Ist die bischöfliche Parteinahme für die Große Koalition angemessen?

 

Quelle Bild: BR-Mainfranken/Marcus Filzek

Hintergrund und Anlass dieses Klärungsversuchs

Kaum ein Lehrstück des lutherischen Protestantismus hat in den letzten fünfzig Jahren soviel Kritik erfahren wie die sogenannte Zwei-Reiche-Lehre. Diese besagt, ganz grob, dass Gottes Weltregierung zwei Regimenter, also Regierweisen kennt. Ein geistliches Regiment zur Rechten, welches dazu da ist, das Evangelium zu verkünden und die Sakramente zu verwalten, und daneben das weltliche Regiment zur Linken, welches dazu da ist, die allgemeine Ordnung und den Frieden aufrecht zu erhalten. Wird das geistliche Regiment in der und durch die Kirche ausgeübt, so kann das weltliche Regiment mehr oder weniger direkt mit der Staatsgewalt identifiziert werden.

Die Kritik an diesem Lehrstück entzündete sich vor allem im Rückblick auf die Erfahrungen während der Herrschaft der Nationalsozialisten im sog. „Dritten Reich“, wobei die Bekennende Kirche der Zwei-Reiche-Lehre das Gegenmodell einer universalen Königsherrschaft Christi entgegengehalten hatte: Es gebe keine zwei unterscheidbaren Sphären, durch die Gott seinen ordnenden Einfluss ausübt, sondern auch die staatliche Macht unterstehe direkt seiner Autorität.

Hier soll es jetzt nicht darum gehen, ob die Deutschen Christen Luther sachgemäß interpretiert haben (eher nicht) oder ob sich die Zwei-Reiche-Lehre in Luthers Sinne so stark von der Lehre der Königsherrschaft Christi unterscheidet (eher nicht). Was jedenfalls während des Kaiserreichs, im sog. „Dritten Reich“ und auch später von konservativen Lutheranern (nach dem zweiten Weltkrieg am deutlichsten: Walter Künneth) vertreten wurde, ist folgende Sicht auf das Verhältnis von Kirche und Politik: Die Kirche und die kirchliche Öffentlichkeit haben sich politischer Äußerungen zu enthalten, denn: Das Reich zur Linken sei eben auch von Gott eingesetzt. Dagegen setzten die Theologen, die sich in der Nachfolge der Bekennenden Kirche wussten, unter anderem die aus Hes 33,1-9 stammende Vorstellung eines kirchlichen Wächteramts: Kirchliche Stellungnahmen dienen demzufolge dazu, die Politik von allem abzuhalten, was wider Gottes Willen und die Prinzipien des christlichen Glaubens steht.

Beide Positionen werden in dieser Reinform heute eher nicht mehr vertreten. Sowohl die Öffentliche Theologie, die sich in der Nachfolge Wolfgang Hubers sieht, als auch andere ethische Schulen, die etwa mehr der Linie Trutz Rendtorffs folgen, sind sich – ganz grob – darin einig, dass weder politische Enthaltsamkeit, noch die Vorstellung einer religiösen „Oberaufsicht“ über die Politik sachgemäß sind. Ja, selbst parteipolitisches Engagement sei nicht mehr in jedem Fall unschicklich für Menschen, die als Pfarrer und Pfarrerinnen arbeiten. Dabei wird auch deutlich: Es gibt nicht die eine christliche Position, die politisch zu vertreten ist. Vielmehr sind die je Einzelnen zur Verantwortung und zur Stellungnahme gerufen, wobei es freilich Positionen geben kann, die jenseits des Korridors liegen, welchen der christliche Glaube vorgibt. Dass wiederum eine solche Grenzbestimmung theologisches und ethisches Nachdenken erfordert, bedarf wohl keiner gesonderten Begründung.

Nach dem Abschluss der Koalitionsverhandlungen schrieb nun der bayerische Landesbischof und Ratsvorsitzende der EKD Heinrich Bedford-Strohm auf Facebook:

„Ich begrüße es ausdrücklich, dass die Koalitionsverhandlungen zu einem Ergebnis geführt haben, auf das sich alle beteiligten Parteien einigen konnten. Alle, die nun über Annahme oder Ablehnung dieses Ergebnisses zu entscheiden haben, müssen gründlich abwägen, wie sie ihrer Verantwortung am besten gerecht werden können. Denn Verantwortung ist jetzt gefragt. Es geht nicht darum, wie man sich persönlich besser fühlt, sondern es geht darum, wie den Menschen, um die es geht, insbesondere den Schwächsten und Verletzlichsten, am besten geholfen ist. Es kann jetzt auch nicht zuerst um Parteiinteressen gehen sondern es geht um Verantwortung für das ganze Land, für Europa und, gerade im Hinblick auf die uns so wichtigen globalen Gerechtigkeitsfragen, auch für die Welt. Wer jetzt eine verantwortliche Entscheidung zu treffen hat, muss sich genau Rechenschaft darüber ablegen, was die realistischen Alternativen zur Bildung dieser Koalition sind und bei welcher der Alternativen die Wahrscheinlichkeit am größten ist, dass Schritte in die richtige Richtung getan werden. Jetzt wünsche ich denen, die die Nacht durchverhandelt haben, aber vor allem eine dicke Portion Schlaf!“

Eigentlich entspricht dieses Posting auf den ersten Blick genau dem, was soeben skizziert wurde: Bedford-Strohm lobt den politischen Kompromiss und empfiehlt die Abwägung des Koalitionsvertrags durch diejenigen, die darüber zu entscheiden haben. Er spricht sich auf den ersten Blick nicht für eine Richtung aus, sondern appelliert an die Verantwortung des Einzelnen. Spätestens beim zweiten Lesen kam bei uns allerdings die Intuition auf, dass hier etwas durcheinander geht.

Zunächst: Wer sind die Angesprochenen? Bedford-Strohm spricht zu denen, die „über Annahme oder Ablehnung dieses Ergebnisses zu entscheiden haben“. Dies sind natürlich bei den Unionsparteien die Parteispitzen. Diese haben allerdings den Vertrag mit ausgehandelt, eine Ablehnung erscheint somit eher ausgeschlossen. Also richtet sich der Beitrag mehr oder weniger explizit an die Parteibasis der SPD, die in einer Mitgliederbefragung über Ja oder Nein zum Vertrag entscheiden darf.

