftmals gelingt es nicht, einen stimmigen Zusammenhang etwa zwischen dem christlichen Einsatz für Randgruppen und den religiösen Vorstellungen traditioneller Christinnen und Christen herzustellen. Die innere Einheit von Glaube und politischem Engagement wird oft behauptet – aber lässt sie sich auch mit Leben füllen?

Kronenberg ist deshalb grundsätzlich zuzustimmen, wenn er den theologischen Substanzverlust anprangert. Berechtigterweise kritisiert er den Moralismus, den viele Theologinnen und Theologen in politischen Fragen an den Tag legen. Doch diese handeln gerade nicht politisch, wo sie lediglich als „moralische Instanzen“ das Wort ergreifen. Statt politische Verantwortung zu übernehmen, inszenieren sie sich lieber als „prophetische“ Wächtergestalten, die jenseits des demokratischen Ringens stehen. Aber nur in oft mühsamen und langwierigen Prozessen können angemessene Lösungen und im Idealfall ein breiter, tragfähiger Konsens ausgehandelt werden. Besonders fatal ist, wenn dabei der Eindruck entsteht, der Bezug auf Reformation und Bibel sei nur noch schmückendes Beiwerk oder rhetorisches Stilmittel.

Theologinnen und Theologen, die in politischen Debatten für die Kirche das Wort ergreifen, sollten im Lichte der lutherischen Zwei-Regimenter-Unterscheidung sorgfältig die eigene Rolle klären. Es schadet nicht, die eigenen Interessen mehr als nur einmal kritisch zu beleuchten. Dabei könnten Leitfragen wie die folgenden helfen:

  • Gibt es vom theologisch-ethischen Standpunkt her einen Spielraum legitimer Positionen, der von Seiten der Kirche nicht eingeengt werden sollte?

  • Finden die religiösen Empfindungen und Bedürfnisse der Kirchenmitglieder auch in ihrer Vielfalt angemessene Berücksichtigung?

  • Wird aus dem Geist des Evangeliums heraus gesprochen oder tendenziell nur versucht, eine bestimmte politische Agenda religiös zu grundieren?

  • Mache ich meine christlich-theologischen Beweggründe auch ausreichend transparent?

  • Wird Andersdenkenden faktisch das Christsein abgesprochen, wenn es etwa mit einem kirchentypischen Zeigefinger-Satz heißt: „Wir als Christen sollten heute …“?

Auch dort, wo die Anliegen kirchlicher Stellungnahmen aus meiner Sicht unbedingt zu begrüßen sind (etwa in der Flüchtlingsfrage oder der Neubewertung homosexueller Partnerschaften), ist solche Selbstprüfung dringend geboten. Denn nur auf diesem Weg kann der fatale Eindruck vermieden werden, als hätte eine bestimmte politische Strömung die Kirche „geentert“ und einseitig zum Instrument ihrer gesellschaftspolitischen Agenda gemacht. Ulrich Kronenberg ist dafür zu danken, dass er mit seiner Polemik den Finger in diese Wunde legt und gerade auch den Linksprotestantismus provoziert, hier genauer hinzusehen.

Tobias Graßmann ist Vikar in der Thomaskirche Würzburg/Grombühl.

Böhmermann und ein Versuch über die Gültigkeit unserer Werte

von Niklas Schleicher

Werte, so schreibt ein Teil der deutschen Werteethik des späten 19. Jahrhunderts, sind nicht, sie existieren nicht einfach. Damit ist nicht gemeint, dass Werte nichts Verbindliches haben, ganz im Gegenteil. Werte gelten, oder besser: sollen gelten. Sie sollen etwas sein, an dem sich der Einzelne oder eben auch die Gesellschaft ausrichten muss bzw. kann. Denn Werte können nicht schon aus sich heraus dafür sorgen, dass man sich an ihnen orientiert. Sie bestimmen Ziele oder, Grundsätze, aber formulieren damit vor allem einen Anspruch.. Dieser Anspruch ist teleologisch: Etwas, das verwirklicht werden soll. Nur wenn Werte gelebt werden, kann man auch sehen, was ein solcher Wert ist. Gleichzeitig sind diese Werte etwas, dass gewissermaßen gesellschaftliches Zusammenleben erst ermöglicht, indem sie fundieren und normieren sollen.

So ähnlich ist doch wahrscheinlich auch unser Grundgesetz zu verstehen, wo es über die Sphäre des Rechts hinausweist. Denn wie lässt sich Würde des Menschen anders erklären, als zu beschreiben, was für ein Leben menschenwürdig oder menschenunwürdig ist? Oder, noch genauer auf die Werte-Frage bezogen: Wie kann Gleichheit oder Freiheit in der Persönlichkeitsentfaltung verstanden werden, wenn einem nicht anhand gelebter Beispiele die Attraktivität und Bedeutung des Wertes der Freiheit einleuchtet?

Werte müssen gelebt, und das bedeutet eben auch: sie müssen oft gegen Widerstände verteidigt werden. Solche Verteidigung wird immer damit begründet, dass ohne diese Werte, ohne die Möglichkeit von Freiheit, Gleichheit und so weiter die Fundamente unseres Zusammenlebens gefährdet sind, dass eine freiheitliche Demokratie eben gewisse unveräußerliche Rechte voraussetzten muss, auch wenn Sie für andere Personen oder Gruppen, siehe PEGIDA, als belastend empfunden werden.

Wenn man insgesamt etwas mit dem Reden von den westlichen Werten anfangen will, dann doch wahrscheinlich in dieser Zuspitzung: Es gibt gewisse geltende Wertvorstellung, wie die Freiheit in der Meinungsäußerung, in der Persönlichkeitsentfaltung, oder der gleichen Wertigkeit aller Menschen, die für unser gesellschaftliches Zusammenleben unaufgebbar sind, weil sie unsere freiheitliche Demokratie fundieren. Wenn jetzt irgendjemand von Flüchtlingen die Anerkennung solcher fordert, dann meint er doch damit ziemlich genau, dass diese nur so Teil unserer Gesellschaft, die eben auch eine Wertegemeinschaft ist, werden kann. Soweit so gut.

