»Gotteserschütterung« und »Gottesvergewisserung«

Das Karl-Barth-Jahr 2019 – Eindrücke und Ausblicke

von Martin Böger

»Gotteserschütterung« und »Gottesvergewisserung«. Zwei monolithische Begriffe, die wohl in besonderer Weise die Theologie Karl Barths fassen, ja fast schon sinnlich schmecken lassen können. Für Sympathisierende sind die Begriffe vergleichbar mit dem Genuss eines Gruyères in Verbindung mit einem Rotwein aus dem Burgund. Für diejenigen, die in Barths apodiktischen dogmatischen Sätzen den frommen Künder einer vergangenen Theologie erkennen, lassen die zwei Begriffe wohl eher an den bitteren Geschmack einer Zitrone erinnern.

Beide Begriffe rahmten die als Abschluss des Karl-Barth-Jahres 2018/2019 konzipierte Tagung: „Gotteserschütterung und Gottesvergewisserung. Die Gegenwartsrelevanz der Gotteslehre Karl Barths“, die vom 9. – 12. Mai 2019 in der Johannes a Lasco Bibliothek in Emden stattfand. Ausgehend von seiner Gotteslehre ging es vier Tage lang intensiv um die Theologie Karl Barths. Viel weniger im Sinne einer Hagiographie, als den Staffelstab des theologischen Denkens aufnehmend, historisch-theologische Klärungsversuche zu unternehmen, um seine theologischen Grundentscheidungen einer Wortgottestheologie der klaren dialektischen Unterscheidung zwischen Gott und Welt für eine gegenwärtige Theologie und ihrer kirchlichen Verkündigung in den Blick zu nehmen.

Einladung Emden Barth-Symposium 20192

Dass ein solches Gedenkjahr für Barth aufgrund seines 50. Todestages und des 100. Jubiläums des Erscheinens seines Römerbriefkommentares in Zusammenarbeit von EKD, der Karl-Barth Gesellschaft und dem Reformierten Bund geglückt ist, grenzt einerseits vielleicht leicht an eine (typische) barthianische Selbstüberschätzung, zeigt einerseits das Interesse und vielleicht auch die Umtriebigkeit derjenigen Theologie, die sich von seinem theologischen Werk bis heute inspirieren lässt.

Der Begriff der Gotteserschütterung trifft dabei den Kern, den Barth mit seinem dialektischen Ansatz der Krisis zu entfachen versuchte. Die Erkenntnis Gottes führt in die Erschütterung meiner selbst und meiner menschlichen Wahrheiten. Führt mich an die Grenzen von Leben und Tod, Wahrheit und Lüge. Barth öffnet damit den Erkenntnisraum gezielt über das menschlich Mögliche hinaus. Die Erkenntnis Gottes erschüttert mich und wiederholt nicht nur menschliche Gedanken zu Leben, Heil und Glück, sondern führt mich hinein die Fragilität und Fragwürdigkeit des menschlichen Lebens und an die Frage: Was kann ich hoffen?

Was aber ebenso zur dialektischen Theologie Barths gehört, ist das Moment der Gottesvergewisserung. Die Erkenntnis Gottes lässt den Menschen nicht im sprichwörtlichen Nein, sondern führt ihn in das unbedingte und bedingungslose Ja zum Menschen. Aus der Erschütterung, erwächst nicht die Verzweiflung, sondern der Blick auf das menschenfreundliche Gesicht Gottes in Jesus Christus. Mit Barth könnte man wohl sagen, dass es für den christlichen Glauben beides braucht, die Erschütterung und die Vergewisserung. Die Erschütterung, die nicht zum Selbstzweck oder zu einer vormodern und unaufgeklärt angsteinflößenden Transzendenz verleitet, sondern in das Licht einer neuerlichen und veränderten Vergewisserung und Freiheit des Menschseins in und für seine Lebens- und Sinngestaltung.

Die große Aufgabe ist dabei wohl beides, die Erschütterung wie die Vergewisserung je für sich stehen lassen zu können, nicht sofort und allzu zielstrebig ineinander überzuleiten. Denn nur so kann die menschliche Existenz in ihren Erschütterungen und die Vergewisserung vollständig und adäquat theologisch ernst genommen werden.

Den Organisatoren des Karl Barth-Symposions in der Johannes a Lasco Bibliothek ist etwas Besonderes gelungen: Karl Barths Theologie in einer Multiperspektivität, in einer hohen wissenschaftlichen Ernsthaftigkeit abzubilden und die Kontroverse zu ermöglichen, die jeweiligen Stärken und nicht nur die Schwächen verschiedener theologischer Ansätze in der Auseinandersetzung mit Barth in den Blick zu nehmen. Das Erfrischende der Tagung war der konsequente Verzicht auf einen apologetischen Barthdiskurs, der sich darin ergötzt, Barths Theologie wiederholend für die heutige Zeit zu retten und lediglich Fragen nach der Rekonstruktion der Theologie Barths zu stellen. Man hofft auf einen ausführlichen Tagungsband, der die Erträge und Früchte dieser Tagung auch für ein weiteres Publikum zugänglich machen kann.