Im zweiten Argumentationsschritt nennt er dann die Verantwortung als Maßstab für die Entscheidung, und zwar Verantwortung für die Schwächsten und Verletzlichsten – in nationaler und globaler Perspektive. Diese und nicht persönliche Befindlichkeiten oder „Parteiinteressen“ sollen im Vordergrund stehen. Wer allerdings dann gegen den Koalitionsvertrag stimmt, müsse „sich genau Rechenschaft darüber ablegen, was die realistischen Alternativen zur Bildung dieser Koalition sind“.

Der implizite Argumentationsgang ist deutlich: Verantwortung sei zu übernehmen, diese benötige eine handlungsfähige Regierung, alles außerhalb der GroKo scheint dabei nicht denkbar oder zumindest nicht realistisch und von daher sei diese alternativlos. Im Ergebnis wird eine Ablehnung der GroKo zumindest in die Nähe der Verantwortungslosigkeit gerückt.

Dies wird alles vorgetragen über den offiziellen Account des Bischofs und in einem Sprachduktus, der in seiner emotionalen Rhetorik und moralischen Verbindlichkeit nicht zu unterscheiden ist von geistlichen Worten des Bischofs. So wird in einer vordergründigen Unparteilichkeit doch deutlich für eine Richtung argumentiert. Versucht der Bischof hier etwa, die Gewissen der evangelischen Christinnen und Christen in der SPD zu binden?

Zurück zum Anfang: Es ist für uns unbestritten, dass sich Vertreter der Kirche politisch äußern dürfen und sollen – zum Beispiel, wenn es darum geht, Menschlichkeit in der Politik anzumahnen. Es ist für uns auch klar, dass sich Kirchenvertreterinnen und -vertreter durchaus parteipolitisch betätigen dürfen. Das allerdings sollten sie in der gleichen Art und Weise tun, wie andere Akteure des politischen Diskurses – sich also hier nicht aufgrund ihres Amts eine höhere Legitimation zuweisen. Wenn Kirchenvertreter für eine ganz bestimmte parteipolitische Entscheidung in einer Art und Weise das Wort ergreifen, die nicht von anderen Äußerungen unterscheidbar ist, ja, die in gewisser Weise als Verlautbarung ihres Amts und nicht ihrer Person zu verstehen ist, dann widerspricht dies einer grundlegenden Auffassung protestantischer Ethik: Nämlich derjenigen, dass die Entscheidung über eine politische Option etwas ist, das der Einzelne zu verantworten hat, und dass es für diese keinen durch die Kirchenleitung vorgegebenen ‚richtigen‘ Weg gibt. Zudem stellt sich die Frage, ob nicht die Kraft kirchlicher Stellungnahmen gegenüber der Politik geschwächt wird, wenn solche Kommentare und implizite Weisungen in zu vielen, auch – wie wir meinen – eher undramatischen, Fällen ergehen.

Ob nun dem Koalitionsvertrag zuzustimmen ist, muss jede Protestantin und jeder Protestant, der Mitglied der SPD ist, selbst entscheiden. Es gibt sowohl gute Gründe dafür als auch gute Gründe dagegen. Die Parteinahme für die Schwachen und Schutzbedürftigen taugt hier gerade nicht als eindeutige Orientierung, wie viele kritische Stimmen zum Koalitionsvertrag etwa aus den Reihen der Pflege oder der Flüchtlingshilfe dokumentieren. Das Votum des Bischofs, das ganz deutlich eine Richtung präferiert, ist jedenfalls nach unserem protestantischen Verständnis nicht die maßgebliche Instanz der Entscheidungsfindung und vermischt in problematischer Weise private politische Stellungnahmen, geistliches Wort und kirchenamtliche Verlautbarung.

Niklas Schleicher

Verhältnisbestimmung von Theologie und Politik

Vor diesem Hintergrund gelangen wir zu folgenden zehn Thesen zur Verhältnisbestimmung von Theologie, kirchenleitendem Amt und Politik:

1. Wir vertreten die Ansicht, dass Kirche und Theologie immer und unausweichlich politisch Stellung beziehen.

2. Prophetische Kritik an Gesellschaft und Politik gehört zur Aufgaben der Verkündigung, die allen Christenmenschen gemeinsam aufgetragen ist und von den Amtsträgern in diesem Sinne gestaltet wird.

3. Eine politische Enthaltsamkeit durch Kirche und Theologie läuft faktisch auf eine religiöse Legitimation für die jeweils hegemoniale Politik hinaus.

4. Daraus ziehen wir die Konsequenz, dass Theologinnen und Theologen zu politischem, auch parteipolitischem Engagement durchaus zu ermutigen sind.

5. Bedingung ist, dass dieses Engagement transparent gemacht wird und der Verantwortung für den Frieden in der Kirche nicht zuwider läuft.

6. Aus den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts verbietet sich jeder Versuch, die Lehre der Kirche und das Evangelium Jesu Christi einem politischen Projekt unterzuordnen und so für politische Zwecke zu missbrauchen.

7. Politische Betätigung von Amtsträgern darf nicht zu einer verschleierten politischen Missionierung führen, sondern sollte vielmehr die eigenständige Meinungsbildung anregen und politische Streitkultur innerhalb wie außerhalb der Kirche fördern.

8. Zurückgewiesen wird jeder Anspruch einer Partei, die allein zulässige christliche Position in politischen Fragen zu vertreten.

9. Wenn einzelne Theologinnen oder Theologen bzw. die Kirchenleitung ausdrücklich und unmittelbar zu politischen Themen Stellung nehmen, so treten sie nicht allein als Dienerinnen und Diener des Verkündigungswortes, sondern als politische Akteure auf.

9. Solche Stellungnahmen sind nicht den Regeln des politischen Diskurses enthoben und ihre Meinung ist nicht in besonderem Maße vor Kritik geschützt, sondern anderen weltanschaulichen oder wissenschaftlichen Stellungnahmen prinzipiell gleichgestellt.

10. Niemand ist befugt, mit theologischen oder kirchenleitenden Stellungnahmen die Gewissen in politischen Entscheidungen binden zu wollen.