Wenn nun z.B. in Paris Satiriker getötet werden ist dies natürlich erstmal eine Starftat. Diese strafrechtliche Relevanz mal außer Acht gelassen, wurde doch im Zusammenhang mit diesen Straftaten auf die Bedeutung unserer Werte und die Notwendigkeit der Verteidigung dieser hingewiesen. Denn das ist doch genau das Problem: Es gibt Menschen, für die die Möglichkeit der freien Meinungsäußerung nichts gilt, die gewisse veröffentlichte Karikaturen nicht anders als als Angriff verstehen wollen. Aber dagegen standen damals alle hinter Charlie Hebdo und betonten, dass die Freiheit ein unverbrüchliches Gut sei und Satire auch an und über die Schmerzgrenzen gehen darf.

Und jetzt: Böhmermann. Ohne die Kettenrekation nachzuzeichnen, die er ausgelöst hat, bis zum aktuellen Stand, dass er unter Polizeischutz steht, ist doch hier der Fall anders. Kein geschlossenes Eintreten für die Freiheit von Satire kann hier beobachtet werden. Freilich, sein Schmähgedicht war beleidigend und freilich, nur weil man sich von etwas distanziert, das man zum Vortrag bringt, kann man damit nicht strafrechtliche Konsequenzen entgehen. Aber: Waren/Sind die Karikaturen, die Charlie Hebdo oder in Deutschland das Satiremagazin Titanic gegenüber verschiedenen Religionen veröffentlicht, weniger beleidigend. Auch hierfür gebe es einen Paragraphen, die strafrechtliche Konsequenzen ermöglicht (§166 StGB). Freilich, hat die katholische Kirche auch ein paar mal –erfolglos – gegen die Titanic geklagt. Jedoch: Distanzierte sich die Kanzlerin gegenüber des heiligen Stuhls jemals öffentlich von diesem Magazin?

Wieso also der Unterschied zwischen Böhmermann und Charlie Hebdo? Die Antwort erscheint genauso einfach wie bitter: Erdogan ist ein wichtige Partner für die „Bewältigung“ der Flüchtlingsfrage. Es ist also hier eine Abwägung zwischen politischen Interessen und der Geltung unsrer Werte vorgenommen worden, mit dem Ergebnis, dass freie Meinungsäußerung anscheinend eine Grenze auch darin hat, wo politische Ziele in Gefahr stehen. Man könnte für die Haltung der Bundesregierung nun ins Feld führen, dass hier im Interesse der flüchtenden Menschen eine Einschränkung gegen Böhmermann gemacht werden muss, weil nur gemeinsam mit der Türkei eine humane Lösung für die Flüchtlinge möglich ist.

Nur: Das ist doch wahrscheinlich eher blanker Hohn. Vielmehr verhindert ja gerade eine Abkommen mit der Türkei, dass der große Teil der geflüchteten Menschen west- und mitteleuropäische Standards erreichen können. Die Türkei ist doch vielmehr ein Puffer-Zone für die geflüchteten Menschen. Wir brauchen die Türkei, um uns der Illusion hingegeben zu können, dass Flüchtlingszahlen kurzfristig reduziert werden können. Menschen werden solange weiter auf der Flucht sein, bis die Umstände abgeschafft sind, die sie zu dieser zwingt. Nur, jetzt kommt eben ein großer Teil nur bis in die Türkei. Verteidigt werden damit allein deutsche Befindlichkeiten und nicht ein Wert, wie z.B. das Hochhalten einer unverbrüchlichen Würde aller Menschen, also auch der Geflüchteten.

Ob er es wollte oder nicht, ist kaum zu beurteilen. Aber Böhmermann zeigte durch sein Stück, wie ernst westliche Werte genommen werden, wenn es drauf ankommt und wenn es schwierig wird. Nämlich gar nicht. Ja, es ist offensichtlich: Satire kann nicht alles dürfen. Aber es ist auch offensichtlich: Werte können im Moment gar nichts.

Handeln aus Einsicht

von Klaus Beckmann

Diesen Text schreibe ich auf ausdrückliche Bitte eines Redaktionsmitglieds von nthk.de. Das zu tun, erleichtert mich, denn ich kann meine eigenen Fragen und Empfindungen „sortieren“ und auch etwas von dem verarbeiten, was Soldaten in den vergangenen Tagen an mich als Seelsorger herangetragen haben. Gleichwohl möchte ich mich an einer etwaigen Diskussion auf der Internetseite bis auf Weiteres nicht beteiligen, scheint mir doch in der gegebenen Situation alles so vage, dass erst aus zeitlichem Abstand eine seriöse Einschätzung möglich sein wird. Das Folgende gibt ausschließlich meine private Meinung und nicht Positionen der Militärseelsorge als Institution wieder.

Den „Islamischen Staat“ zu bekämpfen, kann nur richtig sein. An der Absicht der dort Herrschenden, einen menschenfeindlichen Steinzeit-Islam letztlich in alle Welt zu tragen, besteht für mich kein Zweifel. Dass auch wir Deutsche als Teilhaber „moderner“ Lebenskultur im Fadenkreuz des IS leben, scheint mir evident. Ebenso evident ist freilich dies: Abscheulichkeit und Gefährlichkeit des IS lagen schon lange vor den Pariser Anschlägen offen am Tage. So schockierend und verurteilenswürdig die Pariser Vorgänge vom 13. November 2015 auch sind – und diese zielten nicht allein auf Frankreich, sondern auf die aufgeklärt-liberale Lebensweise des Westens insgesamt –, fügen sie dem Charakterbild des IS substantiell nichts hinzu. Gegen IS vorzugehen, ist folglich seit dem 13. November nicht wirklich drängender geworden; unabdingbar geboten war es davor auch, in höherem Maß geboten wohl, als es sich politisch umsetzte. Diskussionsbedürftig sind die Mittel des Vorgehens, zumal die militärischen. Dies leitet über zu den Fragen, die die sehr kurzfristig „nach Paris“ getroffene Entscheidung, deutsches Militär – unterstützend und aufklärend, doch nicht kämpfend – in die Anti-IS-Koalition in Syrien einzubringen, aufwirft.