Von den Hauptvorträgen der Tagung wäre eigentlich jeder einer eigenen eingehenderen Besprechung und Würdigung würdig. Ich will mich jedoch jeweils auf einige Schlaglichter begrenzen.

Im eröffnenden Dialogvortrag zwischen Systematik und Exegese, zwischen Magdalena Frettlöh und Benjamin Schliesser (beide Bern), zeigte sich besonders deutlich der fruchtbare und anregende Austausch der theologischen Disziplinen mit den neutestamentlichen Texten im Versuch, systematisch genauer zu fassen, was unter Glauben in seiner ganzen Tiefe im Gespräch zwischen Römerbrief und der Kommentierung Barths zu verstehen ist. Auch der andere exegetische Vortrag von Hans-Ulrich Weidemann (Siegen) zeigte neben der Rekonstruktion der Bibelexegese in Barths KD, in welcher er zielsicher und einleuchtend einige Schlagseiten der barth’schen Bibelauslegung aufzeigte, bleibende Fragestellungen des Verhältnisses der theologischen Disziplinen mustergültig auf. Gerade in diesen komplexen Dialogsituationen wird sich die Theologie ihrer inneren Verwiesenheit bewusst und muss Rede und Antwort stehen, warum und wie sie zu Glaubenssätzen zu kommen vermag. Und nicht nur die Systematik gewinnt durch den klaren Blick einer Exegese, sondern auch die Exegese gewinnt an Aussagekraft, wenn sie sich auf das Gespräch mit einer systematischen Interpretation ihrer Bibelforschungen einlassen kann.

Andreas Krebs (Bonn) stellte die Frage in den Raum „Ist Gott gescheitert?“ und widmete sich in besonderer Weise den existentiellen Erfahrungen des Menschseins, seiner Weltwahrnehmung und Hoffnungen des Glaubens zwischen »Gotteserschütterung« und »Gottesvergewisserung«. Diese provokante These gab Raum dazu, genau zu fragen, wie sich der christliche Glaube zur Erfahrung der Weltwirklichkeit zu stellen hat. Ist der Glaube fiktionale Einbildung, eine Gegenerzählung zur Wirklichkeit, die mit ihrem Grundrauschen Wirklichkeit anders wahrnehmen lässt ohne jedoch die Wahrheitsfrage zu stellen? Der Begriff der Fiktion, der als Vorschlag zum Bestimmungspunkt der barth’schen Theologie in die Diskussion eingespielt wurde, kann dabei wohl nicht als Leitkategorie des theologischen Nachdenkens erkannt werden, wenn nicht entscheidende dogmatische Grundüberzeugungen verabschiedet werden wollen. Denn der Glaube besitzt einen Wahrheitsanspruch (Vergewisserung), der andererseits nicht menschliche Erfahrungen von Leid, Schuld und Tod übergehen darf, sondern die Erschütterung in ihrer ganzen Tiefe ernst und für wahr halten muss. Diese Grenze zwischen Gewissheit der christlichen Hoffnung und der alltäglichen Erfahrung von Scheitern und Fragwürdigkeit gilt es theologisch präzise auszuloten.

Die Vorträge von Christoph Chalamet (Genf), Claudia Welz (Kopenhagen) und Paul Nimmo (Aberdeen) nahmen nochmals stärker die Gotteslehre Karl Barths aus verschiedenen Blickrichtungen heraus wahr und versuchten sie unter unterschiedlichen Leitkategorien zu akzentuieren. So war es beim schottischen Systematiker der Gedanke des Gebets, der Einsichten in die spezielle und dynamische Gotteslehre Barths eröffnete und damit wiederum die zwei Ernsthaftigkeiten in Barths Theologie vor Augen führte: Die Ernsthaftigkeit gegenüber Gott und die Ernsthaftigkeit gegenüber dem Menschen. Bei Welz kam mit den Begriffen des Zweifels und der Anfechtung eine menschliche Kategorie des Glaubens und ihren Implikationen für eine Gotteslehre in den Blick, der durch ihren Seitenblick auf Kierkegaard und Luther und deren Unterschiede noch an Schärfe gewann.

Im Überblick der Vorträge wurde die große Breite an Themen und Vortragenden deutlich. Gerade auch in den offenen Panels ist es den Organisatoren geglückt, nicht nur Allgemeinplätze der barth’schen Theologie abzubilden, sondern den Blick in unsere Moderne und ihre theologischen wie gesellschaftlichen Herausforderungen zu weiten: Friedensethik, religiöser Pluralismus, das Verhältnis von Kirchen zur politischen Obrigkeit und der internationale Blick auf die Theologie Barths kamen zu Wort und zur Diskussion.