Niklas Schleicher und Tobias Graßmann

Kritische Bewertung der zitierten Stellungnahme

Auf der Grundlage unserer Thesen sowie in Bekräftigung der lutherischen Unterscheidung zwischen weltlichem und geistlichem Regiment kommen wir zu folgender Feststellung:

Die Einflussnahme des Landesbischofs und EKD-Ratsvorsitzenden Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm auf den Mitgliederentscheid der SPD verwischt tendenziell die Unterscheidung der Regimenter. Eine so direkte Einflussnahme der Kirchenleitung auf die Politik wäre unseres Erachtens nur geboten in Fällen, in denen die freie Religionsausübung oder die Menschenwürde unmittelbar gefährdet sind. Dies ist im Fall der aktuellen Bemühungen um eine Koalitionsbildung nicht gegeben.

Wir sehen daher bei Herr Bedford-Strohm kein hinreichendes Mandat für die Einmischung in den Mitgliederentscheid der SPD. Wir warnen vor einer Interpretation des prophetischen Wächteramts der Kirche, welche das Amt des oder der leitenden Geistlichen mit einem politischen Repräsentationsamt verwechselbar macht. Wir kritisieren ein Verständnis von öffentlicher Theologie, demzufolge nahezu jede politische Einzelentscheidung (und entsprechend auch die Verfahren der innerparteilichen Willensbildung) in den Bereich kirchenleitender Weisungen fallen. Angesichts solcher Grenzverwischungen befürchten wir langfristig eine verhängnisvolle Vermischung von kirchlicher und politischer Sphäre auf der Ebene der Kirchenleitung.

Es steht Herrn Bedford-Strohm selbstverständlich die Möglichkeit offen, als Theologe, Christenmensch und Sozialdemokrat mit ruhender Parteimitgliedschaft seine eigene Meinung zum Mitgliederentscheid kundzutun. Dabei hätte er unseres Erachtens aber einen Kommunikationsweg zu wählen, der klar von einer offiziellen kirchenleitenden Verlautbarung unterschieden ist, sowie seine Sprache ihres bischöflichen Ornats zu entkleiden.

Tobias Graßmann

Für diesen Beitrag zeichnen:

Tobias Graßmann, Pfarrer der ELKB, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Systematische Theologie (Dogmatik) in Göttingen und Sozialdemokrat

Tobias Jammerthal MA (Dunelm.), theologischer Doktorand in
Tübingen und Sozialdemokrat

Claudia Kühner-Graßmann, Doktorandin der ev. Theologie, Stipendiatin der Friedrich-Ebert-Stiftung und Sozialdemokratin

Julian Scharpf, Vikar der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und Sozialdemokrat

Niklas Schleicher, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Systematische Theologie und Ethik an der Ev-Theol. Fakultät der LMU und Sozialdemokrat

 

Weitere Unterstützer:

Philipp Kurowski, Dr.theol., Pastor der ev.-luth. Kirchengemeinde Großsolt-Kleinsolt, Nordkirche

26 Gedanken zu „Ist die bischöfliche Parteinahme für die Große Koalition angemessen?“

  1. Nein, sie haben nicht Recht.. ich finde es nicht ok, wie die Politik sich da das ausrechnet, was sie da machen, sondern es geht um Verantwortung Politik zu machen – und genau den Punkt Herr Bedford-Strohm hervor, dass es darum geht und das fand ich sehr gelungen!!

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  2. Ich empfinde es als unangemessen, wie Ihr „implizit“ die Stellungnahme Bedford-Strohm zugunsten des Koalitionsvertrages auslegen. Er hat sich anders ausgedrückt. Immer noch werden Alternativen wie Neuwahlen oder eine Minderheitenregierung öffentlich diskutiert. Bedford-Strohm ruft dazu auf, diese (und ggf. andere zu erwartende) Alternativen sorgfältig im Sinne derer, die am meisten Schutz brauchen, abzuwägen.

    Dort etwas „implizit“ hineinzuinterpretieren (und sich selbst oder seine „implizit konträre“ Haltung zu profilieren?) wird der Sache nicht gerecht.

    Sorry, aber wie Ihr da Eure unterschiedlichen Funktionen und Parteimitgliedschaften miteinander verknüpft, macht Ihr genau das, was Ihr m.E. zu Unrecht Bedford-Strohm vorwerft, und zwar nicht „implizit“, sondern ziemlich offensichtlich.
    Nehmt doch Stellung: Dass Ihr den Koalitionsvertrag ablehnt.
    Aber schiebt nicht eine Stellungnahme Bedford-Strohms vor.

    Und wertet diese Eure Stellungnahme nicht durch einen „wissenschaftlich-theologischen“ Duktus und Eure entsprechenden Ämter künstlich auf.

    Dieses ganze Rumgemache in der SPD führt die Partei nur noch weiter an den Abgrund.
    Reicht es nicht, dass die AfD in den Bundestag Einzug gehalten hat?
    Muss sich eine altehrwürdige Partei wie die SPD sich wirklich dermaßen selbst zerlegen?

    So „von hinten durch die Brust ins Auge“ wird es jedenfalls mit der SPD nicht aufwärts gehen.