Wer als verantwortlicher Funktionsträger einer Demokratie in einen Militäreinsatz geht, sollte – nein: MUSS – eine stringente Strategie haben, was er will – und mit wem und gegen wen er seine Ziele erreichen kann. Soldaten ohne wirklichen Plan in einen Einsatz zu schicken, wäre ethisch und politisch inakzeptabel. Soll die Bundeswehr jetzt mitmischen in einem Krieg „nicht aller gegen alle, aber vieler gegen viele“ (tagesschau-online, 4. Dezember)? Das fragt nicht nur die veröffentlichte Meinung, das fragen auch Soldaten, mit denen ich über den bevorstehenden neuen Einsatz diskutierte. „Am allerwenigsten hat der Kriegskonsens damit zu tun, dass der Kampf gegen den IS gut durchdacht wäre. Davon kann nun keine Rede sein bei diesem Krieg auf Sicht“, so Bernd Ulrich in der „Zeit“ vom 3. Dezember. Spiegel-Online vom 4. Dezember setzt hinzu, es sei „nicht sinnvoll“, „die Hoffnung zu wecken, man könne den IS auf militärische Weise komplett besiegen, ja, mehr noch, den Terrorismus beseitigen. Denn da wäre man wieder beim Bush-Fiasko, das über kurz oder lang zu einem neuerlichen Einsatz westlicher Bodentruppen führen könnte. Das wäre fatal, denn es würde den islamistischen Ideologen in die Hände spielen.“ Wenn ich als Christ grundsätzlich bejahe, dass der Staat unter Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden sorgt, so erteilt das längst keinen Freibrief für jedwede Gewaltandrohung oder -anwendung in jedweder Situation; vielmehr muss der Staat die relative Erfolgsaussicht und Angemessenheit seines Vorgehens darlegen. Hier kritisch zu sein, gehört nach meiner Überzeugung zur Loyalität des Staatsbürgers.

Gerechter Krieg?

Ein Aha-Erlebnis kann es provozieren, holt man in der aktuell aufgeregten und verworrenen Situation die uralte christliche Regel vom „Gerechten Krieg“ heraus, wie sie bei Augustin prominent Gestalt gewonnen hat. Diese Regel ist weitaus besser und v. a. zeitgemäßer als ihr angeknackster Ruf. Augustins Kriterien für einen gerechten Krieg im Horizont des vom Christentum „übernommenen“ Römischen Reiches waren u. a.:

  1. Er muss plausibel den Frieden wiederherstellen.
  2. Der Soldat muss ihn als Dienst am Frieden einsehen und ausführen können.

Den zweitgenannten Punkt greift die zentrale Vorschrift der Bundeswehr zur Führungskultur auf; sie verlangt, Soldaten als mündige Staatsbürger zu behandeln. Sie sollen in Stand gesetzt werden, sich über ihre Aufträge ein eigenes Urteil zu bilden und „aus Einsicht“ zu handeln. Im Fall eines De-facto-Kriegseinsatzes hat folglich der Dienstherr seinen Soldaten einsichtig zu machen, dass dies ein sinnvoll geplanter Dienst am Frieden ist – zwar wie alles im zeitlichen Dasein ohne Erfolgsgarantie, doch eben weder politischer Aktionismus noch draufgängerisches Riskieren von Menschenleben und Ressourcen.

Ich selbst habe noch aus meinem Afghanistan-Einsatz 2013 die offiziellen Aussagen im Ohr, die im Blick auf das fest terminierte Ende der ISAF-Mission die vorgeblich erreichte Stabilität des Landes rühmten. Wir könnten guten Gewissens gehen und Verantwortung abgeben. Damals war schon überdeutlich zu spüren, dass die unterstellten Soldaten jenen Führern, die solche Sätze aussprachen, kaum ein Wort glaubten. Die Zahl der Flüchtlinge aus Afghanistan hat bisher niemanden von denen, die seinerzeit erreichte Ziele bejubelten, zum Dementi bewogen. Dabei täte Bereitschaft zur Selbstkritik der inneren Kultur der Streitkräfte wohl.

Viele Soldaten, gerade solche, die Afghanistan in mehreren Einsätzen über die Jahre hin kennenlernten und zu Land und Leuten ein persönliches Verhältnis aufbauen konnten, empfanden den willkürlich gesetzten Abzugstermin – primär der US-amerikanischen Innenpolitik geschuldet – als Davonstehlen. Sie teilten die Perspektive der EKD. Diese hatte bereits 2007 in ihrer Friedensdenkschrift postuliert: „Die internationale Gemeinschaft muss für ein Land, in dem sie militärisch interveniert, umfassend Verantwortung übernehmen.“

Verantwortung übernehmen?!

