Korridor, Kritik und Konstruktives. Die gegenwärtige Aufgabe und Gestalt des Öffentlichen Protestantismus

Rezension zu: Albrecht, Christian/Anselm, Reiner: Öffentlicher Protestantismus. Zur aktuellen Debatte um gesellschaftliche Präsenz und politische Aufgaben des evangelischen Christentums (Theologische Studien NF 4), Zürich 2017.

von Claudia Kühner-Graßmann

Der 2017 erschienene Essay der beiden Münchner Theologen Christian Albrecht und Reiner Anselm reiht sich zum einen ein in ihre an anderen Stellen bereits geäußerten Ansichten zur Einmischung des Protestantismus in politische Debatten.1 Zum anderen stehen die Ausführungen im Zusammenhang mit der von ihnen geleiteten Forschergruppe „Der Protestantismus in den ethischen Debatten der Bundesrepublik Deutschland 1949-1989“.2 Das Interesse an der öffentlichen Dimension des Protestantismus erscheint hier also nicht allein als Reaktion auf gegenwärtige Fragestellungen, sondern ist gleichzeitig historisch wie theologisch fundiert. Daher stellt der Essay einen wichtigen Beitrag zu der Diskussion dar, die in der letzten Woche hier anlässlich eines politischen Statements des EKD-Ratsvorsitzenden und Landesbischofs der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern, Heinrich Bedford-Strohm, geführt wurde.3

Im Kern geht es um eine liberale, zeitgemäße Fassung der Gesellschaftsfunktion des Protestantismus, die unter gegenwärtigen Bedingungen die Potentiale des Protestantismus selbstbewusst hervorhebt. Ausgangspunkt der Überlegungen bildet der an Dietrich Rösslers dreifache Gestalt des Christentums angelehnte Dreiklang der Dimensionen des Protestantismus: öffentlich, individuell und kirchlich. Für die weiteren Ausführungen bedeutet dies zweierlei: Einerseits ist hier die Rede vom Protestantismus. Das mag auf den ersten Blick zu banal für eine eigene Erwähnung klingen, erweist sich aber als grundlegend für die Perspektive des Essays. Andererseits heben Albrecht und Anselm mit ihrem Fokus auf die öffentliche Dimension des Protestantismus die anderen beiden Dimensionen nicht auf. Vielmehr gehören die drei Dimensionen untrennbar zusammen, finden sich aber jeweils in anderer Schwerpunktsetzung wieder (vgl. S. 17 u.ö.).

Unter „öffentlich“ wird die Ausrichtung auf das Gemeinwohl verstanden – aber auch die gleichzeitige Orientierung an der kirchlichen Situation (vgl. S. 7f.). Dabei kommt dieser Dimension des Protestantismus eine besondere Verantwortung für das Verbindende der Gesellschaft, für die Formulierung eines gemeinsam geteilten Guten zu. Pointiert fassen es Albrecht und Anselm in einem abgewandelten Zitat Richard von Weizsäckers zusammen: „Der öffentliche Protestantismus will nicht Politik machen, sondern er will Politik möglich machen“ (S. 43). Dabei seien die Bedingungen zu beachten, unter denen dies geschieht. Die Autoren gewinnen ihr Bild der gegenwärtigen Gesellschaftsstruktur sowie die veränderte gesellschaftliche Bedeutung des protestantischen Christentums aus einer Analyse der historischen Veränderungen während des 20. Jahrhunderts, vor allem seit 1945.

Zu ihren Thesen kommen Albrecht und Anselm, indem sie zunächst die gegenwärtigen Herausforderungen des Protestantismus (I.) beleuchten. Dabei ist ihnen besonders daran gelegen, die unhintergehbare Orientierung am Individuum und die damit einhergehende Pluralität aufzuzeigen. „Die protestantische Praxis bleibt unhintergehbar an das Individuum gebunden, weshalb es diese Praxis immer nur in vielgestaltiger Weise geben kann. Dass diese pluralen Praxisformen aber zugleich auf die Kirche als Gemeinschaft bezogen sind und sich in ihr entfalten, markiert zugleich die Grenze der Pluralität“ (S. 22).

In einem weiteren Schritt setzen sich die Münchner Theologen vom Konzept der Öffentlichen Theologie ab (II.). Neben einer drohenden Gefahr der religiösen Aufwertung bestimmter politischer Positionen oder der damit einhergehenden Berechenbarkeit politischer Positionierung von Kirchenvertretern bestehe bei der Öffentlichen Theologie die Gefahr einer Vermischung von öffentlichem und kirchlichem Bezugsrahmen der Theologie. „Es droht die Gefahr, dass der reklamierte Weltbezug des Protestantismus und damit auch die Auseinandersetzung mit konkurrierenden Positionen ebenso unterbelichtet bleibt wie die Einsicht, dass der Glaube immer auch als individueller Glaube thematisch wird, was die für den Protestantismus typische Pluralität bildet“ (S. 33). Dagegen fordern Anselm und Albrecht eine Unterscheidung von notwendiger und legitimer kirchlicher Lobbyarbeit einerseits und politisch-gesellschaftlichen Stellungnahmen andererseits. „Diese bilden vielmehr eine eigenständige Form evangelischer Gesellschaftsverantwortung, genauer: den Ausdruck einer in der individuellen Frömmigkeit wurzelnden, im kirchlichen Rahmen zur öffentlichen Wirksamkeit gebrachten Zuwendung zu der im Glauben zu ihrer Weltlichkeit befreiten Welt“ (S. 34).

