Rezension: Wilfried Härle, Von Christus beauftragt

Härle, Wilfried, Von Christus beauftragt. Ein biblisches Plädoyer für Ordination und Priesterweihe von Frauen, Leipzig 2017.

Rezensiert für www.nthk.de von Lars Peinemann am 15. November 2017, veröffentlicht am 26. Januar 2018.

Der zuletzt in Heidelberg tätige Professor für Systematische Theologie liefert mit seinem Buch „Von Christus beauftragt“ einen Beitrag zur Debatte über Frauenordination und Priesterweihe für Frauen, der durch seine feinfühlige und genaue Bearbeitung der biblischen Grundlagen ermutigt, sich auf gleiche, nüchterne und abwägende Art und Weise dem emotional geladenen Thema zu nähern.

Leider lässt seine Argumentation für die Ordination und Weihe von Frauen eine letzte Konsequenz etwas vermissen, verfällt der erste, sich mit den Bibeltexten befassende Teil des Buches gegen den Anspruch des Autors doch häufig in einen apologetischen Ton, der sich mehr der Widerlegung der Argumente gegen die Frauenordination widmet, beziehungsweise der allgemeinen Gleichwertigkeit von Mann und Frau, anstatt ein biblisches Zeugnis für eine positive Argumentationskette aufzuzeigen. Nun zeichnet sich auch dieser Teil durch die genaue Beobachtungsgabe des Autors aus. Im Durchgang durch beide Schöpfungserzählungen wird konstatiert, dass aus diesen eine gegenseitige Zuordnung von Mann und Frau abzuleiten sei und nicht die Unterordnung der Frau. Diese sei erst Folge des von Gott verhängten Sündenfluchs, damit Folge der Schuld beider und genau wie die anderen Folgen nicht darauf angelegt, befolgt zu werden. Zwar sind diese Einsichten, trotz des exegetisch aus Gen 3 kaum zu begründenden Begriffs der Sünde, richtig und entbehren nicht der Plausibilität, dass aber aus der Gleichwertigkeit der Andersartigkeit eine Gleichberechtigung zu folgen hat, ist damit noch nicht gesagt. Es handelt sich also nur um die Widerlegung einer gegen eine Gleichberechtigung möglicherweise heranzuziehende Bibelstelle.

Spätestens die Argumentation mit den neutestamentlichen Stellen erscheint in diesem Kontext wenig hilfreich. Schon aus 1 Kor 11 wiederum das Motiv des einander zugeordnet Seins zu schlussfolgern, sodass das Werden der Frau aus dem Mann bei der Schöpfung dem Werden des Mannes aus der Frau bei der Geburt korreliert, wirkt etwas gezwungen einseitig. Wenn in Eph 5 die Unterordnung der Frau und die Liebe des Mannes pauschal als wechselseitige Unterordnung interpretiert werden, ist dies ähnlich verkürzend.

Der erste Ansatz für eine positive Begründung der Weihe und Ordination für Frauen findet sich erst auf Seite 73, wenn nämlich aus Gal 3,28 geschlossen wird, dass alle Christenmenschen durch Taufe und Glauben gleichermaßen in Christus seien. Hier nämlich geht es nicht mehr wie bislang um eine Bestimmung des Verhältnisses zwischen Mann und Frau, sondern um jenes zwischen Mensch und Jesus Christus. Gerade hier aber liegt doch der Angelpunkt einer theologischen Argumentation für eine Gleichberechtigung hinsichtlich Christus. Es ist etwas schade, dass sich dieses starke Argument erst am Ende des ersten Kapitels findet und wiederum nicht in positiver Würdigung, sondern in Abgrenzung gegen anders lautende Interpretationen.

Auch das zweite Kapitel changiert zwischen genauer Beobachtung und leichten Ungenauigkeiten. Dass es Paulus in 1 Kor 14 nicht um ein grundsätzliches Lehrverbot, sondern um die Ordnung in der Gemeinde gehe, wird in aller wünschenswerten Klarheit herausgearbeitet, wenn ein häufigeres Dazwischenfragen von Frauen während der Predigt mit dem Bildungsgefälle erklärt wird. Hierfür aber des Weiteren „eine gewisse weibliche Neigung zur direkten Kommunikation“ (83) anzuführen, ist, wenn nicht vermessen, so doch fehl am Platze.