„Verantwortung langfristig übernehmen“: Das muss auch „eingepreist“ werden, wenn wir uns jetzt in Syrien militärisch einschalten. Wenn ich mit Soldaten spreche, wird da jedoch Vieles als ungeklärte Voraussetzung wahrgenommen:

  • IS und Assad gleichzeitig bekämpfen – das dürfte schwierig werden.
  • Wie ist die Rolle Russlands, seine Position zwischen Assad-Regime und IS, und unsere Haltung dazu?
  • Und die Türkei? Hat sie nicht ein eher rustikales Verhältnis zu den Bürgerrechten, insbesondere zur Pressefreiheit, und wird sie nicht auch in seriösen Quellen – nicht nur in russischer Regierungspropaganda – als Handelspartner und damit Financier des IS benannt, von ihrer Haltung zu den Kurden ganz zu schweigen?!
  • Wie ist unser Umgang mit Saudi-Arabien, das wir als Alliierten hofieren, das aber im Innern die Menschenrechte mit Füßen tritt und sich nicht davon abschrecken lässt, religiöse Reaktion und Terror weltweit zu finanzieren?
  • Israel schließlich: Unser singulärer „natürlicher“ Verbündeter in der Region, die einzige Demokratie des Nahen Ostens, wird gerade durch eine EU-Kennzeichnungsverordnung für Produkte aus besetzten Gebieten an den Pranger gestellt, wie es sonst keinem Erzeugerland geschieht.

Pikant ist, dass sogar Produkte von den Golanhöhen zu kennzeichnen sind. Wem sollte Israel nach Meinung der EU den Golan denn zurückgeben: Assad, den vom Westen favorisierten Rebellen, einer von mehreren rivalisierenden islamistisch-militanten Gruppen wie der Al-Nusra-Front – oder gleich dem IS? Anscheinend fehlt es hier auf westlicher bzw. EU-Seite an der Klarheit des Gedankens und am Mut, eingefahrene Muster zu verlassen. Sogar die wenig Zionismus-affine taz kritisierte am 12. November 2015 die Unverhältnismäßigkeit der EU-Maßnahme: „In 48 Ländern, so berichtet Amnesty International, sitzen Menschen aus politischen Gründen im Gefängnis. Dutzende Todesurteile in Saudi-Arabien, Massenverhaftungen von Schwulen in Ägypten, Folter in Guantanamo – all das geht boykottfrei durch. Sobald die Sprache auf Israel kommt, setzt die Welt härtere Maßstäbe an.“ Ein Unternehmen, das „500 Palästinenser unter fairen Arbeitsverträgen beschäftigte“, habe seine „Produktionsstätten wegen internationaler Boykotte schließen“ müssen. So sieht EU-Menschenrechtspolitik in Nahost bislang konkret aus.

Eine Frage, die ich von Soldaten häufig gestellt bekomme und die – politische Korrektheit hin oder her – in meinen Augen erlaubt sein muss: Was ist mit den vielen männlichen Syrern im wehrfähigen Alter, die bei uns Asyl begehren und bekommen? Wäre es illegitim, sie für die Befriedung und Befreiung ihres Landes mit in Verantwortung zu nehmen und sie einzuladen, sich auf der Seite der westlichen Streitkräfte zu engagieren? Selbstverständlich haben Verfolgte das unverbrüchliche Recht auf Schutz. Doch gehört es auch zu unserem Verständnis von Menschenwürde, jeden im Rahmen seiner Möglichkeiten für das Wohl seiner Gemeinschaft in Mitverantwortung zu nehmen. Im Zweiten Weltkrieg gab es die Polnische Heimatarmee und unter dem Dach der britischen Armee die Jüdische Brigade. Natürlich ist jeder historische Vergleich schief, aber es darf heute nicht verboten sein, die Frage nach nationsverbindender Loyalität zu stellen.

Der IS – und wir selbst?

Welchen Impuls zu Selbstprüfung und Umkehr gibt uns die Tatsache, dass Hunderte junger Menschen aus westlichen Gesellschaften die Verheißungen des IS attraktiv finden? Welches Wertefundament und welche Erwartung an die eigene Biografie haben wir ihnen ins Leben mitgegeben? Was bringt sie – Kinder unserer Gesellschaft! – dazu, den primitiv-gewalttätigen Dualismus der IS-Ideologie anziehend zu finden, welches Lustgefühl gibt ihnen bedingungslose Unterwerfung unter gnadenlosen Befehl? Das gerade im Kirchenmilieu verbreitete Wegschauen vor den Weltbildern reaktionärer Islamverbände – sozusagen die innenpolitische Variante des Appeasement gegenüber Saudi-Arabien – scheint uns auf die Füße zu fallen. Wir waren gegenüber Immigranten lange zu ignorant und zu arrogant, um uns mit ihnen über Grundfragen des Zusammenlebens auseinander zu setzen (Wertschätzung impliziert nämlich die Bereitschaft, um Positionen zu streiten!). Das trug dem Westen Verachtung ein.

Nicht minder verächtlich macht uns westliche Christenleute die feige Distanz zum Schicksal verfolgter Christen in nicht nur, aber eben auch vielen islamisch dominierten Ländern. Straft unser hochnäsig-verdruckstes Desinteresse an der brutalen Realität nicht-westlicher Gesellschaften, die unsere Geschwister tagtäglich erleiden, nicht jedes unserer Worte von Solidarität und Ökumene Lügen? Machen wir uns als Exponenten „christlicher“ und/oder „westlicher Werte“ nicht ganz und gar unglaubwürdig – was den Islamisten die Gloriole des Solidarischen, Klaren und Starken verleiht und suchende junge Menschen in die Arme der scheinbar so eindeutig agierenden Verführer laufen lässt?! (Wie es um die Solidarität in den Reihen des IS real bestellt ist, steht auf einem anderen Blatt und entschuldigt uns jedenfalls nicht!)

IS sollte Anlass sein, uns zu prüfen: Stehen wir im Innern für die Werte ein, die wir nach außen schützen wollen? Behandeln wir Muslime bei uns als ethische Subjekte und Mitbürger? Das würde zwingend einschließen, um Grundwerte und soziale Lebensweisen zu streiten und etwa den in muslimischen Communitys verbreiteten Antisemitismus nicht höflich zu übergehen. Lehren wir junge Bürger, welches hohe Gut eine freiheitliche Verfassung mit individuellen Grundrechten ist? Der Zulauf zu IS und sein Schreckenspotential ist mit ein Resultat der inneren, geistigen Schwäche des Westens.