Sodann werden Aufgaben des Öffentlichen Protestantismus beschrieben (III.). Dabei wird zunächst das jeweils eigentümliche Profil der drei Dimensionen des Protestantismus beschrieben. Der individuellen Dimension entspreche das Engagement des einzelnen Christen als Bürger oder Politiker; der kirchlichen Dimension das bereits mehrfach angesprochene lobbyistische Handeln und der öffentliche Protestantismus habe eben die Verantwortung für das gesellschaftlich Verbindende sowie die ermöglichenden Rahmenbedingungen der Politik (vgl. S. 42f.). „Seine Bedeutung besteht in der Markierung eines Korridors für mögliche Verständigungen und damit in der Eröffnung, nicht der positionellen Schließung des politischen Diskurses“ (S. 43). Er hat demnach auch eine Korrektivfunktion. So zeigen Albrecht und Anselm zwei große Aufgabengebiete des Öffentlichen Protestantismus auf: Zunächst gelte es, einer Sakralisierung der Welt sowie der religiösen Aufladung gesellschaftlicher Entscheidungskonflikte und der gesellschaftlichen Strukturen entgegen zu wirken. Damit wird die reformatorische Unterscheidung von Gott und Welt aufgenommen und die berechtigten Anliegen der lutherischen Zwei-Reiche-Lehre sowie der reformierten Königsherrschaft Christi zur Geltung gebracht (vgl. S. 45).

Die zweite Aufgabe bestehe darin, die gemeinsamen gesellschaftlichen Überzeugungen, die einerseits wandelbar sind, andererseits immer schon vorausgesetzt werden, zu formulieren und präsent zu halten (vgl. S. 48f.). Es geht dabei um die geteilten Vorstellungen vom guten Zusammenleben, wobei zwischen Aussagen, die auf den Glauben bezogen sind, und solche, die auf die Lebensführung bezogen werden, unterschieden werden sollte. Dabei ist den Autoren der spezifische Bezug auf die konkreten Umstände wichtig. Dieses Eingebettetsein in umgebende Lebensformen bewahre dabei vor individualistischer Verengung – trotz und gerade wegen dieses Kontextbezugs. Besonders der Vergleich mit dem Verkündigungsgeschehen der Predigt im Rahmen des Gottesdienstes ist hier erhellend. Denn am Beispiel Gottesdienst lässt sich das Zusammenspiel von verbindenden, rahmenden Elementen der Liturgie und den verkündigenden Teilen, innerhalb derer individuelle Äußerungen und damit die Freiheit des Einzelnen ermöglicht werden, beobachten.

Nach diesen Aufgaben widmen sich Albrecht und Anselm dem Programm des Öffentlichen Protestantismus (IV.), konkreter: den Kriterien des vom Öffentlichen Protestantismus eröffneten Korridors. Dabei changieren sie zwischen normativen Vorgaben und geschichtlicher Vorläufigkeit. Sie ordnen die gegenwärtigen Bedingungen ein in den breiteren Kontext der protestantischen Tradition und sorgen zugleich dafür, dieses Gegenwärtige eben als geschichtlich Gewordenes nicht normativ zu überhöhen.4 Ihr Changieren zwischen Normativität und liberaler Relativierung zeichnet die Ausführungen aus und führt sie zugleich über „klassisch“ liberale Positionen hinaus. Liberal ist dieser Entwurf aber dennoch, was sich besonders am Anliegen der Ermöglichung von Freiheit zeigt. „Liberalität bedeutet nicht nur die Anerkennung von Pluralität, sondern die Anerkennung der Legitimität von Konflikten – unter der Voraussetzung allerdings, dass es einen verbindenden Rahmen gibt, innerhalb dessen die Konflikte ausgetragen werden“ (S. 59). Gerade angesichts populistischer Klagen darüber, dass die eigene Position marginalisiert werde, kommt dem Öffentlichen Protestantismus die Aufgabe zu, einen Rahmen für solche Konflikte aufzustellen. Mit den Worten der Autoren: „Öffentlicher Protestantismus zielt auf die Befreiung der Politik zu ihrem Politisch-Sein“ (S. 59).