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    1. Sehr geehrter Herr Kehren,
      vielen Dank für ihren ausführlichen Kommentar.
      Zunächst: Das man diesen Beitrag auch anders verstehen kann, ist richtig. Dennoch: Aus dem Kontext der Äußerung, der expliziten Erwähnung der Ärmsten und dem Hinweis auf die genaue Rechenschaftspflicht über die Alternativen (als ob die Zustimmung nicht auch genaue Rechenschaft vor sich selbst erfordern würde) lassen schon vermuten, dass das Plädoyer eher in diese Richtung gemeint war. Denn, und hier ist das Hauptproblem: Warum braucht es in dieser Frage ein Bischofswort? Ist das nicht sowieso zu erwarten, dass sich die SPD-Mitglieder Gedanken über ein Für- und Wider machen? Und: Wie unterscheidet sich diese Aussage des Bischofs von anderen, eher geistigen Worten auf dieser Plattform? Gerade, wenn man in Betracht zieht, dass die Option für die Armen ein genuin christliches Konzept der öffentlichen Theologie ist, ja, dort als eine direkte Konsequenz des Evangeliums gesehen wird, verschwimmen die Grenzen hier m.M.n. sehr. Nicht falsch verstehen: Den Inhalt und diese Vorstellung teile ich sehr. Allein: Es kann eben nicht einfach mit einem politischen Konzept, nicht mit einer politischen Option kurzgeschlossen werden. Zusammengefasst also: Die Nichtunterscheidung zwischen den verschiedenen Aussagen des Bischofs und die Identifizierung einer politischen Position mit dem Guten aus christlicher Perspektive kritisieren wir.
      Jetzt aber noch zu einigen anderen Punkten ihres Kommentars: Dass Sie uns unterstellen, wir würden unsere Ämter nutzen und den Beitrag wissenschaftlich-theologisch aufwerten, verstehe ich jedenfalls nicht. Die „Ämter“ sind schlicht unsere Berufsbezeichnungen. Diese sind googlebar, stehen aber auch sonst auf unserer Seite. Und, wenn Sie sich die Mühe machen wollen, noch andere Beiträge auf unserer Seite zu lesen: Wir versuchen im Großen und Ganzen meist einen reflektierten Stil unserer Beiträge. Ob diese deshalb wissenschaftlich-theologisch künstlich aufgeladen sind, überlasse ich ihrem Urteil.
      Jetzt aber zum letzten Punkt: Ja, wir sind Sozialdemokraten. Dies ist im Kontext unseres Blogs, der sich der theologischen Arbeit widmet eher zufällig. Dass Sie meinen schlussfolgern zu können, dass wir den Koalitionsvertrag ablehnen würden, erstaunt mich jedenfalls sehr. Wenn ich ehrlich, weiß ich noch gar nicht, wie ich mich dazu verhalten werden. Dazu muss ich mich erst ausführlich mit diesem auseinandersetzen und Rechenschaft über ihn und die möglichen Alternativen abwägen. Wie sich die anderen Unterzeichnenden entscheiden werden, weiß ich auch nicht. Ganz vorläufig sehe ich, und mehr haben wir auch nicht geschrieben, dass es Gutes und Weniger Gutes im Vertrag gibt. Deshalb finde ich es schon recht sportlich, dass Sie uns vorwerfen, dass wir Dinge in das Posting des Bischofs reinlesen würden, obwohl wir uns ja wenigstens Mühe geben, es zu begründen, um dann im gleichen Beitrag etwas in unsere Stellungnahme hineinzulesen, dass dort definitiv nicht steht.
      Herzlich grüßt,
      Niklas Schleicher

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      1. Lieber Niklas, liebe alle anderen,

        ich stimme euch im Grundsatz von ganzem Herzen zu und kann anders als Bernd Kehren keinen persuasiven Duktus in Richtung Ablehnung erkennen. Im Gegenteil: Ich finde eure Ausführungen schlüssig und differenziert genug.
        Das ein „wissenschaftlich-theologischer Duktus“ vorgeschoben würde, finde ich, mit Verlaub, lächerlich.

        Dennoch zeigt Bernd Kehren auf einen anderen Zusammenhang, der mir auch erst durch das Lesen seines Kommentars aufgezeigt wurde.
        Ich persönlich hatte den Post von HBS ebenso wie ihr verstanden und durch meine Vorurteile erst gar nicht anders verstehen können.
        Anscheinend ist der Post von HBS aber eben doch „neutraler“ und interpretationsoffener als anfänglich gedacht.
        Deshalb frage ich mich nun, ob die Behandlung der von euch genannten Problematik in diesem speziellen Fall nicht zu hoch ansetzt.
        Damit möchte ich euch im Grundsatz keinesfalls widersprechen.
        Aber liegt das Problem (wie so häufig in der derzeitigen kirchlichen Kommunikation) darin, dass nicht geklärt ist, ob der Post, z.B. eines Bischofs, privat-öffentlich oder offiziell-öffentlich ist. Damit liegt eine allgemeine Ratlosigkeit bzw. Uneindeutigkeit darüber vor, welche Bedeutung diesem beigemessen werden soll.
        Ich verstehe euch so, dass die in dem Facebook-Post vertretene Meinung durchaus O.K. wäre, wenn sie als Privatmeinung geäußert würde.
        Das führt nun aber zu der Frage nach der Rolle eines evangelischen Bischhofs in einer modernen, pluralistischen und liberalen (und vielleicht sogar singularisierten) Demokratie. Das macht das Problem vielleicht zugänglicher als die Kiste mir der Zwei-Reiche-Lehre vs. Königsherrschaft.
        Ich denke in anderen Beispielfällen wäre eure Beschreibung und Kritik treffender. Lediglich der Aufhänger scheint mir dieses Mal bei einem dritten Lesen, nicht ganz passend zu sein.

        Beste Grüße und weiter so
        Michael Greder

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  3. „es geht um Verantwortung für das ganze Land, für Europa und, gerade im Hinblick auf die uns so wichtigen globalen Gerechtigkeitsfragen, auch für die Welt.“
    Weltfrieden.
    Er hätte gleich Weltfrieden sagen können.
    Dann wäre es wenigstens auch dem letzten Depperl offensichtlich gewesen, dass er in jeder Hinsicht Grenzen überschreitet.
    1. Er ist nicht derjenige, der den SPD Mitgliedern erklären muss worum es geht.
    2. Es ist typisch deutsche Melodramatik, anzunehmen von einer Verzögerung in der deutschen Regierungsbildung hinge die Weltgeschichte ab. Mitnichten. Weder sind wir dafür bedeutend genug, noch ist eine weitere Verzögerung in der Regierungsbildung der Untergang. Das wären nicht mal Neuwahlen.
    3. Gerade als Christen wissen wir, dass Weltfrieden nicht unser, sondern Gottes Auftrag ist. Das ist der eschatologische Vorbehalt, wenn man es so nennen will. Wir können, so doof das klingt, immer nur eine relativ bessere Welt hinbekommen. Die Verantwortung für Weltfrieden liegt nicht bei den SPD-Mitgliedern, nicht bei uns Deutschen, nicht bei uns Menschen.
    4. Ja, man kann der Meinung sein, eine Große Koalition ist derzeit das relativ beste, was politisch in unserem Land erreichbar ist. Ich bin das übrigens auch. Aber die Sozis sind als Parteimitglieder gefragt und sollen entscheiden, was ihre Partei tun soll, und dabei darf eine Rolle spielen, was ihrer Partei nützt. Nennt sich Demokratie.
    Heidelbaer

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  4. „Was jedenfalls während des Kaiserreichs, im sog. „Dritten Reich“ und auch später von konservativen Lutheranern (nach dem zweiten Weltkrieg am deutlichsten: Walter Künneth) vertreten wurde, ist folgende Sicht auf das Verhältnis von Kirche und Politik: Die Kirche und die kirchliche Öffentlichkeit haben sich politischer Äußerungen zu enthalten“

    Na Na Na, das ist ja ganz schön falsch, verkürzt und ungerecht. Mag sein, dass ein paar Erlanger das so formuliert haben. Künneth hat in der Auslegung von Röm 13 durchaus deutlich gemacht, dass die Kirche Gott mehr gehorchen solle als den Menschen und da auch streiten und leiden muss. Und das ist nur einer. Sasse, Iwand, für das Kaiserreich das Leipziger Neuluthertum, die waren alle im Rahmen ihrer Möglichkeiten obrigkeitskritisch.