Aktionismus oder Untätigkeit?

Ich halte die Bündnisfähigkeit Deutschlands im Westen für ein Geschenk der Geschichte; der „deutsche Sonderweg“ ist mehrfach grausam gescheitert. Zur politischen Kultur des Westens gehört blinde Gefolgschaft aber gerade nicht, vielmehr Diskussion und demokratischer Streit um den relativ besten Weg. Im Blick auf die aktuelle Einsatzentscheidung möchte ich eine Passage aus der EKD-Friedensdenkschrift in Erinnerung bringen: „Der Verdacht, es gehe bei Auslandseinsätzen vor allem ums ‚Dabeisein‘ oder um bündniskonformes Verhalten, bzw. die Außenpolitik greife aus Ratlosigkeit zum militärischen Instrument, kann nur widerlegt werden, wenn ein klares völkerrechtliches Mandat der Vereinten Nationen vorliegt und wenn Gründe, Ziele, Aufträge sowie Erfolgsaussichten friedenspolitisch plausibel dargelegt werden.“

Die von Soldaten als intransparent und übereilt erlebte Entscheidungsfindung lässt in der Truppe Spekulationen bis hin zu Verschwörungstheorien („der Ami lässt uns sowieso nach seiner Pfeife tanzen“) ins Kraut schießen. Ich wünschte mir, diesem Gerede entschiedener entgegnen zu können; das erfordert aber eine offene, kritische Argumente aufgreifende Debattenkultur zwischen den politischen Entscheidungsträgern und den Ausführenden.

Untätigkeit gegenüber IS wäre unverzeihlich. Das rechtfertigt aber keinen militärischen Aktionismus. Es gilt, den Islamisten den Hahn abzudrehen: Ökonomisch und personell, bei der Gewinnung verführten und verblendeten Nachwuchses. Wer militärisch eingreift, muss sich im Klaren sein, auf lange Zeit Verantwortung tragen zu müssen. Dass vorzeitiges Herausgehen für alle Seiten heikel wird, zeigen Afghanistan und Irak.

Die nicht übertrieben regierungskritische FAZ hat am 3. Dezember den bevorstehenden Bundestagsbeschluss kommentiert: „Ein Sammelsurium von Gründen, die insgesamt schon irgendwie passen, hätte man jedenfalls einem George W. Bush nicht durchgehen lassen.“ Und weiter: „Die Regierung muss darlegen, dass dieser Kriegseinsatz dem nationalen Interesse, den eigenen Bürgern dient.“ Das kann ich nur unterstreichen und hinzufügen: Dieser Nachweis ist unabdingbar als ethische Grundlage eines Einsatzbefehls für unsere Soldaten!

Alles politische Handeln bewegt sich in Grauzonen. Das ist conditio humana und kommt vor einer komplexen und unumgehbaren Herausforderung, wie IS sie darstellt, besonders schmerzhaft zum Vorschein (die ideologischen Richtungsgeber des IS trachten hingegen danach, die humane Grundbedingung des Lebens in Grauzonen abzuschaffen und alles in simpel dualistische Scheidungen zu pressen – mit unvermeidlich menschenzerstörendem Resultat!). So kann und will ich denen, die im Parlament für den Syrien-Einsatz stimmten, gute Motive und moralische Redlichkeit nicht absprechen.

Doch gibt es die eng gefassten, klaren Kriterien, wann ein Militäreinsatz akzeptabel ist (ob wir noch von „gerechtem Krieg“ sprechen wollen, ist da gleichgültig), aus gutem Grund – und nicht erst seit gestern. Als Bürger und als Soldatenseelsorger vermisse ich die gesellschaftliche Diskussion darüber. Ich möchte, dass unsere Soldaten, wenn der Dienstherr sie in den Einsatz schickt, auf Basis informierter Zustimmung ihren Auftrag erfüllen können. Allen Sonntagsreden zufolge haben wir den Kadavergehorsam überwunden; bei der Bundeswehr soll aus Einsicht gehandelt werden.

Das hat sich alltags zu bewähren.

Über Sicherheit

von Niklas Schleicher

Sicher gibt das böses Blut, doch Sprache ist, das wissen wir, das allerhöchste Gut, und ohne Klarheit in der Sprache ist der Mensch nur ein Gartenzwerg

(Element of Crime)

Man kann eine beliebige Umfrage nehmen. Eine Umfrage über die Dinge oder Umstände, die einem Deutschen oder einer Deutschen wichtig sind. Ganz egal, ob es sich dabei um eine junge oder eine alte Person handelt. Oder ob die Zielgruppe reich ist. Oder ob, für deutsche Verhältnisse, arm. Ein wichtiger Umstand1, den man, darauf würde ich fast ein halbes Monatsgehalt wetten, immer zu hören bekommen wird, ist „Sicherheit“. Freilich: „Familie“ oder „Selbstverwirklichung“ oder „Zufriedenheit“ oder „Gesundheit“ oder „Wohlstand“ spielen auch eine Rolle, aber eben auch: Sicherheit.

Man kann nun den zweiten Schritt gehen und fragen: „Was heißt denn für Sie Sicherheit?“ Was werden Sie hören? Doch wohl beinahe das, was oben die anderen Begriffe ausdrücken, also vielleicht so: Sicherheit bedeutet für mich: Regelmäßiges Einkommen, eine stabile familiäre Basis, eine gewisse Rechtsstaatlichkeit, eine gute Krankenversorgung, usw. Ich stimme da völlig zu: Das ist doch etwas, dass man sich für ein „sicheres“ Leben wünschen kann.