Dazu werden drei Grundsätze formuliert, welche die drei Artikel des Credos aufnehmen und sich als Konkretisierung des christlichen Freiheitsgedankens verstehen lassen (vgl. S. 51):

  1. Gott der Schöpfer: Stellungnahmen des Öffentlichen Protestantismus haben die Weltlichkeit der Welt zu respektieren.

  2. Gott der Versöhner: Es soll Freiheit in der Gemeinschaft ermöglicht werden.

  3. Gott der Erlöser: Schließlich soll die Zukunftsfähigkeit menschlichen Lebens gewährleistet werden.

„Die Ausrichtung des Öffentlichen Protestantismus auf das Gemeinwohl zielt nach dem hier Ausgeführten gerade nicht darauf, einen festen Kanon konkreter Forderungen mit der Autorität des Glaubens aufzustellen.“ (S. 54).5 Es geht folglich darum, gesellschaftliche Rahmenbedingungen des Politischen zu stabilisieren. Aber darin erschöpfe sich das Potential des Öffentliche Protestantismus nicht. Vielmehr bringt er auch – wie bereits oben gezeigt – konkrete Vorschläge in die politische Diskussion ein.

Diese sehr kurz gehaltenen Bemerkungen zu Inhalt und Vorgehen möchten in ihrer Grobheit nun nicht die Lektüre dieses Essays ersetzen, sondern vielmehr zu selbiger anregen. Die hier vorgelegte Fassung des Öffentlichen Protestantismus wird nicht nur den Bedingungen der gegenwärtigen Gesellschaft gerecht, sondern ermöglicht dem Protestantismus ein selbstbewusstes Auftreten. Für die Analyse gegenwärtiger Diskussionen sowie die Formulierung eigener Beiträge können die Ausführungen Albrechts und Anselms einen wichtiger Beitrag und ein heilsames Korrektiv darstellen – gerade in ihrem Fokus auf der Ermöglichung von Freiheit. Es ist gerade dieses Ernstnehmen des Individuums bei gleichzeitiger Ermöglichung eines normativen – dabei immer auch situativen! – Agierens als Öffentlicher Protestantismus, das diesen Essay in seiner Differenziertheit über bisherige Überlegungen zum Thema der Öffentlichkeitswirksamkeit des Protestantismus hinaushebt und die Lektüre ungemein lohnend macht.

3Hierbei sei auch eigens nochmals darauf hingewiesen, dass der Artikel von Tobias Graßmann und Niklas Schleicher von der WELT aufgegriffen wurde: https://www.welt.de/politik/deutschland/article173487086/Heinrich-Bedford-Strohm-EKD-Chef-bekommt-Kritik-von-links.html

4Hierbei ist eine Orientierung an Ernst Troeltsch erkennbar, die bei Albrecht und Anselm wenig überraschen dürfte.

5Vgl. auch: „Öffentlicher Protestantismus ist diejenige Dimension des Protestantismus, die gerade unter modernen Bedingungen sich dem bonum commune verpflichtet weiß, indem es sich an dessen Herstellung ebenso wie an deren Tradierung beteiligt. Nur auf der Grundlage einer solchen Orientierung am Gemeinwohl wird der Freiheitsanspruch, für den der Protestantismus steht, konkret“ (S. 62).

Ein Gedanke zu “Korridor, Kritik und Konstruktives. Die gegenwärtige Aufgabe und Gestalt des Öffentlichen Protestantismus”

  1. Wer rechnen kann, ist klar im Vorteil: wenn nur max. 3% der Stakeholder Anteil am „öffentlichen“ Kern des Protestantismus. dem Gottesdienst, wollen, hat dieses Subsystem keinen Anteil mehr an der Öffentlichkeit, oder wie Luhmann es ausdrückt: es ist dysfunktional.
    Da nützt auch kein theologisches Schönschreiben.
    By the way: was verstehen die Jungs denn so unter „Gemeinwohl“?
    Da diese Idee längst unter die ideologischen Räuber gefallen ist, muss sie klar definiert werden. Miriam Meckel hatte in der WiWo grad analysiert: der Diskursraum ist vernichtet, der Konsenz zur Verständigung zerstört, es gibt kein „gemein“ mehr und keine Öffentlichkeit im Habermaßschen Sinne.
    Uund der „Protestantismus“ hatte nicht mal den Hauch einer Idee, dagegenzuhalten. Nichtmal innerkirchlich wird eine echte Diskurs-Teilhabe von Nicht-Religionsbeamten aka Priesterschaft aller Gläubigen kultiviert.
    Im New-Institutionalism sind die Legitimitations-Bedingungen der Stakeholder: believing and belonging – für beides war die liberale Theologie der Sargnagel innerhalb der evangelischen Großkirche hierzulande. Wir sterben zwar nicht so schnell wie andere Institutionen: die SPD, Beate-Uhse oder der ESC. Abschottung im Elfenbeinturm kann das aber noch fast and furious beschleunigen. Ist das die Absicht dieser Selbstsuggestion?

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