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    1. Vielen Dank für die Differenzierung. Es stimmt natürlich, auch die konservative lutherische Theologie weist da eine gewisse Spannbreite auf. Teilweise haben die Protagonisten auch eine Entwicklung durchgemacht – am deutlichsten sicher Iwand, der ja in vielerlei Hinsicht eine Art Mischgestalt ist. Den Hinweis, dass das Bild auch für Künneth komplexer ist, nehmen wir gerne an.

      Trotzdem kann man (gerade, wenn man auf die wirkungsgeschichtlich schon dominierenden Erlanger blickt) wohl eine in der Tendenz affirmative Haltung zur Obrigkeit und einer starken Präferenz für ein autoritäres Staatsverständnis kaum in Abrede stellen. Es wäre sicher wert, genauer hinzusehen, an welchen Fragen sich die konservativ-lutherische Kritik an der Obrigkeit entzündet und wie weit diese Spielart des Protestantismus tatsächlich gehen kann, ohne in Gegensatz zu den eigenen theologischen Grundlagen in der Zwei-Reiche-Lehre und Ständelehre zu geraten.

      In unserem Text ging es – zugegebenermaßen – weniger um ein historisch differenziertes Panorama, sondern um eine systematisch ergiebige Gegenüberstellung zweier Grundoptionen: dem lutherischen Trennungsmodell in seiner einseitigen Fassung sowie dem BK-Einheitsmodell. Es ist bei genauerer Betrachtung zweifellos komplexer, aber in der Grundlinie und gerade mit Blick auf die kirchliche Rezeption der jeweiligen Theologie sollte es passen.

      Besten Gruß!
      Tobias Graßmann

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      1. Also mit dem Hinweis auf „wir wollen ja nicht differenzieren“ eine undifferenzierte Fortschreibung überholter Paradigma zu leisten ist jetzt keine besonders beachtenswerte Leistung. Und nervig, wenn damit eindeutig falsche Darstelllungen einfach immer und immer wieder hervorgekramt werden. Man muss doch nun wirklich nicht sich die Position Barths zu eigen machend das Falsche wiederholen.

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      2. Nun, jetzt scheint mir ihre Position reichlich undifferenziert.Dass das Paradigma, die Fortentwicklung der lutherischen Zwei-Reiche-Lehre habe im 19. und 20. Jh. zu einer grundsätzlich staatsnahen Haltung geführt und der Kritik an der Obrigkeit recht enge Grenzen gesetzt „überholt“ sei, halte ich nicht für Konsens. Wenn ich mir die Positionierung lutherischer Theologen zum Dritten Reich vergegenwärtige, verbleibt die Kritik in der Regel bei einzelnen Auswüchsen totalitärer Übergriffe, ohne grundsätzlich die Frage nach der Legitimität der Naziherrschaft zu stellen. Das hat schon mit den entsprechenden traditionellen Denkfiguren bezüglich der Unterscheidung von Kirche und Staat zu tun. Eine „eindeutig falsche Darstellung“? Der Gegenbeweis steht noch aus und wird wohl schwer zu erbringen sein.

        Sie können schließlich nicht ernsthaft behaupten, dass die Zwei-Reiche-Lehre damals auch nur eine relevante Minderheit der Theologen dazu motiviert hätte, den Widerstand gegen das NS-Regime zu unterstützen oder grundsätzliche Kritik am Staat zu üben. Bestenfalls hat sie (bei den Bischöfen der sog. „intakten Landeskirchen“) dazu verholfen, dass die Kirche innerhalb einer positiven Bezogenheit auf den NS-Staat und seine Kriegspolitik eine gewisse Selbständigkeit hinsichtlich ihrer inneren Angelegenheiten bewahrt hat. Auch das ist letztlich eine Art des Scheiterns an der Herausforderung einer Theologie des Politischen.

        Mein Einwand war daher nicht: „wir wollen nicht differenzieren“, sondern: der differenzierende Blick auf einzelne Ausnahmen trägt für die Bewertung im Großen und Ganzen nichts aus. So wenig, wie etwa ein Bonhoeffer sich als exemplarischer Widerstandskämpfer eignet, die kirchliche Verstrickung in die Naziherrschaft zu „widerlegen“. Man muss sich für diese Einschätzung wahrlich nicht erst „die Position Barths zu eigen machen“. Es reicht, die späteren Korrekturen der entsprechenden Protagonisten und ihren „Lernweg“ ernst zu nehmen.

        Besten Gruß,
        Tobias Graßmann

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      3. Sorry, das wird jetzt unübersichtlich, aber es gibt keine Möglichkeit, unter der Antwort vom 22.02. zu antworten.
        Der Satz lautete: „Die Kirche und die kirchliche Öffentlichkeit habe[n] sich politischer Äußerungen zu enthalten“, sei die lutherische Position, und zwar vom Kaiserreich an bis nach dem zweiten WK. Nun, all diese Theologen haben CA 16 aufgenommen. Dass sie deshalb ein wenig anders als Barth argumentieren, ist klar. Wenn man da herkommend aber schaut, so kann man diesen Satz nicht sagen, „Auch das ist letztlich eine Art des Scheiterns an der Herausforderung einer Theologie des Politischen. “
        Die traditionelle lutherische Theologie hat hier einfach einen anderen Ansatz, nämlich eine Starke Trennung vom Reich der Welt und Reich der Kirche, wobei die Idee ist, dass das Weltliche durch weltliche Experten am Besten bewältigt werden kann, wobei natürlich auch Christen weltliche Experten sein könnnen. Die Kirche aber enthält sich ihrer Äußerung, solange wie das ohne Sünde geschieht. Nicht umsonst hat übrigens der herangezogene Künneth sich ganz deutlich gegen den Arierparagraphen ausgesprochen (auch wenn gerade der eine ambivalente Figur ist, was ich nicht bestritten habe). So kritisiert auch Elert in seiner Morphologie einen Quietismus, den man aus der Unterscheidung der Reiche in der Moderne meine haben folgern zu müssen. Vom Kaiserreich ganz zu schweigen.
        Also: Meine Kritik an der undifferenzierten Veralgemeinerung bleibt. Man mag die theologische Haltung einer barthschen Theologie, die ständig ins Politische übergreift, gerade für die Zeit des Dritten Reiches sehr begrüßen. Schaut man aber auf die theologischen Grundsetzungen der „konservativen“ lutherischen Theologie, so erkennt man, dass auch hier die Lage nicht eindeutig vorgegeben war und es nicht umsonst harte Auseinandersetzungen gab. Mag sein, dass man damals nicht gut vorbereitet war auf das, was eigentlich zu tun nötig gewesen wäre. Aber der oben zitierte Satz stimmt nicht für die Zeit des dritten Reiches, und schon gar nicht für die Zeit davor.