Ich würde tippen, dass es eine leichte Deutungsverschiebung des Begriffes Sicherheit in diesem Umfragezusammenhang geben wird, je älter die Befragten sind. Dort sagen vielleicht einige: Sicherheit bedeutet auch, dass ich nicht Angst haben muss erschossen zu werden. Aber, wenn ich ehrlich bin, und ich vermute fast, dass ich hier exemplarisch sprechen kann, unsere Generation versteht doch, wenn sie sich Sicherheit wünscht, nicht primär, dass wir bitte keinen Krieg wollen. Die Gefahr eines bewaffneten Konflikts ist doch für das deutsche Land in recht weiter Ferne.

Für den dritten Schritt wechsele man kurz die Perspektive und folge mir und meinem Unbehagen. Es ist ja eine gängige Forderung in der ganzen Debatte um Asylbewerber, dass solche aus den sogenannten sicheren Herkunftsländern zügig abgeschoben werden sollen. Eine neuere Entwicklung ist nun, dass diese Gruppe der Asylbewerber in sogenannten Transitzonen konzentriert werden, der ewige Jasper von Altenbrockum sieht darin, gemeinsam mit Peter Altmaier „nichts inhumanes“. Man könnte auch aus Spaß eine Umfrage machen mit der Frage: „Finden Sie, dass Asylbewerber aus sicheren Herkunftsländern beschleunigt abgeschoben gehören?“ Ich behaupte: Die zustimmende Mehrheit wäre überwältigend. Man weiß es ja sowieso: Flüchtlinge aus diesen sicheren Herkunftsländern haben keinen rechtlichen Anspruch auf Asyl, denn sie kommen allein aus wirtschaftlichen Interessen. Außerdem bringen diese vermeintlichen Asylbewerber, die sich nur auf der sozialen Hängematte von ein bisschen unter 400 Euro ausruhen wollen, die richtigen Asylbewerber, nämlich eben die aus unsicheren Herkunftsländern in Misskredit. Mal abgesehen von den Forderungen der AFD, PEGIDA und Hardlinern aus der Reihe der „Integrationsfernsehen zur Vermittlung deutscher Werte“-CSU  – die wollen grundsätzlich eher gänzlich auf Asylbewerber verzichten – ist das durchaus als eine Lösungsstrategie ziemlich angesehen: Wenn man etwas konsequenter mit den „Sicheren-Herkunftsländern-Asylbewerbern“ umgeht, dann werden wieder ordentlich Kapazitäten frei für die richtigen Asylbewerber2. Abgesehen mal von anderen prinzipiellen Debatten über das Asyl: Bleiben wir bei der Verlockung radikaler mit den „Sicheren-Herkunftsländern-Asylbewerbern“ umzugehen.

Was denn ist nun „Sicherheit“? Politisch werden doch als sichere Herkunftsländer solche festgelegt, in dem, um es salopp zu sagen, keine Kugeln fliegen und es im Prinzip keine gruppenbezogene Verfolgungen gibt. Das sind die Bedingungen, die ein Land erfüllen muss, um als sogenanntes sicheres Herkunftsland zu bestehen.

Und der Deutsche? Nickt mit dem Kopf und sagt, natürlich, Leute aus solchen Ländern haben bei uns, solange sie nicht qualifiziert in der Pflege unserer Großeltern oder beim Kloputzen arbeiten können, nichts verloren. Ihr Land ist doch sicher!

Wenn man jedoch versucht, beide Verständnisse von Sicherheit mal nebeneinander zu stellen, dann kommt niemand umhin, dass sich beide Verständnisse von Sicherheit vielleicht nicht widersprechen, aber doch beißen. Für Deutschland, für uns, meint Sicherheit natürlich auch die Abwesenheit von militärischer Gewalt, aber eben auch eine gewisse rechtsstaatliche Sicherheit und darüber hinaus noch eine halbwegs geregelte Krankenversorgung, eine Grundsicherung bei Arbeitlosigkeit, die Möglichkeit Kaptial anzusparen, und so weiter.

Wenn wir aber die Sicherheit von anderen Ländern bewerten, dann reicht es zu konstatieren, dass es keine staatliche Gewalt gegen irgendwelche Gruppen und keinen Krieg gibt. Vielleicht muss man es so auf den Punkt bringen: Wenn wir auf uns blicken, gehört zu einem gefüllten Begriff von Sicherheit die Gewissheit, dass meine Familie und ich morgen und auch die Tage nach morgen etwas zum essen haben, und wenn ich es, durch welche Umstände auch immer, mir nicht leisten kann, dann ist dies eben die Aufgabe des Staates, des Gemeinwohls. Wenn wir auf andere blicken, dann sind die sicher, wenn Sie nicht unbedingt Angst haben müssen, erschossen zu werden. Ob der Mensch – ja, der Begriff Mensch fällt vielleicht viel zu selten in diesem Zusammenhang – vom Balkan oder wer weiß wo her, samt seiner Familie morgen oder die Tage nach morgen, etwas zu essen kaufen kann, dass ist dem Deutschen dann herzlich egal.