Ein explizites Lehrverbot für Frauen findet sich nur in 1 Tim 2,12. Diese Stelle deutet Härle auf gnostische Irrlehren hin, die verboten werden sollen. Das ist nur mit Einschränkungen schlüssig: Zwar deutet der Kontext des Briefes in der Tat auf die Gefahr von Irrlehren, dieses Thema aber als Auslöser und Hintergrund für alle Aussagen zu werten, ist gefährlich. Auch Härle rät hier zur Vorsicht, bleibt aber auf zweierlei Weise unscharf: Eine Unterscheidung zwischen allgemeingültigen und für den Einzelfall geltenden Anweisungen ist exegetisch kaum zu begründen, bleibt doch in beiden Fällen der Kontext in gleicher Weise zu beachten. Des weiteren setzt Härle die Autorität dieses Verbots dadurch herab, dass der Verfasser es Briefes sich auf sich und nicht auf eine Weisung Jesu berufe. Wird aber diese Unterscheidung getroffen, so ist es fraglich, warum gemäß Härle 1 Kor 14 gleiche Geltung zukommen sollte, gleich, ob es sich hierbei um einen späteren Einschub handele oder nicht.

Ein starkes positives Argument liefert Härle wiederum durch seine Berufung auf die österliche Verkündigung der Frauen an die Jünger und den Hinweis, dass die zwölf und die zweiundsiebzig Jünger zwar männlich, aber auf gleiche Weise wie die Frauen und zum gleichen Auftrag, der Verkündigung, berufen seien. Dass Gott in gleicher Weise seinen Geist auf Männer und Frauen ausgießt und dadurch zur Verkündigung befähigt, wird deutlich. Dass dies aber dann direkt auf die kirchlichen Amtsträger bezogen wird (112), muss ein Versehen sein.

Der zweite Teil des Buches ist leider deutlich weniger exegetisch geprägt. Nach Hinweisen zum Unterschied zwischen alttestamentlichem Priesterbegriff und der christlichen Gemeinde wird das allgemeine Priestertum in erster Linie aus den Schriften Martin Luthers hergeleitet. Dies ist nicht grundsätzlich abzulehnen, kommt aber dem Anspruch des Buches, ein biblisches Plädoyer zu sein, nur noch bedingt nach. Dass das ordinierte Amt schließlich das allgemeine Priestertum schützen solle, steht wohl außer Frage, was das aber hinsichtlich der Aufgabenverteilung im Gottesdienst konkret bedeutet, bleibt offen.

Letztlich sind für Härle nur praktische (biologische und kulturelle) Erwägungen gültig, den Frauen das ordinierte und geweihte Amt zu verweigern. Diese gelte es dann auf ihre Stichhaltigkeit zu überprüfen und, wenn möglich, zu beseitigen (beispielsweise durch Bildungsprogramme für Frauen). Für diesen Ansatz wird geltend gemacht, dass die Befähigung zum Amt nur durch den Geist und nicht durch eine wie auch immer geartete Weihe kommen könne. Einzige Voraussetzung zum Pfarramt wäre demnach die Taufe. Lässt sich dies, besonders gemäß Gal 3,28, zwar noch nachvollziehen, ist es dann aber unverständlich, warum Härle eine Nicht-Eignung aus humanwissenschaftlichen Gründen zwar begründungspflichtig machen will, dies aber nicht an den Einzelfall bindet, sondern auch als generalisierende Entscheidung gelten lässt. Hier fällt eine völlig stringente Argumentation Härles Versuch, beiden Seiten der Diskussion nicht auf die Füße zu treten, zum Opfer.

Bei der sehr hilfreichen und übersichtlichen, stichwortartigen Zusammenfassung im fünften Kapitel schließlich merkt man das Ringen um eine vermittelnde Position, die bemüht ist, keine Bibelstelle voreilig in die eine oder andere Richtung zu lesen. Dieses Anliegen ist dem ganzen Buch anzumerken und wird mit Ausnahme der in dieser Rezension genannten Einschränkungen erfüllt.

Lars Peinemann studiert seit 2012 Evangelische Theologie auf Pfarramt in derzeit Tübingen und Greifswald. Er arbeitet als studentische Hilfskraft am Lehrstuhl für Religionspädagogik und am Lehrstuhl für Systematische Theologie.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s