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    2. Ist es Aufgabe der Zwei-Reiche-Lehre, zum Widerstand im Dritten Reich aufzurufen?

      Und welche Entwicklungen in Staat und Gesellschaft haben das erfolgreich verhindern können?
      Was hat dazu geführt, dass grob 95 % der ev. Pfarrer Anfang 33 „Heil Hitler“ riefen und erst Ende 33 ein nennenswerter Teil wach wurde und sich distanzierte?

      Soll das wirklich alles auf Erfolg und Versagen der Zwei-Reiche-Lehre zurück geführt werden?

      Und haben sich nicht umgekehrt diese 95 % seinerzeit sehr wohl in die Politik eingemischt, indem sie die neue politische Entwicklung in Predigten, Aufsätzen und Gebeten bejubelten?

      Ich bin doch immer wieder fasziniert, wie (zu) leicht man es sich in manchen theologischen Diskussionen mit Ursachen und Wirkungen macht.

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  5. Ich verstehe nicht, woher das Bedürfnis kommt, sich als kirchenleitende Person überhaupt zu tagespolitischen Fragen dieser Art zu äußern. Die GroKo und ihr Für und Wider sind doch nun wahrlich höchst vorletzte Angelegenheiten. Nach Barmen VI ist der Auftrag der Kirchen sehr klar (und nach Barmen V auch die Abgrenzung zu Art und Auftrag des Staates). Und daran sollte sich messen lassen, wenn sich Kirchenvertreter zu Nicht-Glaubensfragen äußern. Mich beschleicht zunehmend der Verdacht, dass dieses ganze Pochen auf „Option für die Armen“ und „öffentliche Theologie“ nur der mehr oder weniger subtile Versuch sein könnte, all das wieder zu verschleiern zugunsten eines diesmal linksgewendeten Neoklerikalismus, der die schwindende Akzeptanz zentraler christlicher Glaubensinhalte in unserer Gesellschaft durch moralischen Schulterschluss mit dem gerade tonangebenden medial-politischen Justemilieu kompensieren will.

    Kleiner wissenschaftshistorischer Exkurs: Ich habe Mitte der Achziger mit Herrn Bedford-Strohm in einem zweisemestrigen Seminar bei Wolfgang Huber über Karls Barths Ethik gesessen. Sowohl Bedford-Strohm als auch Huber suchten ständig den Kurzschluss zwischen christlich-ethischen Grundpositionen und moralisch aufladbaren tagespolitischen Forderungen. Die Barthschen Sicherungen gegen solche Kurzschlüsse wollten die beiden einfach nicht zur Kenntnis nehmen. Huber ging sogar so weit, im Bundestagswahlkampf als Christ und Theologe mit Barmen-Versatzstücken auf Plakaten für die SPD Wahlwerbung zu machen.

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  6. 1. Wenn jemand ernsthaft darum bittet, Alternativen abzuwägen, dann wird er bei dieser Abwägung keine der Alternativen ausnehmen. Das wäre nicht ernsthaft und der Sache nicht angemessen.
    Genau dies aber dem Bischof zu unterstellen, sich selbst neutral zu geben aber gleichzeitig eine bestimmte Richtung (nämlich das Gegenteil seiner Annahme) stark zu machen: Man merkt die Absicht und ist verstimmt.
    2. Wenn man der Meinung ist, dass ein Bischof sich in dieser Sache nicht äußern soll, warum soll isch dann ein Theologe eines bestimmten Instituts dazu äußern?
    Und wenn er sich äußert, warum stellt er das christliche, das Institut und seine entsprechende Funktion so heraus?
    3. Auch die Diskussion hier zeigt, dass die Akteure in der SPD lieber ihre Partei selbst zerlegen als endlich einmal das zu machen, was ansteht: Politik für Deutschland.
    Und solange sich daran nichts ändert, werden Parteien wie die AfD größer und größer und die SPD bis zur Bedeutungslosigkeit schrumpfen.

    Es ist ein Jammerspiel, bei dem man da gerade zusehen muss.

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    1. Sehr geehrter Herr Kehren,

      als Sozialdemokrat werde ich mit Ihnen über Ihre These, meine Partei mache keine Politik für Deutschland – so und nicht anders ist in meinen Augen Ihre Formulierung „als endlich einmal“ zu verstehen – wohl nicht übereinkommen. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Sozialdemokratie nun schon sehr lange Politik für Deutschland betrieben hat und sich dabei nicht nachsagen lassen wird können, dass sie aus purer Freude am Zank die Interessen der BRD aus den Augen verloren habe. Sie scheinen das anders zu sehen, dies sei Ihnen konzediert.

      Wundern muss ich mich über Ihren Ärger („Jammerspiel“) über eine Debatte, an der teilzunehmen Sie nicht genötigt sind: Bei nthk handelt es sich um einen theologischen Diskursraum. Dass innerhalb eines solchen Fragen der politischen Ethik diskutiert werden, empfinde ich als wenig „jämmerlich“, sondern vielmehr als angemessen. Die von Ihnen (Punkt 2) vorgenommene Gleichsetzung des Diskursraums, in welchem sich Landesbischof Bedford-Strohm geäußert hat, mit dem, in dem wir uns gerade aufhalten, empfinde ich als sachlich nicht zutreffend. Ich halte schon dafür, dass ein Unterschied des Mediums besteht – es ist auch ein Unterschied, ob ein Artikel in einer überregionalen Tageszeitung oder im Pfarrvereinsblatt erscheint.