Ich kann hierfür keine Lösung anbieten, nur darauf hinweisen, dass wir es uns nicht zu leicht machen sollen, von Sicherheit bei einem Herkunftsland zu sprechen. Denn würden wir wirklich einen Umstand als sicher bezeichnen, bei dem wir vielleicht darum bangen müssen morgen und die Tage danach etwas zu essen zu finden? Ich glaube, wenn ein deutscher Politiker diese Situation für Deutschland als sicher bezeichnen würde, nun, wir würden vielleicht etwas zornig werden. Um es hier mit Wittgenstein (Philosophische Untersuchungen) zu sagen: Lassen wir unseren Verstand, der uns ein Bild von Sicherheit gibt, nicht durch die Sprache, nicht durch ein Reden von Sicherheit, dass wir nicht so verstehen würden, verhexen. Vielleicht sind wir dann etwas vorsichtiger zwischen uns und den anderen da draußen strikte Grenzen zu ziehen, denn: die wollen genau so leben wie wir. Oder, um es christlich zu formulieren: Auch der Hungernde vom Balkan ist mein Nächster. Mit Richard Rorty (Kontingenz, Ironie, Solidarität) kann festgehalten werden: „Der Prozeß, in dessen Verlauf wir allmählich andere Menschen als einen von uns sehen statt als jene, hängt ab von der Genauigkeit, mit der beschrieben wird, wie fremde Menschen sind, und neubeschrieben, wie wir sind.“ Und der gute Deutsche und der Hungerleider vom Balkan sind ja dann trotzdem gleich in ihrem Bedürfnis nach einem sicheren Leben, zu dem eben auch die Sicherheit einer regelmäßigen Mahlzeit gehört.

1Bitte, nennt es nicht Wert. Die Konjunktur dieses Begriffs in der Gegenwart hilft gar nichts und diejenigen, die von deutschen Werten reden, machen sich über die Versuche der Werteethik doch auch nur implizit lustig. Denn mit Habermas kann festgehalten werden: Werte sind etwas attraktives, etwas das anziehend ist. Dass was die CSU unter Werten versteht sind vielleicht noch irgendetwas wie Prinzipien, die man annehmen muss, egal ob sie einem attraktiv erscheinen.

2Ich behaupte das einfach mal, denn es kann nicht anders sein: Parteien die links von der AFD/CSU-Front stehen, halten sich immer ans Grundgesetz, und dort ist das Recht auf Asyl nun mal festgehalten.

Kierkegaards Grabstein oder: Stirner, Luther und vom „Ich“ und „Wir“

von Niklas Schleicher

Das Wir-Gefühl hat Konjunktur in Deutschland. Egal auf welcher Seite in egal welcher Debatte man steht, notwendig ist es, darauf hinzuweisen, dass man kein Einzelner ist, dass man Mitstreiter hat, sei es gegen Amerika, die Islamisierung des Abendlandes, gegen Zuwanderung oder auch Impfen. Aber auch der- und diejenige, die auf der anderen Seite, unbestrittenermaßen bei diesen Themen richtigeren, stehen, müssen sich absichern gegen die Meinung, dass sie alleine wären. Ja, die Demonstration gegen PEGIDA zum Beispiel wirbt eben damit, dass die Dresdner und Dresderinnen und auch ich, wäre ich ein solcher, sagen könnte, dass „wir Dresdner“ weltoffen sind, dass „unser Dresden“ eine bunte Stadt ist und so weiter. Oder wenn ich mich mehr mit meinem Arbeitsort München identifizieren würde, würde ich mich freuen, wie gut „wir Münchner“ mit den Flüchtlingen umgehen in den letzten Tagen. Inhaltlich und von der Intention her kann ich nicht anders, als dem zustimmen, genauso auch, wenn sich ein Kollektiv bildet, um sich kritisch mit der ideologischen und gefährlichen Verblendung von verschiedenen Verschwörungstheorien (vgl. „Pharmaindustrie will uns vergiften“ bei den Impfgegnern) auseinanderzusetzen. Ich möchte allen zustimmen, die ihre Stimme gegen Intoleranz und für Aufklärung erheben und sich dafür einsetzen, dass, egal wo, mittelalterliche Denkmuster überwunden werden. Aber: Wenn ich höre, dass „Wir als…“ gegen dieses und jenes sein sollten oder müssten, dann muss ich kurz schlucken, dann ist mir nicht ganz wohl bei der Sache.

„Ich habe meine Sache auf nichts gestellt.“ So beginnt das einzige Werk eines deutschen Philosophen, der weniger durch sich selbst wirkte, als vielmehr durch die Epigonen, die, beeinflusst von ihm, sich kritisch mit seinen Ideen beschäftigten. Dieser deutsche Philosoph, geboren als Johann Caspar Schmidt, veröffentlichte als Max Stirner 1844 das Buch Der Einzige und sein Eigentum. Verfasst ist es in einem recht spröden, jedoch sich pathetisch gebenden Stil, kaum vergleichbar mit der stilistischen Schärfe seines „Lehrers“ Schopenhauer oder seines „Schülers“ Nietzsche. Der Grundtenor des Buches ist die Überzeugung, dass, unter den gegenwärtigen Bedingungen, der Einzelne für sein Glück verantwortlich ist und weder Verantwortung gegenüber der Gesellschaft oder Gott trägt, noch sich darauf verlassen kann, dass es so etwas wie eine tragende Großerzählung geben kann. In dieser Zuspitzung ist es schon deutlich, das Stirner in gewisser Weise auch Lyotards These vom Ende der großen Erzählungen vorweg nimmt. Gleichzeitig ist es auch eine konsequente Form der Nachfolge Kierkegaards, nämlich im Sinne einer atheistischen Weiterführung seines Existenzialismus. Immer wenn ich höre, dass WIR dieses oder jenes so oder so machen sollten, ist es in meinem Hinterkopf Stirner, der mich warnt. In der Konsequenz kann ich jedenfalls aber auch nicht Stirner sein, denn irgendwie ist mir seine Ablehnung jeglicher intersubjektiver Verständigung, oder deutlicher, jeglicher Solidarität abschreckend. Ein reines Recht des Stärkeren oder dessen, der sich eben durchsetzt, mag man als Anhänger von Ayn Rand oder von gewissen AFDlern gut finden, ich kann es auch nicht, zumal sich, völlig kontraintuitiv, gerade diese libertären Kräfte sich zur Durchsetzung ihrer Ziele zu relativ geschlossenen Gruppen zusammenfinden.