Gerade der Diskurs mit Referenten, die bis dato nicht als (explizite) Barthiaten aufgetreten sind, schärfte den Blick der Tagung. Und auch die internationale Stärke von Barths Theologie wurde erkennbar. Denn Barth ist in besonderem Maße anschlussfähig und in verschiedenen soziokulturellen Kontexten rezeptionsfähig, da er in seiner Theologie nicht zuerst von der reinen subjektiven und damit stets auch kontingenten Weltwahrnehmung ausgeht, sondern in der Schlichtheit des theologischen Arguments vom Bibeltext, in besonderer Weise vom Römerbrief des Paulus. Man konnte erleben, dass Barths Theologie ein Anknüpfungspunkt bleibt – mit all seinen Schwierigkeiten und Aporien. Aber sie hat sich diese Anschlussfähigkeit durch die Zeiten und in internationalen Kontexten bewahrt.

Was ist das Zentrale der Theologie Barths, das Erhaltenswerte? Vielleicht kann man in aller Schlichtheit sagen: Barths Theologie hält die Frage nach Gott wach. Ihre große Stärke ist ihr theologischer Stachel, dass Theologie stets kritische Wissenschaft zu sein hat – auch sich selbst gegenüber. Theologie kann und darf sich nicht in sich selbst bequem machen und lediglich deskriptiv beschreiben zu versuchen, dass es in der Pluralität unserer Wirklichkeit verschiedene Wahrheitssystem gibt, deren Erzählungen als religiöse Weltsichten gesammelt und als Weisheitsgeschichten wiederholt werden könnten.

Bedenkenswerte theologische Ansätze in unserer Moderne gibt es viele und mit Klaas Huizing war ein pointierter Vertreter einer solchen Theologie auf der Tagung zugegen, der sich eine Neuorientierung der Theologie jenseits der überkommenen Stereotypen von Sünde, Heil, Erlösung und Dogma wünscht und diese entsprechend propagiert. Ob diese jedoch zu glücken vermag und nicht vielmehr den Kern ihrer Selbst aufs Spiel setzt, darf mit Barths Theologie beherzt in Frage gezogen werden. Ganz entsprechend des Titels der Tagung ist es vielleicht gerade die Krisis zwischen Gotteserschütterung und Gottesvergewisserung, die konstruktive Diskurs- und Wahrheitsräume auch für unsere moderne und plurale Gesellschaft eröffnen kann.

Etwas Pathetik und Apologetik sei mir zum Schluss erlaubt: M.E. kann es heute nicht nur darum gehen, lediglich im historisierenden Blick Theologie zu treiben, eine Theologie wie diejenige Barths, Schleiermachers oder auch Luthers lediglich nochmals und nochmals zu rekonstruieren und zu exegetisieren. Sondern neben dem Blick in die Vergangenheit, den Stachel der eigenen Zeit und den Anspruch christlichen Wahrheitsfrage angesichts der Weltwirklichkeit im Blick zu behalten und nach tragfähigen theologischen Antworten zu suchen. Dabei nicht nur den Menschen im Blick zu halten, sondern eben auch den sich selbst offenbarenden biblischen Gott im Kreuz Jesu Christi. Ich will ganz sicher nicht dafür plädieren, jetzt nur noch Barth zu lesen, denn selbstverständlich gibt es gerade auch in seiner pointierten Art Theologie zu treiben Aporien und blinde Flecken, wie sein unhintergehbarer „Offenbarungsoptimismus“, der zwangsläufig mit dem Herunterspielen der menschlichen Erfahrungswelt einher geht, seine manchmal fast schon ins lyrische abgleitende Erzähl- und Sprachstruktur in der Kirchlichen Dogmatik oder auch sein etwas anstrengendes Selbstverständnis – so geht Theologie und so nicht!

Vielleicht könnte es im Blick auf Gegenwart und Zukunft der Kirche und des Christentums die Einsicht sein, ein solches Lagerdenken zwischen liberaler und dialektischer/Wort-Gottes Theologie hinter sich zu lassen. Nicht im epischen Endkampf die Debatte zu führen, sondern in der gebotenen Ernsthaftigkeit um die Sache voneinander zu lernen und eigene Aporien und denkerische Schwierigkeiten in Bezug auf den christlichen Glauben und dessen Wirklichkeitsverständnis aufgezeigt zu bekommen. Ich will ganz sicher keinen Einheitsbrei anstreben, denn dafür sind mir die unterschiedlichen theologischen Stoßrichtungen in ihren Stärken allemal zu bedenkenswert.

Ich bin davon überzeugt, dass die Herausforderungen für Kirche und Christentum in unserer pluralisierten, individualisierten und säkularisierten Gegenwart enorm sind. Es geht darum, den christlichen Glauben in Wort und Tat einerseits sprach- und diskursfähig zu vermitteln und andererseits entschieden und beherzt zu leben.

Und bei dieser Aufgabe will ich auf Barths theologische Gedanken nicht verzichten.

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