      Sie vertreten einen von dem unseres Artikels verschiedenen Ansatz zur Angemessenheit tagespolitischer Stellungnahmen kirchenleitender Theologen in der breiteren Öffentlichkeit. Auch das sie Ihnen konzediert. Sinn unseres Artikels ist es, eine Debatte anzustoßen. Dass sie zu führen ist, belegen nicht zuletzt Ihre engagierten Kommentare – fühlen Sie sich darum herzlich dazu eingeladen, eine Gegendarstellung zu verfassen.

      Es grüßt Sie freundlich
      Ihr Tobias Jammerthal

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      1. Lieber Herr Jammerthal,

        ist es nicht auch eine Frage der Wahrnehmung?
        Die SPD ist bei den Meinungsumfragen in einem für eine Traditionspartei entsetzlichen Tief.
        Aktuell geht es um die Frage nach Zustimmung oder Ablehung des GroKo-Vertrages.
        In diesem Zusammenhang stimmen die Meinungsänderungen von Herrn Schulz und das „Pöstchengeschacher“ um den Parteivorsitz eine ungute Rolle.
        Die letzten beiden Punkte (und die Frage, ob sich die SPD lieber in der Opposition oder in der Regierung erneuern sollte) lassen (trotz der Anstrenungen in den Koalitionsverhandlungen) viele Wählerinnen und Wähler daran zweifeln, ob es um der SPD um Deutschland oder um sich selbst geht.
        Und dann nimmt die Presse willig diesen Beitrag nach Bedford-Strohm auf.
        Und wieder fragt man sich: Worum geht es der SPD?

        Was ist jetzt wichtig?
        Wo brauchen wir jetzt Klarheit?

        Und da trägt diese Debatte hier (selbst wenn es ein Forum ist, das offenbar öffentlich eher nicht wahrgenommen werden will??) zu einem sehr unguten Bild der SPD bei.

        Wenn also jemandem die SPD und das Land, für das die SPD sich einsetzt, wichtig sind:
        Sollte man nicht vielleicht doch überlegen, was gerade „dran“ ist und was nicht?

        Und wäre nicht eine differenzierte christlich-ethische Diskussion über das Für und Wider des Koalitionsvertrags viel wichtiger?

        Warum nehmen Sie nicht den Aufschlag von Bedford-Strohm an und geben hier Anhaltspunkte, wie man verantwortet „Rechenschaft darüber ablegen [kann], was die realistischen Alternativen zur Bildung dieser Koalition sind und bei welcher der Alternativen [einschließlich der Befürwortung dieser Koalition] die Wahrscheinlichkeit am größten ist, dass Schritte in die richtige Richtung getan werden“?

        _Das_ wäre jetzt angebracht und hilfreich.
        Nicht aber eben Unterstellungen, er würde eine dieser Alternativen ausschließen und die Diskussion, was die Kirche sagen darf oder nicht.

        (Als Pfarrer würde ich mir ohnehin von niemanden das Maukl verbieten lassen, wenn ich vor meinem Gewissen zum Ergebnis komme, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen – und dass es gerade des Kaisers ist, ein offenes Wort zu hören. Und als Ratsvorsitzender um so weniger.)

        Also: Worum geht es nun: Um die Rechtferigung eines umstrittenen Beitrags, oder um Argumente für oder gegen eine GroKo mit diesem Koalitionsvertrag?
        Was ist gerade wichtig, und wie wirkt es auf die Öffentlichkeit, wenn dem einen oder dem anderen der Vorzug gegeben wird?

        Herzliche Grüße
        Bernd Kehren

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  7. Ergänzung:
    Wenn ich da was unterstellt haben sollte, dann tut es mir leid.
    Vielleicht habe ich tatsächlich nur etwas gemacht, was ich gerade selbst vorgeworfen habe: In eine Äußerung etwas hineininterpretiert, wofür es keinen direkten Anhaltspunkt gibt, sondern nur einige unspezifische Vermutungen.
    Bei Euch ist es m.E. die Unterstellung, dass bei einer Abwägung zwischen den „Alternativen“ zu einem Vorschlag nicht auch der Vorschlag selbst eine der Alternativen sei, die bewerten werden muss.
    Bei mir ist es die Unterstellung, dass jemand, der dem Bischof eine bestimmte Position unterstellt und dies kritisiert, eine der Alternativen bevorzugt (dies aber nicht offen sagt).

    Vielleicht sollte man (sollten wir/sollte ich) doch weniger unterstellen und (wie es in der biblischen Exegese auch wieder modern wird) einfach das nehmen, was da steht.

    Wäre auch ein Vorsatz für die kommende Fastenzeit. 🙂

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  8. Liebe Verfasser, wir hatten in der Vergangenheit häufig mal Meinungsverschiedenheiten, aber hier kann ich nur 100%ig zustimmen und finde es eine erfreuliche ausgewogene Stellungnahme, die auch über diesen Einzelfall hinaus belastbar ist. Vielleicht trifft das ein Problem der sogenannten öffentlichen Theologie: dieses staatstragende im Gewand des Propheten, die Appelle an die große Verantwortung und natürlich: der ungeheure Deutngsmachtsanspruch, der hier mitschwingt.

    Vielleicht sind das Ambivalenzen, die auch vom Hofheiligen Bonhoeffer her stammen. Obwohl ich Bonhoeffer sehr schätze, ist er ja vieles auf einmal: konservativer, kulturell elitärer und antidemokratisher Lutheraner („as its worst“ -> Mandatenlehre!), Widerstandskämpfer (freilich ohne Widerstandsrecht zu behaupten) und gleichzeitig hellsichtiger Kritiker aller Versuche die „weltliche Notwendigkeit Gottes und seiner Repräsentanten“ festzuschreiben.

    So sehr ich viele Stellungnahmen von BS schätze, so sehr muss man langsam aufpassen, mal die eigenen Machtansprüche gegenüber einer (säkularen!) Gesellschaft zu überprüfen.

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  9. Liebe Autoren,
    das ist ja nicht das erste Mal, dass Euer Genosse B-S. sich in seinem Amt parteipolitsch geäußert hätte und “ in problematischer Weise private politische Stellungnahmen, geistliches Wort und kirchenamtliche Verlautbarung“ miteinander vermischt hat . Da war bisher keine Kritik von links zu vernehmen. Warum jetzt?
    Oder anders gefragt: Wenn B-S. empfohlen hätte, die Groko abzulehnen, wäre dann auch diese scharfe Kritik von Euch gekommen?