Und doch: Ist nicht schon das Gefühl oder der Wille, ein Einzelner sein zu wollen, eigentlich irrational? Ist nicht auch die evangelische Kirche gerade heutzutage darauf bedacht, den Wert tragender Gemeinschaft in den Fokus zu stellen? 1520 schreibt Martin Luther seine sogenannten reformatorischen Hauptschriften und prägt in einer davon, in der Freiheit eines Christenmenschen, den Satz: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Nun, man ist relativ schnell dabei, freilich das erste Satzglied im Sinne einer Unvertretbarkeit und Freiheit des Einzelnen vor Gott betonend, das zweite Satzglied im Sinne tätiger Nächstenliebe etc. stark zu machen1. Unsozial oder gar asozial soll der Protestantismus nicht sein, war und ist doch schon die Rechtfertigung allein aus Glauben nicht unbedingt eine leichte Hypothek für die Konzeption einer evangelischen Ethik. Nein, sich im Anschluss an Luther wähnend – und nie ist man froher, dass Luther solche Sätze auch hatte – wird die Freiheit auf Dinge des Glaubens und der Religion beschränkt, in Sachen des Staates, der Politik etc. diese allerdings wieder eingehegt. Die Adelsschrift und v.a. die Obrigkeitsschrift Luthers einerseits und andererseits natürlich die Zwei-Regimente-Lehre, die freilich ob aller Dunkelheiten, die sie zwar nicht hervorgebracht, aber den sie auch nicht widerstanden hat, modifiziert werden muss, scheinen dieser Interpretation recht zu geben. Aber, ich denke, dass die Beziehung zwischen erstem und zweiten Satzglied der Freiheit eines Christenmenschen stärker betont werden muss und nicht zwischen den Regimentern einfach aufzuteilen ist. Denn die Freiheit eines Christen in Fragen des Glaubens heißt ja, dass er auf keinen Menschen angewiesen ist, der ihm weist, wie man ein gottgefälliges Leben führt. Dies muss in der Schärfe so verstanden werden, dass ein richtiges, was im Sinne Luthers ein doch ein gottgefälliges Leben ist, zuletzt und in schärfster Konsequenz nur dem Einzelnen und seinem Gewissen anheimgegeben ist. Vor den Menschen muss ich mich natürlich rechtfertigen, aber wenn ich nach gründlicher Prüfung des Gewissens meine Pflicht zum Widerstand erkannt habe, dann kann ich mich in dieser Entscheidung getragen wissen. Diese Pointe, sofern sie denn richtig ist, ist nicht hoch genug zu bewerten, heißt das doch, dass ich als Einzelner zu der Entscheidung ermächtigt bin, aber auch verpflichtet bin, zwischen Alternativen zu wählen. Leben heißt ein ständiges Wählen zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten und durch die in Gott geschenkte Freiheit bin ich dazu in der Lage, selbst eine Entscheidung zu treffen. Die Kehrseite ist dann auch diejenige Tatsache, die Løgstrup in Anlehnung an Kierkegaard die Unvertretbarkeit der ethischen Forderung nennt. Ich bin als einzelner dazu aufgerufen, in der Gemeinschaft, in der Gesellschaft wie auch immer zu handeln. Was geboten ist, erfahre ich durch Erziehung oder Dialog oder ähnliches. Die Aktualisierung des Gebotenen (und bei Løgstrup auch das Scheitern daran) allerdings liegt in meiner Verantwortung.

Im Lateinischen gibt es, wenn ich recht informiert bin, eine schöne Verbform: Den Kohortativ, also das „Lasst uns“. Man könnte dementsprechend von einer Kohortativisierung der Gesellschaft reden. Ich finde das nicht gut. Freilich, der Mensch ist auf Gemeinschaft angewiesen. Aber: Der Mensch ist nicht darauf angewiesen, vergemeinschaftet zu werden und sich in Sachen der eigenen Stellungnahme von Gruppen vertreten zu lassen. Vielleicht liegen meine Ausführung an meinem pathologischen Drang, mich theologisch und philosophisch mit Positionen zu identifizieren, die quer zum Konsens liegen. Und vielleicht liegt es auch daran, dass ich mich immer als links-liberal bezeichnen würde, wobei ich liberal nicht als anderen Begriff für wirtschafts- oder markthörig benutzt wissen will, sondern liberal als Konsequenz eines Begriffs des Sozialen: Sozialer Ausgleich ist nur dann wirklicher Ausgleich, wenn er den Einzelnen dazu befähigt, ein Leben in größtmöglicher persönlicher Freiheit zu führen. Aber schlussendlich weiß ich nicht, wo dieses meine Denken seinen Ursprung hat.

Und vielleicht ist dies auch etwas, wenn schon sonst das Werk teilweise zu kryptisch ist, was von Kierkegaard zu lernen ist, um was es ihm eigentlich geht und was er anscheinend als seine Grabinschrift angedacht hatte: „Jener Einzelne“. An die einzelne, unvertretbare Existenz des konkreten Menschen, an das konkrete „Ich“ wendet sich, jedenfalls im evangelischen Sinne, die Botschaft, das Wort Gottes, auch wenn es in gemeinschaftlichen Vollzügen nahe gebracht wird. Ich denke dementsprechend, eine der wichtigsten Errungenschaften des protestantischen Christentums ist die emphatische Betonung des Gedankens der Freiheit: Der Freiheit des Einzelnen ein Einzelner zu sein.

1 Dabei ist ja eigentlich doch ein bisschen andersherum: Die Freiheit vor Gott ist eben keine, über die Mensch selbst verfügt, vielmehr ist sie eine, die durch den Glauben geschenkt wird. Aus diesem Glauben ergeben sich dann als Früchte die guten Werke an den Nächsten. Aber: Worin diese letztendlich bestehen, daran bleibt die Entscheidung des einzelnen Gewissens wenigstens beteiligt.