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    1. Lieber Herr Schwempel,

      es kommt ein bisschen auf das Thema an. Tatsächlich haben wir/uns auch an anderen Äußerungen gestoßen, aber wir hielten es bisher nicht für sachgemäß, daran eine Grundsatzdebatte über Theologie, Kirche und Politik anzuknüpfen.

      Themen wie der Umgang mit Flüchtlingen oder die kirchliche Haltung zur „Ehe für alle“ verlangen eine gründliche und leidenschaftliche Debatte, aber sind wenig dazu geeignet, parallel dazu auch noch auf sachliche Weise die Frage nach dem Bischofsamt zu diskutieren. Die besondere Chance bei dem GroKo-Thema war tatsächlich, das Problem der Einmischung sehr plakativ aufs Tableau zu heben und zu formalisieren. D.h. die Frage auszuklammern, ob und mit welchen Gründen man jetzt dafür oder dagegen ist. Wir meinen: Es gibt gute Gründe für die Position des Ratsvorsitzenden, aber man sollte diese Art der Intervention grundsätzlich kritisch hinterfragen. Das haben wir getan.

      Das führt direkt zu Ihrer Frage bezüglich der GroKo: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hätten wir auch eine Stellungnahme gegen die GroKo kritisiert. (Wir sind als Verfasser und Unterzeichner keinesfalls alle gegen die GroKo eingestellt, tendenziell wohl eher dafür.)

      Mit den besten Grüßen
      Tobias Graßmann

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  10. Seit den 80ern wissen wir (in der praktischen Theologie) vom Ende der Volkskirche. Dass uns die alte Dame Sozialdemokratie bei der Erosion als Volskpartei überholen würde, war überraschend. Dass der Epochenwandel alle gesellschftlichen Institutionen delegmitimiert, nicht. „The times they are a-changin“hatte Bob Dylan das bei der letzten Gesellschaftsrevolution beschrieben und gemahnt „wenn ihr uns keinen neuen Weg weisen könnt, blockiert ihn wenigstens nicht, alte Männer“.
    Bischof Bedford-Strohm hatte dazu nichts prophetisches zu sagen. Dabei hätte er schon von Karl Barth (dem wackeren Sozialdemokraten) lernen können, oder wenigstens Ulrich Körtner lesen. Niklas Luhmann hätte den Post als „Kontrollillusion“qualifiziert. Ihm war klar, dass das Sub-System Religion im gesamtgesellschaftlichen dysfunktional ist. Der Bischof versucht beide untergehenden Institutionen zu retten. Mit re-katholisierenden undemokratischen Mitteln. Barths christologisches „Es wird regiert von oben her“ zu meditieren, würde prophetisches getrostes Reden und Posten ermöglichen.

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  11. „Seit den 80ern wissen wir (in der praktischen Theologie) vom Ende der Volkskirche. Dass uns die alte Dame Sozialdemokratie bei der Erosion als Volskpartei überholen würde, war überraschend.“
    Nicht nur Volksparteien und Volkskirchen, sondern auch die Volksmedien gehen ihrem Ende entgegen, weil sich diese gesellschaftlichen Institutionen vom Volk tiefgreifend entfremdet haben. Solch eine horizontale Spaltung der Gesellschaft zwischen den Politikern und ihren Wählern, den kirchlichen Entscheidungsträgern und den Gemeindegliedern, den Journalisten und den Lesern habe ich noch nie erlebt, nicht einmal als es um den Nato-Doppelbeschluss ging.
    Der Entfremdungsprozess kam dadurchzustande, dass die Eliten nicht mehr dem Volk zugehört haben „Gib mir doch ein bisschen Sicherheit, in einer Welt in der nichts sicher scheint …“ Das ist das Grundbedürfnis von Menschen, die in einer aus den Fugen geratenen Welt leben. Sicherheit.
    Die SPD stand immer für soziale Sicherheit und Gerechtigkeit als ihre Kernkompetenz, die CDU für innere Sicherheit, die Medien dafür, dass die verbreiteten Informationen wahr sind, die Kirchen für Religionssicherheit.
    Dieser Markenkern „Sicherheit“ ist von den Eliten in Politik, Medien und Kirchen auf dem Altar von Multikulti geopfert worden. Die Flüchtlingspolitik war nicht der Auslöser vom Niedergang der Volksinstitutionen – es ging schon viel früher los – wohl aber der Katalysator der Erosion.

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    1. Dieses De-railing mit Bullshit-Bingo kenn ich doch? Wiedermal ein Robocop aus der AfD-Trollfabrik? Die hatte offenbar grad ne Wochenendfortbildung.
      Für das komplexe Thema Medien ist der gute Rat „Schlag nach bei Luhmann“, hilft gegen fehlende Medienkompetenz wie den terminologischen Faux-Pas „Volksmedien“.
      Und für die theologische Einordnung empfehle ich: Bibel lesen.
      Nur für Nationalisten steht Kirche für „Religionssicherheit“. Für alle anderen ist sie die von Christus versammelte Gemeinschaft begnadigter Sünder. Und dieser Christus hat auch für Sie eine gute Nachricht: „Fürchtet Euch nicht!“

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  12. a) Wer ist „das“ Volk? Sind die Deutschen tatsächlich so monolitisch?
    b) Wenn die Welt „aus den Fugen gerät“, ist dann eine Partei wie die SPD überhaupt in der Lage, Sicherheit herzustellen?
    Muss man dann nicht vielmehr ehrlich sagen: „Diese Sicherheit gibt es so nicht, wird es auch niemals geben, ohne unsere Freiheitsrechte gravierend einzuschränken – und wir müssen gemeinsam schauen, wie wir damit umgehen!“?

    Je mehr die Welt aus den Fugen gerät, desto deutlicher wird der Widerspruch zwischen einem Versprechen, Sicherheit garantieren zu können, und der Realität. Das können die „Eliten“ nur eingeschränkt verhindern. Aber es gab starke Interessen, die Regularien, die die Welt zusammenhielten, zu liberalisieren. Das hat die Erosion beschleunigt. Aber waren es wirklich „die Eliten“, die das zugelassen haben? Mir fallen einige „Eliten“ ein, die davor gewarnt haben. Andere haben es sich nur zähneknirschend um anderer Kompromisse willen abringen lassen.“

    Wahrscheinlich ist es doch komplexer, als dass man es auf „das“ Volk und „die“ Eliten vereinfachen könnte.

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